Emma Goldman - Syndikalismus: Theorie und Praxis

In Anbetracht der Tatsache, daß die im Syndikalismus enthaltenen Ideen von den Arbeitern seit dem letzten halben Jahrhundert umgesetzt werden, wenn auch nicht immer aus sozialem Bewußtsein heraus; daß in diesem Land fünf Männer mit ihrem Leben dafür bezahlen mußten, -weil sie die Methoden des Syndikalismus als die wirksamsten im Kampf der Arbeiterklasse gegen das Kapital erklärten; und weiterhin, daß der Syndikalismus von den Arbeitern in Frankreich, Italien und Spanien seit 1895 bewußt praktiziert wird, ist es recht belustigend, zu verfolgen, wie einige Leute in Amerika und England sich nun für den Syndikalismus als eine völlig neue und noch nie zuvor gehörte Sache begeistern.

Erstaunlich, wie ungeheuer naiv und rückständig Amerikaner in Angelegenheiten von internationaler Bedeutung sind. Stolz auf all seine praktischen Fähigkeiten, ist der Durchschnittsamerikaner der Allerletzte, der aus den zeitgenössischen Verhältnissen und Taktiken lernt, die in allen bedeutenden Kämpfen seiner Tage zum Tragen kommen. Hinter den Ideen und Methoden, die die europäischen Arbeiter bereits seit Jahren mit großem Erfolg anwenden, hinkt er weit zurück. Man kann natürlich behaupten, dies sei lediglich ein Ausdruck der Jugend Amerikas. Und es ist auch wirklich schön, einen jungen Geist zu besitzen, noch frisch aufzunehmen und wahrzunehmen. Doch unglücklicherweise scheint der amerikanische Geist nie zu wachsen, zu reifen und seine Blicke zu schärfen.

Vielleicht kommt daher, daß ein amerikanischer Revolutionär zugleich ein Politiker sein kann. Und darin liegt auch der Grund, weshalb Führer der "Industrial Workers of the Worid" in der sozialistischen Partei verbleiben, was sowohl zu den Prinzipien als auch zu den Aktivitäten der IWW im Widerspruch steht. Weiter, warum ein strenger Marxist den Vorschlag bringen kann, die Anarchisten sollten mit jener Partei zusammenarbeiten, die ihre Laufbahn mit der ungemein scharfen und böswilligen Verfolgung eines der Pioniere des Anarchismus, nämlich Michael Bakunin, begann. Kurz - dem unklaren und unsicheren Bewußtsein des amerikanischen Radikalen erscheinen die widersprüchlichsten Ideen und Methoden möglich. Das Ergebnis ist ein trauriges Chaos in der radikalen Bewegung, eine Art vernünftigen Mischmaschs, geschmacklos, charakterlos.

Zur Zeit ist der Syndikalismus der Zeitvertreib einer recht großen Anzahl von Amerikanern, den sogenannten Kopfarbeitern. Sie wissen nichts über ihn, außer, daß einige bekannte Autoritäten - Sorel, Bergson und andere - für ihn eintreten: denn der Amerikaner benötigt die Bestätigung durch die Autorität, andererseits würde er eine Idee nicht akzeptieren, gleich wie wahr oder wertvoll sie auch sein mag.

Unsere, bürgerlichen Zeitschriften sind gefüllt mit Abhandlungen über den Syndikalismus. Eine unserer konservativsten Hochschulen ging sogar so weit, eine Arbeit eines ihrer Studenten über dieses Thema, die die Billigung eines Professors erfuhr, zu veröffentlichen. Und dies alles nicht, weil der Syndikalismus eine Kraft darstellt und erfolgreich von den Arbeitern Europas praktiziert wird, sondern weil - wie ich schon sagte - er offiziell durch Autoritäten sanktioniert wurde.

Als ob der Syndikalismus durch die Philosophie Bergsons oder die theoretischen Diskurse Sorels und Berths entdeckt worden wäre und nicht unter den Arbeitern, lange bevor diese Männer darüber schrieben, existiert und gelebt hätte. Das Merkmal, das den Syndikalismus von den meisten Philosophien unterscheidet, liegt darin, daß er die revolutionäre Philosophie der Arbeiterklasse darstellt, die im aktuellen Kampf und der Erfahrung der Arbeiter selbst gezeugt und geboren wurde - und nicht in Universitäten, Hochschulen, Büchereien oder im Hirn einiger Wissenschaftler. Die revolutionäre Philosophie der Arbeiterklasse, darin liegt die wahre .und lebendige Bedeutung des Syndikalismus.

