Gustav Landauer - Die zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes (1908/1912)

Die zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes (1908)

  1. Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden, untereinander in Gerechtigkeit tauschenden Wirtschaftsgemeinden.
  2. Dieser sozialistische Bund tritt auf den Wegen, die die Geschichte anweist, an die Stelle der Staaten und der kapitalistischen Wirtschaft.
  3. Der Sozialistische Bund akzeptiert für das Ziel seine Bestrebungen das Wort Republik im ursprünglichen Sinne: die Sache des Gemeinwohls.
  4. Der Sozialistische Bund erklärt als Ziel seiner Bestrebungen die Anarchie im ursprünglichen Sinne: Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit.
  5. Der Sozialistische Bund umfaßt alle arbeitenden Menschen, die die Gesellschaftsordnung des Sozialistischen Bundes wollen. Seine Aufgabe ist weder proletarische Politik noch Klassenkampf, die beide notwendiges Zubehör des Kapitalismus und des Gewaltstaates sind, sondern Kampf und Organisation für den Sozialismus.
  6. Die eigentliche Wirksamkeit des Sozialistischen Bundes kann erst gelingen, wenn sich ihm größere Massenteile angeschlossen haben. Bis dahin ist seine Aufgabe: Propaganda und Sammlung.
  7. Die Mitglieder des Sozialistischen Bundes wollen ihre Arbeit in den Dienst ihres Verbrauches stellen.
  8. Sie vereinigen ihre Konsumkraft, um die Produkte ihrer Arbeit mit Hilfe ihrer Tauschbank zu tauschen.
  9. Sie schicken Pioniere voraus, die in Inlandsiedlungen des Sozialistischen Bundes möglichst alles, was sie brauchen, auch die Bodenprodukte, selbst herstellen.
  10. Die Kultur beruht nicht auf irgendwelchen Formen der Technik oder der Bedürfnisbefriedigung, sondern auf dem Geiste der Gerechtigkeit.
  11. Diese Siedlungen sollen nur Vorbilder der Gerechtigkeit und der freudigen Arbeit sein: nicht Mittel zur Erreichung des Ziels. Das Ziel ist nur zu erreichen, wenn der Grund und Boden durch andere Mittel als Kauf in die Hände der Sozialisten kommt.
  12. Der Sozialistische Bund erstrebt das Recht und damit die Macht, im Zeitpunkt des Übergangs durch große, grundlegende Maßnahmen das Privateigentum an Grund und Boden aufzuheben und allen Volksgenossen die Möglichkeit zu geben, durch Vereinigung von Industrie und Landwirtschaft in selbständig wirtschaftenden und tauschenden Gemeinden auf dem Boden der Gerechtigkeit in Kultur und Freude zu leben.


Aus dem Organisationsentwurf:

  • Der Sozialistische Bund besteht aus Gruppen.
  • Jede Gruppe ernennt ihren Gruppenwart, der die Geschäfte führt, die Verbindung mit den anderen Gruppen unterhält und seinen Namen öffentlich bekannt gibt.
  • Jedes Mitglied einer Gruppe kann an den Beratungen einer anderen Gruppe teilnehmen.
  • Jede Gruppe beschließt selbständig.
  • Jede Gruppe kann die anderen Gruppen am Platze zu gemeinsamer Tagung der Gruppengemeinde einladen.
  • Jede Gruppengemeinde kann die Gruppen gemein den und Einzelgruppen bestimmter oder aller anderen Plätze zu gemeinsamer Tagung einladen.


Aus: Der Sozialist, 15.06.1910



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Die zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes (1912)

Vorbemerkung: Die Zwölf Artikel, wie sie vielfach gedruckt worden sind, haben mir ursprünglich zur Zusammenfassung der Ausführungen eines über zwei Versammlungen ausgedehnten Vortrages gedient, an den sich dann die Verkündigung des Sozialistischen Bundes anschloß. Ihre Fassung, die gar zu sehr an ihren zufälligen Ursprung und an die zufällige Zusammensetzung jener Versammlungen und die dort gepflogenen Debatten gebunden war, hat mir schon lange nicht mehr genügt. Ich gebe daher im Folgenden eine Fassung, die mir besser scheint und ziehe für meine Person den ersten Wortlaut zurück.
Dass ich vom Inhalt meines Sozialismus nichts aufgegeben und nichts daran geändert habe, sieht jeder, der die neuen und die alten Artikel miteinander vergleicht. (Gustav Landauer)

