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Alexander
Berkman - Meine
Erinnerungen an Kropotkin
Seit
meiner Ankunft in Rußland hörte ich widersprüchliche Gerüchte über
Kropotkin; die einen gaben zu verstehen, er sei den Bolschewisten günstig
gesonnen, andere, er bekämpfe sie; er lebe in sehr günstigen materiellen
Bedingungen, nach anderen verhungerte er buchstäblich etc...
Ich
wünschte lebhaft, die Wahrheit hierüber zu erfahren, und war ungeduldig,
ihn persönlich zu sehen. Während dieser ersten Jahre hatte ich eine
ziemlich regelmäßige Korrespondenz mit ihm unterhalten, doch waren wir
uns niemals begegnet. Ich war seit meiner Kindheit einer seiner großer
Bewunderer und hatte mir seine Schriften ganz zu eigen gemacht. Ein
Vorfall im besonderen machte mir einen großen Eindruck und erwarb ihm
meine Achtung:
Es war, glaube ich,
im Jahre 1890, die jüdische anarchistische Bewegung in Amerika war in den
Anfängen; wir waren nur eine Handvoll und hielten unsere öffentlichen
Versammlungen jede Woche in einem bescheidenen Saal in der Orchardstreet
ab; entflammt von der Schönheit eines hohen Ideals, widmeten wir unsere
jungen Energien und Fähigkeiten, ebenso wie den größten Teil unserer
bescheidenen Einkünfte, der anarchistischen Propaganda, und waren glücklich
über unsere Fortschritte.
Wirklich
wurden, trotz unserer kleinen Zahl, die von unserer Propaganda berührten
Arbeiter, die jede Woche unseren Zusammenkünften beiwohnten und ihren
Obulus beisteuerten, immer zahlreicher; man bekundete großes Interesse für
die revolutionären Ideen, und die vitalen Fragen wurden lebhaft
diskutiert, obgleich manchmal mit mehr Überzeugung als Wissen.
Vielen
von uns schien es, daß der verfluchte Kapitalismus die Grenze seiner
teuflischen Möglichkeiten erreicht habe, und daß die soziale Revolution
nicht ausbleiben könne. Es gab jedoch schwierige Fragen und harte
Probleme, welche die wachsende Bewegung betrafen, und die wir selbst auf
keine befriedigende Weise
lösen konnten.
Wir
wünschten lebhaft, unseren großen Peter Kropotkin unter uns zu haben,
sei es auch nur für einen kurzen Besuch, damit er gewisse unklare Punkte
aufkläre und uns seine geistige Hilfe und Anregung zukommen lasse.
Und welchen Anreiz hätte
seine Gegenwart für die Bewegung bedeutet!!!
Wir
waren nur eine Handvoll, sagte ich, doch jeder von uns hatte beschlossen,
seine Ausgaben aufs unbedingt Notwendige zu beschränken, und den Ertrag
seiner Arbeit von mehreren Wochen, selbst von Monaten, für die Reise
Kropotkins nach Amerika zu verwenden. Ein langer Brief wurde unserem
teuren Erzieher geschickt, in dem wir ihn baten zu kommen, um eine
Vortragsreise zu machen, wobei wir die Notwendigkeit, uns seinen Beistand
zu leisten, betonten.
Seine
Antwort war negativ, was uns alle, für eine Weile, in einen Zustand der
Niedergeschlagenheit versetzte; wir waren seiner Einwilligung so sicher
gewesen, so überzeugt von der Notwendigkeit seines Kommens und den
Ergebnissen seiner Vorträge zugunsten unserer Bewegung.
Aber
unsere Bewunderung für ihn wuchs noch, als wir die Motive seiner
Ablehnung erfuhren. Er wünsche lebhaft, zu uns zu kommen, so schrieb er
uns, und schätze den Geist unserer Einladung. Er wünschte, die
Vereinigten Staaten eines Tages kennenzulernen und wäre sehr glücklich
gewesen, sich unter so guten Kameraden zu finden. Zur Stunde jedoch konnte
er nicht auf seine Kosten kommen und wollte nicht das Geld der Bewegung
verwenden, auch nicht in einem solchen Fall.
Ich
dachte lange über diese Worte nach; seine Ansicht schien mir, allerdings
nur unter gewöhnlichen Umständen, gerechtfertigt, seinen Fall hielt ich
für eine Ausnahme. Seine Erwägungen waren einsehbar, aber eine
Vortragsreise Kropotkins in Amerika war meiner Meinung nach von großer
Dringlichkeit, ich bedauerte lebhaft seine Entscheidung, seine Motive aber
ließen mich den Menschen und die Größe seiner Natur erraten. Ich
stellte ihn mir als das Ideal eines Revolutionärs und Anarchisten vor.
