Camillo Berneri - Offener Brief an die Genossin Frederica Montseny

Liebe Genossin!

Ich hatte die Absicht, mich an Euch alle, Genossen Minister, zu wenden, als ich aber die Feder in die Hand nahm, schrieb ich spontan nur an Dich und ich wollte diesem instinktiven Drang dann nicht entgegenwirken.

Daß ich mit Dir nicht immer einverstanden bin - das wundert und ärgert Dich nicht und Du konntest Kritiken herzlich vergessen, die man fast immer leicht - weil ja menschlich - als ungerecht und übertrieben hätte betrachten können. Das ist für mich keine geringe Qualität und sie zeugt von der anarchistischen Natur Deines Geistes. Dies ist eine Sicherheit, die die ideologischen Eigentümlichkeiten wirkungsvoll ausgleicht - für mich als Freund gut verständlich -, die Du in Deinen Artikeln mit ihrem sehr persönlichen Stil und Deinen Reden mit ihrer bewundernswerten Redekunst oft zu erkennen gegeben hast.

Ich konnte die von Dir behauptetet Identität des bakunistischen Anarchismus und des föderalistischen Republikanismus Pi y Margalls nicht ruhig hinnehmen. Ich verarge Dir weiter geschrieben zu haben, daß „nicht Lenin, sondern wohl Stalin, ein tatkräftiger Mensch, der wahre Aufbauer Rußlands war“ und ich habe Volins Antwort in „Terre Libre" auf Deine völlig falschen Behauptungen über die russische anarchistische Bewegung beigestimmt. (...)

In Deiner Rede vom 3. Januar sagtest Du: „Die Anarchisten sind in die Regierung eingetreten, um zu vermeiden, daß die Revolution von ihrem Wege abkommt, um sie noch über den Krieg hinaus fortzusetzen und um jedem Versuch einer Diktatur entgegenzuarbeiten, von welcher Seite sie auch kommen mag.“ Nun, Genossin, wir finden uns im April - also nach drei Monaten des Experiments einer Mitarbeit in der Regierung - einer Situation gegenübergestellt, die ernste Ereignisse beinhaltet, während noch ernstere sich schon abzeichnen.

Dort, wo (wie z.B. im Baskenland, in der Levante und in Kastilien) unsere Bewegung nicht durch die Kräfte an der Basis aufgezwungen wird - d.h. also durch einen breiten gewerkschaftlichen Rahmen und die entscheidende Zustimmung der Massen -,drängt die Konterrevolution und droht damit, alles zugrundezurichten. Die Regierung sitzt in Valencia und eben aus Valencia kommen die Sturmgardisten, die die zur Verteidigung gebildeten revolutionären Kerne entwaffnen sollen. Man wird an Casa-Viejas erinnert, wenn man an Vilanesa denkt. Es sind die Zivil- und Sturmgardisten die die Waffen aufbewahren; sie sind es auch, die die „Unkontrollierbaren“ (Bezeichnung für die AnarchistInnen, die sich nicht der Regierung unterordnen wollten, Anm.) in der Etappe kontrollieren, die, mit Gewehren und Pistolen versehen, revolutionäre Kerne entwaffnen sollen. Und das geschieht zu einer Zeit, zu der die innere Front nicht liquidiert ist. Das findet im Laufe eines Bürgerkrieges statt, in dem alle Überraschungen möglich sind, und in Regionen, in denen die ganz nahe und äußerst gezackte Frontlinie nicht mathematisch zu bestimmen ist. Das schließlich, während eine politische Verteilung der Waffen ganz klar zutage liegt, die darauf abzielt, die aragonesische Front – diese bewaffnete Schutzwache der Landkollektivierung in Aragonien und den Ausläufern Kataloniens, diese spanische Ukraine - nur mit dem Unentbehrlichsten (wir wollen hoffen, daß sich dieses „Unentbehrlichste“ als genügend erweist) zu bewaffnen.

