Gustav Landauer - Aufruf zum Sozialismus

 

Wer zum Sozialismus aufruft, muß der Meinung sein, Sozialismus sei eine Sache, die nicht oder so gut wie nicht, noch nicht oder nicht mehr in der Welt sei. Man könnte einwenden: "Natürlich ist kein Sozialismus, ist die sozialistische Gesellschaft nicht in der Welt. Sie ist noch nicht da, aber es sind Bestrebungen da, sie zu erreichen; Einsichten, Erkenntnisse, Lehren, wie sie kommen wird."

 

Nein, nicht so ist der Sozialismus gemeint, zu dem hier aufgerufen wird. Vielmehr verstehe ich unter Sozialismus eine Tendenz des Menschenwillens und eine Einsicht in Bedingungen und Wege, die zur Erfüllung führen. Und allerdings sage ich: so gut wie gar nicht, so schlecht wie nur je ist dieser Sozialismus da. Darum rede ich zu jedem, der mich hören will, und hoffe, daß meine Stimme schließlich auch zu manchen, zu vielen dringt, die mich nicht hören wollen, rufe ich auf zum Sozialismus.

 

Was ist er? Was wollen die Menschen, die Sozialismus sagen?

 

Und was ist das, was sich heute so nennt? Unter welchen Bedingungen, in welchem Moment der Gesellschaft – wie man gewöhnlich sagt, der Entwicklung – kann er Wirklichkeit werden?

 

Der Sozialismus ist ein Bestreben, mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Das muß zunächst gesagt werden; wenn auch das Wort Ideal durch traurige Heuchler und gemeine Schwächlinge, die sich gern Idealisten nennen, und sodann durch Philister und Wissenschaftskrämer, die sich gern Realisten nennen, in Verruf gekommen ist. In Zeiten des Niedergangs, der Unkultur, der Geistlosigkeit und des Elends müssen die Menschen, die nicht bloß äußerlich, sondern vor allem innerlich unter diesem Zustand, der sie umgibt und bis in ihren Kern, in ihr Leben, in ihr Denken, Fühlen und Wollen sie selber erfassen will, leiden, müssen die Menschen, die sich dagegen wehren, ein Ideal haben. Sie haben eine Einsicht in das Unwürdige, Gepreßte, Erniedrigende ihrer Lage; sie haben unsäglichen Ekel vor der Erbärmlichkeit, die sie wie ein Sumpf umgürtet, sie haben Energie, die vorwärts drängt, und also Sehnsucht nach dem Besseren, und daraus ersteigt ihnen in hoher Schönheit, in Vollendung ein Bild einer guten, einer reinen und gedeihlichen, einer freudebringenden Art des Zusammenlebens der Menschen. Sie sehen in großen, allgemeinen Zügen vor sich, wie es sein kann, wenn ein kleinerer, ein größerer, ein ganz großer Teil der Menschen es so will und tut, wenn ein ganzes Volk, ganze Völker dieses Neue innerlich glühend erfassen und ins Äußere, in die Vollbringung wirken; und nun sagen sie nicht mehr: es kann so sein; sagen vielmehr: es soll, es muß so kommen. Sie sagen nicht – wenn sie erst Einsicht in die uns bekannte bisherige Geschichte der Menschengeschlechter haben, dann sagen sie nicht: dieses Ideal muß so nackt, so ausgedacht, so errechnet, wie es auf dem Papier steht, Wirklichkeit werden.

 

Sie wissen wohl: das Ideal ist das Letzte, Äußerste an Schönheit und Freudeleben, was vor ihrem Gemüte, ihrem Geiste steht. Es ist ein Stück Geist, es ist Vernunft, ist Gedanke. Nie aber sieht die Wirklichkeit dem Gedanken einzelner Menschen völlig gleich; es wäre auch langweilig, wenn es so wäre, wenn wir also die Welt doppelt hätten: einmal im vorwegnehmenden Gedanken, das andere Mal in der äußeren Welt genauso noch einmal. So ist es nie gewesen und wird nie so sein. Nicht das Ideal wird zur Wirklichkeit; aber durch das Ideal, nur durch das Ideal wird in diesen unseren Zeiten unsere Wirklichkeit. Wir sehen etwas vor uns, hinter dem wir nichts Mögliches mehr, nichts Besseres erblicken; wir gewahren das Äußerste und sagen: Dieses will ich –! Und nun wird alles getan, es zu schaffen; aber – alles! Der einzelne, über den es wie eine Erleuchtung kam, sucht sich Gefährten; er findet, da sind andere, über die es im Geiste, im Herzen schon wie eine Erschütterung und ein Gewitter gekommen ist; es liegt in der Luft für seinesgleichen; er findet wiederum andere, die nur leicht schlummerten, über deren Verstehen nur etwas wie ein dünnes Häutchen, über deren Energie nur eine leichte Betäubung lag; sie sind nun beisammen, die Gefährten suchen sich Wege, sie reden zu mehreren, zu den Massen in den Großstädten, in den kleineren Städten, auf dem Lande; die äußere Not hilft die innere erwecken; die heilige Unzufriedenheit regt und rüttelt sich; etwas wie ein Geist – Geist ist Gemeingeist, Geist ist Verbindung und Freiheit, Geist ist Menschenbund, wir sehen es bald noch deutlicher – ein Geist kommt über die Menschen; und wo Geist ist, ist Volk, wo Volk ist, ist ein Keil, der vorwärts drängt, ist ein Wille; wo ein Wille ist, ist ein Weg; das Wort gilt; aber auch nur da ist ein Weg. Und immer lichter wird es; immer tiefer dringt es; immer höher wird der Schleier, das Netz, das Sumpfgewebe der Dumpfheit gehoben; ein Volk schließt sich zusammen, das Volk erwacht: es geschehen Taten, es geschieht ein Tun; vermeintliche Hindernisse werden als ein Nichts erkannt, über das man hinwegspringt, andere Hindernisse werden mit vereinter Kraft gehoben; denn Geist ist Heiterkeit, ist Macht, ist Bewegung, die sich nicht, die sich durch nichts in der Welt aufhalten läßt. Dahin will ich –! Aus den Herzen der einzelnen bricht diese Stimme und dieses unbändige Verlangen in gleicher, in geeinter Weise heraus; und so wird die Wirklichkeit des Neuen geschaffen. Sie wird anders sein, schließlich, als das Ideal war, ihm ähnlich, aber nicht gleich. Sie wird besser sein, denn sie ist kein Traum mehr der Ahnungsvollen, Sehnsucht- und Schmerzenreichen, sondern ein Leben, ein Mitleben, ein Gesellschaftsleben der Lebendigen. Es wird ein Volk sein; es wird Kultur sein, es wird Freude sein. Wer weiß heute, was Freude ist? Der Liebende, wenn er sich selber gesammelt als sein Lieb, in dunklem oder hellem Fühlen als den Inbegriff alles, was Leben ist und Leben zeugt, weiß; der Künstler, der Schaffende in seltener Stunde allein mit dem Freunde, dem Gleichen, oder wenn er im Gemüte und im Vollbringen die Schönheit und Fülle vorwegnimmt, die als Volk einst Lebendigkeit sein soll; der prophetische Geist, der den Jahrhunderten vorauseilt und der Ewigkeit sicher ist. Wer kennt heute sonst Freude, wer weiß nur, was ganze, große, hinreißende Freude ist? Heute niemand; schon seit langem niemand; zu manchen Zeiten waren ganze Völker vom Geist der Freude gepackt und getrieben. Sie waren es in den Zeiten der Revolution; aber es war nicht genug Helligkeit in ihrem Brausen; war zu viel Dunkel und Schwelen in ihrer Glut; sie wollten, aber sie wußten nicht, was; und die Ehrsüchtigen, die Politikanten, die Advokaten, die Interessierten haben wieder alles verdorben, und die Geistlosigkeit der Habgier und der Herrschsucht hat weggeschwemmt, was den Geist bereiten, was zum Volke wachsen wollte. Wir haben auch heute solche Advokaten, auch wenn sie keine Advokaten heißen; wir haben sie und sie haben und halten uns. Hüten wir uns; wir sind gewarnt, von der Geschichte gewarnt.

 

 

2.

 

Sozialismus ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um eines Ideals willen Neues zu schaffen.Sehen wir also zu, was das Alte ist, wie das Bisherige aussieht, unsre eigene Zeit. Nicht bloß unsre Zeit im Sinne von jetzt, ein paar Jahren oder Jahrzehnten; unsre eigene Zeit: vierhundert Jahre zum mindesten.

 

Denn prägen wir es uns ein, sagen wir es gleich jetzt im Anfang: es ist eine große, weitreichende Sache um den Sozialismus; er will helfen, niedergehende Geschlechter der Menschen wieder zur Höhe, zur Blüte, zur Kultur, zum Geiste und damit zum Bunde und zur Freiheit zu führen.

 

Solche Worte klingen schlecht in den Ohren der Professoren und Traktätchenverfasser, mißfallen auch denen, deren Denken von diesen Verderbern imprägniert ist, die die Lehre ausgeben: die Menschen, und ganz so ja auch die Tiere, die Pflanzen, die ganze Welt sei in einem stetigen Fortschritt, in einer Aufwärtsbewegung von ganz zu unterst nach ganz oben begriffen; immer weiter und weiter, vom tiefsten Höllendreck bis zu den allerhöchsten Himmeln. Und so sollen denn der Absolutismus, die Knechtseligkeit, die Feilheit, der Kapitalismus, die Not und die Verkommenheit, das alles sollen nur Etappen, Fortschrittsstufen auf dem Wege zum Sozialismus sein. Wir hängen hier keinerlei solchen sogenannt wissenschaftlichen Wahnvorstellungen an; wir sehen die Welt und die Menschengeschichte anders; wir sagen es anders.

 

Wir sagen, daß die Völker ihre Blütezeiten, ihre Höhepunkte der Kultur haben, und daß sie von diesen Gipfeln wieder herabkommen. Wir sagen, daß unsere Völker Europas und Amerikas seit langer Zeit – ungefähr seit der Entdeckung Amerikas – herabgekommene Völker sind. Völker sind dann in Blütezeiten hineingekommen und halten sich darin, wenn sie von einem Geiste überwältigt sind. Das klingt wiederum übel in den Ohren derer, die sich heutigen Tages Sozialisten nennen und die keine sind, die wir eben in ihrer darwinistischen Tracht flüchtig erblickt haben und die wir jetzt als Anhänger der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung betrachten könnten. Dies aber erst später; jetzt müssen wir weiter, und den Marxismus treffen wir noch auf unseren Wegen und werden ihn stellen und ihm ins Gesicht sagen: was er ist: die Pest unserer Zeit und der Fluch der sozialistischen Bewegung!

 

Der Geist ist es, der Geist der Denker, der Geist der vom Gefühl Überwältigten, der großen Liebenden, der Geist derer, denen das Selbstgefühl und die Liebe zusammenschmilzt zur großen Welterkenntnis, der Geist hat die Völker zur Größe, zum Bunde, zur Freiheit geführt. Da brach aus den einzelnen heraus wie eine Selbstverständlichkeit das nötigende Müssen, sich zu Gemeinsamem zu verbinden mit den Menschenbrüdern. Da war dann die Gesellschaft aus Gesellschaften, die Gemeinsamkeit aus Freiwilligkeit.

 

Wie ist der Mensch zu der Klugheit, zu der Einsicht gekommen, so wird wohl gefragt, aus seiner Vereinzelung herauszutreten, sich mit den Volksgenossen zu kleineren, dann größeren Verbänden zusammenzuschließen?

 

Diese Frage ist dumm und kann nur gefragt werden von den Professoren niedergehender Zeiten. Denn die Gesellschaft ist so alt wie der Mensch; sie ist das Erste, das Gegebene. Wo es Menschen gegeben hat, sind sie in Horden, in Sippen, in Stämmen, in Zünften zusammen gewesen, sind sie gemeinsam gewandert, haben sie zusammen gewohnt und zusammen gearbeitet. Es waren einzelne Menschen, Individuen, die durch gemeinsamen Geist (auch was man bei Tieren Instinkt nennt, ist gemeinsamer Geist), der ein natürlicher aber kein
auferlegter Zwang ist, zusammengehalten waren.

 

Aber dieser natürliche Zwang der verbindenden Eigenschaft, des gemeinsamen Geistes hat bisher, in der uns bekannten Menschengeschichte, immer äußere Formen gebraucht: religiöse Symbole und Kulte, Glaubensvorstellungen und Gebetvorkehrungen oder ähnliches solcher Art.

Darum ist der Geist in den Völkern immer in Verbindung mit dem Ungeist, das tiefe Denken des Symbols immer zusammen mit dem Meinen des Aberglaubens; über die Wärme und Liebe des verbindenden Geistes kommt die Starrheit und Kälte des Dogmas; statt der Wahrheit dessen, das so tief herauf gebracht ist, daß es sich nur im Bilde sagen läßt, stellt sich der Unsinn der Wörtlichkeit ein.

 

Und dazu kommt dann die äußere Organisation: die Kirche, und die Organisationen äußeren Zwanges weltlicher Art erstarken und wachsen ins Schlimme aus: die Leibeigenschaft, der Feudalismus, die mancherlei Behörden und Obrigkeiten, der Staat.

 

Da geht es mit dem Geist in den Völkern, über den Völkern, mit der Selbstverständlichkeit, die aus den einzelnen strömt und sie zum Bunde führt, schnell oder langsam, hinab. Der Geist zieht sich in die einzelnen zurück. Einzelne, innerlich Mächtige waren es, Repräsentanten des Volks, die ihn dem Volke geboren hatten; jetzt liebt er in einzelnen, Genialen, die sich in all ihrer Mächtigkeit verzehren, die ohne Volk sind: vereinsamte Denker, Dichter und Künstler, die haltlos, wie entwurzelt, fast wie in der Luft stehen. Wie aus einem Traum aus urlang vergangener Zeit heraus ergreift es sie manchmal: und dann werfen sie mit königlicher Gebärde des Unwillens die Leier hinter sich und greifen zur Posaune, reden aus dem Geiste heraus zum Volke und vom kommenden Volke. All ihre Konzentration, all ihre Form, die in ihnen mit gewaltiger Schmerzlichkeit lebendig ist und oft viel stärker und umfänglicher ist, als ihr Körper und ihre Seele ertragen kann, die unzähligen Gestalten, und die Farbigkeit und das Gewimmel und Gedränge des Rhythmus und der Harmonie: all das – hört es, ihr Künstler! – ist ertötetes Volk, ist lebendiges Volk, das in ihnen sich gesammelt hat, das in ihnen begraben ist und aus ihnen wieder auferstehen wird.

 

Und neben ihnen erstehen andere einzelne, die ein Gemisch aus Geist und Geistlosigkeit isoliert hat: Gewaltherrscher, Reichtumserraffer, Menschenpächter, Landräuber. In solchen Anfängen der Untergangs- und Übergangszeit, wie sie uns am protzigsten und prächtigsten die Renaissance – das beginnende Barock – repräsentiert, haben diese Kerle noch viele Züge des Geistes, der auseinandergejagt und auch in ihnen wieder zum Teil zur Sammlung gekommen ist; und sie haben in all ihrer Wuchtigkeit und Macht noch einen Zug der Melancholie, der Starrheit und Fremde, des Unirdischen und Visionären, möchte man bei manchen dieser Erscheinungen fast sagen, der erzählt, daß auch in ihnen ein Gespenstisches lebt, das mächtiger ist als sie selbst, ein Inhalt, dem das Gefäß der isolierten Persönlichkeit zu eng ist. Und ganz, ganz selten erwacht auch einer von ihnen wie aus einem wüsten Traum und er schleudert die Krone von sich und steigt auf den Berg Horeb, um Ausschau zu halten nach seinem Volk.

 

Und es kommen manchmal die gemischten Naturen, an deren Wiege die Fee lange geschwankt hat: soll sie einen großen Eroberer, einen großen Freiheitshelden, ein Genie des Denkens und der schweifenden Phantasie oder einen Großkaufmann aus ihnen machen: Männer wie Napoleon und Ferdinand Lassalle.

 

Und diesen isolierten Wenigen, in die sich der Geist geflüchtet hat und die Macht und der Reichtum, entsprechen die von einander isolierten, die atomisierten Vielen, denen nur die Geistlosigkeit geblieben ist und die öde und das Elend: die Massen, die das Volk heißen, die aber nur ein Haufen Losgerissener, Preisgegebener sind. Losgerissen, in melancholischer Fremde, die Einzelnen, Wenigen, in denen der Volksgeist bestattet ist, auch wenn sie nichts von ihm wissen. Losgerissen, in Not und Ärmlichkeit Zerteilte, die Massen, in die der Geist wieder strömen muß, wenn er und das Volk wieder zusammen kommen, wieder lebendig werden sollen.

 

Der Tod ist die Atmosphäre zwischen uns; denn wo kein Geist ist, ist Tod; der Tod ist uns über die Haut gekrochen und bis in das Fleisch gedrungen; aber in uns, in unsrer Verborgenheit, in unserm Geheimsten und Tiefsten, in unserm Traum, in unsrer Sehnsucht, in den Gestalten der Kunst, im Willen der Wollenden, im Tiefblick der Schauenden, in den Taten der Tuenden, in der Liebe der Liebenden, in der Verzweiflung und Tapferkeit, in der Seelennot und Freude, in der Revolution und im Bunde: da wohnt das Leben, die Kraft und die Herrlichkeit; ist Geist verborgen, wird Geist gezeugt, der herausbrechen und Volk und Schönheit und Gemeinschaft schaffen wird.

 

Die Zeiten des Menschengeschlechts, die am schönsten in die Nachwelt glänzen, sind die, wo diese Tendenz des Versickerns des Geistes aus dem Volk in die Schluchten und Höhlungen vereinsamt stehender Personen gerade schon begonnen hat, aber noch nicht weit gediehen ist: wo der gemeinsame Geist, die Gesellschaft der Gesellschaften, die Durcheinanderschichtung der vielen aus dem Geist erwachsenen Bünde in voller Kraft stehen, wo aber dazu schon die genialen Persönlichkeiten erwachsen sind, die jedoch noch natürlich bezwungen sind von dem großen Geiste des Volkes, das darum auch nicht die banale Bestaunung ihrer großen Werke kennt, sie vielmehr wie eine natürliche Frucht des Mitlebens hinnimmt und sich ihrer mit heiligen Gefühlen freut, aber oft kaum die Namen der Urheber der Nachwelt überliefert.

 

Solche Zeit war die Blütezeit des griechischen Volkslebens; solche Zeit war das christliche Mittelalter.

 

Es war da keinerlei Ideal; es war Wirklichkeit. Und so sehen wir neben all dem Hohen, dem Freiwilligen, dem Geisthaften noch die Reste früherer, schon die Anfänge späterer Gewalt des Äußern, der Brutalität, des auferlegten Zwanges, des Staates. Aber der Geist war mächtiger; ja, oft durchdrang und verschönte er sogar solche Einrichtungen der Gewalt und der Abhängigkeit, die in den Zeiten des Verfalls ein Abscheu und Greuel werden. Nicht alles, was die guten Historiker Sklaverei nennen, war immer und ganz und gar "Sklaverei". 

 

Es war da kein Ideal, weil Geist war. Der Geist gibt dem Leben einen Sinn, Heiligung und Weihe; der Geist schafft, zeugt und durchdringt die Gegenwart mit Freude und Kraft und Seligkeit; das Ideal wendet sich vom Gegenwärtigen ab, dem Neuen zu; es ist Sehnsucht nach der Zukunft, nach dem Besseren, nach dem Unbekannten. Es ist der Weg aus den Zeiten des Niederganges heraus zu neuer Kultur.

 

Aber hier ist noch eines zu sagen. Vor diesen Zeiten der glänzenden Höhe, die schon auf der Wende stehen, hat es, nicht ein einziges Mal in der sogenannten Entwicklung, sondern immer wieder im Auf und Ab der einander ablösenden und sich mischenden Völker, andere Perioden gegeben. Da war auch verbindender Geist, da war auch gemeinsames Leben in Freiwilligkeit, aus natürlichem Zwang der Zueinandergehörigkeit. Aber es ragten keine in allen Einzelheiten in Schönheit glitzernden, in Harmonie und Besonderheit zusammengewachsenen Münstertürme gen Himmel, und keine Säulenhallen standen in geruhsamer Sicherheit gegen die durchsichtige Bläue des Himmels. Es waren da einfachere Verbände; noch keine Persönlichkeiten genialer Individualität und Subjektivität waren die Repräsentanten des Volkstums; es war ein primitives, ein kommunistisches Leben. Es waren – und es sind – lange Jahrhunderte und oft Jahrtausende des ziemlichen Stillstandes – Stillstand, hört es, gelehrte und liberale Zeitgenossen, ist für jene Zeiten, für diese fast noch neben uns lebenden Völker ein Zeichen ihrer Kultur; Fortschritt, was ihr Fortschritt nennt, dieses unaufhörliche Gewackel und Gefackel, dieses Schnellmüdewerden und neurasthenische, kurzatmige Jagen nach dem Neuen, wenn es nur mal wieder neu ist, Fortschritt und die damit in Zusammenhang Stehenden verrückten Ideen der Entwicklungspraktiker und die maniakalische Gewohnheit, bei der Ankunft schon wieder Adieu zu sagen, Fortschritt, diese unstete Ruhelosigkeit und Hetze, dieses Nichtstillhaltenkönnen und dieses Reisefieber, dieser sogenannte Fortschritt ist ein Symptom unsrer abnormen Zustände, unsrer Unkultur; und ganz etwas anderes als solche Symptome unsrer Verdorbenheit brauchen wir, um aus unsrer Verdorbenheit herauszukommen – es waren und es sind, sage ich, Zelten und Völker des gedeihlichen Lebens, Zeiten der Tradition, des Epos, des Ackerbaus und des ländlichen Handwerks, ohne viel herausragende Kunst, ohne viel geschriebene Wissenschaft. Zeiten, die weniger glanzvoll sind, sich selbst weniger Denkmäler, Grabmäler setzen als jene Höhezeiten, die so herrlich sind, weil schon ihre Erben bei ihnen sind und ihre annoch wundervolle Jugend mit ihnen verbringen: eine Zeit vielmehr langen und breiten, fast behaglich zu nennenden Lebens. Es war da noch nicht der selbstbewußte Geist mit magischer Bezwingergewalt, der schon im Begriff steht, sich abzusondern und als hohe Botschaft über die Lande zu gehen und die Seelen in seinen Bann zu zwingen. Auch diese Zeiten waren; auch diese Völker sind; und auch solche Zeiten werden wieder kommen.

 

In solchen Zeiten sieht der Geist wie versteckt aus; man erkennt ihn, wenn man forschend hinblickt, fast nur an seinen Äußerungen: an den Formen des Gesellschaftslebens, an den wirtschaftlichen Einrichtungen der Gemeinschaft.

 

In die allerersten, die primitiven Anfänge, die Vorstufen dieser Zeiten sind die Menschen immer wieder hineingekommen, wenn sie sich aus noch früheren Zeiten des Niedergangs, der Geistlosigkeit, der Tyrannei, Ausbeutung und Staatsgewalt gerettet hatten, oft mit Hilfe von Völkerschaften, die in diesem Zustand der fruchtbaren Stille langsam sich neuen Plätzen zu über die Erde bewegten und aus dem Dunkel des Unbekannten, der Ferne neu und gesund in sie einströmten. So sind die Römer und Griechen der späten Kaiserzeit in dieses Jungbad getaucht und wieder Kinder, wieder primitiv geworden und reif für den neuen Geist, der zu gleicher Zeit von Osten her über ihr Leben kam. Es gibt für den, der mit der Menschheit, ihrem ewigen Dahingang und ewigen Wiederwerden mitfühlt, kaum etwas Erschütternderes, zugleich Seelenpeinigendes und zu fast kindlich frommer Zuversicht Aufrichtendes als die Werke der frühbyzantinischen Kunst, die man doch ebensowohl spätgriechische nennen könnte. Durch welche Verderbnis und durch welche ungeheuerliche Wiederaufrichtung, durch welches Grauen und welche Seelennot sind da Generationen hindurchgegangen, bis sie aus dem modisch-eleganten Formalismus und der Totenkälte der Virtuosität zu dieser fast schaudererregenden Herzensinnigkeit, zu dieser kindlichen Schlichtheit, zu dem Nichtmehrrichtigsehenkönnen alles Körperlichen gekommen waren! Die Virtuosität des Auges und der Hand hätte sich von Geschlecht zu Geschlecht in Kunst und Handwerk weiter vererbt, wenn die Seele sie nicht von sich gespien hätte wie Unrat und bittere Galle. Welche Hoffnungen, was für tiefe Tröstungen liegen in solchem peinvoll-erquickenden Anblick für uns, für alle, die daraus lernen können, weil sie wissen: keinerlei Fortschritt, keinerlei Technik, keinerlei Virtuosität wird uns Heil und Segen bringen; nur aus dem Geiste, nur aus der Tiefe unsrer inneren Not und unsres inneren Reichtums wird die große Wendung kommen, die wir heute Sozialismus nennen.

 

Für uns aber gibt es kein so Fernes, kein so Unbekanntes, keine Plötzlichkeit und Überraschung aus dem Dunkel mehr irgendwo draußen in der Welt. Keinerlei Analogie der Vergangenheit kann auf uns mehr ganz zutreffen: die Erdoberfläche ist uns bekannt, wir haben die Hand auf ihr und den schweifenden Blick um sie herum. Völker, die noch vor Jahrzehnten wie durch Jahrzehntausende von uns getrennt waren – Japaner, Chinesen – sind eifrig dabei, ihren Stillstand mit unserm Fortschritt, ihre Kultur mit unsrer Zivilisation zu vertauschen. Andere, kleinere Völker dieser Stufe haben wir ausgerottet oder mit Christentum und Alkohol depraviert.

 

Aus uns selbst muß diesmal die Erneuerung kommen, wennschon zu glauben ist, daß Völker neuer Mischung wie die Amerikaner, Völker älterer Stufe wie die Russen, die Inder, vielleicht auch noch die Chinesen, uns dabei am fruchtbarsten helfen werden.

 

Den Menschen, die sich aus dem Zustand irgendwelcher Verdorbenheit zuerst wieder erhoben und in die sagenhaften, epischen Zeiten der wieder einmal anfänglichen Kultur, des Kommunismus retteten, winkte vielleicht oft noch lange kein neuer Geist, in sichtbarer, in greifbarer, in aussprechbarer Gestalt. Sie hatten nicht den Glanz eines überwältigenden Wahnes, der sie in seinen Bann zwang. Aber den Aberglauben, den elenden, nicht wieder zu erkennenden Rest früherer Höhezeiten, hatten sie hinter sich gebracht; sie wollten nur das Irdische; und so fing ihr Leben neu an mit dem Geiste der Gerechtigkeit, der ihre Einrichtungen, ihr Zusammenleben, ihr Arbeiten und Verteilen der Güter erfüllte. Der Geist der Gerechtigkeit - ein irdisches Tun und ein Schaffen freiwilliger Bünde, noch vor dem himmlischen Wähnen, das später das irdische Tun in Gemeinschaft verklärt und – erst recht – natürlich erzwingt.

 

Rede ich mit diesen Worten von den Barbaren längst vergangener Jahrtausende? Spreche ich von den Vorfahren der Araber, der Irokesen, der Grönländer? Ich weiß es nicht. Wir wissen so gar nichts von den Veränderungen und Entstehungen dieser sogenannten barbarischen Völker früherer und unserer Zeiten. Wir haben da kaum Überlieferungen und keine rechten Anhaltspunkte. Nur das wissen wir, daß die sogenannt primitiven Zustände angeblicher Barbaren oder Wilden keine anfänglichen in dem Sinne sind, daß damit die Menschheit angefangen hätte, wie viele Fachmenschen zu meinen glauben, die mehr gelehrt sind als sie denken können. Wir wissen von keinerlei solchem Anfang; auch die Kulturen der "Barbaren" kommen irgendwoher, kommen tief aus dem Menschlichen her; vielleicht aus einer wirklichen Barbarei, ähnlich der, aus der wir heraus wollen.

 

Denn ich rede jedoch von unsern eigenen Völkern; ich spreche von uns selbst.Wir sind das Volk des Niederganges, dessen Pioniere und Voreilende der blöden Gewalt, der schimpflichen Isolierung und Preisgebung der Einzelmenschen überdrüssig sind. Wir sind das Volk des Herabgleitens, wo kein verbindender Geist mehr ist, sondern nur noch seine entstellten Reste, der Unsinn des Aberglaubens, und sein gemeines Surrogat, der Zwang der äußern Gewalt, des Staates. Wir sind das Volk des Untergangs und darum des Übergangs, dessen Vorkämpfer keinerlei über das irdische Leben hinaus weisenden Sinn erblicken, die keinen Himmelswahn vor sich sehen, den sie glauben und heilig künden könnten. Wir sind das Volk, das wieder aufwärts schreiten kann nur durch einen einzigen Geist: den Geist der Gerechtigkeit in den irdischen Dingen des Gemeinschaftslebens. Wir sind das Volk, das nur zu retten, nur zur Kultur zu bringen ist durch den Sozialismus.

 

 

3.

 

So also steht unsre Zeit zwischen den Zeiten. Wie sieht sie aus? Ein verbindender Geist – ja, ja! hier wird etwas oft Geist gesagt. Vielleicht geschieht es darum, weil die Menschen unsrer Zeit und zumal die sogenannten Sozialisten so wenig Geist sagen wie sie Geist tun. Sie tun nicht Geist und sie tun nichts Wirkliches und nichts Praktisches; und wie könnten sie Wirkliches schaffen, da sie nicht wirklich denken! – ein verbindender Geist, sage ich, der die Menschen von innen her zum Zusammenarbeiten in den Dingen der Gemeinsamkeit, der Herstellung und Verteilung der gebrauchten Güter triebe, ist nicht da. Ein Geist, der wie ein Lerchenlied aus den Lüften oder ferner, brausender Gesang von unsichtbaren Chören über aller Arbeit und jeder fleißigen Regung schwebte, der Geist der Kunst, der Verklärung des irdisch-betriebsamen Tuns, ist nicht da. Ein Geist, der die Gegenstände des Gebrauchs, der die natürlichen Triebe, die Befriedigungen, die Feste mit Notwendigkeit und Freiheit erfüllte, ist nicht da. Ein Geist, der alles Leben in Beziehung zur Ewigkeit setzte, der unsre Sinne heiligte, alles Leibliche himmlisch, jeden Wandel und alles Wandeln zur Freude, zum Schwung, Umschwung und Überschwang machte, ist nicht da.

 

Was ist da? Gott, der die Welt geschaffen hat; der einen Sohn hat, welcher diese Welt von der Sünde erlöst ... genug davon, von diesen unverstandenen Resten einer Symbolik, die einmal Sinnes genug hatte, Resten, die nun wörtlich genommen und mit Haut und Haar und mit allen Buchstaben und Wundergeschichten geglaubt werden sollen, auf daß die sogenannte Seele oder auch der Körper mit Haut und Haar nach der Verwesung selig werden können. Genug davon. Dieser Geist ist ein Ungeist; hat weder Beziehungen zur Wahrheit noch zum Leben. Wenn etwas beweisbar falsch ist, so sind es diese Vorstellungen allesamt.

 

Und unsere Gebildeten wissen es. Ist das Volk, ein sehr großer Teil des Volkes, im Geist des Falschen, des Unrichtigen und des Verderblichen befangen, so stecken wie viele! unserer Gebildeten im Geiste der Lüge und der Feigheit. Und wie viele hinwiederum, im Volk und bei den Gebildeten, kümmern sich gar um keinerlei Geist mehr und meinen, es gebe nichts Überflüssigeres, als sich mit derlei Dingen abzugeben.

 

In der Schule werden die Kinder mit Lehren aufgezogen, die nicht wahr sind, und die Eltern werden gezwungen, das Denken ihrer Kinder in Falsches verkehren zu lassen. Eine furchtbare Kluft wird aufgemacht zwischen den Kindern der Armen, die in der alten Religion mit Gewalt erhalten werden, und den Kindern der Reichen, denen allerlei halbe Aufklärung und gelinder Zweifel mit auf den Weg gegeben wird. Die Kinder der Armen sollen dumm, botmäßig, furchtsam bleiben; die Kinder der Reichen werden halb und frivol.

 

Wie wird gearbeitet in unserer Zeit? Warum wird gearbeitet?

 

Was ist denn das – Arbeit?

 

Nur wenige Tierarten kennen das, was wir Arbeit nennen; Bienen, Ameisen, Termiten und Menschen.Der Fuchs in seinem Bau und auf der Jagd, der Vogel in seinem Neste und beim Insektenfang oder Körnersuchen – sie alle müssen sich mühen, um zu leben; aber sie arbeiten nicht. Arbeit ist Technik; Technik ist gemeinsamer Geist und Vorsorge. Es gibt keine Arbeit, wo nicht Geist und Vorsorge und wo nicht Gemeinsamkeit ist.

Wie sieht der Geist aus, der unsre Arbeit bestimmt? Wie ist es mit der Vorsorge bestellt? Wie ist die Gemeinsamkeit beschaffen, die unsre Arbeit regelt?

 

So sieht er aus und so sind sie beschaffen: Die Erde, und damit die Möglichkeit des Wohnens, der Werkstatt, der Tätigkeit; die Erde und damit die Rohstoffe; die Erde und damit die aus der Vergangenheit ererbten Arbeitsmittel sind im Besitze von Wenigen. Diese Wenigen drängt es nach wirtschaftlicher und persönlicher Macht in Gestalt von Bodenbesitz, Geldreichtum und Menschenbeherrschung.

 

Sie lassen Dinge herstellen, wovon sie nach Stand der jeweiligen Sachlage glauben, daß der Markt sie mit Hilfe einer großen Armee von Agenten, Reisenden, auf deutsch: überredenden Schwätzern, Großhändlern, Kleinhändlern, Zeitungsinseraten und Plakaten, Feuerwerk und verlockender Ausstattung aufnehmen kann.

 

Aber auch selbst wenn sie wissen, daß der Markt ihre Waren nur schwer oder gar nicht oder wenigstens nicht zum gewünschten Preis verdauen kann, müssen sie ihn immer weiter mit ihren Erzeugnissen bombardieren: weil ihre Produktionsanstalten und Unternehmungen sich gar nicht nach den Bedürfnissen einer zusammenhängenden, organischen Menschenschicht, einer Gemeinde oder einer größeren Konsumentenvereinigung oder eines Volkes richten, sondern nach den Erfordernissen ihres maschinellen Betriebs, auf den Tausende von Arbeitern wie Ixion aufs Rad gespannt sind, weil sie gar nichts anderes können als an diesen Maschinen kleine Teilarbeiten verrichten.

 

Ob sie Kanonen zur Menschenvertilgung, oder Strümpfe aus gesponnenem Staub oder Senf aus Erbsmehl machen, ist gleichgültig. Ob ihre Waren gebraucht werden, ob sie nützlich oder sinnlos, schön oder häßlich, fein oder gemein, solid oder liederlich sind, ist gleichgültig. Wenn sie nur gekauft werden, wenn sie nur Geld einbringen.

 

Die große Masse der Menschen ist von der Erde und ihren Produkten, von der Erde und den Arbeitsmitteln getrennt. Sie leben in Armut oder in Unsicherheit; es ist keine Freude und kein Sinn in ihrem Leben; sie arbeiten Dinge, die zu ihrem Leben keine Beziehung haben; sie arbeiten auf eine Weise, die sie freudlos und stumpf macht. Viele, Massen, haben oft kein Dach über dem Kopf, frieren, hungern, verderben.

 

Weil sie sich ungenügend nähren und wärmen, werden sie schwindsüchtig oder sonstwie kränklich und sterben vor der Zeit. Und was der häusliche Druck und die Not, die schlechte Luft und das verpestete Hausen gesund lassen, verdirbt oft die Überanstrengung, der stechende Staub, der giftige Stoff und Dunst in der Fabrik.

 

Ihr Leben hat keine oder verschrumpfte Beziehungen zur .Natur; sie wissen nicht, was Pathos, Freude, was Ernst und Innigkeit, was Erschauern und was Tragik ist: sie erleben sich nicht; sie können nicht lächeln und können nicht Kind sein; sie ertragen sich und wissen nicht, wie unerträglich sie sind; sie leben auch seelisch in Schmutz und verdorbener Luft, in einem Qualme häßlicher Worte und widerwärtiger Vergnügungen.

 

Der Ort, an dem sie zusammenkommen und ihre Art Gemeinsamkeit pflegen, ist nicht der freie Marktplatz unter dem Himmel und kein hoher Kuppelraum, der ihnen die geschlossene Verbundenheit unter der Himmelsfreiheit und Unendlichkeit nachbildete, und kein Gemeindesaal und keine Gildhalle und kein Badhaus: ihr gemeiner Ort ist das Wirtshaus. Da ergeben sie sich dem Trunke und können oft nicht mehr leben, ohne sich zu betrinken. Sie betrinken sich, weil ihnen nichts so wesenhaft fremd ist, wie der Rausch.

 

Es ist notwendig und bestimmt, daß sehr viele arbeiten wollen und nicht können, daß viele, die das Arbeiten vermöchten, das Wollen nicht mehr vermögen; daß sehr viele Keime im Mutterleib, daß sehr viele Kinder nach der Geburt getötet werden; daß sehr viele lange Lebensjahre im Zuchthaus oder Arbeitshaus verbringen.

 

Man hat Zuchthäuser und Gefängnisse bauen, man hat Schaffotte errichten müssen. Das Eigentum und das Leben, die Gesundheit, der heile Körper und die Freiheit der Geschlechtswahl sind von Verkümmerten und Verkommenen immer bedroht. Nicht oft mehr von Empörern und Frevlern, denn jetzt gibt es weniger kühne Räuber als früher; dafür unzählige Diebe, Einbrecher und Betrüger, und Gelegenheitstotschläger, die man Mörder nennt.

 

Priester und von der Sitte gebändigte Bürgersleute haben es aufgebracht, daß man wie von Tieren von diesen Armen spricht, die für unsere verruchte Unschuld unschuldig Schuldige sind: man nennt sie Vieh, Schwein, Bock und Tier. Ihr Menschen aber!: sehet sie, wie sie als Kinder sind: sehet nach ihnen und schauet inständig lange auf ihre Züge, wenn sie auf den Leichenschrägen liegen, und dann zutiefst in euch hinein. Schonet euch nicht, zu lange habt ihr euch geschont und zu lange eure guten Kleider, eure Haut und eure bis zur Verruchtheit zartfühlenden Herzen gewahrt! sehet auf die Armen, die Elenden, die Gesunkenen, die Verbrecher und die Huren, ihr braven Bürger, ihr eingezogenen und gehaltenen Jünglinge, ihr züchtigen Mädchen und ehrbaren Frauen; blicket hin, auf daß ihr erfahret: eure Unschuld ist eure Schuld; ihre Schuld ist euer Leben.

 

Ihre Schuld ist das Leben der Wohlgestellten; nur daß auch diese längst keine Unschuldigen und keine wohl zu Beschauenden sind. Die Not und der Ungeist zeugt schreiende Häßlichkeit, Entbehrung und Öde; der Wohlstand und der Ungeist paaren sich zu Öde, Leere und Lüge.

 

Und es ist ein Punkt, es ist ein Ort, wo die beiden sich treffen: der Arme und der armselige Reiche. In der Geschlechtsnot kommen sie zusammen. Die allerärmsten sind die jungen Weiber, die nichts zu verkaufen haben als ihren Leib. Die allerarmseligsten sind die jungen Männer, die durch die Straßen irren und nicht wissen, woher ihnen das Geschlecht kommt und wohin sie damit sollen. Kein Marktplatz und kein hoher Kuppelraum, kein Tempel und Gemeindehaus ist in dieser unsrer Zeit der Ort der Gemeinschaft für alle. Nun aber, wo Gewalt und Geld da wohnen, wo der Geist daheim sein möchte, ist die Lust so weit geschwunden, daß es Menschen gibt, die sie kaufen wollen und Menschen, die ihr ekles Surrogat verkaufen müssen. Wo Lust zur Ware wurde, da ist kein Unterschied mehr zwischen den Seelen der Oberen und der Untersten; und das Lusthaus ist das Repräsentantenhaus dieser unsrer Zeit.

 

Um in all dieser Geistlosigkeit, diesem Unsinn, diesem Wirrwarr, dieser Not und Verkommenheit Ordnung und Möglichkeit des Weiterlebens zu schaffen, ist der Staat da. Der Staat mit seinen Schulen, Kirchen, Gerichten, Zuchthäusern, Arbeitshäusern, der Staat mit seinen Gendarmen und seiner Polizei; der Staat mit seinen Soldaten, Beamten und Prostituierten. Wo kein Geist und keine innere Nötigung ist, da ist äußere Gewalt, Reglementierung und Staat. Wo Geist ist, da ist Gesellschaft. Wo Geistlosigkeit ist, ist Staat. Der Staat ist das Surrogat des Geistes.

 

Das ist er auch noch in anderer Richtung. Denn etwas, das wie Geist aussieht und tut, muß dasein. Lebendige Menschen können ohne Geist nicht einen Augenblick leben, die Materialisten mögen übrigens rechtschaffene Leute sein; aber sie verstehen von dem, was Welt und Leben ausmacht, nicht die Bohne. Nur, was für ein Geist ist es, der uns am Leben läßt? Der Geist, der unsere Arbeit regelt, heißt hüben Geld, drüben Not, wir haben es gesehen. Der Geist, der uns über Leib und Individualität hinaushebt, heißt unten Aberglauben, Hurerei und Alkohol; oben Alkohol, Hurerei und Luxus. Und so gibt es noch allerlei Geister – vorüber, vorüber! Und der Geist, der die einzelnen zur Gesamtheit, zum Volke erhebt, heißt heute Nation. Nation als natürlicher Zwang der geborenen Gemeinschaft ist ein urschöner und unausrottbarer Geist. Nation in der Verquickung mit dem Staate und der Vergewaltigung ist eine künstliche Roheit und boshafte Dummheit – und ist doch ein Ersatzmittel des Geistes, das den Menschen, die heute leben, wie ein angewöhntes Gift und Berauschungsmittel unentbehrlich geworden ist, Spiritus.

 

Die Staaten mit ihren Grenzen, die Nationen mit ihren Gegensätzen sind Ersatzmittel für Volks- und Gemeinschaftsgeist, der nicht da ist. Die Staatsidee ist ein nachgemachter künstlicher Geist, ein falscher Wahn, Zwecke, die nichts miteinander zu tun haben, die nicht am Boden kleben, wie die schönen Interessen der gemeinsamen Sprache und Sitte, die Interessen des Wirtschaftslebens (und was für eines Wirtschaftslebens heutzutage, wir haben es gesehen!) verkuppelt er mit einander und mit einem bestimmten Landgebiet. Der Staat mit seiner Polizei und all seinen Gesetzen und Eigentumsrechtseinrichtungen ist um der Menschen willen da, als miserabler Ersatz für den Geist und die Zweckverbände; und überdies sollen nun die Menschen um des Staates willen dasein, der so etwas wie ein ideales Gebilde und ein Selbstzweck, wiederum also ein Geist zu sein vorspiegelt. Geist ist etwas, was in den Herzen und Seelenleibern der einzelnen in gleicher Weise wohnt; was mit natürlicher Nötigung, als verbindende Eigenschaft, aus allen herausbricht und alle zum Bunde führt. Der Staat sitzt nie im Innern der einzelnen, er ist nie zur Individualeigenschaft geworden, nie Freiwilligkeit gewesen. Er setzt den Zentralismus der Botmäßigkeit und Disziplin an die Stelle des Zentrums, das die Welt des Geistes regiert: das ist der Schlag des Herzens und das freie, eigene Denken im lebendigen Leibe der Person. Früher einmal gab es Gemeinden, Stammesbünde, Gilden, Brüderschaften, Korporationen, Gesellschaften, und sie alle schichteten sich zur Gesellschaft. Heute gibt es Zwang, Buchstaben, Staat.

