Camillo Berneri (1897 - 1937)

Camillo Berneri wurde 1897 in Lodi geboren und verbrachte seine Jugendzeit in Reggio Emilia. Bereits mit fünfzehn Jahren trat er dem Sozialistischen Jugendbund bei und wurde bald Ortssekretär. Nach langen und intensiven Gesprächen mit dem anarchistischen Arbeiter Torquato Gobbi* nahm er 1915 seinen Abschied bei Camillo Prampolinis* Sozialisten, denen er in einem offenen Brief Bürokratismus, Politikantentum, leeres Gerede und mangelnde Hingabebereitschaft vorwarf, und schloss sich infolgedessen der anarchistischen Bewegung an.

Während des dreijährigen Militärdienstes entwickelte er rege antimilitaristische Aktivitäten. Als "Subversiver" aus der Militärschule von Modena ausgestoßen, schickte man ihn unter Bewachung an die Front. Zweimal wurde er vor das Kriegsgericht gestellt. Während des Generalstreiks im Juli 1919 erfolgte seine Verbannung auf die Insel Pianosa (im toskanischen Archipel vor Elba gelegen). Das Jahr darauf beteiligte er sich an den Fabrikbesetzungen in Norditalien. Als Mitglied einer von der Unione Anarchica Fiorentina gebildeten Sonderkommission mühte er sich, der faschistischen Bandengewalt eine aktive Antwort entgegenzusetzen.

Als Lieblingsschüler des Liberalen Gaetano Salvemini* promovierte Berneri an der Universität von Florenz und lehrte in einigen italienischen Städten Philosophie. Er war Mitarbeiter der anarchistischen Presse und anderer Zeitschriften, darunter Piero Gobettis Rivoluzione liberale. Die Verfestigung des faschistischen Regimes sowie die ihm von den Schwarzhemden zu seinem "Schutz" auferlegte Beaufsichtigung zwangen Berneri im April 1926 ins Exil. Er war 26 Jahre alt und sollte nie wieder zurückkehren.

Für die anarchistischen Militanten, die in allen Staaten ungern gesehen wurden, bedeutete das Exil keine Ruhepause. Sowohl aus Frankreich wie auch aus Belgien wurde Berneri ausgewiesen. Trotz Nachstellungen von Spitzeln und faschistischen Provokateuren und anderen Belästigungen ging Berneri seiner kämpferischen, propagandistischen Tätigkeit nach. Seine Artikel wurden in diversen anarchistischen Blättern veröffentlicht, so in L'adunata die refrattari, das regelmäßig in den Vereinigten Staaten erschien.

Bei Ausbruch der spanischen Revolution im Juli 1936 waren die italienischen Anarchisten unter den ersten, die nach Barcelona eilten. Unter ihnen war auch Berneri. Er wurde zum politischen Delegierten einer im August aus den Kriegsfreiwilligen verschiedener politischer Richtungen (Anarchisten, Republikaner und Liberale) gebildeten italienischen Abteilung der Kolonne Francesco Ascaso bestimmt, die sich sogleich an die aragonesische Front begab. Dort nahm er an der für alle Seiten sehr verlustreichen und heftigen Schlacht um den Pelatoberg (span. eigentlich Isuela - strategisch wichtige, die Route Zaragossa-Huesca-Jaca beherrschende Erhebung, von den italienischen Freiwilligen Monte Pelato getauft) teil. Nach Barcelona zurückgekehrt wurde er zum Bezugspunkt nicht allein der italienischsprachigen Anarchisten, sondern auch der kämpferischsten Sektoren des Anarchismus, die zuallererst den sozialrevolutionären Charakter des Krieges in den Vordergrund gestellt wissen wollten.

Er rief die Zeitschrift Guerra di classe ins Leben, auf deren Seiten er die Manöver und die Rolle der stalinhörigen Kommunisten und der Komintern (Kommunistische Internationale) anprangerte. Er polemisierte auch gegen die "ministerielle" Strömung des spanischen Anarchismus (die anarchosyndikalistische CNT beteiligte sich schließlich an der Regierung) und verteidigte die POUM, eine kleine aber kampfstarke, von Stalin abtrünnige Partei marxistischer Prägung, die sich einer von Moskau gesteuerten Verleumdungskampagne ausgesetzt sah.

Bei der ersten günstigen Gelegenheit ließen es ihn die Kommunisten büßen. Im Verlauf der "Maitage" (1937), als die Spannung auf den Straßen Barcelonas ihren Höhepunkt erreicht hatte und es zu schweren bewaffneten Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Anarchisten kam, wurde Berneri zusammen mit einem weiteren italienischen Anarchisten, Francesco Barbieri, von zivilen und uniformierten Agenten im Sold der berüchtigten GPU (der stalinistischen politischen Polizei) zuhause abgeholt. Sein von Schüssen durchlöcherter Leichnam fand sich später auf dem Platz der Generalität. Das war in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai 1937.

  • Torquato Gobbi; Buchbinder, Mitglied des 1916 in Ravenna gebildeten Internationalen anarchistischen Aktionskomitees, das ein Weiterbestehen der anarchistischen Bewegung während der Dauer des Ersten Weltkriegs garantieren sollte. Emigrierte nach dem Aufstieg des Faschismus nach Südamerika, wo er 1963 in Montevideo im Alter von siebzig Jahren Selbstmord beging.
  • Camillo Prampolini; Reformsozialist, Abgeordneter aus Reggio. Wie Filippo Turati und Giacomo Matteotti eine der maßgeblichen Figuren des Sozialismus in Italien. War unter den Organisatoren der ersten Landarbeitervereinigungen und Kooperativen in der Emilia. Starb 1930 im Exil.
  • Gaetano Salvemini; süditalienischer Radikaler, Wissenschaftler und Publizist, ein scharfer Kritiker der Ära Giolitti, der einseitigen wirtschaftlichen Entwicklung Italiens zu Lasten des Südens, des Lybienfeldzuges etc. Interventionist zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Wirkte später in der antifaschistischen Emigration. Verfasser historischer Schriften über das präfaschistische Italien.


Erschienen in DIE AKTION 170/174, Juli 1997.

Originaltext: http://userpage.fu-berlin.de/~twokmi/texte/camillo_berneri_.htm (überarbeitet)

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