Errico Malatesta - Demokratie und Anarchie

Die diktatorischen Regierungen, die in Italien, Spanien und Rußland wüten und Neid und Verlangen der reaktionärsten oder feigsten Fraktionen der verschiedenen Länder hervorrufen, bereiten der bereits kraftlosen Demokratie gerade eine Art neuer Morgenröte. So kann man erleben, wie abgetakelte Regierungen, mit allen schlechten Kunstgriffen der Politik vertraut und verantwortlich für Unterdrückung und Massaker des arbeitenden Volkes, sich - sofern ihnen nicht der Mut dazu mangelt - als Verfechter des Fortschritts gebärden und versuchen, sich die nächste Zukunft im Namen des liberalen Ideals zu sichern. Und angesichts der Situation könnte ihnen das sogar gelingen.

Die Verfechter der Diktatur haben leichtes Spiel, wenn sie die Demokratie kritisieren und all ihre Mängel und Lügen hervorheben. Und ich erinnere mich an jenen Herrmann Sandomirski, einen Anarchisten mit bolschewistischen Neigungen, mit dem wir zur Zeit der Konferenz in Genua mit gemischten Gefühlen Kontakt hatten und der jetzt versucht, Lenin ebenso wie Bakunin zu gleichen: zur Verteidigung des russischen Regimes zog Sandomirski seinen ganzen Kropotkin heran, um zu beweisen, daß die Demokratie nicht die beste der verstellbaren Gesellschaftsordnungen sei. Da es sich um einen Russen handelte, kam mir durch seine Argumentation - und ich glaube, ich sagte ihm dies auch - eine ähnliche Überlegung in den Sinn, die gewisse Landsleute von ihm anstellten: als Antwort auf die Entrüstung der zivilisierten Welt gegenüber dem Zaren, der Frauen nackt auspeitschen und aufhängen ließ, verwiesen sie auf die Gleichheit der Rechte und damit auch der Verantwortlichkeiten von Mann und Frau. Diese Gefängnisaufseher und Schafotterbauer erinnerten sich nur dann an die Rechte der Frau, wenn sie ihnen als Vorwand für neue Schandtaten dienen konnten! So zeigen sich die Anhänger der Diktatur nur dann als Gegner der Demokratie, wenn sie entdeckt haben, daß es eine Regierungsform gibt, die Willkür und Anmaßung der Machthaber noch größeren Raum läßt.

Es gibt meiner Meinung nach keinen Zweifel daran, daß schlimmste Demokratie der besten Diktatur stets vorzuziehen ist, und sei es auch nur vom Standpunkt der Erziehung aus. Sicher ist die Demokratie, die sogenannte Regierung des Volkes, eine Lüge, doch die Lüge bindet den Lügner stets ein wenig und schränkt seine Willkür ein. Sicher ist das „souveräne Volk“ Souverän einer Farce, ein Sklave mit einer Krone und einem Zepter aus Pappmache; sich für frei zu halten, auch wenn man es nicht ist, ist jedoch stets besser als sich Sklave zu wissen und die Sklaverei als eine gerechte und unvermeidliche Sache hinzunehmen.

Die Demokratie ist Lüge, ist Unterdrückung, ist in Wirklichkeit Oligarchie, das heißt Regierung weniger zum Vorteil einer privilegierten Klasse. Wir jedoch können sie im Namen der Freiheit und der Gleichheit bekämpfen, nicht etwa diejenigen, die etwas Schlimmeres an ihre Stelle gesetzt haben oder setzen wollen.

Wir sind nicht für die Demokratie, unter anderem deshalb, weil sie früher oder später zu Krieg und Diktatur führt, wie wir auch nicht für die Diktatur sind, unter anderem deshalb, weil die Diktatur die Demokratie herbeiwünschen läßt, deren Rückkehr bewirkt und auf diese Weise dazu führt, das Hin- und Herschwanken der menschlichen Gesellschaften zwischen offener und roher Gewaltherrschaft und einer vermeintlichen Freiheit, die jedoch falsch und trügerisch ist, zu verewigen.

Krieg also der Diktatur und Krieg der Demokratie. Doch was soll an ihrer Stelle stehen?

Nicht alle Demokraten sind wie die bisher beschriebenen, das heißt heuchlerisch und mehr oder weniger bewußt darauf aus, das Volk im Namen des Volkes zu beherrschen, auszubeuten und zu unterdrücken. Besonders unter den jungen Republikanern gibt es viele, die ernsthaft an die Demokratie glauben und sie als ein Mittel anstreben, allen Menschen vollständige Entwicklungsfreiheit zu garantieren. Diese Jugendlichen möchten wir ernüchtern und davor warnen, nicht eine Abstraktion, „das Volk“, mit der lebendigen Realität zu verwechseln, die aus den Menschen mit all ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, Leidenschaften und oft widersprüchlichen Bestrebungen besteht.