  1. Sozialismus ist der Aufbau einer neuen Gesellschaft.
  2. Die sozialistische Gesellschaft ist ein Bund selbständig wirtschaftender, untereinander in Gerechtigkeit tauschender Gemeinden, deren Individuen im Besonderen frei, im Gemeinsamen freiwillig einig sind.
  3. Der Sozialistische Bund, der berufen ist, schließlich an die Stelle der Staaten und der kapitalistischen Wirtschaft zu treten, kann nur dadurch anfangen, Wirklichkeit zu werden, daß die wollenden Sozialisten zu Lebensgemeinschaften zusammentreten und so nach jeweiliger Möglichkeit ihren Austritt aus der kapitalistischen Wirtschaft betätigen.
  4. Die beginnenden Siedlungen des Sozialismus werden vorbereitet durch die Zusammenlegung des Konsums und den Ersatz der Geldwirtschaft durch gegenseitigen Kredit. Auf diese Weise wird die Möglichkeit geschaffen, daß die arbeitenden Menschen und die Wirtschaftsgemeinden ohne Dazwischentreten von Profitmachern und Schmarotzern produzieren und die Produkte ihrer Arbeit untereinander tauschen.
  5. Was heute Kapital genannt wird, ist im Sozialistischen Bund zweierlei: erstens verbindender Geist, der Institutionen schafft, die den arbeitenden Menschen gewährleisten, während der Arbeit an Dingen, die nicht für ihren Verkehr, sondern für die Tauschwirtschaft bestimmt sind, ihre Bedürfnisse für Leben und Handwerk zu befriedigen; dieser Geist der Gegenseitigkeit und seine Einrichtungen treten an die Stelle der wucherischen und sinnlose Produktion fördernden Geldwirtschaft. Zweitens gehört heute zum Kapital, gehört immer und so auch im Sozialistischen Bunde zu den Bedingungen der Wirtschaft: der Boden, ein Stück Natur also, wie das vorher genannte Kapital ein Stück Geist ist.
  6. Die Freimachung des Boden und seine Neuaufteilung unter die Wirtschaftsgemeinden auf der Grundlage der Gerechtigkeit, der wahren Bedürfnisse und der Anerkenntnis, daß es keinerlei unverjährbares Eigentumsrecht am Boden geben kann, ist Bedingung für die endgültige und völlige Durchsetzung des Sozialismus unter den Völkern.
  7. Damit die große Umwälzung in den Bodenverhältnissen komme, müssen die arbeitenden Menschen erst auf Grund der Einrichtungen des Gemeingeistes, der das sozialistische Kapital ist, so viel von sozialistischer Wirklichkeit schaffen und vorbildlich zeigen, wie ihnen jeweils nach Maßgabe ihrer Zahl und Energie möglich ist.
  8. Solange die Sozialisten nicht da sind, die den Sozialismus verwirklichen und leben, ist keinerlei Aussicht auf Umgestaltung der sozialen und Eigentumsverhältnisse.
  9. Der Sozialismus ist keineswegs eine Sache der Staatspolitik, der Demagogie oder des Kampfes um Macht und Stellung der für die kapitalistische Wirtschaft tätigen Arbeiterklasse, ist ebensowenig beschränkt auf Umwandlung materieller Verhältnisse, sondern ist heute in erster Linie eine geistige Bewegung.
  10. Anarchie ist nur ein andrer, in seiner Negativität und besonders starken Mißverständlichkeit weniger guter Name für Sozialismus. Wahrer Sozialismus ist der Gegensatz zu Staat und kapitalistischer Wirtschaft. Sozialismus kann nur erwachsen aus dem Geiste der Freiheit und freiwilligen Einung, kann nur entstehen in des Individuen und ihren Gemeinden.
  11. Je weiter der Geist des Sozialismus um sich greift, je tiefer herauf er aus der echten Natur der Menschen geholt wird, um so energischer wenden sich die Menschen von allen Einrichtungen der Geistlosigkeit ab, die zu Unterdrückung, Verdummung und Verelendung geführt haben, um so durchgreifender tritt an die Stelle der autoritären Gewalt der Vertrag, an die Stelle des Staates der Bund freier Gemeinden und Verbände: die Gesellschaft.
  12. Während des Aufbaus des Sozialistischen Bundes kommt es mit Notwendigkeit zur Abwanderung des Proletariats aus den Industriestädten aufs Land, zu einer Verbindung von Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, von geistiger körperlicher Arbeit und zu dem starken Gefühl der Arbeitsfreude und Gemeinschaftsinnigkeit, durch die wir Menschen zu Gemeinden und zum Volk erhoben werden.


Aus: Der Sozialist, 1.01.1912

Originaltext: http://raumgegenzement.blogsport.de/2009/12/22/gustav-landauer-die-zwoelf-artikel-des-sozialistischen-bundes-19081912/

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