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Daniel
Guerin - Anarchismus und Marxismus
I.
Wenn man
dieses Thema behandeln will, steht man vor mehreren Schwierigkeiten,
Beginnen wir mit der ersten: Was verstehen wir unter dem Begriff
"Marxismus"? Um welchen "Marxismus" handelt es sich?
Ich halte
es für notwendig/ hierauf sofort zu antworten. Wir nennen im folgenden
"Marxismus" die gesamten Schriften von Marx und Engels selbst,
nicht jedoch die ihrer mehr oder weniger treuen Nachfolger/ die für
sich die Etikette "Marxisten" in Anspruch genommen haben. Mit
Sicherheit schließen wir den entstellten Marxismus, ja man könnte
sagen: Den verratenen Marxismus der deutschen Sozialdemokratie aus.
Dazu einige
Beispiele: In den ersten Jahren der Sozialdemokratischen Partei in
Deutschland, zu Lebzeiten von Marx, prägten die Sozialdemokraten die
Forderung nach dem "Volksstaat". Marx und Engels waren
vermutlich so glücklich und so stolz darauf, daß es in Deutschland
endlich eine Massenpartei gab, die sich auf sie berief, daß sie ihr
gegenüber eine unangebrachte Nachgiebigkeit an den Tag legten. Erst
musste Bakunin in heftigen und wiederholten Angriffen gegen den
"Volksstaat" polemisieren, erst musste - um die gleiche Zeit -
ein heimliches Übereinkommen der Sozialdemokraten mit den radikal-bürgerlichen
Parteien zustande kommen, bevor sich Marx und Engels genötigt sahen,
den Begriff und die Praxis des Volksstaats fallen zu lassen.
Später
erarbeitete der alternde Engels, als er 1895 sein berühmtes Vorwort zu
Marxens "Die Klassenkämpfe in Frankreich" schrieb, eine
vollständige Revision des Marxismus zum Reformismus, indem er den
Akzent vor allem auf den Gebrauch des Wahlzettels legte, der ihm als
geeignetes, wenn nicht gar als einziges Mittel zur Erringung der Macht
galt. Schließlich wurde dann Karl Kautsky der zwielichtige Nachfolger
von Marx und Engels. Theoretisch erhob er zwar den Anspruch, noch auf
der Grundlage des Kampfes der revolutionären Klassen zu stehen, in der
Praxis jedoch deckte er die Handlungsweise seiner Partei, die sich mehr
und mehr opportunistisch und reformistisch verhielt.
Zur selben
Zeit forderte Eduard Bernstein/ der sich ebenfalls für einen
"Marxisten" ausgab, Kautsky auf, konsequent zu sein und den
Klassenkampf abzulehnen, den er für überholt hielt Dagegen sprach er
sich für Wahlen, Parlamentarismus und Sozialreformen aus.
Kautsky
selbst behauptete, daß es völlig verfehlt sei, zu sagen, daß das
sozialistische Bewußtsein eine notwendige und direkte Folge des
proletarischen Klassenkampfs sei. Wenn man ihm glauben würde, so wären
Sozialismus und Klassenkampf nicht abhängig voneinander. Sie gingen aus
verschiedenen Bedingungen hervor. Das sozialistische Bewußtsein entstünde
aus der Wissenschaft. Träger der Wissenschaft ist aber nicht das
Proletariat, sondern die intellektuelle Bourgeoisie. Erst durch diese würde
der Sozialismus den Proletariern "vermittelt". Folglich:
"Das sozialistische Bewußtsein ist ein Element, das von Außen in
den Klassenkampf des Proletariats eingeführt wird, und nicht eines, das
spontan aus dem Klassenkampf hervorgeht."
Die einzige
Theoretikerin in der deutschen Sozialdemokratie, die dem ursprünglichen
Marxismus treu geblieben ist, war Rosa Luxemburg. Allerdings musste sie
viele taktische Zugeständnisse an die Führung ihrer Partei machen. Sie
wagte es nicht, Bebel und Kautsky offen zu kritisieren. Sie trat vor
1910 nicht in offenen Konflikt mit Kautsky, als nämlich ihr Ex-Tutor
die Idee des politischen Massenstreiks verwarf. Vor allen Dingen aber
bemühte sie sich, die enge Übereinstimmung abzustreiten, die zwischen
dem Anarchismus und ihrer Konzeption der revolutionären Spontaneität
der Massen bestand, indem sie die Anarchisten in verzerrten
Darstellungen verleumdete. Und dies tat sie, um eine Partei nicht zu
erschrecken, mit der sie sich sowohl ihrer Überzeugung nach verbunden fühlte,
aber auch - man muß es deutlich sagen - durch materielle Interessen.
Aber
abgesehen von den unterschiedlichen Darstellungsweisen, gab es keinen
grundlegenden Unterschied zwischen dem anarcho-syndikalistischen
Generalstreik und dem Massenstreik Rosa Luxemburgs. Ebenso sind ihre
Kontroversen mit Lenin (1904) und mit dem zur Macht gelangten
Bolschewismus (1918) vom Anarchismus nicht weit entfernt. Dasselbe gilt
auch von ihren Zielvorstellungen zu Ende 1918 in der Spartakus-Bewegung,
von einem Sozialismus, der von unten nach oben durch die Arbeiterräte
getragen wird. Rosa Luxemburg ist einer der Berührungspunkte von
Anarchismus und ungetrübtem Marxismus.
