Gustav Landauer - Drei Flugblätter (1913)

1.Was will der Sozialistische Bund?
2.Was ist zunächst zu tun ?
3.Die Siedlung

Was will der Sozialistische Bund?

Der Sozialistische Bund will all die Menschen zusammenfassen, die mit dem Sozialismus Ernst machen wollen.

Man hat euch gesagt, die sozialistische Gesellschaft könne erst in einem unbestimmten, fernliegenden Zeitpunkt an die Stelle der Ausbeutung, der Proletarisierung, des Kapitalismus treten. Man hat euch auf die Entwicklung verwiesen. Wir sagen: Der Sozialismus kommt gar nicht, wenn ihr ihn nicht schafft. Es leben welche unter euch, die sagen: Erst muß die Revolution kommen, dann kann der Sozialismus beginnen.

Aber wie? Von oben her eingeführt? Staatssozialismus? Wo sind die Organisationen, die Anfänge, die Keime zu sozialistischer Arbeit und gerechtem Austausch unter sozialistischen Arbeitsgemeinden ? Nirgends sind auch nur Spuren, auch nur Gedanken daran, auch nur Erwägungen der Notwendigkeit zu sehen.

Sollen wir in jenem Zeitpunkt auf die Advokaten, die Politikanten, die Vormünder des Volkes angewiesen sein ? Die Völker haben von jeher üble Erfahrungen mit ihnen gemacht. Wir sagen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Wir warten nicht auf die Revolution, damit dann Sozialismus beginne, sondern wir fangen an, den Sozialismus zur Wirklichkeit zu machen, damit dadurch der große Umschwung komme!

Alle Organisationen, die sich das arbeitende Volk bisher geschaffen hat, sind Organisationen zum Kampf ums Leben innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Sie sind notwendig, damit die einzelnen Individuen und Branchen weiter existieren können und kleine Vorteile erringen; aber aus dem Kreis des Kapitalismus führen*sie nicht heraus; in den Sozialismus führen sie nicht hinein.

Der Marxismus, der eine so große und verhängnisvolle Rolle in der Arbeiterbewegung spielt, hat vorausgesagt: Die Proletarisierung wird immer mehr um sich greifen, die wirtschaftlichen Krisen werden immer stärker werden, der Konkurrenzkampf der Unternehmer wird immer strenger, die Zahl der Unternehmungen immer kleiner: Der Zusammenbruch des Kapitalismus müsse so kommen. Wie ist es in Wahrheit gekommen ? Wie kommt es immer mehr? Was tut der Staat? Er schleift dem Elend, wenn es gar zu groß wird, die Ecken ab; er sorgt durch Versicherungs-, Schutz- und Gewerbegesetze aller Art, daß der Kapitalismus nicht an seinen schlimmsten Konsequenzen zu Grunde gehe; daß es mit unserem System der Ungerechtigkeit und der sinnlosen Produktion und Verteilung der Güter weitergehen kann. Es geht weiter mit dem Kapitalismus, das ist der Erfolg dieser gesetzgeberischen Arbeit. Es geht weiter mit dem Kapitalismus - das ist der Erfolg auch der gesetzgeberischen Arbeit der Arbeiterklasse und ihrer Vertreter.

Was tun die Unternehmer?

Sie sorgen durch Truste, Syndikate, gegenseitige Versicherungen und Verträge aller Art dafür, daß die Prophezeiung der marxistischen Stubengelehrten zu Schanden wird; sie machen sich keine unnötige Konkurrenz, sie helfen einander, sie machen sich nicht durchweg einander tot, sie halten sich vielfach einander am Leben, und sie schränken die Krisen ein, wie sie die Produktion einschränken. Das alles vielfach auf Kosten der Arbeiter; ganz gewiß aber auf Kosten des Sozialismus. Es geht weiter mit dem Kapitalismus.

Was tun die Arbeiter in ihren wirtschaftlichen Organisationen und Kämpfen ? In ihren Gewerkschaften ? In ihren Gewerkschaften sind sie innerhalb des Kapitalismus organisiert; je nach den Branchen und Proletariergruppen, die der Kapitalismus braucht. Durch ihre Versicherungen und Kassen, durch die Verbesserung ihrer Verhältnisse, ihrer Lebenslage sorgt bald da, bald dort eine Branche, daß die schlimmsten Schrecken gemildert werden, daß es weitergeht - womit? Mit dem Kapitalismus!

Denn was die einzelnen in ihrer Rolle als Produzenten gewinnen, das verliert die Gesamtheit des Volkes, und vor allem des arbeitenden Volkes als Konsumenten. Wer zahlt alles, was der Unternehmer seinen Arbeitern zahlt? Der, der die Waren braucht: der Arbeiter als Konsument.

Das alles ist nötig, solange wir im Kapitalismus tief drinnen sind. Aber es führt uns nicht heraus; es hält uns nur immer fester und fester darin. Was führt uns zum Sozialismus?'

Der Generalstreik!

Aber ein Generalstreik ganz anderer Art, als er gewöhnlich im Mund der Agitatoren und im Herzen der schnell hingerissenen Masse wohnt - die abends Beifall klatscht und morgens wieder zur Fabrik trottet. Generalstreik, der gewöhnlich gepredigt wird, heißt: Mit verschränkten Armen abwarten, wer stärker ist und es länger aushaken kann: die Arbeiter oder die Kapitalisten.

