Gustav Landauer - Der Anarchismus in Deutschland (1893)

Warum nennen sich die Gegenwartsverächter und Rebellen, die Menschenfreunde und Zukunftsschwärmer, die sich als Anarchisten bezeichnen und zu denen ich mich rechne, mit diesem Namen? Warum sind die Aufklärer, die eine neue Organisation des Menschengeistes und der Menschengesellschaft vorbereiten wollen, in innigster Verbindung mit der radikalsten Gruppe des im rücksichtslosen Klassenkampf stehenden Proletariats? Welchen Charakter hat der Anarchismus in Deutschland? Vor allem: hat er notwendigerweise einen rein proletarischen Charakter und wird er ihn wohl behalten? Diese Fragen hauptsächlich habe ich mir vorgenommen, hier zu beantworten. Nicht, um Propaganda für den Anarchismus zu machen; der Herausgeber und der Leserkreis der Zukunft, die auf anderem Boden stehen, haben das unzweifelhafte Recht, sich das zu verbitten, und ich selbst fühle mich nicht berufen, weder den unerwünschten Eindringling zu spielen noch Kuckuckseier zu legen. Meine Absicht ist lediglich, falsche Vorstellungen zu beseitigen und ein richtiges Bild von den Ideen der deutschen Anarchisten - oder doch eines großen Teiles dieser Anarchisten - zu geben.

Die bewußte, gewollte, zweckmäßige Gestaltung des eigenen und des Geschickes kleinerer oder größerer Gemeinschaften ist ein Hauptmerkmal des Kulturmenschen. Diese Wirksamkeit charakterisiert sich als ein Kampf des Menschen einmal gegen die ihn beugenden und unterdrückenden Naturgewalten, dann auch gegen die aus irgendwelchem Grunde hindernden Eigenschaften, Handlungen und Unterlassungen anderer Menschen. Die bisherige Geschichte des Menschengeschlechtes ist zusammengesetzt aus den unzählbaren Einzelheiten einer unbewußten, dumpfen, naturnotwendigen Entwicklung, für die sich genau ebenso wie für den gesamten Bereich der übrigen Naturerscheinungen Zusammenfassungen, sogenannte Naturgesetze, abstrahieren und konstruieren lassen, und aus den bewußten Einwirkungen der einzelnen oder der Korporationen, deren Resultat freilich oft keineswegs mit der ursprünglichen Absicht übereinstimmte. Kein Zweifel, daß sich auch hier wieder die Fülle der Erscheinungen sondern und in verschiedene Gewahrsame einschachteln läßt; also auch für die Erscheinungen des Wollens und der motivierten Handlungen lassen sich, wenn auch weniger untrüglich, Gesetze aufstellen.

Ich behaupte nun: die Kulturmenschheit ist an dem Punkte angelangt, wo es ihr gelingen kann, die hier zuerst erwähnten sogenannten Naturgesetze, deren Zustandekommen aus dem allmählichen Zusammenhäufen vieler kleiner Zufälligkeiten sie durchschaut hat, zu überwinden. Der Mensch ist dahin gekommen, frei und selbständig aus eigener Kraft sich ein eigenes Leben schaffen zu können. Der Kampf gegen die feindlichen Naturgewalten hat nicht aufgehört und kann nicht aufhören; wohl aber wird er jetzt mit Bewußtsein geführt, gegen den einzigen Feind, der des Menschen Gang zu höherem Glücksgefühl aufhält.