 

Und dieser Staat, der überdies ein Nichts ist und sich, um das Nichts zu verhüllen, lügnerisch mit dem Mantel der Nationalität bekleidet und diese Nationalität, die ein Feines, Geistiges zwischen den Menschen ist, lügnerisch verbindet mit einer Land- und Bodengemeinschaft, die nichts damit zu tun hat und die nicht da ist: Dieser Staat will also ein Geist und ein Ideal, ein Jenseitiges und wie Unbegreifliches sein, für das Millionen enthusiastisch und todestrunken einander hinschlachten. Das ist die äußerste, die höchste Form des Ungeistes, der sich eingestellt hat, weil der wahre Geist der Verbindung dahin und zugrunde gegangen ist; und wiederum sei es gesagt: hätten die Menschen diesen schauerlichen Aberglauben nicht an Stelle der lebendigen Wahrheit natürlicher Geistverbundenheit, sie vermöchten nicht zu leben, denn sie erstickten in der Scham und Schmach dieses Unlebens und dieser Verbindungslosigkeit, sie zerfielen zu Staub wie vertrockneter Kot.

 

So also sieht unsere Zeit aus. So steht sie da – zwischen den Zeiten. Fühlt ihr, die ihr meine Worte hört, mit Ohren höret und dem ganzen Menschen, fühlt ihr, daß ich kaum sprechen konnte bei dieser Beschreibung? Daß ich nur notgedrungen, weil es zur Sache und um euretwillen sein muß, von diesem Furchtbaren redete, und ins Bewußtsein heraufrief, was ich in mir nicht mehr nötig habe bewußt werden zu lassen, weil all dieses Schimpfliche der Umgebung längst ein Stück meines Grundes, meines Lebens, meiner Körperhaltung sogar und Mienen geworden ist? Daß ich wie zusammengekrampft war und einem übermächtigen Drucke fast erlag, daß ich kurzen Atems war und mir das Herz bis zum Halse hinauf schlug?

 

Ihr Menschen allesamt, die ihr leidet unter diesem Entsetzen: lasset zu euch dringen nicht nur die Stimme, die ich spreche, und die Färbung meiner Worte. Vernehmet vor dem mein Schweigen und meine Tonlosigkeit, meine Ersticktheit und mein Bangen. Sehet dazu meine geballten Fäuste, meine verzerrten Mienen und die blasse Entschlossenheit all meiner Haltung. Erfasset vor allem das Ungenügende dieser Schilderung und mein unsägliches Unvermögen, denn ich will, daß Menschen mich hören, daß Menschen zu mir stehen, daß Menschen mit mir gehen, die es nicht mehr aushalten können gleich mir.

 

 

4.

 

Sozialismus ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um eines Ideals willen Neues zu schaffen. Warum das Neue geschaffen werden soll, haben wir nun gesehen.Wir haben das Alte gesehen; wir haben das Bestehende noch einmal vor unsre schaudernden Blicke geführt. Jetzt sage ich nicht, wie wohl mancher erwarten könnte, wie das Neue, dem wir zustreben wollen, in seiner Ganzheit beschaffen sein soll; ich gebe keine Schilderung eines Ideals, keine Beschreibung einer Utopie. Was davon jetzt zu sagen ist, habe ich durchblicken lassen und habe es Gerechtigkeit mit Namen genannt. Von unsern Zuständen, von unsern Menschen ist ein Bild entworfen worden; glaubt jemand; man brauche nur Vernunft und Anstand oder gar Liebe zu predigen, und sie geschähen?

 

Der Sozialismus ist eine Kulturbewegung, ist ein Kampf um Schönheit, Größe, Fülle der Völker. Niemand kann ihn verstehen, keiner kann ihn führen, wem der Sozialismus nicht aus den Jahrhunderten und den Jahrtausenden herkommt. Wer den Sozialismus nicht als einen Weitergang langer und schwerer Geschichte erfaßt, weiß nichts von ihm; und damit schon ist gesagt – wir hören noch mehr davon – daß keinerlei Tagespolitiker Sozialisten sein können. Der Sozialist erfaßt das Ganze der Gesellschaft und der Vergangenheit; hat es im Gefühl und im Wissen, woher wir kommen, und bestimmt danach, wohin wir gehen.

 

Das ist das Kennzeichen des Sozialisten im Gegensatz zum Politiker: daß er aufs Ganze geht; daß er unsre Zustände in ihrer Gesamtheit, in ihrer Gewordenheit erfaßt; daß er das Allgemeine denkt. Daran schließt sich dann an, daß er das Ganze unsrer Mitlebensformen ablehnt, daß ihm nichts im Sinn ruht, daß er nichts zu verwirklichen ausgeht, als das Ganze, das Allgemeine, das Prinzipielle.

 

Nicht nur, was er ablehnt, nicht allein, was er zu erreichen ausgeht, ist dem Sozialisten ein Allgemeines und Umfassendes; auch seine Mittel können nicht am einzelnen kleben; die Wege, die er einschlägt, sind keine Einzelwege, sondern Hauptwege.

 

Der Sozialist also muß im Denken, Fühlen und Wollen ein Zusammensehender, ein das Vielfache Sammelnder sein.

 

Mag in ihm die große Liebe überragen oder die Phantasie oder das lichte Schauen oder der Ekel oder die wilde Angriffslust oder das starke Denken des Vernünftigen oder was sonst immer seine Herkunft sein mag; ob er ein Denker ist oder ein Dichter oder ein Kämpfer oder ein Prophet: etwas der Art, Leben des Allgemeinen, wird der wahre Sozialist haben; nie aber wird er (vom Wesen ist hier die Rede, von keinem äußern Beruf) ein Professor, ein Advokat, ein Zahlenmensch, ein Einzelheitskrämer, ein Hans Dampf in allen Gassen, einer vom Dutzend sein können.

 

Hier nun ist der Ort, wo gesagt werden muß (weil es jetzt eben schon gesagt worden ist): die sich heutigentages Sozialisten nennen, sind allesamt keine Sozialisten; was bei uns Sozialismus geheißen wird, ist ganz und gar kein Sozialismus. Auch hier, in dieser sogenannten sozialistischen Bewegung, wie in allen Organisationen und Einrichtungen dieser Zeiten, ist an die Stelle des Geistes ein elendes und gemeines Surrogat getreten. Hier aber ist die gefälschte Ersatzware noch besonders schlimm, durch etwas besonderes ausgezeichnet, besonders lächerlich für den, der dahinter gekommen ist, besonders gefährlich für die Getäuschten. Dieses Surrogat ist eine Karikatur, eine Imitation, eine Travestie des Geistes. Geist ist Erfassung des Ganzen in lebendig Allgemeinem, Geist ist Verbindung des Getrennten, der Sachen, der Begriffe wie der Menschen; Geist ist in den Zeiten des Hinübergangs Enthusiasmus, Glut, Tapferkeit, Kampf; Geist ist ein Tun und ein Bauen. Was heute den Sozialismus fingiert, will auch eine Ganzheit erfassen, möchte auch die Einzelheiten unter allgemeine Sammlungen bekommen. Aber da in ihm kein lebendiger Geist wohnt, da ihm, was er anschaut, nicht Leben gewinnt und da ihm das Allgemeine nicht zum Gestalten wird, da es keine Intuition und keinen Impuls hat, wird sein Allgemeines kein wahres Wissen sein und kein echtes Wollen.

 

An die Stelle des Geistes ist ein überaus absonderlicher und komischer Wissenschaftsaberglauben getreten. Kein Wunder, daß diese kuriose Lehre eine Travestie des Geistes ist, da sie ja auch ihrer Entstehung nach eine Travestie wirklichen Geistes, der Philosophie Hegels nämlich, vorstellt. Der diese Droge in seinem Laboratorium ertüftelt hat, heißt Karl Marx. Karl Marx, der Professor. Wissenschaftsaberglauben an Stelle geisthaften Wissens; Politik und Partei an Stelle des Kulturwillens hat er uns gebracht. Da aber, wie wir gleich sehen, seine Wissenschaft in Widerspruch steht mit seiner Politik und jeglichen Parteibetätigungen, in Widerspruch steht überdies von Tag zu Tag offensichtlicher mit der Wirklichkeit; da ja eben ein so von Grund aus unechtes und imitiertes Allgemeines wie diese Wissenschaft sich nie auf die Dauer gegen die leibhaften Sinnes- und Tageswirklichkeiten der Einzelerscheinungen halten kann, hat sich in der Sozialdemokratie von Anfang an, nicht erst, seit es den sogenannten Revisionismus gibt, der Aufstand der geistlosen Tageskämpfer, Einzelheitskrämer und Hans Dämpfe in allen Gassen gegen die Wissenschaftstravestie abgespielt. Hier aber wird gezeigt werden, daß es ein anderes gibt, und daß weder die einen noch die andern Sozialisten sind. Hier wird gezeigt werden, daß der Marxismus kein Sozialismus ist und der Flickenrock der Revisionisten ebensowenig. Hier soll gezeigt werden, was Sozialismus nicht ist und was er ist. Sehen wir zu.

 

 

Der Marxismus

 

Zwischen den beiden Bestandteilen des Marxismus, der Wissenschaft und der politischen Partei, hat Karl Marx eine künstliche Brücke geschlagen, so daß es dann das Aussehen bekam, als sei etwas ganz Neues in die Welt gekommen, was sie vordem nicht gesehen hat, nämlich die wissenschaftliche Politik und die Partei auf wissenschaftlicher Grundlage, die Partei mit dem Wissenschaftsprogramm. Das war etwas wirklich Neues und dazu etwas überaus Zeitgemäßes und Modernes, und wie schmeichelte es überdies den Arbeitern, daß gerade sie die Wissenschaft, die allerneueste Wissenschaft vertraten.

 

Willst du die Massen gewinnen, so schmeichle ihnen, willst du sie zu ernstem Denken und Tun unfähig, willst du aus ihren Repräsentanten Urbilder der hohlen Aufgeblasenheit machen, die mit halb oder ganz unverstandenen Worten um sich werfen, so rede ihnen ein, sie seien Vertreter einer wissenschaftlichen Partei; willst du sie ganz mit der Bosheit der Dummheit erfüllen, so bilde sie auf Parteischulen aus. Die wissenschaftliche Partei also – das war doch einmal das Erfordernis der fortgeschrittensten aller Zeiten! Was waren das für Dilettanten, die bisher Politik getrieben hatten, aus dem Instinkt oder der Genialität heraus, wie man das Gehen, das Denken, das Dichten oder Malen betreibt, wozu zwar allewege nebst der Natur und der Begabung viel Lernen, viel Können, viel Technik gehört, aber keinerlei Wissenschaft.

 

Und was für bescheidene Leute waren jene Vertreter der Politik als einer Art Wissenschaft gewesen, von Platon über Machiavelli bis zum Verfasser des vortrefflichen Handbuchs des Demagogen, die allerdings mit großer Kunst und starkem, vereinfachendem und vereinigendem Blick die Einzelerlebnisse und Institutionen geordnet und zusammengebracht hatten, denen aber nie der Einfall gekommen war, das Tun und Handeln wissenschaftlich zu betreiben. Was die Kunstwissenschaft wäre, wenn sie sich einbildete, die programmatische Grundlage für das Schaffen der Künstler zu sein, das ist der Marxismus für diese wissenschaftlichen Sozialisten.

 

In Wahrheit freilich paßt der Wissenschaftswahn des Marxismus nur schlecht zu der praktischen Politik der Partei; sie passen nur zusammen für solche Menschen wie Marx und Engels waren, oder wie es Kautsky ist, die in sich den Professor und den Drahtzieher vereinigen. Ohne Zweifel zwar kann man nur richtig und wertvoll wollen, wenn man weiß, was man will; das aber – abgesehen nun davon, daß solches Wissen ganz ein anderes ist als die sogenannte Wissenschaft – paßt schlecht zusammen, daß man auf der einen Seite behauptet, genau zu wissen, wie die Dinge auf Grund sogenannter geschichtlicher Entwicklungsgesetze, die die Kraft von Naturgesetzen haben sollen, notwendig und unweigerlich kommen müssen, ohne daß an dieser Vorherbestimmung Wille oder Tun irgendwelcher Menschen auch nur das Geringste ändern könnten; und daß man auf der andern Seite eine politische Partei ist, die nichts anders kann, als wollen, fordern, Einfluß nehmen, tun, einzelnes umwandeln.

 

Die Brücke zwischen diesen beiden Unvereinbarkeiten ist der törichtste Hochmut, der je in der Menschengeschichte zur öffentlichen Schau getragen wurde: alles, was die Marxisten tun oder fordern (denn sie fordern ja mehr, als sie tun), ist gerade in dem Augenblick ein notwendiges Glied der Entwicklung, ist von der Vorsehung bestimmt, ist nur das Zutagetreten des Naturgesetzes; alles was die andern tun, ist nutzloses Aufhaltenwollen des Müssens, der von Karl Marx entdeckten und sichergestellten Geschichtstendenzen. Oder aber auch so: die Marxisten sind mit dem, was sie wollen, die ausführenden Organe des Entwicklungsgesetzes: sie sind die Entdecker und zugleich die Träger dieses Gesetzes, so etwas wie Legislative und Exekutive der Natur- und Gesellschaftsregierung in einer Person; die andern helfen allenfalls auch, diese Gesetze zur Durchführung zu bringen, aber gegen ihren Willen; die Elenden wollen immer das Verkehrte, müssen aber mit all ihrem Streben und Tun der von der Wissenschaft des Marxismus festgelegten Notwendigkeit helfen. Aller Hochmut, alle Versessenheit und Verbohrtheit, alle Unduldsamkeit und einsichtslose Ungerechtigkeit und all das hämische Wesen, das fortwährend aus den Wissenschafts- und Parteiherzen der Marxisten zu Tage tritt, liegt also schon in ihrer absurd-absonderlichen Verquickung von Theorie und Praxis, von Wissenschaft und Partei begründet.

 

Der Marxismus ist der Professor, der herrschen will; er ist also das rechte Kind von Karl Marx. Der Marxismus ist ein Gemächte, das aussieht, wie sein Vater; und die Marxisten sehen aus wie ihre Lehre. Nur daß die Geistesschärfe, das gründliche Wissen und die oft rühmenswerte Kombinationsgabe und Assoziationsfertigkeit des echten Professors Marx jetzt oft ersetzt ist durch Traktätchengelehrsamkeit, Parteischulenweisheit und plebejisches Nachschwatzen.

 

Karl Marx ging doch wenigstens auf die Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens, auf aktenmäßiges Quellenmaterial und – oft recht ungeniert sogar – auf die Manifestationen großer Intuitiver zurück; seine Nachfahren begnügen sich des öfteren mit Kompendien und Lehrbüchern, die mit Genehmigung des Oberstudienrats in Berlin zusammengestellt worden sind.

 

Und da wir hier das törichte und ruchlose Umschmeicheln des Proletariers nicht mitzumachen haben; da der Sozialismus das Proletariat abschaffen will und also nicht zu finden braucht, es sei eine für Geist und Herz aller Betroffenen besonders segensreiche Institution (für große und begnadete Naturen wird es freilich wie jede Not und jede Hemmung eine volle Fracht Segen mit sich führen; und zu hoffen ist immer noch, daß die Entbehrung und innere Leere, die wohl eine Art Bereitschaft und Erfüllbarkeit, Geladenheit ist, im großen Moment einmal ganze Massen zum geschlossenen Aufspringen, zur Genialität der Aktion bringt), darum soll hier noch einmal gesagt sein: wohl kann über das Proletariat wie über jedwedes andere Volk einmal das Wunder kommen, nämlich der Geist, aber mit dem Marxismus ist kein Pfingstwunder und kein Zungenreden über es gekommen, sondern die babylonische Verwirrung und die Blähsucht, und der proletarische Professor, der proletarische Advokat und Parteiführer, das ist erst die rechte Karikatur der Karikatur, die Marxismus heißt, der Sorte Sozialismus, die sich für Wissenschaft ausgibt.

 

Was lehrt nun diese Wissenschaft des Marxismus? was behauptet sie? Sie behauptet die Zukunft zu kennen; sie vermißt sich, eine so tiefe Einsicht in ewige Entwicklungsgesetze und die bedingenden Faktoren der Menschengeschichte zu haben, daß sie weiß, wie es kommt, wie die Geschichte weitergeht, was aus unsern Zuständen, Produktions- und Organisationsformen wird.

 

Nie ist Wert und Bedeutung der Wissenschaft lächerlicher verkannt worden; nie ist ruchloser die Menschheit, und dazu noch vor allem der entrechtete, der geistig beraubte und zurückgebliebene Teil der Menschheit mit einem verzerrten Hohlspiegelbild genarrt worden.

 

Hier ist jetzt noch gar nicht die Rede von dem Inhalt dieser Wissenschaft, von dem angeblichen Gang der Menschheit, den die Marxisten entdeckt haben wollen; hier geht es erst nur darum, die maßlos alberne Anmaßung aufzudecken, zu verhöhnen und zurückzuweisen: es gebe eine Wissenschaft, aus den Daten der Nachrichten von der Vergangenheit und den Tatsachen der Zustände der Gegenwart die Zukunft mit Sicherheit zu erschließen, zu errechnen, zu bestimmen.

 

Ich habe hier auch den Versuch gemacht, von dem zu reden, woher wir meinem Glauben nach kommen, und ich könnte auch ruhig sagen: meinem Wissen nach kommen – denn ich fürchte es nicht, ich hoffe es, von Eseln mißverstanden zu werden –, wohin wir meiner innigen Überzeugung und Durchdrungenheit nach gehen, gehen müssen, gehen wollen müssen.

 

Ein Müssen aber ist das freilich, das uns nicht in der Form des Naturgesetzes, sondern des Sollens gegeben ist. Denn sage ich damit: ich wisse etwas, in dem Sinne, wie man in der Mathematik aus bekannten Größen eine unbekannte errechnet? wie man in der Geometrie eine Aufgabe lösen kann? wie man weiß, daß das Fallgesetz, das Gesetz von der Pendelschwingung, das Gesetz von der Erhaltung der Energie allewege gilt, wie ich die Bewegung eines fallenden oder geworfenen Körpers berechnen kann, wenn mir die für die Formel in Betracht kommenden Umstände bekannt sind; wie ich weiß, daß H2O Wasser gibt, wie wir die Bewegungen vieler Gestirne berechnen, Mond- und Sonnenfinsternisse voraussagen können? Nein! Das alles sind wissenschaftliche Betätigungen und Ergebnisse. Es sind Naturgesetze, weil es Gesetze unseres Geistes sind. Es gibt aber auch ein Naturgesetz, ein Gesetz unseres Geistes, ein Teilgesetz des großen Gesetzes von der Erhaltung der Energie, das heißt: was wir aus unserm Leib und Leben heraus machen werden, was die Fortsetzung des Bisherigen, der bevorstehende Weg, das Ausladen der Kompression, das Auslösen der Disposition ist – das alles heißt Zukunft –, kann uns nicht in der Form der Wissenschaft, das heißt der schon der Ordnung fähigen und vollendeten Tatsachen, sondern nur in der Form des Begleitgefühls der Disposition, des inneren Drucks und Langens und Verlangens, das der äußeren, labilen Gleichgewichtslage genau adäquat ist, gegeben sein: und das heißt Wollen, Sollen, Ahnung bis zur Prophetie, Vision oder künstlerische Gestaltung. Dem Wegmoment, an dem wir stehen, entspricht nicht ein Rechenexempel oder ein Tatsachenbericht oder gar ein Entwicklungsgesetz; das wäre ein Hohn auf das Gesetz von der Erhaltung der Energie; dem Weg entspricht eine Verwegenheit. Wissen heißt gelebt haben, Haben des Gewesenen; Leben heißt leben, Schaffen und Leiden des Kommenden.

 

Damit ist nicht nur gesagt, daß es keine Wissenschaft von der Zukunft gibt; darin liegt auch, daß es nur ein Lebenswissen der noch lebendigen Vergangenheit gibt, aber keine tote Wissenschaft wie von etwas Totem und Liegendem. Die Marxisten und überdies alle Entwicklungsethiker, Entwicklungspolitiker, gleichviel ob sie der Theorie der Katastrophen- und Umschlagentwicklung anhängen wie die vordarwinschen Marxisten oder ob sie einen gleichmäßig weiter gehenden Fortschritt aus der langsam-allmählichen Häufung von Kleinigkeiten statuieren wollen wie die darwinistischen Revisionisten, diese und alle Vertreter der Entwicklungswissenschaft sollten, wenn es sie gar nicht läßt, sich wissenschaftlich zu betätigen, einmal wissenschaftlich untersuchen, was diese prachtvollen, als Gruppe zusammengehörigen Worte für eine wirkliche Bedeutung haben, was von der Wahrheit der Natur und des Geistes in ihnen zum Ausdruck kommt, diese Worte: ich weiß, ich kann, ich darf, ich will, es muß und ich soll. Sie würden zugleich wissenschaftlich bescheidener, menschlich genießbarer und männlich unternehmender werden.

 

Geschichte also und Nationalökonomie sind keine Wissenschaft; die in der Geschichte wirkenden Kräfte können nicht wissenschaftlich formuliert werden; ihre Beurteilung wird immer eine Schätzung sein, die man je nach der Menschennatur, die sie in sich hat oder von sich gibt, mit einem höheren oder niedrigeren Namen belegen kann – Prophetie oder Professorengeschwätz –; immer wird sie eine Wertung sein, die von unserm Wesen, unserm Charakter, unserm Leben, unsern Interessen abhängt; und überdies sind uns, selbst wenn uns die Kräfte so sicher bekannt wären, wie sie uns formlos, schwankend, unbestimmt und wechselnd sind, die Tatsachen für die Anwendung solcher Prinzipien unbeschreiblich schlecht bekannt. Was sind uns denn für äußere, wissenschaftlich zu behandelnde Tatsachen von der völlig unendlichen Vergangenheit von Menschen und Welt gegeben? Vielerlei freilich, viel zuviel ist in den Karren dieser sogenannten Wissenschaft hergefahren und abgeladen worden; nur sind es leider wirr und wüst und fragmentarisch durcheinandergeschmissene Trümmer aus einer Sekunde der sogenannten Menschen- und Weltgeschichte. Kein Beispiel ist kraß genug, um zu verdeutlichen, wie wenig wir wissen. Ein Fall ist freilich, wie der herrliche Goethe sagt, oft Tausende wert und schließt sie in sich; für das Genie und die Intuition nämlich; nur daß es für dieses ganze Gebiet des biologischen Werdens und der Menschengeschichte gar keine Fälle gibt, die Beispiele von Kräften oder Gesetzen wären, sondern, noch einmal mit Goethe zu reden, nur den Erfahrungsmist der Stoffsammler, Darwinisten und Revisionisten und den dialektischen Mist der Marxisten. Und darum eben ist das Genie, dem in den Dingen des Mitlebens der Menschen ein Fall oft Tausende repräsentiert, kein Genie der Wissenschaft, sondern ein Genie der Gestaltung und der Tat; Lebenswissen ist dabei, aber keine Wissenschaft ist es, auf so vielerlei echte und große Wissenschaft es sich auch stützen mag.

 

Und gottlob, weltlob, daß es so ist! Und selbstverständlich, daß es so ist! Wozu denn noch leben, wäre denn das eine Möglichkeit zu leben, wenn wir wüßten, aber auch wirklich wüßten, alles wüßten, was kommt? Heißt denn nicht leben: neu werden? Heißt denn nicht leben: als der Alte, der Sichere, der Selbstgewisse und auf sich Stehende, als eine in sich geschlossene Welt, als der Ewige hineinschreiten ins Neue, ins Ungewisse, in jene andere Welt, die wir nicht sind, ins wiederum Ewige, von Tor zu Tor, und von Heer zu Heer? Sind wir denn Leser oder Zuschauer oder von wohlbekannten Mächten ins wiederum Bekannte, vom Alten zum Alten Getriebene, wenn wir uns Lebende heißen? Oder sind wir nicht vielmehr der schreitende Fuß und die packende Hand, der Wirkende und nicht der Bewirkte? Und ist uns Welt nicht wie etwas Weiches, unbekannt und gestaltlos jeden Morgen, den wir vom Schlaf aufstehen, Neues und Geschenktes, das wir formen und mit dem Werkzeug unsres Eigenen zu unserm Eigen machen? Oh' ihr Marxisten, wenn ihr auch nur für euer privates Leben Fülle und Lebensfreude hättet, wolltet und könntet ihr das Leben nicht zur Wissenschaft machen wollen! Und wie dürftet ihr das gar, wenn ihr wüßtet, daß eure Aufgabe als Sozialisten wäre, den Menschen zu Formen und Gemeinden der freudigen Arbeit, des freudigen Beieinanderlebens zu verhelfen!

 

Der hier, nicht resigniert oder skeptisch oder klagend, sondern einverstanden und freudig sagt: wir wissen nichts von den Vielfältigkeiten und Unsagbarkeiten des vergangenen und kommenden Lebens der Menschen und Völker, ist einer, der stolz und hohen Mutes genug ist, mehr als viele das Geschick der Jahrhunderttausende in sich zu wissen, in sich zu fühlen, in sich zu leben. Wohl habe ich ein Bild von dem, was geschehen ist, von dem, was also unterwegs ist; wohl habe ich mein Gefühl von unsrer Bestimmung und unsrer Bahn, und wohl weiß ich, wohin ich gehen, wohin ich weisen, wohin ich führen will. Wohl habe ich den Wunsch, meine Einsicht, mein glühendes Fühlen, mein starkes Wollen auf viele, auf einzelne, auf Massen zu übertragen. Aber rede ich in Formeln? Bin ich ein Journalist, der sich verlogen als Mathematiker maskiert? Bin ich ein Rattenfänger, der die unmündigen Kinder mit der Wissenschaftspfeife in den Berg des Unsinns und des Schwindels führt? Bin ich ein Marxist?

 

Nein. Aber ich sage, was ich bin. Ich brauche nicht zu warten, bis es mir die andern, die Getroffenen, die Marxisten sagen. Gelernt, erforscht, zusammengetragen habe ich so gut wie einer; und wenn es eine Wissenschaft der Geschichte und Nationalökonomie gäbe, dann hätte ich wohl Kopf genug, sie gelernt zu haben. Denn, eigentlich seid ihr doch komische Leute, ihr Marxisten, und wunderlich, daß ihr euch nicht selber wundert; ist es denn nicht eine alte und sichere Sache, daß auch bescheidene Köpfe die Ergebnisse der Wissenschaften, wenn sie erst da sind, erlernen können? Was wollt ihr denn mit all eurem Streiten und Polemisieren und Agitieren, mit all eurem Fordern und Parlamenteln, mit all eurem Überreden und Argumentieren: wenn ihr eine Wissenschaft habt, laßt doch das Überflüssige, nehmt den Bakel zur Hand und unterrichtet uns, lehret uns, laßt uns die Methoden lernen und fleißig üben, die Operationen, die Konstruktionen, und macht doch endlich als Erfahrene, als Wissende und untrüglich Sichere, was euer Bebel als ehrlicher Dilettant versucht hat: sagt uns endlich die genauen Daten der weiteren Geschichte, der Zukunft!

 

Ich habe also auch gelernt, nicht wie ihr, sondern besser als ihr und sage doch: Wissenschaft ist's freilich nicht, was ich lehre. Prüfe sich jeder, ob seine Natur, sein wahrhaftes Leben ihn auf dieselben Wege führt, und nur dann gehe er mit mir, aber dann gehe er mit mir. Ich habe besser gelernt als ihr, weil ich etwas habe, was euch fehlt. Hochmut freilich, was man gemeiniglich so nennt, habe ich keinen größern als ihr; und ich würde meine bescheidene, das heißt geziemende Meinung von mir selbst für mich behalten, wie's unter Ebenbürtigen sich von selbst verstünde, wenn hier nicht Nötigung wäre zu sagen, wer ein Sozialist ist und wer keiner ist. Denn verhöhnt und verjagt müssen sie werden, die Kaltsinnigen aus Nifelheim, die den Sozialismus usurpiert haben, die das "Kapital" bewachen wie jene Zwerge den Nibelungenhort: der Sozialismus muß zu seinen rechten Erben kommen, damit er werde, was er ist: eine Freude und ein Jauchzen, ein Bauen und ein Schaffen, ein schön zu Ende geträumter Traum, der nun im Tun und für alle Sinne und alles urvolle Leben eine Erfüllung werden soll. Und weil die Erben noch schlummern und in fernen Landen des Traums und der Form weilen, und weil doch endlich einer anfangen muß, die Hand aufs Erbe zu legen, muß ich es sein, der die Erben zusammenruft und der sich als einer von ihnen legitimiert.

 

Woher kommt denn all der Wissenschaftsaberglauben der Marxisten? Sie wollen die vielfachen, zersplitterten, durcheinander geworrenen Einzelheiten der Überlieferung und der Zustände auf einen Faden, in eine Ordnung, zu einer Einheit bekommen. Auch sie haben das Bedürfnis nach Vereinfachung, nach Einheit, nach Allgemeinheit.

 

Sind wir wieder einmal bei dir angelangt, herrliches erlösendes Allgemeines und Eines, das du dem wahren Denken so nötig bist wie dem wahren Leben, das Mitleben schafft und Gemeinschaft und Einung und Innung, das im Kopf der Denkenden die Idee ist und im Leben alles Lebenden durch alle Reiche der Natur hin der Bund der Bünde ist? das du mit Namen heißest: Geist!

 

Dich aber haben sie nicht, und darum ersetzen sie dich. Daher kommt ihnen die täuschende Fälschung, die Surrogatware ihrer Geschichtsklitterung und ihrer Wissenschaftsgesetze: sie kennen nur ein einziges Bannendes, nur ein Formendes, Zusammenrückendes, die Einzelheiten Ordnendes, das Auseinandergesprengte Verbindendes, nur ein Prinzip, nur ein Allgemeines: die Wissenschaft. Und wohl ist Wissenschaft Geist, Ordnung, Einheit und Bund: wo sie Wissenschaft ist. Wo sie aber Schwindel und Affenbetrug ist, wo der angebliche Mann der Wissenschaft nur ein verkleideter Journalist und ein nur schlecht sich verstellender Leitartikelschreiber ist, wo statistisch formulierte Tatsachenhaufen und dialektisch maskierte Philistermeinungen für eine Art höhere Mathematik der Geschichte und untrügliche Anweisung fürs künftige Leben gelten wollen: da ist diese sogenannte Wissenschaft Ungeist, Hemmung des Geistes; ein Hindernis, das endlich gesprengt, mit Gründen und Lachen, mit Feuer und Wut vertilgt werden muß.

 

Ihr kennt die andern Formen des Geistes nicht und habt darum die Professorlarve vor eure Advokatengesichter gezogen, wo ihr nicht wirkliche Professoren seid, die den Propheten spielen wollen, wie jener andere Professor, euer Schutzpatron, die Laute spielen wollte, aber nicht konnte.

 

Wir aber wissen es und haben es hier nun schon oft gesagt, was alles noch Geist ist: wir haben eine Allgemeinheit, ein Zusammengehen des Ganges der Menschheit anderer Art, anderer Herkunft als ihr, wir haben unser Wissen zusammen mit unserm großen Grundfühlen und unserem starken Weithinwollen: wir sind - - zuvor aber, arme Marxisten, nehmet einen Stuhl und setzet euch und haltet euch fest; denn es kommt Fürchterliches; Anmaßendes kommt, und zugleich wird euch etwas weggenommen, was ihr mir so brennend gern selbst verächtlichen Tonfalls entgegengeworfen hättet - - wir sind Dichter; und die Wissenschaftsschwindler, die Marxisten, die Kalten, die Hohlen, die Geistlosen wollen wir wegräumen, damit das dichterische Schauen, das künstlerisch konzentrierte Gestalten, der Enthusiasmus und die Prophetie die Stätte finden, wo sie fortan zu tun, zu schaffen, zu bauen haben; im Leben, mit Menschenleibern, für das Mitleben, Arbeiten und Zusammensein der Gruppen, der Gemeinden, der Völker.

 

Jawohl denn, wirklich, als volle Tatsächlichkeit soll kommen und wahr werden, was Dichtertraum und Melodie und berückende Linie und leuchtende Farbenpracht lange genug nun war: wir Dichter wollen im Lebendigen schaffen, und wollen sehen, wer der größere und stärkere Praktiker ist: ihr, die ihr zu wissen behauptet und nichts tut; oder wir, die nun das lebendige Bild in uns haben und das sichere Gefühl und den hinausgreifenden Willen: und die wir tun wollen, was nur getan werden kann, tun wollen gleich jetzt und immerzu und unentwegt, die wir die Menschen, die mit uns sind, sammeln wollen zu einem Keil, der vorwärts dringt, immer weiter im Tun, im Bauen, im Wegräumen; immerzu, über euch weg mit Lachen und Gründen und Zürnen; über schwerere Klötze weg mit Angreifen und Kämpfen. Wir bringen keine Wissenschaft und keine Partei; wir bringen noch weniger einen Geistesbund, wie ihr ihn versteht, denn wenn ihr von so etwas redet, denkt ihr an das, was ihr Aufklärung nennt, und was wir Halbbildung und Traktätchenfutter heißen. Der Geist, der uns trägt, ist eine Quintessenz des Lebens und schafft Wirklichkeit und Wirksamkeit. Dieser Geist heißt mit anderm Namen: Bund; und was wir dichten, schön machen wollen, ist Praktik, ist Sozialismus, ist Bund der arbeitenden Menschen.

 

Hier sehen wir es nun offenbar vor Augen und können es mit Händen greifen, warum die Marxisten in ihrer famosen Geschichtsauffassung, die sie die materialistische nennen, den Geist ausgeschaltet haben. Wir können an dieser Stelle die Erklärung besser geben, als es ändern trefflichen Bestreitern der Marxisten gelingen konnte. Die Marxisten haben in ihren Erklärungen und Auffassungen aus sehr natürlichem, ja geradezu aus trefflich materiellem Grunde den Geist ausgeschaltet: weil sie nämlich keinen haben.

 

Aber wenn nur wenigstens wahr wäre, daß ihre Art, die Geschichte darzustellen, eine materialistische heißen darf. Das wäre ein rühmliches, ein gewaltiges Unternehmen sogar, freilich eines, dessen Veranstalter ohne eigenen Geist nicht auskäme: den Versuch zu machen, das Ganze der Menschheitsgeschichte bloß in der Form von physischen Vorgängen, von körperlich-dinglichen Prozessen, von einem unendlichen Wechselverkehr zwischen den materiellen Vorgängen der übrigen Welt und den physiologischen Prozessen der Menschenleiber darzustellen.

 

Es könnte das freilich, aus den Gründen, die ich schon gesagt habe, keinerlei auf Gesetzen aufgebaute Wissenschaft sein, nur eine geistvolle und fast phantastische Skizze zu einer solchen könnte es werden; aber es wäre etwas, an das einer schon beinahe sein Leben setzen könnte; und vielleicht kommt einmal einer, der es unternimmt, und wäre es einer, der es nur darum tut, um das Recht, die Grundlage und die Sprachmöglichkeit zu finden, nunmehr diesen starren Bau flüssig und völlig zum Bilde zu machen und die große Umkehrung vorzunehmen: die ganze Menschengeschichte nämlich unter Ausschaltung jeglicher Körperlichkeit als psychisches Gesamtheitsgeschehen, als den Austausch geistigen Strömens darzustellen.

 

Denn wer so Materialismus bis in die äußerste Konsequenz zu denken vermag, weiß, daß er nur die andere Seite des Idealismus ist; wer so wirklicher Materialist ist, kann nur aus der Schule Spinozas kommen. Aber genug damit: was verstehen die Marxisten davon? Die Marxisten, die, wenn man Spinoza sagt, wohl gar an die überzwerche Puppe denken, die ihre und die darwinistisch-monistischen Traktätchenverfasser aus Spinoza gemacht haben.

 

Genug damit; hier ist nur nötig zu sagen, daß, was die Marxisten materialistische Geschichtsauffassung nennen, nicht das mindeste mit irgendeinem vernünftig aufgefaßten Materialismus zu tun hat: am Ende hielten sie es gar für einen Widerspruch, den Materialismus vernünftig aufzufassen und hätten nicht einmal unrecht. Allenfalls dürfte die Geschichtsauffassung, die sie lehren, ökonomistische heißen; ihr wahrer Name ist, wie gesagt, geistlose Geschichtsauffassung.

 

Sie behaupten nämlich, entdeckt zu haben, die politischen Zustände, die Religionen, die geistigen Strömungen insgesamt, ihre eigene Lehre und ihr ganzes Agitieren und Politisieren natürlich nicht ausgenommen, seien nur der ideologische Überbau, so eine Art nachträgliche Doppelgängererscheinung der wirtschaftlichen Zustände und gesellschaftlichen Institutionen und Prozesse. Wie viel Geistiges, Seelisches mit dem unabschälbar verwachsen ist, was sie wirtschaftlich und gesellschaftlich nennen, daß vor allem das Wirtschaftsleben nur ein winziger Teil des Gesellschaftslebens ist und daß dieses von den großen und kleinen geistigen Gebilden und Bewegungen des Mitlebens gar nicht zu trennen ist, stört diese Oberflächlichen nur wenig, für die es in allen ihren Kundgebungen kennzeichnend ist, daß sie Schnellredner und Drauflosschwätzer sind, daß sie nie das Bedürfnis gespürt haben, ihren eigenen Worten auf den Grund zu gehen. Hätten sie das je getan, wären sie tief Verschwiegene geworden, denn an ihren Widersprüchen und Unvereinbarkeiten wären sie erstickt.

 

Dieser widerspruchsvolle Mißbrauch der Worte hat nun aber doch die Marxisten gestört, aber freilich nur so, wie Ungründliche sich irritieren lassen: die einen finden sich mit dem Widerspruch durch die eine Verkehrtheit und Halbheit und die andern durch eine andere Schiefheit und Verbiegung ab, und so entstanden verschiedene Strömungen unter ihnen und es hat allerlei Spannungen und Spaltungen gegeben: die einen schließen aus der Lehre, der Marxismus verkünde eine apolitische und fast antipolitische Haltung, da ja die Politik nur das fast irrelevante Spiegelbild der Wirtschaft sei; es komme nicht auf Politik, Gesetzgebung und Staatsformen an, sondern auf wirtschaftliche Formen und wirtschaftliche Kämpfe (aber auch diese Kämpfe sind natürlich in die reine Lehre nur eingeschmuggelt; denn ein Kampf, auch ein wirtschaftlicher, ist eine durchaus geistige Sache und mit allem Leben des Geistes stark verwachsen; aber genug davon, denn, wie gesagt, wer irgendeinem Punkt des Marxismus auf den Grund geht, stößt immer auf die Unmöglichkeit und das Kompromiß und die Kontrebande); die andern wollen trotzdem mit Hilfe der Politik auf die wirtschaftlichen Dinge einwirken und fügen den Kompromissen, Ausreden und mühsamen Flickereien mit der Wirklichkeit, die so total anders aussieht, als ihre professorale Ausschwitzung auf dem Papier, fügen diesen Bemäntelungen, die sie alle machen müssen, noch ein paar neue hinzu. Es kommt nicht darauf an, und wir halten uns bei diesen Streitfragen nicht weiter auf; mögen sie die Politikomarxisten mit ihren Brüdern, den Syndikalisten oder den neuerdings durch elenden Mißbrauch zweier edlen Namen so genannten Anarchosozialisten ausfechten.

 

Denn die ganze Lehre ist falsch und hält nicht Stich und Faden, und als wahr und wertvoll bleibt nur die Beherzigung übrig, die, in England und anderswo, schon lange vor Karl Marx eingeschärft worden ist: man dürfe bei Betrachtung der menschlichen Geschehnisse die eminente Bedeutung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände und Umwandlungen nicht verkennen. Dieser Hinweis erfolgte in der großen Bewegung, die man die Entdeckung der Gesellschaft im Gegensatz zum Staat nennen müßte, eine Entdeckung, die einer der frühesten und wichtigsten Schritte zur Freiheit, zur Kultur, zum Bunde, zum Volke, zum Sozialismus ist. Überaus Heilvolles und Wegreiches steckt in diesen großen Schriften der politischen Ökonomisten, der glänzenden Publizisten des achtzehnten, der ersten Sozialisten des neunzehnten Jahrhunderts. Der Marxismus aber hat daraus nur eine Karikatur, eine Fälschung, eine Korruption gemacht. Die sogenannte Wissenschaft, die die Marxisten daraus gemacht haben, ist in ihrer tatsächlichen Wirkung ein kläglicher und doch verhängnisvoller Versuch (denn keine angebliche Wissenschaft ist so dumm, daß sie nicht, wenn sie demagogisch oder auch nur populär ausgemünzt wird, gebildete und ungebildete Massen und nicht zuletzt auch Universitätsprofessoren einfängt), der Marxismus also versucht, den Strom, der vom Staat und damit von der Unkultur wegführt, hin zu Bünden der Freiwilligkeit und des gemeinsamen Geistes, den Strom, der die Gesellschaft der Gesellschaften auf seinem Rücken trägt, wieder zurückzubringen zum Staat und zum Ungeist all unserer Einrichtungen des Mitlebens, und diesen Strom dabei noch die Mühlen ehrgeiziger Politikanten treiben zu lassen.

 

Das müssen wir noch näher besehen. Denn wir haben erst nur zwei Häute der marxistischen Tränenzwiebel abgeschält; wir müssen noch mehr ins Innere dringen, und wenn uns dabei das Weinen ankommen sollte. Wir müssen das Mißgebilde weiter sezieren, und ich verspreche: ein bißchen Prusten und Nießen und etliches Lachen wird immer dabei sein. Wir haben gesehen, was es mit der Wissenschaft und was es mit dem Materialismus der Marxisten auf sich hat: was aber ist denn das nun für ein geschichtlicher Verlauf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, den sie entdeckt haben, nicht doch, der aus der materialen Wirklichkeit ihnen in den geistigen Überbau, wahrscheinlich in ihre kartesianische Zirbeldrüse, hineingewachsen ist?