Wir aber sagen offen: Mehr und mehr kommt es durch die Organisationen der Unternehmer dahin, daß die Kapitalisten es aushalten können, die Arbeiter aber nicht. In den kleinen Streiks geht es so, in den großen geht es erst recht so, und im passiven Generalstreik würde es nicht anders gehen. Überlege sich's jeder, mit offenen Augen! Es tut weh, die Augen weit aufzumachen und die Wahrheit zu sehen, wenn man sich an die Dämmerung und die schlechte Beleuchtung gewöhnt hat - aber es tut verdammt not!

Wir künden euch, ihr Arbeiter, den aktiven Generalstreik! Nicht von der Aktion ist hier die Rede, die wohl viele als notwendige Konsequenz des Generalstreiks gleich hinter oder neben ihm sehen. Wir fangen nicht mit dem Ende an, sondern mit dem Anfang. Es ist ja noch gar nichts für den Sozialismus geschehen, es ist noch gar nicht das geringste von ihm getan worden: wofür wollt ihr denn kämpfen und euch umbringen lassen ? Für die Herrschaft irgendwelcher Führer, die dann wohl wissen werden, was sie wollen ? was sie tun ? wie sie eure Arbeit und die Verteilung der Güter, die ihr braucht, anordnen ? Wäre es nicht besser, das alles wüßtet und tätet ihr selber? Die Aktion der arbeitenden Menschen heißt Arbeit! Im aktiven Generalstreik sind die Arbeiter so weit, daß sie die Kapitalisten aushungern, weil sie nicht mehr für den Kapitalisten arbeiten, sondern für die eigenen Bedürfnisse.

Ihr Kapitalisten, ihr habt Geld? ihr habt Papiere? ihr habt Maschinen, die leer stehen? Eßt sie auf, tauscht sie untereinander, verkauft sie euch gegenseitig -macht was ihr wollt! Oder - arbeitet! Arbeitet wie wir. Denn Arbeit könnt ihr von uns nicht mehr bekommen. Die brauchen wir für uns selbst. Wir haben sie nicht mehr im Rahmen eurer unsinnigen Wirtschaft, wir verwenden sie für die Organisationen und Gemeinden des Sozialismus.

So wird es einmal heißen. Dies und nichts anderes kann der Anfang des Sozialismus sein. " O weh! das ist ein weiter Weg. Jetzt sollen wir erst anfangen ? Und wir dachten, wir seien schon nahe am Ziel!" Wie könnt ihr nahe am Ziel sein, da ihr noch keinen einzigen Schritt getan habt?

Begebt euch nur auf den Weg: Und gleich seht ihr das Ziel leibhaft vor euch. Der allererste Schritt ist: Daß ihr die Wahrheit hört. Sie schmeckt bitter, wie manche Wurzel, aber wenn sie wächst, wird sie süße Früchte tragen. Dies ist unser erstes Wort an euch, aber ihr sollt mehr hören. Ganz genau soll euch gesagt werden, wie man aus dem Kapitalismus austritt, wie man ihm den Dienst verweigert, wie man den Sozialismus beginnt, wie man ihn fortführt, bis der Kapitalismus - aus innerer Einsicht oder aber aus äußerer Notwendigkeit - zur Kapitulation gezwungen ist.


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Was ist zunächst zu tun ?

Wir wollen mit dem Sozialismus Ernst machen. Was also ist zunächst zu tun?

Dem deutschen Volk fehlt jeder Mut, jede Initiative, jeder Glaube an die freie Tat. Auch die Besten unter ihnen haben sich ans Warten gewöhnt; bei jedem Vorschlag zu selbständiger Handlung fragen sie gleich: "Aber was wird man uns in den Weg legen ? " Die einen warten auf das, was sie Revolution nennen; die ändern auf die Entwicklung; die dritten auf die Dummheiten der Gegner; die vierten auf Parlament und Regierung. Und eine heillose Angst haben sie fast alle vor dem, was sie das Experiment nennen, vor den Fehlschlägen und vor den Niederlagen. Und vor lauter Angst vor den Niederlagen merken sie nicht, daß das, was sie in fünfzig Jahren getan und nicht getan haben, nichts ist als eine einzige große, fortgesetzte Niederlage.

Nur wer die Niederlagen nicht fürchtet und sich von vornherein vornimmt: sie sollen vorübergehend sein, sie sollen nicht zurückschrecken, nur wer fröhlich und zuversichtlich vorwärts marschiert, kann siegen. Wo ist bei uns in Deutschland die Unternehmungslust, die freudige Erwartung des Großen, das man selber tun wird, die Zuversicht? Wo nur der Glaube an die eigene Sache ?