Bisher waren es zwei innig verbundene Faktoren, die das Menschengeschlecht auf diesem Wege nach oben behindert haben: erstens die Unbewußtheit, Dumpfheit und geistige Beschränktheit der großen Massen, im Gegensatz zu einer geringen Zahl, obwohl ein Unterschied in der natürlichen Veranlagung der beiden Teile nicht besteht; wohl gibt es von Natur Dumme und Kluge, Schwache und Kräftige; aber zu behaupten, in der zurückgebliebenen Masse seien die Dummen und Schwachen, bei den wenigen Bevorzugten die Klugen und Starken, wird keinem Ehrlichen einfallen. Und zweitens ist das Menschengeschlecht niedergehalten worden dadurch, daß nicht verbündete Menschen den Kampf gegen die feindliche Natur geführt haben, sondern daß von Urbeginn an die Menschen die Menschen bekämpften und unterdrückten; und zwar war es im großen und ganzen die kleine Zahl der Privilegierten, die mit allen physischen und geistigen Mitteln, unter Benutzung freilich gerade von großen Teilen der blöden Masse, eben diese Masse geknebelt und unterdrückt hat - bis auf den heutigen Tag.

Der Anarchismus nun hat keine andere Aufgabe als die: es zu erreichen, daß der Kampf des Menschen gegen den Menschen, möge er welche Gestalt immer haben, aufhöre, auf daß die Menschheit sich emporringen und auf daß im Verbände des Menschengeschlechtes jeder einzelne die Position einnehmen kann, die er kraft seiner natürlichen Anlage sich herzustellen vermag.

Homo homini lupus - der Mensch als Menschenfresser: das war in der Tat die Devise der bisherigen Menschengeschichte, einschließlich der 1800 Jahre, die vergangen sind seit den Worten Jesu: Liebe deinen Nächsten als dich selbst. Keine solche Forderung eines vorausgesetzten Gottes, kein unerbittliches Moralgebot will der Anarchismus, der jeden Zwang verpönt, aufstellen; er ruft nur, nachdem er die Erscheinungen der Geschichte und die Hilfsmittel der Technik geprüft und wieder geprüft hat: Vereinigt euch, wo ihr alle gemeinsame Interessen habt, wo es gilt, in hartem täglichen Kampfe der Natur eure Bedürfnisse abzuringen; und wo ihr getrennte Wege wandelt, überlaßt jeden einzelnen sich selbst und seinem Gutdünken; und gegen das schädigende Übergreifen des einzelnen schützt euch wiederum durch Zusammenschluß derer, die das Gemeinsame zusammenführt, durch Interessenverbände der mannigfaltigsten Art. Aber lasset nie den Verband den einzelnen Verbündeten über den Kopf wachsen! Die das wollen, nennen sich demnach mit Grund Anarchisten, Anhänger der Herrschaftslosigkeit, da sie alle Gewalt verabscheuen, die die großen Massen der Menschen von den Quellen der Kultur, des Genusses und der Selbstbestimmung abhält.

Wir verwerfen vor allem die zum Teil in ihrer Art kolossalen Gebilde, die mit dem blendenden Stempel der Autorität gezeichnet und zur willenlosen Verehrung aufgestellt sind. So namentlich die festen, auf geschichtlichem Grunde ruhenden Organisationen, in die der Mensch hineingeboren wird und denen er sich zu fügen hat, mag er sie für vernünftig und zuträglich halten oder nicht. Vor allem die staatliche Zwangsorganisation, der gegenüber der Geborene im Laufe seines Lebens nur die Wahl hat, sich ihr zu fügen, aus dem einzigen Grunde, weil seine Vorfahren und seine Zeitgenossen sich ihr fügten, oder sich gewaltsam von der Erde und ihrem Leben zu scheiden; denn kaum ein Plätzchen auf der weiten Welt gibt es mehr, auf das nicht der Staat seine gebietende Hand gelegt hätte. Die Macht der Kirche, so ungeheuer sie noch ist, ist doch tatsächlich bereits im Zerbröckeln; in weiten Gebieten ist es dem Menschen, wenn auch nur mit Schwierigkeit, bereits möglich, sich ihr zu entziehen. Der Staat, so wahr er auf demselben Grunde beruht wie seine Schwester, die Kirche, auf dem blinden Autoritätsglauben der Massen, wird ebenso sicher einst zerfallen wie die religiösen Organisationen, weil das wahre Heil der Menschengeschlechter nicht der Zwang und die geistige Bevormundung, und wäre es selbst der Zwang Wohlmei­nender, sondern nur die Freiheit bringen kann.

