Bertrand Russell - Im bolschewistischen Rußland

Die hier auszüglich veröffentlichte Artikelserie unseres englischen Kameraden, Professors Bertrand Russell, übersetzen wir mit gütiger Erlaubnis der Redaktion aus der englischen, liberalen Wochenschrift "The Nation" (London.), wo sie ursprünglich erschienen ist. Russell ist ein Mann von seltener Überzeugungstreue; während des Weltkrieges war er jahrelang im Gefängnis, verlor seine Professur, weil er den Militärdienst verweigerte. Seine Aufsätze bieten eine der wenigen, authentischen Darlegungen der russischen Verhältnisse, der Wahrheit über das "kommunistische" Rußland, die politische Hochstapelei dessen, was man "Diktatur des Proletariats" nennt. (Red. d. "E.u.B.")

Allgemeines

Ich betrat Sowjetrußland am 11. Mai und kreuzte am 16. Juni wieder die Grenze. Die russischen Behörden gestatteten mir die Einreise nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich mit der britischen Arbeiterdelegation reisen sollte, eine Bedingung, die ich natürlich recht gerne erfüllte und welche einzuhalten mir jene Delegation gütigst gestattete. Wir fuhren sowohl von der Grenze nach Petersburg, wie auch bei den anderen Reisefahrten, in einem besonderen Luxuszug, über und über bedeckt mit Mottos bezüglich der sozialteil Revolution und des Proletariats älter Länder. Überall wurden wir von Soldatenregimentern empfangen, deren Kapelle die "Internationale" aufspielte, während das zivile Volk barhäuptig uns grüßte, die Soldaten salutierten. Gratulationsreden wurden von unseren einheimischen Führern gehalten und hervorragende Bolschewisten antworteten ihnen. Die Perrongänge zu unseren Waggons wurden von prachtvollen Kirgisen-Kavalleristen in prächtigen Uniformen bewacht. Kurzum, alles war so gemacht, uns in das Gefühl zu wiegen, als wäre jeder von uns ein Prinz von Wales. Unzählige Veranstaltungen wurden zu unseren Ehren gegeben: Bankette, öffentliche Versammlungen, Militärrevuen usw.

Die allgemeine Auffassung war, daß wir gekommen seien, um die Solidarität der englischen Arbeiterklasse mit dem russischen Bolschewismus zu bekunden und in dieser Auffassung leistete man sich die höchstmögliche Verwertung unserer Körperschaft für die bolschewistische Propaganda gemacht. Wir unsererseits wünschten jedoch, so viel als möglich festzustellen über russische Verhältnisse und russische Regierungsmethoden, was unmöglich war in dieser Atmosphäre eines königlichen Gepränges. Daraus entstieg ein liebenswürdiger Wettstreit, der aber manchesmal in ein Blindekuhspiel ausartete. Während man uns versicherte, wie vorzüglich das Bankett oder die Militärparade sein würde, versuchten wir, klar zu machen, wie sehr wir einen stillen Spaziergang in den Straßen alledem vorziehen würden.