Die Bewegung in Deutschland, die sich bisher die sozialistische genannt hat, hat längst keine Frische und keine Farbe mehr. Ihre Farbe sei rot, sagen sie und befestigen sie eifrig an Kränzen, die sie edlen Toten widmen. Rot mag ihre Erinnerung sein; ihr Leben ist grau. Was also ist zunächst zu tun ? Die mit dem Sozialismus Ernst machen wollen, aus tiefster innerer Not und aus schönstem inneren Reichtum heraus Ernst machen wollen, müssen sich sammeln zu Sozialistischem Bunde. Wollen, wirklich wollen, ist dasselbe wie tun. Wir reden hier nicht von denen, die " Sympathien haben " oder die "gerne möchten " oder "freudig begrüßen " oder " anstreben " oder wie die aufschiebenden Redensarten alle heißen. Wir reden von der Sammlung derer, die wollen und also beginnen.

Wer also will mit uns sein ? Wer fühlt, daß die Armut eine Schande sei für jeden von uns ? Daß die Art, wie bei uns die Güter produziert werden, nicht um der Gemeinsamkeit des Bedarfs willen, sondern um der einzelnen willen, die sich bereichern und Machthaber sein wollen, ein ruchloser Unsinn ist ? Wer merkt, daß die Schuld aller, der vergangenen Geschlechter und derer, die jetzt lebendige Menschen sind, ihn aus der heulenden Stimme des Trunkenbolds anbrüllt, ihm aus den Augen der Dirne ins Gesicht sieht, ihn anstarrt aus den vergitterten Fensterhöhlen der Zuchthäuser? Wer geht durch all diese Zeit mit Ekel und Ingrimm ? Und wem ist doch dabei im Herzen die Hoffnung, in den Händen der Wille, im Auge das lichte Wissen unzerstörbar ? Wer merkt im tiefsten Innern, daß es uns not tut und daß es uns gelingen muß, eine Gemeinsamkeit, ein Volk, ein Ganzes höherer Ordnung zu schaffen, das weitaus etwas anderes ist, als was sich heute Deutsches Reich nennt? Wer so einer ist, zögre keinen Augenblick. Er gehört zu uns, er komme zu uns, wandre mit uns; schaffe Freude mit uns ringsum und siege mit uns!

Was wir heute Sozialistischen Bund nennen, das soll einmal unser Volk, unser ganzes Volk sein.

Heute sind wir wenige; einst wollen wir alle sein. Obwohl wir wenige sind, gilt es zu beginnen; weil wir wenige sind, muß klein begonnen werden. Haben wir aber erst begonnen, zeigen wir allen, die uns sehen können, was Sozialismus, was Freude, was Gemeinschaft ist, oh! Das wissen wir: Dann werden wir bald viele sein. Wir beginnen mit dem Sozialismus, indem wir aufhören, Knechte des Kapitals zu sein. Wir beginnen mit dem Sozialismus, indem wir nicht mehr als Lohnarbeiter für den Warenmarkt produzieren. Die eigene Arbeit um des schönen Lebens und der inneren Seligkeit willen zusammen mit arbeitenden und helfenden Menschenbrüdern und Schwestern in den Dienst des eigenen Verbrauchs stellen - das ist der Beginn des Sozialismus.

"Wie kann das geschehen? Wie ist das möglich? Wo nehmen wir die Maschinen, die Fabriken, den Boden, das Geld her?"

Hättet ihr seit fünfzig Jahren gewußt, daß der Sozialismus nur kommt, wenn man ihn tut, ihr würdet heute nicht mehr so fragen. Wir werden euch einmal die Geschichte des Verhältnisses zwischen der Sozialdemokratie und den Genossenschaften erzählen, werden euch die Aktenstücke vorlegen und werden euch sagen: Einst war die Sozialdemokratie auf Grund der unsinnigen Lehren von Karl Marx der Todfeind der Genossenschaften, heute werden die Genossenschaften in manchen Bezirken schon fast von Partei wegen gegründet, obwohl die Genossenschaftsbewegung immer noch das Stiefkind der Sozialdemokratie ist. Aber doch haben die Arbeiter, die ihren Konsum zusammengetan haben, schon eigene Fabriken, Großbäckereien, Schlächtereien, eine Großeinkaufsgesellschaft mit eigenen Dampfern. Wo kam das Geld her zu diesen vielen Grundstücken, Baulichkeiten, Fabriken und Maschinen ? Sie haben ihre Kundschaft organisiert! Kundschaft ist Kredit; Kredit ist wirtschaftliche Macht. Die organisierte Kundschaft ist der Arbeitgeber im beginnenden Sozialismus; anders und besser ausgedrückt: Im Sozialismus wird für den Konsum produziert; die Arbeitgeber sind die Konsumenten, die Arbeitnehmer die Produzenten; und beides sind dieselben Personen, und es gibt keine Arbeitgeber und Arbeitnehmer mehr. Heute wollen die Konsumenten billige Preise, und die Produzenten hohe Löhne, und sie merken nicht, daß das so ist, wie wenn einer seinem Bild im Hohlspiegel eine Ohrfeige geben will und sich selber schlägt. Im beginnenden Sozialismus wird der verzerrende Spiegel des Zwischenwuchers zerschlagen, und Konsument und Produzent erkennt sich als dieselbe Person. Den Bund der Konsumenten also gilt es zu scharfen, die für sich selber produzieren: Dann habt ihr Grundstücke und Fabriken, Maschinen und "Geld". Ihr gebt dem Fabrikanten eure Arbeitskraft, der gibt euch Lohn, und dem Kaufmann gebt ihr Geld für die Waren, die ihr braucht. Ist es nicht das einfachste Rechenexempel, daß, wenn ihr die Reihenfolge umkehrt und also damit beginnt, euch selbst das Geld für die Waren, die ihr braucht, zu geben, daß ihr dann euch selbst den Lohn geben könnt und daß ihr euch selbst eure Arbeitskraft zur Verfügung stellen könnt? Und daß es dann keine Waren mehr gibt, weil es keinen Zwischenhändler und keinen kaufmännischen Gewinn mehr gibt, und keinen Lohn und kein " Geld " und keine Arbeitnehmer und Arbeitgeber?