Bereits 1848 erkannte eine große Reihe der Arbeiter die völlige Nutzlosigkeit politischer Aktivität als ein Mittel, ihnen in ihrem wirtschaftlichen Kampf zu dienen. Zu jener Zeit bereits ging die Forderung nach direkten wirtschaftlichen Maßnahmen weiter, wie gegen die nutzlose Energieverschwendung im Bereich der Politik. .Dies war nicht nur in Frankreich der Fall, sondern sogar noch früher als dort in England, wo der echte revolutionäre Sozialist Robert Owen ähnliche Ideen verbreitete.

Nach Jahren der Agitation und der Versuche wurde die Idee auf der ersten Zusammenkunft der Internationalen 1867 in die Resolution eingebettet, daß das vordringliche Ziel aller Revolutionäre die ökonomische Emanzipation der Arbeiter sei, der alles andere untergeordnet werden müsse.

Dieser entschieden radikale Standpunkt führte schließlich die Entzweiung der damaligen revolutionären Bewegung und ihre Spaltung in zwei Fraktionen herbei: die eine zielt unter Marx und Engels auf die politische Eroberung ab; die andere, Bakunin und die Arbeiter der romanischen Länder, ist im Begriff, sich zusammen mit den gewerbetreibenden und syndikalistischen Linien an die Spitze vorzuarbeiten. Die weitere Entwicklung dieser beiden Flügel ist jedem denkenden Mann und jeder denkenden Frau vertraut: während der

eine sich allmählich zu einer riesigen zentralisierten Maschine vereinigt, die den einzigen Zweck darin hat, innerhalb des bestehenden, kapitalistischen Staates die politische Macht zu erobern, übt der andere einen zunehmend lebendigen revolutionären Einfluß aus, der von seinen Gegnern als die größte Bedrohung seiner Ordnung gefürchtet wird.

Als ich im Jahre 1900 als Delegierte auf dem Anarchistischen Kongress in Paris teilnahm, wurde ich zum ersten Mal mit dem Syndikalismus in seiner Praxis konfrontiert. Die anarchistische Presse diskutierte dieses Thema bereits seit Jahren; so hatten wir Anarchisten einigen Einblick in den Syndikalismus. Aber jene von uns, die in Amerika lebten, hatten sich mit seiner theoretischen Seite zufrieden zu geben.

1900 jedoch konnte ich seine Wirkung auf die Arbeiterschaft Frankreichs sehen: die Stärke, den Enthusiasmus und die Hoffnung, mit denen der Syndikalismus die Arbeiter erfüllte. Ich hatte auch das große Glück, von dem Mann zu lernen, der mehr als irgend ein anderer den Syndikalismus in entschieden wirksame Kanäle leitete, Fernand Pelloutier. Unglücklicherweise konnte ich diesen bemerkenswerten jungen Mann nicht persönlich kennenlernen, da er derzeit bereits schwer an Krebs litt. Doch wohin ich auch ging, mit wem ich auch sprach, die Zuneigung und Verehrung, die Pelloutier entgegengebracht wurde, war wundervoll; und alle waren sich einig, daß er es war, der die unzufriedenen Kräfte in der französischen Arbeiterbewegung sammelte und sie mit neuem Leben und einem neuen Ziel erfüllte, dem des Syndikalismus.

Ich begann unmittelbar nach meiner Rückkehr in Amerika syndikalistische Ideen zu verbreiten, besonders die der Direkten Aktion und des Generalstreiks. Aber genauso gut hätte ich zu den Rocky Mountains sprechen können - kein Verständnis, selbst unter den Radikaleren, und vollständige Gleichgültigkeit in den Reihen der Arbeiter.

1907 nahm ich als Delegierte am Anarchistischen Kongress in Amsterdam teil und traf wie in Paris die aktivsten Syndikalisten in der CGT: Pouget, Delesalle, Monate und andere. Darüber hinaus hatte ich die Gelegenheit, den Syndikalismus in seiner täglichen Praxis zu erfahren, in seiner konstruktivsten und begeisterndsten Erscheinung.

