Pierre Ramus - Die Lebensaufgabe des Proletariers

Herbert Spencer, der kürzlich verstorbene grosse Philosoph, besass den bei den Männern der Wissenschaft leider so selten zu findenden wissenschaftlichen Überzeugungsmut, eine in seinen Erstlingswerken ausgesprochene Meinung zu revidieren und als falsch hinzustellen. In seinen letzten geistigen Produktionen, u.a. in seinen „Facta and Comments" *), konstatiert Spencer aufs neue, dass er die früher verkündete Ansicht, die Gesellschaft resp. Menschheit sei ein Organismus und die einzelnen Klassen, wie auch Individuen blos Funktionäre, welche in Übereinstimmung mit jenen handeln müssen, nicht mehr hege. Damit fällt für jeden denkenden Menschen auch die deterministische Hypothese der marxistischen Doktrinäre fort, nach welcher die Gesellschaft sich laut gewisser Bewegungsgesetze auf ökonomischem oder politischem Gebiete zu entwickeln habe, überhaupt nur diese eine ihr aufoktroyrte Entwicklungsrichtung verfolgen könne.

Alles dies sind Gedanken und Grübeleien, bei denen der Wunsch und die rosigste Hoffnungsfreudigkeit die Eltern spielten, um die sich aber das reale Leben nimmer kümmert. Die Gesellschaft entwickelt sich nicht maschinell, sondern diejenigen Massen- und Individualinteressen, die in ihrem Aggregat am stärksten zum Vorschein kommen und im täglichen Leben praktisch am meisten zu Tage treten, also dieses aktuell beeinflussen, setzen sich schliesslich durch und dominieren über den Entwicklungsgang des gesellschaftlichen Lebens.

Eine jede anarchistische Weltanschauung und Prüfung der menschlichen Entwicklung muss daher die direkte Prophezeiung, so und nicht anders könne die Gesellschaft sich entwickeln, dieses und kein anderes Ziel könne sie erreichen, unter allen Umständen missachten. Um so mehr, da diese eine Lähmung des, Initiativvermögens des Individuums und eine stetig um sich greifende Energielosigkeit mit sich führen muss. Wenn wir die Sozialdemokraten von einer „historischen Mission" des Volkes oder Proletariats sprechen hören, so vermuten wir unwillkürlich dahinter irgend einen allgütigen Gottvater, der mit gnädiger Langmut gerade dem Proletariat diese herrliche Aufgabe bescheert hat. Dieses, angesichts seiner Misson, darf es sich natürlich erlauben, seine müden Gliedmassen auf der Bärenhaut der Entwicklung auszustrecken und wohliger Ruhe zu pflegen — die historische Mission, dieses Faktum der Entwicklung, muss sich ohnedies erfüllen. Dass eine solche Handlungsweise das direkte Resultat des sozialdemokratischen Aberglaubens ist, kann niemand leugnen, der die grundlegenden Ideen dieser Weltanschauung, die nur in geschraubt hohen Tönen, mit unabweisbarer Positivität ihre Weisheit verkündet, kennt.

Der Anarchist lächelt über diesen Glanben. Er weiss, dass es eine historische Mission im Sinne des ökonomischen und deterministischen Materialismus nicht gibt, aber auch er wendet sich vornehmlich an das Proletariat, in der Hoffnung, die bewusstesten, mutigsten und logisch denkenden Teile desselben zu gewinnen. Für ihn ist die Verkündung der sozialen Befreiungsideen nicht das Anrecht, dem Proletariat sagen zu dürfen, es möge sozialpolitisch immer unreif bleiben, also nichts anderes tun, als unentwegt mit Stimmzetteln fuchtelnd kämpfen, sondern seine Propaganda beschränkt sich darauf, dem Volke, jedem einzelnen zu verkünden, dass in ihm vor allem Empörungsglut, Liebe zur Freiheit, Begeisterung zum Kampfe sein müssen, soll er sich jemals befreien können.

