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Errico
Malatesta - Der ökonomische Kampf im Kapitalismus
(Umanita
Nova, 21. Oktober 1922)
Die
Syndikalisten sind der Ansicht, daß die Gewerkschaft, das heißt die
Organisation, mit der die Arbeiter gegen die Habgier der Kapitalisten kämpfen
und versuchen, ihnen ständig bessere Bedingung abzuringen, automatisch
zur vollständigen Befreiung, zur gesellschaftlichen Umgestaltung, zu
Freiheit und Gerechtigkeit für alle führt.
Wir
dagegen meinen, daß der ökonomische Kampf im Kapitalismus seiner Natur
nach zur Spaltung des Proletariats in rivalisierende Fraktionen führt,
von denen es einigen gelingt, sich das Monopol der besser bezahlten
Arbeit zu sichern, während die anderen - der Großteil - weiterhin im
Elend leben und ständig Arbeitslosigkeit, Knechtschaft und Hunger
ausgesetzt sind. Dies führt schließlich dazu, daß das Regime sich
konsolidiert, indem es eine große Anzahl der aktivsten und
intelligentesten Arbeiter als Komplizen gewinnt: diese werden quasi
unbewußt konservativ, aus Angst, die privilegierte Position aufs Spiel
zu setzen, die sie durch oft langandauernde und große Opfer errungen
haben. Und solange man auf rein ökonomischem Terrain bleibt, kann dies
nicht verhindert, ja nicht einmal mißbilligt werden.
Als
Beispiel dafür mögen die Ereignisse unter den Hafenarbeitern dienen.
Da
es im kapitalistischen System trotz des nie aufhörenden Zwanges ständiger
Produktionssteigerung stets tüchtige und arbeitswillige Menschen gibt,
die gerne Arbeit finden oder diese nicht unter befriedigenden
Bedingungen finden und man als Hafenarbeiter, von einer gewissen
Muskelkraft abgesehen, keine besonderen Fähigkeiten noch eine lange
Lehrzeit benötigt, sind in den Häfen oft mehr Arbeitskräfte vorhanden
als für die vorhandene Arbeit erforderlich. Und so können Reeder, Händler
und Makler von der Konkurrenz profitieren, die zwangsläufig unter den
Hafenarbeitern und den Stellenbewerbern besteht und ihnen Hungerlöhne
zahlen und Bedingungen aufzwingen, wie sie zur Zeit der Sklaverei
herrschten.
Eines
schönen Tages kommt es den rebellischsten, klügsten und aktivsten
Arbeitern in den Sinn, ihre Bedingungen zu verbessern. Sie sammeln die
regulären, sozusagen mit diesem Beruf auf die Welt gekommenen Arbeiter
um sich, organisieren sie, gründen Vereinigungen und Genossenschaften
und können sich unter Ausnutzung günstiger Umstände das Monopol der
Arbeit mit Löhnen sichern, die ein menschliches Leben ermöglichen. Die
anderen, die Neuankömmlinge und später Hinzugekommenen bleiben
ausgeschlossen und werden nur dann als Hilfsarbeiter arbeiten können,
wenn überreichlich Arbeit vorhanden ist und es den
Genossenschaftsmitgliedern gefällt, sie anzustellen.
Was
kann gegen dieses Monopol eingewandt werden?
Die
Freiheit der Arbeit? Das Recht aller auf Arbeit?
Wir
sehen, was geschieht, wenn man im System des Kapitalismus Freiheit
fordert!
Die
Faschisten behaupten, daß sie diese Freiheit wollen. In Wirklichkeit
wollen sie mit ihren Methoden brutaler Gewalt und mit Unterstützung der
staatlichen Kräfte die bestehenden Organisationen zerschlagen, um den
Kapitalisten einen Dienst zu erweisen oder das Monopol der anderen durch
ihr eigenes zu ersetzen. Doch sehen wir, was geschehen würde, wenn
wirklich diese „Freiheit der Arbeit“ eingeführt würde.
Die
Arbeitslosen, die gegenwärtig sehr zahlreich sind, würden in die Häfen
eilen und ihre Arbeitskraft anbieten, während die Unternehmer die
Gelegenheit nutzen und die Löhne senken würden. Wahrscheinlich würden
die bereits arbeitserfahrenen, alten Hafenarbeiter weiterhin bevorzugt
eingestellt werden, aber sie müßten sehr viel geringere Löhne
hinnehmen. In jedem Fall gäbe es keinen Arbeitsplatz mehr als zuvor,
denn die Arbeit würde wegen der „Freiheit“ nicht zunehmen und die,
die arbeiten, würden zu den elenden Bedingungen zurückkehren, in denen
sie sich befanden, als sie nicht organisiert waren.
Was
könnten wir oder die Syndikalisten unter diesen Bedingungen tun oder
raten?
Wir
können das Monopol nicht billigen, wir können das Recht aller Arbeiter
auf Arbeit nicht verleugnen. Und wir können auch nicht eine
„Freiheit“ verteidigen, die sich in der Praxis auf eine noch
schlimmere Knechtschaft reduziert!
Also?
Also
ist klar, daß der legale ökonomische Kampf, der zwangsläufig die
faktische Anerkennung des Eigentumprivilegs voraussetzt, eine Sackgasse
ist. Es ist menschlich, daß der Arbeiter schon jetzt versucht, seine
Bedingungen zu verbessern und zu diesem Zweck Mittel anwendet, die jeder
Zeit in seinen Möglichkeiten liegen. Und dies ist auch im Hinblick auf
die angestrebte völlige Befreiung gut, denn ein Mensch, der nicht das
Unrecht empfindet, dessen Opfer er ist, oder sich ihm anpaßt und stillhält,
dient weder sich selbst noch den anderen, weder heute noch morgen. Aber
man darf auch vom Kampf für unmittelbare Verbesserungen nicht mehr
erwarten, als dieser geben kann. Man darf nicht vergessen, daß dieser
Kampf, der doch ein Kampf nur gegen die Unternehmer zu sein scheint und
sein sollte, aufgrund der Notwendigkeit, den Arbeitslohn zu verteidigen,
auch zum Kampf gegen die am meisten benachteiligten Arbeiter führt. Und
daß er schließlich konservativ und zu einem Element der Reaktion
werden kann, anstatt der Revolution und dem Fortschritt zu dienen, wie
es bei vielen und gerade bei den mächtigsten Arbeitergewerkschaften der
Fall war.
Und
deshalb müssen wir und mit uns alle Parteien des Fortschritts die
Arbeiterorganisationen dazu benutzen, Propaganda zu betreiben und in den
Arbeitern den Geist der Auflehnung gegen die Unternehmer zu wecken. In
ihren Reihen müssen wir versuchen, soweit wie möglich die Interessen
der organisierten Arbeiter mit denen der nicht organisierten in Einklang
zu bringen und vor allem das Feuer des Ideals, das Fieber der
Unzufriedenheit und der Unduldsamkeit in sie hineintragen.
Alles
in allem ist das Interesse stets konservativ, nur das Ideal ist
revolutionär. Und diejenigen, die das Ideal über das Interesse
stellen, sind es, die die Revolution bestimmen und bis zum Ende führen
können.
Aus: Errico
Malatesta - Gesammelte Schriften, Band 2; Karin Kramer Verlag Berlin,
1980
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