 

Wir sind jetzt bei dem Moment angelangt, wo sich der Professor, der Leben in Scheinwissenschaft, Menschenleiber in Papier verwandelt, in einen Professor ganz anderer Art, mit ganz andern Verwandlungskünsten verwandelt. Professoren nennen sich ja wohl auch gewöhnlich die Verwandlungskünstler, Zauberer, Prestidigitateure, die ihre Fingerfertigkeit und Volubilität auf Jahrmärkten produzieren. Die berühmtesten, die entscheidenden Kapitel von Karl Marx haben mich immer an Zauberprofessoren dieser Art erinnert. "Eins - zwei - drei - ohne jede Hexerei."

Folgendermaßen ist nach Karl Marx die Fortschrittslaufbahn unsrer Völker vom Mittelalter über die Gegenwart zur Zukunft, ein Lauf, der sich "mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses" (nach dem englischen Text, der noch deutlicher ist: mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes), übrigens mit steigender Geschwindigkeit, vollziehen soll: Im ersten Stadium, dem kleinlichen, krämerhaften, wo es nur Durchschnittsmenschen, Mittelmaß, Kleinbürger und dergleichen erbärmliches Volk gibt, haben sehr viele jeder sehr kleines Eigentum. Nun kommt die zweite Stufe, der Aufschwung zum Fortschritt, der erste Entwicklungsprozeß, der Weg zum Sozialismus: Kapitalismus genannt. Jetzt sieht die Welt schon ganz anders aus: wenige haben jeder sehr großes Eigentum, die Masse hat nichts. Der Übergang in diese Stufe war schwer, und ohne Gewalt und Häßlichkeit ging es nicht ab. Auf der Stufe aber geht's nun dem gelobten Land auf den gut geölten Schienen der Entwicklung immer näher und leichter entgegen; gottlob werden immer mehr Massen proletarisiert, gottlob gibts immer weniger Kapitalisten, sie expropriieren sich gegenseitig, bis nur noch Massen von Proletariern wie Sand am Meer ganz vereinzelten Riesenunternehmern entgegenstehen, und nun ist der Sprung zur dritten Stufe, nun ist der zweite Entwicklungsprozeß, der letzte Schritt zum Sozialismus nur noch ein Kinderspiel: "die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt". Innerhalb des Kapitalismus ist man, sagt Karl Marx, zur "Zentralisation der Produktionsmittel" und zur "Vergesellschaftung der Arbeit" gekommen. Er nennt das eine Produktionsweise, "die unter dem Kapitalmonopol aufgeblüht ist", wie er denn immer leicht in Dichterstimmung kommt, wenn er die letzten Schönheiten des Kapitalismus, unmittelbar bevor er in Sozialismus umschlägt, besingt. Nun also ist es soweit: "die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation": den Sozialismus. Denn die "Kooperation" und "der Gemeinbesitz der Erde" ist, sagt Karl Marx, schon eine "Errungenschaft der kapitalistischen Ära". Die großen, ungeheuren, fast unendlichen Menschenmassen, die Proletarisierten, haben wirklich fast nichts mehr für den Sozialismus zu tun. Sie müssen nur warten, bis es soweit ist.

 

Denn nicht wahr? Soweit sind wir doch noch lange nicht, ihr Herrn von der Wissenschaft, daß uns der Kapitalismus die Kooperation und den Gemeinbesitz an der Erde und den Produktionsmitteln gebracht hätte? Was Gemeinbesitz heißt, das wenigstens ist doch insoweit klar, so viele sehr verschiedene Formen des Gemeinbesitzes es auch geben kann, daß er etwas anderes als Usurpation, als Privileg, als Privateigentum sein muß? Ist von diesem Gemeinbesitz, der schon in der Ära des Kapitalismus kommen soll, der die größte Ähnlichkeit schon mit dem Sozialismus haben soll, jetzt schon etwas zu merken? Ja oder nein? Wir möchten nämlich ganz gerne wissen, wie lange es etwa noch dauern kann mit dem Naturprozeß. Heraus, bitte, mir eurer Wissenschaft!

 

Aber wer weiß, wer weiß! Vielleicht hat doch Karl Marx schon in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Spuren oder gar sichtbare Anfänge des Gemeinbesitzes an der Erde und den Produktionsmitteln sich aus dem Kapitalmonopol herauswickeln sehen. Denn was die Kooperation angeht, ist die Sache bei näherem Zusehen schon ganz unzweideutig. Für mich freilich heißt Kooperation Zusammenwirken und gemeinsame Arbeit, und wenn man nicht ein Narr ist, der das gemeinsame Ziehen einer Kuh und eines Pferdes vor einem Pflug, oder die nach Lokalität oder auch Arbeitsteilung gemeinsame Arbeit von Negersklaven auf einer Baumwollpflanzung oder einem Zuckerrohrfeld Kooperation und gemeinsame Arbeit nennt - - aber wie ist mir denn? Genau dieser Narr ist ja Karl Marx! Was Zukunft! Was weitere Entwicklung des Kapitalismus! Der kluge Gelehrte hielt sich an die Gegenwart. Die Arbeitsform, die er im kapitalistischen Betrieb seiner Zeit gesehen hat, das Fabriksystem, die Arbeit tausender im engen Raume, die Anpassung des Arbeiters an die Werkzeugmaschinen und die damit sich ergebende weitgehende Arbeitsteilung in der Herstellung der Waren für den kapitalistischen Weltmarkt - das hat Karl Marx die Kooperation genannt, die ein Element des Sozialismus sein soll. Spricht er doch ohne jede Frage davon, daß der Kapitalismus "tatsächlich bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb" beruhe!

 

Jawohl, man sträubt sich gegen so exemplarischen Unsinn, aber das ist ohne Frage die wahre Meinung von Karl Marx: der Kapitalismus entwickelt ganz und gar den Sozialismus aus sich heraus, die sozialistische Produktionsweise "erblüht" aus dem Kapitalismus: schon haben wir Kooperation, schon sind wir mindestens auf bestem Wege zum Gemeinbesitz der Erde und der Produktionsmittel: schließlich tut nichts mehr not, als die paar übriggebliebenen Eigentümer zu verjagen. Alles andere ist aus dem Kapitalismus erblüht. Denn der Kapitalismus, das ist der Fortschritt, das ist die Gesellschaft, das ist eigentlich schon der Sozialismus. Der wahre Feind, das sind "die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer". Denn die arbeiten selber und haben höchstens ein paar Gehilfen und Lehrlinge, das ist das Murksige, der Zwergbetrieb; der Kapitalismus aber ist die Uniformität, die Arbeit Tausender an einer Stelle, die Arbeit für den Weltmarkt, und das ist die gesellschaftliche Produktion und der Sozialismus.

 

Das ist die wahre Lehre von Karl Marx: wenn der Kapitalismus ganz und gar über die Reste des Mittelalters gesiegt hat, ist der Fortschritt besiegelt und der Sozialismus so gut wie da.

 

Ist es nicht von symbolischer Bedeutung, daß das Grundwerk des Marxismus, die Bibel dieser Sorte Sozialismus "Das Kapital" heißt? Diesem Kapitalsozialismus stellen wir unsern Sozialismus gegenüber und sagen: der Sozialismus, die Kultur und der Bund, der gerechte Austausch und die freudige Arbeit, die Gesellschaft der Gesellschaften kann erst kommen, wenn ein Geist erwacht, wie die christliche Zeit und die vorchristliche Zeit der germanischen Völker einen Geist gekannt hat, und wenn dieser Geist fertig wird mit der Unkultur, der Auflösung und dem Niedergang, der wirtschaftlich gesprochen Kapitalismus heißt. So steht's nun in ganzer Schärfe einander entgegen. Hie Marxismus - hie Sozialismus! Marxismus - die Geistlosigkeit, die papierne Blüte am geliebten Dornstrauch des Kapitalismus. Sozialismus - das Neue, das sich gegen die Verwesung; die Kultur, die sich gegen die Vereinigung von Ungeist, Not und Gewalt, gegen den modernen Staat und den modernen Kapitalismus erhebt.

 

Und jetzt könnte man verstehen, was ich diesem nicht minder Modernen, was ich dem Marxismus ins Gesicht sagen will: daß er die Pest unsrer Zeit und der Fluch der sozialistischen Bewegung ist. Jetzt soll noch deutlicher gesagt werden, daß es so ist, warum es so ist, warum der Sozialismus nur in Todfeindschaft gegen den Marxismus erstehen kann.

 

Denn der Marxismus ist vor allem der Philister. Der Philister, der geringschätzig auf alles Vergangene blickt, der das die Gegenwart oder den Anfang der Zukunft nennt, wo er sich zu Hause fühlt, der an den Fortschritt glaubt, dem 1908 besser gefällt als 1907, der von jedem 1909 etwas ganz besonderes, von so etwas fernem wie 1920 aber schon beinahe ein Wunder und ein Endgültiges erwartet.

 

Der Marxismus ist der Philister und darum der Freund des Massenhaften und des Breiten. So etwas wie eine Städterepublik des Mittelalters oder eine Dorfmark oder ein russischer Mir oder eine Schweizer Allmend oder eine kommunistische Kolonie kann für ihn nie die geringste Ähnlichkeit mit Sozialismus haben; aber ein breiter, zentralisierter Staat sieht seinem Zukunftsstaat schon einigermaßen ähnlich. Zeigt man ihm ein Land in einer Zeit, wo die kleinen Bauern gedeihen, wo ein kunstreiches Handwerk blüht, wo es wenig Elend gibt, so rümpft er verächtlich die Nase; und keinen schlimmeren Schimpf glaubten Karl Marx und seine Nachfahren dem größten aller Sozialisten, Proudhon, antun zu können, als daß sie ihn einen kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Sozialisten nannten, was gar keine falsche Beurteilung und ganz gewiß kein Schimpf war, da eben Proudhon den Menschen seines Volkes und seiner Zeit, vorwiegend kleinen Bauern und Handwerkern, prachtvoll gezeigt hat, wie sie sofort, ohne erst den säubern Fortschritt des Großkapitalismus abzuwarten, zum Sozialismus hätten kommen können. Das können nun die Entwicklungsgläubigen gar nicht hören, daß man von einer Möglichkeit spricht, die einmal da war und doch nicht Wirklichkeit geworden ist; und die Marxisten und die von ihnen Angesteckten können es darum so gar nicht hören, daß man von einem Sozialismus spricht, der vor der weiteren Abwärtsbewegung, die sie die Aufwärtsbewegung des gesegneten Kapitalismus nennen, hätte möglich sein können. Wir aber trennen nicht eine fabelhafte Entwicklung und gesellschaftliche Prozesse von dem, was Menschen wollen, tun, hätten wollen können und hätten tun können. Wir wissen, daß die Determination und die Notwendigkeit alles Geschehens und also auch des Wollens und Tuns allerdings selbstverständlich gilt und ohne jede Ausnahme gilt: aber immer nur hintennach kann man feststellen, wenn eine Wirklichkeit da ist, daß sie also eine Notwendigkeit ist; wenn etwas nicht geschah, daß es also nicht möglich war, weil z. B. die Menschen, an die mit großem Fug appelliert wurde und denen mit großer Notwendigkeit Vernunft gepredigt worden ist, nicht wollten und nicht vernünftig sein konnten. Aha! werden die Marxisten triumphierend sagen wollen, Karl Marx hat aber vorausgesagt, daß dazu keine Möglichkeit war. Jawohl, antworten wir, und hat damit ein sicheres Teil der Schuld auf sich genommen, daß es nicht dazu gekommen ist, ist für damals und noch viel mehr für später einer der Hinderer und der Schuldigen gewesen. Denn für uns besteht die Menschengeschichte nicht aus anonymen Prozessen und nicht bloß aus der Häufung vieler kleiner Massengeschehnisse und Massenunterlassungen; für uns sind die Träger der Geschichte Personen, und für uns gibt es auch Schuldige.

 

Glaubt man denn, Proudhon habe nicht wie jeder Prophet, wie jeder Johannes, stärker als irgendeiner von den kalten Wissenschaftszuschauern oft in großen Stunden das Gefühl der Unmöglichkeit gehabt, diese seine Menschen zu dem zu führen, was er als schönste und natürlichste Möglichkeit vor sich sah? Der kennt die Apostel und Führer der Menschheit schlecht, der meint, der Glaube an die Erfüllung gehöre zu ihrem großen Tun, zu ihrem visionären Gebaren und drängenden Gestalten. Der Glaube an ihre heilige Wahrheit gehört dazu, und die Verzweiflung an den Menschen und das Gefühl der Unmöglichkeit! Wo über die Menschheit Großes und Überwältigendes, Umschwung und Neuerung gekommen ist, da ist es das Unmögliche und Unglaubliche, das ist eben das Selbstverständliche, gewesen, was die Wendung gebracht hat.

 

Aber der Marxismus ist der Philister, und darum verweist er immer voller Hohn und Triumph auf Fehlschläge und vergebliche Versuche und hat solche kindische Angst vor den Niederlagen. Gegen nichts trägt er mehr Verachtung zur Schau, als gegen das, was er Experimente oder gescheiterte Gründungen nennt. Schande und ein Zeichen schmählichen Niederganges, insbesondere des deutschen Volkes, dem solche Angst vor dem Idealismus, der Schwärmerei und dem Heroismus so besonders schlecht ansteht, daß solche Jämmerlinge seinen Geknechteten Führer sein sollen. Aber die Marxisten sind für die armen Massen genau dasselbe, was die Nationalrenommisten seit 1870 für die satten Volksschichten sind: Erfolganbeter. Wir kommen hier hinter einen andern, einen zutreffenderen Sinn der Bezeichnung "materialistische Geschichtsauffassung". Jawohl, Materialisten im gewöhnlichen, im groben, im populären Sinne des Wortes sind die Marxisten, und waren genau wie die Nationaltröpfe bemüht, den Idealismus herunterzubringen und auszumerzen. Was der Nationalbourgeois aus dem deutschen Studenten gemacht hat, haben die Marxisten aus weiten Schichten des Proletariats gemacht: feigherzige Leutchen ohne Jugend, ohne Wildheit, ohne Wagemut, ohne Lust am Versuchen, ohne Sektierertum, ohne Ketzerei, ohne Originalität und Absonderung. All das aber brauchen wir, wir brauchen Versuche, wir brauchen den Zug der Tausend nach Sizilien, wir brauchen diese wunderköstlichen Garibaldinaturen, und wir brauchen Fehlschläge über Fehlschläge und die zähe Natur, die sich nicht, die sich durch nichts abschrecken läßt, die festhält und aushält und immer noch einmal ansetzt, bis es gelingt, bis wir durch sind, bis wir unüberwindlich sind. Wer die Gefahr der Niederlage, der Vereinsamung, des Rückschlags nicht auf sich nimmt, wird nie zum Siege kommen.

 

O ihr Marxisten, ich weiß, wie übel euch das alles in den Ohren klingt, die ihr nichts mehr fürchtet, als was ihr Nackenschläge nennt; das Wort gehört zu eurem besonderen Sprachschatz und vielleicht mit einigem Recht, da ihr dem Feind mehr den Nacken zeigt als die Stirn. Ich weiß, wie tief verhaßt, wie widerwärtig und all eurem trockenen Stubenwesen unangenehm solche Feuernaturen wie Proudhon auf dem Gebiete des Bauens, Bakunin oder Garibaldi auf dem Gebiete der Destruktion und des Kampfes euch sind, wie alles Romanische, alles Keltische, alles, was nach freier Luft und Wildheit und Initiative aussieht, euch geradezu peinlich ist. Ihr habt euch genug damit geplagt, alle Freiheit, alles Persönliche, alle Jugend, alles, was ihr Dummheiten nennt, aus der Partei, aus der Bewegung, aus den Massen herauszubringen. Wahrlich, es stünde besser um den Sozialismus und unser Volk, wenn wir statt der systematischen Dummheit, die ihr eure Wissenschaft nennt, die feuerköpfigen Dummheiten der Hitzigen und Brausenden und Überschäumenden hätten, die ihr nicht ausstehen könnt. Jawohl, wir wollen machen, was ihr Experimente nennt, wir wollen versuchen, wir wollen aus dem Herzen heraus schaffen und tun, und wir wollen denn, wenn's sein muß, so lange Schiffbruch leiden und Niederlagen auf uns nehmen, bis wir den Sieg haben und Land sehen. Aschenhafte, Schlafmützige, Philister sind über dir, Volk; wo sind die Kolumbusnaturen, die lieber auf gebrechlichem Schiff und aufs Ungewisse hin aufs hohe Meer gehen als auf die Entwicklung zu warten? Wo sind die Jungen, die Munteren, Sieghaften, Roten, die über diese Grauen zu lachen beginnen? Nicht gerne hören die Marxisten solche Worte, solche Anfälle, die sie Rückfälle nennen, solche Schwärmereien und Unwissenschaftlichkeiten, ich weiß es, und gerade darum tut es mir so sehr wohl, daß ich ihnen auch das noch gesagt habe. Gut und stichhaltig sind die Gründe, die ich gegen sie brauche, aber wenn ich sie, statt sie mit Gründen zu widerlegen, mit Hohn und Lachen tot ärgern täte, wäre es mir auch recht.

 

Der Philister Marxist also ist viel zu klug, viel zu besonnen, viel zu vorsichtig, als daß er je hätte auf den Einfall kommen können, wenn der Kapitalismus schon im vollen Hereinbrechen ist, wie es zur Zeit der Februarrevolution in Frankreich der Fall war, den Versuch zu machen, ihm durch sozialistische Organisation entgegenzutreten, ebenso wie er die Formen lebendiger Gemeinschaft aus dem Mittelalter, die man in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, in Rußland vor allen durch Jahrhunderte des Niedergangs hindurch gerettet hat, lieber umbringen und im Kapitalismus ersäufen möchte als anerkennen, daß in ihnen die Keime und Lebenskristalle auch der kommenden sozialistischen Kultur stecken; aber zeigt man ihm die wirtschaftlichen Zustände etwa Englands aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, mit seinem wüsten Fabriksystem, mit der Verödung des Landes, mit der Uniformierung der Massen und des Elends, mit dem Wirtschaften für den Weltmarkt statt für wirkliche Bedürfnisse, so findet er darin gesellschaftliche Produktion, Kooperation, Anfänge des Gemeinbesitzes: er fühlt sich wohl.

 

Der echte Marxist, wenn er noch nicht schwankend geworden ist und Konzessionen zu machen begonnen hat (heutzutage machen diese Zusammenbrechenden freilich schon längst alle Konzessionen), will gar nichts wissen von bäuerlichen Genossenschaften, von Kreditgenossenschaften, von Arbeitergenossenschaften, selbst wenn sie ins Großartige gewachsen sind: ganz anders imponieren ihm kapitalistische Warenhäuser, in denen soviel Organisationsgeist für Unproduktives, für Raub und Usurpation, für den Verkauf von Tand und Schund aufgewendet ist.

 

Aber hat sich denn je ein Marxist um diese große, entscheidende Frage gekümmert: was für den Weltmarkt produziert, was an die Konsumenten verschlissen wird? Immer haftet ihr Blick nur an den äußeren, unwesentlichen, oberflächlichen Formen der kapitalistischen Produktion, die sie gesellschaftliche Produktion nennen, von denen jetzt noch die Rede sein muß.

 

Der Marxismus ist der Philister, und der Philister kennt nichts Wichtigeres, nichts Großartigeres, nichts, was ihm heiliger ist als die Technik und ihre Fortschritte. Stelle einen Philister vor Jesus, der in seinem Reichtum, in der Ausgiebigkeit seiner unerschöpflichen Gestalt nebst dem, was er überdies für den Geist und das Leben bedeutet, auch ein gewaltiger Sozialist ist, stelle einen Philister vor den lebendigen Jesus am Kreuz und vor eine neue Maschine zur Fortbewegung von Menschen oder Sachen: er wird, wenn er ehrlich und kein Bildungsheuchler ist, das gekreuzigte Menschenkind eine total unnütze und überflüssige Erscheinung finden und hinter der Maschine herlaufen.

 

Und doch! wie viel mehr wahrhaft bewegt hat diese stille, ruhende, leidende Größe des Herzens und des Geistes als alle Bewegungsmaschinerien dieser Zeiten. Und doch! wo wären denn alle Bewegungsmaschinerien unserer Zeiten ohne diesen Stillen, Ruhenden, Leidenden, Großen am Kreuz der Menschheit. Auch das sollte hier gesagt sein; obwohl es nur die leicht verstehen werden, die es schon vorher gewußt haben.

 

Hier nun, wo wir die grenzenlose Verehrung des Gevatters Fortschrittlers vor der Technik sehen, lernen wir die Herkunft dieses Marxismus kennen. Der Vater des Marxismus ist nicht das Geschichtsstudium, ist auch nicht Hegel, ist weder Smith noch Ricardo, noch einer der Sozialisten vor Marx, ist auch kein revolutionär-demokratischer Zeitzustand, ist noch weniger der Wille und das Verlangen nach Kultur und Schönheit unter den Menschen. Der Vater des Marxismus ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf. Was Marx nämlich für Sozialismusähnlichkeit hielt, für die unmittelbar vorbereitende Stufe vor dem Sozialismus, war nichts als die Organisation des Produktionsbetriebs, die die technischen Erfordernisse der Dampfmaschine innerhalb des Kapitalismus herbeiführten.

 

Da begegneten sich nun also zwei ganz verschiedene Formen der Zentralisation: die wirtschaftliche Zentralisation des Kapitalismus: der Reiche, der möglichst viel Geld, möglichst viel Arbeit zu sich als Zentrum heranleitet; und die technische Zentralisation des Betriebs: die Dampfmaschine, die die Arbeitsmaschinen und die arbeitenden Menschen bei sich, dem Kraftzentrum, in der Nähe haben muß und darum die großen Fabrikbetriebe und die raffinierte Arbeitsteilung geschaffen hat. Die wirtschaftliche Zentralisation des Kapitalismus braucht an sich - vereinzelte Fälle ausgenommen - gar keine Zentralisation des technischen Betriebs; überall, wo die menschliche Arbeitskraft oder die einfachen, mit Hand oder Fuß betriebenen Maschinen billiger sind als die Benutzung der Dampfmaschine, zieht der Kapitalist die weit im Land, auf Dörfern und Gehöften verstreute Heimindustrie der Fabrik vor. Die technischen Notwendigkeiten der Dampfmaschine also waren es, die die großen Fabrikkasernen und die Großstädte voller Fabrikkasernen und Mietskasernen erzeugt haben.

 

Diese beiden zunächst getrennten und durchaus verschiedenen Zentralisationsformen haben sich dann natürlich vereinigt und haben gegenseitig die stärksten Einflüsse aufeinander ausgeübt: der Kapitalismus hat durch die Dampfmaschine ungeheuer schnelle Fortschritte gemacht; und anderseits hindert der Kapitalismus - der nun einmal seine technisch zentralisierenden Einrichtungen und Gewohnheiten hat, der vor allem die Arbeiter aus dem platten Land weggezogen hat und mehr und mehr vollends wegzieht - er hindert die elektrische Übertragung der Dampf- und Wasserkraft, die ihrer Natur nach dezentralisierend wirken müßte, diese Wirkung in dem Maße auszuüben, wie es sonst der Fall sein müßte; obwohl nicht zu leugnen ist, daß diese elektrische Kraftübertragung sowohl kapitalistische Ausbeutung kleiner, voneinander getrennter Werkstätten hervorgerufen hat, wie z. B. in der Klingenindustrie Solingens, wie auch die Kiemindustrie und das Handwerk jetzt schon erfreulich gestärkt hat und in Zukunft noch mehr stärken und neu erwecken wird; hier ist für den genossenschaftlichen Bezug von Kraft und Motoren noch ein weites Feld.

 

Diese Vereinigung von technischer und Kapitalzentralisation hat dann weitere kapitalistische Zentralisationen im Gefolge gehabt oder sehr gestärkt: Zentralisationen des Handels, des Bankwesens, der Engros- und Detailgeschäfte, der Transporteinrichtungen usw.

 

Und noch eine dritte Zentralisation ist, im großen und ganzen unabhängig von den beiden ändern, in unsern Zeiten gediehen: die Zentralisation des Staats, des Bürokratismus, des Heereswesens. Und so sind neben die Fabrikkasernen und die Mietskasernen noch weitere Kasernen in die Großstädte gezogen: die Kasernen der Bürokraten, wo in jedem dieser öffentlichen Häuser hundert kleine Kammern, und in jeder öden Kammer ein, zwei oder drei grüne Tische, und hinter jedem grünen Tisch ein, zwei oder drei gähnende Subalternbeamte mit der Feder hinter dem Ohr und dem Frühstücksbrot in der Hand sitzen; und die Kasernen der Soldaten, wo tausende kräftige Jünglinge sich nutzlosem Sport - Sport dürfte nur die Erholung nach nützlicher Arbeit sein - und damit der Langenweile und allerlei geschlechtlichen Dummheiten und Unsauberkeiten ergeben müssen.

 

Und, bei so viel Unkultur, Menschenzusammenhäufung, Entfernung von der Erde und der Kultur, bei so viel Arbeitsvergeudung, Überlastung mit unproduktiver Arbeit und Faulenzerei, bei so viel Sinnlosigkeit und Elend, die all diese Formen des Zentralismus mit sich bringen, werden natürlich die weiteren Kasernen unserer Zeit immer zahlreicher und umfangreicher: die Arbeitshäuser, die Gefängnisse und Zuchthäuser und die Geschlechtshäuser, in denen die Prostituierten kaserniert sind.

 

Es ist wahr und den Marxisten, wenn sie sich gegen die Behauptung wehren, ihre Lehre sei lediglich ein Produkt der technischen Betriebszentralisation, zuzugeben: all diese Formen des öden, verhäßlichenden, uniformierenden, einengenden und unterdrückenden Zentralismus sind für den Marxismus bis zu gewissem Grade vorbildlich gewesen, haben auf seine Entstehung, Weiterbildung und Ausbreitung Einfluß gehabt. Nicht umsonst wehrt man sich bei Engländern, romanischen Völkern, Schweizern und Süddeutschen mehr und mehr gegen den Marxismus als gegen eine Sache, die verzweifelte Ähnlichkeit mit dem militärischen und bureaukratischen Wesen hat; nicht umsonst findet man echte, rechte Marxisten heutzutage fast nur noch in den Ländern des Feldwebels, Subalternbeamten und des Tschinownik: in Preußen und Rußland. Nicht umsonst verspürt man die Disziplin und die davon untrennbare Grobheit und Befehlshaberei nirgends so sehr, hört man auch das Wort "Disziplin" nirgends so oft, wie in der preußischen Armee und in der deutschpreußischen Sozialdemokratie. Aber trotzdem: keine dieser Zentralisationen ist so beschaffen, daß ihr eine Spottgeburt folgen konnte, die man wahrhaft und wirklich Sozialismus zu nennen wagt, außer der technischen Zentralisation des Dampfes.

 

Niemals wird der Sozialismus aus dem Kapitalismus "erblühen", wie der Undichter Marx so lyrisch gesungen hat. Aber seine Lehre und seine Partei, der Marxismus und die Sozialdemokratie sind aus der Dampfkraft erwachsen.

 

Siehe da, wie die Arbeiter und Handwerker und die Bauernsöhne und Töchter vom Lande wegziehen, wie für sie Armeen von Gelegenheits- und von Erntearbeitern kommen! Siehe da, wie morgens Tausende und aber Tausende in die Fabriken einziehen und abends wieder ausgespieen werden!

 

"Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau", haben Marx und Engels schon in ihrem Kommunistischen Manifest gesagt; aber nicht als Beschreibung und Vorahnung der kommenden Herrlichkeiten des Kapitalismus, sondern als eine der Maßnahmen, die sie "für die fortgeschrittensten Länder" zum Beginn ihres Sozialismus vorschlugen. Es ist wahr: diese Sorte Sozialismus erwächst aus der ungestörten Weiterentwicklung des Kapitalismus!

 

Nimmt man dazu noch die kapitalistische Konzentration, die so aussah, als ob die Zahl der kapitalistischen Personen und der Vermögen immer geringer würde, nimmt man ferner dazu das Vorbild der Staatsallmacht im zentralisierten Staat unsrer Zeiten, nimmt man schließlich noch dazu die immer weiter gehende Vervollkommnung der Werkzeugmaschinen, die immer mehr vorschreitende Arbeitsteilung, die Ersetzung der gelernten Handwerkerarbeiter durch beliebige Handlanger der Maschine - das alles aber durchaus übertrieben und karikiert gesehen; denn es hat alles noch eine andere Seite und ist nie eine schematisch auf einer Linie gehende Entwicklung, sondern ein Kampf und Ausgleich verschiedener Tendenzen; es wird aber alles bis zum Grotesken simplifiziert und karikiert, was der Marxismus ansieht -; nimmt man schließlich noch dazu die Aussicht, daß die Menschenarbeit immer kürzer, die Maschinenarbeit immer produktiver werden kann: dann ist der Zukunftsstaat fertig. Der Zukunftsstaat der Marxisten: die Blüte am Baum der staatlichen, der kapitalistischen, der technischen Zentralisation.

 

Noch ist hinzuzufügen, daß der Marxist, wenn er besonders kühn sein Stroh träumt - denn nie ist leerer, trockener geträumt worden, und wenn es je phantasielose Phantasten gegeben hat, so sind es die Marxisten - daß er dann seinen Zentralismus und seine Wirtschaftsbürokratie über die heutigen Staaten hinaus ausdehnt und von einer Weltbehörde für die Anordnung und Befehligung der Produktion und Verteilung der Güter spricht. Das ist der Internationalismus des Marxismus. Wie früher in der Internationale alles vom Londoner Generalrat, wie heute in der Sozialdemokratie alles von Berlin aus geregelt und bestimmt werden soll, so wird diese Weltproduktionsbehörde einmal in jedes Töpfchen gucken und das Quantum Schmieröl für jede Maschine in ihrem Hauptbuch stehn haben.

 

Und nun noch eine Haut herunter; dann sind wir fertig mit unsrer Beschreibung des Marxismus.So also erblühen die Organisationsformen dessen, was diese Leute Sozialismus nennen, schon ganz und gar im Kapitalismus. Nur daß diese Organisationen, diese mehr und mehr - mit Dampf - riesenhaft werdenden Betriebe noch in den Händen von Einzelunternehmern, von Ausbeutern, sind. Wir haben zwar schon gesehen, daß diese durch die Konkurrenz immer weniger werden sollen. Man muß sich das anschaulich machen, wie es gemeint ist: erst Hunderttausende - dann ein paar Tausend - dann ein paar Hundert - dann etliche Siebzig oder Fünfzig - dann ein paar ganz monströse Riesenunternehmer.

 

Und denen gegenüber stehen die Arbeiter, die Proletarier. Ihrer werden immer mehr und mehr, die Mittelschichten verschwinden, und mit der Zahl der Arbeiter wächst die Zahl und die Intensivkraft der Maschinen, so daß nicht bloß die Zahl der Arbeiter, sondern auch die Zahl der Arbeitslosen, der sogenannten industriellen Reservearmee zunimmt. Es geht also nach dieser Schilderung nicht länger mit dem Kapitalismus, und überdies wird der Kampf gegen ihn, d. h. gegen die paar übriggebliebenen Kapitalisten, für die unter ihrer Botmäßigkeit stehenden unzähligen Massen der Enterbten und also an der Änderung Interessierten immer leichter. Denn auch das müssen wir noch von der Lehre des Marxismus ins Augefassen: in ihm ist alles, wie wohl der Ausdruck heißt, der aus einem ändern Gebiet hergeholt und falsch angewandt wird, immanent. Das soll hier heißen: es bedarf gar keiner besonderen Anstrengungen oder ideeller Einsichten, es läuft alles von selbst am Schnürchen des Gesellschaftsprozesses. Immanent sind die sogenannten sozialistischen Organisationsformen schon im Kapitalismus drin; immanent ist auch in den Proletariern die Interesselosigkeit gegenüber den bestehenden Zuständen, das soll heißen: die Tendenz zum Sozialismus, die revolutionäre Gesinnung ist ein integrierender Bestandteil des Proletariers. Die Proletarier haben nichts zu verlieren; sie haben eine Welt zu gewinnen!

Wie schön, wie wirklich dichterisch ist dieses Wort (das weder von Marx noch von Engels stammt) und wieviel Wahres - sollte darin sein.

 

Und doch ist wahrer als die Behauptung, daß der Proletarier der geborene Revolutionär sei, jene andere, die hier gesagt wird: daß der Proletarier der geborene Philister ist. Der Marxist spricht so überaus verächtlich vom Kleinbürger; aber alles, was man von Charakterzügen und Lebensgewohnheiten kleinbürgerlich nennen kann, gehört zu den Eigenschaften des Durchschnittsproletariers, wie man denn sogar in Gefängnissen und Zuchthäusern leider die meisten Zellen von Philistern besetzt findet. Mit diesem leider, das mir hier entschlüpft ist, bedaure ich natürlich keineswegs, daß die Nichtphilister in Freiheit sind; aber es ist doch wohl betrüblich, daß armen Tröpfen, Opfern der Verhältnisse, die die gesetzlich festgestellte Konvention so brechen mußten, wie alles, was in der Welt geschieht, geschehen muß, diese Notwendigkeit nicht wenigstens dadurch auferlegt ist, daß diese Konvention in ihrem Innern nicht lebte, sondern durch Frevelgesinnung ersetzt wäre. Die Konvention, die sie in die Lage kamen zu brechen, lebt aber vielmehr in ihrem Gemüt, ihren Meinungen, in der Art, wie sie über ihre Leidensgenossen und manchmal sogar über sich selbst den Stab brechen, fast immer genau so fest, wie in den meisten übrigen Menschen.

 

Wovon wir hier sprechen, die Philisterhaftigkeit des Proletariers, ist übrigens einer der Gründe, warum der Marxismus, dieser ins System gebrachte Philistersinn, beim Proletariat so viel Anklang gefunden hat. Es gehört nur eine ganz oberflächliche Überpinselung der Zunge mit Bildung dazu, die jetzt am schnellsten und billigsten in den Polikliniken, die man Parteischulen nennt, vorgenommen wird, um aus einem Durchschnittsproletarier ohne jede Ausnahmequalitäten einen brauchbaren Parteiführer zu machen.

 

Diese und die andern Parteiführer also halten es ganz natürlicherweise mit der marxistischen Doktrin, wonach das Proletariat von gesellschaftlicher Notwendigkeit wegen revolutioniert werde, wenigstens das kleine bißchen, das noch notwendig ist, um den Kapitalismus, der ja aus immer weniger Personen besteht und in sich selbst immer morscher wird, zu überwinden. Denn zu dem schon Angeführten kommt noch etwas dazu, um den Kapitalismus zum Zusammenbruch zu zwingen, noch etwas ist ihm immanent: die Krisen. Wie das Programm der deutschen Sozialdemokratie so schön und so echt marxistisch sagt (sonst freilich ist da schon das und jenes Unechte hineingekommen, was die Macher dieses Programms an ihren Gegnern heutzutage revisionistisch nennen): Die Produktivkräfte wachsen der heutigen Gesellschaft über den Kopf. Darin steckt die echt marxistische Lehre, daß in der heutigen Gesellschaft die Produktionsformen schon mehr und mehr sozialistische geworden sind, und daß diesen Formen nur auch die richtige Eigentumsform: das Staatseigentum nämlich, fehlt; sie nennen es zwar das gesellschaftliche Eigentum; aber wenn sie das Fabriksystem des Kapitalismus eine gesellschaftliche Produktion nennen (nicht nur Marx im "Kapital" tut das, auch die heutigen Sozialdemokraten in ihrem heute geltenden Programm nennen die Arbeit in den Formen des heutigen Kapitalismus gesellschaftliche Arbeit), wissen wir, was es mit ihrem gesellschaftlichen Eigentum auf sich hat; wie sie die Produktionsformen der Dampftechnik im Kapitalismus für sozialistische Arbeitsformen halten, so halten sie den Zentralstaat für die sozialistische Organisation der Gesellschaft und das bürokratisch verwaltete Staatseigentum für Gemeinschaftseigentum!

 

Diese Leute haben ja doch keinen Instinkt für das, was Gesellschaft heißt. Sie ahnen nicht im entferntesten, daß Gesellschaft nur eine Gesellschaft von Gesellschaften, nur ein Bund, nur Freiheit sein kann. Sie wissen darum nicht, daß Sozialismus Anarchie ist und Föderation. Sie glauben, Sozialismus sei Staat, während die Kulturdurstigen den Sozialismus schaffen wollen, weil sie aus der Zerfallenheit und dem Elend, dem Kapitalismus und der dazu gehörigen Armut, aus der Geistlosigkeit und der Gewalt, die nur die Kehrseite des wirtschaftlichenIndividualismus ist, also eben aus dem Staat heraus wollen zur Gesellschaft der Gesellschaften und der Freiwilligkeit.

 

Weil also, sagen diese Marxisten, der Sozialismus noch sozusagen im Privatbesitz der Unternehmer ist, die wild drauflos produzieren, da sie ja im Besitz schon der sozialistischen Produktivkräfte sind (lies: der Dampfkraft, der vervollkommneten Werkzeugmaschinen und der in überflüssiger Zahl sich anbietenden Proletariermassen), weil es also so ist, wie ein Hexenbesen in der Hand des Zauberlehrlings, muß es zur Überschwemmung mit Waren, zur Überproduktion, zum Durcheinander, kurz: zu den Krisen kommen, die, wie sie auch im einzelnen erklärt werden, doch jedenfalls nach der Meinung der Marxisten daher kommen, daß zu der gesellschaftlichen Produktionsweise, wie sie ihrer ruchlos dummen Ansicht nach schon da ist, die Regulative der statistisch kontrollierenden und dirigierenden Weltstaatsbehörde notwendig ist. Solange die fehlt, ist der "Sozialismus" nicht vollkommen, muß alles drunter und drüber gehen. Die Organisationsformen des Kapitalismus sind gut; aber es fehlt die Ordnung, das Regiment, die straffe Zentralisation. Kapitalismus und Staat müssen zusammenkommen, dann ist - nun, wir würden sagen, dann ist der Staatskapitalismus da; jene Marxisten meinen: dann sei der Sozialismus da. Wie sie aber in diesem ihrem Sozialismus alle Formen des Kapitalismus und der Reglementierung wiederfinden, und wie sie die Tendenz zur Uniformierung und Nivellierung, die heute da ist, zur letzten Vollkommenheit fortschreiten lassen, so ist auch der Proletarier in ihren Sozialismus mit hinübergegangen: aus dem Proletarier des kapitalistischen Betriebs ist der Staatsproletarier geworden, und die Proletarisierung ist, wenn dieser ihr Sozialismus anfängt, wirklich, wie vorausgesagt: ins Riesenhafte gediehen: alle Menschen ohne Ausnahme sind kleine Wirtschaftsbeamte des Staates.

 

Kapitalismus und Staat müssen zusammenkommen - das ist in Wahrheit das Ideal des Marxismus; und wenn sie schon vom Ideal nichts hören wollen, so sagen wir: das ist die Entwicklungstendenz, die sie entdeckt haben, die sie unterstützen wollen. Sie sehen nicht, daß die ungeheure Gewalt und Bürokratenödigkeit des Staates nur nötig ist, weil unserm Mitleben der Geist verlorengegangen ist, weil die Gerechtigkeit und die Liebe, die wirtschaftlichen Bünde und die sprossende Mannigfaltigkeit kleiner gesellschaftlicher Organismen verschwunden sind. Von all dem tiefen Verfall dieser unserer Zeiten sehen sie nichts; sie halluzinieren Fortschritt: die Technik schreitet fort; die tut es natürlich in der Tat; tut es in manchen Zeiten der Kultur, nicht immer, es gibt auch Kulturen ohne technischen Fortschritt, und tut es insbesondere in Zeiten des Verfalls, der Individualisierung des Geistes und der Atomisierung der Massen; und darum eben sagen wir: der wirkliche Fortschritt der Technik zusammen mit der wirklichen Niedertracht der Zeit ist - um für Marxisten einmal marxistisch zu sprechen - die tatsächliche, materiale Grundlage für den ideologischen Überbau, nämlich für die Utopie des Entwicklungssozialismus der Marxisten. Weil aber nicht nur die fortschreitende Technik in ihrem Geistchen sich abspiegelt, sondern ebenso auch die übrigen Tendenzen der Zeit, darum ist ihnen auch der Kapitalismus Fortschritt, ist ihnen auch der Zentralstaat Fortschritt. Es ist gar nicht bloße Ironie, daß wir hier die Sprache ihrer sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung auf die Marxisten selbst anwenden. Sie haben ja doch diese Geschichtsbetrachtung irgendwoher genommen, und wir sind jetzt, wo wir sie kennen gelernt haben, imstande, noch deutlicher als zuvor zu sagen, wo sie sie gefunden haben: nämlich ganz und gar in sich selbst. Jawohl, was die Marxisten von dem Verhältnis der geistigen Gebilde und des Denkens zu den Zeitumständen sagen, gilt in der Tat für alle Zeitgenossen, worunter hier die zu verstehen sind, die nur das Kind und der Ausdruck ihrer Zeit sind, die nichts Schöpferisches, nichts Entgegenstemmendes, nichts Ureigenes und geisthaft Persönliches in sich haben.

 

Wir sind wieder beim Philister, wir sind beim Marxisten, und für ihn trifft völlig zu, daß seine Ideologie nur der Überbau der Niedertracht unsrer Zeit ist. In den Zeiten des Verfalls herrscht in der Tat der Ungeist, der der Ausdruck der Zeit ist. Und so herrschen heute noch die Marxisten. Und sie können nicht wissen, daß die Zeiten der Kultur und der Erfüllbarkeit sich nicht aus den Zeiten des Niedergangs - den sie Fortschritt nennen - entwickeln, sondern daß sie aus dem Geiste derer kommen, die ihrer Konstitution nach nie ihrer Zeit angehört haben. Sie können nicht wissen und nicht fassen, daß das, was Geschichte zu nennen ist, in den hohen Zeiten des Umschwungs nicht von den Philistern und Zeitgenossen und also nicht, was dasselbe heißt, von den gesellschaftlichen Prozessen besorgt wird, sondern von den Einsamen, Abgesonderten, die eben darum Abgesonderte sind, weil in ihnen Volk und Gemeinschaft wie zu Hause, wie zu ihnen und mit ihnen geflüchtet sind.

 

Kein Zweifel, die Marxisten glauben, wenn die Vorderseite und die Kehrseite unsrer Erniedrigung, die Produktionszustände des Kapitalismus und der Staat auf einer und derselben Seite ständen und sich ineinander verwuchert hätten, dann wäre ihre Fortschrittsentwicklung am Ziel und es wäre damit die Gerechtigkeit und Gleichheit hergestellt; ist ja doch ihr umfassender Wirtschaftsstaat, gleichviel, ob er zunächst Erbe der bisherigen Staaten oder ob er ihr Weltstaat ist, ein republikanisch-demokratisches Gebilde, und glauben sie ja doch wirklich, die Anordnungen eines solchen Staates sorgten für das Heil all der kleinen Leute, die ja selbst den Staat ausmachten. Nur daß man uns gestatten muß, über diese armseligste aller Philisterphantasien in unauslöschliches Gelächter auszubrechen. So ganz und gar das Ebenbild der Spießbürgerutopie kann in der Tat nur ein Produkt werden, das aus der ungestörten Retortenentwicklung des Kapitalismus hervorgegangen ist. Wir halten uns auch bei diesem vollendeten Ideal der Niedergangsperiode und der persönlichkeitsleeren Unkultur, bei diesem Homunkulusstaat nicht weiter auf; wir werden ja sehen, daß die wahre Kultur nichts Leeres, sondern Erfülltes ist; daß die wahre Gesellschaft eine Mannigfaltigkeit wirklicher, aus den verbindenden Eigenschaften der Individuen, aus dem Geiste erwachsener kleiner Zusammengehörigkeiten, ein Bau aus Gemeinden und eine Einung ist. Dieser "Sozialismus" der Marxisten ist ein Riesenkropf, der sich entwickeln soll; fürchten wir nichts, wir sehen jetzt bald, der wird sich nicht entwickeln.