Aber der
ursprüngliche Marxismus ist nicht nur von der deutschen
Sozialdemokratie entstellt worden. Er ist maßgeblich von Lenin verändert
worden, der deutlich einige der jakobinischen und autoritären Züge
verstärkte, die zuweilen - jedoch keineswegs immer - in den Schriften
von Marx und Engels auftauchten. Er erweiterte diese auch um einen
Ultrazentralismus, eine enge und sektiererische Konzeption der Partei
und vor allem um die Praxis der Berufsrevolutionäre als Führer der
Massen. Von diesen Punkten ist in den Schriften von Marx nicht viel zu
finden, wo sie höchstens im Kern und unterschwellig vorhanden sind.
Indessen beschuldigte Lenin die Sozialdemokraten aufs heftigste, die
Anarchisten verunglimpft zu haben und in seinem Buch "Staat und
Revolution" widmete er einen besonderen Abschnitt ihrer Würdigung
hinsichtlich ihrer Treue zur Revolution.
II.
Unserer
Aufgabe stellt sich ein zweites Problem. Das Denken von Marx und Engels
ist auch in sich reichlich schwierig zu verstehen, weil es sich im Laufe
der Arbeit eines halben Jahrhunderts sehr stark weiterentwickelt hat,
und weil Marx und Engels ständig versucht haben, die tatsächlichen
Ereignisse ihrer Zeit wiederzuspiegeln. Trotz aller Versuche einiger
ihrer heutigen Kommentatoren - unter ihnen ein Kirchenvater - gibt es
kein marxistisches Dogma.
Nehmen wir
einige Beispiele: Der junge Marx, Humanist und Schüler des Philosophen
Feuerbach, entwickelt sich anschließend zu einem rigiden
wissenschaftlichen Deterministen. Der Marx der "Neuen Rheinischen
Zeitung", der nur Demokrat genannt werden wollte, und der die
Verbindung mit der fortschrittlichen deutschen Bourgeoisie suchte, ähnelt
in nichts dem Marx von 1850, Kommunist und sogar Blanquist, Befürworter
der permanenten Revolution, der unabhängigen, politischen
kommunistischen Aktion und der Diktatur des Proletariats.
Welch ein
Unterschied auch zwischen den Abschnitten im Kommunistischen Manifest
1848, welche forderten, daß der Staat die Gewalt über die gesamte Ökonomie
erlange und den späteren Erklärungen, in denen der Staat durch die
"assoziierten Produzenten" ersetzt wird. Der Marx der
folgenden Jahre, der die internationale Revolution auf wesentlich später
verschob und sich in die Bibliothek des Britischen Museums einschloß,
um sich umfassenden wissenschaftlichen Studien zu widmen, ist noch
einmal völlig anders als der aufständische Marx von 1850, der an eine
allgemeine, unmittelbar bevorstehende Erhebung glaubte.
Der Marx
von 1864-1869, der zunächst hinter den Kulissen die Rolle des
heimlichen und an der Macht uninteressierten Beraters der in der I.
Internationalen zusammengeschlossenen Arbeiter gespielt hatte, wird ab
1870 plötzlich ein sehr autoritärer Marx, der von London aus den
Generalrat der Internationalen dirigiert. Der Marx, der Anfang 1871 vor
einer Erhebung in Paris heftig warnt ist nicht derselbe, wie der, der
nachher in seiner berühmten Adresse unter dem Titel "Bürgerkrieg
in Frankreich" die Commune von Paris in den Himmel lobt, von der er
- nebenbei bemerkt - einige Züge idealisiert.
Schließlich
ist der Marx, der in der gleichen Schrift versichert, die Commune habe
den Verdienst, den Staatsapparat zerschlagen und durch die Kommunale
Macht ersetzt zu haben, keineswegs derselbe Marx wie der, der in seinem
Brief über das Gothaer Programm unbedingt beweisen will, daß der Staat
nach der proletarischen Revolution noch für eine relativ lange Zeit überleben
müsse.
Wir könnten
all diese Widersprüche und diesen Zickzack-Kurs durch die Jahre
hindurch verfolgen. Es kann nunmehr wohl keine Frage mehr sein, daß der
ursprüngliche Marxismus, derjenige von Marx und Engels, kein
einheitlicher Block ist. Wir müssen ihn einer kritischen Prüfung
unterziehen und können nur Teile von ihm übernehmen, die zu unserem
libertären Kommunismus in keinem Widerspruch stehen.
III.
Wir stehen
nun einer dritten Schwierigkeit gegenüber. Der Anarchismus bildet, noch
weniger als der Marxismus, eine einheitliche Lehre. Wie ich es in meinem
kleinen Buch "Anarchismus" dargelegt habe, bewegt die Libertären
speziell die Ablehnung der Autorität und der Schwerpunkt, der auf die
Vordringlichkeit der individuellen Entscheidung gelegt wird, wie es
Proudhon in einem Brief an Marx ausgedrückt hat, "sich zum
Antidogmatismus zu bekennen". Auch sind die Ansichten der libertären
verschiedener, fließender und schwieriger zu erfassen als die der
autoritären Sozialisten.
Es gibt
unterschiedliche Strömungen im Anarchismus. Neben den libertären
Kommunisten gibt es Individualanarchisten, sozietäre Anarchisten,
Anarcho-Syndikalisten und wie sie wissen, zahlreiche weitere
Anarchismen: Gewaltfreie Anarchisten, Anarcho-Pazifisten, vegetarische
Anarchisten usw.