Hauptsächlich auf der knechtenden Staatsorganisation, daneben aber auch auf der blinden Verehrung, die die Masse von jeher dem Althergebrachten und Überlieferten, vor allem dem Familienmäßigen und Patriarchalischen, gewidmet hat, beruht die unterdrückende Organisation der privilegierten Privateigentümer. Keine Tradition der Welt, und wäre sie Jahrhunderttausende alt, kann für uns Anarchisten den Brauch heiligen, daß wenige Menschen das Recht in Anspruch nehmen, Erde zu besitzen und Erzeugnisse der Erde, nicht von ihnen erzeugt, den arbeitsamen Mitmenschen vorzuenthalten. Keine Macht und kein Vorurteil der Welt wird nach der Überzeugung der Anarchisten die Beraubten und Entblößten davon abhalten, das ihr eigen zu nennen, was dem letzten und erbärmlichsten gebührt: Boden zum Stehen, zum Gehen, zum Ruhen und zum Arbeiten. Wer, fußend auf ererbten »Rechten« und Gewahrsamen (und oft vergitterten Gewahrsamen) und auf dem Geldsacke sitzend, ungeheuren Massen von Menschen, die mit denselben Anlagen und Bedürfnissen ausgestattet sind wie er, die Bedingungen vorschreiben kann, unter denen sie sich das Notwendigste, um ihre und ihrer Lieben Blöße zu decken, erarbeiten dürfen, der verdankt seine angenehme Lebenslage einzig und allein der niederdrückenden Organisation des - gegen den »inneren Feind« - Gewehr bei Fuß stehenden Staates und der stumpfen Geduld und Bedürfnislosigkeit der Massen.

Die Anarchisten behaupten noch nicht einmal, daß die Mehrheit der unterdrückten Proletarier heute ihre Lage und das Unrecht, das man ihnen tut, empfindet. Es ist auch vielleicht bei vielen unter uns durchaus nicht das rechte Wort, wenn man sagt, daß das Mitleid und die Liebe ihre Triebfeder seien. Bei mir wenigstens ist es vor allem der Ekel über die Menschheit, die mich umgibt, der Zorn über die Bequemlichkeit der Privilegierten, die es aushaken, ihr Glück auf die Trümmer verunglückter Existenzen und verkümmerter Wesen gebaut zu sehen, und der nicht geringere Zorn auf die Herabgekommenheit der Unterdrückten, die, als sie aus dem Mutterleibe kamen, jenen Erhabenen oft glichen wie ein Ei dem anderen und die am Ende ihres erbärmlichen Lebens kaum so viel in heißer Arbeit erworben haben, daß die paar Knochen, die sie als die Trümmer unermüdlichen Lebenskampfes hinterlassen, anständig verscharrt werden können.

