Pierre Ramus / Franz Barwich - Die Irrlehre und Wissenschaftslosigkeit des Marxismus

Volkstümlich bearbeitet nach dem Buch gleichen Namens unseres Geistesfreundes Pierre Ramus, Wien

I. Marx als Reaktionär

Die Sozialdemokratie steht auf dem Boden der Lehren von Marx und bezeichnet stets ihre Anschauungen als die einzig richtigen, ihre Theorie als den wissenschaftlichen Sozialismus. Nun hat es mit dem Begriff "Wissenschaft" eine eigene Bewandtnis. Wir können oft sehen, daß vieles, was von einer wissenschaftlichen Richtung als neue Erkenntnis ausgegeben wird, in kurzer Zeit wieder durch eine andere Erklärung verdrängt wird, wir brauchen bloß an die verschiedenen Theorien über das Erdinnere, über die Entstehung der Weltkörper, über die Gesetze der Vererbung u. a. denken. Im Grunde genommen können nur einige eng begrenzte Gebiete der exakten Forschung in der Astronomie, der Mathematik, der Physik und Chemie, sowie einige allgemeine sogenannte Naturgesetze als Wissenschaft bezeichnet werden. Es ist aber weiter nichts wie eine eitle Anmaßung, Untersuchungen über das gesellschaftliche Leben der Menschen als eine Wissenschaft zu bezeichnen, besonders, wenn dies in rein abstrakter Form geschieht, wie es Marx getan hat. Die folgenden Ausführungen werden den Beweis dafür erbringen, daß alle Lehren von Marx nicht bloß unwissenschaftlich sondern sogar falsch sind. Es gibt nur einen Maßstab für die Erkenntnis der Wahrheit, das ist unsere Logik, d. h. wir dürfen nur soweit etwas als wahr anerkennen, wie wir in dem Sein oder Geschehen Ursache und Wirkung feststellen können. Von dem Standpunkt aus könnte man vielmehr die Weltanschauung des Syndikalismus, die sich u. a. auf den Lehren von Bakunin und Kropotkin aufbaut, als eine wissenschaftliche bezeichnen, weil diese überall bestrebt ist, Ursache und Wirkung zu ergründen und möglichst viel vom wirklichen Leben zu wissen. Wir müssen aber diese wissenschaftliche Bezeichnung trotzdem ablehnen, weil wir der Ansicht sind, daß es im gesellschaftlichen Leben keine zwangläufig e Entwicklung von Ursache und Wirkung gibt, da beides stetig beeinflußt wird einerseits von dem geistigen Wollen und Können der einzelnen Menschen, andererseits dieses wieder von den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Aber keine Wirkung ohne Ursache. So ist auch der Zusammenbruch der Sozialdemokratie am 1. August 1914 kein Zufall, nicht etwa auf das Versagen von einzelnen Personen zurückzuführen, sondern die Wirkung von dem Inhalt des Marxismus, dem Wesen der Sozialdemokratie. Es ist zwar unzweifelhaft, daß die an der Spitze der Sozialdemokratie stehenden Personen weder in ihren ethischen Charaktereigenschaften noch in ihrem Vermögen an Wissen echtes Freiheitsgefühl und Liebe zur Sache des Volkes empfinden. Sie sind Politiker, und das sind immer Menschen, die dem Ideallosen Eigennutz auf Kosten der Volksinteressen fronen. Menschen, die in der Betörung des Volkes ihren Erwerb finden.

Es haben aber nicht bloß die Führer versagt, sondern auch die Massen, die Geführten. Es muß auch anerkannt werden, daß nicht alle Verbrechen bewußt begangen sind, sondern daß die meisten Anhänger der Sozialdemokratie in gutem Glauben gehandelt haben. Daß aber alle reaktionär handelten, liegt an den Prinzipien des Marxismus:

  1. den falschen Theorien vom Staatssozialismus und Staatsdiktatur,
  2. an den verfehlten Methoden der parlamentarischen Politik und des Zentralismus,
  3. an der sinnlosen Taktik der bürgerlichen Demokratie und der militärischen Disziplin.


Es wäre verkehrt, anzunehmen, die Sozialdemokratie wird allmählich von selbst verschwinden. Sie wird solange sein, wie es Kapitalismus geben wird. Weil, solange Staat und Kapitalismus existieren, es auch immer Menschen geben wird, die den bestehenden Zustand der Gewalt und des wirtschaftlichen Raubes nicht überwinden wollen, sondern sich ihm nur anpassen, in demselben so leidlich wie möglich auskommen wollen. Sie wollen diesen Zustand bloß verändern, ihn aber nicht abschaffen. Der Zusammenschluß dieser Menschen ist die Partei der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokratie ist eben nur Parteibewegung und keine Kulturbewegung. Sie lebt durch den Kapitalismus, ist Fleisch von seinem Fleisch und stirbt erst mit dem Absterben des Kapitalismus selbst. Aber in einer Hinsicht wird die Sozialdemokratie schon viel früher aufhören müssen zu sein, nämlich als Ideen-Organisation, die eine angeblich wissenschaftliche Grundlage besitzt, die wahre Ideale vertritt! Nun splittern zwar fortgesetzt Teile von der Sozialdemokratie ab, weil sie die Taktik derselben für verderblich erkennen, alle diese Gruppen bleiben aber, abgesehen von einzelnen Personen, die zu uns stoßen, trotzdem unter dem Geistesbann ihrer Ideen. Diese Gruppen müssen gewarnt werden, es muß ihnen der richtige Weg gezeigt werden.

Der Weg zur Vereinigung des Proletariats auf frei sozialistischem Boden wird erst gegeben sein, wenn die marxistischen Ideen überwunden sind, wenn dieselben als nutz- und sinnlose Demagogie, als eine Art weltliche, politisch hinterhältige, verschlagene Theologie erkannt werden!