Die Frage
stellt sich nun, welche Spielarten des Anarchismus wir mit dem ursprünglichen
Marxismus konfrontieren wollen, mit dem Ziel, herauszubekommen, in
welchen Punkten die zwei Hauptschulen des revolutionären Denkens sich
decken und in welchen sie auseinandergehen. Es scheint mir klar, daß
die Richtung des Anarchismus, die dem Marxismus am wenigsten entfernt
sein dürfte, der konstruktive Anarchismus ist, der sozietäre,
kollektivistische oder kommunistische Anarchismus. Und diese Tatsache
beruht keineswegs auf einem Zufall, wie ich in dem Buch
"Anarchismus" bereits betont habe.
IV.
Wenn man in
die Probleme etwas tiefer einsteigt, so ist es unschwer festzustellen,
daß sich in der Vergangenheit Anarchismus und Marxismus gegenseitig
beeinflusst haben. Malatesta, der bekannteste italienische Anarchist,
hat einmal geschrieben: "Nahezu die gesamte anarchistische
Literatur des 19. Jahrhunderts war durch den Marxismus
beeinflusst".
Sie wissen,
daß Bakunin eine große Hochachtung gegenüber den wissenschaftlichen Fähigkeiten
von Marx hatte, und daß er damit begonnen hat, das "Kapital"
ins Russische zu übersetzen. Des weiteren veröffentlichte Bakunins
Freund, der italienische Anarchist Carlo Cafiero italienische
Kurzfassungen des "Kapitals." Umgekehrt haben die ersten Bücher
Proudhons: "Was ist das Eigentum?" (1840) und vor allem sein
großes Werk "Systeme des contradictions economiques ou philosophie
de la misere" (1846) den jungen Marx stark beeinflusst, auch wenn
wenig später der undankbare Ökonom seinen Lehrer durch den Kakao zog
und gegen ihn "Misere de la philosophie" schrieb.
Trotz ihrer
Auseinandersetzungen verdankte Marx vieles den Ideen Bakunins. Wir
wollen hier nur zwei Beispiele anführen: Die Adresse, die von Marx über
die Commune verfasst wurde, steht stark unter bakunistischem Einfluß -
wie es von Arthur Lehning, dem Herausgeber des "Archives Bakounine"
herausgearbeitet worden ist. Und, wie ich es bereits erwähnt habe,
wurde Marx Dank Bakunins dazu gezwungen, die Forderung nach dem
Volksstaat, die seine sozialdemokratischen Verbündeten aufgestellt
hatten, zu verwerfen.
V.
Marxismus
und Anarchismus haben sich nicht nur gegenseitig beeinflusst, sie haben
auch einen gemeinsamen Ursprung. Sie gehören quasi derselben Familie
an. Als Materialisten glauben wir nicht, daß die Ideen so einfach in
den Köpfen der Menschen entstehen. Sie widerspiegeln lediglich die
Erfahrungen der Massenbewegungen, die diese in ihren Klassenkämpfen
gemacht haben. Die ersten sozialistischen Autoren, sowohl Anarchisten
wie Marxisten, haben ihre gesamte Inspiration zuerst aus der großen
Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts geschöpft, später
von 1840 an aus den Bemühungen der französischen Arbeiter, die das
Ziel hatten, sich selbst zu organisieren/ um gegen die kapitalistische
Ausbeutung zu kämpfen.
Wenige nur
wissen, daß es 1840 in Paris einen Generalstreik gab. Und während der
40er Jahre folgte diesem Generalstreik eine Blüte der
Arbeiter-Zeitungen wie "L'Atelier". Im selben Jahr 1840 - die
Übereinstimmung ist verblüffend - veröffentlichte Proudhon seine
Denkschrift gegen das Eigentum. Und vier Jahre später, 1844, legte der
junge Marx in seinem berühmten Manuskripten den Bericht seines Besuches
bei den Pariser Arbeitern vor und betonte den tiefen Eindruck, den diese
Handarbeiter auf ihn gemacht hatten. Im vorhergehenden Jahr hatte eine
bemerkenswerte Frau, Flora Tristan, den Arbeitern die Arbeiterunion
gepredigt und eine Tour de France unternommen, um mit den Arbeitern der
Großstädte Kontakt aufzunehmen.
Sowohl der
Anarchismus als auch der Marxismus schöpfen anfangs aus derselben
Quelle. Und unter dem Eindruck der neu entstandenen Arbeiterklasse legen
beide dasselbe Endziel fest, d.h. den kapitalistischen Staat
abzuschaffen, den sozialen Reichtum, die Produktionsmittel den Arbeitern
selbst anzuvertrauen. Dies war die Grundlage der kollektiven Übereinstimmung,
die zwischen Marxisten und Bakunisten auf dem Kongreß der I.
Internationalen, kurz vor Beginn des deutsch-französischen Kriegs von
1870, zustande gekommen war. Bemerkenswert ist dabei, daß diese Übereinkunft
gegen die letzten Schüler Proudhons (gest. 1865) gerichtet war, die
sich zu Reaktionären entwickelt hatten. Einer von ihnen, Tolain, hatte
sich dem Privateigentum an Produktionsmitteln verschrieben.
VI.
Bisher habe
ich erwähnt, daß die ersten Sprecher der französischen
Arbeiterbewegung ihre Inspiration auf eine bestimmte Weise aus der großen
Französischen Revolution gezogen haben. Kommen wir darauf zurück.