Dieser Beurteilung der Gegenwart, ja auch unserem Zukunftsideal des freien Auslebens und der freien Vereinigungen, stimmen sehr viele unter den Gebildeten, und besonders gerade unter den Gebildeten Deutschlands, bei, die doch sehr weit davon entfernt sind, sich mit uns Anarchisten solidarisch zu fühlen. Dies beruht im wesentlichen auf zweierlei Gründen: erstens auf der falschen, wenn auch erklärlichen Verurteilung der sogenannten anarchistischen Partei (es gibt keine anarchistische Partei) und ihrer Taktik (es gibt keine Taktik, die man so allgemein anarchistisch nennen kann); zweitens aber und besonders auf der allgemeinen Verzweiflung und dem Skeptizismus, auf dem Glauben, daß nie und nimmer aus der Gegenwart eine solche Zukunft erwachsen könne. Schopenhauer ist diesen Männern oft der Trost ihrer schlaflosen Nächte, und die Arbeit ihrer Tage ist Linderung des Elends, das ihnen momentan in die Augen fällt, und hoffnungslose Sozialreform ein Tropfen im Meer. Diese Skeptiker, wenn sie konsequent sind, behaupten durchaus nicht, daß sie und die gleich ihnen Bevorzugten wirklich in geistiger oder moralischer Hinsicht besser beanlagt seien; höchstens gestehen sie zu - und dem schließen wir uns völlig an -, daß es heute schon so weit gekommen ist, daß in gewissen Bezirken gewisse Elende schon von Geburt an minderwertig sind. Dies ist aber eine heute glücklicherweise noch wenig in Betracht kommende Ausnahme; im großen und ganzen ist, was heute in der Kulturwelt zum Proletariat gehört, von Natur aus, der Anlage nach, kraftvoll und integer. Wohl aber meinen wir, daß es höchste, allerhöchste Zeit ist, daran zu erinnern, daß die Herabgekommenheit einerseits und andererseits die Nervosität und Verzärtelung angefangen hat, der Kulturmenschheit in Fleisch und Blut überzugehen, in denjenigen Bereich der körperlich-geistigen Organisation, der seine Eigenschaften auf die kommende Generation vererbt. Wir meinen, keine Sprache kann laut und entschieden genug sein, um die Mitlebenden zum Aufraffen aus dem alten Schlendrian anzufeuern, anzuspornen zur Neubelebung unserer ganzen gesellschaftlichen Organisation, zur Erhebung aus der Geistesträgheit, zu energischer Tat, um Schranken zu brechen und neuen Boden für neue Saat zu bereiten. Das ist die Propaganda der Tat, wie ich sie verstehe; alles andere ist Leidenschaft oder Verzweiflung oder toller Unverstand. Nicht darum handelt es sich, Menschen zu töten, sondern es handelt sich im Gegenteil um die Wiedergeburt des Menschengeistes, um die Neuerzeugung des Menschenwillens und der produktiven Energie großer Gemeinschaften.

Großer Gemeinschaften, sage ich; denn es ist ein sehr starker Irrtum, den auch der sonst so einsichtige Professor Stammler, der die Theorie des Anarchismus auf Grund der Schriften Proudhons und Stirners in diesen Heften entwickelte, noch nicht ganz überwunden hat, zu meinen, der Anarchismus bedeute die Vereinzelung und stehe, wenn er recht verstanden werde, im Gegensatz zum Sozialismus. Allerdings bedeutet für uns der Sozialismus etwas wesentlich anderes als das »rechtliche Verbot des Privateigentums an Produktionsmitteln.« Nicht einmal vom Gemeineigentum redet unser Sozialismus, weil dahinter nichts steckt als die verschleierte Herrschaft einer Beamtensippe.

Wir sprechen vielmehr, um mich des sehr glücklichen Ausdrucks Benedikt Friedländers zu bedienen, von der Herrenlosigkeit der natürlichen Güter; wir reden davon, daß die zur Einsicht in ihre wahren Interessen gekommene Menschheit in starken Vereinen Vorsorge treffen wird, daß die Güter der Erde zu jedermanns Verfügung stehen und daß, wenn einzelne oder Gruppen Produktionsmittel für sich allein in Anspruch nehmen, die übrigen gebührende Entschädigung beanspruchen. Ich bemerke, daß Bruno Wille diese Gedanken in seiner Philosophie der Befreiung weiter ausführt; einer der ersten, der im Gegensatz zu den Unklarheiten der früheren und mancher jetzigen kommunistischen Anarchisten mit Nüchternheit die Ideen des Anarchismus erörterte, war Benedikt Friedländer in seiner sehr anregenden Broschüre "Der freiheitliche Sozialismus im Gegensatz zum Staatsknechtstum der Marxisten". Dieser nüchterne Zug, der auch schon in der früher erschienenen Broschüre von Paul Kampffmeyer, "Die Bedeutung der Gewerkschaften", bemerkbar ist, ist meines Erachtens ein Hauptkennzeichen der jung-anarchistischen Richtung nicht nur in Deutschland, auf die Eugen Dühring und Henry George besonders starken Einfluß ausgeübt haben; ich lege vor allem der Friedländerschen Broschüre - obwohl sie ganz bescheiden und ohne die geringste Anmaßung auftritt - weit mehr Bedeutung bei als z. B. dem vom Professor Stammler erwähnten Buche von Mackay, das sehr stark an Unklarheiten, dagegen nicht an Bescheidenheit leidet. Übrigens hat auch der Kommunist Kropotkin das Verdienst, den Anarchismus von der Phrase befreit und ein detailliertes Bild der freien Gesellschaft geliefert zu haben.

