Gustav Landauer - Stelle Dich, Sozialist!

Anlagen sind tatbereite Möglichkeiten; daß diese Strebungen hinaustreten, Wirklichkeit werden und Wirklichkeit umschaffen, dazu ist Kraft nötig. Hätte jemand gezweifelt, daß unserm Geschlecht alle Anlagen, zum Edelsten wie zu Verruchtesten, noch eigen und daß die Kraft zu Beginn und Durchführen, Initiative und Ausdauer, Schwung und Organisation in den Völkern noch lebendig seien, diese unsre Zeit gäbe ihm beruhigende Sicherheit. Ja, die Möglichkeiten sind da; und danach haben wir unsre Aufgabe, unsre Hoffnung und unsern Vorsatz zu bemessen, nicht nach irgendwelcher zufälligen, ich sage zufälligen Wirklichkeit, die jetzt breit, kolossal und verheerend allen Raum überschwemmt und doch bald wieder als Nichtigkeit gespensticher Art verronnen sein wird.

Für diese ungeheure Bereitschaft der Kinder und aller wachsenden Jugend und, in brausenden Zeiten, aller Lebendigen zu völlig anderm als was gerade da ist, kenne ich kein schlagenderes Bild als das Gleichnis Tolstois, das jedem, der will, starken Trost bringt: ,,Es gibt viele Kirchenchristen, die eher sterben wollten, als daß sie die Hostie in die Mistgrube schütten würden, und wenig wahre Christen gibt es, die eher zu sterben bereit wären, als sich am Menchenmord zu beteiligen. Wenn man imstande war, Menschen vor einem bloßen Ding so viel Ehrfurcht anzuerziehen, so könnte man ihnen doch ebensoviel Ehrfurcht vor dem Menschenleben beibringen."

Seit einem Dreivierteljahrhundert hat sich unter unsern Völkern eine Lehre verbreitet, die trotz allen Verschiedenheiten der Ausprägung, in eben diesem eins ist und darum ihren gemeinsamen Namen Sozialismus führt: daß die Welt, die Geister, die Seelen, die Beziehungen der Menschen unter einander mit einem Schlage, zwischen zwei Generationen anders werden, daß die Menschen sie selbst sein, daß die Möglichkeiten ausschlagen könnten, wenn die Verhältnisse geändert würden. Diese Lehre erkennt, daß die neuen Geschlecter mit all ihren Anlagen jeweils hineingeboren werden in die fest und bedingend gewordene Hinterlassenschaft der Vorfahren und daß es zwar, unter schwersten Kämpfen, den genialen Naturen gelingt, aus dieser Verstrickung ihr eigenes Selbst herauszuarbeiten und, in der genialen Epoche der Jugend wenigstens, zu wahren; daß aber die großen Massen in allen Schichten gar nicht zu sich kommen, sondern von den Bedingungen, wie sie jetzt sind, zu Dingmenschen, zu Gedungenen und zu Knechten und Masken der Verhältnisse gemacht werden. Das scheint mir die wahre, die umfassende Einsicht des Sozialismus zu sein, welcher durchaus allen Menschen im einzelnen wie der Menschheit im ganzen und ihren großen Gesamtheitsgestalten Befreiung und Wirklichkeit bringen will und an keinerlei enge Klassentheorie oder Geschichtsauffassung gebunden ist, und welcher nicht lehrt, es seien die Menschen jeder Zeit, allewege und schlankweg Produkte ihrer Verhältnisse, sondern es seien die Verhältnisse unserer Zeit so beschaffen, daß die Menschen allermeist, sozialistische Theoretiker und Praktiker aber keineswegs immer ausgenommen, zu so gut wie nichts als bedingten Zeitgeschöpfen werden.

Diese Lehre ist nun --- je nachdem man den Verlauf der Zeit in der Geschichte bemißt --- eine lange Zeit oder eine Zeit lang da und hat sich an den wahrhaften Beginn ihres schöpferischen Werkes in all der Zeit nicht gemacht; das sehen in dieser unsrer Zeit wohl auch solche jetzt deutlich, die es bisher nicht sehen wollten. Diese unsre Zeit hätte einen andern Inhalt als sie ihn hat, wenn der Sozialismus schon mehr wäre als das Bild der Schauenden. Nein, auch das kann er nur den allerwenigsten sein; wenn Völkerteile und Führende den Sozialismus auch nur schauten, müßte diese unsre Zeit einen andern Inhalt haben als sie ihn hat.