Wohl ist es wahr, dass die Massen des Proletariats am ehesten diese Gedanken in sich aufnehmen werden. Da sie, als unterdrückteste Klasse, der Gesellschaft, das triftigste Interesse an einer Änderung der sozialen und politischen Verhältnisse haben; in diesem Sinne freilich ist es ihre historische Mission, die Grundfesten der Tyrannei und ökonomischen Unterjochung zu beseitigen, da jede andere Klasse direkt oder indirekt doch immer noch Vorteil aus jenen Zuständen des Kapitalismus zu ziehen vermag, die das Proletariat vollständig entlassen. Es gibt keine „historische Mission" des Proletariats im Sinne des Verschränkens der Arme und hübsch ruhigen Wartens: wohl aber eine solche, die sich ans seinen Lebensumständen ergibt und den Klassenkampf für dieses zum biologischen Naturgesetz des Daseinskampfes macht, den zu führen es als Lebensnotwendigkeit ansehen muss und in dessen Schulung es alle jene Keime der Solidarität, gemeinschaftlicher Tätigkeit zeitigt, die als Fundamente der Zukunft anzusehen sind und unsere heutige Welt zersetzen.

Die Lebensaufgabe oder Mission des Proletariats so auffassen, heisst nicht: doktrinär sein, sondern begreifen, wie sich die neue Gesellschaft, die anarchistische Gruppierung der Kommune durchsetzen kann, im Einklang mit den übrigen sowohl individuell als auch kollektiv wirkenden Entwicklungsgesetzen, wie der einzelne als auch die vielen zu kämpfen haben, damit das Aggregat ihrer idealen Zukunftsinteressen die Oberhand über die brutalen Gewalts- und Willkürinteressen unserer Gegenwart gewinne. Und in diesem Sinne genommen gibt es unzweifelhaft eine historische Mission des Proletariats. Historisch, wenn wir die Geschichte als eine Reihe von Kämpfen der Archie gegen die überall und stets zu Tage getretene Tendenz der Dezentralisation, der Anarchie, betrachten; eine Mission des Volkes, wenn wir anerkennen, dass das Alpha und Omega einer jeden sozialen Frage sich um die ökonomische Grundlage der Gesellschaft bekümmern muss, und dann noch wissen, dass das Proletariat der ökonomisch unentbehrlichste, menschliche Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens ist und von dessen ungerechter ökonomischer Distribution am härtesten und schwersten getroffen wird.

So begriffen, ist die historische Mission des Proletariats, was früher die historische Mission des Bürgertums gewesen, die Beseitigung des bedrückenden Systems, die Schaffung jener Verhältnisse, die doch gleichbedeutend mit der Abschaffung jeder Klassenherrschaft sind.

Und dass dieses Prognostikon nicht ans der Luft gegriffen, sondern wahr ist, das können wir der Beobachtung jedes einzelnen Proletariers entnehmen. Der Arbeiter, solange er kein Ideal sieht, das er sich erkämpfen muss, verliert mehr mit jedem Jahre. Nicht nur die Armut drückt ihn nieder, nein, sein ganzes seelisches Empfinden wird vom Stampfsinn so überwuchert, dass zwischen ihm und dem Tier wahrlich kein grosser Unterschied besteht.

Jene Proletarierschichten, die hauptsächlich sich mit dem bestehenden Gesellschaftssystem abgefunden haben und sich ducken, bieten uns das Bild der schrecklichsten Verelendung. In ihr Gemüt zieht auch nicht der kleinste Lichtstrahl geistiger oder psychischer Erhebung ein. Befriedigung der animalischsten Bedürfnisse ist alles, was sie heischen, und sie messen jene nicht nach der Qualität, sondern nach der Quantität...