Du bist in einer Regierung, die Frankreich und England Begünstigungen in Marokko angeboten hat, während es schon im Juli 1936 nötig gewesen wäre die politische Autonomie Marokkos feierlich bekanntzugeben. Ich kann mir das vorstellen, wie Du als Anarchistin über diese so banale wie dumme Angelegenheit denken magst; ich glaube aber, daß die Zeit gekommen ist bekanntzugeben, daß weder Du noch die anderen anarchistischen Minister mit der Art und dem Inhalt solcher Angebote einverstanden sind.

Am 24. Oktober 1936 schrieb ich in „Guerra di Classe“: „Marokko ist die Operationsbasis der faschistischen Armee. Es muß also die Propaganda zugunsten der marokkanischen Autonomie auf dem ganzen Gebiet des panislamischen Einflusses verstärkt werden. Madrid müssen eindeutige Erklärungen abgezwungen werden, die den Verzicht auf Marokko und den Schutz für ein selbständiges Marokko ankündigen. Voller Angst faßt Frankreich die Möglichkeit rückwirkender Aufstandsbewegungen in Nordafrika und Syrien ins Auge, während England sehen muß, wie die ägyptischen Autonomisten sowie die Araber in Palästina die Unruhe verschärft entfachen. Solche Sorgen müssen wir durch eine Politik ausnützen, die mit einer Entfesselung der Revolte in der islamischen Welt droht. Für eine solche Politik braucht man aber Geld und man muß dringend Sendboten zur Agitation nach allen Zentren der arabischen Auswanderung und allen Grenzgebieten des französischen Marokko schicken. An den Fronten Aragoniens, Mittelspaniens, Asturiens und Andalusiens genügen einige Marokkaner als Propagandisten (durch Funk, Flugblätter usw. )“

Selbstverständlich kann man nicht gleichzeitig die englischen und französischen Interessen in Marokko bewahren und ein Werk des Aufruhrs betreiben. Valencia betreibt Madrids Politik weiter. Diese muß aber verändert werden. Um sie zu verändern, muß man seine Meinung klar und laut aussprechen, da in Valencia Einflusse am Werk sind, die sich mit Franco abfinden wollen.

In „Le Populaire“ vom 3. März schrieb Jean Zyromski: „Offensichtliche Machenschaften zielen darauf ab, einen Frieden zu schließen, der in Wirklichkeit nicht nur die Einstellung der spanischen Revolution, sondern auch die Niederschlagung der durchgeführten Errungenschaften bedeuten wurde. Weder Caballero noch Franco - so hieße die Formel, die eine Auffassung kurz zusammenfassen könnte, die wirklich vorhanden ist, und ich bin sogar Regierungskreisen in England und auch in Frankreich befürwortet wird.“

Durch diese Einflüsse und diese Machenschaften lassen sich verschiedene dunkle Punkte erklären - wie z.B die Untätigkeit der der Republik treu gebliebenen Flotte. Aus ihr folgen der Aufmarsch der Kräfte aus Marokko, die Seeräuberei der „Cananas und der Baleares“ und Malagas Einnahme. Und dabei ist der Krieg noch nicht aus! Ist Prieto unfähig und nachlässig, warum soll er weiter geduldet werden? Ist Prieto durch eine Politik gebunden, die ihn die Flotte lahmlegen läßt, warum soll diese Politik nicht denunziert werden?

Ihr anarchistische Minister, Ihr haltet beredte Reden und schreibt glänzende Artikel, mit Reden und Zeitungsartikeln gewinnt man aber nicht den Krieg, noch verteidigt man so die Revolution. Jener wird gewonnen und diese verteidigt, indem es möglich gemacht wird, von der Defensive zur Offensive überzugehen. Das Problem kann nicht dadurch gelöst werden, daß man Parolen - allgemeine Mobilmachung, Waffen für die Front, einheitliches Kommando, Volksarmee usw. - ausgibt. Das Problem wird gelöst, indem man das sofort durchführt, was durchgeführt werden kann.