Es ist mir gar kein Zweifel, daß auch in der anarchistischen Gesellschaft sehr starke Organisationen bestehen werden; und ebenso ist es mir sicher, daß Vereinigungen, die schon heute bestehen, in den Anarchismus »hineinwachsen« werden; hier ist der Ausdruck durchaus am Platze. Ich meine die Organisationen aller wahrhaften Produzenten, nämlich der Arbeiter. Ich weise beiläufig auf den überaus kennzeichnenden Umstand hin, der in unserer Sprache zwischen den Worten Produzent und Arbeiter besteht. Der Arbeiter ist kein Produzent - denn wo bleibt der Ertrag seiner Produkte? Und der Produzent ist sehr oft kein Arbeiter, denn - wo bleibt die Arbeit? Wohl aber rechne ich durchaus und ohne jede Einschränkung zu den Arbeitern, deren Vereinigungen die Grundlage zur freien Gesellschaft abgeben sollen, die wissenschaftlichen Leiter, die im Güteraustausch Erfahrenen usw., mögen sie heute Ingenieure, Direktoren, Kaufleute, Eisenbahnbeamte oder wie immer genannt werden.

Es fällt uns nämlich durchaus nicht ein, künstlich eine geschichtliche Entwicklung zu konstruieren, wonach - mit Naturnotwendigkeit natürlich - die proletarische Klasse gewissermaßen von der Vorsehung berufen sei, die Stelle der heute herrschenden Klassen einzunehmen, oder gar eine Diktatur des Proletariates zu begründen. Ich nehme keinen Anstand, zu erklären, daß der Klassenkampf für mich eine solche Bedeutung nicht hat. Ich bin keineswegs der Meinung, daß bei einer bestimmten Vermögensziffer der Mensch anfange, in den Schweinehund überzugehen, der für die künftige Gesellschaft untauglich sei. Es ist - selbstverständlich - ebensowenig eine Schande, als Bourgeois geboren zu sein wie als Proletarier, und uns Anarchisten ist jeder, welcher Gesellschaftsklasse er auch angehören mag, als Genosse recht, der unsere Ansichten für richtig hält und nach Kräften die Konsequenzen seines Denkens im Leben zieht.

Der Proletarier, der die Wahrheit des Anarchismus erkannt hat, wird allerdings nicht einzig und allein in Konventikeln und Diskutierklubs darüber streiten, wie in Zukunft das Geschirr zu spülen und die Stiefel zu reinigen sind, sondern er wird, soweit es ihm persönlicher Mut und seine Lebenslage erlauben, ohne Zweifel mit zäher Energie Schritt für Schritt mit allen Mitteln, die ihm seine Weltanschauung gestattet, für die Verbesserung seiner Lebenslage eintreten. Und seine Erkenntnis sagt ihm vor allem, daß er, wie die Dinge heute liegen, nur innig verbündet mit dem gesamten Proletariat der Welt durch starke Massenaktionen eine Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage erreichen kann. Solange daher die Besitzenden und Machthabenden mit allen Mitteln, die sie sich selbst erlauben, die heutigen ungerechten und unseligen Zustände aufrechterhalten, so lange kämpfen die vereinigten Proletarier mit allen ihnen erlaubten Mitteln für die Verbesserung ihrer Lage auf allen Gebieten. Wir predigen nicht den Klassenkampf, aber wir sehen ein, daß er dem Proletariat aufgezwungen ist, wenn es sich in die Höhe bringen will. Nicht um die Zerstörung der modernen Kultur handelt es sich, sondern um ein gewaltiges Heer von bisher Ausgeschlossenen, dessen Appetit nun angeregt worden ist und das die Lust verspürt, sich an die gedeckten Tische zu setzen und mitzugenießen.