Alle sozialistischen Schulen von Mitte des 18. bis Mitte des 19.Jahrhunderts knüpften an den bereits im 16. Jahrhundert von Thomas Campanello aufgestellten Fundamentalsatz an:

"Alle Übel entspringen den zwei Gegensätzen des Reichtums und der Armut." Alle sozialistischen Denker bis vor Marx verwarfen die bürgerliche Philosophie und Theologie. Marx dagegen ging von der hegelianischen, historischen Betrachtungsweise aus, die besagte: „daß alles in unserer Gesellschaftsorganisation, also auch das Schlechte, alle Niederträchtigkeiten und Gewalttätigkeiten, etwas historisch bedingtes“ seien, etwas notwendiges und zwar so, daß sie deshalb historisch bedingt „seien, weil sie in der Vergangenheit und Gegenwart die Macht und Gewalt“ zu ihrer Aufrechterhaltung besitzen. Es ist nun selbstverständlich, daß bei dieser Annahme sofort die Frage auftaucht, wer denn nun ursächlich diese historischen Notwendigkeiten bestimmt, daß sie gerade diese oder jene Resultate zeitigten ? Auf diese Frage ist aber nur eine theologische Antwort möglich. Darum führte diese Auffassung Hegels zur Anerkennung eines Gottesbegriffs, zur Anerkennung der Autorität und Herrschaft des Gottesgnadentums und der Kirche, überhaupt aller Gewaltmächte des Staates, und zu der Anerkennung des Rechtes ihrer Existenz.

Diese Auffassung ist offen reaktionär, weil darin die beste Entschuldigung und Begründung des kapitalistischen Systems liegt. Der Hegelianismus erkennt das Bestehende an und rechtfertigt es. Sein Hauptgrundsatz lautet: "Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist das ist vernünftig!"

Da die wahre Wissenschaft voraussetzungslos sein muß, ergibt sich schon aus dieser Voreingenommenheit, das Bestehende ohne weiteres als vernünftig und gegeben anzuerkennen, die Wissenschaftslosigkeit des Hegelianismus und damit auch seiner wirtschaftlichen Spielart des Marxismus.

In solchen Sophistereien erblickte die Reaktion des preußischen Staates von 47-48 die beste Philosophie, sie ernannte daher Hegel zum Professor der Philosophie, als welcher er dann bis zu seinem Tode der Reaktion vortreffliche Dienste leistete. Das Reaktionäre der Hegelschen Denkweise tritt besonders hervor, wenn man die Gedankengänge des derzeitigen französischen Zeitgeistes von Männern wie Rousseau u. a. dagegen hält, die ungefähr sagten: „daß das Vernunftgemäße der Erkenntnis des Menschen das Wirkliche seines sozialen Zustandes zu ersetzen habe - und daß das Produkt blinder Geschichtsmächte der Gewalt, deren Vergangenheit noch in die Gegenwart hineinragt und zur Zukunft zu werden strebt, als unvernünftig zu verdammen ist.“

Marx hat nun lediglich die reaktionären Anschauungen Hegels umgedreht, wobei er aber zu demselben Resultat kommen mußte. Während Hegel das Geistige als das einzige absolute Einheitsmotiv im All und der Menschheit hielt, erklärte Marx das Materielle als das Wesentliche des Geschehens und sozialen Geschichtsprozesses.

Nach Marx besteht das Leben der Menschheit aus einem Bau von Lebensprozessen, In denen die einen den anderen über- und untergeordnet sind. Nach Marx bildet die Ökonomie die Grundlage der Gesellschaft, während das gesamte geistige Leben nur eine Art Überbau ist. Das Studium der Natur und Gesellschaft lehrt uns dagegen, daß alle Lebensvorgänge einander neben- und gleichgeordnet sind! Sie stehen und wirken zugleich miteinander. Alle Individuen werden von diesem Einfluß erfasst, bloß in verschiedener Art, und ist es nun ungemein schwer zu bestimmen, ob geistige oder materielle Faktoren einen bestimmenden Einfluß ausüben. Es besteht eine dauernde Wechselwirkung zwischen geistigen und materiellen Faktoren. Zwar hat sich nie ein geistigcr Prozeß außerhalb der Materie des Alls abgespielt, es ist aber doch positiv richtig, daß es gewaltige, bedeutende Ereignisse gegeben hat, die ganz unabhängig von der Produktionsweise, mindestens ohne bedeutenden Einfluß derselben sich abspielten und vollzogen.

Der Marxismus basiert auf der Theorie des Hegelianismus, daß dauernd ein Wechsel der Dinge und Verhältnisse in der Weise stattfindet, daß die These, das Bestehende in das Gegenteil, in die Antithese umschlägt, aus welcher Form dann die Synthese, eine Vereinigungsform der beiden ersten, hervorgeht, worauf dann die Entwickelung wieder bei der ersten Form von vorn anfängt. Diese Theorie ist lediglich eine komische Gedankenkonstruktion, ein Hirngespinst. Die Naturwissenschaft und die Geschichte beweisen uns daß sie falsch ist. Die Naturwissenschaft lehrt uns, daß ins niederen Arten sich langsam höhere entwickeln, noch nie ist aber eine Art in ihr Gegenteil umgeschlagen, nie wird aus einem Löwen ein lammfrommes Schaf, nie aus einem Wolf eine gutmütige Ziege. So wird auch niemals der Kapitalismus von selbst in sein Gegenteil, den Sozialismus umschlagen. Jede Produktionsweise beruht ursächlich auf Mathematik, Geometrie, kurz, allgemeiner Technik. Diese beruhen aber auf den geistigen Fähigkeiten des Menschen. Im Anfang jeder Produktion steht also die Geisteskraft des Menschen. Zuerst mußte der Mensch die Werkzeuge erfinden und herstellen Die Werkzeuge konnten also erst nach ihrem Bestehen den Menschen bedingt beeinflussen. Hiermit ist die Wechselwirkung zwischen Welt und Wille bewiesen.

Die Marx-Hegelsche Theorie von der These-Antithese-Synthese ist geeignet, die Menschen auf die Selbstentwickelung zu vertrösten, ihnen den Willen zur Tat zu rauben, was auch geschehen ist. Darum wirkt sie reaktionär! Ihren Ausdruck haben die reaktionären Theorien in dem „Kommunistischen Manifest“ und im „Kapital“ gefunden.

II. Das kommunistische Manifest

Das kommunistische Manifest ist gleichsam das Evangelium des Sozialdemokraten; er hält es für den Inbegriff aller Weisheit und ist von seinem revolutionären Inhalt überzeugt Diese Ansicht hält aber einer kritischen Prüfung nicht Stand und beweist nur, dass alle diese auf das kommunistische Manifest schwörenden Sozialdemokraten die Begriffe reaktionär und revolutionär nicht unterscheiden können.