Tatsächlich
bestanden innerhalb der Französischen Revolution zwei sehr verschiedene
Formen von Revolution, oder besser gesagt, zwei verschiedene,
entgegengesetzte Kräfte. Eine wurde vom linken Flügel der Bourgeoisie
gebildet, die andere von einem Vorläufer des Proletariats: kleine
Handwerker und Lohndiener. Die erste war autoritär, ja diktatorisch,
zentralistisch, repressiv gegenüber den Nicht-Privilegierten. Die
zweite war demokratisch, föderalistisch und zusammengesetzt aus, wie
man heute sagen würde, den Arbeiterräten, d.h. den innerhalb der
Pariser Commune assoziierten 48 Sektionen der Stadt und den
Volksvereinen in den Städten der Provinz.
Ich zögere
nicht zu sagen, daß diese zweite Kraft einen libertären Inhalt hatte
und in gewisser Weise der Vorlaufer der Pariser Commune von 1871 und der
russischen Sowjets von 1917 war wohingegen die erste Kraft im 19.
Jahrhundert eine jakobinische Fortsetzung fand. In Wahrheit ist jedoch
das Wort "jakobinisch" ungenau zweideutig und künstlich. Es
war der Name eines Pariser Volksclubs der "Gesellschaft der
Jakobiner", die diesen wiederum vom Konvent eines Klosterordens übernommen
hatte, in dessen Gebäude der Club sich eingerichtet hatte. Tatsächlich
verlief die Trennungslinie des Klassenkampfs zwischen revolutionärem
Bourgeois und Nicht-Privilegierten auch innerhalb der Gesellschaft der
Jakobiner und quer durch sie hindurch. Genauer, auf ihren Treffen
gerieten die Mitglieder der einen und der anderen Richtung in Streit
miteinander. Dennoch wird in der späteren Literatur das Wort Jakobiner
angewandt, um eine revolutionäre bourgeoise Tradition zu bezeichnen,
die von oben mit autoritären Mitteln Land und Revolution dirigiert; der
Begriff wurde in diesem Sinne sowohl von den Anarchisten als auch den
Marxisten verwandt. So nannte sich z.B. Charles Delecluze, der Führer
des rechten Mehrheitsflügels im Rat der Commune von Paris, selbst ein
Jakobiner, einen Anhänger Robespierres.
Proudhon
und Bakunin haben in ihren Schriften die Politik der revolutionären
Bourgeoisie als "jakobinisches Denken" bekämpft. Dagegen
hatten Marx und Engels einige Mühe, sich von diesem jakobinischen
Mythos freizumachen, der durch die Helden der bürgerlichen Revolution
berühmt und glorifiziert wurde, unter ihnen Danton (der in Wirklichkeit
ein korrumpierter Politiker und Doppelagent war) und Robespierre (der
als Diktator endete.) Die Libertären wurden Dank ihrer anarchistischen
Erkenntnis nicht zu den Geprellten des Jakobinertums. Sie begriffen sehr
gut daß die Französische Revolution nicht nur ein Bürgerkrieg
zwischen der absoluten Monarchie und dem revolutionären Bürgertum war,
sondern auch - etwas später - ein Bürgerkrieg zwischen Jakobinertum
und Communalismus, wie ich ihn einmal nennen möchte. Ein Bürgerkrieg,
der im März 1794 zur Niederlage der Commune von Paris und zur
Enthauptung ihrer beiden Stadtmagistraten, Chaumette und Hebert, führte,
d.h. zur Abschaffung der Herrschaft von unten, genau wie die russische
Oktoberrevolution zur Liquidierung der Fabrikräte führte.
Marx und
Engels schwankten ständig zwischen Jakobinertum und Communalismus.
Anfangs lobten sie die "rigorose Zentralisierung, wie sie in
Frankreich 1793 modellhaft vorgeführt wurde". Aber später - wohl
zu spät - 1895, bemerkte Engels, daß sie sich im Irrtum befunden hätten,
und die besagte Zentralisation den Weg zur Diktatur Napoleons I. geebnet
habe. Es kam vor, daß Marx einmal schrieb, die Enrages, die Anhänger
des linksradikalen Ex-Priesters Jaques Roux, der ein Sprecher der
arbeitenden Bevölkerung der Vorstädte war, seien "die
Hauptvertreter der revolutionären Bewegung" gewesen. Während
Engels ein andermal behauptete, dem Proletariat von 1793 "hätte überhaupt
nur von oben her Unterstützung zuteil werden können." Später
dann zeigte sich Lenin wesentlich jakobinischer als seine Lehrer Marx
und Engels. Ihm zufolgte stellt das Jakobinertum "einen der höchsten
Gipfel dar, den die unterdrückte Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung
erreicht hat". Und er schätzt es, sich selbst einen Jakobiner zu
nennen, dem er jedoch hinzufügt: "ein Jakobiner, der mit der
Arbeiterklasse verbunden ist". Daraus ergibt sich für uns, daß
die Libertären mit den Marxisten nur unter der Bedingung
zusammenarbeiten können, daß diese vollständig alle jakobinischen Überbleibsel
verwerfen.
Fassen wir
nun die Hauptunterschiede zwischen Marxismus und Anarchismus zusammen.
