Max Nettlau - Gustav Landauer. Sein Lebenswerk in Briefen (1929)

Gustav Landauer, Sein Lebenswerk in Briefen... Herausgegeben von Martin Buber, Frankfurt a.M., Rütten & Loening, 1929, 2 Bände, VIII 459; 440 S. Portr. Preis: 12 Mark.

Von den 594 Briefen dieser Bände gehören 277 der Zeit von 1895 bis zum Kriegsbeginn, 203 der Kriegszeit und 114, seit dem 11. November 1918, der in Deutschland von revolutionären Hoffnungen und einzelnen Ausbrüchen durchwallten ersten Nachkriegszeit an, bis zum 16, April 1919, zwei Wochen vor der bestialischen Hinmordung Landauers am 2. Mai 1919 in München. Diese Bände, die aus dem vollen einer wesentlich grösseren Vereinigung von Briefmaterial schöpfen, behandeln die Jahre bis 1899 nur flüchtig, weil die Briefe, Tagebücher und anderes aus der Jugend des 1870 geborenen Verfassers einem besonderen Band vorbehalten bleiben. Ebenso sind bereits eine Reihe Sammelbände seiner Zeitschrift- und kleineren Arbeiten erschienen, neben denen freilich die grossen so selten gewordenen Serien des Berliner Sozialist, 1891-1899 und 1909-1915 direkteste Quellen bleiben, die keine Auswahl ausschöpft, da hier eben neben den einzelnen Beiträgen auch das ganze Ensemble für die erste Serie grossenteils, für die zweite gänzlich Landauers Werk ist. Seine Hauptwerke Die Revolution (1907) Aufruf zum Sozialismus (1911) dann Skepsis und Mystik (1903), Shakespeare dargestellt in Vorträgen (posthum); die novellistischen Bände, Der Todesprediger (1893), Macht und Mächte (1903) und anderes sind leicht erreichbar. So ist seine um 1890 an die Öffentlichkeit tretende Produktion, sind dreissig Jahre unermüdlicher geistiger Arbeit eines in den Jahren vor 1890 sich an allem Schönen, was Literatur und Kunst bieten, aber auch an der in Ibsen, Nietzsche und den Philosophen Spinoza und Schopenhauer lebenden geistigen und sozialkritischen Saat, intensiv heranbildenden Mannes, vor uns ausgebreitet, der in der Blüte seiner Kraft physisch vernichtet wurde, der aber geistig erst mit uns zu leben beginnt, je mehr uns sein Werk nähergebracht wird.

Gustav Landauer wurde, wie er selbst schrieb, Anarchist, bevor er Sozialist wurde, und war nie Sozialdemokrat; er war auch nie kommunistischer Anarchist. Durch die bald nach 1890 in den jungen intellektuellen Kreisen, denen er angehörte, vielbeachteten Ideen von Eugen Dühring und Theodor Hertzka, dem Verfasser von Freiland, gelangte er in den Ideenkreis eines kollektivistischen Anarchismus auf freiester experimentaler Grundlage. Er stand keiner ökonomisch anders orientierten anarchistischen Richtung feindlich gegenüber, anerkannte aber ebensowenig die geistige Vorherrschaft irgendeiner derselben. Da er sich in die Propaganda durch Wort und Schrift geworfen und auf eine bürgerliche Laufbahn verzichtet hatte, führte er ein durch längere Gefängniszeiten unterbrochenes Leben des literarischen Arbeiters, Redakteurs der erwähnten Zeitschrift, Übersetzers, Buchhandels- und Verlagsmanipulanten, Vortragenden, zuletzt beinahe Dramaturgen, als der Winter 1918-19 in Bayern ihn in eine halb- und ganz öffentliche Tätigkeit stiess, bei der er sich, wie man wohl sagen kann, bewusst verbrauchte, fühlend, dass er ihr Opfer sein würde.

Zunächst nun begegnete sein unsektierischer Anarchismus grossem Mangel an Verständnis und das proletarische anarchistische Milieu, das in Deutschland wenigstens, da es aus der Sozialdemokratie hervorging, klipp und klare Programme verlangte, trennte sich 1897 von ihm. Andrerseits erwiesen sich Landauers zeitweilig auf intellektuell, künstlerisch, ethisch, sich manifestierende Kreise gesetzte Hoffnungen, nach ihrer ersten Blüte in M. von Egidys Zeit (der aber bald starb), als trügerisch und Die neue Gemeinschaft der Brüder Hart, um 1900, 1901, der er sich genähert hatte, verlosch sang- und klanglos. Eine damalige realistische Aktion aber, die Gartenstadtbewegung, setzte sich durch. All dies führte Landauer in Jahren grosser Einsamkeit, verinniglicht übrigens durch seine zweite Frau, die Dichterin Hedwig Lachmann († 1918) zu den von Etienne de la Boetie so mächtig angeregten Auffassungen seiner Revolution (1907) und zu einem Erwachen all seiner Kräfte, 1908, zu einer auf gegenwärtige Verwirklichung des Sozialismus, so viel an uns und in uns liegt, gerichteten Tätigkeit, welcher die Gruppenföderation Sozialistenbund in Deutschland und der Schweiz, seit 1908, der neue Sozialist, seit 1909, der Aufruf, ein Buch von 1911, usw. entsprangen. Koloniegründung und dergleichen erschöpft diese Bewegung bei weitem nicht. Landauer liess sich auf nichts kleines ein, er wollte das grosse und wusste, dass, so arm wir sind, doch in uns allen unbenutzte Kräfte schlummern, und er glaubte nicht daran, dass all diese Kräfte sich am Tage nach einer Revolution plötzlich wunderbar entfalten würden, wenn nicht eine ganz andere Tätigkeit, hic et nunc, vorausgeht, als die normale und vielfach nominelle in Parteien oder Gruppen. Wieder begegnete er grossem Mangel an Verständnis und so arbeitete er weiter, als der Krieg ausbrach.

Wie er den Krieg auffasste geht aus den 203 Briefen jener Jahre tausendfach hervor und ich hebe besonders den Brief vom 22. August 1915, der auch an Frederik van Eeden und Romain Rolland gerichtet ist, hervor. Von der sogenannten deutschen Revolution von 1918-19 hatte er ebenfalls eine ganz besondere Vorstellung, der er sich, Warnungen nicht achtend, zum Opfer brachte. All dies lässt sich nicht resümieren und muss selbst gelesen werden; es ist auch müssig, Betrachtungen daran zu knüpfen, da wir unvermeidlich alle jedes Ereignis in verschiedenem Licht sehen und demgemäss verschieden beurteilen.

Es sind ungewöhnlich reichhaltige Briefe wohl des ersten Denkers im deutschen sozialistischen Anarchismus neben Max Stirner. Der Sozialismus wird sich im Sinn solcher Ideen erneuern oder er wird in der Zwangsjacke eines Bolschewismus oder eines Fascismus untergehen.

Aus: Internationale Revue i 10 1927-1929. [Ingeleid door Arthur Lehning]. Kraus Reprint, Nendeln 1979, p. 198-199

Originaltext: http://raumgegenzement.blogsport.de/2010/02/23/max-nettlau-gustav-landauer-sein-lebenswerk-in-briefen-1929/

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