***
Erst
im März 1920 hatte ich die Gelegenheit, Peter Kropotkin zu besuchen.
Er
lebte damals in Dmitrov, einer kleinen, 60 Werst von Moskau entfernten
Stadt. Das Verkehrswesen in Rußland war in jener Zeit in beklagenswertem
Zustand; von Petrograd nach Dmitrov zu reisen, und gar noch zu einem
Besuch, konnte gar nicht in Betracht gezogen werden. Glücklicherweise
verschaffte mir die Ankunft in Petrograd von Georges Landsburry, dem
Herausgeber des Daily Herald in London, die Möglichkeit, Moskau zu
erreichen. Landsburry erhielt eigens ein Auto, und als sein Übersetzer
konnte ich ihn bis zur Hauptstadt begleiten. Nachdem er einige Zeit in
Moskau zugebracht hatte, erhielt der englische Besucher von der Regierung
die Erlaubnis, sich nach Dmitrov zu begeben. Mit zwei Kameraden aus Moskau
profitierte ich von der besonderen Gunst, die ihm gewährt worden war.
Man
ist manches Mal enttäuscht, wenn man mit "Berühmtheiten"
zusammentrifft, denn das Bild, das man sich von ihnen gemacht hat, stimmt
nicht immer mit der Wirklichkeit überein. Dies war nicht der Fall bei
Kropotkin. Er entsprach genau der Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht
hatte. Seine Photographien gaben ihn bemerkenswert gut wieder: mit seinen
guten Augen, seinem milden Lächeln und seinem langen weißen Bart. Der
Ausdruck des Idealisten war ihm tief eingeprägt.
Ich
war jedoch betroffen von seiner Magerkeit und seiner offenkundigen Schwäche.
Er schien des Notwendigsten zu ermangeln und zu alt für seine Jahre. Ich
erfuhr, daß das Nahrungsproblem sehr ernst war für die Familie Kropotkin,
wie übrigens für alle im ausgehungerten Rußland (mit Ausnahme natürlich
einiger der hauptsächlichsten Kommissare und der heimlichen Spekulanten).
Kropotkin erhielt, was man den "payok" nennt, der einer gewissen
Anzahl von Gelehrten und alten Revolutionären gewährt wurde. Er überstieg
in Qualität und Quantität die gewöhnliche Ration des Bürgers, war aber
noch bei weitem ungenügend zum leben.
Glücklicherweise
erhielt Kropotkin von Zeit zu Zeit Nahrungsmittelpakete von seinen
Kameraden in der Ukraine und aus dem Ausland, trotzdem hatte die Familie
(seine Frau und seine Tochter Sacha) große Schwierigkeiten, "sich
den Wolf von der Tür zu halten".
Brennstoff
und Licht bildeten gleichfalls den Anlaß ständigen Kummers. Die Winter
waren streng und das Holz sehr knapp. Petroleum war kaum zu beschaffen und
wurde als ein großer Luxus angesehen, und man konnte jeweils nur eine
Lampe zur Zeit verwenden. Dieser Mangel wurde besonders von Kropotkin hart
empfunden und behinderte in starkem Maße seine literarischen Arbeiten.
Ich
erfuhr all diese Dinge aus dem Munde von Sophie Grigorjewna, seiner Gefährtin,
und von Sacha, seiner Tochter. Kropotkin hätte niemals auch nur ein Wort
über die Schwierigkeiten seiner Existenz verloren, es war jedoch
offenkundig, daß seine Isolierung ihn bedrückte.
Mehrere
Male wurde der Familie Kropotkin der Wohnsitz in Moskau genommen, dessen
Zimmer für die Regierung requiriert wurden. Die Familienmitglieder
entschlossen sich daraufhin, nach Dmitrov zu gehen. Obgleich diese Stadt
nur ungefähr 60 Werst von der Hauptstadt entfernt lag, schien es, als
betrüge die Distanz tausende von Kilometern, denn Kropotkin war ebenso
isoliert, wie in einem Gefängnis.
Wegen
der schwierigen Verkehrsbedingungen sowie der allgemeinen Situation zu
jener Zeit konnten die Freunde des Schriftstellers ihn nur sehr selten
besuchen. Die Neuigkeiten aus dem Westen, die wissenschaftlichen Arbeiten
ebenso wie die ausländischen Publikationen, erreichten ihn nicht.
