Pierre Ramus - Im Namen der Menschlichkeit!

Sämtliche Nachrichten, die uns über das Treiben der russischen Sowjetdiktatur erreichen, stimmen darin überein, daß die Lebensverhältnisse des russischen Proletariats sich von Tag zu Tag durch innere Ursachen verschlechtern, der politische Staats- und Zwangsdruck der Gewalt, der auf dem Volke lastet, die scheußlichsten Auswüchse des Despotismus zeitigt, und daß ferner die Verfolgungen gegen Andersdenkende, insbesondere aber gegen die Anarchisten, die herrschaftslosen Sozialisten, in einer erschreckenden Zunahme begriffen sind. Alle unsere, gleich anfangs jedem Staatsmonopolismus und Staatskapitalismus entgegengebrachten Befürchtungen sind weit übertroffen. Die Parteidiktatur des Marxismus, die in Rußland etabliert ist, ist genau so infam, wie die Zarendiktatur es gewesen.

Von Stockholm schreibt uns Kamerad C. J. Björklund, der selbst in Rußland gewesen war, über die neuesten Berichte von dort: "Unsere Kameraden in der schwedischen Metallarbeiterdelegation, die soeben zurückgekehrt sind, bringen die traurigste Kunde. Es herrscht ein Terror niederträchtigster Art. Viele unserer Kameraden liegen in den bolschewistischen Gefängnislöchern. Jede agitatorische Freiheit ist brutal unterdrückt. Und da wagen es die schwedischen Bolschewisten noch, weil sie soeben eine große Wahlniederlage erlitten haben, natürlich auch dank unserer Wahlstreikaktivität, uns als Gegenrevolutionäre zu bezeichnen, da wir für diese ehrlos-gemeine Betrugssache, die man "Diktatur des Proletariats" nennt, nicht zu haben sind. Als ob diese etwas anderes zu sein vermöchte als die Diktatur einiger zur Macht gekommener Streberseelen, die in ihrer Verwerflichkeit tief unter dem Niveau der durchschnittlichen Schlechtigkeit stehen."

"Die Berichte, die von den schwedischen Metallarbeitern aus Rußland zurückgebracht werden, sind geradezu mörderisch für die Bolschewisten. Jeder ehrliche Revolutionär und sozialistische Kämpfer wird dem Bolschewismus nachgerade die erbittertste Verachtung, entgegenbringen müssen. Wir veröffentlichen hier ein Dokument der linken Fraktion der Sozialrevolutionäre, die in den Gefängnissen Petrograds begraben sind; ihre Mitteilungen sind das Haaarsträubendste, das sich denken läßt. Auf Grund dessen haben wir in Göteborg eine große Versammlung einberufen, in der ich und Kamerad Henrikson sprachen und gegen die bolschewistische Tyrannei protestierten. Wir forderten, daß zumindest für sämtliche sozialistische und revolutionäre Parteien die Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit in Rußland wieder hergestellt werde. Die schwedischen Arbeiter haben sich mit größter Begeisterung für dieses elementare Recht ihrer verfolgten russischen Brüder eingesetzt."

Soweit die Mitteilungen Björklunds. Wir schließen uns diesem Protest voll und ganz an.

Was jenes "Dokument der linken Fraktion usw." anbetrifft, handelt es sich um einen Aufruf, den 72 Linkssozialrevolutionäre, 42 Rechtssozialrevolutionäre, 27 Maximalisten und 80 Anarchisten, die im Moskauer Gefängnis von Butirka sitzen, gemeinsam mit dem Sozialrevolutionär Sokolow, der sich in Paris aufhält, an die Arbeiter Westeuropas erlassen haben, Der Aufruf hat folgernden Inhalt:

"An alle Sozialisten und Russen!

Seid vorsichtig! Ihr werdet betrogen! Nie ist die Lage der Arbeiter in Rußland so traurig und die Macht der Schieber so groß gewesen, wie jetzt. Selbst in den Dörfern entsteht eine Kleinbourgeoisie. Die Gefängnisse sind mit Sozialisten überfüllt! Im Gefängnisse sitzen die Sozialrevolutionäre Coc, Timofejeff, Ratner, Wedenjapin, Donskoi, Mosoroff, Ber, Gesiti und Sletowa, dann die Maximalisten Kamuscheff und Neustrojeff. Der Sozialrevolutionär Scherepanoff ist ermordet worden, der Sozialdemokrat Sack ist Hungers gestorben. Das feindselige Verhältnis zwischen Bolschewiken und Arbeiter und Intellektuelle verschärft sich. Die Lage der Arbeiter wird jeden Tag schlimmer infolge der Militarisierung der Arbeit und Schließung des freien Arbeitsmarktes. Seit Juli sind die Überstunden obligat. Der Arbeitstag ist mit 12 Stunden fixiert! Die Brotration ist seit dem 1. August auf ein Viertelpfund herabgesetzt, der Lebensmittelhandel ist bei Gefängnisstrafe verboten."

"Am 1. September haben die Arbeiter in der Umgebung Petersburgs die folgende Resolution gefaßt: Die Kommissäre und Fachdirektoren haben Alles, was sie brauchen, sogar Weißmehl und Zucker! Sinowjew zwingt uns und unsere Kinder zum Hungertod, weil die Märkte geschlossen sind."

Eine andere Resolution, welche die Arbeiter in Kolpino beschlossen haben, verflucht die Bolschewiken, welche die Arbeiter zu Sklaven gemacht und die Diktatur der Fachdirektoren eingeführt haben. Die Resolution fordert die Öffnung der Märkte.