Da ich kein offizielles Mitglied der Delegation war, fühlte ich mich weniger als meine Gefährten verpflichtet, den offiziellen Propagandaversammlungen beizuwohnen, deren Reden man von vornherein auswendig wußte. Auf diese Weise war es mir möglich, mit Hilfe neutraler Übersetzer, zumeist Engländer und Amerikaner, viele Unterhaltungen mit gewöhnlichen Leuten zu haben, die ich in den Straßen oder auf den Dorftriften antraf, und es gelang mir, festzustellen, welchen Eindruck das ganze bolschewistische System auf alltägliche, unpolitische Männer oder Frauen macht. Die ersten fünf Tage verbrachten wir in Petersburg, die nächsten elf in Moskau. Während dieser Zeit lebten wir in täglicher Berührung mit hervorragenden Staatsmännern, so daß wir ohne Schwierigkeit den offiziellen Standpunkt kennen lernten. Ich suchte auch, so viel ich nur konnte, in beiden Orten die Intellektuellen auf. Uns allen wurde volle Freiheit eingeräumt, die politischen Führer der gegnerischen Parteien aufzusuchen (1) und natürlich machten wir ausgiebigen Gebrauch von dieser Freiheit. Wir sprachen mit Menschewiki, Sozialrevolutionären und Anarchisten; wir sprachen mit ihnen in Abwesenheit von Bolschewiki und, nachdem sie ihre anfänglichen Befürchtungen überwunden hatten, sprachen sie frei von der Leber weg. Ich war eine Stunde mit Lenin beisammen, mit dem ich wirklich vertraulich mich unterhielt; ich traf Trotzky, wiewohl nur in Begleitung; eine Nacht verbrachte ich mit Kameneff auf dem Lande; und ich sprach mit sehr vielen änderen Männern, die, obwohl außerhalb Rußland weniger bekannt, von beträchtlicher Bedeutung in der russischen Regierung sind.

Nach Ablauf unserer Zeit in Moskau empfanden wir alle den Wunsch, uns noch ein wenig auf dem Lande umzusehen, mit den Bauern in Berührung zu kommen, die ja doch 85 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Die Regierung bekundete das größte Entgegenkommen in der Erfüllung unserer Wünsche, und es wurde beschlossen, daß wir die Wolga abwärts, von Nischni-Nowgorod nach Saratow reisen, uns an vielen kleinen und größeren Landungsplätzen aufhalten und mit den Bewohnern frei unterhalten sollten.

Ich fand diesen Teil unseres Aufenthaltes in Rußland außerordentlich lehrreich. Ich lernte mehr vom Leben und der Auffassung der Bauern, Dorfschullehrer, kleinen Handelsjuden und aller Arten von Leuten, als ich für möglich gehalten hätte. Unglücklicherweise ward mein Freund Clifford Allan krank, und ich hatte viel von meiner Zeit ihm zu widmen. Aber dies hat immerhin ein gutes Resultat gehabt. Ich war nämlich dadurch imstande, mit dem kleinen Dampfer bis Astrachan zu fahren, da Allan zu krank war, um das Schiff verlassen zu können. Dieser Umstand gewährte mir einen weiteren Einblick in die ländlichen Verhältnisse und führte auch zu meiner Bekanntschaft mit Swerdlow, dem Volkskommissar für Transportwesen, der dasselbe Schiff bestieg, um eine Ölverladung von Baku, die Wolga aufwärts, zu bewerkstelligen, und der einer der fähigsten und liebenswürdigsten Menschen ist, denen ich in Rußland begegnete.

Die "Diktatur des Proletariats"

Eine der ersten Erscheinungen, die ich entdeckte, sobald ich die rote Fahne passiert hatte, die, inmitten einer wüsten Gegend von Morastland, Fichten- und Tannengehölz und Fallstricken von Stacheldrähten, die Grenzte Sowjetrußlands bezeichnet, war der unend1iche Unterschied zwischen den Theorien der wirklichen Bolschewisten und der Auffassung dieser Theorien, wie sie unter den radikaleren Sozialisten Westeuropas verkündet wird.

Viele begeisterte Freunde Rußlands stellen sieh die "Diktatur des Proletariats" eigentlich nur als eine Form einer repräsentativen Regierungsart vor, in der nur Arbeiter und Arbeiterinnen das Stimmrecht haben, die wählenden Massen beruflich, nicht geographisch gruppiert sind. Sie denken, Proletariat bedeute, was es besage: Proletariat; aber die "Diktatur" bedeute eigentlich nicht das, was man gewöhnlich unter einer Diktatur, also Despotismus, versteht.