Ich verweise darauf, um anzudeuten, daß mein Wissen über den Syndikalismus nicht von Sorel, Bergson oder Berth stammt, sondern aus der unmittelbaren Begegnung und Beobachtung der ungeheuren Arbeit, die die Arbeiter von Paris innerhalb der Reihen der Confederation bewältigten. Ich müßte ein Buch schreiben, wollte ich im Einzelnen erklären, was der Syndikalismus für die französischen Arbeiter leistet. In der amerikanischen Presse liest man nur über seine Widerstandsformen, über Streiks und Sabotage, über die Konflikte zwischen der Arbeiterklasse und dem Kapital. Zweifellos sind dies sehr bedeutende Umstände, und dennoch liegt der wesentliche Wert des Syndikalismus weit tiefer. In der konstruktiven und erzieherischen Wirkung auf das Leben und Denken der Massen.

Der grundlegende Unterschied zwischen dem Syndikalismus und den alten Gewerkschaftsformen liegt darin: während die alten Gewerkschaften sich ausnahmslos innerhalb des Lohnsystems und des Kapitalismus, indem sie diesen für unvermeidlich halten, bewegen, verwirft und verurteilt der Syndikalismus die bestehenden industriellen Verhältnisse als ungerecht und kriminell und verspricht dem Arbeiter keine dauerhaften Erfolge von diesem System.

Natürlich kämpft der Syndikalismus wie die alten Gewerkschaften für unmittelbare Ziele, aber er ist nicht so dumm, anzunehmen, die Arbeiterklasse könne sich menschliche Bedingungen aus unmenschlichen ökonomischen Verhältnissen in dieser Gesellschaft erhoffen. So reißt er dem Gegner nur das aus den Händen, was er ihn zwingen kann zu überlassen; im Ganzen jedoch zielt und konzentriert der Syndikalismus seine Energien auf die vollständige Vernichtung des Lohnsystems. Der Syndikalismus geht wirklich weiter; er sieht sein Ziel darin, die Arbeiterklasse von jeder Institution, deren Zweck nicht die freie Entfaltung der Produktion zum Wohl e der gesamten Menschheit ist, zu befreien. Kurz: die letztendliche Absicht des Syndikalismus ist die, die Gesellschaft aus ihrem gegenwärtigen zentralisierten, autoritären und brutalen Zustand heraus in eine solche umzugestalten, die auf dem freien, vereinten Zusammenschluß der Arbeiter gemäß den Prinzipien ökonomischer und sozialer Freiheit beruht.

Mit diesem Ziel vor Augen arbeitet der Syndikalismus in zwei Richtungen: erstens, indem er die bestehenden Institutionen untergräbt, und zweitens, indem er die Arbeiter weiterentwickelt, erzieht und ihren Geist der Solidarität pflegt, um sie auf ein erfüllenderes und freies Leben vorzubereiten, wenn der Kapitalismus einst verschwunden sein wird.

Der Syndikalismus ist seinem Wesen nach der ökonomische Ausdruck des Anarchismus. Dieser Umstand erklärt auch die Anwesenheit so vieler Anarchisten in der syndikalistischen Bewegung. Gleich dem Anarchismus rüstet der Syndikalismus die Arbeiter auf direkte wirtschaftliche Fronten aus, bewußte Faktoren in den großen Kämpfen der Gegenwart zu sein, als auch bewußte Faktoren bei der Aufgabe, die Gesellschaft auf autonome industrielle Vereinigungen neu aufzubauen, wie auch gegen den lähmenden Geist der Zentralisation mit ihrer korrupten bürokratischen Maschinerie, die allen politischen Parteien eigen ist.

Indem der Syndikalismus erkennt, daß die diametral entgegengesetzten Interessen von Kapital und Arbeit niemals in Einklang gebracht werden können, muß er notwendigerweise die alten Gewerkschaften ablehnen und dem kapitalistischen Regime und jeglicher Institution, die gegenwärtig den Kapitalismus unterstützt und verteidigt, den offenen Krieg erklären.

Als logische Folge lehnt der Syndikalismus in einem täglichen Krieg gegen den Kapitalismus das Tarifsystem ab, denn dieses beruht nicht auf der Gleichheit von Arbeit und Kapital; deshalb kann er nicht einem Vertrag zustimmen, bei dem der eine aufgrund seiner Macht in der Lage ist, ihn zu brechen, während der andere sich ihm ohne Widerruf zu fügen hat.

