Blut und Zerstörung - Die Spuren der Prügelei

Anmerkung: 2010 endeten Gerichtsverfahren gegen an Menschenrechtsverletzungen und Übergriffen während der Proteste in Genua beteiligte Polizeibeamte mit teilweise mehrjährigen Haftstrafen.

Blut und Zerstörung - Die Spuren der Prügelei

GENUA - Frisches Blut, noch flüssig und glänzend wie Himbeersirup. Eine Bibel, eine Rolle Toilettenpapier, Blut. Eine Metallschachtel voller Präservative, ein Tagebuch mit der Telefonnummer von Micha: 2152635. Don Quichote ohne Einbanddeckel, Blut. Damenbinden, Olivendosen, Reisewecker, Blut. Ein zerrissener polnischer Reisepass. Eine Geldbörse aus Lederimitat, leer, mit einer Adresse: Nancy und Darryl Beal, 1051224 W 10th Ave. Vancouver, Canada. Bitte Eltern verständigen.

"Never seen anything like this", sagt unbeweglich Richard, 24 Jahre, aus den Londoner Suburbs. Niemals zuvor gesehen, nicht in Europa, seit 50 Jahren nicht. Deswegen wird Ihnen übel werden, und vielleicht werden Sie es auch nicht glauben. Aber wenn Sie um halb zwei Uhr morgens in die hübsche Schule Armando Diaz hineingegangen wären, als nach der Verwüstung noch niemand durchgegangen war, hätten Sie dies gesehen. Zwei Mädchen Arm in Arm in einer Ecke, ganz allein in dem leeren Gebäude. Eine davon schmächtig, mit zwei Zöpfen an den Seiten, vielleicht zwanzig, vielleicht Amerikanerin. Von krampfartigen Seufzern geschüttelt, unfähig zu weinen. Die andere, die fragt: "Why?" ­ und sie antwortet nicht. Eine Turnhalle übersät mit ausgeleerten Rucksäcken, zertretene Brillen, aufgerissene Fotoapparate, herausgerissene Filmrollen, Unterhosen, Melonen, Comics, Tennisschuhe, Thunfischdosen. Schlafsäcke, die noch warm sind, in den Gängen, und dort auch die ersten Blutflecken. Dicht und dunkel. Sie führen nach oben. Die Treppe hoch. In der Ecke der erste rote Streifen, wie von jemand, der mit dem Kopf dagegen geschlagen und dann zu Boden gerutscht ist. Erster Stock: Rote Pfützen. Vor der Tür der Klasse 2ab zwei Bücher in einer noch flüssigen Pfütze: Minuet for Giutar von Vladimir Zupan und Miracle of the Rose von Jean Genet. Das Blut führt in die Toiletten. Im Waschbecken liegt ein von der Wand gerissenes Kruzifix, rot beschmiert. Im WC-Becken ist Blut, auch auf den Heften mit den Krankmeldungen der Schüler und auf den in einer Ecke gestapelten Klassenbüchern. Es sind Spritzer auf dem eleganten Türschild, auf dem in gekünstelter Kursivschrift geschrieben steht: "Carla Angela Castelli, Schulleiterin". Auch die Tür selbst ist besudelt, denn das Blut ist überall, vor allem aber in den Ecken und an den Wänden: Das Blut von Flüchtenden. Eine Spur wie aus einem Horrorfilm führt hinunter ins Untergeschoss: Am Ende der Treppe ist eine stets zu öffnende Tür, ein Notausgang. Sie muss die Ängste jemandes miterlebt haben, der versuchte, hier hinauszukommen. Die Tür war von außen mit einem Schloss verriegelt. Der hier flüchten wollte, hat am Türgriff gezerrt, hat ihn aus der Tür herausgerissen. Nichts. Verschlossen. Und dann unten am Boden seine Blutstropfen und wieder hinauf Stufe für Stufe, als er die Treppe wieder hochkam.

93 haben sie weggebracht aus der Schule, die die Gemeinde Genua den Jugendlichen des Social Forum so großzügig angeboten hatte. Einen nach dem anderen auf der Krankentrage, durch einen Korridor von Polizisten mit verdecktem Gesicht, mit Taschentüchern vor der Nase, Helm und Schild. Im Gebäude gegenüber rufen Hunderte von jugendlichen an den Fenstern: Mörder, Faschisten. Ein Hubschrauber ist ganz knapp über dem Dach, als wolle er landen; er tut es aber nicht.