„Depeche de Toulouse“ vom 17. Januar schreibt: „Die größte Sorge des Innenministeriums besteht darin, die Autorität des Staates über die Gruppen und Unkontrollierbaren jeder Herkunft wiederherzustellen.“

Wenn man monatelang versucht, die „Unkontrollierbaren“ zu vernichten, kann man das Problem der Liquidierung der „Fünften Kolonne“ (HelferInnen der FaschistInnen im republikanischen Gebiet, Anm.) selbstverständlich nicht lösen. Die erste Bedingung für die Beseitigung der inneren Front ist eine Ermittlungs- und Repressionstätigkeit, die nur von erprobten Revolutionären durchgeführt werden kann. Eine Innenpolitik der Kollaboration zwischen den Klassen und der Schmeichelei gegenüber den Mittelklassen fuhrt unvermeidlich zur Toleranz den politisch zweideutigen Elementen gegenüber. Die Fünfte Kolonne besteht nicht nur aus Elementen, die zu faschistischen Verbänden gehören, sondern auch aus allen Unzufriedenen, die eine gemäßigte Republik wünschen. Eben diese Elemente nützen aber die Toleranz derer aus, die Jagd auf die „Unkontrollierbaren“ machen.

Die Liquidation der inneren Front war durch eine weitere und radikale Aktivität der von den CNT- und UGT-Gewerkschaften gebildeten Verteidigungskomitees bedingt. Nun erleben wir, wie zweideutige Elemente ohne Garantie einer politischen bzw. gewerkschaftlichen Organisierung die führenden Kader der Volksarmee durchdringen. Die Komitees und die politischen Delegierten der Milizen übten eine heilvolle Kontrolle aus, die heute durch das Vorherrschen der streng militärischen Aufrückungs- und Beförderungssysteme geschwächt wird. Die Autorität dieser Komitees bzw. Delegierten muß also verstärkt werden.

Wir erleben eine weitere neue Tatsache, die katastrophale Folgen nach sich ziehen kann - ganze Bataillone werden von Offizieren befehligt, die von den Milizsoldaten weder geschätzt noch geliebt werden. Was ja schlimm ist, da der Wert der meisten spanischen Milizsoldaten dem Vertrauen, das ihr eigenes Kommando genießt, direkt proportional ist. Es ist also notwendig, die direkte Wählbarkeit und das Absetzungsrecht für die von unten wiederherzustellen.

Es war ein großer Irrtum, die autoritären Formeln zu akzeptieren, nicht einmal, weil es solche von einem formellen Standpunkt aus waren, sondern weil sie riesige Irrtümer und politische Ziele enthielten, die mit den Erfordernissen des Krieges nichts mehr zu tun hatten.

Bei gelegentlichen Unterhaltungen mit italienischen, französischen und belgischen hohen Offizieren konnte ich feststellen, dass sie über die wirklichen Notwendigkeiten der Disziplin nachweislich eine viel modernere und rationellere Auffassung haben als gewisse Neo-Generäle, die Anspruch darauf erheben, Realisten zu sein.

Ich glaube, daß die Stunde gekommen ist, die konföderierte Armee zu bilden, wie die Sozialistische Partei ihre eigenen Truppen gebildet hat - das fünfte Regiment der Volksmilizen. Ich glaube weiter, daß die Stunde gekommen ist, das Problem des einheitlichen Kommandos zu lösen, indem man die Einheit des Kommandos tatsächlich verwirklicht, die es erlaubt, die Offensive auf der aragonesischen Front zu eröffnen. Ich glaube, daß die Stunde gekommen ist, Schluß mit den Tausenden von Zivil- und Sturmgardisten zu machen, die nicht zur Front gehen, weil sie gebraucht werden, um die „Unkontrollierbaren“ zu kontrollieren. Ich glaube, daß die Stunde gekommen ist, eine ernstgemeinte Kriegsindustrie zu schaffen. Und ich glaube schließlich, daß die Stunde gekommen ist, mit gewissen offenkundigen Absonderlichkeiten - wie z.B. derjenigen der Einhaltung der Sonntagsruhe und gewisser „Rechte“ für Arbeiter, die die Verteidigung der Revolution sabotieren - Schluß zu machen.