Wahrlich, seltsam ist es der neuen Lehre unter den Menschen ergangen. Sie ist die Einsicht in das Verhältnis der überlieferten und geronnenen gesellschaftlichen Bedingungen zu den natürlichen Möglichkeiten des an sich immer der Freiheit und immer der Gebundenheit fähigen Menschengeistes. Über den Umfang nun und die Formen der Bedingungen, die gewandelt werden müssen, damit irgendwo eine Anzahl Menschen sich von Unsinn, Verkehrtheit und Qual erlösen, ist von Haus aus nichts ausgemacht. sicher ist nur, daß quantitativ und qualitativ der Kraftaufwand und die Betätigung verschieden sein müssen, je nachdem sich die Zahl derer, die die sozialen Grundlagen ihres Gemeinlebens ändern wollen, verschiebt. Wie entzückend ist das Bild der Leichtigkeit, das man in der Vorstellung haben kann, wenn man sich ausmalt, es könnte eine Internationale von Völkern ihre Gesellschafts- und Wirtschaftszustände revolutionär umwälzen! Wie leicht und schnell scheint die Wandlung eines Ganzen vor sich zu gehen, wenn zunächts nur ein einzelner Staat sich zu sozialistischer Wirtschaft entschlösse! Wie schwer und vielfach gehemmt wäre die Aufgabe einer Schar, die sich sammelte, um, soweit es nur irgend ginge, aus Staat und Kapitalismus auszuscheiden und in neuer Gemeinschaft zu leben!

Noch etwas kam zu dieser Betrachtung, die irgendwo und irgendwie in den Sozialisten vor sich ging und ihnen das Breiteste als das Leichteste und das Kleinste als das Schwerste zeigte, hinzu, um sie unsäglich zu Untätigkeit (die geschäftig genug sein konnte) und abwartender Haltung zu verführen. War nicht das das erschütternd Große am Sozialismus und etwas, was ihn von allen Erneuerungslehren der Vergangenheit zu unterscheiden schien, daß er seine Erfüllung im völlig Konkreten vor Augen sah? Daß er von Jahrzehnt zu Jahrzehnt deutlicher und sicherer gewahrte, wie die technischen Bedingungen, wie die Entwicklungsbahnen der Geschichte zu einigen Menschheit, zu Ineinandergreifen aller Räder, zu einer Gesamtheitswirtschaft allerumfassendster Art führten? Buddha, Jesus und wie sie alle hießen, hatten den Ausnahmemenschen das Unmögliche, das Wunder, das Heroische, das Opfer und die Selbstüberwindung zugemutet; nun aber kam der Sozialismus, der, glatt und plan, leicht und wunderbar wirklich, den Dutzendmenschen das schöne Leben auf der Grundlage der Gerechtigkeit bringen sollte. Der Sozialismus mußte kommen; nicht als Forderung unsrer Seele, sondern als naturgeschichtliche Notwendigkeit mußte er; er war unterwegs, die Entwicklung trug ihn auf ihren Wellen; und keineswegs war er irgendwann früher denkbar gewesen; jetzt erstmals war er ins Bereich des Möglichen gerückt und er mußte vom Kapitalismus ausgetragen werden, bis die Geburtsstunde schlug; er war durchaus abhängig von den Bedingungen, die ihn schufen und die er erst durch sein Dasein mit mechanisch wirkender Naturkraft überwinden würde.

So wurde aus dem Bild der Schauenden, aus der Vision des Sozialismus eine Bildersprache, in deren Verfänglichkeit und Schematismus die Sozialisten hängen blieben und dürr und trocken wurden wie die ausgesogenen Fliegen im Netz. So hörten sie allermeist bald auf, Visionäre und Schauende zu sein, verkapselten den Sozialismus in eine Wissenschaft von der in der Vergangenheit wohlgebetteten Zukunft und beschäftigten sich einstweilen nicht mit Sozialismus, sondern mit der Anpassung der Arbeiterschaften an die kapitalistischen Bedingungen, --- bis zu der Anpassung, die wir in dieser unsrer Zeit erleben.