Eine Gasse mitten in der Nacht. Scheinwerfer von Panzerfahrzeugen, Tausende von Uniformierten. Sie haben die Abgeordneten und Senatoren, die hinein wollten, geschlagen, zu Boden geworfen und ihnen das Hemd zerrissen: Ramon Mantovani, mit dem Gesicht zur Wand und zerrissenem Hemd. Gigi Malabarba, Schläge mit dem Schild auf den Rücken. "Ich bin Senator der Republik; ich will nur reden", sagte er. Die zwanzigjährigen Wehrdienstleistenden schlugen ihn. Auch Graziella Mascia, Loredana De Petris und Luisa Morgantini waren da. Alles gewählte ParlamentarierInnen. Sie ließen weder die Anwälte durch, die ihren Ausweis zückten, noch die Journalisten aus aller Welt, während aus dem dunkel daliegenden Schulgebäude Schreie von Jugendlichen zu hören waren. Schreie in voller Lautstärke, vor allem Hilferufe von Frauen. Man sah Glas von drinnen nach draußen splittern, hörte Schläge. Dutzende und Aberdutzende von Polizisten waren drinnen, und draußen zwei leitende Beamte mit Funkgeräten: "Roberto, bring die Abgeordneten weg", sagte der elegante Große, der blau angezogen war, mit schwarzen Haaren und Bart. Dann begannen die Krankentragen herauszukommen.

Auf der ersten lag ein Mädchen mit gespaltenem Kopf, vermutlich ohnmächtig, mit zwei orangenen Gurten festgebunden. Sie ließ auf der Straße einen viele Meter langen Blutstreifen zurück, bis hin zum Krankenwagen. "Mörder" riefen die Jugendlichen am Gebäude gegenüber, dem Media Centre, dem von Vittorio Agnoletto geleiteten Kommunikationszentrum des GSF [Genoa Social Forum]. Auch Agnoletto ist draußen geblieben, während die Krankentragen vorbeizogen. Wenigstens dreißig waren es. Jemand war mit weißen Tüchern bedeckt, so dass man das Gesicht nicht sehen konnte. Als vier Polizisten mit einem riesigen und schweren Sack herauskamen, hörte man rufen: "Es gibt einen Toten."

"Wir schliefen", erzählte Michael Gieser, der einzige der drei Zurückgebliebenen, der in der Lage war zu sprechen. Er ist 30 Jahre alt und arbeitet in einer Luxemburger NGO, macht in Brüssel "Erziehung zur Gewaltlosigkeit". "Es war Mitternacht, und wir schliefen in unseren Schlafsäcken. Sie schlugen gegen die Tür und riefen ,Polizei'. Instinktiv sind wir aufgestanden und nach oben geflüchtet. Sicher, das war ein Fehler, aber wir waren alle mitten im Schlaf. Sie ließen uns mit dem Bauch flach auf den Boden legen. Wühlten alles durch, machten alles kaputt, zerrissen Dokumente. Sie brüllten, beschimpften uns und schlugen mit den Knüppeln auf die am Boden Ausgestreckten ein. Ich sah, wie mehrere Mädchen ohnmächtig wurden. Ich bin geflüchtet, als sie die Tür öffneten, um den ersten Massakrierten herauszubringen. Er war noch in seinem Schlafsack. Ich muss an die Jüngsten denken, die dort stundenlang blutend, verängstigt und allein geblieben sind. Und ich möchte Ihrem Land für die vorzügliche Gastfreundschaft danken." Er spricht französisch.

Die "Hausdurchsuchung" dauerte zwei Stunden. Etwa zwanzig Jugendliche wurden im Gefangenentransporter weggebracht, die Hände am Hinterkopf. Die Polizei zog sich in Schlachtordnung, der "Schildkröte", zurück. Auf dem Boden zurück ließen sie Geldstücke, Präservative, Damenbinden, zerfetzte Reisepässe. Und, mehr als alles andere, Blut. Das kleine Mädchen mit den runden Brillengläsern hebt eine Brieftasche vom Boden auf und sieht sich um. Von all den Fragen, die sie in diesem Moment stellen könnte, wählt sie diese aus: "Und wie kommen sie jetzt ohne Papiere nach Hause?" Es ist der 22. Juli, drei Uhr nachts. Der G 8 ist zu Ende.

von Concita de Gregorio

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Polizeimassaker in der Schule Armando Diaz - Genua, 2001


Originaltext:
www.gajwien.at

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