Nicht die Lohnkämpfe der für den Kapitalismus Produzierenden schaffen den Sozialismus. Der Sozialismus beginnt mit der Organisation des Konsums. Die Organisation des Konsums schafft den für ihre Gemeinsamkeit arbeitenden Menschen die wirtschaftliche Macht und ihren Sachausdruck: gegenseitigen Kredit, Grundstücke, Baulichkeiten, Fabriken, Maschinen und alles, was not tut. Die Organisation des Konsums nimmt den schmarotzenden und anhäufenden Machthabern die wirtschaftliche und damit jegliche Macht: das Kapital, den Wert ihres Geldes, die Arbeiter, die Möglichkeit, ohne produktive Arbeit zu leben.

Hätten die Sozialisten damals, als die Bewegung noch jugendlich war, als sie noch in Verbindung stand mit den politischen Revolutionen, welche Verhältnisse und Menschen zu schnellem Umschwung befähigten, gewußt, was wir heute wissen, eingesehen, was der größte Sozialist, Proudhon, ihnen damals so sagte, wie wir es heute endlich in später Stunde wiederholen: Sozialismus ist nicht eine Sache der Forderung und des Abwartens, sondern des Tuns, und wäre in diesen fünfzig Jahren fortgesetzt, tapfer und freudig im Anschluß an das, was die arbeitenden Menschen verbrauchen, erst der Austausch und dann die Produktion des Sozialismus organisiert worden: Wahrlich! Dann wäre in dieser Zeit längst die letzte große Frage des Sozialismus reif zur Lösung geworden, die Frage, die nicht durch den bloßen Zusammenschluß der Konsumenten-Produzenten zur Entscheidung gebracht werden kann. Der Zusammenschluß der Menschen durch Organisation ihres Konsums und damit ihres Kredits schafft die wirtschaftliche Macht, die das Kapital ersetzt und das feindliche Kapital zerstört. Alle Weiterverarbeitung der Rohprodukte ist so den Monopolisten aus der Hand zu nehmen. Bleibt aber der Kampf gegen die Monopolisten ersten Grades, um die Gewinnung der Rohprodukte und der notwendigsten Lebensmittel. Bleibt der Kampf um die Natur, die nicht von Menschen geschaffen werden kann; um das, was allen Menschen von Natur wegen gehört: um den Grund und Boden. Längst, sagen wir, wäre diese eigentliche Kernfrage des Sozialismus reif zur Lösung geworden, und mit ihr wären auch die großen politischen Fragen gelöst worden, wäre Freiheit und Selbstbestimmung des Volkes gekommen: Volk und Land! Land und Freiheit! Erst wenn die Volksgemeinden den Boden haben, wie sie ihn in allen Ländern einmal gehabt haben, ist Volkstum und Freiheit geschaffen. Den heute bestehenden Genossenschaften fehlt vielfach der Geist des Sozialismus; es fehlt ihnen der Wille und das Ziel; und statt dessen haben sie etwas, das schlimmste Gift für Deutsche: den Geist der Bürokratie. Diese Genossenschaften sind sich Selbstzweck geworden, der Geist ist in ihnen erstickt in Kleinlichkeiten; in ihnen waltet die Beziehung von Herren und Knechten, von Obrigkeit und Angestellten, von kaufmännischen Veranstaltern, die recht viel verkaufen wollen, und einer Masse von Mitgliedern, die recht viel kaufen sollen; und nur wenige wissen davon, daß diese Verbände alle Formen unseres äußeren Lebens zu erschüttern berufen sind, aber nur dann, wenn die Beteiligten allesamt aus innerer Erschütterung, aus großem, heiligem Willen heraus ans Werk gehen. Sie aber kommen nicht hinaus über das Verhältnis von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, sie haben ihre Knechtsgewohnheiten und Rachegefühle und ihre schnell erlernten Herrenmanieren mit in die Genossenschaft gebracht; und wer das Verhältnis der Konsumgenossenschaften zu den für sie und in ihnen produzierenden Arbeitern kennt, der weiß nicht, was schlimmer ist: das Verhalten der organisierten Arbeiter in ihrer Rolle als Arbeitgeber oder das Verhalten der in den Gewerkschaften organisierten Arbeitnehmer gegen die Genossenschaften.

Es ist nicht anders: Was wirklich zum Ziele führen will, muß im Geist beginnen und muß darum klein beginnen.

