Errico Malatesta (1853 - 1932)

Errico Malatesta gehörte in seiner Jugend zu den Mitbegründern der anarchistischen Bewegung in Italien, und er ist im Alter, nach jahrzehntelangem Exil, noch Zeuge ihrer Unterdrückung durch den Faschismus geworden. Als Sohn wohlhabender Eltern 1853 in Capua/Provinz Caserta geboren, hatte er zunächst Medizin studiert, aber schon früh den Entschluß gefaßt, sein Leben ganz der Sache der sozialen Revolution zu widmen.

Die Entstehung einer anarchistischen Bewegung in Italien ging vor allem auf Bakunin zurück, der 1864 in Florenz seine erste „Revolutionäre Bruderschaft“ gegründet und im Herbst des folgenden Jahres von Neapel aus eine intensive Agitation begonnen hatte. Seine ersten Anhänger kamen vornehmlich aus dem zahlreichen „intellektuellen Proletariat“ des Landes und nicht wenige von ihnen waren fortschrittlich gesinnte Söhne begüterter Familien des Südens. Bis dahin meist Mitkämpfer Mazzinis, des Heros der demokratischen Nationalbewegung, wandten sie sich Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in großer Zahl den radikaleren Sozialrevolutionären und antiautoritären Tendenzen Bakunins zu. Nach der offiziellen Auflösung seiner „Allianz“ im Jahre 1869 traten auch deren italienische Sektionen in die „Internationale“ ein. Sie gehörten dort zum „autonomistischen“ Flügel und stimmten dem Sonvillier-Zirkular der Jura-Föderation vom November 1871 zu, das sich entschieden gegen die „diktatorischen“ Bestrebungen des Londoner Generalrates aussprach.

Ende September 1871 war Friedrich Engels zum Sekretär der „Internationale“ für Italien gewählt worden. Er hatte gehofft, mit Hilfe seines italienischen Vertrauensmannes Carlo Cafiero die italienischen Sektionen der „Internationale“ auch weiterhin auf die Linie des Generalrates verpflichten zu können. Doch Cafiero warnte Engels sehr bald vor einem forcierten Zentralismus in der „Internationale“ und brach im Mai 1872 mit ihm, nicht zuletzt unter dem Eindruck seiner ersten persönlichen Begegnung mit Bakunin. In seinem Absagebrief an Engels machte er geltend, unter den spezifischen gesellschaftlichen Verhältnissen Italiens bedürfe es anderer Formen des sozialen Befreiungskampfes als der politisch-parlamentarischen der deutschen Kommunisten, deren Allgemeingültigkeit der Generalrat behaupte. Deshalb sei eine Unabhängigkeit der einzelnen Föderationen und Sektionen in taktischen Fragen unerläßlich.

Anfang August 1872 schlossen sich in Rimini die bis dahin bestehenden 21 Italienischen Sektionen der „Internationale“ zu einer Landesföderation (unter Wahrung der Autonomie der Sektionen) zusammen. Diese faßte den Beschluß, alle Beziehungen zum Generalrat abzubrechen, dem sie vorwarf, er wolle der ganzen „Internationale“ die Doktrin der „autoritären deutschen Kommunisten“ aufzwingen. Sie lehnte außerdem (gegen den Willen Bakunins) eine Teilnahme an dem Haager Kongreß der „Internationale“ Anfang September 1872 ab, auf dem es dann zum Ausschluß Bakunins kam, und entsandte stattdessen Vertreter an den wenig später in St. Imier zusammentretenden Kongreß der Antiautoritären.