Kropotkin empfand die Auswirkungen des Fehlens von intellektuellen Gefährten
und die geistige Isolierung sehr lebhaft. Ich besuchte ihn zwei Mal,
zuerst im März, sodann im Juli 1920. Bei meinem zweiten Besuch schien es
ihm viel besser zu gehen, er war nicht mehr so mager, die Gesichtsfarbe
spiegelte die Gesundheit wider, er war kräftiger und aktiver. Die
Sommersonne tat ihm wohl. Er ging in dem kleinen ans Haus angrenzenden
Garten spazieren und machte seine Besucher stolz auf die Resultate der
Arbeit von Sophie aufmerksam: das blühende Gemüsebeet. Seine Augen
leuchteten, das Hellblau des Himmels schien sich in ihnen zu spiegeln. Er
bezauberte durch sein Lächeln, das die ganze Persönlichkeit Kropotkins
zum Ausdruck brachte: seine Liebe zu den Menschen und zur Natur, sowie
seine Achtung vor dem menschlichen Leben.
Wir
diskutierten über mehrere Themen: ich fand Kropotkin als energischen,
unwiderruflichen Gegner der Bolschewisten, oder vielmehr war er, wie er
ohne Unterlaß wiederholte, ein ausgesprochener Feind des
Staatssozialismus, des von der Autorität auferlegten Kommunismus, und des
Marxismus im allgemeinen. Wir konnten von den Bolschewisten nichts anderes
erhoffen, sagte er; sie waren Marxisten in der Theorie und der Aktion und
strebten nach der Errichtung eines "Alles-der-Macht", eines
absoluten Staates. Ihre revolutionären Theorien vom Oktober und November
1917 haben das Proletariat, die Bauern, und besonders die Anarchisten tief
enttäuscht.
Die
Anarchisten wußten natürlich, daß ein Staat, eine auf Gewalt gegründete
Regierung, welches auch der Name sei, mit dem sie sich schmückt, immer
unheilvoll ist, aber sie sahen in den Bolschewisten eine revolutionäre
Kraft und schlossen die Augen vor den der Philosophie des Marxismus
innewohnenden Gefahren. Die Anarchisten Rußlands kämpften gemeinsam mit
den Bolschewisten für den Sieg der Revolution; sie schlugen sich Seite an
Seite, mit Heroismus. Hunderte von ihnen ließen ihr Leben; und was wird
nun aus den Anarchisten, die die Revolution überlebt haben? Nun werden
sie verfolgt, gehetzt, jede Aktion ist ihnen untersagt, eine große Zahl
ist eingekerkert, viele wurden erschossen.
Und
was haben nun die Bolschewisten in den drei Jahren, die sie an der Macht
sind, getan, in denen sie das soziale und ökonomische Leben des Landes
organisiert haben? Ja, was haben sie für das Volk getan? Ich will nicht
einmal vom Ruin und der Hungersnot Rußlands sprechen, dies liegt zu einem
erheblichen Teil an der Blockade, im wesentlichen aber trägt hierfür
doch der Staatskommunismus die Verantwortung: die unselige Leidenschaft
der Zentralisierung, und das Unwissen der Bolschewisten bezüglich der
praktischen Angelegenheiten (nicht zu sprechen von der Korruption), ihre
tiefe Unkenntnis hinsichtlich der Agrarfrage und der bäuerlichen
Psychologie, all dieses ist zum großen Teil die Ursache der heutigen
Wirtschaftsverhältnisse Rußlands.
Worauf
ich Sie aber nun besonders aufmerksam machen will, sagte Kropotkin, mich
mit großen bekümmerten Augen anblickend und mit Entrüstung in der
Stimme, das ist die Haltung des bolschewistischen Staates gegenüber dem
Volk, dem Individuum sowohl wie der Gemeinschaft; ich kann darüber nicht
ohne Zorn sprechen. Einkerkerung, Terror, Erschießungen, das sind die
selbst auf die Freunde der Revolution eingewandten bolschewistischen
Methoden.
Statt
die Revolution auszuweiten, denken sie nur daran, ihre Regierungsmacht auf
einer festen Grundlage zu etablieren. Sie haben das eigentliche Ziel der
Revolution aus den Augen verloren: die stetig fortschreitende revolutionäre
Bewegung der Massen; die Schaffung weitester Möglichkeiten und die
Ermunterung der Eigeninitiative; individueller Ausdruck, freiwillige
Organisation und Zusammenarbeit.
Aus
den Augen verloren, sagte ich? Nein, sie unterdrücken überlegt und
systematisch jedes Anzeichen hierfür. Darin liegt die furchtbare Tragik
der russischen Revolution.