Zunächst ist zu bemerken, dass das kommunistische Manifest keine Originalarbeit von Marx-Engel ist, sondern dem Inhalt und der Form nach ein Plagiat an dem französischen Fourieristen Victor Considerant. Marx und Engels haben sich die Gedankengänge des letzteren zu eigen gemacht und dessen Anschauungen in der ihnen eigentümlichen Form zum Ausdruck gebracht. Es ist aber die knappste und übersichtlichste Zusammenfassung des Marxismus.

Im ersten Teil der Broschüre wird die kapitalistische Gesellschaft in Bourgeois und Proletarier geteilt und diese Teilung als das Resultat von Klassenkämpfen geschildert. Bemerkenswert ist dabei der Umstand, dass reichlich die Hälfte des ersten Kapitels eigentlich weiter nichts bringt, als eine Lobpreisung und Bewunderung der großen Errungenschaften, die der Kapitalismus gebracht haben soll! So wird rühmend hervorgehoben, daß die Städte das flache Land unterworfen haben. Das ist falsch, denn gerade heute können wir es wieder besonders stark empfinden, daß umgekehrt die Städte vollkommen abhängig vom Lande sind. Weiter wird lobend erwähnt, daß der Kapitalismus einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen habe. Das ist wiederum falsch, denn der Idiotismus des proletarischen Fabriksklaven in der Stadt ist nicht geringer als derjenige des armen Landarbeiters. Und umgekehrt ist die Borniertheit eines Industrie- oder Handelsbourgeois in der Stadt nicht größer als diejenige eines Krautjunkers auf dem Lande. Natürlicherweise ist das Landleben dem Großstadtleben vorzuziehen und darum der durch den Kapitalismus hervorgerufene jetzige Zustand zu bedauern statt zu verherrlichen. Dann heißt es wörtlich: „wie die Bourgeosie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient von dem Okzident abhängig gemacht!“

Hierin liegt offen eine Rechtfertigung der imperialistischen Politik der kapitalistischen Staaten. Der fünfjährige Krieg hat uns erneut und blitzartig bewiesen, daß die sogenannten zivilisierten Völker an Barbarei überhaupt nicht zu übertreffen sind. Das Umgekehrte, was Marx sagt, ist richtig, der Kapitalismus hat die Menschheit in entsetzlicher Weise vertiert, er droht bei Weiterbestand die letzten Reste der guten natürlichen Veranlagung der Menschen, die gegenseitige Hilfe, die freie Solidarität völlig zu vernichten. Bei den Naturvölkern sind diese für den Sozialismus notwendigen Eigenschaften weit besser ausgebildet. Alle Anschauungen von Marx sind reaktionär im höchsten Maße.

Der verhältnismäßig beste Teil des Kommunistischen Manifests ist der zweite, aber nicht etwa deswegen, weil er den Aufbau des Kommunismus schildert, davon ist im ganzen Manifest kein Sterbenswörtlein enthalten. Es werden aber in demselben, mit guten Argumenten wie anerkannt werden muß, die verschiedenen Redensarten der bürgerlichen u. kapitalistischen Klopffechter gegen den Kommunismus abgewiesen. Das ist aber auch alles. Nirgends wird dagegen Weg und Ziel angedeutet.

Zunächst wird gesagt, daß der nächste Zweck der Kommunisten sei: Bildung des Proletariats zur Klasse, (war also vorher doch noch keine Klasse), Sturz der Bourgeoisherrschaft, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat. Später heißt es dagegen, daß die „kommunistische Revolution das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen“ ist. Aber anstatt nun weiter auszuführen, was dies bedeute, wird ganz unvermittelt wieder erzählt, das der erste Schritt zur Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die „Erkämpfung der Demokratie“ sei. Erstens bedeutet die Anwendung der Demokratie die Benutzung eines bisher bürgerlichen Mittels, zweitens lehrt uns aber auch die Geschichte früherer Revolutionen und die Erfahrungen unter der deutschen sozialdemokratischen Regierung haben es uns bestätigt, daß die Anerkennung der Demokratie nach einer Revolution stets zur Abdankung derselben führt. Also nur ein Wust von Unklarheiten. Widersinnigkeiten und Selbstverneinungen ist in diesen einzigen richtunggebenden Sätzen enthalten, dagegen keine Spur von Kommunismus. Das ist verständlich, denn der „Kommunismus“, wie ihn Marx-Engels auffassen, ist gar kein Kommunismus, sondern Staatssozialismus, oder besser gesagt, Staatskollektivismus.

Während heute die Warenproduzenten in dem Gebrauch der Produktionsinstrumente abhängig sind von den Privatkapitalisten, wäre im Marx-Engels-Staate dieser, der Staat, die Macht, die über Leben und Tod des Volkes zu gebieten hätte. Das Proletariat bliebe Proletariat, denn nach wie vor wäre es nicht im Besitze der Produktionsmittel. Das Kommunistische Manifest nimmt an, daß der Staat nach und nach „absterben“, sich selbst auflösen wird. Diese Annahme steht aber gegen alle Erfahrungen in Natur und Gesellschaft. Nie schlägt eine Art in ihr Gegenteil um, darum wird auch nie aus dem Staat - einem Unterdrückungs - und Ausbeutungsmittel - eine Gesellschaft von Freien werden. Noch nie hat ein Staat Selbstmord verübt! Er wird sich vielmehr immer mehr zum Macht- und Unterdrückungsfaktor ausbilden! Tausend Beweise können dafür erbracht werden, daß jede Staatsform mit ungeheurer Zähigkeit für ihre Aufrechterhaltung kämpft und gegen ihre Abschaffung. Auch der Noskewismus und Bolschewismus haben alle ministeriellen, politischen und juristischen Ämter genau so bekleidet und gemißbraucht, wie jede andere Staatsform. Die Partei- und Gewerkschaftsbonzen sind die Staatsgewaltigen, die Diktatoren, im sozialistischen Staate. Sie bilden aber schon in der Gegenwart, unter der kapitalistischen Form, eine Klasse für sich, die gegen die Interessen des Proletariats arbeitet, seinen Elan wenigstens dauernd hemmt - das geben sie selbst zu! Sie werden also auch totsicher in der staatssozialistischen Wirtschaft nicht für das „Absterben des Staates“ tätig sein, daß ihnen endgültig ihre Vorrechts- und Herrschaftsposten nehmen würde!

