Victor Serge - Kropotkins Beisetzung (10. Februar 1921)

Im Februar starb der alte Kropotkin in Dimitrowo bei Moskau. Ich hatte ihn nicht besuchen wollen, um mich nicht einer peinlichen Unterhaltung auszusetzen; er glaubte immer noch, die Bolschewiken hätten von den Deutschen Geld bekommen usw. Da wir, meine Freunde und ich, wußten, daß er in Kälte und Finsternis lebte, an seiner Ethik arbeitete und zu seiner Entspannung ein wenig Klavier spielte, schickten wir ihm ein prächtiges Paket Kerzen. Ich kannte den Inhalt seiner Briefe an Lenin, über die Verstaatlichung des Verlagswesens und über die Intoleranz. Wenn sie eines Tages veröffentlicht werden, wird man sehen, mit welcher Hellsicht Kropotkin die Gefahren des gelenkten Denkens vorhergesehen hat. Ich fuhr nach Moskau, um seiner Beisetzung beizuwohnen; das waren, in der großen Kälte zur Zeit des großen Hungers, bewegende Tage. Ich war das einzige Parteimitglied, das unter den Anarchisten als Genosse anerkannt wurde. Um die Leiche des großen alten Mannes, die im Gewerkschaftshaus im Säulensaal aufgebahrt war, kam es trotz Kamenews wohlwollendem Takt zu allerlei Zwischenfällen. Der Schatten der Tscheka war überall, aber eine dichte und hitzige Menge strömte herbei; das Begräbnis wurde zu einer aufschlußreichen Kundgebung. Kamenew hatte versprochen, alle gefangengehaltenen Anarchisten für einen Tag freizulassen; so bezogen Aaron Baron und Jartschuk die Ehrenwache vor der sterblichen Hülle Kropotkins. Mit seinem eisigen Gesicht, der freien hohen Stirn, der schmalen Nase, dem schneeweißen Bart glich er einem schlafenden Magier, während ringsum schon aufgebrachte Stimmen flüsterten, die Tscheka verletze Kamenews Versprechen, in den Gefängnissen werde ein Hungerstreik beschlossen, der oder jener sei soeben verhaftet worden, die Erschießungen in der Ukraine gingen weiter ... Schwierige Verhandlungen wegen einer schwarzen Fahne, einer Rede verbreiteten in dieser Menschenmenge eine Art Raserei. Der lange Zug, von Studenten eingesäumt, die, sich an den Händen fassend, eine Kette bildeten, setzte sich unter Chorgesang, hinter schwarzen Fahnen, deren Inschriften die Tyrannei anklagten, nach dem Friedhof von Nowodjewitschi in Bewegung. Auf dem Friedhof, der im Schein einer kristallklaren Wintersonne lag, war unter einer Silberbirke ein Grab ausgehoben. Der Delegierte des kommunistischen Zentralkomitees, Mostowenko, und Alfred Roesmer, der Delegierte des Exekutivkomitees der Internationale, sprachen versöhnlich. Aaron Baron, der in der Ukraine verhaftet worden war und am selben Abend wieder ins Gefängnis wandern sollte - das er nie wieder verlassen sollte -, erhob seine abgezehrte, bärtige Silhouette mit der goldenen Brille, um unerbittliche Proteste gegen den neuen Despotismus auszustoßen, gegen die Hinrichtungen in den Kellern, die Entehrung des Sozialismus, die Gewalttätigkeit der Regierung, die die Revolution mit Füßen trete. Furchtlos und leidenschaftlich schien er neue Stürme zu säen. Die Regierung gründete ein Kropotkin-Museum, nannte Schulen nach ihm, versprach, seine Werke zu veröffentlichen.

Peter Kropotkin Beerdigung

Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970

Nach: Beruf: Revolutionär. Erinnerungen 1901/1917-1941. Aus dem Französischen von Cajetan Freund. Frankfurt/M. 1967,S. 142-43.

Mit freundlicher Erlaubnis des Abraham Melzer Verlag´s

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