Aus den gleichen Gründen lehnt der Syndikalismus bei Arbeitskämpfen Verhandlungen ab. Eine solche Prozedur dient nur dazu, dem Gegner Zeit zu gewähren, das Ende des Kampfes vorzubereiten und so das wirkliche Ziel der Arbeiter, das sie sich gesetzt hatten, vereitelt. Weiter bedeutet der Syndikalismus Spontanität, da sie die Kampfesstärke der Arbeiterklasse erhält und darüber hinaus den Gegner überrascht und ihn dadurch zu einem schnellen Übereinkommen zwingt oder ihm große Verluste zufügt.

Der Syndikalismus wendet sich gegen eine starke Gewerkschaftskasse. Geld wirkt sich in den Reihen der Arbeiterklasse ebenso schädlich aus, wie im Kapitalismus selbst. In Amerika ist dies uns nur allzu bekannt. Die Arbeiterbewegung wäre in diesem Land nicht derart konservativ, wenn sie nicht durch solch große Geldmittel Unterstützung fände, noch würden ihre Führer so schnell korrupt werden. Der Hauptgrund jedoch für den Widerstand des Syndikalismus gegenüber große Finanzen findet sich in der Tatsache, daß sie Klassenunterschiede und Eifersüchteleien innerhalb der Arbeiterklasse selbst hervorrufen, was dem Solidaritätsgeist außerordentlich unverträglich ist. Der Arbeiter, dessen Organisation über größere Geldmittel verfügt, betrachtet sich als besserstehend als seinen ärmeren Bruder, in derselben Weise, wie er sich als etwas Besseres erachtet als denjenigen, der 50 Cent weniger am Tag verdient.

Der vernehmliche ethische Wert des Syndikalismus liegt in der Betonung der Notwendigkeit, daß die Arbeiterklasse Uneinigkeit, Parasitentum und Korruption in ihrer eigenen Reihe ausmerzt. Er strebt danach, Hingabe, Solidarität und Enthusiasmus zu entwickeln, die sich als weit wesentlicher und lebendiger im Kampf auf wirtschaftlicher Ebene erweisen als Geld.

Wie ich bereits bemerkte, erwuchs der Syndikalismus aus der Unzufriedenheit der Arbeiter mit der Politik und der parlamentarischen Vorgehensweise. Im Verlauf seiner Entwicklung erkannte der Syndikalismus im Staat - mit dem Repräsentantensystem als dessen Sprachrohr - eine der Stärksten Stützen des Kapitalismus; weiter erkannte er in der Armee und Kirche die Hauptpfeiler des Staates. Aus diesem Grund kehrte der Syndikalismus dem Parlamentarismus und den politischen Maschinen den Rücken zu und wandte seinen Blick auf die ökonomische Arena, in der allein der Gladiator Arbeiterklasse seinem Feind, erfolgreich begegnen kann.

Erfahrungen aus der Geschichte bekräftigen die Syndikalisten in ihrer kompromißlosen Opposition gegenüber dem Parlamentarismus. Viele traten in das politische Leben ein und zogen sich wieder, weil sie nicht durch die Atmosphäre verdorben werden wollten, aus dem Amt zurück, um sich selbst dem ökonomischen Kampf hinzugeben - Proudhon, der holländische Revolutionär Nieuwenhuis, Johann Most und zahlreiche andere. Während jene, die im parlamentarischen Sumpf steckenblieben, schließlich ihren Glauben betrogen, ohne irgendetwas für die Arbeiterklasse errungen zu haben. Aber es ist unnötig, hier die Geschichte der Politik zu diskutieren. Es reicht zu sagen, daß die Syndikalisten aus bitterer Erfahrung Anti-Parlamentarier geworden sind.

Ebenso ist ihre anti-militaristische Haltung durch Erfahrung geprägt. Immer wieder wurde das Militär eingesetzt, streikende Arbeiter niederzuschießen und die ekelerregende Idee des Patriotismus zu demonstrieren, um die Arbeiter gegeneinander aufzubringen und den Herren zur Ausbeutung zu verhelfen. Die Eingriffe, die syndikalistische Agitation in den patriotischen Aberglauben erzielte, werden aus der Furcht der herrschenden Klasse um die Loyalität der Armee und durch die strengen Urteile gegen die Anti-Militaristen offenkundig. Natürlich, denn die herrschende Klasse erkennt weit klarer als die Arbeiterschaft, daß das gesamte System des Kapitalismus verloren sein wird, wenn die Soldaten ihren Vorgesetzten den Gehorsam verweigern.