Schließlich werden im kommunistischen Manifest einige Maßregeln zur Anwendung empfohlen, die aber durchweg reaktionär sind, u.a.:

  1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben. Davon hätten die hungernden Proletarier nichts - sie sollen für Bearbeitung des Bodens Grundrente entrichten zur Bestreitung der hohen Staatsausgaben.
  2. Starke progressive Steuer. Also Geld- und Steuersysteme sollen beibehalten werden, was zwar kapitalistisch, aber nicht sozialistisch ist.
  3. Abschaffung des Erbrechts zugunsten des Staates! Also alles für den Moloch Staat, nichts für das Volk
  4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen. Wer also nicht mit den Maßnahmen der Staatsdiktatoren einverstanden ist, wird seines Eigentums beraubt, natürlich zugunsten des Staates!
  5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates durch eine Nationalbank mit ausschließlichem Monopol. In der sozialistischen Gesellschaft sind keine Banken nötig, nur in der kapitalistischen! Aber auch dort ist das Monopol das größte Übel! Monopol ist das Gegenteil von Gemeinwirtschaft, Sozialismus.
  6. Zentralisation des Transportwesens ! Die volksfeindlichen Wirkungen dieses Systems haben Arbeiter und Publikum zur Genüge bei der Eisenbahn und Post kennen gelernt - und lernen es täglich mehr kennen.
  7. Arbeitszwang für alle durch Errichtung von industriellen und landwirtschaftlichen Armeen. Also Militarisierung des gesamten wirtschaftlichen Lebens.


Es würde also nach dem kommunistischen Manifest in dem sozialistischen Staate so aussehen: Sie, die er wählten Führer, befehlen, herrschen, sind aber frei von produktiver Arbeit, die Massen arbeiten auf Befehl, unter Waffengewalt, ähnlich wie dies heute schon in Zuchthäusern, Gefängnissen, Kasernen und Klöstern der Fall ist. Diese reaktionären Ideen sind nicht einmal neu und originell! Die Bewirtschaftung der Latifundien durch riesige Sklavenhorden war schon im alten Rom über drei Jahrhunderte vor Christi die vorherrschende landwirtschaftliche Betätigung des verruchten Großgrundbesitzes! Also ein Zurückschrauben auf vorgeschichtliche, entsetzliche Zustände würde der Marxismus bedeuten, und wie damals Rom an diesen Zuständen zugrunde gehen mußte, würde die Einführung dieses Systems nur eine Versklavung der Menschheit und aufs neue den Untergang bedeuten.

Im ganzen Kommunistischen Manifest ist kein Wort über die Aufhebung des Lohnsystems enthalten, Marx-Engels berühren die Frage des Entgelts der menschlichen Arbeitsleistung überhaupt nicht. Dies ist wieder erklärlich, weil sie bei Untersuchung dieser Frage nur zu zwei Möglichkeiten gekommen wären, die ihnen beide nicht paßten. Entweder findet nämlich die Entlohnung nach der Arbeitsleistung statt. Das ginge nicht, weil ein Staat den Produzenten nie den vollen Ertrag ihrer Arbeit gewähren kann, da er einen großen Teil des Arbeitsertrages zu seiner Aufrechterhaltung eintreiben muß. Oder alle Gesellschaftsmitglieder erhalten Nahrung, Kleidung und Notdurft nach ihren Bedürfnissen, was Kommunismus wäre. lm letzteren Falle ist aber der Zwangsstaat ein Unding, denn ohne ökonomische Zwangsmittel, also ohne Hungerandrohung oder dergl. könnte kein kommunistischer Staat seinen Willen gegen widerspenstige Minoritäten durchsetzen. Kann er dies aber tun, so hört er auf, kommunistisch zu sein und ist wieder Gegenwartsstaat mit Ausbeutung. Um diese Tatsachen nicht klarzustellen, mussten Marx-Engels darüber schweigen und alles dem Laufe der Entwicklung überlassen! So sehen wir, daß Marx-Engels in dem Kommunistischen Manifest einen gefälschten Kommunismus für den echten unterschoben haben. Da die kommunistischen Ideen damals immer mehr an Verbreitung gewannen, versahen Marx-Engels ihre reaktionären staatskapitalistischen Ideen mit der falschmünzerischen Überschrift: „Kommunistischen Manifest!“ Dadurch, daß die Sozialdemokratie diese Ideen angenommen hat, ist der wahre Kommunismus bei den deutschen Arbeitern in Vergessenheit geraten, und erweist sich jetzt die notwendige Umbildung der kapitalistischen Wirtschaft in die kommunistische als so ungeheuer schwierig.

III. Das Kapital

„Das Kapital“ gilt allgemein als die Bibel des waschechten Sozialdemokraten und nicht mit Unrecht, denn es ist dickleibig, schwer verständlich und läßt sich ebenso nach allen möglichen Richtungen auslegen; es ist auch stark dogmatisch und ebenso unwissenschaftlich. Marx benennt es "Kritik der politischen Ökonomie", womit er die Methode der Engländer befolgt die die in Deutschland übliche Bezeichnung „Nationalökonomie“ vermeiden. Schon in dem Worte liegt nämlich ein großer Schwindel, es handelt sich bei dieser Ökonomie nicht, wie man mit dem Wort den Anschein zu erwecken sucht, um die Interessen des gesamten Volkes, sondern um diejenigen einer kleinen privilegierten Minderheit, einer politischen Clique. Die Nationalökonomie ist als Rechtfertigungsversuch des kapitalistischen Ausbeutungssystems zu betrachten. Während der Kommunismus sämtliche Grundelemente der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer produktiv materiellen Existenzform und Bedingungen verneint, erklärt die Nationalökonomie dieselben, rechtfertigt sie und ist von diesem Standpunkte ausgehend bestrebt, sie systematisch auszubilden.