 

Unser Sozialismus aber soll in den Herzen erwachsen; will die Herzen der Zusammengehörigen zusammen und in den Geist hinauf wachsen lassen. Die Alternative ist nicht: Homunkulussozialismus oder Sozialismus des Geistes; denn wir sehen bald: wenn die Massen dem Marxismus oder auch den Revisionisten folgen, dann bleibt es beim Kapitalismus, der ganz und gar keine Tendenz hat, weder in den "Sozialismus" der Marxisten umzuschlagen, noch in den manchmal nur noch mit schüchterner Stimme auch so genannten Sozialismus der Revisionisten sich zu entwickeln. Der Niedergang, in unserm Fall der Kapitalismus, hat in unsern Zeiten genauso viel Lebenskräfte, wie in andern Zeiten die Kultur und der Aufschwung. Niedergang heißt durchaus nicht Hinfälligkeit und Neigung zum Hinschlagen oder Umschlagen. Der Niedergang, die Epoche der Gesunkenheit, der Volklosigkeit, der Geistlosigkeit kann Jahrhunderte und Jahrtausende währen. Der Niedergang, in unserem Fall der Kapitalismus, hat in unsern Zeiten genauso viel Lebenskräfte, wie sie in unsrer Zeit die Kultur und der Aufschwung nicht hat. Hat genauso viel Kraft und Energie, wie wir's an Kraft und Energie für den Sozialismus fehlen lassen. Nicht: eine Form des Sozialismus oder die andere heißt die Wahl, vor der wir stehen, sondern einfach: Kapitalismus oder Sozialismus; Staat oder Gesellschaft; Ungeist oder Geist. Die Lehre des Marxismus führt aus dem Kapitalismus nicht heraus. Und auch die Lehre des Marxismus ist falsch, daß der Kapitalismus imstande wäre, weiland Münchhausen zu übertrumpfen, der sich nur am eignen Zopf aus fremdem Sumpfe ziehen konnte, während sich nach dieser Prophezeiung der Kapitalismus an Hand der eignen Entwicklung aus dem eignen Sumpfe herauswickeln soll.

 

Das haben wir im weiteren noch näher zu zeigen, daß diese Lehre falsch ist. Daß dem Kapitalismus nicht die Tendenz immanent ist, sich zu irgendeinem Sozialismus zu entwickeln - nennen wir doch, um nur von dem Mißgebilde loszukommen, auch das, was die Marxisten mit einem häßlichen Wort für eine häßliche Sache ihr Endziel heißen, einmal Sozialismus. Weder zu diesem noch zu irgendeinem Sozialismus entwickelt sich der Kapitalismus. Um das zu zeigen, müssen wir Fragen beantworten.

 

Fragen wir also: ist es denn wahr, daß die Gesellschaft so aussieht, wie sie den Marxisten hinstellen? daß es mit ihr so weitergeht? weitergehen muß? oder auch nur wahrscheinlich so geht? Ist es denn wahr, daß die Kapitalisten sich gegenseitig auffressen, wie die dreißig Enten im Entenstall, wo man erst neunundzwanzig Enten eine zerkleinerte Ente zu fressen gab, und am nächsten Tag fraßen achtundzwanzig Enten wieder eine Kameradin, und so sollte es nach diesem seltsamen Bericht, der wie eine echte Entwicklungslehre so durchaus glaublich beginnt und, obwohl es scheinbar immer in gleicher Weise und immer hübsch allmählich weitergeht, doch so ins Unglaubliche und Wunderbare führt, immer fortgesetzt werden, bis endlich eine einzige wohlgemästete Riesenente die dreißig Enten in sich akkumuliert und konzentriert hatte? Ist es denn wahr? oder sollte es nur eine – Ente sein? Ist es denn wahr, daß die Mittelschichten verschwinden, daß die Proletarisierung ohne Ausnahme mit Geschwindigkeit zunimmt und daß da ein Ende abzusehen ist? Daß die Arbeitslosigkeit immer schlimmer und schlimmer wird und daß dadurch die Entwicklung eine Unmöglichkeit des Weiterbestehens solcher Zustände kommt? und eine geistige Einwirkung auf die Enterbten, so daß sie mit Naturnotwendigkeit aufstehen, sich erheben, revolutionieren müssen? Ist es denn schließlich wahr, daß die Krisen immer umfangreicher und verheerender werden? daß die Produktivkräfte dem Kapitalismus über den Kopf wachsen müssen und also über ihn hinaus, zu sogenanntem Sozialismus wachsen müssen?

 

Ist das alles denn wahr? Wie steht es denn in Wahrheit mit diesem ganzen Komplex von Beobachtungen, Warnungen, Drohungen und Prophezeiungen?

 

Das sind die Fragen, die wir jetzt stellen müssen, die wir schon immer gestellt haben, wir Anarchisten nämlich, von Anfang an, solange es einen Marxismus gibt, denn schon länger als es Marxismus gibt, hat es wirklichen Sozialismus gegeben, hat es vor allem den Sozialismus des größten Sozialisten, des Pierre Joseph Proudhon, gegeben, der dann vom Marxismus überwuchert worden ist; wir aber bringen ihn wieder ans Licht. Das sind unsre Fragen; und es sind auch die Fragen, die von der ganz andern Seite her – wir sehen noch, von woher – die Revisionisten stellen.

 

Erst wenn wir sie nun, die wir bei unsrer Beschreibung des Marxismus wohl schon hie und da gestreift haben, beantwortet haben, wenn wir das wirkliche Bild unsrer Zustände und den Gang, den der Kapitalismus bisher, vor allem seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests und des "Kapital" genommen hat, der zeitideologischen Simplifikation und dialektischen Karikatur des Marxismus entgegengestellt haben, können wir weitergehen, können wir sagen, was unser Sozialismus und unser Weg zum Sozialismus ist. Denn Sozialismus – das sei gleich hier gesagt, die Marxisten sollen es hören, solange der Nebelschwaden ihres eigenen Fortschrittsphilisterdunstes noch in der Luft ist – hängt seiner Möglichkeit nach gar nicht von irgendeiner Form der Technik und der Bedürfnisbefriedigung ab. Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich, wenn eine genügende Zahl Menschen ihn will. Nur wird er je nach dem Stand der Technik und je nach der verfügbaren Technik, das heißt nach der Zahl Menschen, die ihn beginnen und immerhin auch nach den Mitteln, die sie mitbringen oder sich vom Erbe der Vergangenheit nehmen können - nichts fängt mit nichts an - immer anders aussehen, anders beginnen, anders weitergehen. Darum ist vorhin gesagt worden: es wird hier keine Schilderung eines Ideals, keine Beschreibung einer Utopie gegeben.

 

Erst müssen wir noch deutlicher sehen, wie unsre Zustände und geistigen Verfassungen sind; dann erst können wir sagen, zu was für einem Sozialismus wir aufrufen, an was für Menschen wir uns wenden. Der Sozialismus, ihr Marxisten, ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik möglich; und ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik unmöglich. Er ist zu allen Zeiten, auch bei recht primitiver Technik den rechten Menschen möglich; und er ist zu allen Zeiten, auch bei prachtvoll entwickelter Maschinentechnik, den unrechten Menschen unmöglich. Wir wissen von keiner Entwicklung, die ihn bringen muß; wir wissen von keinerlei solchen Notwendigkeit eines Naturgesetzes. Jetzt also werden wir zeigen, daß diese unsre Zeiten, daß unser bis zum Marxismus erblühter Kapitalismus keineswegs so aussehen, wie uns gesagt wird. Der Kapitalismus muß nicht in den Sozialismus umschlagen, er muß nicht untergehen, der Sozialismus muß nicht kommen; auch nicht der Kapital-Staats-Proletariats- Sozialismus der Marxisten muß kommen, und das ist kein Schade. Aber gar kein Sozialismus muß kommen – das soll jetzt gezeigt werden.

 

Aber der Sozialismus kann kommen und soll kommen – wenn wir ihn wollen, wenn wir ihn schaffen – das soll auch gezeigt werden.

 

Die Aufstellungen der Marxisten lauten:

  1. Die kapitalistische Konzentration in der Industrie, im Handel, im Geld- und Kreditwesen sei eine Vorstufe, sei der Beginn des Sozialismus.

  2. Die Zahl der kapitalistischen Unternehmer – oder wenigstens der kapitalistischen Unternehmungen – nehme immer mehr ab; der Umfang der einzelnen Betriebe dehne sich aus; der Mittelstand schrumpfe ein und sei zum Untergang verurteilt; die Zahl der Proletarier wachse ins Ungemessene.

  3. Die Menge dieser Proletarisierten sei stets so groß, daß es immer Arbeitslose unter ihnen geben müsse; diese industrielle Reservearmee drücke auf die Lebensverhältnisse; es entstehe die Überproduktion dadurch, daß mehr produziert werde, als konsumiert werden könne. So seien die periodischen Krisen unausbleiblich.

  4. Das Mißverhältnis zwischen dem ungeheuren Reichtum in den Händen von wenigen und der Not und Unsicherheit bei den Massen werde schließlich so groß werden, es werde eine so furchtbare Krise eintreten und die Unzufriedenheit in den Arbeitermassen sich so steigern, daß es zur Katastrophe, zur Revolution kommen müsse, in deren Verlauf das kapitalistische Eigentum in gesellschaftliches Eigentum übergeführt werden könne und müsse.

 

An diesen Hauptsätzen des Marxismus ist vielfach, von anarchistischen, bürgerlichen, und in letzter Zeit besonders von revisionistischen Forschern Kritik geübt worden. Ob es einem lieb oder leid ist, gleichviel, wer ehrlich ist, kann nicht leugnen, daß die folgenden Ergebnisse dieser Kritik feststehen.

 

Man soll überhaupt nicht von kapitalistischen Unternehmern sprechen und dabei voraussetzen, es hänge der Bestand der kapitalistischen Gesellschaft von der Zahl dieser Unternehmer sonderlich ab. Man soll vielmehr von all denen reden, die am Kapitalismus interessiert sind, denen es in bezug auf ihre äußerliche Lebenshaltung innerhalb des Kapitalismus verhältnismäßig wohl und sicher geht, – von solchen, die, sofern sie keine Ausnahms-, sondern Dutzendmenschen sind, auch in ihren Meinungen, Bestrebungen und Stimmungen von ihrem Interesse am Kapitalismus abhängig sind, gleichviel ob sie selbständige Unternehmer, wohlbestellte Agenten, höhere Beamte und Angestellte, Aktionäre, Rentiers oder was immer sind. Und da läßt sich auf Grund der Steuerstatistik und anderer Beobachtungen, die nicht anzutasten sind, nur sagen, daß die Zahl dieser Personen nicht abgenommen, sondern absolut und relativ etwas zugenommen hat.

 

Man muß sich auf diesem Gebiet besonders davor hüten, sich von Stimmungen leiten zu lassen und aus kleinen persönlichen Erfahrungen und Teilbeobachtungen verallgemeinernde Schlüsse ziehen zu wollen. Das kann freilich jeder sehen, daß die Warenhäuser, an manchen Orten auch die Konsumvereine unter kleinen und mittleren Kaufleuten tüchtig aufräumen. Auch kommen ja gar nicht bloß die Kaufleute in Betracht, die zugrunde gerichtet werden und den Laden schließen, sondern noch viel mehr die, die gar nie den Mut und die Mittel finden, sich selbständig zu machen. Die Frage ist nur, wohin ein großer Teil dieser Unselbständigen zu rechnen ist, ob sie nämlich Proletarier sind. Davon gleich nachher, wenn wir untersuchen, was unter einem Proletarier überhaupt zu verstehen ist. Trotz all solchen persönlichen Erlebnissen und Einzelwahrnehmungen dilettantischer Art ist nicht zu leugnen: die Zahl der am Kapitalismus Interessierten nimmt nicht ab, sondern sogar zu.

 

Was aber die Zahl der kapitalistischen Unternehmungen, der Betriebe, angeht, so kann eingeräumt werden, daß sie abnimmt; es muß nur hinzugefügt werden, daß diese Abnahme im ganzen eine so langsame und unbedeutende ist, und gar nicht die Tendenz zu rascher Progression zeigt, daß das Ende des Kapitalismus, wenn es wirklich von dieser Abnahme abhängen sollte, noch in Jahrtausenden nicht abzusehen wäre.

 

Die Frage des neuen Mittelstandes ist viel erörtert worden. Es ist aber gar nicht zu leugnen, daß er vorhanden ist. Es ist ja eben gar nirgends geschrieben, daß man unter Mittelstand nur selbständige Handwerker, Kaufleute, kleinere Bauern und Rentiers zu verstehen habe.

 

Wir können die Frage: Wer gehört zum Mittelstand? verbinden mit jener andern: Wer ist ein Proletarier? Die Marxisten möchten gerne dabei bleiben, sie klammern sich mit aller Gewalt, wie an die letzte Rettungsplanke, daran, daß sie sagen: ein Angehöriger der besitzenden Klasse sei unabhängig und im Besitz seiner Arbeitsmittel und in Verfügung seiner eigenen Kundschaft; Proletarier sei ein jeder, der abhängig, nicht im Besitz seiner Arbeitsmittel sei und nicht selbständig seinen Abnehmern gegenüberstehe. Diese Erklärung ist gar nicht mehr aufrechtzuerhalten; sie führt zu ganz grotesken Resultaten.

 

Ich habe vor Jahren über diese Seite der Frage in einer öffentlichen Versammlung, die in einem der größten Berliner Säle stattfand, mit Clara Zetkin debattiert und habe sie gefragt: der Besitzer dieses Saales hier ist wahrscheinlich, wie die meisten Besitzer solcher Etablissements, durchaus abhängig von der Brauerei, die ihm das Bier liefert; diese Brauerei hat Hypotheken auf seinem Grundstück; er ist für Jahre hinaus verpflichtet, nur ihr Bier auszuschenken; die Tische, die Stühle, die Gläser sind das Eigentum der Brauerei; sein Einkommen beträgt jahraus, jahrein 30000, 40000, 50000 Mark; es sind in dieser kapitalistischen Zeit Funktionen entstanden, für die die üblichen Bezeichnungen nicht ausreichen; er ist kein Angestellter, kein Agent, er ist selbständig, aber er ist nicht unabhängig; er ist nicht Eigentümer seiner Arbeitsmittel: ist er ein Proletarier? - Nicht jeder wird es gleich glauben wollen, aber ich habe darauf in der Tat die Antwort bekommen: jawohl, das sei ein Proletarier; auf die Lebenshaltung könne es nicht ankommen und auch nicht auf die gesellschaftliche Stellung, sondern nur auf das Eigentum an den Arbeitsmitteln und die Sicherheit; die Existenz aber dieses seiner Arbeitsmittel beraubten Mannes sei eine durchaus unsichere.

 

Ich hatte mir damals erlaubt, ganz schlicht und nicht eigentlich in wissenschaftlicher Sprache zu sagen, ein Proletarier sei, wer eine proletarische Lebenshaltung führe. Es gibt da natürlich alle möglichen Abstufungen; vom größten Elend über eine Existenz, die immer am Existenzminimum hinstreift, bis zu dem Arbeiter, der mit seiner Familie wohl oder übel leben kann, Zeiten der Arbeitslosigkeit übersteht, im großen und ganzen, ohne es zu wissen, durch Unterernährung sein Leben oder wenigstens seine und seiner Nachkommen Lebensintensitäten verkürzt und nie zu dem bescheidenen Überschuß an Einkünften gelangt, ohne den eine Teilnahme an Kunst, Schönheit, freier Heiterkeit nicht möglich ist. So nimmt alle Welt das Wort Proletarier und so nehmen auch wir es. Noch mehr aber: so und nicht anders nehmen es in Wahrheit auch die Marxisten und können denn doch gar nicht anders. Nur diese Proletarier sind nicht am Kapitalismus, sondern an einer Wandlung der Zustände interessiert (wenn sie nämlich ihre Interessen vom Standpunkt der Gesamtheit auffassen), nur von diesen Proletariern kann das Wort gesprochen sein, sie hätten nichts zu verlieren, als ihre Ketten, sie hätten eine Welt zu gewinnen.

 

Schon in den oberen Schichten der Arbeiterschaft gibt es Berufe, die dem Proletariat nicht mehr völlig angehören. Manche Kategorien unter den Arbeitern des Buchgewerbes, manche Bauhandwerker müßten wir trotz ihrer verhältnismäßig hohen Löhne und günstigen Arbeitszeiten wegen der großen Unsicherheit ihrer Stellung und der also immer drohenden Arbeitslosigkeit doch noch zu den Proletariern rechnen, wenn sie nicht durch ihre eigenen Einrichtungen in ihren für die Zwecke der Lebensfürsorge innerhalb des Kapitalismus nicht genug zu schätzenden Gewerkschaften dafür gesorgt hätten, daß sie auch diese Zeiten leidlich überstehen. Doch ist zuzugeben, daß das eine Grenzgattung ist; und wegen der Gefahr, in den Fällen des Unfalls, der Invalidität und des Alters doch nicht genügend vor Entblößtheit gesichert zu sein, mag man sie doch noch zum Proletariat rechnen. Dagegen ist zu sagen, daß es in andern Schichten Menschen gibt, die bitter arm sind, aber nicht Proletarier genannt werden sollten. Dahin gehören arme Schriftsteller und Künstler, Ärzte, Offiziere und dergleichen. Unter harten Entbehrungen oft haben sie oder ihre Eltern ihnen eine Form der Kultur gesichert, die sie oft nicht davor schützt, zu hungern oder hartes Brot oder die Gerichte der Volksküche zu essen; aber durch ihre äußeren Lebensgewohnheiten und ihren inneren Reichtum unterscheiden sie sich von den Proletariern und bilden, ob sie nun Einsame, Geordnete oder Zigeuner sind, eine kleine Klasse für sich, die übrigens schneller zuzunehmen scheint als das große Proletariat. Einige von ihnen versinken manchmal, wenn sie ihren inneren Halt verloren haben, in die untersten Schichten des Proletariats, werden Pennbrüder, Landstreicher, Zuhälter, Hochstapler oder Gewohnheitsverbrecher.

 

Unter den umfangreichen Schichten derer jedoch, die in irgendeiner Form abhängig sind, finden sich sehr viele, die durchaus keine Proletarier sind. Kein Zweifel freilich, daß sich unter den kaufmännischen Angestellten z. B. viele finden, die sich weder außen noch innen sonderlich vom Proletariat unterscheiden. Das nämliche gilt von vielen Zeichnern, Technikern und dergleichen. Die Subalternbeamten bilden wieder eine Gattung für sich; sie sind von innen her mehr Sklaven als Proletarier zu nennen. Zu welcher Gattung die Partei- und Gewerkschaftsbeamten gehören, bleibe unerledigt; sie kommen mehr durch ihren Einfluß als durch ihre Zahl in Betracht.

 

Nun haben wir aber eine große, eigentlich wachsende Zahl von solchen, die ohne Zweifel einen neuen Mittelstand bilden, sofern sie nicht zu den Wohlhabenden gehören. Kaufmännische Angestellte, Filial- und Abteilungsleiter, Direktoren und Generaldirektoren, Ingenieure und Oberingenieure, Agenten, Vertreter gehören dazu. Sie sind alle dergestalt am Kapitalismus beteiligt, daß weder mit ihrer Proletarisierung noch mit ihrer Revolutionierung auf Grund ihrer materiellen Lage und der durch diese bedingten Gesinnung zu rechnen ist. Nur um solche "Proletarier" aber kann es sich für den Marxismus handeln; die Tatsache, daß es Ausnahmsmenschen oder Massen von Menschen in einer Ausnahmsverfassung gibt, wo es sich dann gar nicht mehr um eine so direkte, mechanische Beziehung von Gesinnung und Wollen zur äußern Lage handelt, läßt gerade der Marxismus außer acht und soll erst von uns wieder betont werden.

 

Aber die Unsicherheit! Da ist zu sagen, daß die Unsicherheit für alle Angehörigen der kapitalistischen Gesellschaft besteht. Wir müssen eben da den Grad unterscheiden. Wir sprechen ja aber auch von bestimmten Schichten, die am Kapitalismus besonders interessiert sind und nennen sie in abgekürzter Redeweise Kapitalisten, während in Wahrheit wir alle ohne die geringste Ausnahme, solange der Kapitalismus besteht, an ihm beteiligt, in ihn verwoben und in Wahrheit kapitalistisch tätig sind, die Proletarier nicht ausgeschlossen. So müssen wir auch hinsichtlich der Sicherheit läßlich unterscheiden und keine feste, sondern nur schwankende Grenzen ziehen, da es sich nicht um abstrakte Gebilde, sondern um geschichtlich gegebene Wirklichkeiten handelt. Für die vielen, die wir trotz ihrer Abhängigkeit, obwohl sie nicht über eigene Arbeitsmittel und eigene Kundschaft verfügen, zum neuen Mittelstand oder zu den Schichten der Begüterten rechnen, besteht eben normalerweise die Unsicherheit nur theoretisch, der nicht zu leugnenden Möglichkeit nach, wird aber nur ausnahmsweise praktisch. Da die Marxisten aber in Wahrheit gar nicht Haarspaltereien treiben und Begriffe aufstellen, sondern ihren Erwartungen über Schicksal und Verhalten bestimmter Schichten einen in wissenschaftlicher Sprache gekleideten allgemeinen Ausdruck verleihen wollen, dürfen sie, wenn sie nicht lieber sich und ihre eigenen Wünsche betrügen und falsche Theorien bis zum letzten verteidigen wollen, nach den Aufklärungen, die ihnen geworden sind, gar nicht mehr leugnen, daß es eine sehr in Betracht kommende, langsam steigende Zahl Abhängige und Unselbständige gibt, die, alles in allem gerechnet, in ihrer Gesamtheit nie in Gefahr kommen, Proletarier zu werden.

 

Es scheint also jetzt schon, daß es um die Prophezeiungen der Marxisten übel steht. Und doch kann eingeräumt werden: sie waren einmal so wahr, wie ein Prophetenwort nur wahr sein kann. Karl Marx war, obwohl er nur in seltenen Augenblicken der Erhöhung die echte Propheten- und Dichtersprache, meistens aber die Rede der Wissenschaft und nicht selten der wissenschaftlichen Gaukelei geführt hat, doch damals, als er zuerst auf Grund seiner Betrachtung des noch jugendlichen Kapitalismus seine Gedanken faßte und aussprach, ein echter Prophet. Das heißt aber: er war ein Warner. Er verkündete die Zukunft, die gekommen wäre, wenn es bei dem geblieben wäre, was er vor sich sah. Und auch insofern war er ein echter Prophet, einer von denen, die nicht bloß Warner, sondern auch Wirker sind, daß er selbst erheblich dazu beitrug, daß es nicht bei dem blieb, was seine Augen vor sich sahen, daß seine Warnungen Folgen hatten und daß es anders gekommen ist. Seine Worte sagten, ohne daß er es so wußte: Ihr Kapitalisten, wenn es so weitergeht mit der rasenden Ausbeutung, der schnellen Proletarisierung, der wilden Konkurrenz unter euch selbst, wenn ihr euch immer weiter so gegenseitig auffreßt, ins Proletariat stoßt und die Betriebe zusammenzieht, in ihrer Gesamtheit verringert, die einzelnen immer mehr vergrößert, dann muß es ein schnelles Ende nehmen!

 

Es ist aber eben nicht so weitergegangen. Der Kapitalismus hat eine solche weitverzweigte Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse geschaffen, so viel teuren, mittleren, billigen und Schundluxus zu befriedigen bekommen, die großen Industrien haben einen solchen Bedarf an Hilfsindustrien ins Leben gerufen, daß gar keine Form der Technik entbehrlich geworden ist, daß ganz neue Arten z. B. der Haus- und Dorfindustrien, der kleinen und mittleren Betriebe entstanden sind, daß selbst die Zahl der Hausierer und der Detailreisenden sich nicht vermindert hat, daß auch die Spezialgeschäfte, die kleinen und mittleren Verkaufsgeschäfte zwar auf manchen Gebieten verdrängt werden, dafür aber auf andern neue Möglichkeiten finden.

 

Mit dem Konkurrenzkampf ist es keineswegs nach dem abstrakten Schema oder der poetisch gesteigerten Verzweiflung immer schlimmer gekommen; wir sind noch mitten in der großen Bewegung der Vertrustung und Syndikalisierung, die zwar ohne Frage manchen kleinen Betrieben die Kundschaft und die Existenz nimmt, aber denn doch dafür sorgt, daß viele mittlere, große und ganz große ihre Gegenseitigkeit erkannt haben und sich gegen die Konsumenten verbünden, anstatt sich untereinander im Wettlauf um die Konsumenten totzurennen. Und wir sehen auch, wie die Kleinen von ihnen lernen und ihre Vereine und Genossenschaften bilden, um sich behaupten zu können. Die Vereinigungen der selbständigen Tischler haben ihre großen Ausstellungsräume und konkurrieren mit dem Großunternehmer; die kleineren Kaufleute schließen sich zu Einkaufsringen oder zur Festsetzung von Einheitspreisen zusammen. Der Kapitalismus bewährt überall seine Lebendigkeit; und statt daß seine Formen in den Sozialismus überleiten, benutzt er im Gegenteil die echt sozialistische Form der Genossenschaft, der Gegenseitigkeit für seine Zwecke der Ausbeutung der Konsumenten und des Marktmonopols.

 

Auch auf den Wegen der staatlichen Gesetzgebung ist dafür gesorgt worden, daß der Kapitalismus in den einzelnen Ländern recht kräftig am Leben blieb. Wie die Syndikate im Innern eines Landes dafür Sorge tragen, daß Unterbietung unterbleibt und Schmutzkonkurrenz nicht aufkommt, sorgt die Zollpolitik dafür, daß der Kapitalismus des einen Landes den des andern nicht niederringen kann; immer mehr geht die Tendenz der nationalen Zollgesetzgebungen und internationalen Abmachungen dahin, für die Gleichheit der Bedingungen auf dem Weltmarkt zu sorgen. Diese Gleichheit der Bedingungen war im System des Freihandels nur scheinbar gegeben, weil die Bevölkerungen, die Lohnverhältnisse, die Zivilisationen, die Techniken, die Naturbedingungen und die Preise und Mengen der verfügbaren Rohstoffe in den einzelnen Ländern nicht gleich sind; die Zollpolitik hat die Tendenz, tatsächliche Ungleichheiten durch künstliche Regulationen auszugleichen. Das ist erst in den Anfängen; vorläufig geht es auf diesem Gebiet noch barbarisch zu; jeder Staat sucht noch seine momentane Macht auszunutzen; aber wohin die Tendenz geht, merkt man schon deutlich.

 

Der Staat hat übrigens auch sonst überall mehr oder weniger dafür gesorgt, daß die schlimmsten Schärfen des Kapitalismus abgeschliffen wurden. Man nennt das Sozialpolitik. Ohne Frage haben die Arbeiterschutzgesetze gegen die wüstesten Auswüchse des Kapitalismus, die Kinder- und Jugendlichenausbeutung, gewisse Sicherungen geschaffen; und auch sonst ist durch staatliches Eingreifen, Reglementieren und Vorsorgen die Lage der Proletarier im Kapitalismus und damit die Lage des Kapitalismus gebessert worden. Eben diese Wirkung haben auch die Arbeiterversicherungsgesetze, zumal für den Fall der Krankheit gehabt. 

 

Wichtiger aber noch als diese tatsächlichen Wirkungen für den Kapitalismus waren die moralischen Ergebnisse dieser Gesetzgebung. Sie hat für die Masse nicht nur der Proletarier, sondern auch der Politiker die Unterschiede zwischen ihrem Zukunftsstaat und dem Gegenwartsstaat verwischt. Der Staat eroberte sich und seiner Polizei eine neue Machtsphäre: die Inspektion über die Fabriken, die Vermittlung zwischen Arbeitern und Unternehmern, die Sorge für kranke, alte, invalide Proletarier, den Schutz gegen die Gefahren des Betriebs nicht nur, sondern der abhängigen und unsicheren Lage. Die landesväterliche Haltung des Staates, das kindliche Vertrauen zum Staat und seiner Gesetzgebung ist gestärkt und gesteigert worden. Die revolutionäre Stimmung in den Massen und den politischen Partelen ist wesentlich geschwächt worden.

 

Was die Unternehmer selbst taten, was der Staat besorgte, das förderten nun auch die Proletarier selbst nicht bloß durch ihre politische Mitarbeit an der staatlichen Gesetzgebung, sondern durch die Einrichtungen, die sie sich in eigener Solidarität schufen. Nicht umsonst haben Marx und Engels ursprünglich gar nichts von den Gewerkschaften wissen wollen. Sie hielten die Berufsverbände für nutzlose, schädliche Überreste aus der Zeit des Kleinbürgertums. Sie ahnten wohl auch, welche Rolle die Solidarität der Arbeiter als Produzenten zum Nutzen der kapitalistischen Bestandsicherheit einmal spielen könnte. Aber sie konnten es keineswegs aufhalten, daß die Arbeiter sich nicht als von der Vorsehung erkorene Erlöser und Verwirklicher des Sozialismus gebärdeten, sondern als solche, die auch nur ein Leben haben und dieses Leben, das sie innerhalb des Kapitalismus zu führen genötigt sind, wohl oder übel so gut als möglich zu gestalten suchen. So schützen sich denn also die Arbeiter durch ihr Kassenwesen für den Fall der Arbeitslosigkeit, der Wanderschaft, der Krankheit, manchmal auch des Alters und der plötzlichen Sterbefälle gegen die Not. Sie sorgen, wo sie gegen die Arbeitsnachweise der Unternehmer oder der Gemeinden oder privater Stellenvermittler aufkommen können, für schnelle und ihren Interessen entsprechende Arbeitsvermittlung. Sie haben angefangen, durch Tarifverträge, die beide Teile für längere Fristen binden, zwischen Unternehmern und Arbeitern gesicherte Beziehungen zu schaffen. Sie haben sich von der Wirklichkeit und den Erfordernissen der Gegenwart treiben lassen und sind durch keinerlei Theorien und Parteiprogramme davon abzubringen gewesen. Die Parteiprogramme und Theorien haben vielmehr dem folgen müssen, was die Wirklichkeit des kapitalistischen Arbeitsverhältnisses an Auskunftsmitteln geschaffen hat. Allerlei Doktrinäre und Idealisten, aus verschiedenen Lagern, wollen die Arbeiter daran verhindern, durch zweckmäßige Behelfe für ihre armselige und öde Gegenwart zu sorgen; aber das kann natürlich keinen Erfolg haben. Die Arbeiter lassen es sich gerne in Massen gefallen, daß man sie in schmeichlerischen und anbetenden Worten als die revolutionäre Klasse bezeichnet; aber man macht sie damit nicht zu Revolutionären. Revolutionäre gibt es nur in Massen, wenn es eine Revolution gibt; einer der schlimmsten Irrtümer der Marxisten, mögen sie sich Sozialdemokraten oder Anarchisten nennen, ist die Meinung, auf dem Wege über Revolutionäre könne man zur Revolution kommen, während man umgekehrt nur auf dem Wege der Revolution zu Revolutionären kommt. Ein paar Jahrzehnte lang Reinkulturen von Revolutionären schaffen, vermehren und beisammen halten wollen, um sie für den Fall der Revolution doch einmal sicher in der rechten Zahl zu haben, ist ein echt deutscher, kindisch pedantischer und schulmeisterlicher Einfall. Um die Revolutionäre braucht man nicht bange zu sein; sie entstehen wirklich in einer Art Urzeugung - wenn nämlich die Revolution kommt. Damit die Revolution, ein gestaltendes Neue aber kommt, müssen die neuen Bedingungen geschaffen werden.

 

Am besten werden sie von Unbefangenen geschaffen, von denen, die man wohl Optimisten nennt (obwohl sie es nicht zu sein brauchen), von solchen, die es noch gar nicht für ausgemacht halten, daß es zur Revolution kommen muß, die so innig von der Notwendigkeit und Gerechtigkeit ihrer neuen Sache erfüllt sind, daß sie Hindernisse und Gefahren gar nicht als unüberwindlich und unvermeidlich sehen.

 

Von solchen, die nicht die Revolution, im besten Falle ein Mittel, wollen, sondern eine bestimmte Wirklichkeit, die ihr Ziel ist. Geschichtliche Erinnerungen können Schlimmes zustande bringen, wenn Menschen sich etwa als alte Römer oder Jakobiner drapieren, während sie ganz andere Aufgaben zu vollbringen haben; aber noch schlimmer ist diese Sorte Geschichtswissenschaft, die der verhegelte Marxismus gebracht hat. Wer weiß, wie lange wir schon die Revolution hinter uns hätten, wenn wir gar nie an eine bevorstehende gedacht hätten. Der Marxismus hat uns eine Art Gang gebracht, die an keine der vorhandenen Schrittarten erinnert, nicht einmal an die Echternacher Springprozession, bei der man immer zwei Schritte vorwärts und einen zurückspringt, wobei es also doch immer noch eine Vorwärtsbewegung gibt. Beim Marxismus aber macht man zielbewußte Scheinbewegungen dem Ziele der Revolution zu und entfernt sich gerade dadurch immer mehr von ihr. Es stellt sich heraus, daß das Insaugefassen der Revolution in seinem Ergebnis immer dem Bangen vor ihr gleichkommt. Es ist zu raten, beim eigenen Handeln nicht an das, was verhängt sein kann, zu denken, sondern an das, was zu tun ist. Die Forderung des Tages ist zu erfüllen: gerade von denen, die recht weithin, recht grundlegend und grundstürzend das Werk ihres Herzens, ihrer Sehnsucht, ihrer Gerechtigkeit und ihrer Phantasie bauen wollen.

 

Ganz anderes freilich müssen sie bauen, als die Flickwerke am Kapitalismus, wie wir sie, als Unternehmungen der Unternehmer, des Staats und der Arbeiter selbst, in diesen letzten Jahrzehnten beobachtet und jetzt eben in ihrem Zusammenhang schnell vorgeführt haben.

 

In diesen Zusammenhang hinein gehört auch der Kampf der Arbeiter in ihren Produzentenorganisationen, den Gewerkschaften, zur Verbesserung ihrer Lebenslage und ihrer Arbeitsbedingungen. Wir haben gesehen, wie die Arbeiter als Produzenten, durch ihr Kassenwesen, regulierend in das eingreifen, was die Marxisten als Verhängnis und unabwendbar bezeichnen. Daneben ist aber eine Hauptaufgabe der Gewerkschaften immer noch der Kampf um höhere Löhne und Verkürzung der Arbeitszeiten auf den Wegen der Unterhandlung und des Streiks.

 

In dem Kampf um die Erhöhung der Löhne handelt es sich in Wahrheit um den Kampf einzelner, wenn auch vieler und geschlossen auftretender Produzenten gegen die Gesamtheit der Konsumenten; und, da jeder einmal in diesen Produzentenkampf eintritt: um den Kampf der Arbeiter gegen sich selbst. Die Arbeiter und ihre Organisationen sind in durchaus dilettantischer Art geneigt, das Geld, den Lohn, den sie empfangen, für eine absolute Größe zu nehmen. Es ist kein Zweifel, daß 5 Mark mehr sind als 3 Mark; und so ist es dem Arbeiter freilich zu gönnen und nachzufühlen, daß er sich freut, daß er gestern nur 3 Mark, von heute ab aber 5 Mark Arbeitslohn täglich empfängt. Die Frage ist nur, ob er heut übers Jahr und über 3, 5, 10 Jahre auch noch Grund zum Vergnügen hat. Denn Geld ist nur der Ausdruck der Beziehungen der Preise und Löhne zueinander; es kommt alles auf die Kaufkraft des Geldes an.

 

Selbstverständlich werden aber durch die Erhöhung der Löhne, genau ebenso wie durch andere Steuern und Zölle, die Preise der Waren erhöht. Natürlich ist nun der Klavierarbeiter geneigt, folgendermaßen zu argumentieren: Was liegt mir viel daran, daß die Klaviere teurer geworden sind! Ich bekomme höheren Lohn und kaufe mir kein Klavier, sondern Brot, Fleisch, Kleider, Wohnung usw. Und selbst der Weber z. B. kann sagen: Wenn auch die Stoffe, die ich kaufen muß, teurer werden; ich habe nur einen kleinen Teil meines Bedarfs verteuert, habe aber meinen ganzen Lohn, mit dem ich meinen ganzen Bedarf decke, vergrößert.

 

Die Antwort auf diese und alle ähnlichen Einwendungen des privaten Egoismus sei gleich in der grundsätzlichen, umfassenden Form gegeben, die wir P. J.Proudhon verdanken. "Was in ökonomischen Dingen für den einfachen Privatmann Geltung hat, wird in dem Augenblick falsch, wo man es auf die ganze Gesellschaft ausdehnen will."

 

Die Arbeiter benehmen sich in ihren Lohnkämpfen durchaus, wie sie sich als Teilhaber der kapitalistischen Gesellschaft benehmen müssen: als Egoisten, die mit dem Ellbogen kämpfen, und, da sie allein nichts ausrichten könnten, als organisierte, vereinigte Egoisten. Organisiert und vereinigt sind sie als Branchengenossen. Alle diese Branchenvereinigungen zusammen bilden die Gesamtheit der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Warenmarkt. In dieser Rolle führen sie einen Kampf, wie sie meinen, gegen die kapitalistischen Unternehmer, in Wahrheit aber gegen sich selbst in ihrer Wirklichkeit als Konsumenten.

 

Der sogenannte Kapitalist ist nicht eine feste, greifbare Gestalt: er ist ein Vermittler, an dem freilich viel hängen bleibt, aber die Hiebe, die ihm der als Produzent kämpfende Arbeiter versetzen will, bleiben nicht an ihm hängen. Der Arbeiter schlägt zu, schlägt wie durch ein durchlässiges Scheingebilde hindurch und trifft sich selbst.

 

In den Kämpfen innerhalb des Kapitalismus können die immer nur wirkliche Siege, d.h. bleibende Vorteile erringen, die als Kapitalisten kämpfen. Ist ein Ingenieur, ein Direktor, ein kaufmännischer Angestellter seinem Chef oder seiner Aktiengesellschaft vermöge seiner persönlichen Tüchtigkeit oder seines Wissens um Geschäftsgeheimnisse unentbehrlich, so kann er etwa eines Tages sagen: Bisher habe ich 20000 M. Gehalt, gib mir 100000, sonst gehe ich zur Konkurrenz! Wenn er das durchsetzt, hat er vielleicht für die Zeit seines Lebens einen endgültigen Sieg errungen; er ist als Kapitalist vorgegangen; Egoismus hat mit Egoismus gekämpft. So kann auch manchmal ein einzelner Arbeiter sich unentbehrlich machen, seine Lebenshaltung verbessern oder ganz in den Bezirk des Reichtums eingehen. Sowie die Arbeiter aber in ihren Gewerkschaften kämpfen, machen sie sich zu Nummern, deren jede persönlich bedeutungslos ist. Sie akzeptieren damit ihre Rolle als Maschinenteile, sie agieren nur noch als Teile der Gesamtheit und die Gesamtheit reagiert gegen sie.

 

Die Arbeiter bewirken also durch ihren Produzentenkampf eine Verteuerung der Herstellung aller Artikel. Diese Verteuerung, auch wenn es sich zum Teil um Luxusartikel handelt, bewirkt doch eine Erhöhung der Preise vor allem in den Artikeln des notwendigen Massenbedarfs. Und zwar nicht eine verhältnismäßige, sondern eine unverhältnismäßige Erhöhung. Bei steigenden Löhnen steigen die Preise unverhältnismäßig hoch; bei sinkenden Löhnen dagegen sinken die Preise unverhältnismäßig langsam und wenig.

 

Es ergibt sich: auf die Dauer und im Ganzen muß der Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten die Arbeiter in ihrer Wirklichkeit als Konsumenten schädigen.

 

Hier wird nicht im geringsten gesagt, die ungemeine Verteuerung des Lebens, die Erschwerung des Lebens für viele komme ganz oder auch nur zur Hauptsache auf Rechnung der Arbeiter selbst. Es hat viel zusammengewirkt, und immer war der Egoismus schuld, der keine Gesamtwirtschaft und damit keine Kultur kennt. Einer dieser Faktoren war der Kampf der Produzenten, die sich mit diesem Kampf ausdrücklich darein gefunden haben, Glieder des Kapitalismus, aber auf seiner untersten Stufe zu sein. Alles, was die Kapitalisten als Kapitalisten tun, ist gemein; was die Arbeiter als Kapitalisten tun, ist proletarisch gemein. Natürlich ist damit nur gesagt, daß sie sich in eine gemeine Rolle gefunden haben; das ändert nichts daran, daß sie außerhalb und innerhalb dieser Rolle brav, wacker, edelmütig, heldenhaft sein können. Auch Räuber können heldenhaft sein; die Arbeiter aber in ihrem Kampfe um Lohn- und Preiserhöhung sind Räuber, ohne es zu wissen, Räuber an sich selbst.

 

Man wird bemerken wollen, die Gewerkschaften kämpften mit den Streiks gar nicht bloß um Lohnerhöhung, sondern auch um Verkürzung der Arbeitszeit, aus Solidarität mit Gemaßregelten, um ihre Arbeitsnachweise usw. Darauf ist zu erwidern, daß in diesem Zusammenhang aber lediglich von der Wirkung der Lohnerhöhung die Rede sein sollte, und daß der uns seltsam mißverstehen würde, der meinte, es solle hier ein Kampf gegen die Gewerkschaften geführt werden. O nein! Es wird anerkannt, daß die Gewerkschaft eine durchaus notwendige Organisation innerhalb des Kapitalismus ist. Man verstehe doch endlich, was hier überhaupt gesagt wird.

 

Hier wird anerkannt, daß die Arbeiter nicht eine revolutionäre Klasse, sondern ein Haufen armer Schlucker sind, die im Kapitalismus leben und sterben müssen. Hier wird zugegeben, daß für den Arbeiter die "Sozialpolitik" des Staats, der Gemeinden, die proletarische Politik der Arbeiterpartei, der proletarische Kampf der Gewerkschaften, das Kassenwesen der Gewerkschaften Notwendigkeiten sind. Es wird auch eingeräumt, daß die armen Arbeiter gar nicht immer in der Lage sind, die Interessen der Gesamtheit, auch nur der Gesamtheit der Arbeiterschaft zu wahren. Die Branchen müssen ihren egoistischen Kampf führen; denn jede Branche ist ja gegenüber allen andern eine Minderheit und muß sich angesichts der steigenden Verteuerung der Lebensmittel ihrer Haut wehren.