Zunächst, wobei sie in dem Endziel der Abschaffung des Staats übereinstimmen,
halten es die Marxisten für notwendig, nach der siegreichen
proletarischen Revolution, für eine unbestimmt lange Zeit einen neuen
Staat zu schaffen, den sie "Arbeiterstaat" nennen und von dem
sie dann versprechen, daß dieser neue Staat - gelegentlich auch
"Halbstaat" genannt - damit endet, daß er von selbst
verschwindet. Dagegen wenden die libertären Kommunisten ein, daß der
neue Staat sogar noch allmächtiger und noch unterdrückender als der bürgerliche
Staat sein wird, weil sich die gesamte Wirtschaft im staatlichen Besitz
befindet und weil sich seine ständig wachsende Bürokratie weigern
wird, einfach "zu verschwinden". Außerdem reagieren die
libertären Kommunisten einigermaßen misstrauisch auf jene Aufgaben,
die von den Marxisten der kommunistischen Minderheit gegenüber der Bevölkerung
zugesprochen werden. Wenn sie in den Heiligen Schriften von Marx und
Engels nachlesen, so tun sie gut, in diesem Punkt gewisse Zweifel zu
hegen. Sicher, im Kommunistischen Manifest kann man lesen, daß die
Kommunisten "keine getrennten Interessen vom
Gesamt-Proletariat" haben, und das sie ständig das "Interesse
der Gesamtbewegung repräsentieren". Ihre theoretischen
Konzeptionen, so schwören die Autoren des Manifests, "beruhen in
keiner Weise auf den Ideen, auf den erfundenen Prinzipien des einen oder
anderen Weltverbesserers, sie sind nur der allgemeine Ausdruck eines
bestehenden Klassenkampfs, einer historischen Bewegung, die sich vor
unseren Augen abspielt". Ja sicher, mit diesem Punkt werden wir
Libertären auch einverstanden sein!
Aber das
nun folgende Zitat steht dazu einigermaßen im Widerspruch und
alarmiert: "Theoretisch haben die Kommunisten gegenüber dem Rest
der proletarischen Masse den Vorteil, klar die Bedingungen, den Weg und
die schließlichen Ergebnisse der proletarischen Bewegung zu
verstehen".
Bedeutet
das nicht, daß die Kommunisten aufgrund eines solchen
"Vorsprungs" ein historisches Recht darauf haben, sich die Führung
des Proletariats anzumaßen? Wenn es so wäre, wären wir libertären
Kommunisten nicht mehr einverstanden. Wir bestreiten, daß es außerhalb
des Proletariats überhaupt eine Avantgarde geben kann, und wir sind der
Meinung, daß wir nur die Rolle von uneigennützigen Beratern an der
Seite oder innerhalb des Proletariats spielen können, um den Arbeitern
in ihren Anstrengungen zu helfen, mit dem Ziel, einen höheren
Bewusstseinsstand zu erreichen.
Das führt
uns zu der Frage nach der revolutionären Spontaneität der Massen,
einem typischen anarchistischen Begriff. Wir finden in den Schriften von
Proudhon und Bakunin in der Tat sehr häufig die Worte
"spontan" und "Spontaneität". Aber, was sehr
seltsam ist, niemals in den Schriften von Marx und Engels in ihrer ursprünglichen
Fassung. In den Übersetzungen tauchen diese Worte von Zeit zu Zeit auf,
sie sind jedoch nur ungenaue Wiedergaben. Tatsächlich beziehen sich
Marx und Engels nur auf die Selbsttätigkeit der Massen, was eher
weniger ist als Spontaneität. Sicherlich kann sich eine revolutionäre
Partei neben ihren hervorragenden Aktivitäten ein gewisses Maß an
Selbsttätigkeit der Massen erlauben, aber die Spontaneität der Massen
würde ihren Anspruch auf die führende Rolle gefährlich in Frage
stellen. Rosa Luxemburg war die erste Marxistin, die in ihren Schriften
in deutscher Sprache das Wort "spontan" gebrauchte, das sie
von den Anarchisten übernommen hatte; und sie legte auch das
Schwergewicht auf die Spontaneität in der Massenbewegung. Man kann
annehmen, daß die Marxisten gegenüber sozialen Bewegungen ein
bestimmtes Unbehagen hegen, die keinen ausreichenden Platz für das
Eindringen ihrer anmaßenden Führer lassen.
Sodann sind
die libertären Kommunisten nicht allzu sehr erbaut, wenn sie von Zeit
zu Zeit beobachten, daß es die Marxisten nicht verschmähen, die Mittel
und die Kunsttricks der bürgerlichen Demokratie zu ihrem Vorteil
auszunutzen. Die Marxisten bedienen sich nicht nur mit Vergnügen des
Wahlzettels, den sie für eines der besten Mittel halten, die Macht zu
erringen, sondern es kommt auch vor, daß sie sich darin gefallen, mit
den liberalen oder radikalen Bürgerparteien ekelhafte Wahlbündnisse zu
schließen, wenn sie nur mit Hilfe solcher Wahlbündnisse zu
Parlamentssitzen kommen können. Natürlich haben die libertären
Kommunisten keine metaphysische Abscheu vor Wahlurnen. Proudhon wurde
einmal in die Nationalversammlung von 1848 gewählt. Ein anderes Mal
unterstützte er die Wahl von Raspail. Auch später unter dem zweiten
Empire befürwortete er, daß die Arbeiter Kandidaten zu den Wahlen
aufstellten. Das war für ihn nur eine Frage der Opportunität. Bei
anderer Gelegenheit vermieden es die spanischen Anarchisten 1936, gegen
die Wahlbeteiligung der Volksfront eine starre Haltung einzunehmen. Aber
abgesehen von diesen, sehr seltenen Ausnahmen, beschreiten die
Anarchisten ganz andere Wege, um den kapitalistischen Gegner zu Fall zu
bringen: Direkte Aktion, gewerkschaftliche Aktion, Arbeiterautonomie und
Generalstreik.