Warum sollten denn auch die Arbeiter ihre Kinder dafür opfern, daß sie dazu benützt werden könnten, ihre eigenen Eltern zu erschießen? Der Syndikalismus ist also nicht nur in seiner anti-militaristischen Agitation logisch; er ist darüberhinaus im höchsten Maße praxisbezogen und wirkungsvoll, insofern, als er dem Gegner dessen stärkste Waffe gegen die Arbeiterklasse raubt.

Nun zu den Methoden, die der Syndikalismus anwendet: Direkte Aktion, Sabotage und Generalstreik.

Direkte Aktion: Die bewußte individuelle und kollektive Anstrengung, durch systematische Behauptung der wirtschaftlichen Macht der Arbeiter gegen soziale Bedingungen zu protestieren oder sie zu beseitigen.

Sabotage wurde als kriminell verschrieen, sogar durch sogenannte revolutionäre Sozialisten. Wenn du natürlich annimmst, daß Eigentum, dessen Gebrauch dem Produzenten versagt ist, gerechtfertigt ist, dann ist Sabotage in der Tat ein Verbrechen. Doch solange ein Sozialist unter dem Einfluß unserer bürgerlichen Moral steht - eine Moral, die einigen Wenigen es ermöglicht, sich auf Kosten vieler die Erde anzueignen - kann er nicht folgerichtig behaupten, das kapitalistische Eigentumsverhältnis sei von Übel. Sabotage untergräbt diese Form privaten Besitzes. Ist sie folglich als kriminell zu erachten? Nein, im Gegenteil, sie ist im höchsten Sinne moralisch, denn sie hilft der Gesellschaft, ihren schlimmsten Feind, den schädlichsten Einfluß auf soziales Leben zu beseitigen.

Sabotage beruht hauptsächlich auf der Behinderung, und zwar auf jede erdenkliche Art, des regulären Produktionsablaufes und demonstriert damit die Entschlossenheit der Arbeiter, nur das und nicht mehr zu geben, als sie erhalten. Zum Beispiel wurden zur Zeit des französischen Bahnarbeiterstreiks von 1910 leicht verderbliche Waren in Bummelzügen oder in die entgegengesetzte als die vorgeschriebene Richtung versandt. Wer, außer dem gewöhnlichsten, engherzigen Spießer wird dies als Verbrechen bezeichnen? Wenn die Bahnarbeiter selbst Hunger leiden und die 'unschuldige' Öffentlichkeit nicht genug Solidaritätsgefühl aufweist, darauf zu beharren, daß diese Männer genug zum Leben bekommen sollten, dann hat die Öffentlichkeit die Sympathien der Streikenden verwirkt und die Konsequenzen zu tragen.

Eine andere Form der Sabotage bestand während dieses Streiks darin, schwere Kisten auf Waren die durch 'Vorsicht! Zerbrechlich!' ausgezeichnet waren, zu packen, auf geschliffenes Glas, Porzellan und kostbare Weine. Vom Standpunkt des Gesetzes aus betrachtet mag dies ein Verbrechen gewesen sein, vom Standpunkt schlichter Menschlichkeit aus gesehen war dies ein äußerst vernünftiges Handeln. Das gilt auch für das Verwirren eines Webstuhls in einer Weberei,- oder das Leben nach dem Buchstaben des Gesetzes mit all seinem Bürokratismus, wie die italienischen Bahnarbeiter, die dadurch Verwirrung im Bahnservice stifteten. Mit anderen Worten, Sabotage ist lediglich eine Verteidigungswaffe in der industriellen Kriegsführung, die sich als sehr wirksam zeigt, da sie den Kapitalismus in seinen tiefsten Innern trifft-, dem Geld.

