Pierre Ramus - Emma Goldmans Urteil über den russischen Bolschewismus

Bekanntlich ist unsere Kameradin im Dezember letzten Jahres von Amerika deportiert und nach Rußland, ihrer Heimat, geschafft worden. Angesichts einer über dreißigjährigen, aufopferungsvollen Propaganda für den kommunistischen Anarchismus, eines leidvollen Lebenswandels für ihre revolutionäre Überzeugung und angesichts der Furchtlosigkeit, mit der sie jenen bisher — und nun abermals! — Ausdruck verlieh, war es uns, die wir die kompromißlose Theorie und Taktik der anarchistischen Weltanschauung vertreten, klar, daß ihre Meinung über Sowjetrußland, die dort gemachten Erfahrungen, sehr entscheidend sein müssten für die Stellung, die der Anarchismus zum rätediktatorischen Prinzip in Rußland einnimmt.

Schon die Unbestechlichkeit ihres Charakters bedeutet eine Bürgschaft dafür, daß ihre Meinung sich ausschließlich durch die praktischen Beobachtungen und deren wahrheitsgemäße Erkenntnis gebildet hat.

In dieser Beziehung war es schon auffalland, daß Emma Goldman vor etwa sieben Monaten in einem Brief an amerikanische Freunde über die Zustände in Sowjetrußland nichts weiter zu sagen hatte, als die lakonische Bemerkung: "Um unseren Prinzipien getreu zu bleiben, trete ich als Krankenpflegerin in den Spitaldienst ein". Zur näheren Erklärung diene, daß Emma Goldman beruflich Krankenwärterin gewesen ist. Warum sie kein anderes Tätigkeitsgebiet in Rußland fand, darüber klart nun Wohl der folgende Brief auf, in dem sie unumwunden ihre Meinung ausspricht und darlegt, daß sie vom bolschewistischen Rußland genug habe! Sie sagt darüber (wir geben hier die Ausführungen der Briefschreiberin nach dem "Freien Arbeiter" in Berlin wieder) das folgende:

"Es ist hier alles verfault. Rußland befindet sich in der traurigsten Verfassung. Doch Wir konnten auch nichts anderes erwarten. Wir wußten ja stets, daß die marxistische Theorie unmöglich ist und die Tyrannei erzeugt. Wir verschlossen, in der Hoffnung, daß aus dieser Theorie doch etwas gemacht werden könne, unsere Augen vor ihren Fehlern. Aber in den vier Monaten, die ich hier verbracht habe, habe ich erkannt, daß nichts Gesundes daran ist.

Staatssozialismus oder Staatskapitalismus — man nenne es, wie man will — haben aus Rußland das gemacht, was sie aus jedem Lande machen werden. Sie haben dem Menschen noch selbst das bisschen Freiheit genommen, das er unter dem individuellen Kapitalismus besaß und ihn den Launen eines Bürokratismus ausgeliefert, der seine Tyrannei damit entschuldigt, daß alles, was er verbricht, für das Wohl der Arbeiter geschehe.

Jede Art einer Regierung ist schlecht, aber bei der Wahl zwischen dem Staatskapitalismus und dem individuellen Kapitalismus ziehe ich doch den letzteren vor. Das beste Heilmittel gegen den Bolschewismus scheint eine Reise durch das bolschewistische Rußland zu sein. Denn schon viele, die als Gläubige hingingen, sind als Ketzer zurückgekehrt."

So spricht eine Kameradin, deren Vertrauenswürdigkeit über jeden Zweifel erhaben ist und die gewiß nicht genötigt sein wird, immer nachträglich etwas zu bedauern und konstatieren zu müssen, daß "Wir in eine Falle gelaufen sind und uns im Zeitpunkt und in der Form der Proklamation der bayerischen Rätediktatur gründlich vergriffen haben" (Erich Mühsam).

Emma Goldman spricht als Revolutionärin, die in Rußland weilt und deren Vergangenheit noch mit ganz anderen Leuten als mit den Revolutionsausbeutern Lenin, Trotzky und Konsorten, einen Vergleich aushält!

Es könnte wahrlich scheinen, als ob wir uns mit ihr verabredet hatten, so wörtlich stimmt ihr Urteil mit dem unseren überein, das wir in "E.u.B." stets auf Grund zuverlässiger Mitteilungen aus russischen Quellen und von dortigen Kameraden über diesen von uns gleich vom Anbeginn durchschauten Erzbetrug des Bolschewismus und aller seiner Methoden des Verrates an den revolutionären Befreiungsideen des Sozialismus ausgesprochen haben. Und gegenüber der bramarbasierenden Phrase, die da glaubt, als Revolutionär zu imponieren, wenn sie die Tatsachen auf den Kopf stellt, nur, um im Unrecht Recht zu behalten, die den alten, wohlbekannten, marxistischen Trug einer "Diktatur des Proletariats" in eine Befreiungsaktion für dieses umfälscht, wiewohl sie bereits hundertfach Gelegenheit hat, zu beobachten, daß jene immer nur eine Diktatur von zu Bourgeois und Staatsmännern gewordenen Proletarierführern über und gegen das Proletariat bedeutet — dieser ultra reaktionären Phrase entgegnen wir nur:

Schon jetzt haben uns die Tatsachen in allen unseren Behauptungen gegen den Bolschewismus recht gegeben; aber erst wenn dieser fluchwürdige Krieg, den das kapitalistische Westeuropa gegen das beklagenswerte russische Volk führt, endgültig beigelegt ist, wird die ganze Schmach des bolschewistischen Marxismus in Rußland an den Tag kommen. Und seine Schmach wird auch die seiner ihn wider besseres Wissen Verteidigenden und gedankenlos Nachäffenden sein!

Aus: "Erkenntnis und Befreiung", 2. Jahrgang, Nr. 40 (1920). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.

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