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Michail
Bakunin - Kollektive Diktatur
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Du sagst mir immer: wir sind in den Hauptpunkten einig. Ach! mein
Freund, ich fürchte sehr, daß wir uns in vollem Mangel an Übereinstimmung
über diese Punkte befinden. Nach Deinen letzten Briefen und Nachrichten
muß ich annehmen, daß Du mehr als je Anhänger der Zentralisation, des
revolutionären Staates bis. Dagegen bin ich mehr als je deren Gegner
und sehe das Heil nur in der an allen Punkten von einer unsichtbaren
kollektiven Kraft geleiteten revolutionären Anarchie, der einzigen
Diktatur, die ich zugebe, weil sie allein mit der Offenheit und vollen
Energie der revolutionären Bewegung vereinbar ist.
Dein
Revolutionsplan läßt sich in folgende Worte zusammenfassen: Sobald die
Revolution in Paris ausbricht, organisiert Paris provisorisch die
revolutionäre Kommune. Lyon, Marseille, Rouen und andere große Städte
erheben sich zugleich und schicken sofort ihre revolutionären
Delegierten nach Paris, die zusammen eine Art Nationalkonvent oder
Wohlfahrtsausschuß für ganz Frankreich bilden. Dieses Komitee
dekretiert die Revolution, dekretiert die Abschaffung des alten Staates,
die soziale Liquidation, das Kollektiveigentum, und organisiert den
revolutionären Staat, der hinreichende Macht erhält, um die innere und
äußere Reaktion zu erdrücken. - Ist das nicht Deine Idee?
Unsere
Idee, unser Plan ist ganz entgegengesetzt. Zunächst ist durchaus nicht
bewiesen, daß die revolutionäre Bewegung absolut in Paris beginnen muß.
Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß sie in der Provinz beginnt. Aber
nehmen wir an, daß der Tradition entsprechend Paris beginnt. Nach
unserer Überzeugung hat Paris nur eine ganz negative, das heißt offen
revolutionäre Initiative zu nehmen, die zur Zerstörung und
Liquidation, nicht die zur Organisation. Wenn Paris sich erhebt und
siegt, hat es die Pflicht und das Recht, die vollständige Liquidation
des politischen, juridischen, finanziellen und administrativen Staates
zu proklamieren, den öffentlichen und privaten Bankrott, die Auflösung
aller Mächte, Funktionen und Gewalten des Staates, die Verbrennung oder
Freudenfeuer aller Papiere, privater und öffentlicher Dokumente
vorzunehmen. - Paris wird sich natürlich beeilen, sich selbst, so gut
es geht, revolutionär zu organisieren, nachdem die in Assoziationen
vereinigten Arbeiter die Hand auf alle Arbeitswerkzeuge, jede Art von
Kapital und die Gebäude gelegt und bewaffnet und nach Straßen und
Vierteln organisiert blieben. Sie werden die revolutionäre Föderation
aller Viertel, die föderative Kommune bilden. - Und diese Kommune wird
das Recht haben zu erklären, daß sie sich nicht das Recht anmaßt,
Frankreich zu regieren oder zu organisieren, sondern daß sie an das
Volk und alle Gemeinden Frankreichs und dessen, was man bis dahin das
Ausland nannte, appelliert, ihrem Beispiel zu folgen und bei sich selbst
eine ebenso radikale, staatszerstörende, das juridische Recht und das
privilegierte Eigentum zerstörende Revolution zu machen und sich
hierauf zu föderalisieren. Sie wird diese französischen und auch ausländischen
Gemeinden einladen, nach dieser Revolution sich mit ihr zu föderalisieren,
in Paris oder an einem anderen Ort, daß alle französischen und ausländischen
revolutionären Gemeinden ihre Delegierten schicken zur gemeinsamen
Organisation der Produktions- und Austauschdienste und -beziehungen, die
notwendig sind zur Errichtung der Verfassungsurkunde (Charte) der
Gleichheit, der Grundlage jeder Freiheit, einer ihrem Charakter nach
ganz negativen Charte, die viel mehr genau bestimmt, was für immer
abgeschafft werden muß, als positive Formen des lokalen Lebens, die nur
durch die lebendige
Praxis jeder Lokalität geschaffen werden können. Und, als Waffe der
Revolution wird man gleichzeitig eine gemeinsame Verteidigung gegen die
Feinde der Revolution organisieren und aktive Propaganda der Revolution
und praktische revolutionäre Solidarität mit den Freunden aller Länder
gegen die Feinde aller Länder.
Mit
einem Wort, die Revolution muß überall unabhängig von dem
Zentralpunkt sein, der ihr Ausdruck, ihr Produkt, nicht ihre Quelle,
Leitung und Ursache sein muß.