Wo der Zentralismus und die Bürokratie herrschen, ist keine Gemeinschaft, kein Zusammenwirken, keine Entfesselung freudiger Kräfte. Aber doch, obwohl diesen Genossenschaften der rechte Geist, das rechte Ziel und die rechte Grundlage fehlt, obwohl in ihnen die große Masse der Mitglieder nur als Zahler und Käufer gelten, ist die Genossenschaft die einzige Organisationsform unserer Zeit, in der - als Form -sozialistischer Beginn ruht. Zusammenschluß der Verzehrer, um für den eigenen Bedarf, statt für den kapitalistischen Markt zu arbeiten: Wissen die Genossenschafter erst, daß sie das und nichts anderes tun, dann werden sie die unsern sein. Einstweilen sind sie wie die Märchenprinzen, die ein schönes Land suchen und darin sind, ohne es zu wissen: weil sie vom Falschen umnebelt sind.

Soll ihnen und all den ändern gezeigt werden, was ihnen fehlt, so darf es nicht bloß gesagt werden. Gesagt ist es schnell: Ihnen fehlt der Boden und der Geist.

Viel mehr als in den bürokratischen Genossenschaften, die in Verwaltung und Mitgliedermassen zerfallen, ist der Sozialismus schon zu Hause in den kleineren Gruppen, die im Anschluß an Lohnbewegungen, Streiks oder auch bloß um des reineren Lebens und der Propaganda willen aus der kapitalistischen Produktion austreten und für den eigenen Bedarf oder die Arbeiterkundschaft arbeiten. In Deutschland gibt es bisher kaum Beispiele dafür; aber jetzt schon in der Schweiz, in Frankreich und all den ändern Ländern, von denen wir, die am schlimmsten an dumpfe, knechtische Unternehmungslosigkeit gewohnt sind, viel lernen müssen.

Bei jeder wirtschaftlichen Bewegung in all den Branchen, die notwendige Bedürfnisse herstellen, sollten sich die Beteiligten fragen: Ist nicht jetzt eine Gelegenheit, nicht bloß für Tage, sondern endgültig dem Kapitalismus Arbeit zu entziehen? Denn die Beteiligten sind nicht bloß die Produzenten, die in den Streik eingetreten sind, sondern ebenso die vielen Konsumenten, die sie auch heute schon manchmal durch den Boykott unterstützen. An den Boykott aber muß sich die Organisation des Konsums und die Eigenproduktion für die organisierten Konsumenten anschließen. Sonst ist das Resultat nur: eine vorübergehende Erhöhung der Löhne für die Produzenten und eine dauernde Verteuerung der Preise für die Konsumenten.

Und bei jeder wirtschaftlichen Bewegung, bei jedem Streik sollten sich die Beteiligten fragen: Können wir nicht in der Zeit des Stillstands etwas für uns selber, für unsere Gemeinsamkeit arbeiten und einrichten? Können wir nicht Anstalten zu gemeinsamem Konsum treffen, und wenn's nur Suppenküchen für den Anfang wären, die wir aus eigenen Kräften besorgen und aufrechterhalten, auch wenn der Streik zu Ende ist?

Das alles sind kleine Anfänge, Keime, Zellen. Aber wie viel geschieht da, wenn erst der Geist der Initiative, des frohen Schaffens, der Unternehmungslust, der Hoffnung über das Volk, über die Massen kommt!

Freude, Hoffnung und Zuversicht leben in uns vom Sozialistischen Bunde, und wir wollen sie um uns verbreiten. Genug des Zagens, genug und zuviel des Wartens auf andere. Voran mit allem, was zu neuem Leben hilft; dann folgen die ändern, wenn sie uns am Werke sehen.

Die Zerstörung aller Hindernisse kommt, wenn sie wirkliche Hindernisse sind, wenn wir nämlich ganz dicht, so daß nicht der kleinste Zwischenraum mehr ist, bis zu ihnen herangerückt sind. Jetzt sind sie nur Hindernisse der Voraussicht, der Phantasie, des Bangens. Wir sehen schon: Das und das und das wird man uns, wenn's erst soweit ist, in den Weg legen und - und ? - und [wir] tun gar nichts, als höchstens bellen. Wenn es erst so weit ist? Läßt's doch erst so weit sein!

Wer will dir denn Gewalt antun, du Volk, wenn du's nicht selber bist? Die wenigen sollen doch vorangehen, damit sie die vielen werden. Dann kommen sie schließlich zur Mitte ihres Weges, und siehe da! Ihre Feinde sind verschwunden oder wenigstens der nötigen Truppen entblößt.

Wo mögen die Truppen hingekommen sein? Sollten sie nicht darum verschwunden sein, weil wir mehr geworden sind? Sollten die früheren Feinde nicht jetzt in unseren Reihen sein ?

Ist es nicht wie ein Echospiel? Was fürchtet das Volk? Das Volk! Wer hindert die Massen? Die Massen! Ihr selbst seid eure Feinde! Baut, wachst und sammelt euch! Jeder unter euch zählt doppelt: Wer zum Sozialismus geht, gibt ihm einen Freund und nimmt ihm einen Feind.