Nun aber zeigt es sich: Nein! So kommt nie eine Wandlung, so ist nie Verwirklichung, die vor dem Sozialismus liegen, zu den Bedingungen, die uns die Geschichte als Unrecht, Niedrigkeit und Schlendrian hinterlassen und zum Gefängnis der Seelen ausgebaut hat, gehört vor allen die Bedingung, daß die Massen, die Völker, die Staaten als Breites und Ganzes zur Umgestaltung, zu Auswirken der Möglichkeiten, zum Aufbau des Neuen vorerst tat- und willensunfähig geworden sind. Wozu sie sich fortreißen lassen und worin sie ausdauern, sehen wir: sie stehen im Gewordenen. Das Werdende ergreift sie nicht wahrhaft, weil es nicht in ihnen lebt; und wie sollte es in ihnen leben, da es in den Führenden und in den Schöpfern und Pflanzern der Idee noch nicht das Wunder der Lebendigkeit vollbracht hat? Der Sozialismus handelt vom Tun und Verhalten der Menschen, zunächst vom Tun und Verhalten der Sozialisten; von den lebendigen Beziehungen der Wirtschaft und Gemeinschaft, die sie unter sich schaffen. Werdendes, und nun gar werdender Sozialismus, lebt nur in den Menschen, wenn es aus ihnen herauslebt. Natur und Geist lassen ihrer nicht spotten und lassen sich nicht vertagen; was werden soll, muß wachsen; was wachsen soll, muß keimhaft beginnen; und was die Ersten einer Sache für die Menschheit schauen, müssen diese Ersten um ihrer eigenen Menschheit willen und als ob es für sie selber allein wäre, beginnen. Ist es nicht wundersam? Der Sozialismus ist ein Bild der Schauenden, die vor sich klar und winkend die Möglichkeit sehen, das Ganze zu wandeln; er beginnt aber als die Tat der Tuenden, die aus dem Ganzen, wie es jetzt ist, ausscheiden, um ihre Seele zu retten, um ihrem Gotte zu dienen. Wird sind Sozialisten, das scheint gar nichts andres zu bedeuten als unsere helle Einsicht, daß die Welt, die Geister, die Seelen im Ganzen gewandelt werden können, wenn die sozialen Grundlagen geändert werden (und der Anarchismus fügt ergänzend hinzu, daß die neuen Grundlagen so sein sollen, daß diese Grunlagen schon, wie jeder wachsende Organismus, Beständigkeit und Erneuerung, kosmische und chaotische Kräfte, das Prinzip der Erhaltung und des Umsturzes vereint in sich tragen); wir gehen eine Weile, eine lange Weile auf nichts andres aus als den Menschen dieses große Vollbringen zu künden und abzufordern, und schließlich ergibt sich, daß auch an dieser Erkenntnis des Geistes das Wesentliche nicht ihr Inhalt ist, sondern eben die Haltung und Richtung des Geistes selber. Das Wesentliche am Sozialismus ist seine Produktivität, sein Gestaltungswille. Wesentlich kommt den echten Sozialisten aus der Erkenntnis, daß die Menschen unsrer Zeiten Produkte ihrer Verhältnisse sind, der Wille und die Not, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern produktiv ihrem Leben neue Verhältnisse zu schaffen. Der Sozialismus vereint in sich die Anschauung einer Regel mit dem Willen sie zu überwinden; die Erkenntnis der Gebundenheit an unwürdige Zustände war schon der erste Schritt zu Befreiung aus diesen Zuständen.

Jetzt aber zeigt es sich: eben vor dieser Wahrheit, daß der Sozialismus Schöpferkraft, Opferkraft ist, daß er religiöse Innigkeit und Heroismus verlangt, daß er im Anfang das Werk der Wenigen ist, hat man ein paar Jahrzehnte lang Angst gehabt; die Angst, die jeder Produktive kennt, Angst vor dem Dämonischen, das die schwache Seele im schwachen Leib ergreift, über die Grenzen zwingt und auf den Weg der Vollbringung schickt. Diese Werkangst des zu Schöpfung Berufenen hat die Produktivität des Sozialismus enstellt in eine Theorie von den Entwicklungsgesetzen mit daran hängender politischer Partei; und all das geschäftige Wesen war unwesentlich und all das Reden und Treiben mit unzugehörigen und irreführenden Dingen war zaghafte Ausrede dessen der von seinem Gott sich gerufen hörte und sich hinter der Hecke der Angstbeschäftigung zwerghaft niederkauerte.

Aber es bleibt nichts andres übrig als sich aufzurichten und das Zeil in unsre Mittel zu legen. Die Welt, in der sich der Geist den Körper baut, ist auch im Maschinenalter mit nichten mechanisch geworden. Das Wunder, an das der Aberglaube, wie er sich auch nenne, glaubt, das Wunder, das Materialismus und Mechanismus annehmen: daß das Große ohne große Anstrengung komme und daß der ausgewachsene Sozialismus nicht aus der Kindheitsanfängen des Sozialismus, sondern aus den Riesenmißgeburten des Kapitalismus erwachse, dieses Wunder kommt nicht, und bald werden jetzt die Menschen den Glauben daran nicht mehr kennen. Der Sozialismus ist zuerst die Tat der Sozialisten; die Tat, die um so schwereer sein wird, je kleiner die Zahl derer ist, die ihn wagen und versuchen wollen. Wer anders soll tun, was er als recht erkannt hat, als der Erkennende? Wir sind allezeit abhängig und allezeit frei. Wir sind keineswegs zu einstweiligen Nichtstun, Warten, bloß Propagieren, Fordern und Auffordern verdammt; sehr vieles können wir, kann eine geschlossene Schar unter sich einrichten und durchführen, wenn sie vor Mühen, Nöten, Verfolgungen und Verlachungen nicht zurückschreckt. Stelle dich nun endlich deiner Aufgabe, Sozialist! Für die Massen, für die Völker, für die Menschheit, für die Umwandlung der Geschichte, für Anstand in den Beziehungen der Wirtschaft, des Gemeinlebens, der Geschlechter und der Erziehung brauchst du, da ein Anfang anders nicht kommt, fürs erste nicht die breiten Massen, sondern nur Gefährten. Sie sind heute da, wie sie immer da sind, wenn du nur da bist: die Aufgabe ist da, du aber folgst deinem Ruf nicht, du läßt auf dich warten. Wenn sie sich gesellen und das Reich dessen, was ihrer kleinen wachsenden Schar heute, in diesem Augenblick möglich ist, abschreiten, werden sie inne werden: da ist kein Ende.

Gustav Landauer


Aus: Der Aufbruch, Jg. I, Juli 1915, Heft 1

Originaltext: http://www.wbenjamin.org/aufbruch.html#stelle

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