Wir werden hier nicht zum wiederholten Male die Kritik am parlamentarischen System und all den ausgeklügelten Methoden bringen, mit deren Hilfe man nach Abgeordneten sucht, die tatsächlich dem Willen der Wähler entsprechen: diese Kritik wird nach fünfzig Jahren anarchistischer Aufklärungsarbeit mittlerweile auch von denjenigen akzeptiert und wiederholt, die unseren Ideen sonst die größte Verachtung entgegenbringen.

Wir werden uns daher darauf beschränken, diese unsere jungen Freunde aufzufordern, auf größere sprachliche Genauigkeit zu achten, denn wir sind überzeugt, daß sie selbst, haben sie die Worte erst einmal gründlich untersucht, ihre Inhaltslosigkeit erkennen werden.

„Regierung des Volkes“: nein, denn das würde etwas voraussetzen, was niemals geschieht, nämlich die Einstimmigkeit aller Einzelnen, die das Volk bilden.

Man kommt daher der Wahrheit näher, wenn man sagt: „Regierung der Mehrheit des Volkes“. Es läßt sich also bereits eine Minderheit vorhersehen, die sich entweder auflehnen oder dem Willen der anderen wird unterwerfen müssen.

Es geschieht jedoch nie, daß die von der Mehrheit des Volkes an die Macht Entsandten sich in allen Fragen einig sind; daher muß man erneut auf das Mehrheitssystem zurückgreifen, und wir nahem uns der Wahrheit noch etwas mehr, indem wir sagen: „Regierung der Mehrheit der von der Mehrheit der Wähler Gewählten“.

Und das beginnt bereits stark einer Minderheitsregierung zu ähneln. Und wenn man dann noch die Art ansieht, wie die Wahlen durchgeführt werden, wie die politischen Parteien und parlamentarischen Fraktionen entstehen und wie die Gesetze ausgearbeitet, verabschiedet und angewandt werden, dann versteht man leicht, was die allgemeine geschichtliche Erfahrung schon längst bewiesen hat, daß nämlich auch in der allerdemokratischsten der Demokratien immer eine kleine Minderheit herrscht und mit Gewalt ihren Willen und ihre Interessen durchsetzt.

Wer also wirklich die „Regierung des Volkes“ in dem Sinne will, daß ein jeder seinen Willen, seine Ideen und seine Bedürfnisse geltend machen kann, der muß in einer Weise vorgehen, daß niemand, sei es Mehrheit oder Minderheit, über andere herrschen kann; das heißt er muß die Abschaffung der Regierung wollen, einer jeden zwangsmäßigen Organisation und ihre Ersetzung durch die freie Organisation aller, die gemeinsame Interessen und Ziele haben.

Diese Sache wäre sehr einfach, wenn jede Gruppe oder jedes Individuum sich isolieren, nach seinen eigenen Vorstellungen für sich selbst leben und unabhängig von den anderen für seine materiellen und moralischen Bedürfnisse sorgen könnte. Doch das ist nicht möglich und wäre nicht einmal wünschenswert, da es die Rückkehr der Menschheit zu einem Zustand der Barbarei bedeuten würde.

Daher muß jedes Individuum, jede Gruppe einerseits entschlossen sein, die eigene Unabhängigkeit und Freiheit zu verteidigen, andererseits jedoch auch die Bande der Solidarität begreifen, die es mit der ganzen Menschheit verbinden und das Gefühl der Zuneigung und Liebe zu seinesgleichen genügend entwickelt haben, um freiwillig all die Opfer auf sich nehmen zu können, die für ein gesellschaftliches Zusammenleben nötig sind, das allen Menschen bei jeder Gelegenheit die größtmöglichen Vorteile sichert.

Vor allem jedoch muß man das Diktat einiger weniger mit Hufe materieller Gewalt unmöglich machen, die sich dann aus gerade der Masse rekrutiert, die unter dem Diktat leidet.

Schaffen wir den Gendarmen ab, das heißt die im Dienste des Despoten stehende Waffengewalt, und in der einen oder anderen Weise werden wir zur freien Vereinbarung gelangen, denn ohne - freie oder erzwungene - Vereinbarung ist kein Leben möglich.

Doch auch die freie Vereinbarung wird stets zum größeren Vorteil dessen ausgehen, der geistig und technisch am besten darauf vorbereitet ist. Und daher empfehlen wir unseren Freunden, allen, die wirklich das Wohl aller wollen, das Studium der dringendsten Probleme, die noch am gleichen Tag, an dem das Volk das Joch der Unterdrücker abschütteln wird, nach einer praktischen Lösung verlangen.

(Pensiero e Volonta, 15. März 1924)

Aus: Errico Malatesta - Gesammelte Schriften, Band 2; Karin Kramer Verlag Berlin, 1980

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