Unter Generalstreik versteht der Syndikalismus Arbeitseinstellung, den Stillstand der Arbeit. Solch ein Streik muß keineswegs aufgeschoben werden, bis alle Arbeiter eines bestimmten Ortes oder Landes bereit sind. Wie durch Pelloutier, Pouget, als auch anderen und im Besonderen durch kürzliche Ereignisse in England hervorgehoben worden ist, kann der Generalstreik durch einen Industriezweig begannen werden und eine ungeheure Kraft äußern. Als ob jemand plötzlich ausrufen würde: "Haltet den Dieb!". Sofort werden andere den Ausruf aufgreifen, bis die Luft von ihm widerhal1t. Der Generalstreik, durch eine entschlossene Organisation, durch einen Industriezweig oder durch eine kleine, bewußte Minderheit unter den Arbeitern eingeleitet, ist der industrielle Schrei "haltet den Diel!", der bald von vielen anderen Industrien auf genommen wird, und sich in kürzester Zeit wie ein Lauffeuer verbreitet.

Einer der Einwände seitens der Politiker gegen den Generalstreik ist, dass die Arbeiter ebenso wie andere um die Notwendigkeiten des Lebens leiden würden. Erstens, die Arbeiter sind Meister im Hungerleiden; zweitens führt der Generalstreik ganz sicher zu schnellerem Entgegenkommen als ein gewöhnlicher Streik. Dies bestätigen die Streiks der Transport- und Minenarbeiter in England: wie Schnell wurden die Herren von Staat und Kapital gezwungen, Frieden zu schließen. Außerdem achtet der Syndikalismus das Anrecht der Produzenten auf die Dinge, die sie schaffen; nämlich das Recht der Arbeiter, sich selbst zu helfen, wenn der Streik nicht mit schnellem Entgegenkommen beantwortet wird.

Wenn Sorel behauptet, daß der Generalstreik eine notwendige Inspiration ist, die den Menschen ihrem Leben einen Sinn verleiht, dann drückt er einen Gedanken aus, den Anarchisten unermüdlich hervorgehoben haben. Ich sinne Sorel jedoch nicht zu, daß der Generalstreik ein "sozialer Mythos" sei, der niemals verwirklicht werden könne. Ich denke, der Generalstreik wird dann verwirklicht, wenn die Arbeiterklasse seinen vollen Wert erkennt - seinen destruktiven sowie auch seinen konstruktiven Wert, was bei vielen Arbeitern in der Welt sich langsam herausbildet.

Diese Ideen und Methoden des Syndikalismus mögen einigen völlig erfolglos erscheinen, doch sind sie in ihrer Wirkung auf die heutige Gesellschaft weit davon entfernt. Aber der Syndikalismus hat noch einen ganz bestimmten positiven Aspekt. Tatsächlich wird diesem Gesichtspunkt weit mehr Zeit und Anstrengung gewidmet als anderen. Eine ganze Reihe syndikalistischer Aktivitäten sollen dazu dienen, die Arbeiter, sogar innerhalb der bestehenden sozialen und industriellen Bedingungen, auf ein Leben einer neuen und besseren Gesellschaft vorzubereiten. Um dieses Zieles willen werden die Massen im Geiste gegenseitiger Hilfe und Brüderlichkeit erzogen, ihr Unternehmungsgeist und ihr Selbstvertrauen entwickelt und ein Klassengeist aufrechterhalten, dessen tiefster Ausdruck sich im Zusammenhalt um des Zieles willen und in der Gemeinsamkeit der Interessen des internationalen Proletariats findet.

Die bedeutendsten dieser Aktivitäten sind die mutua1tees, die Gesellschaften zur gegenseitigen Hilfe, die die französischen Syndikalisten aufbauten. Ihr Zweck liegt vor allem darin, arbeitslosen Mitgliedern Arbeit zu verschaffen und jenen Geist der gegenseitigen Hilfeleistung zu fördern, der dem Bewußtsein der Gleichheit der Interessen der Arbeiterklasse der ganzen Welt entspringt.

In seinem Buch "Die Arbeiterbewegung in Frankreich" hält L.Levine fest, daß im Laufe des Jahres 1902 über 74000 Arbeitssuchende durch diese Gesellschaft mit Arbeit versorgt wurden, ohne daß sie gezwungen gewesen wären, sich der Erpressung der Gangster in den Arbeitsvermittlungsbüros unterwerfen zu müssen.