Diese Auffassung ist das Gegenteil der Wahrheit. Wenn ein russischer Bolschewist von Diktatur spricht, so meint er das Wort sinngemäß; spricht er jedoch vom Proletariat, so gebraucht er dieses Wort zweideutig. Er meint darunter nur den Teil des Proletariats, der ihm als klassenbewußt erscheint, also die Mitgliedschaft der bolschewistischen Partei. Er schließt unter diese Bezeichnung "Proletariat" Leute ein, die keineswegs Proletarier sind (wie z.B. Lenin und Tschitscherin), solche, die seiner Meinung gemäß eine richtige Programmanschauung haben; und er schließt solche Lohnarbeiter aus, die seiner Meinung gemäß keine richtige Auffassung über das politische und soziale Leben haben; sie werden von den Bolschewisten als Lakaien der Bourgeoisie bezeichnet.

Der Bolschewist, der aufrichtig an das Parteidogma glaubt, ist davon überzeugt, daß das individuelle Eigentum die Wurzel aller Übel sei. Er fühlt sich dessen so gewiß, daß er vor keinen, noch so gewalttätigen Maßregeln zurückschreckt, die ihm nötig erscheinen, um einen monopolistischen — wie er es nennt: "kommunistischen" — Staat zu errichten und zu erhalten. Er verschont sich ebensowenig wie die anderen. Er arbeitet 16 Stunden im Tage und gibt seinen halben freien Samstag auf. Er unterzieht sich einer gefährlichen oder schwierigen Arbeit, die getan werden muß, wie z.B. der Wegräumung von Haufen ansteckender verwester Leichen, zurückgelassen von Koltschak und Denikin. (2)

Dieselben Motive, die den Bolschewisten hingebungsvoll machen, machen ihn auch rücksichtslos. Marx hat gelehrt, daß der "Kommunismus" wie ein Schicksal vorhergesehen sei und kommen müsse. Diese Auffassung eignet sich sehr für die orientalische Veranlagung des russischen Charakters; sie erzeugt eine Geistesverfassung, die jener der ersten Nachfolger Mohammeds ähnlich ist. Darum unterdrückt der Bolschewismus unerbittlich jegliche Gegnerschaft; und er schreckt auch nicht zurück vor den Methoden der zaristischen Polizei, von der viele Mitglieder noch in ihrem alten Amt beschäftigt sind.

Die niedrigere Seite der gegenwärtigen russischen Regierung kann am besten verglichen werden mit dem Direktorium in Frankreich (1795—1799), in ihrer besseren Seite dürfte sie manche genaue Übereinstimmung mit der Diktatur Cromwells (1653-1658) haben. Die aufrichtigen Bolschewisten sind in ihrer unabänderlichen Zielsetzung nicht unähnlich den puritanischen Soldaten; Cromwells Handlungsweise gegenüber dem Parlament ist nicht unähnlich der Lenins gegenüber der Duma. Beide, ausgehend von einer Verbindung von Volksrechten und fester Überzeugung, sind dazu getrieben worden, die Volksrechte ihrer Auffassung zu opfern, welch letztere erzwungen wird durch eine Mi1itärdiktatur. Das Leben im heutigen Rußland ist vielfach den Lebenstrieben der Menschen entgegengesetzt. Und wenn die Bolschewisten schließlich gestürzt werden, wird es deshalb sein, weil schließlich im Leben der Völker immer ein Punkt erreicht wird, bei dem angelangt, die Menschen ihr Leben höher stellen als all die Interessen des Staates und der Staatsmänner und ihrer Angelegenheiten.