 

Aber alles, was hier anerkannt, zugegeben, eingeräumt wird, sind lauter Schläge für den Marxismus, der ja die Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten nicht als die armselige unterste Stufe des Kapitalismus, sondern als die vom Schicksal erkorenen Träger der Revolution und des Sozialismus auffassen will.

 

Dagegen wird hier gesagt: nein. All diese Dinge sind im Kapitalismus notwendig, solange es die Arbeiter nicht verstehen, aus dem Kapitalismus auszutreten. Aber es führt das alles nur immer im zwingenden Kreise des Kapitalismus herum; es kann alles, was innerhalb der kapitalistischen Produktion geschieht, nur immer tiefer in sie hinein, aber nie aus ihr herausführen.

 

Wir wollen dieselbe Sache noch einmal kurz von einer andern Seite betrachten. Die Kapitalisten begehen, wie Marx und andere ausführlich und in vielen wertvollen Einzeldarstellungen gezeigt haben, gegen die Arbeiter eine Erpressung: ihr habt, sagen sie durch die Tat, keine Arbeitsmittel und Werkstätten und Betriebsmittel, ihr seid in großer Zahl da, oft mehr als wir brauchen: arbeitet für den Lohn, den wir bieten.

 

Solange die Kapitalisten bloß einig sind - ohne dafür einer Vereinbarung zu bedürfen - in diesem Verhalten gegen die Arbeiter, unter einander aber national und international in heftiger Konkurrenz liegen, ergeben sich aus diesen zwei Tatsachenreihen: niedrige Löhne und billige Preise. Vereinigen sich nun die Arbeiter, um notgedrungen und rechtmäßig mit der Erpressung zu antworten: wir arbeiten alle nicht, wenn ihr nicht höhere Löhne zahlt, dann ergeben sich: höhere Löhne und teure Preise. Vereinigen sich dem gegenüber nun wieder die Kapitalisten, erstens zur gegenseitigen Unterstützung und Versicherung gegen die Pression der Arbeiter, zweitens zu Kartellen zwecks Preisfestsetzung, so wird die Erhöhung der Löhne sogar immer schwerer, die Erhöhung der Preise immer leichter vor sich gehen. Dazu kommt noch die Sicherung gegen billige ausländische Konkurrenz durch Zölle;manchmal auch Einfuhr billiger, anspruchsloser Arbeitskräfte aus dem Ausland oder wenigstens vom Lande, oder auch Ersatz der männlichen Arbeiter durch weibliche, der gelernten durch ungelernte, der Handarbeit durch Maschinenarbeit. Man sieht, der Kapitalismus ist allewege im Vorteil, solange die Arbeiter bloß auf die Löhne, aber nicht auch zugleich auf die Preise Einfluß üben können.

 

Wenn daher die Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Warenmarkt bleiben, aber trotzdem radikal ihre Lage verbessern, d. h. dem Kapital einen Teil seiner Erträge nehmen, für sich nehmen wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als auf möglichst hohe Löhne und möglichst niedrige Preise zugleich abzuzielen. Auf dem Wege der Selbsthilfe können sie bis zu einem gewissen Grade auch innerhalb des Kapitalismus in dieser Richtung vorgehen: wenn sie eine Organisationsform des Sozialismus, die Genossenschaft, in den Dienst ihres Konsums stellen und so für einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse - auf den Gebieten der Nahrung, Wohnung, Kleidung, Hauswirtschaft, usw. - einen Teil des Zwischenhandels ausschalten. So haben die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter mit relativ hohen Löhnen Aussicht, einen Teil ihrer Erfolge wirklich zu genießen, wenn sie ihre Bedürfnisse in ihren Konsumgenossenschaften (auch Wohnungsgenossenschaften sind Konsumgenossenschaften) zu relativ niedrigen Preisen decken.

 

Ein anderer, radikalerer Weg zur Oberleitung eines Teils der kapitalistischen Erträge in die Hände der Arbeiter, d. h. zur Vermögenskonfiskation ist die gleichzeitige Festsetzung von Minimallöhnen und Maximalpreisen durch die Gesetzgebung des Staats oder der Gemeinde. Das war das Mittel der mittelalterlichen Kommunen und es ist auch - ohne rechten Erfolg - in der französischen Revolution mehr vorgeschlagen als wirklich versucht worden. Sehen wir von der Kommunalpolitik des Mittelalters ab, wo es sich um ganz andere Verhältnisse, um wirkliche Kultur und Gemeinschaft gehandelt hat, so ist zu sagen: solche Vermögenskonfiskation ist revolutionäre Klassenpolitik, die sich vielleicht in gewaltsamen Übergangszeiten vorübergehend empfiehlt, ist aber höchstens ein Stückchen Weg zum Sozialismus, ist nicht Sozialismus, da Sozialismus eben nicht eine gewalttätige Operation, sondern bleibende Gesundheit ist.

 

Auf beiden Wegen - dem der Verquickung von Gewerkschaftslohn und Genossenschaftspreis und dem der gleichzeitigen Festsetzung von hohen Löhnen und niedrigen Preisen - liegt aber eine dilettantische und nur übergangsmäßige Vermengung von Kapitalismus und Sozialismus vor. Die Organisation des Konsums ist ein Anfang des Sozialismus; der Kampf der Produzenten ist eine Verfallserscheinung des Kapitalismus. Hohe Löhne und niedrige Preise in ihrer Gleichzeitigkeit sind eine erschreckende Unstimmigkeit, und eine kapitalistische Gesellschaft könnte die gleichzeitige Wirkung einer starken Gewerkschafts- und geschlossenen Konsumgenossenschaftsbewegung ebensowenig aushalten wie die obrigkeitliche Anbefehlung von hohen Löhnen und niedrigen Preisen.

 

Solcher Zwangskurs des Geldes - um nichts anderes handelte es sich in beiden Fällen - würde eine furchtbare Explosion vorbereiten und wäre der Anfang des Staats- und Gesellschaftsbankrotts.

 

Das könnte einen Wink für Gewaltrevolutionäre abgeben; aber selbstverständlich würde auch diesmal der Kapitalismus sich seiner Haut wehren: wir sehen ja auch heute, wie Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung mit scheelen Augen betrachtet werden. Die eine ist immer das Element der revolutionären Beunruhigung und hat die Tendenz zum Generalstreik in sich; die andere ist ein wenn auch überaus bescheidener und seiner selbst nicht bewußter Anfang zum Sozialismus. Würden sie stärker um sich greifen und sich ihrer Zusammengehörigkeit bewußt werden, so wäre eine so erstickende Stockung in bedrohlicher Nähe, daß ein Ventil geöffnet und die Koalition auf beiden wirtschaftlichen Gebieten eingeschränkt oder unmöglich gemacht werden würde.

 

Bei hohen Löhnen und niedrigen Preisen ist jeder Gesellschaft das Leben unmöglich gemacht; genauso unmöglich wie bei niedrigen Löhnen und hohen Preisen. In Zeiten des relativen Friedens werden es sich Kapitalisten und Arbeiter in ihrem verblendeten Privategoismus nicht nehmen lassen, für hohe Preise und hohe Gehälter und Löhne zu sorgen und damit die Luxusgier und Unbefriedigung, die Unlust des Lebens, die Schwierigkeit der Geldbeschaffung, die Stockung, die chronische Krise und den trägen Umlauf immer mehr ins Werk zu setzen; im Zeitpunkt der Revolution wird die Tendenz, die Proudhon anno 48 so großartig, wenn auch erfolglos propagiert hat: niedrige Preise! niedrige Bezüge! niedrige Löhne! hoffentlich das nächste Mal durchdringen. Sie würde Freiheit, Beweglichkeit, heitere Laune, rascheren Umlauf, Leichtigkeit des Lebens, bescheidene Freuden, schlichte Harmlosigkeit im Gefolge haben.

 

Man darf übrigens die Voraussage, was Staat und Kapitalismus tun würden, tun müßten, wenn sie von dem abnormen Verein einer starken Produzenten- und Konsumentenbewegung bedrängt würden, durchaus nicht so verstehen, als ob sie eine Warnung an die Adresse der Arbeiter sei, nach dem beliebten Muster: Was sollen wir erst anfangen? der Staat wird's ja doch verbieten! Solche Warnung ist nicht unsre Art und unser Amt. Mag immerhin zu vermuten sein, daß andre tun, was ihrer Rolle entspricht; das kann abgewartet werden und braucht einen nicht zu kümmern. Wer also die Aufgabe zu haben glaubt, dafür zu sorgen, daß die Kapitalisten immer weniger von den Arbeitern einnehmen und immer mehr an die Arbeiter ausgeben, hat nun von uns erfahren, daß dafür eine starke Konsumorganisation im Verein mit einem sich durchsetzenden Gewerkschaftskampf die gebotene Waffe ist. Denn auf das Gegenstück, die behördliche Lohn- und Preisfestsetzung wird kaum einer große Hoffnungen setzen wollen und ebensowenig auf einen Versuch, der ja auch hierher gehörte: den Einkommensüberschuß der Kapitalisten durch die Steuer konfiszieren und ihn durch geeignete Mittel ins Proletariat, etwa in die Arbeiterassoziationen fließen zu lassen. Das ist ebenfalls ein lediglich revolutionäres Mittel, das pfuscherhaft und dilettantisch ist und zu dem man nur ganz vorübergehend im Übergang seine Zuflucht nehmen könnte. Ähnliches ist ja denn auch ohne Erfolg in der Konventszeit hie und da versucht und auch bald nach 1848 von Herrn von Girardin in Frankreich vorgeschlagen worden. Auch Lassalles politisches Treiben und Drängen bewegte sich in dieser Richtung.

 

Wir also warnen nicht vor dem eigentümlichen Versuch, durch eine Verquickung von Revolution und Sozialismus, von Kampf und Aufbau die Stockung und Verstopfung in die Gesellschaft zu bringen. Wir müssen nur sagen, daß es heute noch lange nicht soweit ist und daß die Konsumgenossenschaften, wie wir sie heute haben, die ein kümmerlicher Anfang des Sozialismus sind, ohne es zu wissen, nicht im geringsten dazu angetan sind, dem Kapitalismus irgendwie ernsthaft die Preise zu verderben oder die Abnehmer zu nehmen. Das also ist vor allem die Aufgabe derer, die zum Sozialismus aufrufen: zu sagen, daß der Sozialismus beginnen muß, um zu kommen, daß er beim Konsum einzig und allein beginnen kann. Davon bald. Hier war die Aufgabe, zu zeigen, daß aller einseitige Kampf und alle Betätigung auf dem Gebiete der kapitalistischen Produktion, alles Vorgehen also der Produzenten ein Stück Geschichte des Kapitalismus ist und nichts überdies.

 

Weil wir aber doch schon dahin gekommen sind, die Betätigung der Produzenten in den Gewerkschaften, die wirtschaftliche Selbsthilfe der Arbeiter und ihren dadurch erzielten Druck zum Behuf gesetzlicher Regulierungen auf den Staat zu beschreiben und zu kritisieren, soll auch noch auf zwei andere wichtige Aufgaben dieser Organisationen und ihre Kämpfe kurz eingegangen werden. Hauptaufgaben der Gewerkschaften sind noch die Durchsetzung der Verkürzung der Arbeitszeiten und eine Änderung im Lohnwesen, die damit doch wohl in inniger Verbindung steht, nämlich der Ersatz des Stück- und Akkordlohns durch den Taglohn. Der Stück- und Akkordlohn ist eine Bezahlung nach dem Verhältnis der Arbeit zur Menge und Qualität des erzielten Produkts.

 

Es ist zu sagen, daß man in einer gerechten Tauschwirtschaft immer wieder auf diese An des Arbeitslohnes zurückkommen wird; daß es aber in einer Gesellschaft der Ungerechtigkeit gegen den Menschen, der Vernachlässigung seiner notwendigsten Bedürfnisse kaum Schlimmeres geben kann als die Verschärfung dieser Ungerechtigkeit durch die Gerechtigkeit gegen die Sachen. Unter dem Regiment des Kapitalismus kann es der Arbeiter nicht ertragen, daß irgendein anderes Prinzip sein Einkommen bestimmt als sein Bedürfnis. Da es nun zum Bedürfnis seines Leibes und Lebens nicht nur gehört, so viel Lohn zu erhalten, daß er und seine Familie existieren können, sondern auch, daß er sich nicht durch übermäßige Arbeitszeiten um Gesundheit, Schlaf und Muße bringt, bietet ihm sein Kampf um Verkürzung der Arbeitszeit einen neuen Grund, sich gegen Stück- und Akkordlohn zu wehren: denn die Verkürzung der Arbeitszeit soll sein Einkommen nicht verringern und soll ihn nicht zu maßloser Steigerung der Intensität der Arbeit nötigen. Darum übrigens ist es auch bedenklich, daß in manchen Berufen, z. B. in denen des Baugewerbes nicht ein Taglohn, sondern ein Stundenlohn bezahlt wird; die Arbeiter sind dadurch genötigt, bei jedem Kampf um Verkürzung der Arbeitszeit gleichzeitig um Erhöhung des Stundenlohns zu kämpfen, und oft geht ein solcher Streit mit einem Kompromiß zu Ende: sie erreichen das eine und müssen im andern nachgeben, verkürzen also z. B. gleichzeitig ihre Arbeitszeit und ihr tatsächliches Einkommen. Darum müßten die Arbeiter überall unterm Kapitalismus nicht nur den Stück- und Akkordlohn, sondern auch den Stundenlohn bekämpfen. Taglohn! muß die Forderung des kapitalistischen Arbeiters sein. In ihr kommt für jeden, der ein Ohr für die Stimme der Kultur oder der Niedrigkeit hat, mit scharfer Deutlichkeit zum Ausdruck, daß der Arbeiter kein freier Mann ist, der auf den Markt des Lebens tritt und Güter tauscht, sondern daß er ein Sklave ist, dem der Lebensunterhalt vom Herrn gewährt und von der Gesellschaft garantiert werden muß. Unter dem Regiment des Taglohns besteht kein ausgesprochenes Verhältnis der Arbeit zu der Menge und Qualität ihrer Produkte, besteht nicht Tausch gegen Tausch; es besteht nur die Notdurft, die nach Unterhalt begehrt. Auch hier also wieder sehen wir: der Arbeiter muß in der kapitalistischen Welt für eine kapitalistische, für eine kulturwidrige Einrichtung eintreten, um der Erhaltung seiner Existenz willen; die Not und die Rolle als Produzent machen ihn zum Helfershelfer und zum Leibeigenen des Kapitalismus.

 

Der Kampf des gewerkschaftlich organisierten Arbeiters um seine eigene Taglöhnerschaft hat sein Gegenstück im Staatsleben: nämlich im Kampf des politisch kämpfenden Arbeiters um die geheime Abstimmung. So unwürdig es ist, in der Form des Taglohns den Unterhalt des Lebens zu empfangen, statt Produkt gegen Produkt zu tauschen, d.h. Produktpreis oder -lohn zu erhalten, so erbärmlich ist es, sein Recht und seine Pflicht gegen die Gemeinschaft aus Furcht im Versteck, im Wahlklosett auszuüben. Das war der Grund, warum M. von Egidy für die öffentliche Wahl eintrat: er wollte, daß es keine üblen Folgen für den Freien und Aufrechten geben könnte. Doch war das eine Donquixoterie des edlen Mannes; heutigen Tages muß der Arbeiter Tagelöhner sein wollen und muß der Staatsbürger ein ängstlicher Helot sein wollen; es ist unmöglich, an den Einzelerscheinungen, an den unablösbaren Symptomen der kapitalistischen Wirtschaft und des kapitalistischen Staats die Kur beginnen zu wollen. Der Arbeiter muß für sein Leben sorgen; und sein Leben wäre bedroht, wenn er zum Wählen nicht ins verschlossene Klosett ginge; sein Leben wäre gefährdet, wenn er nicht Taglohn empfinge. Das alles und alles, wovon wir hier sprechen, sind Notwendigkeiten des Lebens, solange wir nicht aus dem Kapitalismus austreten; sind aber freilich nichts weniger als Mittel und Wege des Sozialismus.

 

Die Verkürzung der Arbeitszeit hat zwei Seiten, auf deren eine oft hingewiesen wird, während die andre, soviel ich sehe, nicht recht beachtet wird. Die Verkürzung der Arbeitszeit ist erstens nötig, um den Arbeiter bei Kräften zu erhalten; und hier, wo es unsre Aufgabe ist, um des Sozialismus willen die Gewerkschaften, diese notwendige Kampf- und Reguliereinrichtung des Kapitalismus, nicht etwa zu bekämpfen, dies freilich wäre mehr als töricht, wäre fast verbrecherisch, weil ja, um des Wohles der jetzt lebenden Menschen willen, durchaus nicht jede Einzelerscheinung des Kapitalismus bekämpft werden darf, wohl aber kühl und sachlich zu kritisieren, hier, sage ich, soll einen Augenblick lang innegehalten werden, um den Gewerkschaften verdienten Dank zu sagen für ihr schönstes Tun. Sie haben in allen Ländern den Arbeitern die Zeit der Mühe, der Arbeit an Dingen, die sie oft nicht interessieren, in Betrieben, die sie müde und unlustig machen, mit Techniken, die sie aufs äußerste anspannen und ihre Tätigkeit geistlos und tödlich langweilig machen, verkürzt. Dank und Lob sei ihnen; wie vielen haben sie Gelegenheit zur Erholung am Feierabend, zu einem schönen Familienleben, zu den billig zu erreichenden edlen Freuden des Lebens schöner und belehrender Bücher und Schriften, zur Beteiligung am öffentlichen Leben gegeben. Wie vielen – und wie wenigen!

 

Erst in den letzten Jahren ist begonnen worden, und auch da meistens mit unzulänglichen, oft mit lächerlich öden und parteiamtlichen Mitteln, auch etwas für die rechte Ausfüllung der gewonnenen Stunden zu tun.

 

Zusammen mit dem Kampf gegen die langen Arbeitszeiten müßten die Gewerkschaften den Kampf gegen das furchtbar verheerende Saufen führen; sie müßten als ihre Pflicht betrachten, sich nicht nur um den produzierenden, sondern auch um den ruhenden und feiernden Arbeiter zu kümmern. Da ist noch viel zu tun, und ist viel Gelegenheit zur Mitarbeit der Künstler, der Dichter, der Denker in unserm Volke. Wir dürfen nicht nur zum Sozialismus aufrufen; wir dürfen nicht bloß der Stimme der Idee folgen und in die Zukunft hineinbauen; um des Geistes willen, der uns Körper und Gestalt werden soll, müssen wir uns den lebendigen Menschen unsres Volkes zuwenden, den Erwachsenen und den Kindern, und unser alles tun, damit ihr Leib und ihr Geist stark und fein, fest und schmiegsam werde. Und dann mit diesen lebendigen Menschen zum Sozialismus! Ja nicht aber so mißverstehe man das, als solle man ihnen irgendeine bestimmte, eine sogenannte sozialistische Kunst oder Wissenschaft oder Bildung geben. O weh, was wird da mit Parteitraktätchen und tendenziösem Schrifttum für Unfug getrieben und wie viel wertvoller und natürlich auch freier ist zum Beispiel die sogenannte bürgerliche Wissenschaft als die sozialdemokratische! All solche Versuche führen zum Amtlichen, Offiziösen, Behördlichen. Es ist ein großer Fehler, an dem alle marxistischen Richtungen, die sozialdemokratische wie die anarchistische, ihren Anteil haben, daß in den Kreisen der Arbeiter alles Stille und Ewige mißachtet und nicht gekannt ist, während dagegen das Agitatorische und das oberflächliche Tagesgeschrei überschätzt wird und in greller Blüte steht. Ich selbst habe jüngst in einer größeren Stadt Deutschlands, wo ich zehn Vorträge zur deutschen Literatur hielt, die von einer sozialdemokratischen Vereinigung veranstaltet und von Mitgliedern der Gewerkschaften besucht waren, erlebt, wie nach einem Vortrag anarchistische Arbeiter in den Saal kamen, den sie vorher gemieden hatten, um mich aufzufordern, ihnen doch einmal einen Vortrag zu halten! Damals habe ich mir vorgenommen, ihnen hier die Antwort zu geben, die lautet: ich habe diesen Vortrag gehalten, als ich über Goethe, als ich über Hölderlin und Novalis, als ich über Stifter und Hebbel, als ich über Dehmel und Liliencron und Heinrich von Reder und Christian Wagner und manche andern sprach; ihr aber habt es nicht hören wollen, weil ihr nicht wisset, daß die Stimme der Menschenschönheit, die zu uns kommen soll, der starke und gefaßte Rhythmus und Einklang des Lebens im Brausen des Sturmes nicht mehr als im sanften Ziehen beruhigter Lüfte und in dem heiligen Stillstand der Unbewegtheit zu finden ist.

 

"Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja, ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Gesetze sind ... Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird ... Das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, daß jeder geachtet, geehrt, ungefährdet nach dem andern bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist, dieses Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, der Kinder zu den Eltern, in der Liebe der Geschwister, der Freunde zu einander, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt ..." (Adalbert Stifter).

 

So ist auch der Sozialismus, zu dem hier laut gerufen, von dem hier in Stille geredet wird, die sanfte Wirklichkeit bleibender Schönheit des Mitlebens der Menschen; nicht die wilde, häßliche Übergangszerstörung des häßlichen Heutigen, die auch vielleicht als Begleiterscheinung wird sein müssen, zu der zu rufen aber verderblich, heillos und unnütz wäre, wenn nicht vorher das sanfte Werk der Lebensschönheit in unsern Seelen und durch sie in die Wirklichkeit hinein getan wäre.

 

Alle Neuerung hat, trotz allem Feuer und aller Begeisterung, die sie trägt, etwas Wüstes, Häßliches, Pietätloses an sich; alles Alte, selbst das Verruchteste, selbst so überalt gewordene Institutionen, wie etwa das Militär und der Nationalstaat, haben, weil sie alt sind und Tradition haben, in all ihrer Hinfälligkeit, Entbehrlichkeit und Ablösungsbedürftigkeit einen, Schimmer wie von Schönheit. Darum lasset uns solche Neuerer sein, in deren vorgreifender Phantasie das, was sie schaffen wollen, schon als ein Fertiges, ein Eingelebtes, ein ins Vergangene und ins uralt und heilig Lebendige Verankertes lebt; darum lasset uns vor allem mit dem zerstören, was wir Sanftes, Bleibendes, Verbindendes bauen. Unser Bund sei ein Bund des strebenden Lebens mit den ewigen Mächten, die uns mit der Welt des Seienden verbinden; die Idee, die uns treibt, sei uns Idee, das heißt Bund, der uns über die Vergänglichkeit und Geschiedenheit der oberflächlichen Zeiterscheinungen hinüber mit dem Gesammelten und Gefaßten des Geistes vereint. Dies sei unser Sozialismus: ein Schaffen des Zukünftigen, als sei es ein von Ewigkeit her Gewesenes. Komme er nicht aus den Erregungen und wüst reagierenden Heftigkeiten des Augenblicks, sondern aus der Gegenwart des Geistes, die Tradition und Erbe unseres Menschentums ist.

 

Wir hatten uns unterbrochen, weil wir den Gewerkschaften für ihren Kampf um Muße und Feierabend der arbeitenden Menschen unsern Dank sagen wollten. Dies, was hier gesagt worden ist, sei unser Dank; denn, wie wir nicht bloß Produkte,Hervorbringungen und Reaktionen der abscheulichen Verfallserscheinungen des Veralteten und Hinfälligen sein wollen, sondern Produktive, die den versunkenen Geist, der einst Gemeingeist war und jetzt Isolierung geworden ist, zu neuen Formen führen und wieder lebendig und schön machen wollen, so soll auch unser Dank produktiv sein, soll auf das hinweisen, womit die Muße und Feierzeit der arbeitenden Menschen zu erfüllen ist, auf daß gesunde und starke und vom Geist erfaßte Menschen das Neue bereiten können, das als ein Uraltes aus uns herauskommen muß, wenn es uns wert sein, wenn es uns bleiben soll.

 

Die Verringerung der Arbeitsstunden schafft den Arbeitenden einen längeren Feierabend. So sehr man sich jedoch dessen freuen kann, was tatsächlich da ist, so wenig darf man außer acht lassen, was diese Errungenschaft sehr oft im Gefolge hat: die stärkere Ausnützung der Arbeitskraft, die gesteigerte Intensität der Arbeit. Oft hat der kapitalkräftige Unternehmer, eine große Aktiengesellschaft z. B., allen Grund, sich des Sieges der Arbeiter zu freuen. Alle Unternehmer einer bestimmten Branche sind etwa genötigt worden, die Arbeitszeit zu verkürzen; aber die großen Betriebe sind oft imstande, diese Einbuße durch Einführung neuer Maschinen, die den Arbeiter noch inständiger an den mechanisch hastenden Apparat fesseln, wettzumachen und so gegen ihre mittlere und kleinere Konkurrenz großen Vorteil zu haben. Manchmal freilich steht es auch umgekehrt: der Riesenbetrieb ist gehindert, seinen ungeheuren Mechanismus umzugestalten, während der mittlere und kleine Unternehmer, wenn er flotten Absatz und guten Kredit hat, sich leichter neuen Bedingungen anpassen kann.

 

Die Technik hat fast immer Ideen und Modelle vorrätig, um diesem Bedarf nach gesteigerter Auspumpung der Arbeit aus den Betätigungen der Menschen, die nur Diener der Maschinen sind, Genüge zu leisten.

 

Das ist die andere, die bittere Seite des längeren Feierabends: der angestrengtere Arbeitstag. Der lebendige Mensch kann in Wahrheit nicht lediglich arbeiten, um zu leben, sondern will in der Arbeit, während der Arbeit sein Leben fühlen, sich seines Lebens freuen, braucht also nicht bloß Erholung, Ruhe und Freude am Abend, braucht vor allem Lust an der Betätigung selbst, starke Anwesenheit seiner Seele bei den Funktionen seines Leibes. Unsere Zeit hat den Sport, die unproduktive, spielerische Betätigung der Muskeln und Nerven zu einer Art Arbeit oder Beruf gemacht; in wirklicher Kultur wird die Arbeit selbst wieder ein spielendes Gehenlassen all unserer Kräfte sein.

 

Der Industrielle wird übrigens häufig, um wieder einzuholen, was die Verringerung der Arbeitszeit ihm nimmt, noch nicht einmal die mechanischen Apparate seines Betriebes umändern müssen. In der Fabrik gibt es noch einen ändern Mechanismus, der nicht aus Eisen und Stahl besteht: die Arbeitsordnung. Einige neue Anordnungen, ein paar neue Aufseher- und Werkmeisterposten beschleunigen oft den Gang eines Betriebes wirksamer als neue Maschinen. Nur daß freilich dieser Mechanismus selten von langer Dauer ist; es ist immer ein stillschweigendes Ringen zwischen der Lässigkeit, d. h. der natürlichen Langsamkeit der Arbeiter und der Energie der Antreiber; und auf die Dauer siegt, wo es sich um Menschen gegen Menschen handelt, immer eine Art Gesetz der Trägheit. Dieser Kampf um langsame Arbeit ist schon immer dagewesen; lange ehe er eine bewußte Waffe im Klassenkampf geworden und ein Teil des sogenannten Sabots geworden ist. Dieser Sabot, der die Arbeiter auffordert, zu einem bestimmten Zweck langsame, liederliche, schlechte oder gar verderbliche Arbeit zu liefern, kann im Einzelfall, wie z. B. Streik von Post-, Eisenbahn- oder Hafenarbeitern treffliche Dienste tun; er hat aber auch seine bedenkliche Seite, wie man denn oft, bei extremen Kampfmitteln der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Markt, nicht unterscheiden kann, wo der klassenbewußte Kämpfer aufhört und wo der vom Kapitalismus seelisch angefressene, verderbte und heruntergebrachte Verantwortungslose, dem jede nützliche Arbeit zuwider ist, beginnt.

 

Die verschärfte Arbeitsordnung ist von vorübergehender Wirkung; die Maschine aber ist unerbittlich. Sie hat ihre bestimmte Tourenzahl, ihre gegebene Leistung, und der Arbeiter hängt nicht mehr von einem mehr oder weniger menschlichen Menschen ab, sondern von dem metallenen Teufel, der vom Menschen zur Ausnutzung der Menschenkräfte angeschafft wurde. Die psychologische Erwägung der Arbeitsfreudigkeit des Menschen spielt dabei eine untergeordnete Rolle; jeder Arbeiter weiß es und empfindet es mit besonderer Bitterkeit, daß Maschinen, Werkzeuge und Tiere mit mehr Schonung behandelt werden als die arbeitenden Menschen. Das ist so wenig wie irgend etwas, was hier gesagt wird, eine agitatorische, demagogische Übertreibung; es ist völlige, nüchtern zu erfassende Wahrheit. Man hat oft die modernen Proletarier Sklaven genannt und hat in dieses Wort den Ton der äußersten Empörung gelegt. Man soll aber wissen, was man sagt, und soll auch so ein Wort wie das Wort "Sklave" in seinem nüchternen, wirklichen Sinn gebrauchen. Ein Sklave war ein Schutzbefohlener, den man gut pflegen, dessen Arbeit man psychologisch lenken mußte, denn sein Tod kostete Geld: es mußte ein neuer gekauft werden. Das Furchtbare am Verhältnis des modernen Arbeiters zu seinem Herrn ist gerade, daß er kein solcher Sklave ist, daß es dem Unternehmer vielmehr in den meisten Fällen ganz gleichgültig sein kann, ob der Arbeiter lebt oder stirbt. Er lebt dem Kapitalisten; er stirbt sich selbst. Die Ersatzmänner sind da. Maschinen und Pferde müssen gekauft werden; sie machen erstens Anschaffungskosten; zweitens Betriebskosten; und so war es auch beim Sklaven: er mußte zuvörderst gekauft oder schon als Kind aufgezogen und dann unterhalten werden. Den modernen Arbeiter bekommt der moderne Unternehmer umsonst; ob er den Unterhalt, den Lohn dem Müller oder dem Schulze bezahlt, ist ihm gleichgültig.

 

Auch hier wieder, in dieser Entpersönlichung, Entmenschlichung des Verhältnisses zwischen Unternehmer und Arbeiter wirken kapitalistisches System, moderne Technik und Staatszentralismus Hand in Hand. Das kapitalistische System schon macht den Arbeiter zu einer Nummer; die mit dem Kapitalismus verbündete Technik macht ihn zum Anhängsel am Räderwerk der Maschine; und der Staat sorgt dafür, daß der kapitalistische Unternehmer nicht nur den Tod des Arbeiters nicht zu beklagen, sondern sich auch in den Fällen der Krankheit oder des Unfalls in keiner Weise persönlich seiner anzunehmen hat. Die Versicherungseinrichtungen des Staates können gewiß von verschiedenen Seiten betrachtet werden; aber diese sollte nicht übersehen werden: auch sie setzen den blind funktionierenden Mechanismus an die Stelle der lebendigen Menschlichkeit.

 

Die Grenzen der Technik, wie sie sich heute in den Kapitalismus eingeordnet hat, sind über die Grenzen der Menschheit hinausgegangen. Es kommt nicht einmal auf Leben und Gesundheit der Arbeiter viel an (hier darf nicht nur an Maschinen gedacht werden; man erinnere sich der gefährlichen Metallabfälle in der Luft der Werkstätten, der Giftbetriebe, der Vergiftung der Luft über ganzen Städten); es kommt ganz gewiß nicht auf die Lebensfreude und das Behagen der Arbeitenden während der Arbeit an.Die Marxisten und die Arbeitermassen, die unter ihrem Einfluß stehen, lassen ganz außer acht, wie gründlich sich in dieser Hinsicht die Technik der Sozialisten von der kapitalistischen Technik unterscheiden wird. Die Technik wird sich in einem Kulturvolk ganz nach der Psychologie der Freien, die sich ihrer bedienen wollen, richten müssen. Wenn die arbeitenden Menschen selbst bestimmen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen, werden sie ein Kompromiß schließen zwischen der Zeitmenge, in der sie außerhalb der Produktion stehen wollen, und der Arbeitsintensität, die sie innerhalb der Produktion zu leisten gewillt sind. Da mögen die Menschen recht verschieden sein: die einen werden sehr schnell und sehr hitzig arbeiten, um sich nachher recht lange zu vergnügen oder zu erholen; die ändern werden keine Stunde des Tages bloß zum Mittel erniedrigen wollen, werden auch in der Arbeit Behagliche, Lusterfüllte sein wollen, werden ›Eile mit Weile‹ zu ihrer Devise machen und ihre Technik dieser ihrer Natur anpassen.

 

Heute ist von dem allem keine Rede. Die Technik steht ganz im Banne des Kapitalismus; die Maschine, das Werkzeug, der tote Diener des Menschen, ist zum Herrn über den Menschen gemacht worden. Auch der Kapitalist ist bis zu hohem Grade abhängig von dem Mechanismus, den er eingeführt hat, und hier ist der Moment, wo wir die zweite Seite der Verkürzung der Arbeitszeit ins Auge fassen können. Die erste war die, daß sie dazu dient, den Arbeiter bei Kräften zu lassen; inwiefern dieser Tendenz durch die gesteigerte Intensität der Arbeit wieder begegnet wird, haben wir eben gesehen. Die Verkürzung der Arbeitszeit hat aber ferner auch die erfreuliche Wirkung für die lebendigen Angehörigen der Arbeiterklasse, daß sie die Zahl der Arbeitslosen vermindert.

 

Der Industrielle muß nämlich seine Maschinerie ausnutzen; seine Maschinen müssen, um rentabel zu sein, eine bestimmte Zeit laufen. Er muß sich, wenn sein Betrieb rentabel sein soll, nach der Konkurrenz im In- und Ausland richten, und in vielen Branchen ist er genötigt, damit seine Kraftzentrale sich rentiert, die Maschinen Tag und Nacht laufen zu lassen. Er wird also, wenn die Arbeitszeit verkürzt wird, mehr Arbeiter einstellen; er wird oft gerade die Gelegenheit eines Kampfes mit den Arbeitern benutzen, um die vierundzwanzigstündige Arbeitszeit, d. h. den Schichtwechsel einzuführen. Die Rentabilitätsnotwendigkeit, die Anforderungen des Mechanismus, die Forderungen der Arbeiter: all das in vereinigter Aktion bewirkt oft die Mehreinstellung von Arbeitern und damit die Verringerung der sogenannten industriellen Reservearmee. Die Grenze wird immer von der Rentabilität des Betriebs bestimmt werden, wobei aber zwischen den Anforderungen des Mechanismus und der Aufnahmefähigkeit des Marktes eine Art Kompromiß geschlossen werden muß.

 

Oft wird der Unternehmer von seinen maschinellen Einrichtungen und der Zahl der Arbeiter, die er an die Maschinen gestellt hat, gezwungen, den Betrieb in einem gewissen Umfang fortzuführen, und ist der Markt nicht mehr aufnahmefähig, so muß er mit den Preisen heruntergehen: denn der kapitalistische Markt ist ja für alle Artikel immer aufnahmefähig, wenn sie nur billig genug sind. So hängt es zusammen, daß ein Unternehmer oft Tausende von Arbeitern Tag und Nacht arbeiten läßt und dabei Stunde für Stunde Geld verliert. Er nimmt das auf sich, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, wo die Preise wieder anziehen. Ist es nichts mit dieser Aussicht, so wird er einen Teil seines Betriebs, oder seinen ganzen Betrieb an bestimmten Tagen stillegen müssen.

 

Unsere Behauptung, daß die Technik heutigentags im Banne des Kapitalismus steht, müssen wir also durch den Zusatz ergänzen, daß aber auch andrerseits der Kapitalismus der Sklave der selbstgeschaffenen Technik ist. Da geht es wie mit dem Zauberlehrling: "Die ich rief, die Geister, werd' ich nicht mehr los!" Wer in den Zeiten der Prosperität, des guten Absatzes seinen Betrieb auf einer bestimmten Stufe eingerichtet hat, der hat es nicht mehr in der Wahl, wieviel er produzieren will. Auch er ist aufs Rad seiner Maschinen geflochten; und er mitsamt seinen Arbeitern wird oft von ihnen zermalmt.

 

Wir haben hier einen der Punkte berührt, an denen die kapitalistische Produktion aufs engste mit der Spekulation verknüpft ist. Der ist nur ein ganz Kleiner auf der Stufenleiter des Kapitalismus, der nicht von den Bedingungen seines Betriebs und seines Absatzes in die Spekulation hineingetrieben wird. Ein Spekulant ist jeder, dessen Betrieb von diesen zwei ganz unzusammenhängenden Faktoren: den Anforderungen seines Maschinen- und Menschenapparates einerseits und den Preisschwankungen des Weltmarktes andrerseits abhängig ist. Den Menschen in dieser Lage, die Monate und oft Jahre hindurch hunderten oder tausenden von Arbeitern Woche für Woche ihren festgesetzten Lohn auszahlen, während sie Woche für Woche Verluste erleiden, mag oft genug der Seufzer entfahren: "Meine Arbeiter haben's besser als ich!" Oft kann sich ein solcher von maßlosen Sorgen gehetzter armer Reicher nur dadurch retten, daß er mit einem Teil seines Vermögens glückliche Börsenspekulationen macht und so sein Unglück auf dem Gebiet der Handelsspekulation wieder ausgleicht; wie umgekehrt einer, dessen Geschäft floriert, sich durch Spekulationen auf ganz anderm Gebiet zugrunde richten mag. Wer vom kapitalistischen Markt abhängt, muß spekulieren und muß sich ans Spekulieren gewöhnen und muß auf den mannigfachsten Gebieten spekulieren.

 

Viel zuwenig weiß der Arbeiter, der unter dem Kapitalismus leidet, diese entscheidende Tatsache: daß alle Menschen, alle ohne Ausnahme Leid bis zur Maßlosigkeit, und wenig Freude, gar keine rechte Freude haben unter diesen kapitalistischen Zuständen. Viel zuwenig auch weiß der Arbeiter, was für furchtbare, was für unwürdige und erdrückende Sorgen der Kapitalist hat; was für ein völlig unnötiges, ganz und gar unproduktives Quälen und Abrackern ihm aufgeladen ist, und viel zuwenig beachten die Arbeiter diese Ähnlichkeit zwischen sich selbst und den Kapitalisten: daß nicht nur die Kapitalisten, sondern auch viele Hunderttausende in der Arbeiterschaft selbst ihren Profit oder ihren Lohn für völlig unnütze, unproduktive, überflüssige Arbeit beziehen; daß gerade heute eine furchtbare Tendenz in der Produktion dahin geht: mehr und mehr Luxusprodukte, dabei auch den Schundluxus für das Proletariat, herzustellen und viel zuwenig die notwendigen, die soliden Produkte fürs wirkliche Bedürfnis. Die notwendigen Produkte werden immer teurer, der Luxus wird immer mehr Schund und wird immer billiger - dahin geht die Tendenz.

 

Kehren wir jetzt von der Abschweifung, die wir den Betätigungen der Gewerkschaften gewidmet haben, zurück und fassen wir schließlich zusammen.

 

Wir haben gesehen, wie die am Kapitalismus interessierten Unternehmer, die Fabrikanten-Händler und ebenso die an ihrer Lebenshaltung interessierten Arbeiter und schließlich auch der Staat dafür Sorge getragen haben und weiter darum bemüht sind, daß das System der kapitalistischen Wirtschaft erhalten bleibt. Wir haben weiter beachtet, wie alle Menschen in die gegenseitige Ausbeutung verstrickt sind, wie alle einmütig ihre Sonderinteressen wahren und die Gesamtheit schädigen müssen, wie alle, gleichviel, auf welcher Stufe des Kapitalismus sie stehen, immer von Unsicherheit bedroht sind.

 

Damit, daß wir das gesehen haben, haben wir den Zusammenbruch des Marxismus gesehen, der zu wissen meinte, der Sozialismus bereite sich in den Einrichtungen und dem Katastrophenprozeß der bürgerlichen Gesellschaft selbst vor und der Kampf der immer anwachsenden, immer entschlossener auftretenden, immer revolutionärer handelnden Proletariermassen sei ein notwendiger, in der Geschichte vorgesehener Akt zur Herbeiführung des Sozialismus. In Wahrheit aber ist dieser Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Markt nichts als ein Drehen im Kreise des Kapitalismus. Man kann nicht einmal sagen, daß dieser Kampf eine allgemeine Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse herbeiführe; nur das ist zu sehen, daß er und seine Wirkungen die Arbeiterklasse an ihre Lage und an die allgemeinen Zustände der Gesellschaft gewöhnen.

 

Der Marxismus ist einer der Faktoren und kein unwesentlicher, die den kapitalistischen Zustand erhalten, festigen und in seinen Wirkungen auf den Geist der Völker immer trostloser machen. Die Völker, das Bürgertum und ganz ebenso die Arbeiterklasse, sind immer mehr mit den Zuständen der sinnlosen, spekulativen und kulturlosen Gelderwerbsproduktion verwachsen; immer mehr nimmt in den Klassen, die besonders schlimm unter den Zuständen leiden, die oft in Not und Entbehrung, immer in Armut leben, die Klarheit, die Rebellion und die Erneuerungsfreude ab.

 

Der Kapitalismus ist nicht eine Periode des Fortschritts, sondern des Verfalls. Der Sozialismus kommt nicht auf dem Wege der Weiterentwicklung des Kapitalismus und kommt nicht durch den Produzentenkampf der Arbeiter innerhalb des Kapitalismus.

 

Das sind die Resultate, zu denen wir gekommen sind.

 

Die Jahrhunderte, zu denen unsere Gegenwart gehört, sind Zeiten der Negation. Die Bünde und Korporationen, das ganze gemeinsame Leben der früheren Kulturzeit, der wir entstammen, all das irdisch-schöne Treiben und Getriebensein war wie umwunden und eingewickelt in Himmelswahn. Untrennbar verbunden war da dreierlei: erstens der Geist des verbindenden Lebens, zweitens die Bildersprache für die unnennbare Einheit,Unsinnlichkeit und Bedeutsamkeit des in der Seele des Einzelmenschen wahrhaft erfaßten Weltenalls und drittens der Aberglaube.

 

In diesen unsren Zeiten ist nun der Aberglaube der wörtlich genommenen christlich-dogmatischen Vorstellungen mehr und mehr bis ins Volk hinein angegriffen und entwurzelt worden. Das Sternenweltall wurde erst recht entdeckt, die Erde und der Mensch auf ihr wurde zugleich kleiner und größer. Die irdische Regsamkeit dehnte sich; die Angst vor Teufeln, Himmelsmächten, Kobolden und Dämonen begann zu schwinden; man fühlte sich im unendlichen Raum der Welten auf dem kreisenden Sternlein sicherer als vorher auf der fratzenhaften Gotteswelt. Man lernte unverkennbare Naturkräfte in ihrer sicher zu berechnenden Wirksamkeit kennen, man lernte sich ihrer bedienen und konnte ihnen furchtlos vertrauen. Neue Methoden der Arbeit, der Veränderung der Naturprodukte wurden gefunden; die Erde wurde auf ihrem ganzen Rund ausgeforscht und neu besiedelt; der Verkehr und die Mitteilung geht mit einer Schnelligkeit, die auch uns noch nicht gewohnt, die auch uns noch märchenhaft ist, rund um den Erdball; und im Zusammenhang mit alledem hat die Menge der gleichzeitig lebenden Menschen ungemein zugenommen. Die Bedürfnisse, aber auch die Mittel, sie zu befriedigen, haben sich riesenhaft gesteigert.