Längst solltet ihr wissen, daß all eure Knechtschaft eine freiwillige ist, und daß niemand euch wahrhaft hindert als ihr euch selbst. Wer im rechten Geiste baut, zerstört im Bauen die stärksten Hindernisse.

Wenn alle, die den Sozialismus erstreben, ihn wirklich wollen, das heißt tun, sind wir unüberwindlich. Einstweilen, bis wir alle haben, wollen wir viele gewinnen, wollen wir wenigen tun.

Der echte, ganze, lebendige, aus dem Geiste geborene und den Geist wiederum zeugende Sozialismus erwacht in der sozialistischen Siedlung; und von ihr aus leuchtet er weit hinaus ins Land und ins Volk.


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Die Siedlung

Wir wollen Siedlungen gründen; wir wollen, daß die Arbeiter Landarbeit, auf dem Feld und in den Gärten, und Industriearbeit, in Werkstätten und Fabriken, vereinigen; wir wollen recht viele, nach Möglichkeit alle unsere Bedürfnisse selbst herstellen.

Man fragt, wo wir den Boden hernehmen ? Ja freilich, das muß man fragen, denn der Boden ist den Massen der arbeitenden Menschen genommen worden, und die Proletarier in den furchtbaren Massenanhäufungen der Großstädte und Industriestädte meinen, das müsse so sein und sei immer so gewesen.

Es ist aber nicht immer so gewesen und darf nicht so bleiben.

Es ist noch gar nicht so lange her, daß man die arbeitenden Menschen, daß man Männer, Frauen und Kinder mit Gewalt und List vom Lande vertrieben hat. Zweierlei Interessen, zweierlei Gewalthabern wurde damit gedient: Die Landjunker hatten Landhunger, und die Industrieherren und Schlotbarone hatten Menschenhunger. Auf dem Lande waren zu viel Menschen, die kleine Stücke Boden zu eigen oder zu Gemeindebesitz hatten, und in den Städten waren zu wenig Menschen, die in den Fabriken fronten.

In den revolutionären Bewegungen, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich her begannen, wurde der ländlichen Leibeigenschaft ein Ende gemacht. Aber die Herren und die Art des Frondienstes haben nur gewechselt; noch immer ist es der Großgrundbesitz, ist es der Bodenraub, der die Ungerechtigkeit und das Elend zuwegebringt. Der Boden ist ganz etwas anderes, als was man Kapital nennt.

Kapital ist zweierlei: erstens Arbeitsprodukte in Form von Wohnungen, Fabriken, Werkzeugen, Maschinen, die man zu weiterer Arbeit braucht; zweitens Kredit, gegenseitiges Vertrauen, das die Produktion und den Austausch der Güter ermöglicht. Kapital also ist Kundschaft, ist vereinigter Konsum und sind Arbeitsprodukte, die, immer wieder erneuert, von Arbeitern hergestellt werden. Heute freilich ist das Kapital Zins und Wuchergeld, weil das Zeichen des erwarteten Produkts, das Mittel des Tausches zum König und Erpresser gemacht worden ist; aber das Volk könnte dem Unwesen durch die Vereinigung seines Konsums, durch die Organisation seines gegenseitigeit, unentgeltlichen Kredits sofort ein Ende machen, für seinen eigenen Bedarf arbeiten und aus dem "Kapitalismus" austreten, wenn es den Boden hätte! Die Gesellschaft kann nur kapitalistisch sein, weil die Massen ohne Boden sind.

Der Boden nämlich ist kein Kapital, ist ganz etwas anderes als Kapital. Der Boden, aus dem alles kommt, was die Industrie dann weiter verarbeitet, und aus dem all unsere Lebensmittel kommen, ist ein Stück Natur, wie die Luft, die wir atmen, wie das Licht und die Wärme, ohne die kein Leben ist.

Wie die Luft und das Licht müssen die Erde und das Wasser frei sein. Das wissen alle Menschen von jeher und werden es in alle Zeiten hinein wissen. Niemals wird es in den Kopf eines Menschen wirklich hineingehen, daß der Boden etwas sei, das einzelnen Menschen gehören und Massen nicht gehören kann. Er gehört allen - er gehört keinem.

Diese Herrenlosigkeit des Bodens, die von Natur aus ist, braucht durchaus nicht die Form des Gemeineigentums anzunehmen, man darf sich das beileibe nicht so vorstellen, als ob nun jeder Besitzer von seinem Erbe vertrieben werden solle, oder als wenn gar niemand mehr ein Hemd am Leibe oder Stiefel an den Füßen haben dürfe, weil das ja auch Bodenprodukte seien!

Die den Sozialismus verwirklichen wollen, dürfen keine Kinder und schwärmerischen Pfuscher sein. Alle Kultur beruht von jeher auf dem Besitz, und gegen den Besitz, sei es nun Gemeindebesitz oder Privatbesitz, ist nichts einzuwenden, sondern gegen die Besitzlosigkeit!