Vor allem muß ein hoher Kampfgeist erhalten werden. Louis Bertoni machte sich zum Interpreten der Gefühle verschiedener italienischer Genossen an der Front bei Huesca, indem er vor kurzem schrieb: „Der spanische Krieg, jeden neuen Glaubens, jeden Gedankens einer sozialen Veränderung und jeden allgemeinen Sinnes beraubt, ist nur noch ein normaler Krieg für nationale Unabhängigkeit, der geführt werden muß, um die Ausrottung zu vermeiden, die durch die Weltplutokratie beabsichtigt wird. Er stellt außerdem eine furchtbare Lebensfrage dar, er ist aber nicht mehr ein Krieg für die Behauptung eines neuen Regimes und einer neuen Menschheit. Man wird zwar sagen, daß alles noch nicht verloren ist - in Wirklichkeit aber ist alles bedroht und eingeschlossen. Die Unseren sprechen der Sprache der Entsagung, dieselbe wie die italienischen Sozialisten, als der Faschismus heranrückte: Keine Provokationen! Ruhe und Heiterkeit! Ordnung und Disziplin – was praktisch das Gewährenlassen bedeutet. Und wie der italienische Faschismus schließlich gesiegt hat, so kann in Spanien der Antisozialismus mit republikanischem Gewand nur triumphieren, es sei denn, daß Ereignisse stattfinden, die unserer Voraussicht entgehen.“ (...)

Die Stunde ist auch gekommen, vom Standpunkt der Einheitlichkeit aus zu klären, welche Bedeutung unsere Teilnahme an der Regierung haben kann. Wir müssen mit den Massen sprechen und sie dazu auffordern zu beurteilen, ob Marcel Cachin Recht hat, wenn er in der „Humanite“ vom 23. März schreibt:  Die anarchistischen Verantwortlichen bemühen sich vielfach um Einheit und ihre Aufrufe finden immer mehr Gehör.“ ... oder ob die „Prawda“ und die „Izwestia“ Recht haben, wenn sie die spanischen Anarchisten verleumden, indem sie sie Saboteure der Einheit schimpfen. Man muß die Massen dazu auffordern, über die moralische und politische Mitschuld der spanischen anarchistischen Presse zu richten, wenn sie über die Verbrechen der stalinschen Diktatur, die Verfolgung der russischen Anarchisten und die greulichen Prozesse gegen die leninistische und trotzkistische Opposition schweigt, ein Schweigen, das in den Verleumdungen der „Izwestia“ gegen „Solidaridad Obrera“ (Zeitung der CNT, Anm.) seinen verdienten Lohn erhält.

Man muß die Massen dazu auffordern, zu beurteilen, ob gewisse Sabotagevorfälle in der Lebensmittelversorgung nicht dem Plan angehören, der am 17. Dezember 1936 von der „Prawda“ angekündigt wurde: „Was Katalonien betrifft, so hat die Säuberungsaktion gegen trotzkistische und anarcho-syndikalistische Elemente begonnen; sie wird mit derselben Energie wie in der UdSSR durchgeführt werden.“

Die Stunde ist gekommen, sich darüber klar zu werden, ob die Anarchisten in der Regierung sitzen, um die Hüter eines ausglühenden Feuers zu sein, oder ob sie dort nur als Jakobinermützen von Politikern benutzt werden, die mit dem Feind bzw. den Kräften kokettieren, die „die Republik aller Klassen“ wiederherstellen wollen. Das Problem wird gestellt durch die Tatsache einer Krise, die weit über die Menschen hinausgeht, die sie persönlich darstellen und vertreten.

Die Alternative Krieg oder Revolution hat keinen Sinn mehr. Die einzige Alternative ist folgende: entweder Sieg über Franco dank dem revolutionären Krieg oder Niederlage.

Für Dich und die anderen Genossen heißt das Problem, zwischen dem Versailles von Thiers und dem Paris der Kommune zu wählen, noch bevor Thiers und Bismarck eine heilige Allianz bilden. Du sollst jetzt antworten, da Du „das Licht unter dem Scheffel bist“.

Camillo Berneri

Aus: "Die Aktion" Nr. 161/164 - Dossier zu Spanien 1936

Gescannt von anarchismus.at

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