 

Keineswegs ist in dieser Zeit der Negation der Aberglaube bloß erschüttert worden; es ist auch Positives an seine Stelle getreten: Wissen von der sachlichen Beschaffenheit der Natur hat den Glauben an die dämonischen Feinde und Freunde in der Natur abgelöst; Macht über Natur ist der Angst vor den Plötzlichkeiten und Tücken der Geisterwelt gefolgt, und dieser Tod der unzähligen Geisterchen hat seinen sehr realen Ausdruck in der außerordentlichen Zunahme der Geburtenziffer der Menschenkinder gefunden.

 

Mit dem Geisterhimmel, den wir ausgefegt und mit Welten und Welten besetzt haben, war nun aber alles tiefere Empfinden, aller Überschwang und jegliche Einheit und jeder Bund der Menschen tief verwachsen. Die Sternenwelten, die wir entdeckten, die Naturkräfte, mit deren Wirkungen wir vertraut wurden, sind nur draußen, sind dienlich und dienen dem äußeren Leben. Ihre Einheit mit unserer Innerlichkeit sprechen wir zwar in allerlei, manchmal tiefen, manchmal platten Philosophien, Naturtheorien und dichterischen Anläufen aus; aber sie ist nicht ein Stück von uns, ist nicht lebendig geworden. Vielmehr ist das, was vorher lebendig gewesen ist, das Bild oder der Glaube oder das unsagbare Wissen davon, daß die Welt in ihrer Wahrheit, wie wir sie in uns selbst tragen, ganz anderes ist, als die nützlichen Sinne uns sagen, und die damit verbundene echte Genossenschaft der Menschen in kleinen Verbänden der Freiwilligkeit zugleich mit dem Aberglauben heruntergekommen, ohne daß die Fortschritte des Naturwissens und der Technik dafür den geringsten Ersatz hätten bringen können.

 

Darum also nennen wir diese Zeiten eine Periode des Verfalls, weil das Wesentliche der Kultur, der menschenverbindende Geist heruntergekommen ist.

 

Die Versuche, zu altem Aberglauben oder zu sinnlos gewordener Bildersprache zurückzukehren, diese immer wieder erneuerten, mit der Schwäche und der Haltbedürftigkeit süchtiger Menschen, in denen die Empfindung stärker ist als der Verstand, in Verbindung stehenden Anläufe der Reaktion sind gefährliche Hemmnisse und am letzten Ende wieder nur Symptome des Niedergangs. Sie werden noch widerwärtiger, wenn sie sich, wie es leicht geschieht, mit dem Zwangsregiment des Staates, der organisierten Geistlosigkeit, verbünden.

 

Wenn wir also von Verfall reden, hat das nichts gemein mit der Pfaffenklage über die Sündhaftigkeit unserer Welt und mit den Rufen zur Umkehr. Dieser Niedergang ist eine vorübergehende Epoche, die in sich die Ansätze zu neuem Beginn, frischem Aufschwung, geeinter Kultur trägt.

 

So dringend es ist, daß wir den Sozialismus, den Kampf für neue Zustände zwischen den Menschen als geistige Bewegung erfassen, das heißt, daß wir verstehen, wie es nur zu neuen Verhältnissen zwischen den Menschen kommt, wenn die vom Geiste bewegten Menschen sie sich schaffen, genau so wichtig ist es, daß wir Starke seien, die nicht nach Vergangenem und Unwiederbringlichem schielen und sehnen, kurz: daß wir nicht lügen.

 

Himmelswahn, Wahrheit, Philosophie, Religion, Weltanschauung oder wie immer man die Versuche nennen will, das Weltgefühl zu Worten und Formen zu ballen, gibt es bei uns nur für die Individuen. Jeder Versuch, auf Grund solcher geistigen Übereinstimmungen Gemeinden, Sekten, Kirchen, Vereinigungen irgend welcher Art zu gründen, führt, wenn nicht zu Unwahrheit und Reaktion, so doch zu purem Schwatz und Tand. Wir sind in allem, was über die Sinnen- und Naturwelt hinausgeht, zutiefst Einsame, der schweigenden Vereinzelung Zugekehrte geworden. Das heißt nichts anderes, als daß all unsre Weltanschauung keinerlei überwältigende Notwendigkeit, keinerlei ethischen Zwang, keinerlei Verbindung für die Wirtschaft und Gesellschaft in sich trägt. Das müssen wir hinnehmen, da es so ist, und können es, da wir in der Zeit des Individualismus leben, in mannigfacher Form hinnehmen: froh oder resigniert, verzweifelt oder sehnsüchtig, gleichmütig oder gar frech.

 

Besinnen wir uns aber, daß jeder Wahn, jedes Dogma, jede Philosophie oder Religion ihre Wurzeln nicht in der äußeren Welt, sondern in unserem inneren Leben hat. All diese Sinnbilder, in denen die Menschen Natur und Ich in Einklang miteinander bringen, sind nur darum geeignet, Schönheit und Gerechtigkeit in das Mitleben der Völker zu bringen, weil sie Widerspiegelungen der Gesellschaftstriebe unsres Innern, weil sie unser Gestalt gewordener Geist selber sind. Geist ist Gemeingeist, und es gibt kein Individuum, in dem nicht, wach oder schlummernd, der Trieb zum Ganzen, zum Bunde, zur Gemeinde, zur Gerechtigkeit ruht. Der natürliche Zwang zur freiwilligen Vereinigung der Menschen untereinander, zu den Zwecken ihrer Gemeinschaft, ist unausrottbar da; aber er ist von einem schweren Schlage getroffen und wie betäubt worden, weil er lange Zeiten in Verbindung war mit dem aus ihm selbst entsprungenen Weltenwahn, der nun dahingegangen oder im Verfaulen begriffen ist.

 

Wir sind also nicht darauf angewiesen, erst dem Volk eine Weltanschauung zu schaffen, die ein durchaus künstliches, vergängliches, schwächliches oder gar romantisch-heuchlerisches Gebilde und heute geradezu der Mode unterworfen wäre. Wir haben die Wirklichkeit lebendig-individuellen Gemeingeistes vielmehr in uns und müssen sie nur herauf, ans Schaffen lassen. Die Lust zum Schaffen der kleinen Gruppen und Gemeinden der Gerechtigkeit, nicht himmlischer Wahn oder symbolische Gestalt, sondern irdische Gesellschaftsfreude und Volksbereitschaft der Individuen wird den Sozialismus, wird den Beginn wirklicher Gesellschaft herbeiführen. Der Geist wird sich direkt betätigen und wird aus lebendigem Fleisch und Blut seine sichtbaren Formen schaffen: die Sinnbilder des Ewigen werden Gemeinden, die Verkörperungen des Geistes werden Körperschaften irdischer Gerechtigkeit, die Heiligenbilder unserer Kirche werden Einrichtungen der vernünftigen Wirtschaft sein.Der vernünftigen Wirtschaft; mit voller Absicht ist dieses Wort Vernunft gebraucht; denn noch ist eines hinzuzufügen.

 

Wir haben diese unsere Zeit eine Periode des Verfalls genannt, weil das Wesentliche geschwächt und verderbt wurde: der Gemeingeist, die Freiwilligkeit, die Schönheit des Volkslebens und seiner Gestalten. Aber es ist ja nicht zu verkennen, daß in dieser Zeit mancherlei Fortschritt enthalten ist. Der Fortschritt in der Wissenschaft, der Technik, der unbefangenen Eroberung und Bezwingung der sachlich gewordenen Natur heißt mit einem ändern Wort Aufklärung. Der Verstand ist beweglicher und heller geworden; und so wie wir der Natur die Physik - im weitesten Sinne des Ausdrucks - abgerungen haben, die sich in der praktischen Anwendung bewährt; so wie wir in der Ausnutzung der Naturkräfte gelernt haben, uns der Rechnung zu bedienen, so werden wir nun auch lernen, in der Technik der menschlichen Beziehungen auf einem außerordentlich verbreiterten Felde, rings um den Erdball, das Richtige und Vernünftige unter vielfacher Anwendung der Rechnung, der Arbeitsteilung und wissenschaftlicher Methoden zu tun. Bisher war die Technik der Industrie und die Ökonomie der Beziehungen, die beide schon weit ausgebildet sind, eingeordnet in das System der Ungerechtigkeit, Sinnlosigkeit und Gewalt. Die physikalisch-industrielle wie die ökonomisch-soziale Technik werden nun der neuen Kultur, dem kommenden Volke helfen, wie sie bisher den Privilegierten und Gewalthabern und Börsenspekulanten gedient haben.

 

Statt also von einer Periode des Verfalls, in der wir stünden, zu reden, kann man auch, wenn man will, von einem Fortschritt sprechen, in dem zuerst mit dem Aberglauben aufgeräumt wurde, in dem dann Naturbetrachtung und Naturbeherrschung, Technik und rationelle Nationalökonomie sich mehr und mehr durchsetzten, bis schließlich der Gemeingeist, die Freiwilligkeit, die Gesellschaftstriebe, die ein paar Jahrhunderte lang überwuchert waren, wieder aufsteigen, die Menschen packen und zusammenbringen und sich der neuen Gaben bemächtigen.

 

Hat die gleiche Richtung des Geistes in den Individuen diese erst mit ihrem natürlichen Zwange gepackt und zu Bünden geballt, ist also die Idee, das zusammenfassende Schauen, das die Individualerscheinungen und Getrenntheiten zu Zusammengehörigkeiten und Einheiten wandelt, wieder einmal aus dem Geiste der Einzelmenschen herausgetreten und zum Menschenbunde, zur Körperschaft, zur verbindenden Gestalt geworden, ist diese irdisch-leibhafte Form des Geistes erst da, dann ist es leicht möglich, daß einmal auch wieder Jahrhunderte der geistigen Überwältigung, der bindenden Weltanschauung oder des Wahnes zu den Menschen kommen. Wir suchen solche Überwältigung nicht, wir wehren uns dagegen und sind durchaus nicht nach der Befangenheit lüstern. Auch wissen wir viel zuwenig von den Kreisbahnen der Menschengeschichte, als daß wir nach irgendeiner Wahrscheinlichkeit sagen könnten, dieser Ring müsse wiederum geschlossen werden; und wiederum müsse sich mit Idee und Bund und kosmisch-religiöser Kunstgestalt der Aberglaube verbinden, und wiederum dann müsse mit dem Aberglauben zugleich der Gemeingeist gesprengt und der Individualismus und die Isoliertheit hergestellt werden und so immer weiter. Wir haben kein Recht zu solchen Konstruktionen; es kann sein, daß das Notwendigkeit ist; es kann auch ganz anders kommen. Wir sind noch lange nicht soweit. Was jetzt unsere Aufgabe ist, steht klar vor uns: nicht die Lüge, sondern die Wahrheit. Nicht die Künstlichkeit einer Religionsimitation, sondern die Wirklichkeit der sozialen Schöpfung unbeschadet der vollen geistigen Unabhängigkeit und Mannigfaltigkeit der Individuen.

 

Die neue Gesellschaft, die wir bereiten wollen, deren Grundstein zu legen wir uns anschicken, wird nicht eine Rückkehr zu irgendwelchen alten Gebilden, wird das Alte in neuer Gestalt, wird eine Kultur mit den Mitteln der in diesen Jahrhunderten neu erwachsenen Zivilisation sein.

 

Dieses neue Volk aber kommt nicht von selbst: es "muß" gar nicht kommen, so wie die falsche Wissenschaft der Marxisten dieses "muß" nimmt; es soll kommen, weil wir Sozialisten es wollen, weil wir solches Volk als geistige Vorform schon in uns tragen.

 

Wie also beginnen wir? Wie kommt der Sozialismus? Was ist zu tun? zunächst zu tun? gleich jetzt zu tun? Darauf zu antworten, ist zum Schluß unsere Aufgabe.

 

Es war ein denkwürdiger Moment in der Geschichte dieser unsrer Zeit, als Pierre Joseph Proudhon im Anschluß an die französische Februarrevolution des Jahres 1848 seinem Volke sagte, was es zu tun hatte, um die Gesellschaft der Gerechtigkeit und Freiheit zu gründen. Er lebte, wie alle seine revolutionären Volksgenossen der Zeit, noch ganz in der Tradition der Revolution, die 1789 zum äußern Ausbruch gekommen und für das Gefühl dieser Zeit noch im allerersten Anfang, durch die Gegenrevolution und die ihr folgenden Regierungen, die sich alle nicht hatten festsetzen können, nur gehemmt worden war.

 

Er sagte: Die Revolution hat dem Feudalismus das Ende gemacht. Sie muß Neues an seine Stelle setzen. Der Feudalismus war eine Ordnung auf dem Gebiete der Wirtschaft des Staates, war ein gegliedertes, militärisches System der Abhängigkeiten. Schon seit Jahrhunderten ist es durchlöchert worden durch Freiheiten; die bürgerliche Freiheit hat sich mehr und mehr durchgesetzt. Sie hat aber auch die alte Ordnung und Sicherheit, die alten Vereinigungen und Bünde zerstört; einige sind in der Bewegungsfreiheit reich geworden, die Massen sind der Not und der Unsicherheit preisgegeben. Wie sorgen wir, daß wir die Freiheit bewahren, ausbauen, allen schaffen, daß aber dazu die Sicherheit, der große Ausgleich des Besitzes und der Lebensbedingungen, die neue Ordnung komme?

 

Die Revolutionäre, sagt er, wissen noch nicht, daß die Revolution dem Militarismus, d. h. der Regierung ein Ende zu machen bestimmt ist; daß ihre Aufgabe ist, an die Stelle der Politik die Soziale, für den politischen Zentralismus die unmittelbare Verbindung der wirtschaftlichen Interessen, die Wirtschaftszentrale zu setzen, die nicht Herrschaft über Personen, sondern Regelung von Geschäften ist.

 

Ihr Franzosen, sagt er, seid kleine und mittlere Landleute, kleine und mittlere Handwerker; ihr seid tätig im Ackerbau, der Industrie, dem Transport- und Vermittlungswesen. Bisher habt ihr Könige und ihre Beamten gebraucht, um zueinander zu kommen und euch gegeneinander zu wahren; den König des Staates habt ihr 1793 abgeschafft; den König der Wirtschaft aber, das Gold, habt ihr behalten; und weil ihr so das Unglück und die Ordnungslosigkeit und Unsicherheit im Lande gelassen habt, mußtet ihr auch wieder Könige und Beamten und Armeen hereinlassen. Räumt mit den autoritären Vermittlern auf; schafft die Schmarotzer ab; sorgt für die unmittelbare Verbindung eurer Interessen; dann ist die Gesellschaft, die Erbin des Feudalismus, die Erbin des Staates geschaffen.

 

Was ist das Gold? was ist Kapital? Es ist nicht ein Ding, wie ein Schuh oder ein Tisch oder ein Haus. Es ist keine Sache, ist nichts Wirkliches. Das Gold ist ein Zeichen für ein Verhältnis; das Kapital ist etwas, was als Beziehung zwischen den Menschen hin und her geht, ist etwas zwischen den Menschen. Kapital ist Kredit; Kredit ist Gegenseitigkeit der Interessen. Ihr seid jetzt in der Revolution; die Revolution, d. h. die Begeisterung, der Geist des Vertrauens, der Überschwang des Ausgleichs, die Lust, aufs Ganze zu gehen, ist über euch gekommen, ist zwischen euch erstanden: schafft euch jetzt die unmittelbare Gegenseitigkeit, sorgt für die Einrichtung, daß ihr ohne schmarotzende und aussaugende Zwischenglieder mit den Produkten eurer Arbeit an einander herankommt; dann braucht ihr keine bevormundende Behörde und nicht die Übertragung der politischen Regierungsallmacht auf das wirtschaftliche Leben, von der die neuesten Pfuscher, die Kommunisten, reden. Die Aufgabe ist: die Freiheit in Wirtschaft und öffentlichem Leben zu behaupten und erst recht zu schaffen und doch für den Ausgleich, für die Abschaffung der Not und Unsicherheit zu sorgen, das Eigentum, das nicht Besitz an Sachen, sondern Herrschaft über Menschen oder Sklavenhaltung ist, und den Zins, der Wucher ist, abzuschaffen. Schafft euch die Tauschbank!

 

Was ist die Tauschbank? Nichts anderes als die äußere Form, die sachliche Institution für Freiheit und Gleichheit. Wer immer Nützliches arbeitet, der Landmann, der Handwerker, die Arbeiterassoziation, sie alle sollen nur einfach weiter arbeiten. Die Arbeit braucht nicht erst organisiert, d. h. behördlich bevormundet oder verstaatlicht zu werden. Tischler, fertige Möbel; Schuster, mache Stiefel; Bäcker, backe Brot und so allesamt weiter im Produzieren von allem, was das Volk braucht. Tischler, du hast kein Brot? Freilich kannst du nicht zum Bäcker gehn und ihm Stühle und Schränke anbieten, die er nicht braucht. Geh zur Tauschbank und laß dir deine Aufträge, deine Fakturen in allgemeingültige Schecks umwechseln. Proletarier, ihr möchtet nicht mehr zum Unternehmer gehen und nicht mehr gegen Lohn arbeiten? Ihr möchtet selbständig sein? Aber ihr habt keine Werkstatt, kein Werkzeug, keine Nahrung? Könnt's nicht abwarten und müßt euch gleich verdingen? Aber habt ihr denn keine Abnehmer? nehmen die andern Proletarier, nehmt ihr Proletarier alle miteinander euch gegenseitig selbst nicht am liebsten eure Produkte ab, ohne Dazwischentreten des ausbeuterischen Vermittlers? So sorgt euch doch für die Aufträge, ihr Toren! Die Kundschaft gilt, die Kundschaft ist Geld, wie man das heute nennt. Muß denn die Reihenfolge immer sein: Not - Sklaverei - Arbeit - Produkt - Lohn - Konsum? Könnt ihr denn nicht mit dem beginnen, was der natürliche Beginn ist: Kredit, Vertrauen, Gegenseitigkeit? So daß dann die Reihenfolge heißt: Auftrag - Kredit oder Geld - Konsum - Arbeit - Produkt? Die Gegenseitigkeit ändert den Lauf der Dinge; die Gegenseitigkeit stellt die Ordnung der Natur wieder her; die Gegenseitigkeit schafft das Königtum des Goldes ab; die Gegenseitigkeit ist das erste: der Geist zwischen den Menschen, der alle, die arbeiten wollen, an die Befriedigung der Bedürfnisse und an die Arbeit heranläßt.

 

Sucht nicht Schuldige, sagt er, alle sind schuld; die andre knechten und andern das Nötigste nehmen oder doch eben nur das Nötigste lassen, und die sich knechten lassen und die den knechtenden Herren Dienste als Fronvögte und Aufseher tun. Nicht aus dem Geist der Rache, der Wut und der Zerstörungslust wird das Neue geschaffen. Aus aufbauendem Geist heraus muß zerstört werden; Revolutionieren und Konservieren schließt sich nicht aus.

 

Hört auf mit der Kopie der alten Römer; die jakobinische Diktaturpolitik hat ihre Rolle gespielt; das große Theater der Tribüne und der schönen Geste schafft euch nicht die Gesellschaft. Es gilt die Verwirklichung; ihr arbeitet nützliche Dinge in genügender Menge; ihr möchtet nützliche Dinge in gerechter Verteilung verzehren; so müßt ihr also richtig tauschen.

 

Es gibt keinen Wert, sagt er, den nicht die Arbeit schafft; die Übermacht der Kapitalisten haben die Arbeiter geschaffen und nicht für sich behalten und verwerten können, weil sie isolierte Besitzlose sind, die den Besitzern den Besitz vermehren und ihnen Sklavengewalt, Eigentum daraus machen. Aber wie kindisch ist es, könnte er sagen, darum nur auf den vorhandenen Vorrat von aufgestapeltem Besitz in den Händen der Priviligierten zu stieren und nur daran zu denken, ihn durch politische oder gewalttätige Methoden wegzunehmen. Er ist immer im Flusse, immer in der Zirkulation; heute fließt er von Kapitalist über die konsumierenden Arbeiter zu Kapitalist; sorget durch neue Einrichtungen, durch die Wandlung eures gegenseitigen Verhaltens dafür, sagt er, daß er vom Kapitalisten zu den konsumierenden Arbeitern, von diesen aber nicht wieder zum Kapitalisten zurück, sondern in die Hände der nämlichen Arbeiter, der produzierenden Arbeiter fließt.

 

Mit einer Macht ohne gleichen, mit einer großen Vereinigung von Nüchternheit und Wärme, von Leidenschaft und Tatsachensinn hat Proudhon das seinem Volke gesagt; hat er für den Moment der Revolution, der Auflösung, des Übergangs, der Möglichkeit umfassender, grundlegender Maßnahmen die einzelnen Schritte, die Dekrete vorgeschlagen, die das Neue geschaffen hätten, die der letzte Akt der Regierung gewesen wären; die aus dieser Regierung wirklich das gemacht hätten, als was sie sich benannte: eine provisorische Regierung.

 

Die Stimme war da; die Ohren haben gefehlt. Der Moment ist gewesen und ist vorbeigegangen, ist nun für immer vorbei.

 

Der Mann Proudhon, der wußte, was wir Sozialisten heute wieder wissen: der Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich und ist zu allen Zeiten unmöglich; er ist möglich, wenn die rechten Menschen da sind, die ihn wollen das heißt: tun; und er ist unmöglich, wenn die Menschen ihn nicht wollen oder ihn nur sogenannt wollen, aber nicht zu tun vermögen, dieser Mann ist nicht gehört worden. Statt auf ihn hat man auf einen andern gehört, der mit der falschen Wissenschaft, die wir geprüft und verworfen haben, gelehrt hat: der Sozialismus sei die Krönung des kapitalistischen Großbetriebs; er komme erst, wenn ganz wenige Kapitalisten im Privatbesitz von Einrichtungen seien, die schon beinahe sozialistisch geworden wären, so daß es für die vereinigten Proletariermassen ein Leichtes wäre, ihn aus dem Privatbesitz in das gesellschaftliche Eigentum überzuführen.

 

Statt auf Pierre Joseph Proudhon, den Mann der Synthese, hat man auf Karl Marx, den Mann der Analyse, gehört und hat damit die Auflösung, die Zersetzung, den Verfall weiter gewähren lassen. Marx, der Mann der Analyse, hat mit festen, starren, in ihr Wortgehäuse gefangenen Begriffen gearbeitet; mit diesen Begriffen wollte er die Entwicklungsgesetze aussprechen und schon beinahe befehligen. Proudhon, der Mann der Synthese, hat uns gelehrt, daß die geschlossenen Begriffsworte nur Symbole für die unaufhaltsame Bewegung sind; er hat die Begriffe in strömende Kontinuität aufgelöst.

 

Marx, der Mann scheinbarer und anspruchsvoller Wissenschaft, war der Gesetzgeber und Diktator der Entwicklung; er sprach sein Wort über sie; und so, wie er bestimmte, sollte es ein für alle Mal sein. Das Geschehen sollte sich verhalten, wie ein fertiges, abgeschlossenes, totes Sein. Darum gibt es einen Marxismus, der eine Doktrin und schon beinahe ein Dogma ist.

 

Proudhon, der keine Frage mit Dingworten lösen wollte, der an die Stelle geschlossener Dinge Bewegungen, Beziehungen, an die Stelle des scheinhaften Seins das Werden, an die Stelle der groben Sichtbarkeiten das unsichtbare Hin und Her gesetzt hat, verwandelte schließlich - in seinen reifsten Schriften - die Sozialökonomie in Psychologie, die Psychologie aber aus der starren Individualpsychologie, die aus dem Einzelmenschen ein isoliertes Ding macht, in eine Sozialpsychologie, die den Menschen als Glied eines unendlichen, ungetrennten und unsäglichen Werdestroms erfaßt. So gibt es keinen Proudhonismus, sondern nur einen Proudhon. So kann das, was Proudhon für einen bestimmten Moment Wahres gesagt hat, heute, wo man die Dinge Jahrzehnte lang hat weitergehen lassen, nicht mehr gelten. Geltung kann nur haben, was Ewiges in Proudhons Verstehen ist; es kann nicht sklavisch der Versuch gemacht werden, zu ihm, zu einem vergangenen geschichtlichen Moment zurückzukehren.

 

Was die Marxisten von Proudhon gesagt haben, sein Sozialismus sei ein kleinbürgerlicher und kleinbäuerlicher Sozialismus, ist, noch einmal sei's wiederholt, völlig wahr und ist sein höchster Ruhmestitel. Sein Sozialismus, anders ausgedrückt, von den Jahren 1848 bis 1851 war der Sozialismus des französischen Volkes in den Jahren 1848 bis 1851. Er war der Sozialismus, der in diesem Moment möglich und nötig war. Proudhon war kein Utopist und kein Augur; kein Fourier und kein Marx; er war ein Mann der Tat und der Verwirklichung.

 

Wir reden aber hier ausdrücklich von Proudhon, dem Manne von 1848 bis 1851. Dieser Mann sagte, und dazu war die Epoche angetan, daß er es sagen mußte: Ihr Revolutionäre, wenn ihr das tut, vollbringt ihr großen Umschwung.

 

Dem Mann der späteren Jahre, von dem wir so viel zu lernen haben wie von dem Achtundvierziger, ist es nicht genehm gewesen, auch nach der Revolution noch die Worte der Revolution in eitler komödiantischer oder phonographischer Selbstkopie zu wiederholen. Alles hat seine Zeit; und jede Zeit nach der Revolution ist eine Zeit vor der Revolution für alle, deren Leben nicht in dem großen Moment der Vergangenheit geblieben ist.

 

Proudhon hat weitergelebt, obwohl er an mehr als einer Wunde blutete; er hat sich jetzt gefragt: wenn ihr das tut, habe ich gesagt; aber warum haben sie es nicht getan? Er hat die Antwort gefunden und hat sie in all seinen späteren Werken niedergelegt, die Antwort, die in unsrer Sprache heißt: weil der Geist gefehlt hat.

 

Er hat damals gefehlt und hat seitdem sechzig Jahre lang gefehlt und ist immer tiefer verkommen und versunken. Alles, was wir bisher gezeigt haben, läßt sich in den Satz zusammenfassen: das Warten auf den vermeintlich in der Geschichte vorgesehenen rechten Moment hat dieses Ziel immer weiter hinausgeschoben, immer mehr ins Dunkle und Verschwommene gerückt; das Vertrauen auf die Fortschrittentwicklung war der Name und Titel des Rückgangs und diese "Entwicklung" hat die äußern und Innern Verhältnisse immer mehr der Erniedrigung angepaßt, immer weiter vom Umschwung entfernt. Mit ihrem: "Es ist nicht an der Zeit!" werden die Marxisten recht haben, solange die Menschen es ihnen glauben, und sie werden nie weniger, werden immer mehr recht haben. Ist es nicht der schauerlichste Wahn, der je gelebt und Wirkung geübt hat, daß ein Spruch darum gilt, weil er gesprochen und gläubig angehört wird? Und muß nicht jeder merken, daß der Versuch, das Werden so auszusprechen, als wäre es ein abgeschlossenes Sein, wenn er Macht über die Gemüter der Menschen gewinnt, eben dazu führen muß, daß die Gewalten der Gestaltung und die Schöpferkraft gelähmt werden?

 

Darum ist dieser unser unermüdlicher Angriff auf den Marxismus, darum kommen wir fast nicht von ihm los, darum hassen wir ihn von ganzem Herzen: weil er nicht eine Beschreibung und eine Wissenschaft ist, wofür er sich ausgibt, sondern ein negierender, zersetzender und lähmender Appell an die Ohnmacht, die Willenlosigkeit, die Ergebung und das Geschehenlassen. Die bieneneifrige Kleinarbeit der Sozialdemokratie - die ja überdies nicht Marxismus ist - ist nur die Kehrseite dieser Ohnmacht und bringt nur zum Ausdruck, daß der Sozialismus nicht da ist: denn der Sozialismus geht, im Kleinen und Großen, aufs Ganze. Nicht die Kleinarbeit als solche ist zu verwerfen; nur diese, wie sie geübt wird, die im Kreise des bestehenden Unsinns umhertreibt, wie ein welkes Blatt im Wirbelsturm.

 

Die sogenannten Revisionisten, die in der Kleinarbeit ganz besonders eifrig wie geschickt sind, und die sich in ihrer Kritik des Marxismus vielfach mit uns berühren - kein Wunder, sie haben sie zum großen Teil vom Anarchismus, von Eugen Dühring und andern unabhängigen Sozialisten genommen - haben sich allmählich so in etwas verliebt, was man die prinzipielle Taktik nennen könnte, daß sie mit dem Marxismus auch den Sozialismus fast bis auf die letzte Spur von sich getan haben. Sie sind im Begriff, eine Partei zu gründen zur Förderung der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft auf parlamentarischen und wirtschaftlichen Wegen. Sind die Marxisten Entwicklungsgläubige à la Hegel, so sind die Revisionisten Anhänger der Entwicklung à la Darwin. Sie glauben nicht mehr an die Katastrophe und die Plötzlichkeit; der Kapitalismus wird nicht in den Sozialismus revolutionär umschlagen, meinen sie, sondern er wird sich allmählich so ausgestalten, daß er immer erträglicher wird.

 

Einige von ihnen möchten am liebsten schon ganz gerne zugeben, daß sie keine Sozialisten sind, und gehen in ihrer Anpassung an Parlamentarismus, Partei- und Fraktionsschlauheit, Wählerfang und Monarchismus erstaunlich weit. Andere halten sich noch durchaus für Sozialisten; sie glauben eine stetige, langsame, aber nicht aufzuhaltende Verbesserung der privaten Lage der Arbeiter, des Anteils der Arbeiter an der Produktion durch sogenannten industriellen Konstitutionalismus, der öffentlichrechtlichen Zustände durch Ausbau demokratischer Einrichtungen in allen Ländern zu sehen und ziehen aus dem auch von ihnen deutlich erkannten und zum Teil von ihnen bewirkten Zusammenbruch der marxistischen Doktrin den Schluß, der Kapitalismus sei schon auf dem besten Wege zum Sozialismus und die energische Förderung dieser Entwicklung sei die Aufgabe der Sozialisten. Sie sind mit dieser Auffassung gar nicht so sehr weit von dem entfernt, was schon von allem Anfang an im Marxismus steckte, und die sogenannten Radikalen waren schon immer auf den nämlichen Wegen und haben nur den Wunsch, daß man diese Einsicht den zum Revolutionarismus aufgepeitschten und dadurch zusammengehaltenen Wählermassen nicht sage.

 

Das wahre Verhältnis der Marxisten zu den Revisionisten ist folgendes: Marx und die besten seiner Schüler hatten immerhin das Ganze unsrer Zustände in ihrem geschichtlichen Zusammenhang ins Auge gefaßt und versucht, die Einzelheiten unsres Gesellschaftslebens unter Allgemeinbegriffe zu ordnen. Die Revisionisten sind skeptische Epigonen, die wohl sehen, daß die aufgestellten Allgemeinheiten sich mit den neu entstandenen Wirklichkeiten nicht decken, die jedoch das Bedürfnis nach einer neuen und wesensandern Gesamterfassung unsrer Zeit überhaupt nicht mehr haben.

 

Der Marxismus hatte vorübergehend große Teile der Enterbten wenigstens zur Empfindung ihrer Not, zur Unzufriedenheit und zu einer der Gesamtänderung zugekehrten idealistischen Stimmung gebracht. Das konnte nur nicht von Dauer sein, weil sich die Massen unter dem Einfluß dieser Wissenschaftsnarretei aufs Warten verlegten und zu jeder sozialistischen Betätigung unfähig waren. So wäre allmählich in die Massen längst wieder Stumpfheit und Ruhe eingekehrt, wenn sie nicht fortwährend durch politisch-demagogische Methoden aufgestachelt würden. Die Revisionisten nun sehen, daß die allerschlimmsten Barbareien des beginnenden Kapitalismus abgetan sind, daß die Arbeiter sich mehr an die proletarischen Zustände gewöhnt haben und daß der Kapitalismus keineswegs sich dem Zusammenbruch genähert hat. In alledem erblicken wir freilich die ungeheure Gefahr der Festsetzung des Kapitalismus. In Wahrheit hat sich – im ganzen betrachtet – die Lage der Arbeiterklasse nicht verbessert; das Leben ist vielmehr nur immer schwerer und unerfreulicher geworden. Ist so unerfreulich geworden, daß die Arbeiter freudlos, hoffnungslos, an Geist und Charakter verarmt worden sind. Vor allem aber geht der Kampf des Sozialismus, der rechte Kampf, gar nicht aus Mitleidsregungen hervor und dreht sich nicht ausschließlich oder in erster Reihe um das Los einer bestimmten Menschenschicht. Es handelt sich um eine völlige Umgestaltung der Grundlagen der Gesellschaft; es geht um ein Neuschaffen.

 

Diese Stimmung (denn mehr als Stimmung war es bei ihnen nie) ist unsern Arbeitern mehr und mehr verlorengegangen, weil im Marxismus die Elemente der Zersetzung und Ohnmacht von Anfang an stärker waren als die Kräfte der Empörung, denen jeglicher positive Gehalt fehlte. Die Erscheinung des Revisionismus und seines vergnüglichen Skeptizismus ist nur der "ideologische Überbau" über der Tatlosigkeit, Ratlosigkeit und Genügsamkeit der Massen und zeigt allen, die es nicht schon wußten, daß die Arbeiterschaft nicht auf Grund geschichtlicher Notwendigkeit das auserwählte Volk Gottes, der Entwicklung, ist, sondern eher der Teil des Volkes, der am schwersten leidet und infolge der seelischen Veränderungen, die das Elend mit sich bringt, am schwersten zur Erkenntnis zu bringen ist. Am besten hütet man sich vor allen Verallgemeinerungen auf diesem Gebiet; Arbeiterschaft ist vielerlei, und Leid hat noch allewege auf die sehr verschiedenen Menschen sehr verschiedene Wirkungen hervorgebracht. Zum Leid aber gehört vor allem das Gefühl für die eigene Lage; und wie viele Proletarier tragen insofern nicht im mindesten Leid!

 

Wie nun in diesen Zeiten nach der gescheiterten Revolution, in diesen sechzig Jahren vor der Revolution, die wir bisher hinter uns gebracht haben, die Verhältnisse in Wahrheit geworden sind, wissen wir. Es waren die Jahrzehnte der Anpassung an den Kapitalismus, der Anpassung an die Proletarisierung, und es ist wahrhaftig eine Anpassung, die in manchen Stücken schon Vererbung geworden ist; es ist eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Menschen, die schon merklich ein Verfall sehr vieler Körper von Einzelmenschen geworden ist.

 

Das ist eine ungeheure Gefahr, die hier ausgesprochen wird. Wir haben gesagt: der Sozialismus muß nicht kommen, so wie die Marxisten es meinen. Wir sagen jetzt: es kann der Moment kommen, wenn die Völker noch lange zögern, wo das Wort heißen muß: der Sozialismus kann diesen Völkern nicht mehr kommen.

 

Die Menschen mögen sich noch so töricht, noch so niedrig gegeneinander verhalten, sie mögen noch so sehr sich in Knechtschaft ergeben oder in die eigne Brutalität finden: all das ist etwas zwischen den Menschen, etwas Funktionelles und kann in der nächsten Generation, kann schon den Menschen, wie sie jetzt leben, sich ändern, wenn eine entscheidende Erschütterung über sie kommt.

 

Solange es sich um diese sozialen Beziehungen, das ist eben das, was man gewöhnlich das Psychologische nennt, handelt, ist der Fall noch nicht schlimm. Und so ist das große Massenelend, Not, Hunger, Obdachlosigkeit, seelische Verwahrlosung und Verkommenheit; und ebenso auf der oberen Seite Genußgier, blöder Luxus, Militarismus, Geistlosigkeit: all das, so schlimm es ist, ist zu kurieren, wenn der rechte Arzt kommt: aus dem gestaltenden Geiste die große Revolution und Regeneration. Ist aber all die Not und der Druck und der Ungeist nicht mehr bloß in Herkunft und Wirkung etwas zwischen den Menschen, eine Störung der Beziehungen, die in der Seele sitzt oder besser gesagt: nicht mehr bloß eine Störung in dem Beziehungskomplex zwischen den Menschen, den wir Seele nennen, ist es vielmehr infolge von chronischer Unterernährung, Alkoholismus,lang anhaltender Verrohung, fortgesetzter Unbefriedigung, starker und auf allen Gebieten wirksamer Geistlosigkeit zu Änderungen der Individualleiber gekommen, die sich an Bedeutung zur Seele und dem sozialen Gefüge verhalten wie die Spinne zu ihrem Netz, dann kann keinerlei solche Kur mehr helfen, so kann es dahin kommen, daß große Volksteile, daß ganze Völker zum Untergang verdammt sind. Sie gehen so unter, wie immer Völker untergegangen sind: andre, gesunde Völker werden Herr über sie und es tritt eine Völkermischung, manchmal sogar eine teilweise Ausrottung ein. Wenn nämlich noch andere gesunde Völker da sind. Man darf aber nicht mit Analogien aus früheren Perioden der Völkergeschichte ein leichtes Spiel treiben. Es braucht, wenn es soweit kommt, nicht wieder so zu gehen, wie es in den Zeiten der sogenannten Völkerwanderungen gegangen ist. Wir leben in den Zeiten der beginnenden Menschheit, und ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen ist es nicht, daß diese beginnende Menschheit der Anfang vom Ende der Menschheit sein könnte. Vielleicht hat nie eine Zeit, was man wohl den Weltuntergang nennt, so gefährlich vor Augen gesehen, wie unsere.

 

Menschheit nämlich im Sinne eines wirklichen Beziehungskomplexes, einer durch äußere Fäden und inneren Zug und Drang zu einander gebrachten, die Volksschranken übersteigenden Erdgesellschaft gibt es bisher freilich noch nicht. Surrogate dafür sind da, die aber diesmal mehr als Ersatzmittel, die Anfang sein könnten: der Weltmarkt, internationale Verträge in der Staatspolitik, internationale Vereine und Kongresse der mannigfachsten Art, Verkehr und Mitteilung rings um den Erdball, das alles schafft mehr und mehr, wenn nicht Gleichheit, so doch Anähnlichung der Interessen, der Sitten, der Kunst oder ihrer modischen Ersatzmittel, des Sprachgeistes, der Technik, der Formen der Politik. Auch Arbeiter werden mehr und mehr von den einen Völkern den anderen geliehen. Alles nun, was geistige Wirklichkeit ist; Religion, Kunst, Sprache, Gemeingeist überhaupt ist doppelt da oder scheint uns mit natürlichem Zwange doppelt: einmal in der Individualseele als Eigenschaft oder Vermögen, das andere Mal draußen als etwas, was zwischen den Menschen webt und Organisationen und Bünde schafft. Das alles ist ungenau ausgedrückt; was sich im Vorbeigehen daran noch bessern läßt, soll gleich geschehen; aber wir können in diese Abgründe der Sprachkritik und der Ideenlehre (die beide zusammengehören) jetzt nicht bis zu unterst hinuntersteigen; das alles ist hier nur wieder einmal angedeutet worden, um zu sagen: humanitas, humanité, humanity, Humanität und Menschheit – wofür wir jetzt mit einem verweichlichten und der Tiefe beraubten Ausdruck falscher Mitleidsherablassung Menschlichkeit sagen – all diese Worte haben sich ursprünglich nur auf die im Individuum lebendige und waltende Menschheit bezogen; die war einmal sehr stark vorhanden, sehr leibhaft empfunden, zumal in den hohen Zeiten der Christenheit.

 

Und zu einer wirklichen Menschheit im äußeren Sinne werden wir nur kommen, wenn die Wechselwirkung oder besser die Identität – denn alle scheinbare Wechselwirkung ist identische Gemeinschaft – für die im Individuum konzentrierte Menschheit und die zwischen den Individuen erwachsene Menschheit gekommen ist. Im Samen wohnt das Gewächs, wie der Samen ja nur die Quintessenz der unendlichen Kette von Vorfahrengewächsen ist; aus dem Menschtum des Individuums empfängt die Menschheit ihr echtes Dasein, wie dieses Menschtum des einzelnen ja nur das Erbe der unendlichen Geschlechter der Vergangenheit und all ihrer gegenseitigen Beziehungen ist. Das Gewordene ist das Werdende, der Mikrokosmos der Makrokosmos; das Individuum ist das Volk, der Geist ist die Gemeinschaft, die Idee ist der Bund.

 

Aber zum ersten Mal in der Geschichte der paar tausend Jahre, die wir kennen, will die Menschheit im vollkommenen Sinn und Umfang äußerlich werden. Die Erde ist so gut wie völlig erforscht, ist bald so gut wie völlig besiedelt und besessen; es gilt jetzt eine Erneuerung, wie sie in der uns bekannten Menschenwelt noch nicht war. Das ist der entscheidende Zug dieser unsrer Zeit, dieses Neue, das viel mehr ein furchtbar Überwältigendes für uns sein müßte: die Menschheit rund um den Erdball herum will sich schaffen und will sich in einem Moment schaffen, wo gewaltige Erneuerung über das Menschtum kommen muß, wenn nicht der Beginn der Menschheit ihr Ende sein soll. Früher war solche Erneuerung oft identisch mit den neuen Völkern, die aus Ruhe und Kulturmischung hervorkamen, oder aber mit neuen Ländern, in die abgewandert wurde. Je weiter die Anähnlichung zwischen den Völkern vorschreitet, je mehr die Länder dicht und dichter besetzt werden, um so geringer wird die Hoffnung auf solche Erneuerung von außen her oder nach außen hin. Noch können solche, die an unsern Völkern schon verzweifeln wollen oder die wenigstens glauben, der äußere Anstoß zur radikalen Erneuerung der Gemüter und der Lebenskraft müsse von außen, von neu aus dem Heilschlaf erwachten alten Völkern kommen, noch können sie auf die chinesischen, die indischen, etwa noch die russischen Völker etwelche Hoffnungen bauen; noch können manche sich daran halten, hinter der bübischen nordamerikanischen Barbarei schlummere etwa ein annoch versteckter Idealismus und Kraftüberschuß von Glut und Geist, der wunderhaft hervorbrechen könnte; aber denkbar ist es, daß wir Vierzig- und Fünfzigjährigen es noch miterleben, daß diese romantische Erwartung zu Schanden wird, daß die Chinesen den Affenweg der Japaner gehen, daß die Inder nur aufstehen, um schnell in die Bahnen des Verfalls zu gleiten und so weiter. Sehr schnell geht die Anähnlichung, die Zivilisation und mit ihr in Verbindung die durchaus veritable physische und physiologische Dekadenz vorwärts.