Darin besteht die geistige Tätigkeit aller Nationalökonomen, sie sind so gewissermaßen die Buchführer des herrschenden Systems mit all seinen gefälschten Haben- und Soll-Seiten. Stellt der Marxismus schon einen gewaltigen Hemmschuh in der Entwicklung des Sozialismus dar, indem er diesen auf das kulturwidrige Niveau der Autorität und Gewalt der Staatsdiktatur niederdrückt, so weist er einen vielleicht noch größeren Rückschrittsmoment darin auf, daß er anstatt die Überwindung jeglicher Nationalökonomie des Kapitalismus durch den Kommunismus zu betonen, die Einverleibung des Kommunismus in die Nationalökonomie bewerkstelligt hat. Auf diese Art hat Marx den sozialen Befreiungsgedanken auf den Kaufmannsjargon des kapitalistischen Kommerzialismus, auf dessen Spekulation und Gründe gestützt. Man kann zwar zugeben, daß es oft richtig ist, den Gegner im eigenen Lager aufzusuchen und ihn dort zu schlagen, das hat Marx auch getan, er ist aber dabei in der Nationalökonomie stecken geblieben. Seine Lehren beschränken sich auf Reformen vom Standpunkt der Nationalökonomie gegenüber den bisherigen gedankenlosen Koryphäen auf diesem Gebiete. Das war aber schon lange vor Marx von anderen Gelehrten geschehen und daher nichts neues. Marx hat nicht angeknüpft an die bereits vorhandenen großen Gedankenarbeiten vieler Sozialisten, er war und blieb bloß ein großer Nationalökonom. Der bereits vorhandene Kommunismus hatte die bürgerliche Nationalökonomie bereits vor Marx widerlegt, es war dies vornehmlich geschehen durch Proudhon und Fourier. Wichtig wäre damals die Weiterentwicklung der vorhandenen kommunistischen Ideen gewesen, dieses aber hat Marx gründlich unterlassen, diese Tätigkeit übte allein Bakunin aus, der dafür von Marx auf das entschiedenste bekämpft wurde.

Marx unterläßt es im „Kapital“, auf die Vorbedingungen der Entstehung des Geldbegriffes einzugehen, er rechnet einfach schlechthin mit diesem Begriff. Bei dieser Methode brauchte er natürlich nicht zu der Grundlage kommen, dass zunächst die Herrschaftsinstitutionen und die Monopole einzelner die Vorbedingungen der Entstehung des Kapitals sind.

Nach Marx besitzt die kapitalistische Klasse schon dadurch, dass sie im Besitze der Produktionsmittel ist, die Möglichkeit einer Ausbeutungs- und Versklavungsfunktion. Dies aber ist zu kurzsichtig gedacht! Der Besitz allein würde nicht genügen, wenn nicht eine Macht da wäre, die dem Kapitalisten seinen ungeheuerlichen Eigentumsanspruch garantiert; erst dadurch, dass es innerhalb der Gesellschaft eine Macht- und Gewaltorganisation gibt - den Staat - , kann die Ausbeutung durch den Besitz an Produktionsmitteln stattfinden. Erst diese Gewaltinstitution schafft Zustände, die im Altertum die Sklaverei, im Mittelalter die Leibeigenschaft, in der Neuzeit die Lohnhörigkeit ermöglichte. Alles dies sind Ausbeutungsformen, nur verschiedener Art, die ersteren keine kapitalistischen. Aber alles dies geht Marx nichts an. Bei ihm beginnt die Ausbeutung erst beim Produktionsprozess. Vorher huldigt er der falschen Auffassung, dass der Arbeiter im Verkauf seiner Ware Arbeitskraft frei sei. Diese falsche Auffassung erklärt es, daß Marx und die Marxisten eine so verkehrte Ansicht von der Freiheit haben. Wir wissen, daß der Arbeiter dem Unternehmer gegenüber nicht frei, nicht ebenbürtig ist, sondern daß er von Geburt an zu dem wirtschaftlichen Sklaven der Hungerpeitsche gemacht wurde. Er muß seine Ware Arbeitskraft zwangsweise verkaufen. Hier liegt ein fundamentaler Irrtum der marxistischen Ideen klar zutage.

Die Grundlehre des „Kapital“ bildet „die Werttheorie“. Marx behauptet mit derselben, daß das Maß der menschlichen Arbeit den Wert aller Dinge bestimme. Dabei übersah Marx zunächst, daß bereits vor Beginn der Arbeit die Herstellungs- und Erlangungskosten der Erlaubnis zu der Produktion vom Kapital erworben werden müssen, und daß in allen Dingen der Wert einer großen Vorarbeit vergangener Geschlechter mit enthalten ist. An einigen Beispielen kann man leicht erkennen, wie falsch die Werttheorie ist. Ein Stück Land wird nicht dadurch wertlos, daß es brachliegt, also keine menschliche Arbeit in demselben verkörpert wird. Oft ist vielmehr ein Stück unbebautes Land weit teurer im Werte als ein anderes gleich großes Stück bebautes Land in anderer Stelle. Hier spielten die örtlichen Verhältnisse, die kapitalistische Spekulation, die entscheidende Rolle. Dinge oder Gegenstände haben oft einen umso höheren Wert, je seltener sie sind. So wäre Kaviar nicht teurer wie Heringsrogen, wenn lediglich die in denselben enthaltene menschliche Arbeit den Wert bestimmen würde. Die Herstellung eines künstlichen Schmucksteines macht meistens mehr Arbeit als das Schleifen eines Edelsteins, und doch ist der echte Stein unvergleichlich wertvoller, als der künstliche. Heute kann man täglich beobachten, wie wenig in der kapitalistischen Wirtschaft der Wert einer Ware in irgendwelcher Beziehung zu der in derselben enthaltenen Arbeit steht. So konnte man kürzlich lesen, daß für einen gefällten gewöhnlichen Baum ein Preis von rund 9000 Mk., für einen Eichenbaum dagegen 12000 Mk. bezahlt wurden, trotzdem erstens mal für das Fällen und Behauen beider Bäume ungefähr die gleiche Arbeit notwendig war, zweitens aber nur wenige Mann nur einige Stunden mit dem Fällen und Zurechtmachen zu tun hatten. Der Wert der in dem Baumholz enthaltenen menschlichen Arbeit beträgt also höchstens einige hundert Mark, aber die kapitalistische Spekulation bezahlt in der Praxis einen weit höheren Wert. Der Wert einer Ware wird auch beeinflusst durch die Austauschverhältnisse, nicht bloß durch die Produktionsverhältnisse, wie Marx es annimmt. Weiter lässt sich die geistige Arbeit nie messen, speziell nie in einer Ware das Maß der darin enthaltenen geistigen Arbeit bestimmen. Keine einzige Ware wird vom Kapitalisten gekauft oder verkauft laut der in ihr vergegenständlichten Arbeit, sondern ausschließlich nach den zu ihrer Herstellung nötigen Kosten samt Gewinn, so dass in Wirklichkeit ausschließlich der Preis den einzigen realen Wert einer Sache bildet, alles übrige, was Marx in ihr hineindichtete, in der realen Wirklichkeit keinen Bestand besitzt.