Der Bolschewismus als neue Aristokratie

Der Bolschewismus ist nach innen aristokratisch, nach außen ein militärisches Kampfprinzip. Die Bolschewisten haben alle guten wie schlechten Charakterzuge einer jungen, lebendigen, emporsteigenden Aristokratie. Sie sind zu kommandieren befähigt, stets bereit, den Interessen des Staates zu dienen. Anderseits sind sie diktatorisch-herrschsüchtig, nehmen keine besonderen Rücksichten auf die Plebs, auf ihre Bediensteten, und Angestellten, die sie überbürden, ebensowenig wie auf die Leute in den Straßen, deren Leben sie durch außerordentlich rücksichtsloses Automobilfahren gefährden. Sie sind praktisch die einzigen Inhaber der Macht, und sie genießen folglich zahllose Vorrechte. Die meisten von ihnen haben, wenn auch nicht gerade eine luxuriöse, so doch eine weit bessere Nahrung als das Volk.

Nur Leute mit besonderem politischen Einfluß haben das Recht, ein Telephon oder ein Auto zu benützen. Erlaubnisscheine für Eisenbahnfahrten, Einkaufsscheine für die Sowjetgeschäfte, in denen die Preise etwa ein Fünftel dessen sind, was sie auf den Märkten sind, Erlaubnisscheine, um Theater besuchen zu dürfen, und dergleichen mehr, all das ist natürlich den Freunden jener leichter zu verschaffen, die, die Machtstellen innehaben, als es gewöhnlichen Sterblichen ist. Auf tausenderlei Arten haben die Bolschewisten für sich ein angenehmeres Leben geschaffen, als es für das sonstige Gemeinwesen möglich ist. Und vor allem: sie sind weniger ausgesetzt der unwillkommenen Beaufsichtigung durch die Polizei und die Außerordentliche Kommission!

Die Unrichtigkeiten der bolschewistischen Theorie

Was mich anbelangt, so finde ich, nachdem ich in Rußland gewesen, die Theorie des Bolschewismus gründlich erwogen habe, und nachdem ich ihre Verurteilung des bourgeoisen Kapitalismus als sehr richtig anerkenne - ich finde mich in einem vollständigen und absoluten Gegensatz zu dieser Theorie. Die dritte Internationale ist eine Organisation, die dazu existieren soll, den Klassenkampf zu fördern und die Verwirklichung der sozialen Revolution überall zu beschleunigen. Mein Einwand dagegen ist nicht, daß der Kapitalismus etwa weniger schlecht sei, als die Bolschewisten behaupten, sondern der, daß ihr Sozialismus, auf jeden Fall diejenige Form, die durch Krieg herbeigeführt werden kann, nicht weniger schlecht ist. Die Übel jeden Krieges, besonders des Bürgerkrieges, sind festgestellt und sehr groß. Die Gewinne, die durch kriegerische Siege erzielt werden können, sie sind wie Rußland mir zeigte sehr problematisch.

Im Laufe gewalttätiger, militärisch geführter Waffengänge geht größtenteils jeder Überrest von Zivilisation verloren, dieweil Haß, Verdächtigung und Grausamkeit die üblichen normalen Beziehungen der Menschen zueinander werden. Um in solcher Kriegführung erfolgreich zu sein, ist die Zentralisierung von Macht nötig; aber dieser Zentralisierung von Macht entspringen dieselben Übel, die aus der kapitalistischen Zentralisierung von Reichtum hervorgehen.

Hauptsächlich aus diesen Gründen kann ich eine Bewegung, die mit militärischen Gewaltmitteln eine Weltrevolution erstrebt, nicht unterstützen. Der Schaden, der der menschlichen Kultur dadurch in einem Lande zugefügt wird, kann vielleicht wieder gutgemacht werden durch den Einfluß eines anderen, in dem keine solche kriegerische Revolution stattgefunden hat. Aber in einem allgemeinen Kataklysmus einer mit militärischen Waffenmethoden durchgeführten Revolution kann die menschliche Zivilisation für tausende von Jahren untergehen.