Die Herstellung der Herrenlosigkeit des Bodens oder des allgemeinen Besitzes an Boden und Bodenprodukten kann nur in der Form vor sich gehen, daß in allen Landstrichen von Zeit zu Zeit eine Neuaufteilung des Bodens erfolgt. Das wird die Aufgabe der Gemeinden, der Kreise, der Provinzen sein, und vielfach wird an altes Recht angeschlossen werden und verjährtes Unrecht wieder gut gemacht werden. Das Stück Natur, das allen gehört, den Boden, können wir nur wiedererlangen, wenn das Stück Natur, das wir selber sind, ein anderes wird; wenn ein neuer Geist des Ausgleichs, der Erneuerung aller Lebensbedingungen, über uns kommt.

Dann kommt wieder wirkliche Kultur, und sie wird nicht aussehen wie das Hirngespinst und das Wortgemälde derer, die ins Allgemeine und Nebelhafte drauflos und drumherum schreiben, sondern sie wird eben eine Wirklichkeit, das heißt Vorläufiges, Veränderliches und Bewegliches sein.

Heute machen sich die Menschen, die Freunde ganz ebenso wie die Feinde des Sozialismus, die fabelhaftesten Vorstellungen von dem Aufhören des Privateigentums an Grund und Boden. Das kommt daher, daß sie als Ungläubige und Tatlose immer nur ans Vollendete, ans sogenannte Ganze, ans letzte Ende denken, statt an den allerersten Anfang, das Handanlegen und Durchsetzen. Unter uns Menschen und in der Natur überhaupt gibt es keine fertigen Gebilde, nichts Rundes und Abgeschlossenes. Rund und geschlossen sind nur Wörter, Bilder, Zeichen und Phantasien. Die Wirklichkeit ist in der Bewegung, und der wirkliche Sozialismus ist immer nur beginnender, ist immer nur ein solcher, der unterwegs ist. Die Gemeinden werden sich in ihrer Gemarkung umsehen, und die Ältesten werden begehrlich und mahnend von alten Zeiten erzählen; die Stadtproletarier werden ihr Blut wieder in sich rauschen fühlen und werden spüren, daß es Bauernblut ist, und viele, viele werden wieder mit Sack und Pack in die Dörfer und kleinen Städte ziehen und dort in den Dorffabriken, den Werkstätten und zugleich in den Feldern und den Gärten arbeiten. Die Bauern brauchen Menschen, Geist, Bildung, Regsamkeit, Freiheit; und die heute entwurzelten und haltlosen Proletarier brauchen Land, Charakter, Verantwortlichkeit, Natur und Liebe zur Arbeit und Freiheit. Und auch die Menschen der geistigen Arbeit werden kommen, die Künstler, die Gelehrten, die Stubenhocker, die Tagelöhner und Prostituierten des Geistes. Sie werden wieder solche werden, die ihre Feierstunden und ihren Aufschwung und ihre Einsamkeit für sich haben, die aber in den vielen langen Stunden des Alltags ihr Wissen, ihre Technik, ihre Arbeit mit ihren Menschenbrüdern in der Gemeinde vereinigen werden.

Wir sind längst imstande, in allen Kulturländern von unten auf die Verteilung des Landes und seiner Produkte in Einklang zu bringen mit der Bevölkerungszahl; und dieser große Ausgleich ist die Aufgabe, die vor uns steht. Womit aber beginnen wir? Wie führen wir das durch? Sagen, predigen, anfeuern, fordern, schreien ?

Dagegen soll gar nichts gesagt werden; es wird gut und nötig sein; denn lange genug ist die einfache Wahrheit mit allerlei politischem und angeblich wissenschaftlichem Kram verschleiert worden. Und flüstern und denken und in Gedanken und Erfahrungen und Kenntnissen weiterspinnen wollen wir das alles auch. Aber das ist nicht genug; das ist für die Pioniere, für alle, die mit Herz und Seele am Sozialismus hängen, nicht das einzige, nicht das wichtigste. Was wir Sozialismus nennen, ist freudiges Leben in gerechter Wirtschaft. Die Menschen wissen heute nicht, erleben es nicht mit dem wahrhaften Wissen des Dabeiseins und Erfassens, mit dem Wissen, das Neid und Lust und Nachahmung mit sich führt, was das ist, freudiges, schönes Leben. Wir müssen es ihnen zeigen.

Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land- und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsere Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserem neuen, dem sozialen Markt tauschen und den kapitalistischen vermeiden.

Wir wollen Vorausgehende sein, wir wollen uns in Bewegung setzen, und durch unsere Bewegung wollen wir die Massen bewegen. Da war einmal ein weites, flaches, weißes, leichenhaftes, unbewegliches Schneefeld. In der weiten Fläche standen da und dort Schneemänner, die hielten Reden an das Schneefeld und erschütterten die Luft und hielten auch Reden an die Felsblöcke, die wie kahle Egoisten einsam und unzugänglich sich erhoben. Und es veränderte sich nichts. Da aber fingen ganz hinten ein paar Schneeflöckchen an, sich zu vereinigen und sich zu bewegen. Das breite Feld rührte sich nicht, aber es murrte: "Egoisten, die für sich wirtschaften wollen! Lösen sich von der großen Masse los! Was wollen die paar verlorenen Flocken!" Aber die Bewegung der wenigen, die wirkliche Bewegung hatte etwas geschaffen, was vorher nur dem Namen nach da war: Bewegung; denn freilich, ihr totes Ruhen und die Reden ihrer Schneemänner hatten sie schon ihre Bewegung genannt. Nun aber war wirkliche Bewegung durch diese Absonderung, dieses Losgehen der wenigen, gekommen, und es wurden mehr und mehr, und bald war wie mit einem Mal das ganze ungeheure Schneefeld in unaufhaltsame Bewegung gebracht und brauste wie ein ungeheurer Strom talabwärts.