Kommen wir
nun auf folgende Zwickmühle zu sprechen: Verstaatlichung der
Produktionsmittel oder Selbstverwaltung? Hier zögern Marx und Engels
erneut. Im Kommunistischen Manifest von 1848, geschrieben unter dem
direkten Einfluß des französischen Staatssozialisten Louis Blanc, kündigten
sie ihre Absicht an, "alle Produktionsmittel in den Händen des
Staates zu zentralisieren". Aber unter dem Begriff Staat verstanden
sie "das als herrschende Klasse organisierte Proletariat".
Gut, aber warum zum Teufel nennen sie eine solche proletarische
Organisation "Staat?" Und weiter: Warum fügten sie später,
im Juni 1872, ein Vorwort zur Neuauflage des Manifests hinzu, in dem sie
sich von ihrer früheren Liebe zum Staat distanzieren und annehmen, daß
die Produktion in die Hände der "assoziierten Produzenten" überführt
werden soll?
Diese
Gesinnungsänderung war nur das Ergebnis der Vereinbarung, die, wie wir
gesehen haben, auf dem Kongreß der I. Internationalen, der dem Krieg
von 1870 vorausging, mit den Bakunisten zustandegekommen war. Aber es
ist hervorzuheben, daß Marx die Wege, wie die Selbstverwaltung zu
erreichen sei, niemals gründlich untersucht hat, während Proudhon ihr
Seite um Seite seines Werks widmete. Proudhon, der sein Leben als
Arbeiter begonnen hatte, wusste wovon er sprach, er hatte mit intensiver
Aufmerksamkeit die Arbeiterassoziationen beobachtet, die während der
Revolution von 1848 entstanden waren. Der Grund für Marx Haltung ist
vermutlich, daß er diese Frage mit Geringschätzung als
"utopisch" ansah. Heute gehören wir libertäre Kommunisten zu
denen, denen es gelungen ist, wenigstens in Westeuropa die
Selbstverwaltung zu einer aktuellen, sehr konkreten Frage zu machen und
sie auf die Tagesordnung zu setzen - eine Frage, die darüber hinaus
bereits derart in Mode gekommen ist, daß sie heute von fast allen
politischen Strömungen vereinnahmt, verbogen und verkürzt wird.
VII.
Erwähnen
wir nun, wie Anarchisten und Marxisten von ihrer proletarischen
Entstehung an in Konflikt miteinander geraten sind. Der Schlagabtausch
wurde von Marx und Engels eröffnet, mit ihrem bösartigen, gegen
Stirner gerichtetem Buch "Die Deutsche Ideologie". Es beruht
auf einem gegenseitigen Missverständnis. Stirner hebt nicht deutlich
genug hervor, daß er hinter seiner übersteigerten Hervorhebung des
Ich, des Individuums, das er als Einziges ansah, darüber hinaus tatsächlich
die freiwillige Assoziation dieses Einzigen mit anderen vorsieht, d.h.
eine neue Gesellschaft, die auf der Freien Wahl der Föderation und auf
dem Recht beruht, sich von der Föderation wieder zu trennen; eine Idee,
die später von Bakunin aufgenommen werden sollte, und schließlich von
Lenin verwandt wird, wenn er über die nationale Frage schreibt.
Ihrerseits interpretieren Marx und Engels Stirners Schmähschriften
gegen den Kommunismus falsch, die sie für reaktionär hielten,
wohingegen Stirner eigentlich gegen einen völlig anderen Kommunismus
anstänkerte, gegen den "plumpen" Staatskommunismus der
utopischen Kommunisten seiner Zeit, wie Weitling in Deutschland und
Cabet in Frankreich, denn - so Stirner - er gefährde die individuelle
Freiheit.
Dann der
rasende Angriff von Marx gegen Proudhon, teilweise aus den- selben Gründen,
der besagte Proudhon feiere das Privateigentum, weil er in ihm eine
Garantie der persönlichen Freiheit sähe. Aber Marx erfasste nicht, daß
sich Proudhon für den Bereich der Großindustrie, in anderen Worten, im
kapitalistischen Bereich zum Anwalt des kollektiven Besitzes machte.
Notierte er nicht in seinen "Carnets", daß die
"Kleinindustrie eine genau so dumme Sache sei wie die
Kleinkultur?" Im Bereich der Großindustrie ist er
leidenschaftlicher Kollektivist. Den Arbeiter-Gesellschaften, wie er sie
nennt, soll in seinen Augen eine bedeutende Rolle zukommen, nämlich die
der Verwaltung der großen Industrien, wie die der Eisenbahnen, der
Manufakturen, des Bergbaus, der Metallverarbeitung, der Marine usw.
Andererseits
forderte Proudhon gegen Ende seines Lebens in "Die Fähigkeiten der
arbeitenden Klassen" die voltständige Trennung der Arbeiterklasse
von der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. den Klassenkampf. Das hielt
Marx nicht davon ab, so infam zu sein, den Proudhonismus als kleinbürgerlichen
Sozialismus zu behandeln.