Die Bewegung, deren Ausgangspunkt das Mezzogiorno gewesen war, breitete sich rasch nach Süden und auch nach Norden aus. Auf dem zweiten Kongreß der italienischen Föderation im März 1873 in Bologna waren bereits 150 Sektionen vertreten. Die schwierige wirtschaftliche Lage und die wachsende soziale Unrast vor allem auf dem Lande erweckten bei den Anhängern Bakunins in Italien seit Beginn der 70er Jahre die Erwartung, der Ausbruch der sozialen Revolution sei nahe. Zahlreiche Verschwörungen und Insurrektionen wurden initiiert, um die Entwicklung zu beschleunigen. Die Aktionen kleiner mobiler Verschwörergruppen sollten zur Initialzündung für die revolutionäre Erhebung der unzufriedenen Massen auf dem Lande und in den Städten werden. Doch alle diese Revolten der 70er Jahre blieben isoliert, scheiterten schnell und verpufften mehr oder weniger wirkungslos. Die revolutionäre Agitation unter den Bauern des Südens fand nur ein geringes Echo. Gleichzeitig reagierte die Regierung mit harten Maßnahmen und schaltete einen großen Teil der revolutionären Anarchisten durch Verhaftungen aus. Nach dem sogleich zusammengebrochenen „Aufstand“ von Bologna Anfang August 1874, an dem auch Bakunin teilgenommen hatte, wurde die „Internationale“ verboten. 1876 konnte sie ihre legale Arbeit wieder aufnehmen. Im Sommer des folgenden Jahres kam es bei Benevent in der Campagna zu einer von Cafiero und Malatesta geleiteten spektakulären „revolutionären“ Aktion, aber wiederum blieb die erhoffte Massenerhebung aus, während die Regierung erneut hart durchgriff.

Diese Fehlschläge führten innerhalb der Bewegung zu einer Scheidung der Geister. Andrea Costa, einer ihrer führenden Köpfe, zog aus den desillusionierenden Erfahrungen der 70er Jahre den Schluß, die prinzipielle Ablehnung jeder politisch-parlamentarischen Aktivität sei nicht mehr länger gerechtfertigt, und trat der Sozialistischen Partei bei. Malatesta hingegen blieb ein entschiedener Gegner jedes Kompromisses mit dem Parlamentarismus und befürwortete auch weiterhin die Taktik der revolutionären Insurrektion. Ende 1878 war er gezwungen, Italien zu verlassen. [1]

Die Odyssee eines rastlosen Revolutionärs begann. Malatesta ging zunächst nach Ägypten, lernte dann in Genf Kropotkin kennen, wurde aus der Schweiz ausgewiesen, reiste nach Rumänien weiter und von dort nach Paris. 1881 kam er nach London, hielt sich seit 1884 in Argentinien auf, wo er auf den Aufbau der Arbeiterbewegung Einfluß nahm, und war seit 1885 wieder in London. 1897 kehrte er nach Italien zurück, wurde aber bereits zu Beginn des folgenden Jahres wegen seiner revolutionären Aktivität in Ancona verhaftet und anschließend auf der Insel Lampedusa interniert. Im Mai 1899 gelang es ihm, nach Malta zu fliehen und von dort die USA zu erreichen. Von 1900 an lebte er in London, wo er sich seinen Lebensunterhalt als Elektriker verdiente.

Jahrzehntelang war Malatesta das stärkste Energiezentrum der internationalen anarchistischen Bewegung und eine beinahe legendäre Figur - überall von der Polizei gesucht, überwacht, festgenommen, ausgewiesen oder inhaftiert. Sein revolutionärer Elan blieb ungebrochen. Den gerade unter seinen italienischen Gesinnungsgenossen (außerhalb wie innerhalb Italiens!) weitverbreiteten individuellen Terror verurteilte er und forderte statt seiner wirkungsvolle kollektive Kampfformen. [2] Dem Syndikalismus stand er nicht ablehnend, aber skeptisch-kritisch gegenüber. Auf dem Anarchisten-Kongreß von Amsterdam 1907 kam es zu einer Grundsatzdebatte über diese Frage zwischen Pierre Monatte und Malatesta, in der der letztere Einwände gegen die Verabsolutierung der syndikalistischen Kampfmethoden erhob und vor dem Konservativismus einer syndikalistischen Bürokratie warnte. Der Generalstreik, erklärte er, könne kein Ersatz für die wirkliche Revolution sein - entweder führe er zum allgemeinen Aufstand oder er müsse schnell in sich zusammenbrechen. Die Anarchisten dürften sich nicht allein auf die Arbeiterklasse stützen:

Einmal könne bei dieser von völliger Interessen-Homogenität und entsprechender Bereitschaft zur Revolution nicht die Rede sein; zum anderen gehe es dem Anarchismus nicht nur um die Emanzipation einer einzelnen Klasse, sondern um die vollständige Befreiung der ganzen Menschheit von ihrer dreifachen, nämlich wirtschaftlichen, politischen und moralischen Versklavung.

1913 kehrte Malatesta nach Italien zurück. Im Juni 1914 wurden in Ancona, wo er eine anarchistische Zeitung herausgab, mehrere unbewaffnete Demonstranten von der Polizei getötet. Der Zwischenfall erregte große Empörung und führte zu einem Generalstreik, der sich nicht zuletzt dank Malatestas Agitation schnell auf die Romagna und andere Landesteile ausdehnte. Doch die „Rote Woche“, in der es scheinen konnte, als stehe Italien vor einer sozialen Umwälzung, blieb Episode, da der Generalstreik von den reformistischen Gewerkschaften vorzeitig abgebrochen wurde.

Während des Weltkrieges hielt Malatesta sich wieder in London auf. In dem heftigen Disput, zu dem es innerhalb der anarchistischen Bewegung über die Haltung zum Kriege kam, nahm er eine konsequent internationalistische Position ein: im Gegensatz zu Kropotkin und zahlreichen anderen nahmhaften Anarchisten lehnte er es ab, sich mit der Sache der Alliierten zu identifizieren. Als Malatesta Ende 1919 nach Italien zurückkam, befand sich das Land im Zustand einer sozialen und politischen Gärung, die ihren Höhepunkt im Sommer 1920 mit der Besetzung zahlreicher Fabriken durch die Arbeiter erreichte. Doch die soziale Revolution blieb auch diesmal aus. In der von ihm herausgegebenen anarchistischen Tageszeitung „Umanita Nova“ (mit einer Auflage bis zu 50.000 Exemplaren) warnte Malatesta die Arbeiter vor Leichtgläubigkeit und Nachgiebigkeit. Im Spätherbst 1920 aber waren alle besetzt gewesenen Fabriken im Vertrauen auf gewisse Versprechungen der Regierung wieder geräumt.

Nach der Machtergreifung der Faschisten mußte die „Umanita Nova“ ihr Erscheinen Ende 1922 einstellen. Von 1924 bis 1926 konnte Malatesta noch die anarchistische Zweimonatsschrift „Pensiere e Volonta“ herausgeben, in der er einige seiner wichtigsten Aufsätze zur Programmatik und Strategie der anarchistischen Bewegung erschienen sind. Von Ende 1926 bis zu seinem Tode im Jahre 1932 lebte er in Rom, wo er, bald achtzigjährig, wieder als Elektriker arbeitete. Die faschistische Polizei überwachte ihn ständig, im übrigen aber blieb er unbehelligt.

Fußnoten:
[1] Nach dem Versuch des Kochs Giovanni Passanante, König Umberto I. in Neapel auf offener Straße zu erstechen und einem anschließenden Bombenanschlag, der vier Tote forderte, ergriff die italienische Regierung einmal mehr strenge Maßnahmen gegen die anarchistische Bewegung, die dadurch weiter dezimiert und geschwächt wurde.
[2] Von den zahlreichen Aktionen dieser Art sei hier nur die Erschießung König Umbertos durch den Anarchisten Bresci am 29. Juli 1900 erwähnt.

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

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