Arbeitende Menschen, die ihr in Berufsverbänden, in Gewerkschaften, die ihr vor allem in euren Konsumgenossenschaften vereinigt seid; ihr seid bisher viel zu zaghafte Sozialisten gewesen, und eure revolutionäre Gesinnung, die ganz aufs Wort und auf die Hoffnung gestellt ist, war vielleicht das Zaghafteste an euch. Sozialismus ist neue Wirtschaft; und neue Wirtschaft muß begonnen werden. Vereinigt euren Konsum, damit ihr euch aus Überschüssen und aus Kredit - organisierte Kundschaft schafft Kredit - die Eigenproduktion für eure Bedürfnisse schafft. Vereinigt euren Konsum, damit euch eure Produktion nicht nur Weiterverarbeiten und Formveränderung sei, sondern das Gewinnen der Naturstoffe aus dem Boden selbst. Schafft euch Land an! Besiedelt das Land! Geht zu den Bauern und erweckt sie aus ihrem Schlafe. Sie sind in Zeiten, die noch nicht lange vergangen sind, die noch in unsern sind, ihres besten Blutes, ihrer besten Köpfe beraubt worden. Schaff dir wieder das Wissen, du deutsches Volk, daß ihr zusammengehört: Bauern, arbeitsame Bürger, Stadtproletarier und geistige Arbeiter! Sind solche Siedlungen erst aus der gewaltigen Macht vereinigter Bedürfnisse geschaffen worden, ist das Freudenleben des Wirtschaftens in neu vom Geiste belebten Gemeinden erst da, dann wird es nicht mehr die Hoffnung in die Ferne sein, was die Massen erfüllt, sondern der Neid auf das, was sie greifbar um sich sehen: An allen Enden, in allen Gegenden sozialistische Anfänge, Vorbilder der Kultur. Dann wird die Frage wie eine Brandung emporschwellen: Wo nehmen wir den Boden her? Und dann wird im ganzen Volke durch Beschlüsse der kleinen und großen Gemeinschaften die Neuaufteilung des Bodens, die Zerschlagung des Großgrundbesitzes, die soziale Regulierung, wie sie von Zeit zu Zeit immer vorgenommen werden muß, beginnen. Darum ist unsre Zeit so träge, so unersprießlich, so zerrissen und unglücklich, weil wir zu lange schon in Passivität verharren, weil wir unsre große Aufgabe: den Besitz der Bevölkerungszahl anzupassen, zu lange schon aufgeschoben haben. Der Boden ist Natur und keines Menschen Eigentum; verjährtes Unrecht muß von Zeit zu Zeit immer wieder ins Gleiche gebracht werden. Raffen wir uns zur Aktivität auf; treten wir durch Vereinigung unseres Konsums aus dem Kapitalismus aus; schaffen wir das Volk, das heute nicht da ist; bilden wir die ersten Anfänge der neuen Gemeinden, der neuen Gesellschaft, der neuen Arbeit, des neuen Marktes. Das Stück Natur, das allen gehört, den Boden, können wir nur wiedererlangen, wenn unsere eigene Menschennatur sich gewandelt hat: wenn der Geist der Verwirklichung und des Ausgleichs, der Erneuerung aller Lebensbedingungen über uns kommt und wir endlich wieder wissen: Nur die Gegenwart ist wirklich, und was die Menschen nicht jetzt tun, nicht sofort zu tun beginnen, das tun sie in alle Ewigkeit nicht.

Weitere Flugblätter folgen. Wer mehr schon jetzt sich ausdenken will, lese die Zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes

Wer mehr hören und mit Kameraden besprechen will, komme in eine Sitzung der Gruppen des Sozialistischen Bundes.

Wer sicher gehen will, daß er das nächste Flugblatt erhält, gebe seine Adresse einem der unten genannten Kameraden an.

Wer mithelfen will, beziehe Flugblätter von uns und verbreite sie. Wer ein Blatt regelmäßig lesen will, das an alle Fragen vom Standpunkt sozialistischer Verwirklichung herantritt, der abonniere den "SOZIALIST".

Wer im Zusammenhang lesen will, was uns Sozialismus heißt, wie uns die Menschengeschichte und unsere Zustände und der Weg zum Sozialismus aussehen, der lese das Buch "Aufruf zum Sozialismus", das unten angezeigt ist.

Und wer ganz und gar den Weg zum Sozialismus gehen will, der schließe sich dem Sozialistischen Bunde an.

Aus: Gustav Landauer: Die drei Flugblätter des Sozialistischen Bundes, in: Der Sozialist. Organ des Sozialistischen Bundes, Jg. V (1913), Nr.24, S. 185-190.

Originaltext: http://www.twokmi-kimali.de/texte/emma_goldman_minderheiten_weisen_den_weg.htm

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