Mit Reden von Revolution und von künftiger Herrlichkeit ist den heute nach höherer Lebenshaltung Schmachtenden, gar den Arbeitslosen und Heruntergekommenen, nicht gedient: darum versteht sich rücksichtsloser Klassenkampf von selbst für die, die der heutigen Gesellschaft gegenüber nur durch solidarische Geschlossenheit und Energie des Auftretens Verbesserungen ihrer Lebenslage erzwingen können. Dabei erkläre ich, um gar nicht mißverstanden zu werden, daß ich der großen Menge der heute vermögenden Klassen durchaus keinen Vorwurf mache. So gut wie Herr von Egidy ausrufen konnte: Wir, wir alle sind die Schuldigen, ebensowohl können wir Bourgeois, die wir die Erbschaft von Jahrtausenden angetreten haben, ausrufen: Keiner ist schuldig! Aber nicht mehr lange ist dies wahr. Wir haben dieser erschreckenden Erbschaft gegenüber das Recht des Inventars; und immer gebieterischer wird das Verlangen ertönen, mit dem alten Plunder aufzuräumen und das Brauchbare aus dem Wust des Verrotteten zu retten. Mit dieser Aufforderung geht der Anarchismus an alle heran, und die unteren Volksschichten werden niemals, am wenigsten durch neue Beweise von Ungerechtigkeit, dazu gebracht werden, daß sie aufhören, nach einer Organisation der menschlichen Gesellschaft zu rufen, die jedem gerecht werden kann und die darum gerecht ist.

Die Anarchisten sind keine politische Partei, denn sie stehen nicht auf dem Boden des heutigen Staatswesens und verschmähen es, zu feilschen und zu markten. Wir Anarchisten wollen Prediger sein, und um die Revolutionierung der Geister ist es uns vor allem zu tun. Zu welchen Verwicklungen die Hartnäckigkeit der heute maßgebenden Kreise im Gegensatz zu den Wünschen und Bestrebungen der großen Masse der Bewohner der Kulturwelt später einmal - heute ist noch keine Rede davon - führen mag, wir weisen die Verantwortung nicht ab, wir nehmen sie ruhig auf uns, in dem sicheren Glauben, daß ein zukünftiges Menschengeschlecht es uns danken wird, daß wir ihm geholfen haben, sich selbst wieder achten zu können. Das Bewußtsein, daß wir selbst den Sieg unserer Sache gewiß nicht erleben werden, daß wir im Gegenteil neuen Enttäuschungen und Rückfällen entgegengehen - von Verfolgungen gar nicht zu reden -, kann uns nicht abhalten, uns mit Begeisterung unserer Lebensarbeit, der Verbreitung der Aufklärung in allen Bevölkerungsschichten, zu widmen. Wir mögen mit Schopenhauer denken: »Das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt ferne und lebt lange: sagen wir die Wahrheit!« Natürlich jeder die Wahrheit, die er nach ehrlicher und tapferer Untersuchung sein eigen nennen kann. Wer aber glaubt, es sei in der Ordnung, »seine Wahrheit« dadurch zu fördern, daß fremde Meinungen mit Gewalt unterdrückt werden, der möge eben diese Straße wandeln. Die Anarchisten werden die ihrige gehen.

Aus: "Die Zukunft" 5.1.1895

Originaltext: www.twokmi-kimali.de/texte/landauer_anarchismus_in_deutschland.htm

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