Jetzt
kommen wir auf den heftigen und wenig sauberen Streit zwischen Marx und
Bakunin zu sprechen, den der I. Internationalen. Auch hier spielten
teilweise Missverständnisse eine Rolle. Bakunin unterstellte Marx
schreckliche, autoritäre Absichten, einen Machthunger nach Herrschaft
über die Arbeiterbewegung. Bakunin überzog sicherlich, erstaunlich ist
jedoch, daß er sich als Prophet in dieser Frage herausstellte. Er hatte
eine sehr hellseherische Vision der späteren Zukunft. Er sah das
Entstehen einer "roten Bürokratie" vorher, genauso wie die
Tyrannei, die schließlich von den Führern der III. Internationale (Komintern)
auf die Arbeiterbewegungen der ganzen Welt ausgeübt wurde. Marx schlägt
gegen Bakunin zurück, indem er ihn aufs niedrigste verleumdet, und
indem er auf dem Haager Kongreß 1872 seinen Ausschluß erreicht.
Von nun an
sind die Brücken zwischen dem Anarchismus und dem Marxismus zerstört.
Ein verheerendes Ereignis für die Arbeiterklasse, weil beide Bewegungen
die theoretischen und praktischen Beiträge der jeweils anderen sehr nötig
gehabt hätten. Während der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts scheiterte
der Versuch, eine geschrumpfte anarchistische Internationale zu
schaffen. Der gute Wille hierzu fehlte nicht, aber der Anarchismus hatte
sich von der Arbeiterbewegung getrennt nahezu isoliert.
In
derselben Zeit entwickelte sich der Marxismus sehr rasch, in Deutschland
mit dem Anwachsen der Sozialdemokratie und in Frankreich durch Gründung
der Arbeiterpartei durch Jules Guesdes. Später vereinigten sich die
verschiedenen sozialdemokratischen Parteien, um die II. Internationale
zu gründen. Auf ihren folgenden Kongressen entwickelten sich heftige Kämpfe
mit den Libertären, denen es gelungen war, an ihren Kongressen
teilzunehmen. 1893 machte der holländische libertäre Sozialist Domela
Nieuwenhuis in heftigen und brillanten Worten der deutschen
Sozialdemokratie den Prozeß und erntete dafür Hohngelächter. In
London beschimpften 1896 die Tochter von Marx, Aveling und der französische
Sozialistenführer Jean Jaures die Anarchisten, die als Delegierte
verschiedener Arbeitersyndikate in den Kongreß gelangt waren, und ließen
sie hinauswerfen.
Es stimmt,
daß der anarchistische Terrorismus, der in Frankreich zwischen 1890 -
1895 wütete, nicht wenig zu der hysterischen Ablehnung den Anarchisten
gegenüber beigetragen hat, die von nun an als "Banditen"
behandelt wurden. Die ängstlichen und auf Legalität bedachten
Reformisten waren nicht in der Lage, deren revolutionäre Beweggründe
zu verstehen, ihren Rückgriff auf die Gewalt, ihre aufsehenerregenden
Protestaktionen gegen eine verabscheuungswürdige Gesellschaft.
Von 1860
bis 1914 schieden die deutsche Sozialdemokratie und mehr noch die
schwere Maschinerie der deutschen Arbeitergewerkschaften den Anarchismus
aus: Selbst Kautsky wurde von den Arbeiterbürokraten jener Zeit, als er
sich zu Gunsten des Massenstreiks aussprach, verdächtigt, ein Anarchist
zu sein. In Frankreich spielte sich eine gegensätzliche Entwicklung ab.
Der parlamentarische, auf Wahlen bedachte Reformismus von Jaures stieß
die Arbeiter ab, die soweit fortgeschritten waren, daß sie die Gründung
einer revolutionären, syndikalistischen und äußerst kämpferischen
Organisation in Angriff nahmen, der berühmten CGT, deren Pioniere
Fernand Pelloutier, Emile Pouget und Pierre Monatte aus der
anarchistischen Bewegung kamen.
Die
russische Revolution und später die Spanische Revolution vertieften den
Abgrund zwischen Anarchismus und Marxismus, ein Abgrund, der nicht mehr
nur ideologisch, sondern auch durch die blutige Praxis begründet war.
Um diese Überlegungen zur Vergangenheit von Marxismus und Anarchismus
zu beenden, muß ich noch folgendes anmerken:
1.
Bestimmte Marx-Forscher, wie z.B. in Frankreich Maximilian Rubel sind
in gewisser Weise - wenn auch nicht vollständig - im Irrtum, wenn sie
in Marx einen "Libertären" sehen.
2. Einige
sektiererische und engstirnige Anarchisten, wie in Frankreich Gaston
Leval, sind in gewisser Weise im Irrtum, wenn sie Marx hassen als sei
er der Teufel persönlich. Ich möchte mich irgendwo zwischen diesen
beiden Männern mit extremen Positionen ansiedeln, die jedoch beide
meine Freunde sind.
VIII.