Allein, während ich eine solche, durch einen Weltkrieg zu bewerkstelligende Webrevolution nicht fördern kann, kann ich mich der logischen Folgerung nicht entziehen, daß die Regierungen der führenden kapitalistischen Staaten sie gar nicht so ungern sähen; zumindest tun sie alles, sie herbeizuführen! Der Mißbrauch der Macht Englands gegen Deutschland, Rußland und Indien von all den anderen Ländern ganz zu geschweigen — kann sehr wohl diesen Zusammenstoß herbeiführen und gerade diejenigen üblen Folgen nach sich ziehen, die von den Feinden des Bolschewismus scheinbar oder wirklich gefürchtet werden.

Lenin als Internationalist

Der wahre Bolschewist ist vollkommen international, wie er es versteht, so ist Lenin zum Beispiel, soweit ich es beurteilen konnte, um die Interessen Rußlands nicht mehr besorgt als um die anderer Länder. Für ihn ist Rußland in diesem Augenblick der Vorkämpfer seiner besonderen Auffassung der Revolution, und solcherart ist es wertvoll für die Welt. Aber Lenin würde sich keineswegs scheuen, ganz Rußland seiner Auffassung der Revolution zu opfern, (3) wenn er vor die Alternative gestellt wäre, es zu tun. Diese orthodoxe, dogmatische Stellung wird von den meisten Führern des Bolschewismus vertreten. Aber zugleich kehrt, im Stolz über die Revolution, instinktiv und natürlich, der Nationalismus auch im Busen der Bolschewisten wieder. Um so mehr, als die Bolschewisten durch die Führung des polnischen Krieges die Unterstützung der russischen Nationalisten gewonnen haben, und dadurch ihre Stellung im ganzen Lande unendlich verstärkt worden ist.

Die Entwicklung des Bolschewismus

Das einzige Mal, daß ich Trotzky sah, war in der Oper, in Moskau. Die britische Arbeiter-Delegation saß dort, wo früher einmal der Zar gesessen. Nachdem er mit uns im Foyer gesprochen, trat er an den Rand der Loge, stand dort mit gefalteten Händen, während das ganze Haus ihm zujubelte und sich heiser brüllte. Dann sprach er einige Sätze, kurz und scharf, mit militärischer Präzision und schloß mit einem "dreimaligen Hoch auf unsere tapferen Brüder an der Front", — welcher Aufforderung das Publikum genau so entsprach, wie ihr ein Londoner Publikum im Herbst 1914 entsprochen hätte ...

Unzweifelhaft haben Trotzky und die rote Armee jetzt eine große Kraft des nationalistischen Gefühles hinter sich. Die Wiedereroberung des asiatischen Rußland hat sogar dasjenige wiederbelebt, was wesentlich ein imperialistischer Gefühlszug ist, obwohl sehr Viele, in denen ich es wahrgenommen habe, dies bestreiten würden. Aber die Erfahrung, die die Bolschewisten in ihrer Machtherrschaft machen, ändert unvermeidlich alle ihre kommunistischen Theorien, und die heutigen Männer, die eine ungeheure Regierungsmaschinerie in ihren Händen hatten, haben naturgemäß nicht mehr dieselbe Lebensanschauung, wie damals, als sie verfolgte Flüchtlinge waren. Wenn die Bolschewisten sich an der Macht erhalten, so wird ihre junge kommunistische Theorie dahinfahren, und sie werden in Zunehmendem Maßstab irgendeiner anderen asiatischen Regierung ähnlich sehen — wie zum Beispiet der englischen Regierung, wie sie in Indien aussieht.

Das Sowjet-(Räte) System im bolschewistischen Rußland

Ehe ich nach Rußland reiste, vermeinte ich daß ich dort das interessante Experiment einer neuen Form von Repräsentativregierung sehen würde. Jedermann, der sich mit dem Bolschewismus beschäftigt, weiß, wie derselbe vorgibt, durch eine Reihe von Wahlen, von der Dorfversammlung bis zum Allrussischen Sowjet (Rat), die Räteverfassung aufzubauen, aus der angeblich die Macht der Volkskommissare entfließt. Man hatte uns auch gesagt, daß dank der Möglichkeit der Rückberufung der Räte durch berufsständische Wahlkörperschaft usw. ein neuer und bei weitem, vollkommener Apparat zur Feststellung und Verzeichnung des Volkswillens ausgearbeitet worden wäre. Eine der Hauptfragen, die wir zu studieren wünschten, war die, ob das Sowjetsystem in dieser Beziehung wirklich dem gewöhnlichen Parlamentarismus (Vertretungssystem) überlegen sei?