Die Marxsche Behauptung, dass die Arbeit den Wert aller Dinge bestimme, ist aber ein schmeichelhaftes Zugeständnis an den Kapitalismus, dem er dadurch im Grunde genommen einen kommunistischen Inhalt verleihen will. Denn wenn die gesellschaftliche Arbeit den Gradmesser für den Wert aller Waren bildet, dann ist der Wert berechtigt und für alle Gesellschaftsmitglieder gleich. Die Marxsche Wertlehre ist somit geeignet, der kapitalistischen Ideologie zu dienen, der Ausbeutung ein Entschuldigungsmäntelchen umzuhängen.

Das verkehrteste ist nun aber, daß Marx seinen Wertbegriff auch auf die staatssozialistische Gesellschaft übertragen wollte. Für den Kommunismus sind die Marxschen Ausführungen über den Wert absolut nutzlos und sogar zweckwidrig. Sämtliche Wertbegriffe, wie wir sie heute kennen, sind samt und sonders kapitalistische Begriffe. Luft, Sonnenlicht, Regen, Erdfeuchtigkeit, Humus, kurz, viele der wichtigsten Produktionsfaktoren sind, weil sie nicht monopolisiert werden konnten, heute kapitalistisch wertlos. Und doch sind sie von höchstem wirklichen Wert für die Gesellschaft. So verhält es sich in einer kommunistischen Gesellschaft mit allen Gegenständen des Lebens und der Erzeugung, weil jede Monopolwirtschaft beseitigt und die ungehemmte Produktionsfreiheit aller gesichert ist. Mit dem Aufhören des Eigentumsbegriffes an Produktionsmitteln hört auch jeder Wertbegriff für den einzelnen auf.

Wenn man das Unrecht der kapitalistischen Ausbeutung nachweisen will, braucht man dazu nicht die falsche und schädliche Gedankenspielerei der Marxschen Werttheorie! Die einfache Tatsache, dass jedwedes Produkt um einen weit höheren Preis verkauft wird, als sein wahrer Produzent dafür bekam, ist doch wohl eine genügend klare Bemessung der Ausbeutung und des Betrugsumfanges, denen der Proletarier unterliegt.

Aus der irrigen Wertlehre folgen nun alle anderen Irrlehren des Marxismus.

IV. Mehrwert-Lehre

Mit dieser Theorie kommen wir zu der wichtigsten Seite des Marxismus. Mit ihr glaubte Marx das Geheimnis der kapitalistischen Ausbeutung entdeckt zu haben. Inzwischen haben die bürgerlichen Nationalökonomen diese Mehrwert-Lehre längst widerlegt, indem sie den Nachweis (natürlich vom kapitalistischen Standpunkt aus) erbrachten, daß der Mehrwert berechtigt sei, weil er einen Entgelt für die Unternehmerarbeit, für die Hergabe des Kapitals und für das Risiko darstellt.

Marx ging bei dieser Theorie wieder nur von der Industrie aus; er sah darin, dass sich der Arbeiter für einen Tagelohn verdingen muss, noch kein Unrecht. Der Unternehmer entlässt nun aber den Arbeiter nicht nach 5 oder 6 Stunden, wenn er für den Betrag des Tagelohnes Werte geschaffen hat, sondern beschäftigt ihn länger, 10 bis 12 Stunden. Die Differenz ist der „Mehrwert“, den steckt der Unternehmer ein, und erst damit hat dann die Ausbeutung stattgefunden. Nach dieser Marxschen Theorie steigt die Ausbeutung bei verlängerter Dauer der Arbeitszeit. - Wir können diese ganze Gedankenkonstruktion nur als eine lächerliche Firlefanzerei bezeichnen, denn wir wissen, dass der Arbeiter von der ersten bis zur letzten Stunde der Arbeitszeit ausgebeutet wird. Nach der Marxschen Mehrwerts-Lehre hätte mit der Verkürzung der Arbeitszeit auch die Ausbeutung geringer werden müssen. Wir wissen aber, dass die Rentabilität des Kapitalismus nicht gesunken ist, trotzdem der Arbeitstag von der Arbeiterschaft dauernd heruntergedrückt worden ist; eher hat das Umgekehrte stattgefunden. Die Gewinne und Dividenden der Unternehmer sind dauernd größer geworden. Damit ist die ganze Mehrwert-Lehre schon als falsch bewiesen. Aus der falschen Theorie vom Mehrwert zieht Marx schließlich in seinem Kapitel die Folgerung, daß die Herbeiführung eines Normal-Arbeitstages das wichtigste erste Ziel der Arbeiterschaft sein müßte. Durch Beteiligung in den Parlamenten soll das Proletariat für Staatsgesetze eintreten, die einen Maximal-Arbeitstag festlegen. Durch solche allmählichen Verkürzungen der Arbeitszeit sollte der Mehrwert immer mehr verkleinert und so der Kapitalismus nach und nach abgetragen werden. Nur, die Arbeiterschaft hat glücklicherweise nicht auf die ihm von Marx empfohlene gesetzliche Normierung der Arbeitszeit gewartet, sondern diese selbst durch dauernde Anwendung der direkten Aktion in die Hand genommen. Marx hat aber auch im Kapital selber zugeben müssen, dass alle Gesetze in England entweder ohnmächtig waren oder Verschlechterungen für die Arbeiter brachten, dass nur immer die Arbeiter selber durch irgendwelche direkten Aktionen sich Verbesserungen verschaffen konnten. Wir Syndikalisten wissen, dass der Mehrwert-Betrug nicht die einzige Form der Ausbeutung darstellt, sondern dass das Proletariat auch als Konsument durch Handel, Verkehr, Hausbesitz, Bodenwucher ausgebeutet wird, ebenso durch die verschiedenen Arten der Besteuerung durch den Staat. Marx übersieht auch, daß der Mehrwert erst durch Export realisiert werden muß, wodurch die Staaten zum Imperialismus gedrängt werden. Die Ausbeutung des Proletariats ist also mit der Mehrwert-Lehre nicht zu erklären, sie ist ebenso falsch, wie alle anderen Marxschen Theorien.