Diese letzteren bilden für die Arbeiter eine Quelle der tiefsten Erniedrigung und der schamlosesten Ausbeutung. Dies gilt besonders für Amerika, wo sich die Arbeitsvermittlungsbüros in vielen Fällen als getarnte Detektivbüros entpuppen, die Arbeitssuchende unter den verlogenen Versprechungen einer sicheren und lohnenden Anstellung nach Streikregionen vermitteln.

Die französische Confederation erkannte bereits seit langem in der schlimmen Rolle der Arbeitsvermittlungen den Blutsauger auf dem Rücken des Arbeitslosen und die Brutstätte der Streikbrecherei. Durch die Drohung mit einem Generalstreik zwangen die französischen Syndikalisten die Regierung, die gaunerischen Arbeitsvermittlungen abzuschaffen; die eigenen mutualitees der Arbeiter haben sie fast völlig verdrängt, sehr zum wirtschaftlichen und moralischem Vorteil der Arbeiterklasse.

Außer den mutualitees entwickelten die französischen Syndikalisten andere Aktivitäten, die darauf abzielen, die Arbeiterklasse in engere solidarische Verbundenheit und gegenseitige Hilfe zusammenzuschweißen. Darunter fallen die Bestrebungen, jenen Arbeitern beizustehen, die von Ort zu Ort ziehen. Der praktische und ethische Nutzen einer solchen Hilfeleistung ist unschätzbar. Sie dient, den Geist der Kameradschaft einzuflößen und vermittelt ein Gefühl der Sicherheit, indem die Einheit mit der großen Familie der Arbeiterklasse empfunden wird. Dies zeigt sich als einer der lebendigen Erfolge des syndikalistischen Geistes in Frankreich und anderen romanischen Ländern. Welch ungeheurer Mangel herrscht in unserem Land gerade an solchen Bemühungen! Kann irgend jemand die Bedeutung anzweifeln, die das Bewußtsein für die Arbeiter einnimmt, die zum Beispiel aus Chicago nach New York kommen und sich dessen sicher sind, dort unter ihren Genossen willkommene Unterkunft und Nahrung zu finden, bis sie sich eine Anstellung verschafft haben? Diese Art der Aktivität ist den Arbeiterverbänden dieses Landes völlig fremd, und als ein Ergebnis hiervon, ist der reisende Arbeiter bei der Suche nach einem Job beständig auf die Gnade des Schutzmannes und des Polizisten angewiesen, ein Opfer der Gesetze gegen Landstreicherei und das unglückliche Material, aus dem, durch den Druck der Armut, die Armee der Streikbrecher gewonnen wird.

Als ich im Hauptbüro der Confederation war, wurde ich wiederholt Zeuge der Fälle von Arbeitern, die mit ihren Gewerkschaftsausweisen aus verschiedenen Teilen Frankreichs und sogar aus anderen Ländern Europas kamen und mit Nahrung und Unterkunft versorgt, durch jedmöglichen Beweis brüderlichen Geistes unterstützt wurden und durch ihre Arbeitskameraden das Gefühl vermittelt bekamen, zuhause zu sein. Zu einem großen Ausmaß ist es diesen Aktivitäten der Syndikalisten zuzuschreiben, daß sich die französische Regierung gezwungen sieht, nun die Armee als Streikbrecher einzusetzen, da dank des Einsatzes und der Taktik des Syndikalismus nur wenige Arbeiter bereit sind, sich selbst für solch einen Dienst herzugeben.

Von nicht geringerer Bedeutung als die Aktivitäten der Syndikalisten zur gegenseitigen Hilfe ist die von ihnen aufgebaute Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land, zwischen dem Fabrikarbeiter und dem Bauern oder Farmer, indem der Letztere die Arbeiter während des Streiks mit Nahrungsmitteln versorgt oder auf die Kinder der Streikenden aufpaßt. Diese Form angewandter Solidarität wurde das erste Mal in unserem Land während Lawrence-Streiks mit begeisternden Erfolgen versucht.