Es
ist notwendig, daß die Anarchie, die Erhebung aller lokalen
Leidenschaften, das Erwachen des spontanen Lebens überall sehr groß
sei, damit die Revolution lebendig, wirklich und mächtig ist und
bleibt. Die politischen Revolutionäre, die Anhänger der ostensiblen
Diktatur empfehlen nach dem ersten Sieg die Beruhigung der
Leidenschaften, Ordnung, Vertrauen und Unterwerfung unter die auf
revolutionärem Wege errichteten Gewalten. Auf diese Weise stellen sie
den Staat wieder her. Wir im Gegenteil werden alle Leidenschaften nähren,
erwecken, entfesseln und die Anarchie hervorrufen müssen, und als
unsichtbare Lotsen im Volkssturm müssen wir ihn leiten nicht durch eine
sichtbare Macht, sondern durch die kollektive Diktatur aller Alliierten.
Eine Diktatur ohne Schärpe, ohne Titel, ohne offizielles Recht, die
desto mächtiger ist, weil sie keinen Anschein der Macht hat. Dies ist
die einzige Diktatur, die ich zulasse. Damit sie aber handeln kann, muß
sie vorhanden sein, und dazu muß man sie vorbereiten und im voraus
organisieren, denn sie wird nicht ganz von selbst entstehen, weder durch
Diskussionen, noch durch Auseinandersetzungen und prinzipielle Debatten,
noch durch Volksversammlungen.
Wenig
Alliierte, aber gute, energische, diskrete, treue, vor allem solche, die
von Eitelkeit und persönlichem Ehrgeiz frei sind, starke Männer,
hinreichend ernst und mit Geist und Herz hochstehend, um die
Wirklichkeit der Macht ihrem eitlen Anschein vorzuziehen. Wenn ihr diese
kollektive und unsichtbare Diktatur bildet, werdet ihr siegen; die gut
geleitete Revolution wird siegen. Wenn nicht, dann nicht! Wenn ihr euch
amüsiert, Wohlfahrtsausschuß und offizielle, sichtbare Diktatur zu
spielen, werdet ihr von der von euch selbst geschaffenen Reaktion
verschlungen werden.
Lieber
Freund, ich bewundere die edelmütigen Instinkte
und die so lebhafte
Intelligenz der französischen Arbeiter, aber ich fürchte sehr ihre
Neigung zum Effekt, zu großen dramatischen, heroischen und lärmenden
Szenen. Viele unserer Freunde, zu denen ich Dich rechne, bereiten sich
vor, in der nächsten Revolution eine große Rolle zu spielen, die von
Staatsmännern der Revolution. Sie versprechen sich, die Danton, die
Robespierre, die Saint Just des revolutionären Sozialismus zu werden
und bereiten schon die schönen Reden und glänzenden Coups vor, welche
die Welt in Staunen setzen sollen. Sie werden natürlich die Volksmassen
als Fußschemel, als Piedestal für ihren demokratischen Ehrgeiz, ihren
Ruhm benutzen! Sie werden zum Heil aller Diktatur Regierung betreiben. Lächerliche
und beklagenswerte Illusion! Sie werden nur Eitelkeit betreiben und nur
der Reaktion dienen. Sie werden selbst die Reaktion sein.
Erinnere
Dich gut an dies, mein Freund und Bruder: die gegenwärtige
sozialistische Bewegung, der nur nach Herrschaft und Erhöhung von
Personen strebenden politischen Bewegung hierin ganz entgegengesetzt,
die Bewegung für Volksbefreiung läßt nicht den Triumph und die
Diktatur von einzelnen zu. Wenn einzelne siegen, ist dies nicht mehr der
Sozialismus, sondern Politik, Geschäft der Bourgeois, und die
sozialistische Bewegung ist verloren. Wenn sie nicht zugrunde geht, so
werden die einzelnen eitlen Ehrgeizigen, die angehenden Diktatoren, ein
schreckliches Fiasko machen. Es gibt nur noch eine einzige Macht, eine
einzige Diktatur, deren Organisation heilbringend und möglich ist, das
ist die kollektive und unsichtbare Diktatur der Alliierten im Namen
unseres Prinzips, und diese Diktatur wird um so heilbringender und mächtiger
sein, da sie mit keiner offiziellen Macht sichtbarer Art bekleidet ist.
Um sie aber zu bilden, dazu gehören wirklich starke Männer, welche ihr
Geist und ihr Herz über die vulgären Ehrgeizigen erheben und die
hinreichend ernst ehrgeizig sind nach dem Sieg ihrer Idee, nicht dem
ihrer Person, solche, die wirkliche Macht dem Schein der Macht vorziehen
und die endlich verstehen, daß unser Jahrhundert das der kollektiven,
nicht der individuellen Kräfte ist, und daß die Kollektivität alle
jene zermalmen wird, die sich ihr aufzwingen wollen. ...
Anmerkung:
der Titel „Kollektive Diktatur“ wurde vom Herausgeber hinzugefügt.
Textquelle:
Aus „Briefe Bakunins an Albert Richard über die Alliance 1868,
1870“. Michael Bakunin, Gesammelte Werke, Band III; Berlin 1924. Seite
97ff.
Gescannt
aus: Wolfgang
Dreßen: Antiautoritäres Lager und Anarchismus. Rotbuch 7, Verlag Klaus
Wagenbach, 1968;
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