Wir sind außer Stande gewesen, ein solches Studium anzustellen, denn das Sowjetsystem in Rußland ist völlig absterbend.

Keinerlei, wie immer ausgeklügeltes System freier Wahlen würde den Bolschewisten zu einer Majorität verhelfen, weder in den Städten noch auf dem Lande. Aus diesem Grunde bedient sich die Regierung verschiedener Methoden, um ihren Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Vor allem findet die Abstimmung durch Aufheben der Hände statt, so daß alle, die gegen die Regierung stimmten, gezeichnete Menschen sind. Zweitens kann kein Kandidat, der nicht Bolschewist ist, irgend welche Druckarbeit geleistet bekommen, da alle Druckereien in den Händen des Staates sind. Drittens kann er keine Versammlungen einberufen, denn alle Versammlungssäle sind Eigentum des Staates. Die Gesamtheit der Presse ist somit offiziös; es ist kein unabhängiges Tagblatt gestattet.

Trotz aller dieser Hindernisse gelang es den Menschewiken dennoch, ungefähr 40 Sitze aus 1500 im Moskauer-Sowjet zu gewinnen; es geschah dies in gewissen großen Fabriken, wo die Wahlkampagne durch das gesprochene Wort möglich war. Jedoch, obwohl der Moskauer-Sowjet nominell die höchste Körperschaft in Moskau ist, ist er in Wirklichkeit nur eine Gruppe von Wählern, welche das aus 40 Mitgliedern bestehende Exekutivkomitee erwählen und aus welch letzterem wieder seinerseits das Präsidium gewählt wird, das aus 9 (neun) Menschen besteht, die alle Macht haben. Der Moskauer-Sowjet sollte als Ganzes einmal in der Woche zusammentreten, aber er hatte keine Sitzung, während wir in Moskau waren. Dagegen hat das Präsidium täglich Sitzungen. Selbstredend ist es für die Zentralregierung leicht, einen Druck auf die Wahl des Exekutivkomitees und des weiteren auf die Wahl des Präsidiums auszuüben. Man muß sich daran erinnern, daß ein wirkungsvoller Protest unmög1ich ist, infolge der absoluten, vollständigen Unterdrückung der Rede- und Preßfreiheit. Das Resultat ist, daß das Präsidium des Moskauer Sowjets ausschließlich aus orthodoxen Bolschewisten besteht.

Kameneff, Präsident des Moskauer Sowjets, teilte uns mit, daß die Rückberufung von Arbeiterräten ziemlich häufig angewendet werde. Er sagt, in Moskau fänden durchschnittlich 30 Rückberufungen im Monat statt. Ich fragte ihn nach den hauptsächlichsten Gründen der Rückberufung, und er erwähnte vier: Trunkenheit, der Abgang nach der Front (wodurch der Betreffende außer Stande gesetzt wird, seine Pflichten zu erfüllen), Änderung der politischen Ansichten der Wähler und die Unterlassung der Berichterstattung an die Wähler, die, einmal alle zwei Wochen, alle Mitglieder des Sowjets zu leisten verpflichtet sind.

Danach urteilend, was ich in Rußland gesehen habe, dürften wohl so ziemlich alle Räte in dieser letzteren Beziehung schuldig sein. Es ist offenkundig, daß die Rückberufung durch die Regierung dieser die Möglichkeit der Ausübung eines Druckes gewährt, wiewohl ich keine Gelegenheit hatte, auszufinden, ob jene Möglichkeit für diesen Zweck auch ausgenützt wird.