Kein Gedanke der Begeisterung, keine Begnüg des Menschheitsbewusstseins; hier hat die Knechtschaft, der ökonomische und politische Druck der herrschenden Klassen sein Werk glänzend ausgeführt. Millet hat uns in seinem "Mann mit der Haue" die entmenschte Jammergestalt des Landsklaven gezeigt, Steinten, Dalour, Jehan Rictus haben mit dem Pinsel, dem Meissel und der Feder uns die erschütternde Grässlichkeit des durch Elend zur Seelen- und Leidenschaftslosigkeit getriebenen Städteproletariers grossartig geschildert.

Wenn die anarchistische und sozialistische Idee auch gar keine anderen Triumphe aufzuweisen hätte, dieser eine Ruhm gebührt ihr ungeschmälert: Was keine bürgerliche Reformarbeit oder Philantropie jemals zustande gebracht hätte, ist ihr gelungen. Sie hat die ihr anhängenden Proletarier zu Unzufriedenen, Begehrlichen, kühn nach Lebenslust und Recht Greifenden gemacht, kurz: Menschen aus ihnen neugeformt. Dort, wohin das Ideal der Freiheit dringt, gibt es auch denkende Menschen, die der Begeisterung fähig, die ein Lebensideal hegen, das sie die Stürme und Gewitter des Augenblicks, der traurigen Gegenwart, mutig bekämpfen lehrt, im Hinblick auf die grosse, erhabene Zukunft.

In der Brust des Anarchisten oder freiheitlichen Sozialisten da glimmt und loht eine Flamme, die keine Asche der Not und Trauer zu ersticken vermag. Er weiss, wofür er lebt, er fühlt, warum er kämpfen muss, in ihm schreit es nach Menschenwürde und Brot, nach Freiheit und Lebensfreude und menschlichem Glück durch die Harmonie des Ganzen. Was der Monismus philosophisch lehrt, das empfindet der rebellische Proletarier in der Praxis. Sein Sehnen ist, die Zwiespälte des Lebens aufzuheben, die Doppelböden der Moral, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu zertrümmern, damit die Einheit seiner Sehnsucht endlich der Einheit eines idealen Lebens, einer befreiten Menschheit in der keine Doppelsinnigkeit, keine zweierlei Wahrheiten oder Rechte ihr Unwesen treiben, begegnen.

Ein solcher Proletarier ist ein Kämpfer, er wird und muss es bleiben, denn jedem Schritt seiner idealen Absicht stellt sich als düsteres, entschlossenes Hindernis der Gewaltbau der kapitalistischen und staatlichen Gesellschaft entgegen. Doch ein Kämpfer kann durch Hindernisse niemals beirrt werden : seine Anstrengungen verdoppeln sich nur, je öfter jene sich zeigen. Er weiss, dass seine Lebensaufgabe nicht darin besteht, zu warten, bis die Gnade der allgütigen Entwicklung ihm die Entscheidung oder die reife Frucht in den Schoss fallen lässt, sordern dass es eben seine Lebensaufgabe ist, seine Mission bildet, die Gedanken, Gefühle und Ideale der Freiheit, des Anarchismus so oft als möglich zum Ausdruck, zu bringen, damit diese ihr Gepräge der Entwicklung aufdrängen und dieser so, durch den mutigen Vorstoss der Kämpfer, der Idealisten, ihre Bahn vorschreiben.

Dies ist unsere Lebensaufgabe, wir weihen uns ihr mit Freude und innerlichem Glück, innerlicher Befriedigung. Denn nur der ist der Freiheit würdig, der sie sich täglich erobern will, unentwegt für sie kämpft und sein Ideal über alles, über das kleinliche, nichtige Augenblicksinteresse stellt und stets eingedenk dessen ist und kämpft, dass er eine Lebensaufgabe allen Unterdrückten empfiehlt, dass er seine eigene Lebensaufgabe erfüllt.

*) „Tatsachen und Kommentare". Es ist dies die letzte Leistung Spencers gewesen, da seine soeben publizierte Autobiographie ja schon mehrere Jahre druckreif vorlag, aber dem Wunsche des Verfassers gemäss erst nach seinem Tode erscheinen durfte.

Aus: Der Freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 31, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.

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