 

In diesen Abgrund müssen wir eintauchen, um den Mut und die inständige Not zu schöpfen, die wir brauchen. Größer und anders, als sie in Zeiten, die wir kennen, je gewesen, muß diesmal die Erneuerung sein; wir suchen nicht nur Kultur und Menschenschönheit des Mitlebens; wir suchen Heilung; wir suchen Rettung. Das größte Außen, das je auf Erden war, muß geschaffen werden und bahnt sich in den privilegierten Schichten schon an: die Erdmenschheit; nicht aber durch äußere Bande, durch Abmachungen oder ein Staatsgefüge oder den Weltstaat gräßlicher Erfindung kann sie kommen, sondern nur über den Weg des individuellsten Individualismus und der Neuerstehung der kleinsten Körperschaften: der Gemeinde vor allen ändern. Das Umfängliche gilt es zu bauen, und im Kleinen muß der Bau begonnen werden; in alle Breiten müssen wir uns dehnen und können es nur, wenn wir in alle Tiefen bohren; denn kein Heil kann diesmal mehr von außen kommen und kein unbesetztes Land ladet die zu dicht gedrängten Völker zur Besiedlung mehr ein; die Menschheit müssen wir gründen und können sie nur finden im Menschtum, können sie nur erstehen lassen aus dem freiwilligen Bunde der Individuen und aus der Gemeinde der urselbständigen und natürlich zueinander gezwungenen Einzelnen.

 

Nun erst können wir frei atmen und die unentrinnbare Not unsrer Aufgabe als Stück unsres Daseins akzeptieren, wir Sozialisten; wo wir die Gewißheit empfinden und lebendig in uns tragen, daß unsre Idee nicht eine Meinung ist, der wir uns anschließen, sondern ein gewaltiger Zwang, der uns vor die Wahl stellt: entweder den wahrhaften Untergang der Menschheit voraus zu erleben und seine Anfänge um sich fressen zu sehen oder den ersten Beginn des Aufstiegs mit unserm eigenen Tun zu machen.

 

Der Weltuntergang, den wir hier als ein Gespenst möglicher Wirklichkeit drohen lassen, heißt natürlich nicht ein plötzliches Aussterben. Wir warnen nur vor der Analogie, vor der Neigung, weil wir von ein paar Verfallzeiten wissen, auf die dann Höhezeiten folgten, darin eine Regel unverbrüchlicher Art finden zu wollen. Wenn wir uns vorhalten, wie unerhört schnell in diesen unsern Zeiten der kapitalistischen Zivilisation die Völker und ihre Klassen einander ähnlich werden: wie die Proletarier stumpf, ergeben, roh, äußerlich und in immer noch steigendem Maße alkoholisiert werden, wie sie mit der Religion jede Art der Innigkeit und Verantwortung zu verlieren beginnen, wie das alles angefangen hat, leiblich zu werden; wie in den oberen Schichten die Kraft zur Politik, zum umfassenden Schauen und eingreifenden Wirken verlorengeht, wie an die Stelle der Kunst Geckerei, modischer Firlefanz und archäologische oder historische Imitation tritt, wie mit der alten Religion und Moral weiten Schichten jeder Halt, jede Heiligkeit, jede Festigkeit des Charakters verlorengegangen ist, wie die Frauen in den Wirbel der oberflächlichen Sinnlichkeit, der farbig-dekorativen Genußgier hineingerissen worden sind; wie die natürlich-unbesonnene Volksvermehrung in allen Schichten der Bevölkerung zu weichen beginnt und an ihre Stelle, von Wissenschaft und Technik geleitet, die kinderlose Geschlechtlichkeit tritt; wie unter Proletariern und Bürgern die Zigeunerei gerade die besseren Elemente ergreift, die es nicht mehr aushallen, unter den obwaltenden Bedingungen regelmäßig freudlose Arbeit zu tun; wenn wir sehen, wie das alles in allen Schichten der Gesellschaft zu Neurasthenie und Hysterie zu werden anfängt: dann ist die Frage erlaubt und geboten: wo ist das Volk, das sich zur Gesundung, das sich zum Schaffen der neuen Einrichtungen aufrafft? Ist es ganz sicher, sind untrügliche Zeichen da, daß wir wieder hinaufgehen, wie einstmals aus verfallender, raffinierter Zivilisation und frischem Blut neuer Beginn gekommen ist? Ist es gewiß, daß nicht Menschheit ein vorläufiges, ungenügendes Wort ist für etwas, was später heißen wird: Ende der Völker? Schon ertönen Stimmen von entarteten, entfesselten und entwurzelten Weiblein und ihrem Männertroß, die Promiskuität verkünden, an die Stelle der Familie das Vergnügen der Abwechslung, an die Stelle der freiwilligen Bindung die Schrankenlosigkeit, an die Stelle der Vaterschaft die staatliche Mutterschaftsversicherung setzen wollen.

 

Der Geist braucht Freiheit und trägt Freiheit in sich; wo der Geist Einungen gleich Familie, Genossenschaft, Berufsgruppe, Gemeinde und Nation schafft, da ist Freiheit und da kann auch Menschheit werden; aber wissen wir denn, wissen wir denn sicher, ob wir das, was jetzt an Stelle des fehlenden Geistes innerhalb der Zwangs- und Herrschaftsinstitutionen, die ihn vertreten, zu toben beginnt: die Freiheit ohne Geist, die Freiheit der Sinne, die Freiheit der verantwortungslosen Lust - ob wir sie vertragen? ob nicht die grauenhafteste Qual und Oede, die hinfälligste Schwäche und stumpfe Schwunglosigkeit sich aus alledem ergeben muß? Ob noch je einmal ein Augenblick der glühenden Erschütterung, der Wiedergeburt, der hohen Zeit des Bundes der Kulturgemeinden uns Menschen kommen wird? Die Zeiten, wo Gesang über Völkern wohnt, wo Türme die Einheit und den Aufschwung zum Himmel tragen, und große Werke als Repräsentanten der Volksgröße von turmhaften Menschen, in deren Geist das Volk konzentriert ist, geschaffen werden?

 

Wir wissen es nicht und wissen darum, daß der Versuch unsre Aufgabe ist. Ganz und gar weggeräumt ist jetzt jegliche angebliche Wissenschaft von der Zukunft; nicht nur kennen wir keine Entwicklungsgesetze; wir kennen sogar die gewaltige Gefahr, daß wir jetzt schon zu spät daran sein können, daß all unser Tun und Versuchen vielleicht nichts mehr helfen wird. Und so haben wir die letzte Fessel von uns gestreift: in all unserm Wissen wissen wir nichts mehr. Wir stehen wie Urmenschen vor Unbeschriebenem und Unbeschreiblichem; wir haben nichts vor uns und alles nur in uns: in uns die Wirklichkeit oder Wirksamkeit nicht der kommenden, sondern der gewesenen und darum in uns wesenden und wesenhaften Menschheit; in uns das Werk; in uns die untrügliche Pflicht, die uns auf unsern Weg schickt; in uns das Bild dessen, was Erfüllung werden soll; in uns die Not, auszuscheiden aus Jammer und Niedertracht; in uns Gerechtigkeit, die zweifellos und unbeirrt ist; in uns Anstand, der die Gegenseitigkeit will; in uns Vernunft, die das Interesse aller erkennt.

 

Die so fühlen, wie hier geschrieben steht; denen aus der größten Not die größte Tapferkeit wächst; die es mit der Erneuerung versuchen wollen trotz alledem, – die sollen sich nun sammeln, die werden hier gerufen; die sollen den Völkern sagen, was zu tun ist, sollen den Völkern zeigen, wie begonnen wird.

 

 

7.

 

Die Zeiten sind anders geworden, als Proudhon sie 1848 sehen konnte. Die Enteignung in jeglicher Hinsicht hat zugenommen; wir sind heute weiter vom Sozialismus entfernt als vor sechzig Jahren. Vor sechzig Jahren konnte Proudhon in einem Moment der Revolution, der Lust zur Umgestaltung des Ganzen, seinem ganzen Volke sagen, was im Augenblick zu tun war.

 

Heute ist, selbst wenn Aussicht wäre, daß das Volk aufstünde, der eine Punkt, bei dem damals einzusetzen war, nicht mehr allein entscheidend. Auch gibt es heute in zweierlei Hinsicht kein ganzes Volk: was sich Proletariat nennt, wird für sich allein niemals die Verkörperung eines Volkes sein; und die Völker sind so in Produktion und Handel voneinander abhängig, daß ein einzelnes Volk kein Volk mehr ist. Die Menschheit aber ist noch lange keine Einheit und wird sie nie werden, ehe nicht neue kleine Einheiten, Gemeinden und Völker wieder geworden sind.

 

Proudhon hatte, zumal in dem Moment der Erhöhung des geistigen und seelischen Lebens, des Gemeinschaftslebens und der Originalität wie Entschlossenheit der einzelnen, den jede Revolution bringt, und bei den besonderen Verhältnissen des damaligen Frankreich, das zwar schon ausgeprägt ein Land des Geld- und Börsenkapitalismus, aber nicht ein Land der kapitalistischen Großindustrie und des Großgrundbesitzes war, er hatte durchaus recht, daß ihm die Zirkulation und die Abschaffung der Bereicherung durch Zins der von den Angelpunkten aller Umgestaltung bedeutete, bei dem am schnellsten, gründlichsten und schmerzlosesten eingesetzt werden konnte.

 

Unsere Zustände haben in Wahrheit drei Punkte, an denen die unberechtigte Bereicherung, die Ausbeutung, die Arbeit von Menschen nicht für sich, sondern für andere entsteht. Auf diese immerwährende Entstehung, auf fortwirkende Ursachen kommt es überall an, in der Bewegung der gesellschaftlichen Prozesse ebensowohl wie in den Bewegungen der Mechanik, des Chemismus oder der Himmelskörper. Immer ist es verkehrt und unergiebig, nach einer einmaligen Ursache in irgendwelcher Vergangenheit oder einem Urzustand zu fragen: nichts ist einmal entstanden; alles entsteht fortwährend, und es gibt keine Ur-Sachen, sondern Immer-Bewegungen, Immer-Beziehungen.

 

Die drei Angelpunkte der wirtschaftlichen Sklaverei sind folgende: 

 

Erstens: das Eigentum am Boden. Aus ihm entspringt die bittende, abhängige Haltung des Besitzlosen, der leben will, gegenüber dem, der ihm die Möglichkeit der Arbeit auf dem Boden und an den Bodenprodukten zum Zweck des direkten oder indirekten Verbrauchs vorenthält. Aus dem Bodeneigentum und seinem Korrelat, der Bodenlosigkeit, entsteht die Sklaverei, die Hörigkeit, der Tribut, die Pacht, der Zins, das Proletariat.

 

Zweitens: die Zirkulation der Güter in der Tauschwirtschaft vermittels eines Tauschmittels, das unverjährbar und unveränderlich jedem Bedürfnis dient. Ein goldenes Schmuckstück, wenn es auch durch Jahrhunderte unverändert bleibt, hat doch nur Wert für den, der seinen Besitz zur Befriedigung eines Schmuck- oder Eitelkeitsbedürfnisses so hoch einschätzt, daß er, um es zu besitzen, Erzeugnisse seiner eigenen Arbeit dafür hingibt. Die meisten Güter verlieren auch materiell an Wert durchs Liegenlassen oder durch Gebrauch und gehen schnell in den Konsum ein. Sie werden zum Zweck des Tausches produziert, um Verbrauchsgegenstände einzutauschen, um welche es ebenso bestellt war. Das Geld hat dadurch seine verhängnisvolle Ausnahmestellung, daß es nur in den Tausch, aber gar nicht in Wahrheit in den Verbrauch eingeht. Aus den entgegenstehenden Behauptungen der Geldtheoretiker spricht das böse Gewissen. Wird darum in der rechten Tauschwirtschaft, wo sich Produkt nur gegen gleichwertiges Produkt tauschen soll, allerdings ein Zirkulationsmittel nötig sein, das unserm Geld entspricht und wohl auch Geld heißen wird, so wird es doch eine entscheidende Eigenschaft unsres Geldes nicht haben können: die Eigenschaft, absoluten Wert zu haben und auch dem zum Schaden anderer dienen zu können, der es nicht durch Arbeit erworben hat. Nicht die Möglichkeit des Diebstahls soll hier ausgeschlossen werden; Diebstahl kann es an jeglichem Gelde wie an allen andern Gütern geben; und überdies ist Diebstahl auch eine Art Arbeit und dazu eine recht aufreibende und im ganzen wenig ergiebige und in guter Gesellschaft unerfreuliche. Es soll hier vielmehr darauf hingewiesen werden, daß die Schädlichkeit des heutigen Geldes nicht bloß in seiner Verzinslichkeit, also seinem Wachstum, sondern schon in seiner Unverbrauchbarkeit, also in seinem Bleiben, seinem Nichtgeringerwerden und seinem nicht im Konsum Verschwinden liegt. Die Idee, das Geld werde dadurch harmlos gemacht, daß es ein bloßer Arbeitszettel werde, also keine Ware mehr sei, ist ganz falsch und könnte nur für eine Staatssklaverei Sinn haben, wo an die Stelle des freien Verkehrs die Abhängigkeit von der Behörde träte, die bestimmte, wieviel jeder zu arbeiten und zu verbrauchen hat. In der freien Tauschwirtschaft muß im Gegenteil das Geld allen andern Waren, von denen es sich heute im Wesen unterscheidet, gleich werden und doch allgemeines Tauschmittel sein: es muß, wie jede Ware, den Doppelcharakter des Tausches und des Verbrauches tragen.

 

Die Möglichkeit, auch in einer Gesellschaft des gerechten Tausches, wenn das Tauschmittel unverbrauchbar ist und mit der Zeit seinen Wert nicht einbüßt, zu schädigendem Besitz großen Umfangs und dadurch zur Erlangung eines Tributrechts irgendwelcher Gestalt zu kommen, ist nicht von der Hand zu weisen, wenn auch in der uns bekannten Geschichte bei der Entstehung des Großgrundeigentums und damit jeder Art Ausbeutung Ersparnisse, Erbschaften und dergleichen im Vergleich mit der Gewalt und dem Gewaltschutz des Staates nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sehr wertvoll sind darum die Vorschläge, die Silvio Gesell gemacht hat, um ein Geld zu finden, das nicht, wie heute, mit den Jahren an Wert gewinnt, sondern umgekehrt von Anfang an progressiv an Wert verliert, so daß der, der durch Hingabe eines Produktes in den Besitz des Tauschmittels gelangt ist, kein angelegentlicheres Interesse haben wird, als es so schnell wie möglich wieder gegen ein Produkt einzutauschen und so immer weiter. Silvio Gesell ist einer der ganz wenigen, die von Proudhon gelernt haben, seine Größe anerkennen und im Anschluß an ihn zu selbständigem Weiterdenken gekommen sind. Seine Beschreibung, wie dieses neue Geld den Fluß der Zirkulation in lebhafte Bewegung bringt, wie jeder kein andres Interesse bei der Produktion und beim Erlangen des Tauschmittels mehr haben kann, als das des Konsums, ist ganz aus Proudhons Geist entsprungen, der uns zuerst gelehrt hat, wie der schnelle Umlauf Heiterkeit und Lebendigkeit ins private und öffentliche Leben bringt, während die Stockung auf dem Markte und die Verstocktheit des beharrenden Geldes auch unsre Säfte ins Stocken bringt und Starrsinn und stockige Fäulnis über unsre Seelen legt. Hier indessen handelt es sich nicht um die Frage der Zukunft, ob es sachliche Mittel gibt, ein Tauschmittel zu finden, das die Gefahr der Plünderung nicht in sich birgt, um eine Frage also, für die es vorerst das Wichtigste ist, daß sie überhaupt aufgeworfen wird, sondern darum, ob die Zirkulation der Punkt ist oder gewesen sein mag, bei dem man einsetzen konnte, um auch die ändern beiden Punkte entscheidend zu berühren. Und da ist allerdings zu sagen, daß, wenn in einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt, wie er 1848 in Frankreich gegeben war, die Gegenseitigkeit in die Tauschwirtschaft eingeführt worden wäre, damit auch dem Großgrundeigentum und dem Mehrwert das Stündlein geschlagen hätte.

 

Der dritte Angelpunkt also der wirtschaftlichen Sklaverei ist der Mehrwert. Hier ist vor jedem weiteren Wort zu sagen, daß mit dem Wertbegriff nichts als Unfug zu stiften ist, wenn man nicht scharf erklärt, was man damit bezeichnet und sich streng an seine Definition hält. Wert enthält in seinem Sinne eine Forderung; der Sinn erschließt sich, wenn man daran denkt, daß auf die Angabe eines Preises die Antwort des Kauflustigen folgt: Soviel ist das Stück nicht wert. Wert will also zunächst die Willkür ausschließen; wir verengern den Begriff noch weiter, indem wir Wert nur im Sinne von richtigem Wert, wahrem Wert gebrauchen. Wert ist, was der Preis sein sollte, aber nicht ist. Dieses Verhältnis steckt im Preisverhältnis jeder Ware; und in dem Worte Wert ist, wie jeder merkt, der auf den Gebrauch des Wortes achtet, die ideale oder sozialistische Forderung enthalten, daß der Preis dem Wert gleich sein soll, anders ausgedrückt, daß die Gesamtsumme sämtlicher wirklicher Arbeitslöhne gleich der Gesamtsumme der Preise für die endgültigen Stadien der Waren sein soll. Da aber selbstverständlich die Menschen, die als einzelne und um ihres Geldprofits willen gegeneinander stehen, jeden Vorteil ausnutzen, nicht bloß den des Eigentums, auch den der Seltenheit begehrter Produkte, der aus besonderen Gründen gesteigerten Nachfrage, der Unkenntnis der Konsumenten usw., ist in Wahrheit die Summe der genannten Preise viel viel höher als die Summe der Löhne. Zwar nehmen auch die Arbeiter bestimmter Kategorien an diesen Sondervorteilen unter Umständen in Gestalt höherer "Löhne" einigen Teil, die in Vergleich mit den Löhnen ebenso angestrengter Arbeitsbrüder nicht bloß Löhne, sondern auch Profit sind; aber das ändert nichts daran, keine Einzelheit des vielgestaltigen Wirtschaftslebens kann etwas daran ändern, daß die Arbeit mit ihrem Lohn nicht alles kaufen kann, was sie hergestellt hat, sondern daß ein erheblicher Teil für die Kaufkraft des Profits übrigbleibt. Hierbei bleiben, wie oben angedeutet, die Zwischenstadien der Produktion, die ja auch schon als Waren in den Handel eingehen, außer Betracht, denn diese werden, wenn man der Sache auf den Grund geht, nicht mit Lohn und nicht mit Profit von einem Kapitalistproduzenten dem ändern abgenommen, sondern mit Kapital, das heißt, wie wir bald näher sehen werden, mit etwas, was an Stelle des Kredits oder der Gegenseitigkeit sich eingenistet hat. Die Zinsen dieses Kapitals bringt natürlich letzten Endes die Arbeit auf; sie stecken in den Preisen und sind oben schon in ihrer ändern Gestalt als Profit infolge von Eigentum genannt worden; denn das Kapital ist die Zirkulationsform des flüssig und mobil gemachten Grundeigentums und seiner durch Arbeit erlangten Produkte und ist auch für solche, die dem Anschein nach keine Grundeigentümer sind, das Mittel, Arbeitslöhne für ein erst entstehendes Produkt vorzustrecken oder Arbeitslöhne bei Übergang eines Produkts von einem Stadium der Verarbeitung ins andere zurückzuerstatten oder Produkte im Handel zu erwerben und auf Lager zu halten. Von diesen verschiedenen Formen des Kapitals und von der Unterscheidung des Kapitals in Dingwirklichkeit, echte Wirklichkeit des Geistes und falsches Kapital werden wir bald näheres hören.

 

Was wir Wert nennen, entsteht also lediglich durch Arbeit zur Verbesserung des Bodens und zur Extraktion und Weiterverarbeitung der Bodenprodukte. Sind die Arbeiter nun genötigt, sich zu verdingen, das heißt die Ergebnisse ihrer Arbeitsleistung gegen eine bestimmte Entschädigung ändern zur Verwertung zu überlassen, so ergibt sich ein Mißverhältnis zwischen dem Wert der Produkte, die sie hergestellt haben, und dem Preis der Produkte, die sie mit ihrem Lohn für ihren Gebrauch kaufen können. Es kann hier dahingestellt werden, an welche Stelle man ihre Beraubung einsetzt, ob an die Stelle ihrer Entlohnung - der Lohn ist zu niedrig - oder an die Stelle ihres Einkaufs - die Waren sind zu teuer. Die Hauptsache ist, daß man an keine absoluten Größen denkt, sondern an ein Verhältnis, das in diesem Fall ein Mißverhältnis ist, und daß man im Auge behält, daß durch den Abzug, den sich die Arbeiter, gleichviel an welcher Stelle, von dem Ertrag ihrer Arbeit auf Grund ihrer Notlage gefallen lassen müssen, aller Profit der Kapitalisten entsteht, d. h. daß der Abzug vom Arbeitslohn oder sein Minderwert gleich ist dem Profit der Kapitalisten oder dem Mehrwert. Auch hier wird wieder nicht geprüft, an welcher Stelle der Profit den Kapitalisten zufließt, es wird auch nicht näher untersucht, ob diese Frage nicht falsch gestellt ist, indem sie eben wieder den Versuch macht, an die Stelle der Korrelation Absolutes zu setzen, es wird nur darauf hingewiesen, daß der Profit in wechselnden Raten zwischen Grundbesitzern, Geldkapitalisten, Unternehmern, Händlern und derer aller Gehilfen: Beamten, "geistigen Arbeitern" und sonstwie privilegiert in den Kapitalismus Verflochtenen zur Verteilung kommt. Auch das muß noch betont werden, daß es sich bei dieser Ausdrucksweise, ebenso wie bei dem Wert selbst, um Konstruktionen handelt, die indessen durchaus nötig sind: nicht das ganze Einkommen der Personen, die am Kapitalismus beteiligt sind, ist Profit, sie leisten auch Arbeit. Und nicht alles, was "Arbeiter" verzehren, ist Arbeitslohn, sie sind auch, wenn auch oft in ganz geringfügigen Raten, an der Profitwirtschaft beteiligt.

 

Zu weit würde es führen, die Arbeit nun weiterhin in produktive und unproduktive zu teilen; und - was nicht das nämliche ist - die erzeugten Güter in notwendige und Luxusgüter zu sondern; hier soll nur auch in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß sehr viele innerhalb des Kapitalismus Privilegierte nicht nur einige Arbeit, sondern ohne Frage auch produktive Arbeit leisten, wie anderseits auch die Arbeiter sehr viel völlig oder teilweise unproduktive Arbeit verrichten; und daß zweitens in den Verbrauch der Arbeiter nicht bloß notwendige, sondern auch Luxusgüter eingehen. All diese Details, die für das wirkliche Leben unserer Zeit von großer Bedeutung sind, konnten hier nur erwähnt werden. Hier geht es darum, darauf hinzuweisen, daß die einseitige Betonung der Lohnfrage von seilen der Arbeiter und ihrer Gewerkschaften in Zusammenhang steht mit der falschen Auffassung des Mehrwerts von selten der Marxisten. Wir haben früher gesehen, wie Lohn und Preis sich gegenseitig bedingen; wir haben jetzt darauf verwiesen, daß die Auffassung ganz verkehrt ist, nach der der sogenannte Mehrwert eine absolute Größe wäre, die beim Unternehmertum entstünde und von da in die ändern Kapitalistenkategorien abflösse. Mehrwert ist genauso wie Lohn oder Preis ein Verhältnis und entsteht im ganzen Fluß des Wirtschaftsprozesses, nicht an einer bestimmten Stelle. Aus dem hier erörterten Irrtum entsteht das ganze verhängnisvolle Versteifen des Marxismus auf das Unternehmertum, speziell auf das industrielle Unternehmertum. Da glaubten sie den archimedischen Punkt des Kapitalismus gefunden zu haben. Wahrheit ist lediglich, daß all und jeglicher Profit der Arbeit entzogen wird, anders ausgedrückt: daß es keine Produktivität des Eigentums und keine Produktivität des Kapitals gibt, sondern nur eine Produktivität der Arbeit. Diese Erkenntnis ist allerdings die Grunderkenntnis des Sozialismus, und einzig und allein um dieser Erkenntnis willen, die sie mit allen ändern Sozialisten teilen - Proudhon hat ihr von allen den klassischen Ausdruck gegeben, in seiner prächtigen Polemik mit Bastiat und an vielen andern Stellen -, nur darum dürfen sich auch die Marxisten im weitesten Sinn des Wortes Sozialisten nennen. Das wissen auch sie: die Rentabilität des Eigentums und die Rentabilität des Kapitals sind nur eine lügnerische Form für das, was in Wahrheit Raub an der Produktivität der Arbeit ist. Aus dieser Grunderkenntnis haben aber die Marxisten in ihrer Theorie und die Syndikalisten in ihrer Praxis Schlüsse von der verwegensten Falschheit gezogen. Die Marxisten haben geglaubt, weil sie eine Ursache hatten, sie hätten damit eine letzte, eine ursprüngliche, eine absolute Ursache: die Arbeit, die Arbeitsbedingungen, der Produktionsprozeß war für sie nunmehr das letzte Wort, das alles erklärte; daher die groteske Verkehrtheit ihrer sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung, ihrer Entwicklungsgesetze, ihrer Erwartung der stetigen Konzentration und der großen Krise und des großen Zusammenbruchs usw. Sie hätten nur weiter fragen müssen und immer weiter: woher denn aber die Notlage der Arbeiter komme, und sie wären aufs Bodeneigentum und auf die Unverjährbarkeit und Unverbrauchbarkeit des Geldes gestoßen, und dann auf den Staat und auf den Geist und sein Auf und Ab, und sie hätten gefunden, daß die Verhältnisse, den Staat und das Kapital und das Eigentum eingeschlossen, unser Verhalten sind und daß schließlich alles auf das Verhältnis der Individuen und ihrer Kraft zu den Einrichtungen ankommt, die als starre Reste der Kraft und meistens der Kraftlosigkeit der Individuen früherer Generationen auf einer Zeit lasten. Je nach der Betrachtungsart, je nach der Bildsprache kann man wirtschaftliche Zustände, politische Verhältnisse, Religion usw. insgesamt den lastenden Überbau oder aber die Grundlage für das Leben der Individuen einer Zeit nennen; niemals aber kann etwas anderes als Verkehrtheit die Anschauung sein, wonach die wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen "Verhältnisse" die "materielle" Grundlage einer Zeit, der Geist und seine Gestalten dagegen nur deren "ideologischer Überbau" oder verdoppelndes Spiegelbild wären. Von so gewaltiger Bedeutung die Erkenntnis des Mehrwerts, d. h. die Entlarvung des Eigentums und des Geldkapitals als Plünderer der Arbeit war, so verhängnisvoll war der falsche Glaube, man hätte den Ort entdeckt, wo der Mehrwert "entsteht". Der Mehrwert ist in der Zirkulation; er entsteht beim Kauf einer Ware ebenso sehr und ebenso wenig wie bei der Entlohnung eines Arbeiters. Noch anders ausgedrückt - denn da wir nur in Bildern sprechen können, muß die Wahrheit von verschiedenen Standpunkten aus mit Darstellungsversuchen eingekreist werden, und wir müssen um so mehr von diesem Mittel Gebrauch machen, je komplizierter, zersplitterter die Erscheinungen sind, die wir in unsre umfassenden Allgemeinheiten einfangen wollen -: die Ursache des Mehrwerts ist nicht die Arbeit, sondern die Notlage der Arbeit; und die Notlage der arbeitenden Menschen liegt, wie gesagt, außerhalb des Produktionsprozesses, und erst recht draußen liegt die Ursache zu dieser Notlage und so immer weiter erst im Kreise, in der Zirkulation der ganzen Profit- und Bodeneigentumswirtschaft herum und dann aus diesen äußeren Verkrustungen hinein zu ihren Ursachen, der Beschaffenheit der Menschen, die sich in ihnen bewegen und von ihnen bewegen und an den Bewegungen hindern lassen und dann von denen zurück zu den Menschen früherer Generationen. Nicht der kapitalistische Produktionsprozeß ist die letzte Ursache der Entstehung des Mehrwerts; Gelehrte, die eine letzte Ursache für menschliche Verhältnisse brauchen, sollten sich ein für allemal merken, daß die vorletzte Adam ist und die allerletzte und wunderschön absolute der liebe Gott. Und selbst der ist seinem Absolutismus untreu geworden, sechs ganze Tage lang; denn was ein rechter Absolutisterich ist, hält sich für Wirkungen viel zu schade, sitzt auf seinem Thron, d. h. aber auf sich selber und sagt zu sich selber und mit sich selber: Die Welt bin ich!

 

Der kapitalistische Produktionsprozeß ist nur in negativer Hinsicht ein Angelpunkt für die Emanzipation der Arbeit. Nicht durch seine eigene Weiterentwicklung und seine immanenten Gesetze führt er zum Sozialismus, nicht durch den Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten kann er entscheidend zugunsten der Arbeit umgestaltet werden; sondern nur dadurch, daß die Arbeiter aufhören, ihre Rolle als Kapitalistproduzenten zu spielen. Was immer auch die Arbeiter, was irgendein Mensch im Gefüge des Kapitalismus tut, alles verwickelt ihn nur immer tiefer und fester in die kapitalistische Verstrickung. In dieser Rolle sind die Arbeiter Teilhaber am Kapitalismus, wenn auch ihre Interessen nicht von ihnen, sondern von den Kapitalisten eingeheimst werden, wenn sie auch in allem Wesentlichen nicht die Vorteile, nur die Nachteile des Unrechts, in das sie gestellt sind, ernten. Befreiung gibt es nur für die, die sich innerlich und äußerlich instand setzen, aus dem Kapitalismus auszutreten, die aufhören, eine Rolle zu spielen, und beginnen, Menschen zu sein. Damit beginnt man Mensch zu sein, daß man nicht mehr für das Unechte, den Profit und seinen Markt, sondern für das echte menschliche Bedürfnis arbeitet, daß die untergetauchte echte Beziehung zwischen Bedarf und Arbeit, die Beziehung zwischen dem Hunger und den Händen wiederhergestellt wird. Es gilt, aus der sozialistischen Grunderkenntnis: nur die Arbeit schafft Werte, die rechte Lehre zu ziehen, die da heißt: Weg von dem Rentenmarkt! Der Markt der Arbeit und für ihn zunächst der Geist, das Beziehungsverhältnis zwischen Arbeit und Verbrauch und der Boden der Arbeit muß erst wieder gegründet werden.

 

Heute ergeht der Aufruf zum Sozialismus an alle, nicht in dem Glauben, daß alle ihn vollbringen könnten weil wollten, sondern in dem Wunsche, einzelne zum Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, zum Bunde der Beginnenden zu fordern. Die Menschen, die es nicht mehr aushalten können und wollen, das sind die, die hier gerufen werden. Den Massen, den Völkern der Menschheit, Regierenden und Regierten, Erben und Enterbten, Bevorzugten und Betrogenen wäre zu sagen: Es ist eine riesengroße unauslöschliche Schande der Zeiten, daß um des Profits willen gewirtschaftet wird, statt für die Notdurft der in Gemeinden geeinigten Menschen. All euer Kriegszustand, all euer Staatswesen, all eure Unterdrückung der Freiheit, all euer Klassenhaß kommt von der brutalen Dummheit, die über euch herrscht.

 

Käme heute euch Völkern allesamt der große Moment der Revolution auf einmal, wo wolltet ihr Hand anlegen? Wie wollt ihr es erreichen, daß in der Welt, in jedem Lande, in jeder Provinz, in jeder Gemeinde keiner mehr hungert, keiner mehr friert, kein Mann und keine Frau und kein Kind mehr unterernährt ist? Nur vom Gröbsten zu reden! Und gar, wenn die Revolution in einem einzelnen Land ausbräche? Was könnte sie nützen? wohin könnte sie zielen?

 

So ist es nicht mehr, wie es gewesen ist, daß man den Menschen eines Volkes sagt: Euer Boden trägt, was ihr braucht, an Nahrung und Rohprodukten der Industrie: arbeitet und tauscht! Vereinigt euch, Arme, kreditiert euch gegenseitig; Kredit, Gegenseitigkeit ist Kapital; ihr braucht keine Geldkapitalisten und keine Unternehmerherren; arbeitet in Stadt und Land; arbeitet und tauscht!

 

So ist es nicht mehr, selbst wenn der Moment zu erwarten stünde, wo große, umfassende Maßnahmen ins Ganze zu schlagen waren. 

 

Ein ungeheures Durcheinander, ein wahrhaft viehisches Chaos, eine kindische Hilflosigkeit entstünde im Augenblick einer Revolution. Nie waren die Menschen unselbständiger und schwächer als jetzt, wo der Kapitalismus zu seiner Blüte gelangt ist: zum Weltmarkt des Profits und zum Proletariat. Keine Weltstatistik und keine Weltrepublik kann uns helfen. Rettung kann nur bringen die Wiedergeburt der Völker aus dem Geist der Gemeinde! Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden und untereinander tauschenden Gemeinden.

 

Unser Menschengedeihen, unsre Existenz hängt jetzt davon ab, daß die Einheit des einzelnen und die Einheit der Familie, die uns allein noch an natürlichen Verbänden geblieben sind, sich wieder steigert zur Einheit der Gemeinde, der Grundform jeder Gesellschaft. Wollen wir die Gesellschaft, so gilt es, sie zu erbauen, gilt es, sie zu üben. Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken. Da nur ist Freiheit und Ordnung, da nur ist Geist; ein Geist, welcher Selbständigkeit und Gemeinschaft, Verbindung und Unabhängigkeit ist.

 

Der selbständige einzelne, dem keiner in das hineinspricht, was seine Sache allein ist; die Hausgemeinschaft der Familie, der Heim und Hof ihre Welt sind; die Ortsgemeinde, die autonom ist; das Amt oder der Gemeindeverband und so immer mehr ins Breite mit einer immer kleineren Zahl Aufgaben die umfassenderen Verbände - so sieht eine Gesellschaft aus, das allein ist der Sozialismus, für den zu wirken sich lohnt, der uns aus unsrer Not erretten kann. Vergebens und verfehlt sind die Versuche, in Staaten und Staatenverbänden das Zwangsregiment unsrer Zeiten, das heute ein Surrogat für die fehlende freigeistige Verbindung ist, noch auszubauen und ihren Bereich noch weiter auf das Gebiet der Wirtschaft zu erstrecken, als bisher schon geschehen ist. Dieser Polizeisozialismus, der jede Eigenheit und ursprüngliche Regsamkeit erstickt, wäre nur das Siegel auf den völligen Verfall unsrer Völker, wäre nur ein Zusammenhalten der völlig auseinandergetretenen Atome durch einen mechanisch eisernen Reifen. Ein Zusammenschluß natürlicher Art ergibt sich uns Menschen nur da, wo wir in örtlicher Nähe, in wirklicher Berührung beisammen sind. Der verbindende Geist, der Bund mehrerer zu gemeinsamem Werk, aus gemeinsamem Grunde, hat in der Familie eine zu schmale und dürftige Form für das Mitleben. In der Familie geht es nur um private Interessen. Wir brauchen einen natürlichen Kern des Gemeingeistes für das öffentliche Leben, damit das öffentliche Leben nicht mehr, wie bisher ausschließlich, von Staat und Kälte, sondern von einer Wärme erfüllt und geleitet werde, die der Familienliebe verwandt ist. Dieser Kern alles echten Gemeinschaftslebens ist die Gemeinde, die Wirtschaftsgemeinde, von deren Wesen niemand ein Bild hat, der sie etwa nach dem beurteilen will, was sich heute Gemeinde nennt.

 

Das Kapital, das zum Betriebe, zur Verarbeitung der Rohprodukte, zum Transport von Waren und Menschen gebraucht wird, ist in Wahrheit nichts anderes als Gemeingeist. Hunger, Hände und Erde - alle drei sind da, sind von Natur aus da; für den Hunger schaffen die Hände aus der Erde fleißig die Notdurft. Dazu kommt die besondere Übung bestimmter Gegenden in jahrhundertalten Gewerben; die besondere Beschaffenheit der Erde, so daß gewisse Rohprodukte nur an den und jenen Orten gefunden werden; die Notwendigkeit und Bequemlichkeit des Tausches. Tauschen die Menschen von Gemeinde zu Gemeinde, was nicht an Ort und Stelle gearbeitet werden kann oder soll, so wie sie innerhalb der Gemeinden von einzelnen zu einzelnen tauschen; tauschen sie Produkt gegen gleichwertiges Produkt und in jeder Gemeinde wird jeder so viel zu zehren haben, wie er will, d. h. arbeitet Hunger, Hände und Erde sind da, alle drei sind von Natur aus da. Und außer ihnen brauchen die Menschen nur, was zwischen ihnen hergeht, anständig zu ordnen, und sie haben, was sie brauchen, damit jeder ganz nur für sich arbeitet; damit sie alle die Natur ausbeuten, aber nicht sich untereinander. Das ist die Aufgabe des Sozialismus: die Tauschwirtschaft so zu ordnen, daß auch unter dem System des Tausches jeder nur für sich arbeitet; daß die Menschen in tausendfältiger Verbindung miteinander stehen, und daß doch keinem in dieser Verbindung etwas entzogen, jedem nur gegeben wird. Gegeben nicht, indem einer den andern beschenkt; der Sozialismus sieht keinen Verzicht wie keinen Raub vor; jeder erhält den Ertrag seiner Arbeit und hat die Nutznießung aus der durch Arbeitsteilung und Tausch und Arbeitsgemeinschaft entstandenen Verstärkung aller in der Extraktion der Produkte aus der Natur.

 

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Seltsam, daß man es den Menschen in Stadt und Land heute wie etwas Neues erst sagen muß, daß alles, was irgend in unsern Verbrauch eingeht, sofern es nicht Luft ist, der Erde und den auf Erden gewachsenen Pflanzen und Tieren entstammt. Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da.

 

Den Hunger spüren wir täglich und langen in die Taschen, um das Geld zu holen, das Mittel, um die Mittel zu kaufen, ihn zu befriedigen. Was hier Hunger genannt wird, ist jeglicher echte Bedarf; um jedem zu genügen, suchen wir in unsern Behältnissen nach Geld. Um das Geld zu erlangen, verkaufen oder vermieten wir uns: wir regen die Hände, und was hier Hände genannt wird, sind vielerlei Muskeln und Nerven und Hirn, ist Geist und Körper, ist Arbeit. Arbeit auf dem Boden; Arbeit unter der Erde; Arbeit zur Weiterverarbeitung von Erdprodukten; Arbeit im Tausch- und Transportdienst; Arbeit zur Bereicherung der Reichen; Arbeit zur Vergnügung und Belehrung; Arbeit zur Erziehung der Jugend; Arbeit, die Schädliches, Unnützes, Nichtiges erzeugt; Arbeit, die gar nichts erzeugt und sich nur für Gaffer zur Schau stellt. Vielerlei heißt heute Arbeit; alles heißt heute Arbeit, was Geld bringt.

 

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Wo ist die Erde? Die Erde, die unsre Hände brauchen, um unsern Hunger zu stillen? Wenige besitzen die Erde, und es sind immer wenigere geworden. Das Kapital, haben wir gesagt, ist nicht ein Ding, sondern ein Geist zwischen uns; und wir haben die Mittel zu Betrieb und Tausch, wenn wir uns selbst und unsre Menschennatur wiedergefunden haben. Die Erde aber ist ein Stück der äußern Natur; ist Natur wie Luft und Licht; die Erde ist allen Menschen unentziehbar zu eigen; und die Erde ist Eigentum geworden; Eigentum der Wenigen!

 

Alles Eigentum an Sachen, alles Eigentum am Boden ist in Wahrheit Eigentum an Menschen. Wer den ändern, den Massen die Erde vorenthält, der zwingt diese ändern, für ihn zu arbeiten. Eigentum ist Diebstahl und Eigentum ist Sklavenhaltung.

 

Durch die Geldwirtschaft ist nun vielerlei zu Bodeneigentum geworden, was nicht so aussieht. In der gerechten Tauschwirtschaft habe ich der Wirkung nach Anteil am Boden, auch wenn ich keinen Boden besitze; in der Geldwirtschaft im Lande des Profits, des Wuchers, des Zinses bist du in Wahrheit ein Bodenräuber, auch wenn du keinen Boden, wenn du nur Geld oder Papiere hast. In der gerechten Wirtschaft, wo Produkt gegen gleichwertiges Produkt sich tauscht, arbeite ich lediglich für mich, auch wenn nichts, was ich arbeite, in meinem eigenen Verzehr eingeht; in der Geldwirtschaft im Lande des Profits bist du ein Sklavenherr, auch wenn du keinen einzigen Arbeiter beschäftigst, wenn du nur von etwas anderm lebst als von der Verwertung deiner Arbeit. Und selbst wenn einer nur von der Verwertung seiner Arbeit lebt, ist er an der Aussaugung der Menschen beteiligt, wenn seine Arbeit eine monopolisierte oder privilegierte ist und einen höheren Preis erzielt, als sie wert ist.

 

Hunger, Hände und Erde sind da; alle drei sind von Natur aus da. Die Erde müssen wir wieder haben. Die Gemeinden des Sozialismus müssen den Boden neu aufteilen. Die Erde ist niemandes Eigentum. Die Erde sei herrenlos; dann nur sind die Menschen frei. Die Gemeinden des Sozialismus müssen den Boden neu aufteilen. Entsteht dadurch nicht wiederum Eigentum?

 

Ich weiß wohl, daß andere sich das Gemeineigentum oder die Herrenlosigkeit anders vorstellen. Sie sehen alles im Nebel; ich bemühe mich, klar zu sehen. Sie sehen alles in der Vollkommenheit eines beschriebenen Ideals; ich will ausdrücken, was jetzt und jederzeit zu tun ist. Jetzt und jederzeit wird es in der Welt nicht schwabbelig zugehen; der Sozialismus soll verwirklicht werden; wer ihn verwirklichen will, muß wissen, was er jetzt will. Jetzt und jederzeit wird der radikale Umgestalter nichts anderes umzugestalten vorfinden, als was da ist. Und darum wird es jetzt und jederzeit gut sein, daß die Ortsgemeinden ihre Gemarkung besitzen; daß ein Teil das Gemeindeland, und andre Teile das Familiengut für Haus, Hof, Garten und Feld sind.

 

Auch die Aufhebung des Eigentums wird im wesentlichen eine Umwandlung unsres Geistes sein; aus dieser Wiedergeburt heraus wird eine mächtige Neuverteilung des Besitzes hervorgehen; und in Verbindung mit dieser Neuaufteilung wird der Wille stehen, das Land in künftigen Zeiten, in bestimmten oder unbestimmten Abständen wieder und wieder und wieder neu zur Verteilung zu bringen.