"Seit dem Bestande des bolschewistischen Regimes sind in Petersburrg 350 Gelehrte verhungert, in diesen Tagen sind die Akademiker Schachmatroff und Dujareff an Entkräftung gestorben. Jetzt bekommen Gelehrte eine Art Pension, aber die Arbeiter werden dem Hunger ausgeliefert. Unter den intellektuellen Arbeitern sind religiöse Bewegungen entstanden, an deren Spitze die jungen Geistlichen Gregorjew und Tjepwim, sowie die Philosophen Soski, Maier und Karsawin stehen. In den Arbeiterzentren sind die Kirchen von Betenden überfüllt."

Kurzum, es ist die Verzweiflung, die sich des Volkes bemächtigt, Reaktion und Klerikalismus ernten ihre Früchte, dank der "revolutionären" Arbeit der bolschewistischen Diktatoren, die in Wirklichkeit jede Prinzip von Kommunismus und Menschenrecht mit Füßen treten, nur, um ihre Selbstbereicherungspositionen inne zu haben.

Der Bolschewismus erklärt und rechtfertigt seine absolutistische Unterdrückung der elementarsten liberalen Rechte des Individuums stets damit, daß er behauptet, sie richte sich nur gegen die Bourgeoisie und geschehe, um den Arbeitern ihre Presse-, Versammlungs- und Redefreiheit zu gewähren. Das ist erlogen und nackter Betrug! Die Unterdrückung jener einfachsten menschlichen Rechte geschieht nicht weil man die Bourgeoisie und ihre Argumente zu fürchten brauchte. Sie geschieht, weil die Arbeiterklasse, sowie die verschiedensten Richtungen der sozialistischen Bewegung eine Kritik gegen das bolschewistische Regime zu üben vermögen, der dieses nicht standzuhalten vermag; weder intellektuell, noch sozialrechtlich. Daher die Unterdrückung der proletarischen und sozialistischen Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit, und wir protestieren im Namen der Menschlichkeit gegen die schurkische Schleuderung von Menschen in Gefängnisse welch erstere nur ein Recht ausüben wollten, das ihnen der primitivste Liberalismus zubilligen muß.

Zugleich erreicht uns eine höchst alarmierende Kunde über das Schicksal unseres verehrungswürdigen Vorkämpfers Peter Kropotkin, das sehr bezeichnend ist für die Zustände im bolschewistischen Rußland, das einen Dichter wie Arzybascheff der Valutaspekulation zutrieb, nur damit er sich ernähren und erhalten könne! Kropotkins Lage in Rußland ist eine trostlos verzweifelte geworden: er leidet entsetzlichsten Mangel an Lebensmitteln und Kleidern. Während die bolschlewistischen Herren im Kreml sich vom Schweiß und Blut des Volkes mästen und Bankette und Festivitäten geben, durch die sie jeden Besucher Rußlands zu korrumpieren trachten, lassen sie einen Kropotkin untergehen! Denn, was die höchste Gemeinheit ist, sie verweigern Kropotkin und seiner Tochter Sascha einen Reisepaß, der ihnen die Ausreise nach der Schweiz oder Italien ermöglichen würde, wohin Kropotkin — der heute 78 Jahre alt ist! — schon seit Jahren alljährlich reisen mußte, um den Unbilden eines winterlichen Klimas zu entgehen.

Hoffentlich wird es den wackeren schwedischen und spanischen Kameraden, die bereits eine Hilfsaktion zugunsten Kropotkins organisieren, gelingen, ihn mit Liebespaketen zu versorgen, die allein imstande sind, Kropotkin über den kommenden Winter hinaus zu retten. Aber dies genügt nicht! Wir fordern die russische Regierung im Namen der Menschlichkeit — wenn sie die Teilhaftigkeit an derselben nicht völlig verwirkt haben will — aufs entschiedenste auf, Kropotkin eine Ausreiseerlaubnis zu gewähren! Es ist eine Schmach und Schande, bloß aus feiger Angst vor der gefürchteten Wahrheitsliebe Kropotkins, diesem großen Revolutionär, der seit 50 Jahren für die Internationale des Proletariats kämpft, diesem aufopferungsvollen Denker des kommunistischen Anarchismus, den man achten und lieben muß, selbst wenn man mit seiner Haltung während des Krieges nicht übereinstimmen konnte, es ist eine Schmach, diesem Mann das Recht, eine Erholungsreise nach dem Auslande zu machen, zu verweigern ihn erbarmungslos zugrunde gehen zu lassen, das Leben eines Genius der Sache der Menschheit und sozialen Emanzipation in ruchlosester Weise zu verkürzen.

Wir werden dafür Sorge tragen daß dieser Aufsatz unseres Blattes zur Kenntnis der verschiedenen Auslandsvertreter des Bolschewismus gelangt. Wir fordern sie dringend auf, auf die russische Regierung einzuwirken! Möge sie nicht noch mehr den Haß und Fluch der revolutionären Bewegungen auf sich laden, möge sie Kropotkin das Recht der Ausreise gewähren. Sie tue dies, wenn schon nicht im Namen ihres "Kommunismus" ihrer "revolutionären" Selbstachtung so doch zumindest im Namen der Menschlichkeit!

Aus: "Erkenntnis und Befreiung", 2. Jahrgang, Nr. 47 (1920). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat, Preß zu Presse, Krapotkin zu usw.) von www.anarchismus.at.

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