Die Zusammenbruchs-Theorie

Mit derselben behauptet Marx, daß der Kapitalismus an seinen eigenen Entwicklungsprodukten auf Grund feststehender ökonomischer Gesetze zugrunde geben müsse. Dies wäre nun zwar gut und schön, wenn es richtig wäre, es ist aber nicht richtig, sondern falsch. Eine solche Vertröstung ist aber geeignet, die Arbeiterschaft vom Klassenkampf abzuhalten, sie führt zum Fatalismus, und ist deshalb ein Verbrechen. Die Zusammenbruchstheorie zerfällt in zwei Hauptteile, der erste ist

die Verelendungstheorie

Diese besagt, daß im Maße, wie sich der Kapitalismus weiterentwickelt, die Lage des Arbeiters sich immer mehr verschlechtern muß, und gleichzeitig die industrielle Reserve-Armee, also das Heer der Arbeitslosen, immer größer wird. Nach dieser Theorie hätte in den 50 bis 60 Jahren industrieller Entwickelung nach Marx die industrielle Reserve-Armee schon die Mehrheit des Volkes bilden müssen, in Wirklichkeit ist sie aber nicht größer geworden, ihre Zahl schwankt wellenförmig um einen bestimmten Prozentsatz. Marx übersah hierbei, dass der Kapitalismus ein Mittel in Anwendung bringt, wenn die Gefahr für ihn besteht daß das Heer der Arbeitslosen zu groß wird, nämlich den Krieg. Er ist das Mittel zur Verminderung der industriellen Reserve-Armee. Aber selbst wenn die Verelendungstheorie zuträfe, was aber, wie bewiesen, nicht der Fall ist, dann könnten diese Erscheinungen nie zum Sozialismus führen, sondern nur noch weiter hinweg von ihm. Ein in so hohem Maße verelendetes Proletariat könnte vielleicht einen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems herbeiführen, niemals aber den sozialistischen Aufbau vollziehen. Es ist also gut, daß auch diese Verelendungstheorie ein eingebildeter Spuk ist, übrigens widerspricht diese Theorie auch direkt den eigenen Ansichten von Marx über die Möglichkeit, vermittels eines gesetzlichen Normalarbeitstages die kapitalistische Ausbeutung mildern zu können.

Den zweiten Teil der Zusammenbruchstheorie bildet die Konzentrationstheorie

Nach ihr behauptet Marx, dass das Kapital sich in immer weniger Händen konzentriere, dass der Mittelstand nach und nach verschwindet, von den Kapitalisten aufgesogen werde, und daß schließlich die Kapitalistenklasse sich selbst untereinander immer mehr dezimiere. Aus dieser Konzentrationstheorie hat Marx auch seine zentralistischen Tendenzen für den sozialistischen Staat übernommen. Diese Tendenzen sind also ebenso verkehrt, wie die ganze Theorie. In logischer Folge seiner irrigen Ansichten erachtet Marx die Vernichtung aller Mittelklassen für eine Notwendigkeit, trotzdem er zugibt, daß diese Mittelklassen in der kapitalistischen Wirtschaft freier und besser leben als die Arbeiterklasse. Aus diesen Ansichten folgt weiter das häufige Eintreten der Sozialdemokratie in den Parlamenten zugunsten des Großkapitalismus, auch das Eintreten für den Weltkrieg ist letzten Endes auf den Irrwahn zurückzuführen, daß der Weltkrieg eine natürliche Etappe auf dem Wege der notwendigen Konzentration des Kapitals bedeute. So fürchterlich erweisen sich die Folgen der durchweg falschen Theorien von Marx. Das gerade Gegenteil trifft in Wirklichkeit zu: Der Mittelstand und die Kapitalisten vermehren sich dauernd, die Zahl der Ausbeuter verringert sich nicht, sondern steigt. In wunderbarer Weise hat dies der russische Gelehrte Tscherkeseff nachgewiesen, und zwar gerade für England, demselben Lande, aus welchem Marx seine ganzen „Wissenschaften“ geschöpft hatte.

Danach hatten in England im Jahre 1815 nur 39569 Personen ein Einkommen von über 3000 Mk., 1907 aber 568092, das heißt 14,3 mal soviel, während sich die Bevölkerung in dieser Zeit nur verdoppelt hatte. Kleinkapitalisten gab es 1907 16,8 mal soviel wie 1815, und Großkapitalisten 11,03 mal so viel. In allen Ländern vollzieht sich die Entwickelung in ähnlicher Form, so hat sich die Zahl der Millionäre in Preußen von 1895 bis 1911 von 5306 auf 9431 erhöht, interessant werden die Zahlen für die Kriegszeit sein, wenn wir sie erfahren sollten. In Amerika hat sich die Zahl der Millionäre seit Kriegsbeginn 1914 von 4000 auf 20000 erhöht. Mit diesen Tatsachen ist die Konzentrationstheorie widerlegt, und die Zusammenbruchstheorie von Marx tatsächlich zusammengebrochen.

Noch offenkundiger wird die Unwissenschaftlichkeit des Marxismus in bezug auf die Konzentrationstheorie dadurch, dass Marx bei allen seinen Untersuchungen die Agrikultur nicht berücksichtigt hat. Damit hat Marx gerade die Hauptseite der Wirtschaft ignoriert, aus dem Grunde schon wären alle seine Hypothesen null und nichtig, weit das industrielle Kapital nur eine sekundäre Erscheinung, die landwirtschaftliche Produktion aber die elementare Form jeglicher Produktion überhaupt ist. Zunächst muß doch mal der Mensch essen, also landwirtschaftliche Produkte haben, erst dann kann er weben, Maschinen bauen, produzieren. Und letzten Endes haben alle Mittel zur Produktion, wie Häuser, Maschinen, Rohprodukte, ihren Ursprung in der Landwirtschaft. Marx machte sich die Sache sehr einfach, er übertrug die angebliche kapitalistische Tendenz unbesehen auf die Landwirtschaft. In der Landwirtschaft tritt es aber noch viel klarer zutage wie in der Industrie, daß diese angebliche Tendenz eine Fabel ist. Die Entwickelung beweist uns nämlich, daß in der Landwirtschaft der Großbetrieb dauernd zurückgeht, während der Kleinbetrieb blüht und gedeiht, und zwar trifft dies für alle Länder in gleicher Weise zu.