 

Die Gerechtigkeit wird immer von dem Geist abhängen, der zwischen Menschen waltet, und der verkennt den Sozialismus durchaus, der meint, jetzt sei ein Geist nötig und möglich, der sich so zur Gestalt kristallisiert, daß er Endgültiges durchsetzte und der Zukunft nichts mehr übrigließe. Der Geist ist immer in der Bewegung und im Schaffen; und was er schafft, wird stets das Unzulängliche sein, und nirgends als im Bilde oder der Idee wird das Vollkommene zum Ereignis. Es wäre vergebliches und verkehrtes Bemühen, ein für allemal Patenteinrichtungen schaffen zu wollen, die jede Möglichkeit zur Ausbeutung und Bewucherung automatisch ausschließen. Unsere Zeiten haben gezeigt, was sich ergibt, wenn an die Stelle des lebendigen Geistes automatisch funktionierende Institutionen gesetzt werden. Sorge jede Generation tapfer und radikal für das, was ihrem Geist entspricht: es muß auch später noch Grund zu Revolutionen geben; und sie werden dann nötig, wenn neuer Geist sich gegen die starr gewordenen Residuen verflogenen Geistes wenden muß. So wird denn auch der Kampf gegen das Eigentum zu ganz andern Resultaten führen, als manche, z. B. die sogenannten Kommunisten, wohl glauben. Eigentum ist etwas anderes als Besitz; und ich sehe in der Zukunft Privatbesitz, Genossenschaftsbesitz, Gemeindebesitz in schönster Blüte; Besitz keineswegs bloß an den Dingen des unmittelbaren Verbrauchs oder den einfachsten Werkzeugen; auch an den von manchen so abergläubisch gefürchteten Besitz an Produktionsmitteln aller Art, an Häusern und an Boden. Keinerlei endgültige Sicherheitsvorkehrungen fürs tausendjährige Reich oder die Ewigkeit sollen hergestellt werden, sondern eine große und umfassende Ausgleichung und die Schaffung des Willens, diesen Ausgleich periodisch zu wiederholen.

 

"Da sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land am zehnten Tage des siebenten Monats als dem Tage des Ausgleichs ... "Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und ihr sollt ein Freijahr ausrufen im Lande allen, die drinnen wohnen; denn es ist euer Jubeljahr; da soll ein jeglicher bei euch wieder zu seiner Habe und zu seinem Geschlechte kommen. "Das ist das Jubeljahr, da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll." Wer Ohren hat zu hören, der höre. Da sollst du die Posaune blasen lassen durch all euer Land!

 

Die Stimme des Geistes ist die Posaune, die immer und immer und immer wieder ertönen wird, solange Menschen beisammen sind. Immer wird Unrecht sich festsetzen wollen, immer wird, solange die Menschen wahrhaft lebendig sind, der Aufruhr dagegen entbrennen. Der Aufruhr als Verfassung, die Umgestaltung und Umwälzung als ein für allemal vorgesehene Regel, die Ordnung durch den Geist als Vorsatz; das war das Große und Heilige an dieser mosaischen Gesellschaftsordnung. Das brauchen wir wieder: eine Neuregelung und Umwälzung durch den Geist, der nicht Dinge und Einrichtungen endgültig festsetzen, sondern der sich selbst als permanent erklären wird. Die Revolution muß ein Zubehör unsrer Gesellschaftsordnung, muß die Grundregel unsrer Verfassung werden.

 

Der Geist wird sich Formen schaffen; Formen der Bewegung, nicht der Starrheit; Besitz, der nicht zu Eigentum wird, der nur Arbeitsmöglichkeit und Sicherheit, aber nicht Ausbeutungsmöglichkeit und Anmaßung schafft; ein Tauschmittel, das nicht an sich selbst Wert hat, sondern nur in Beziehung auf den Tausch, und das nicht bloß das Mittel zum Tausch, sondern auch die Bedingung des eigenen Verbrauchs in sich birgt; ein Tauschmittel, das fähig ist zu sterben und gerade darum nur fähig, zu beleben, während es heute unsterblich und mörderisch ist.

 

Anstatt daß zwischen uns Leben war, haben wir den Tod zwischen uns gesetzt; alles ist zum Ding und zum Sachgötzen geworden: Vertrauen und Gegenseitigkeit wurde zum Kapital; Gemeininteresse wurde zum Staat; unser Verhalten, unsre Beziehungen wurden zu den starren Verhältnissen, und in furchtbaren Krämpfen und Erschütterungen brach nach langen Zeiten hie und da eine Revolution aus, die gleich wieder Tod und Einrichtungen und Einmalig-Unabänderliches aus sich brach und daran starb, ehe sie lebte. Machen wir jetzt ganze und große Arbeit, indem wir in unsrer Wirtschaft das einzige Prinzip festsetzen, das festgesetzt werden kann, das Prinzip, das der sozialistischen Grunderkenntnis entspricht: daß in kein Haus mehr an Wert zum Verzehr eingehen soll, als in dem Hause gearbeitet worden ist, weil kein Wert in der Menschenwelt entsteht als allein durch die Arbeit. Wer verzichten und schenken will, möge es tun; das ist ihm unbenommen und geht die Wirtschaft nicht an; aber keiner soll durch Verhältnisse genötigt sein, zu entbehren. Die Mittel aber, dieses Prinzip stets und neu durchzusetzen, werden überall und jederzeit anders sein; und nur so lange wird das Prinzip leben, als es immer wieder angewandt wird.

 

Die Marxisten haben den Boden als eine Art Anhängsel des Kapitals betrachtet und haben nie etwas Rechtes mit ihm anfangen können. In Wahrheit ist Kapital zusammengesetzt aus zweierlei ganz Verschiedenem: erstens Boden und Bodenprodukt: Grundstücke, Baulichkeiten, Maschinen, Werkzeuge, die man aber eben nicht Kapital nennen sollte, weil sie Boden sind; zweitens Beziehung zwischen den Menschen, verbindender Geist. Geld oder Tauschmittel ist nichts wie ein Konventionszeichen für die allgemeine Ware, mit dessen Hilfe sich alle besonderen Waren bequem, d. h. in diesem Fall mittelbar gegeneinander tauschen.

 

Das hat von Haus aus gar nichts mit dem Kapital zu tun. Kapital ist kein Tauschmittel und kein Zeichen, sondern eine Möglichkeit. Das bestimmte Kapital eines arbeitenden Menschen oder einer Gruppe arbeitender Menschen ist ihre Möglichkeit, bestimmte Produkte in einer bestimmten Zeit herzustellen. Die dinglichen Wirklichkeiten, die dazu gebraucht werden, sind erstens die Materialien - Boden und Bodenprodukte -, aus denen heraus die neuen Produkte weiterverarbeitet werden sollen; zweitens die Werkzeuge, mit denen gearbeitet wird, also ebenfalls Bodenprodukte; drittens die Lebensbedürfnisse, die von den Arbeitern während der Arbeitszeit konsumiert werden, wiederum Bodenprodukte. Solange einer nun an einem Produkt arbeitet, kann er dieses Produkt nicht gegen das, was er während der Produktion und für sie braucht, eintauschen; in dieser Lage der Erwartung und Spannung sind aber alle arbeitenden Menschen. Kapital nun ist nichts anderes als die Vorwegnahme und Vorwegeinlösung des erwarteten Produkts, ist genau das nämliche wie Kredit oder Gegenseitigkeit. In der gerechten Tauschwirtschaft bekommt jeder, der Aufträge hat, oder jede Produktionsgruppe, die Kunden hat, die dinglichen Mittel, die Erde und Erderzeugnisse, für ihren Hunger und ihre Hände: weil alle die entsprechenden Bedürfnisse haben und jeder dem ändern die Wirklichkeiten, die auch einmal aus Erwartung und Spannung gekommen sind, liefert, damit auch diesmal die Möglichkeit und Bereitschaft sich zur Wirklichkeit wandle und so immer fort. Kapital also ist nicht ein Ding; der Boden und seine Erzeugnisse sind das Ding; die herkömmliche Anschauung stellt eine ganz unzulässige und bitterböse Verdoppelung der Dingwelt her, als ob es außer der einen und einzigen Bodenwelt auch noch die Kapitalwelt als Sache gäbe; damit wird die Möglichkeit, die nur ein Spannungsverhältnis ist, zu einer Wirklichkeit gemacht. Es gibt nur die eine dingliche Wirklichkeit des Bodens; alles andre, was man sonst noch Kapital nennt, ist Beziehung, Bewegung, Zirkulation, Möglichkeit, Spannung, Kredit oder, wie wir es hier nennen, der verbindende Geist in seiner wirtschaftlichen Wirksamkeit, der natürlich nicht pfuscherhaft als Liebe und Entgegenkommen in die Erscheinung treten, sondern sich zweckmäßiger Organe bedienen wird, wie ihrer eines Proudhon als Tauschbank beschrieben hat.

 

Wenn wir die gegenwärtige Zeit nun die kapitalistische nennen, soll damit zum Ausdruck gebracht werden, daß in der Wirtschaft nicht mehr der verbindende Geist waltet, sondern der Sachgötze herrscht, etwas also, das zwar keine Sache, aber ein Nichts ist, das als Sache genommen wird.

 

Dieses Nichts, das als Sache gilt, schafft nun freilich infolge dieser Geltung, weil Geltung Geld ist, den Reichen eine Menge konkrete Wirklichkeiten ins Haus und in die Machthaberei, die alle nicht dem Nichts entstammen, sondern dem Boden und der Arbeit der Armen. Denn jedesmal, wenn sich die Arbeit dem Boden nähern will, allemal, wenn ein Produkt aus einem Stadium der Arbeit in ein anderes übergehen will und ehe es in den Konsum eingehen darf und im ganzen Prozeß der Arbeit schiebt sich das falsche Kapital ein und erhebt nicht etwa bloß den Lohn für kleine Dienste, sondern überdies den Zins dafür, daß es so willig war, nicht stillzuliegen, sondern zu zirkulieren.

 

Ein Nichts, das als Sache gilt und den fehlenden Geist des Bandes ersetzt, ist, wie hier öfter schon erwähnt wurde, auch der Staat. Er tritt überall da hindernd, stoßend, saugend und drückend zwischen die Menschen und die Menschen wie zwischen die Menschen und den Boden, wo das Echte, das von Haus aus zwischen ihnen ist: der Zug, die Beziehung, der Freigeist verkümmert ist. Das hängt auch damit zusammen, daß das unechte Kapital, das an die Stelle des echten gegenseitigen Interesses und gegenseitigen Vertrauens getreten ist, seine saugende und plündernde Macht gar nicht üben könnte, daß das Grundeigentum von der Arbeit gar nicht Tribut erheben könnte, wenn es nicht durch Gewalt, durch die Gewalt des Staates, seiner Gesetze, seiner Verwaltung und seiner Exekutive gestützt würde. Nur darf man nie vergessen, daß das alles: Staat, Gesetze, Verwaltung und Exekutive nur Namen sind für Menschen, die, weil ihnen die Lebensmöglichkeit fehlt, sich gegenseitig quälen und vergewaltigen, Namen für Gewalt also zwischen den Menschen.

 

Wir sehen so an dieser Stelle, daß nach der richtigen Erklärung vom Kapital, die hier gegeben wurde, die Bezeichnung "kapitalistisch" nicht ganz treffend ist, weil mit ihr eigentlich nicht das echte Kapital, sondern das falsche gemeint ist. Aber es läßt sich gar nicht vermeiden, wenn man den Menschen die wahren Zusammenhänge entwirren will, sich zunächst einmal der eingebürgerten Worte zu bedienen, und das ist hier geschehen.

 

Wenn die Arbeiter also finden, daß ihnen das Kapital fehlt, so haben sie in ganz anderem Sinne recht, als sie glauben. Ihnen fehlt das Kapital der Kapitale, fehlt das einzige Kapital, das Wirklichkeit ist, Wirklichkeit, obwohl es kein Ding ist: ihnen fehlt der Geist. Und wie es allen geht, die sich dieser Möglichkeit und Voraussetzung alles Lebens entwöhnt haben, ist ihnen dazu noch die sachliche Bedingung alles Lebens unter den Füßen weggezogen worden: der Boden. Land und Geist also — das ist die Losung des Sozialismus. Die vom sozialistischen Geiste Ergriffenen werden zu allererst nach dem Boden sich umsehen als der einzigen äußeren Bedingung, die sie zur Gesellschaft brauchen.

 

Wir wissen wohl, daß, wenn die Menschen in ihrer Weltwirtschaft, in ihrer Volkswirtschaft ihre Produkte gegeneinander tauschen, daß dadurch auch der Boden mobil gemacht wird. Der Boden ist längst zu einem Börsenobjekt, ist längst papieren gemacht worden. Wir wissen auch, daß, wenn die Menschen in ihrer Weltwirtschaft, in ihrer Volkswirtschaft Produkt gegen gleichwertiges Produkt tauschen würden, wenn also umfassende Verbände durch die Vereinigung ihres Konsums und den dadurch ohne Zweifel entstehenden außerordentlichen Kredit sich in die Lage setzten, zunächst in immer wachsendem Maße Industrieprodukte für ihren eigenen Bedarf, unter Ausschaltung also des kapitalistischen Marktes, aus den Rohmaterialien zu verarbeiten, wir wissen, sage ich, daß sie dann im Laufe der Zeiten ebenso wie Bodenerzeugnisse auch in ansehnlichem Maße Boden selbst kaufen könnten. Wir wissen, daß solchen gewaltigen Konsumproduktivgenossenschaften nicht nur ihr eigener gegenseitiger Kredit, sondern auch ansehnliches Geldkapital schließlich zur Verfügung stehen müßte. Wollten es die Menschen aber darauf ankommen lassen, so hätten sie die endgültige Entscheidung nur hinausgeschoben. Die Bodenbesitzer haben ein Monopol auf alles, was auf dem Boden wächst und aus dem Innern des Bodens geholt wird: auf die Lebensmittel des ganzen Volkes und die Rohmaterialien der Industrie. Der Staat und im Zusammenhang damit ein immer beträchtlicher Teil des Geldkapitals, dem ja wortwörtlich der Boden entzogen und der Atem geraubt wird, wenn es kein Bodeneigentum mehr, aber schon Gegenseitigkeit als sozialistisches Kapital gibt, sie werden, ehe es soweit ist, je mehr kapitalistischer Handel und kapitalistische Industrie durch die Konsumproduktivgenossenschaften ausgeschaltet werden, um so mehr zu den Bodenmagnaten halten. Der Boden wird den für ihren eigenen Konsum arbeitenden Genossenschaften nicht von selber zufließen, wird ihnen vielmehr seine Produkte verteuern oder geradezu sperren. Der Boden ist eben nur dem Scheine nach flüssig oder papieren, so wie umgekehrt das Kapital nur der Fiktion nach eine reale Größe ist; sowie es zur Entscheidung kommt, wird der Boden, was er wirklich ist: ein Stück physische Natur, das besessen und vorenthalten ist.

 

Um den Kampf gegen das Bodeneigentum kommen die Sozialisten nicht herum. Der Kampf des Sozialismus ist ein Kampf um den Boden; die soziale Frage ist eine agrarische Frage. Nun kann man erst sehen, was für ein ungeheurer Fehler die Proletariatstheorie der Marxisten gewesen ist. Keine Schicht der Bevölkerung wüßte, wenn es heute zur Revolution käme, weniger, was zu tun ist, als unsere Industrieproletarier. Überaus verlockend ist freilich für ihre Sehnsucht nach Erlösung - denn sie sehnen sich mehr nach Erlösung und Ausspannung, als daß sie wüßten, was für neue Beziehungen und Verhältnisse sie herstellen wollen - der alte Herweghsche Spruch: Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will. Verlockend ist dieses Wort, wie alles, was Tatsachen einen allgemeinen Ausdruck gibt und also logisch ist. Daß der Generalstreik ein furchtbares Durcheinander erzeugen müßte, daß die Kapitalisten, wenn die Arbeiter es nur ganz kurze Zeit aushalten könnten, kapitulieren müßten, ist völlig wahr.

 

Das aber ist ein großes "Wenn", und die Arbeiter sind sich heute kaum über die gewaltigen Schwierigkeiten ihrer Verproviantierung im Falle eines revolutionären Generalstreiks klar genug. Indessen trotzdem, ein umfassender und ungestümer Generalstreik mit heftiger Stoßkraft könnte ohne Frage den revolutionären Gewerkschaften entscheidende Macht geben. Am Tag nach der Revolution würden die Gewerkschaften von den Fabriken und Werkstätten in den Großstädten und Industriestädten Besitz ergreifen, müßten auch weiterhin für den Weltmarkt des Profits die nämlichen Produkte herstellen, würden den ersparten Unternehmergewinn unter sich teilen — und sich wundern, daß nichts herauskommt als Verschlechterung ihrer Lage, Stockung der Produktion und völlige Unmöglichkeit.

 

Es ist völlig unmöglich geworden, die Tauschwirtschaft des Profitkapitalismus direkt in die sozialistische Tauschwirtschaft überzuleiten. Daß es auf einmal nicht geht, versteht sich von selbst; würde versucht, es allmählich zu bewerkstelligen, so käme es zum fürchterlichsten Zerfall der Revolution, zu den wildesten Kämpfen der schnell entstehenden Parteien gegeneinander, zum wirtschaftlichen Chaos und zum politischen Cäsarismus.

 

Wir sind viel zu weit von Gerechtigkeit und Verstand in der Herstellung und Verteilung der Produkte entfernt. Jeder, der heute verzehrt, ist auf die ganze Weltwirtschaft angewiesen, weil sich zwischen ihn und seine Bedürfnisse die Profitwirtschaft eingebürgert hat. Die Eier, die ich esse, kommen aus Galizien, die Butter aus Dänemark, das Fleisch aus Argentinien und ebenfalls aus Amerika das Korn zum Brot, die Wolle meines Anzugs aus Australien, die Baumwolle meines Hemdes aus Amerika und so fort, das Leder und die dazu nötigen Gerbstoffe zu meinen Stiefeln, das Holz zu Tischen und Schränken und Stühlen und so immer weiter.

 

Die Menschen in unsern Zeiten sind Beziehungslose und Unverantwortliche geworden. Beziehung ist ein Zug, der die Menschen zueinander und der die Menschen zur Arbeit für die Herstellung ihrer Bedürfnisse bringt. Diese Beziehung, ohne die wir keine Lebendigen sind, ist veräußerlicht, ist verdinglicht worden. Es ist dem Händler gleich, womit er handelt, es ist dem Proletarier gleich, was oder woran er arbeitet; der Betrieb hat nicht den natürlichen Zweck, Bedürfnisse zu befriedigen; sondern den künstlichen, das Ding zu erwerben, in möglichst großen Massen und rücksichtslos und möglichst ohne Arbeit, d. h., da es Hexerei und Wunder nicht gibt, durch die Arbeit anderer, Unterworfener zu erwerben, durch das sich alle Bedürfnisse befriedigen lassen — das Geld.

 

Das Geld hat Beziehungen geschluckt und ist darum viel mehr als ein Ding. Das Kennzeichen eines Zweckdinges, das künstlich aus der Natur herausgearbeitet wurde, ist, daß es nicht mehr wächst, daß es nicht imstande ist, aus der Umwelt Stoffe oder Kräfte an sich zu ziehen, sondern daß es in Ruhe auf den Verbrauch wartet und in kürzerer oder längerer Frist verdirbt, wenn es nicht verbraucht wird. Was Wachstum hat, Selbstbewegung, Selbsterzeugung, ist ein Organismus. Und so ist denn das Geld ein künstlicher Organismus; es wächst, es gebiert Kinder, es vermehrt sich überall da, wo es ist, und ist unsterblich.

 

Fritz Mauthner ("Wörterbuch der Philosophie") hat gezeigt, daß das Wort "Gott" ursprünglich identisch ist mit Götze, und daß beides der "Gegossene" heißt. Gott ist ein von den Menschen gemachtes Erzeugnis, das Leben gewinnt, Leben der Menschen an sich zieht und schließlich mächtiger wird als all die Menschheit.

 

Der einzige Gegossene, der einzige Götze, der einzige Gott, den die Menschen je leibhaft zustande gebracht haben, ist das Geld. Das Geld ist künstlich und ist lebendig, das Geld zeugt Geld und Geld und Geld, das Geld hat alle Kräfte der Welt.

 

Wer aber sieht nicht, wer aber sieht heute noch immer nicht, daß das Geld, daß der Gott nichts anderes als der aus dem Menschen herausgetretene und zum lebendigen Ding, zum Unding gewordene Geist ist, daß es der zum Wahnsinn gewordene Sinn unsres Lebens ist? Das Geld schafft nicht Reichtum, das Geld ist Reichtum; ist Reichtum für sich; es gibt keinen Reichen als das Geld. Das Geld hat seine Kräfte und sein Leben irgendwoher; es kann sie nur von uns haben; und so reich und zeugungskräftig wir das Geld gemacht haben, so sehr haben wir uns verarmt und ausgesogen, uns alle. Geradeswegs wörtlich gilt es, daß Menschenfrauen zu Hunderttausenden darum nicht mehr Mütter werden können, weil das scheußliche Geld Junge wirft und das harte Metall Männern und Frauen die tierische Wärme und das Blut wie ein Vampyr aus den Adern saugt. Wir sind Bettler und Tröpfe und Toren, weil das Geld Gott, weil das Geld Menschenfresser geworden ist.

 

Sozialismus ist Umkehr; Sozialismus ist Neubeginn; Sozialismus ist Wiederanschluß an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung.

 

Es gibt keinen andern Weg zum Sozialismus, als daß wir lernen und üben, wofür wir arbeiten. Wir arbeiten nicht für den Gott oder Teufel, dem sich die Menschen heute verschrieben haben, sondern für unsre Bedürfnisse. Wiederherstellung der Beziehung zwischen Arbeit und Verbrauch; das ist Sozialismus. Der Gott ist jetzt schon so gewaltig und allmächtig geworden, daß er nicht mehr durch eine bloße sachliche Umgestaltung, durch eine Reform der Tauschwirtschaft abzuschaffen ist.

 

Die Sozialisten also wollen wieder in Gemeinden zusammentreten und in den Gemeinden soll hergestellt werden, was die Gemeindemitglieder brauchen.

 

Wir können nicht auf die Menschheit warten; wir können auch nicht erwarten, daß die Menschheit sich für eine gemeinsame Wirtschaft, für gerechte Tauschwirtschaft zusammenschließt, solange wir in uns Individuen nicht das Menschtum gefunden und neugeschaffen haben. 

 

Vom Individuum beginnt alles; und am Individuum liegt alles. Der Sozialismus, im Vergleich zu dem, was uns heute umgibt und umschnürt, ist die ungeheuerste Aufgabe, die sich Menschen je gestellt haben; mit äußeren Kuren der Gewalt oder der Klugheit ist er nicht zur Wirklichkeit zu machen.

 

Vieles ist da, woran wir anschließen können, was auch an äußeren Gestalten lebendigen Geistes noch Leben birgt. Dorfgemeinden mit Resten alten Gemeindebesitzes, mit den Erinnerungen der Bauern und Landarbeiter an die ursprüngliche Gemarkung, die seit Jahrhunderten in Privatbesitz gegangen ist; Einrichtungen der Gemeinwirtschaft für Feldarbeit und Handwerk. Das Bauernblut rauscht noch in den Adern vieler Stadtproletarier; sie sollen lernen, wieder darauf zu lauschen. Das Ziel, das noch sehr entfernte Ziel ist allerdings, was sich heute der Generalstreik nennt; die Weigerung, für andere, für den Reichen, für den Götzen und das Unding zu arbeiten. Generalstreik – aber freilich ein anderer, als der passive Generalstreik mit verschränkten Armen, der heute gekündet wird und der mit einem Trotz, dessen momentaner Erfolg sehr zweifelhaft und dessen endlicher Mißerfolg ganz unzweifelhaft ist, den Kapitalisten zuruft: Wir wollen sehen, wer's länger aushält! Generalstreik, jawohl, aber ein aktiver, und eine andre Aktivität ist hier gemeint als jene, die wohl auch manchmal mit dem revolutionären Generalstreik in Verbindung gebracht wird und die auf gut deutsch Plünderung heißt. Der aktive Generalstreik wird erst dann kommen und siegen, wenn die arbeitenden Menschen sich in den Stand gesetzt haben, nicht einen Deut ihrer Aktivität, ihrer Arbeit andern zu geben, sondern nur noch für ihren Bedarf, ihren wirklichen Bedarf zu arbeiten. Das hat gute Wege und ist lange hin – aber wer weiß denn nicht, daß wir nicht am Ende und nicht in der Mitte des Sozialismus stehen, sondern vor dem allerersten Anfang? Darum ist unsre Todfeindschaft gegen den Marxismus jeglicher Schattierung, weil er die arbeitenden Menschen abgehalten hat, mit dem Sozialismus zu beginnen. Das Zauberwort, das uns aus der versteinten Welt der Gier und der Not herausführt, heißt nicht Streik, sondern – Arbeit.

 

Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, geistige und körperliche Arbeit, Unterricht und Lehrlingswesen sollen wieder vereinigt werden; sehr Wertvolles über die Methoden zu dieser Verwirklichung hat uns Peter Kropotkin in seinem Buche "Das Feld, die Fabrik und die Werkstatt" gesagt.

 

Die Hoffnung auf das Volk, das ganze Volk, auf all unsre Völker dürfen wir durchaus nicht aufgeben. Sie sind freilich heute keine Völker; an die Stelle von Volk, geistverbundenen Menschen, sind Staat und Geld getreten; da konnten auf der ändern Seite nur auseinandergefallene Menschenstücke übrigbleiben.

 

Volk kann erst wieder werden, wenn die einzelnen, die Vorausgehenden, die Geistigen mit Volk trächtig sind, wenn die Vorform des Volkes in den schöpferischen Menschen lebt und aus ihren Herzen, Köpfen und Händen zur Wirklichkeit verlangt.

 

Der Sozialismus ist nicht, wie man gewähnt hat, eine Wissenschaft, wenn auch vielerlei Wissen zu ihm wie zu jedem Abfall vom Aberglauben und Aberleben und zum Beschreiten des rechten Weges nötig ist. Wohl aber ist der Sozialismus eine Kunst. Eine neue Kunst, die im Lebendigen schaffen will.

 

Aus allen Schichten werden jetzt die Männer und Frauen aufgerufen, damit sie vom Volke fortgehen, um zum Volke zu kommen. Denn das ist die Aufgabe: nicht am Volk verzweifeln, aber auch nicht aufs Volk warten. Wer dem Volk, das er in sich trägt, Genüge tut, wer um dieses ungeborenen Keimes und dieser drängenden Phantasiegestalt willen sich mit seinesgleichen verbindet, um als Wirklichkeit zu schaffen, was sich immer zur Verwirklichung des sozialistischen Gebildes tun läßt, der geht vom Volke weg zum Volke hin.

 

Aus denen, die den tiefsten Ekel und die stärkste Sehnsucht und wahren Gestaltungsdrang in sich bergen, wird der Sozialismus eine Wirklichkeit, die anders aussieht je nach der Zahl derer, die sich zu ihm zusammentun. So wollen wir uns denn aneinander schließen und wollen darauf ausgehen, sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer, sozialistische Gemeinden zu gründen. Die Kultur beruht nicht auf irgendwelchen Formen der Technik oder der Bedürfnisbefriedigung, sondern auf dem Geiste der Gerechtigkeit.

 

Wer am Sozialismus tun will, muß aus dem Vorgefühl einer geahnten und doch ungekannten Freude und Seligkeit heraus ans Werk gehen. Alles müssen wir erst wieder lernen: die Freude der Arbeit, der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Schonung, alles haben wir vergessen und spüren es doch alles noch in uns.

 

Diese Siedlungen, in denen die Sozialisten sich nach Möglichkeit abschließen vom kapitalistischen Markt und nur soviel an Wert hinausexportieren, als sie noch von draußen hereinbekommen müssen, sind nur kleine Anfänge und Proben. Sie sollen hinausleuchten ins Land, damit über die volklosen Menschenhaufen der Neid komme, der Neid nicht auf Genußgüter oder Machtmittel, sondern der Neid auf die neue uralte Seligkeit der Zufriedenheit mit sich selbst, der Beglücktheit im Schoß der Gemeinde.

 

Der Sozialismus als Wirklichkeit kann nur erlernt werden; der Sozialismus ist wie jedes Leben ein Versuch. Alles, was wir dichterisch heute schon in Worten und Beschreibungen zu gestalten versuchen: die Abwechslung in der Arbeit, die Rolle der geistigen Arbeit, die Form des bequemsten und unbedenklichsten Tauschmittels, die Einführung des Vertrags an die Stelle der Justiz, die Erneuerung der Erziehung, all das wird Wirklichkeit werden, indem es verwirklicht wird, und wird durchaus nicht nach einer Schablone geordnet werden.

 

Dankbar aber werden wir dann derer gedenken, die schon im Denken und der Phantasie vorausgelebt haben, Gemeinden und Länder des Sozialismus in gegliederten Gestalten geschaut haben. Die Wirklichkeit wird anders aussehen als ihre individuellen Gestaltungen; aber die Wirklichkeit wird von diesen ihren Bildern abstammen.

 

Gedenken wir hier noch einmal Proudhons und all seiner scharf umgrenzten, nie ins Nebulose sinkenden Gesichte aus dem Lande der Freiheit und des Vertrags; gedenken wir manches Guten, was Henry George, Michael Flürscheim, Silvio Gesell, Ernst Busch, Peter Kropotkin, Elisee Reclus und viele andre geschaut und beschrieben haben. Wir sind die Erben der Vergangenheit, ob wir wollen oder nicht; schaffen wir in uns den Willen, daß die kommenden Geschlechter unsre Erben seien, daß wir mit allem, was wir leben und tun, in die kommenden Geschlechter und in die uns umgebenden Menschenmassen hineinwirken.

 

Das ist nun ein völlig neuer Sozialismus, ein wieder einmal neuer; neu für unsre Zeit, neu im Ausdruck, neu im Anschauen der Vergangenheit, neu auch in mancher Stimmung. Neu umblicken müssen wir uns nun auch in dem, was ist: die Menschen-Schichten, die Einrichtungen und Überlieferungen müssen wir neu betrachten. Ganz anders sehen wir nun die Bauern, und wir wissen, was für eine ungeheure Aufgabe uns da gelassen wurde, zu ihnen zu sprechen, bei ihnen zu leben und das lebendig zu machen, was in ihnen verkalkt und verstaubt ist: die Religion; nicht den Glauben an irgendwelche äußere oder obere Mächte, sondern den Glauben an die eigene Macht und die Vervollkommnung des einzelnen Menschenwesens, solange es lebt. Was haben sie immer den Bauern gefürchtet und seine Liebe zum Bodenbesitz! Die Bauern haben nicht zu viel Boden, sondern zu wenig, und nicht nehmen muß man ihnen, sondern geben. Geben muß man ihnen wie allen freilich auch erst wieder den Gemein- und Gemeindegeist; aber er ist in ihnen nicht so verschüttet wie in den Stadtarbeitern. Die sozialistischen Siedler sollen sich nur in den vorhandenen Dörfern ansiedeln, und es wird sich zeigen, daß sie wieder lebendig zu machen sind und daß der Geist, der im 15. und 16. Jahrhundert in ihnen war, auch heute noch wieder erwachen kann.

 

Von diesem neuen Sozialismus gilt es mit neuen Zungen den Menschen zu reden. Hier wird ein erster und anfänglicher Versuch gemacht; wir werden es noch besser lernen, wir und andere; wir wollen die Genossenschaften, welche sozialistische Form ohne Geist sind, wir wollen die Gewerkschaften, welche Tapferkeit ohne Ziel sind, zum Sozialismus, zu großen Versuchen bringen. Ob wir wollen oder nicht, wir werden nicht beim Reden bleiben; wir werden weitergehen. Wir glauben nicht mehr an den Strich zwischen Gegenwart und Zukunft; wir wissen: "Hier oder nirgends ist Amerika!" Was wir nicht jetzt, im Augenblick tun, tun wir gar nicht.

 

Wir können unsern Konsum vereinigen und vielerlei Zwischenschmarotzer ausschalten; können eine große Anzahl Handwerke und Industrien zur Herstellung von Gütern für unsern eigenen Verbrauch gründen. Viel weiter können wir darin gehen, als bisher die Genossenschaften gegangen sind, die immer noch den Gedanken an die Konkurrenz mit den kapitalistisch geleiteten Betrieben nicht loswerden. Sie sind bürokratisch, sie sind zentralistisch; und sie wissen sich nicht anders zu helfen, als daß sie sich zu Arbeitgebern machen und mit ihren Arbeitnehmern durch Vermittlung der Gewerkschaften Verträge schließen. Es fällt ihnen nicht ein, daß in der Konsumproduktivgenossenschaft jeder in echter Tauschwirtschaft für sich selber arbeitet; daß in ihr nicht die Rentabilität, sondern die Produktivität der Arbeit entscheidet; daß manche Betriebsform, z. B. der Kleinbetrieb durchaus produktiv und dem Sozialismus willkommen ist, auch wenn er im Kapitalismus nicht rentabel wäre.

 

Wir können Siedlungen gründen, die freilich nicht auf einen Schlag, nicht ganz und gar dem Kapitalismus entronnen sind. Wir wissen aber jetzt, daß der Sozialismus ein Weg ist, Weg aus dem Kapitalismus weg, und daß jeder Weg einen Anfang hat. Der Sozialismus wird nicht aus dem Kapitalismus heraus-, er wird dem Kapitalismus entgegenwachsen, wird sich ihm entgegenbauen.

 

Mittel zum Erwerb des Bodens und die ersten Betriebsmittel für diese Siedlungen erlangen wir durch die Vereinigung unseres Konsums, durch die Gewerkschaften und Arbeiterbünde, die sich uns anschließen, und durch solche Reiche, die entweder ganz zu uns stoßen oder uns wenigstens Mittel geben. Ich scheue mich gar nicht, das alles zu erwarten und diese Erwartung auszusprechen. Der Sozialismus ist Sache all derer, die unter dem Furchtbaren, das um uns und in uns ist, leiden; und viele aus allen Schichten werden bald viel größeres Leid tragen, als heute einer ahnt. Nichts Besseres im Sinne des Anstands und der eigenen Erlösung kann einer mit eigenem Gelde, können auch die Arbeitervereine mit ihrem Gelde tun, als es ein für allemal wegzugeben und dafür Land für den Anfang des Sozialismus frei zu machen. Dem Land, wenn es einmal frei ist, sieht es keiner an, und es selber spürt es nicht, daß es gekauft worden ist. Nur nicht zimperlich, Arbeiter: ihr kauft Schuhe, Hosen, Kartoffeln, Heringe; wäre es nicht für den Anfang schön, wenn ihr, arbeitende und leidende Menschen, gleichviel, welche Rollen euch bisher zugewiesen waren, eure Kraft zusammenwerfen wolltet, um euch vom Unrecht loszukaufen und auf eigenem Grund fernerhin das meiste, was ihr braucht, für eure Gemeinschaft selber zu arbeiten?

 

Vergessen wir nicht: sind wir im rechten Geiste, so haben wir alles, was wir für die Gesellschaft brauchen, alles außer dem einen: Land. Der Landhunger muß über euch kommen, Großstadtmenschen!

 

Sind überall im Lande, im Norden, Süden, Osten und Westen, in allen Provinzen sozialistische Siedlungen mit Eigenkultur in die Gemeinheit der Profitwirtschaft hineingesprengt, die gesehen werden, deren Lebensfreude unerhörter, wenn schon stiller Art gespürt wird, dann summt der Neid stärker und stärker, dann, glaube ich, regt sich das Volk, dann beginnt das Volk zu erkennen, zu wissen, die Sicherheit zu haben: es fehlt nur eines von Äußerem, um sozialistisch, gedeihlich, selig zu leben: der Boden. Und dann werden die Völker den Boden frei machen und nicht mehr für den Götzen, sondern für den Menschen arbeiten. Dann! Fanget nur erst an; fanget beim Kleinsten an und mit der kleinsten Schar!

 

Der Staat, d. h. die Massen, die noch nicht bei der Erkenntnis sind, die Schichten der Bevorzugten und deren beider Vertreter, die Regierungs- und Verwaltungskaste, werden den Beginnenden die größten und die kleinlichsten Hindernisse in den Weg legen. Wir wissen es.

 

Die Zerstörung aller Hindernisse kommt, wenn sie wirkliche Hindernisse sind, wenn wir nämlich ganz dicht, so daß nicht der kleinste Zwischenraum mehr ist, bis zu ihnen herangerückt sind. Jetzt sind sie nur Hindernisse der Voraussicht, der Phantasie, des Bangens. Wir sehen schon: das und das und das wird man uns, wenn's erst soweit ist, in den Weg legen - und tun einstweilen lieber gar nichts.

 

Lassen wir's doch erst soweit sein! Gehen wir wenigen doch voran, damit wir die vielen werden. Dem Volk kann niemand Gewalt antun als eben dieses Volk selber. Und große Teile des Volkes halten zum Unrecht und zu dem, was ihnen selber an Leib und Seele Schaden tut, weil unser Geist nicht stark, nicht ansteckend genug ist.

 

Unser Geist muß zünden, muß leuchten, muß verlocken und an sich ziehen.Das tut nie die Rede allein; auch die gewaltigste, die zürnendste, die sanfteste nicht.Das tut allein das Beispiel.Das Beispiel der Vorausgehenden müssen wir geben.Beispiel und Opfermut! In der Vergangenheit, heute und morgen werden der Idee Opfer um Opfer gebracht: immer um der Auflehnung, immer um der Unmöglichkeit willen, so zu leben.

 

Jetzt gilt es, dazu noch Opfer andrer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben ein Beispiel zu geben. Dann werden aus den wenigen viele werden, und auch die vielen werden wenige sein. Hunderte, Tausende, Hunderttausende - zu wenig, zu wenig! Und es werden mehr und sind immer noch zu wenig. Aber doch werden die Hindernisse überwunden; denn wer im rechten Geiste baut, zerstört im Bauen die stärksten Hindernisse.

 

Und endlich, endlich wird der Sozialismus, der so lange geglüht und geflammt hat, endlich wird er leuchten. Und die Menschen, die Völker werden mit großer Sicherheit wissen: sie haben den Sozialismus und die Mittel, ihn zu verwirklichen, ganz und gar in sich und zwischen sich und nichts fehlt ihnen als dieses eine: Land! Und sie werden das Land frei machen; denn niemand hindert das Volk mehr, da das Volk sich selbst nicht mehr im Wege steht.

 

Die werden aufgerufen, die tun wollen, was ihre Kraft vermag, um diesen Sozialismus zu schaffen. Nur die Gegenwart ist wirklich, und was die Menschen nicht jetzt tun, nicht sofort zu tun beginnen, das tun sie in alle Ewigkeit nicht. Es gilt das Volk, es gilt die Gesellschaft, es gilt die Gemeinde, es gilt Freiheit und Schönheit und Freude des Lebens. Wir brauchen Rufer im Streit; wir brauchen alle, die von dieser schaffenden Sehnsucht voll sind; wir brauchen Täter. Die Täter, die Beginnenden, die Erstlinge werden aufgerufen zum Sozialismus.

 

Wer es nicht in den Stunden, in denen diese Worte und ihr Gefühl nun zu ihm gesprochen haben, schon gehört hat, dem sei es jetzt zum Abschied gesagt: wie wir so manchen gewohnten Klang in den Mund genommen haben, um nur erst einmal zu den Menschen sprechen zu können, und solche vorläufigen, landläufigen Worte dann als falsch angewandt oder ungenügend im Ausdruck zur Seite legten, so mag es auch einmal diesem Wort gehen: Sozialismus. Vielleicht ist dieser Aufruf auch dazu der Anfang eines Weges, ein besseres, ein tiefer heraufgeholtes, ein weiterhin weisendes zu finden. Schon jetzt aber soll jeder wissen: nichts hat unser Sozialismus gemein mit schmatzender Behaglichkeit oder der Sucht nach schäferisch ungestörtem Idyll und einem breiten Leben, das nur der Wirtschaft, der Arbeit für des Lebens Notdurft gewidmet wäre. Viel war hier von der Wirtschaft die Rede; sie ist die Grundlage unsres Selbanderlebens und soll einmal so die Grundlage sein, daß nicht mehr so viel davon die Rede zu sein braucht. Gruß euch, ihr Schweifenden, ihr Rastlosen, ihr Wanderer und Landstreicher und Pflastertreter, die ihr kein Wirtschaften und kein Einfügen in diese unsre Zeit vertraget. Gruß euch, ihr Künstler, die ihr über den Zeiten gestaltet. Gruß auch euch, ihr Krieger alter Zeiten, die ihr nicht wolltet, daß das Leben in der Ofenröhre verhutzle! Was heute an Krieg und Schwerterklang und Wildheit in der Welt ist, ist fast allewege nur noch verfratzte Maske über öde und Gier; Haltung, Treue und Ritterlichkeit sind wunderselten geworden. Gruß auch euch, ihr Stammler, ihr Schweigenden, die ihr im Tiefsten, von wo kein Wort herausrollt, die Ahnung berget: unbekannte Größe, ungesagte Kämpfe, inniges Seelenleid, wilde Wonnen und Wehen werden hinfür der Menschheit Teil sein, der einzelnen wie der Völker. Ihr Bildner, ihr Dichter, ihr Musiker, ihr wisset davon und aus euch reden schon die Stimmen von Gewalt und Inbrunst und Süßigkeit, die aus neuen Völkern herausblühen sollen. Zerstreut in all unsrer Wüstheit leben die jungen Menschen, die festen Männer, die geprüften Greise, die holden Frauen; mehr als sie es selber schon wissen, leben da und dort die Menschen, die Kinder sind; und in ihnen allen lebt Glaube und Sicherheit von großer Freude und großem Schmerz, der einst die Geschlechter der Menschen neu packen und gestalten und vorwärts schicken wird. Schmerz, heiliger Schmerz: komm, o komm nur erst in unsre Brust! wo du nicht bist, kann nimmermehr Friede sein. Alle ihr - oder seid ihr denn gar so wenige? - alle, in denen der Traum lächelt und weint, alle, die ihr Taten atmet, alle, die Jubel tief hinuntergesenkt in sich spüren, alle, die Verzweifelte sein möchten aus Grund und Wahn und echter Not, nicht für die Lumperei aus Blödsinn und Niedertracht, die uns heute umgarnen und sich auch Elend und Not heißen, alle, die heute einsam sind und Form, das heißt aber: Bild und Rhythmus gesammelter Gestaltungskraft in sich tragen, alle, die den Befehl aus sich herauslassen können: im Namen der Ewigkeit, im Namen des Geistes, im Namen des Bildes, das wahr und Weg werden will, die Menschheit soll nicht verrecken, der graugrüne, dicke Schlamm, der heute bald Proletariat, bald Bürgervolk, bald Herrenkaste heißt und der überall, oben und unten, nichts ist als ekles Proletariat, dies gräßlich widerliche Menschenzerrbild der Gier, der Sattheit und der Erniedrigung, soll sich nicht länger regen und räkeln, soll uns nicht länger beschmutzen und ersticken dürfen: sie alle werden gerufen.

 

Ein erstes Wort ist dies. Noch viel ist zu sagen. Es soll gesagt werden. Von mir und von den andern, die hier gerufen werden.

 

Originaltext: http://www.twokmi-kimali.de/texte/Landauer_Aufruf_zum_Sozialismus.htm