In den ländlichen Gegenden ist die angewendete Methode eine etwas verschiedene. Es wäre ganz unmöglich, auf geradem Wege dazu zu gelangen, daß die Dorf- und Bauernräte bolschewistisch sein sollten, denn in der Regel, zumindest in alle Dörfern, die ich gesehen habe, gibt es keine Bolschewisten. Aber als ich mich in den Dörfern danach erkundigte, wie sie in Wolost (dem nächstgrößeren Landgebiet) oder im Gubernia (dem Landkreise) vertreten wären, da begegnete ich immer der Antwort, sie seien überhaupt nicht vertreten. Alle stimmten in der Konstatierung überein, daß wenn sie einen nichtbolschewistischen Bauernrat erwählten, er keinen Eisenbahnfahrpaß erhielte und dadurch verhindert würde, den Sitzungen des Wolost oder Gubernia beizuwohnen.

Ich beobachtete eine Sitzung des Gubernia-Bauern-Sowjets in Saratow. Die Vertretung ist so arrangiert, daß die städtischen Arbeiter ein enormes Übergewicht über die Bauern aus der Umgebung haben; das Verhältnis an Bauernräten war überraschend gering für das Zentrum eines höchst wichtigen landwirtschaftlichen Gebietes.

Der Allrussische Sowjet, der laut Räteverfassung die höchste Körperschaft ist, der sämtliche Volkskommissäre unterstellt sind, tritt selten zusammen und ist zunehmend eine Formsache geworden. Seine einzige Funktion ist gegenwärtig so weit ich entdecken konnte, ohne weitere Diskussion die früher gefaßten Beschlüsse der bolschewistischen Partei anzunehmen und gesetzlich festzulegen, insbesondere die über die auswärtige Politik, die laut Konstitution vom Allrussischen Sowjet gutgeheißen werden muß.

Alle wahre Macht ist in den Händen der bolschewistischen Partei, die etwa 600.000 Mitglieder innerhalb einer Bevölkerung von 120 Millionen zählt. Nie bin ich durch Zufall einem Bolschewisten ("Kommunisten") begegnet. Die Leute, denen ich in in den Straßen oder Dörfern begegnete, mit denen ich ein Gespräch anknüpfen konnte, erklärten mir ohne Ausnahme, daß sie keiner Partei angehören. Die einzige andere Antwort, die ich je von einigen Bauern empfing, war die, daß sie erklärten, Anhänger des Zarentums zu sein.

Wir sehen somit, daß das Sowjetsystem in Rußland alles andere eher als ein wahrhaft volkstümliches Vertretungssystem ist.

Fußnoten:
1.) Wie sich später herausstellte, hatten sie sich vorher verpflichten müssen, den "Burgfrieden" zu bewahren. Vgl. "Arbeiter-Zeitung" (Wien), vom 6. September 1920. ("Sozialistenverfolgung in Sowjetrußland; ein Brief aus Moskau."); ebenfalls dort Buchdrucker "Vorwärts", (Wien), Nr. 39.
2.) Immerhin muß hier ein Einwurf gemacht wenden: Um diese Selbstverleugnung und Selbstversklavung der bolschewistischen Anhänger durchzusetzen, mußte dennoch der Arbeitszwang eingeführt werden; und diese "gefährlichen und schwierigen" Arbeiten werden nicht von den Diktatoren, sondern nur von den Diktierten geleistet, die, wenn sie sie nicht leisten wollen, dazu gezwungen werden!
3.) Es ist bemerkenswert, wie sehr absolutistische Diktatoren wie Lenin immer bereit sind, das Leben anderer, nur nicht das ihre zu opfern! (Redaktion d. "E.u.B.")

Aus: "Erkenntnis und Befreiung", 2. Jahrgang, Nr. 45, 46, 49 (1920). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.

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