So lehrt uns die Berufszählung für Deutschland vom Jahre 1907, daß die Zahl der Parzellen und Kleinbetriebe (also die unter 2 ha) seit 1895 um rund 142 000 gestiegen ist. Die der Kleinbauern (2-5 ha) verlor allerdings 10000, aber nur, indem der eigentliche Mittelstand des Bauerntums (5- 20 ha) um volle 67000 zunahm. Dagegen verloren die großbäuerlichen Betriebe (20-100 ha) fast 20000, und der Großgrundbesitz (über 100 ha) 1500, das heißt rund 6 Proz. aller in Deutschland vorhandenen Großgrundbesitzbetriebe. Diese tatsächliche Entwickelung von 12 Jahren, eine Entwickelung, die aller marxistischen Theorie ins Gesicht schlägt, vollzieht sich in derselben Weise weiter. In anderen Ländern, wie Ungarn, vollzieht sich eine gleiche Entwickelung in noch stärkerem Maße, überall in allen Ländern geht die Landwirtschaft zum Kleinbetrieb über. Wie rationell der Kleinbetrieb arbeitet, kann man an China sehen, wo der Boden unter alle Familien des riesigen Volkes ungefähr gleich aufgeteilt ist, dort ist Feldwirtschaft beinahe überflüssig geworden, es wird eine so rationelle Gartenkultur getrieben, daß 1 ha Land 10 Personen ernährt.

So schafft die ökonomische Entwickelung die Vorbedingungen jener Kultur der kommunistischen Zukunft, deren Grundzüge im Gartenbau und Gartenbewirtschaftung, in Verbindung mit unserer hohen elektro-maschinellen Technik ihren Ausdruck finden werden. Das erstrebenswerte Ziel ist ein freies selbständiges Land- und Industrievolk anstatt der marxistischen industriellen und landwirtschaftlichen Armeen.

Den letzten Teil der Zusammenbruchstheorie bildet die Krisentheorie

Die Voraussage von Marx, daß sich die ungefähr 10 jährigen Krisen der kapitalistischen Produktion immer häufiger und immer heftiger einstellen müßten, hat sich ebenfalls nicht erfüllt. Der Kapitalismus hat es vielmehr verstanden, durch Bildung von Kartellen und Trusten diese Krisenbildung zu verringern. Es trifft aber auch nicht zu, daß die jeweils einsetzenden Krisen das kapitalistische System schwächen, bis schließlich dadurch die ganze kapitalistische Produktionsweise unmöglich wird, sondern die Krisen erwiesen sich als Ereignisse, die die kapitalistischen Produktionsverhältnisse immer wieder regenerierten, wenn die Planlosigkeit in der kapitalistischen Produktion überhand genommen hatte. Wenn jetzt die kapitalistische Wirtschaft am Ende ihres Lateins angelangt ist, so vollzieht sich dies nicht in der von Marx vorgesehenen Form, sondern der Kapitalismus ist gerade umgekehrt bankerott geworden durch Mangel an Kapital, Rohstoffen, Überschuldung. Und nur in der Unmöglichkeit, das Lebensniveau der modernen Arbeiterschaft plötzlich gewaltig herunterzudrücken und große Massen widerstandslos zu verelenden, liegt der Triebfaktor für die Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Also jetzt hängt es doch wieder, entsprechend den Lehren Bakunins, von dem revolutionären Wollen und der Energie des Könnens des Proletariats ab, ob der Sozialismus Wirklichkeit wird.

Die Verneinung des Marxismus

Marx hat bei allen seinen Untersuchungen übersehen, daß zu allen Zeiten eine Gewaltseinrichtung den Unterschied zwischen Armut und Reichtum ermöglichte. So ist auch dem Kapitalismus unserer Zeit die Möglichkeit seiner Betätigung nur durch den modernen Staatsmechanismus verbürgt. Marx hat den Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft nicht erkannt, und deshalb ist der Marxismus im Lichte des Sozialismus schon reaktionär, weil er nicht auf eine Stärkung der Gesellschaft gegenüber dem Staate, sondern umgekehrt auf eine Machtlosmachung der Gesellschaft gegen die Allmacht des Staates hinausläuft. Sozialismus heißt aber Vergesellschaftung. Die Befreiung der Menschheit von Staat und Kapitalismus ist ausschließlich von der zunehmenden Intelligenz, dem reifenden Gerechtigkeitsgefühl dem wachsenden Menschheitsgefühl des Individuums und stärkeren Minoritätsgruppen zu erhoffen, die dem Staat und dem Kapitalismus sich, Ihren Geist und ihr Arbeitsschaffen nach Möglichkeit entziehen. Diese neuen Menschen müssen eine neue Gesellschaftsorganisation begründen helfen, die sich mit allen Mitteln energisch von dem Kapitalismus loslöst. Der Kommunismus wird nicht eine natürliche Folge der Akkumulation sein, wie Marx es behauptete, sondern nur sozialistisch wollende und in diesem Sinne konstruktiv bauende Menschen können den Kommunismus schaffen. Damit ist gleichzeitig die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Kampforganisatoren begründet, die gleichzeitig die Zellen für die neue Gesellschaft bilden müssen.

Um nun die Staatsherrschaft durch ein geeinigtes Proletariat überwinden und das Proletariat auf eine einheitliche wirtschaftliche Kampffront bringen zu können, ist zunächst die Überwindung der marxistischen Irrlehren die Voraussetzung hierzu. Der marxistische Staatssozialismus konnte nur seine Bedeutung erlangen auf Grund des preußischdeutschen Sieges1870 über Frankreich, wodurch der Staatszentralismus in seinem schärfsten Ausdruck sich anscheinend als die überlegene und siegreiche Form der Organisation erwiesen hatte. Dieser Schein ist jetzt durch den Zusammenbruch des preußischen Militarismus als ein Trugschluß offenbar geworden und damit beginnt auch das Ende der Vorherrschaft des marxistischen Pseudo-Sozialismus. Die Arbeiterschaft wird wieder zu den Anschauungen der 1. Internationale, zu dem freiheitlichen Sozialismus zurückkehren, wie ihn Bakunin im Gegensatz zu Marx vertrat. Unsere Aufgabe ist es, diesen Prozeß möglichst zu beschleunigen. Dabei wird das dankenswerte Buch von Pierre Ramus unschätzbare Dienste leisten.

Franz Barwich

Originaltext: http://www.syndikalismusforschung.info/barwichmarx.htm

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