Wie steht
es nun mit der Gegenwart? Zweifellos erleben wir in unseren Tagen eine
Renaissance des libertären Sozialismus. Ich muß ihnen wohl kaum erzählen,
wie diese Renaissance in Frankreich im Mai 1968 entstanden ist. Sie war
die spontanste, die Überraschendste, die am wenigsten geplante aller
Erhebungen. Ein starker Freiheitswille durchfegt das Land, so zerstörerisch
und gleichzeitig so schöpferisch, daß nichts mehr dem ähnlich sein
wird wie es früher war. Das Leben hat sich verändert, oder, wenn sie
lieber mögen, wir haben das Leben verändert. Aber diese Wiedergeburt
fand statt im Rahmen einer allgemeinen Renaissance der gesamten
revolutionären Bewegung, vor allem bei der studentischen Jugend
(statt). Deshalb gibt es keine dichten Trennwände mehr zwischen den
libertären Bewegungen und denen, die sich zu einem angeblichen
"Marxismus-Leninismus" bekennen. Es gibt sogar eine gewisse
nicht-sektiererische Durchdringung dieser Bewegungen untereinander.
Junge
Genossinnen in Frankreich wechseln von autoritären marxistischen
Gruppen zu Anarcho-Gruppen über, und auch der umgekehrte Fall kommt
vor. Ganze Gruppen von "Maoisten" zerbrechen unter dem libertären
Einfluß, spüren die Anziehungskraft der anarchistischen Ideen. Selbst
trotzkistische Organisationen verändern teilweise ihre Ansichten und
werfen einige ihrer früheren Betrachtungsweisen über Bord, dank dem
Einfluß anarchistischer Theorien und Schriften. Menschen wie Jean Paul
Sartre und seine Freunde bringen heute in ihrer Monatsschrift
anarchistische Ideen zum Ausdruck, und einer ihrer jüngeren Artikel
trug den Titel "Lenin Ade".
Sicherlich
gibt es noch immer nicht wenige autoritäre marxistische Gruppen, die im
besonderen Maße anti-libertär eingestellt sind, genauso wie man
weiterhin anarchistische Gruppen findet, die ausgesprochen
anti-marxistisch auftreten.
Die beiden
libertär-kommunistischen Organisationen, die es in Frankreich gibt, und
die Absicht haben, sich bald zu vereinigen, befinden sich am Rande von
Marxismus und Anarchismus. Sie haben mit den klassischen Anarchisten
ihre Zugehörigkeit zur antiautoritären Strömung gemeinsam, die bis
auf die I. Internationale zurückgeht. Aber sie haben mit den Marxisten
die Tatsache gemeinsam, daß sie sich entschlossen zum Klassenkampf des
Proletariats bekennen und zum Kampf mit dem Ziel, die bürgerliche,
kapitalistische Gewalt zu brechen.
Auf der
einen Seite versuchen die libertären Kommunisten alle konstruktiven
Punkte im Beitrag der Anarchisten der Vergangenheit zu beleben -
nebenbei bemerkt, war dies auch das Ziel bei den Buchveröffentlichungen
von "Anarchismus" und "Ni Dieu/ ni Maitre" -
andererseits beziehen sich die libertären Kommunisten im Erbe von Marx
und Engels auf die Teile, die ihnen immer noch gültig und fruchtbar
erscheinen, und die vor allem auf Bedürfnisse unserer Zeit antworten.
So z.B. der Begriff der Entfremdung, der in den Manuskripten von 1844
des jungen Marx erscheint und sich so gut verträgt mit der Betonung der
individuellen Freiheit durch die Anarchisten. Oder der Leitgedanke, daß
die Befreiung des Proletariats nur die Sache der Arbeiter Selbst sein
kann, der allen Auffassungen widerspricht, die revolutionäres Bewußtsein
von außen in die Arbeiterklasse hineintragen wollen. Schließlich die
bekannte Methodik des dialektischen und historischen Materialismus, die
eine der Leitfäden bleibt zum Verständnis der Ereignisse in der
Vergangenheit und in der Gegenwart - jedoch unter der Bedingung, daß
diese Methode nicht starr und dogmatisch angewandt wird, mechanisch oder
als Entschuldigung für die Abkehr vom Kampf unter dem Vorwand, die
materiellen Bedingungen für eine Revolution seien noch nicht gegeben,
wie es die Stalinisten in Frankreich 1936,1945 und 1968 gleich drei mal
taten. Eine weitere Bedingung ist das Vertrauen auf die beiden
elementaren Kräfte, zum einen des individuellen Willens sowie der
revolutionären Spontaneität der Massen.
Wie es der
libertäre Geschichtsschreiber Kaminsky in seinem hervorragenden Buch über
Bakunin ausgedrückt hat, ist eine Synthese zwischen Anarchismus und
Marxismus nicht nur notwendig, sondern auch unvermeidlich. "Die
Geschichte", fügt er hinzu, "schafft sich ihre Kompromisse
selbst". Ich möchte anmerken - und das ist meine eigene Meinung
– daß ein libertärer Kommunist, Ergebnis einer solchen Synthese,
zweifellos die tiefen Wünsche - auch wenn sie sich dessen bisher
manchmal noch nicht voll bewusst sind - der fortgeschrittenen Arbeiter
ausdrückt, die man heute die "Arbeiterlinke" nennt, vielmehr
als der degenerierte autoritäre Marxismus und der versteinerte
Altanarchismus.
Vortrag
gehalten am 6.11.1973 in New York, deutschsprachig erschienen erstmals
1975 im Verlag Freie Gesellschaft.
Aus:
Daniel Guerin: Anarchismus und Marxismus / Noam Chomsky: Anmerkungen zum
Anarchismus, Syndikat A (Broschüre)
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