All diese syndikalistischen Aktivitäten sind vom Geist erzieherischer Arbeit durchdrungen und werden systematisch durch Abendkurse mit allen lebensnahen Themen vorangetragen, die von einem vorurteilsfreien, libertären Standpunkt aus behandelt werden - kein verfälschtes 'Wissen', mit dem die Hirne in unseren öffentlichen Schulen vollgestopft werden. Die Weite der Erziehung ist wirklich phänomenal, sie schließt Geschlechtshygiene, die Betreuung der Frau während der Schwangerschaft und der Niederkunft, die Sorge um Heim und Kinder, Gesundheit und allgemeine Hygiene mit ein; in der Tat erhält jeder Zweig menschlichen Wissens - Wissenschaft, Geschichte, Kunst - vollständige Beachtung, verbunden mit der praktischen Anwendung in den eingerichteten Büchereien- und Kliniken und bei Konzerten und Festivals der Arbeiter, an denen teilnehmen zu können die bekanntesten Künstler und Schriftsteller aus Paris es als Ehre erachten.

Eine der wesentlichsten Bemühungen des Syndikalismus ist, die Arbeiter heute bereits auf ihre Rolle in einer freien Gesellschaft vorzubereiten. So versorgen die syndikalistischen Organisationen ihre Mitglieder mit Lehrbüchern über jedes Gewerbe und jede Industrie, die so gestaltet sind, daß der Arbeiter sich zu einem Kenner seines gewählten Faches und zu einem Meister seines Handwerks entwickelt, mit dem Ziel, ihn mit allen Zweigen seines Gewerbes vertraut zu machen, damit das Volk vollständig gerüstet sein wird, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln, wenn die Arbeiterklasse endlich Produktion und Verteilung übernommen haben wird.

Die Wirksamkeit dieses erzieherischen Feldzuges des Syndikalismus demonstrierten die Bahnarbeiter Italiens, die alle kleinen Einzelheiten des Transportes so großartig meisterten, daß sie der italienischen Regierung anbieten könnten, die Eisenbahnen des Landes zu übernehmen, und ihren Betrieb mit größerer Wirtschaftlichkeit und weniger Unfällen, als es zur Zeit unter der Regierung abläuft, garantieren könnten.

Ihre Fähigkeit, die Produktion weiter zu betreiben, wurde eindrucksvoll durch die Syndikalisten im Zusammenhang mit dem Streik der Gläsbläser in Italien bewiesen. Anstatt für die Dauer des Streiks dem Betrieb fernzubleiben, entschieden sich dort die Streikenden, die Glasproduktion selbst fortzusetzen. Der wundervolle Solidaritätsgeist, der aus der syndikalistischen Propaganda resultiert, befähigte sie, innerhalb einer unglaublich kurzen Zeit eine Glasfabrik zu errichten. Ein altes Gebäude, das zu diesem Zweck gemietet wurde und dessen Instandsetzung normalerweise Monate benötigt hätte, wurde innerhalb weniger Wochen durch die gemeinsamen Anstrengungen der Streikenden, die durch ihre Genossen, die sich mit ihnen nach ihrer Arbeitszeit plagten, unterstützt wurden, in eine Glasfabrik verwandelt. Dann nahmen die Streikenden den Betrieb der Glasbläserei auf, und ihr genossenschaftlicher Arbeite- und Verteilungsplan bewährte sich während des Streiks in jeglicher Beziehung derart zufriedenstellend, daß die experimentelle Fabrik auf Dauer bestehen soll; und nun befindet sich ein Teil der Glasbläserindustrie in den Händen der genossenschaftlichen Organisation der Arbeiter.

Diese Methode angewandter Erziehung rüstet den Arbeiter nicht nur in seinem täglichen Kampf, sondern auch für den allgemeinen Kampf und die Zukunft, wenn er in der Gesellschaft seinen Platz als kluges und bewußtes Mitglied und nützlicher Produzent, einnehmen wird, wenn der Kapitalismus einst verschwunden sein wird.

Fast alle führenden Syndikalisten sind mit den Anarchisten einer Meinung, daß eine freie Gesellschaft nur aufgrund freiwilliger Vereinigung bestehen kann, und daß ihr endgültiges Gelingen von der intellektuellen und moralischen Entwicklung der Arbeiter abhängen wird, die das Lohnsystem durch neue soziale Verhältnisse ersetzen werden, die auf Solidarität und wirtschaftlichein Wohlstand für Alle beruhen. Das ist der Syndikalismus, in Theorie und Praxis.

Originaltext: Emma Goldman - Widerstand. Deutsche Erstübersetzung; Broschüre der "Anarchistischen Vereinigung Norddeutschland"

Gescannt von anarchismus.at

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