***
Es
war offenkundig, daß Kropotkin tief darunter litt, wie die Bolschewisten
die Revolution zu ihrem Vorteil umlenkten. Er verurteilte ihre Art des
Vorgehens, nämlich die anderen Parteien und revolutionären Bewegungen zu
unterdrücken, und er war besonders betroffen von der Behandlung der
Anarchisten, die man einsperrte und erschoß.
Barbarei,
sagte er, und nicht Revolution! Er sprach dann von der Zerstörung der großen
Genossenschaftsbewegung in Rußland durch die Bolschewisten, die
einerseits den ökonomischen Ruin des Landes nach sich zog und zum andern
eine große Masse politisch neutraler Elemente gegen die Revolution
einnahm. Die Genossenschaftsbewegung Rußlands war eine große Kraft im
Leben des Landes, nicht nur was die ökonomische, sondern auch und vor
allem, was die Bauernfrage betraf.
Ihre Aktivitäten
erstreckten sich auf die Manufakturen, bäuerlichen Finanzunternehmungen,
Käufe, Verkäufe, bestanden aber vor allem in der Erziehung der bäuerlichen
Masse.
Es
ist richtig, daß die Genossenschaften keineswegs revolutionäre
Organisationen waren, sondern aus verschiedenen politischen Elementen
bestanden. Indessen hätten die wenigen reaktionären Mitglieder, die sich
in ihnen befanden, ausgeschlossen werden können, ohne deswegen die ganze
Organisation zu zerstören. Der ökonomische Mechanismus der
Genossenschaften war ein sehr leistungsfähiger Apparat und unbedingt
notwendig für die vitalen Interessen der Revolution.
Im
Januar 1918 umfaßten die Genossenschaften 25.000 auf ganz Rußland
verteilte Bereiche und hatten 9.000.000 Mitglieder. Ihr Kapital belief
sich auf 15.000.000 Rubel, während die Geschäftszahlen des Vorjahres
200.000.000 Rubel auswiesen. Diese machtvolle Organisation funktionierte
sehr wirksam in jedem Gemeinwesen, Stadt oder Dorf, Rußlands. Die
Bolschewisten lähmten die Genossenschaften zunächst und
"liquidierten" sie dann. Das war der Selbstmord der Revolution,
denn der bolschewistische Staat war völlig unfähig, die Nahrungsmittel
zu beschaffen und sie ordnungsgemäß zu verteilen. Millionen Tonnen Ware
verdarben, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, auf den Bahnhöfen, auf
den Eisenbahnstrecken, den Straßen, da die Genossenschaften beseitigt
waren, die lokalen Transportmittel zerstört, und der kommunistische Staat
nicht vorbereitet, ohne Erfahrung und somit nicht leistungsfähig.
Unfähig,
die von der Armee und der Bevölkerung benötigten Nahrungsmittel zu
beschaffen, warf sich die bolschewistische Regierung aufs System der
razvyorstka, der gewaltsamen Requirierung. Das war eine schlechte Methode,
gekennzeichnet durch Gewalt und äußerste Brutalität, die nur zu lebhaft
an die zaristischen Machenschaften erinnerte.
Die
Bauern protestierten zunächst gegen die Ungerechtigkeit und die
Autokratie der bolschewistischen Politik, aber ihr Protest war vergeblich.
Darüberhinaus wurde er von schweren repressiven Maßnahmen beantwortet.
Die Bolschewisten waren entschlossen, den Wert und die Kraft ihrer Macht
zu beweisen, mit der man "nicht spaßen durfte", was ein sehr
populärer Satz der Regierung war.
Als
die Appelle, Beschwerden und Proteste nicht das geringste Resultat
zeigten, entschlossen sich die Bauern, der Requirierung mit Gewalt zu
widerstehen. Die Regierung griff rücksichtslos durch und übte Rache an
ganzen Dörfern. Diese von den Kommunisten und Tschekisten organisierten
Expeditionen waren von unerhörter Grausamkeit. Häufig wurde die gesamte
Bevölkerung eines Dorfes zur Auspeitschung verurteilt, die Häuser der
Bauern wurden geplündert und manchmal das Dorf völlig zerstört.
All
diese schrecklichen Dinge waren mir nicht unbekannt: ich hatte von ihnen
aus unterschiedlichen Quellen lange vor meinem Besuch bei Kropotkin
erfahren, doch vermutete ich, daß die Berichte über die
bolschewistischen Grausamkeiten übertrieben waren, ihre Politik
hinsichtlich der Bauern falsch interpretiert oder nicht verstanden.
Ich
war mit großem Enthusiasmus für die Revolution und großer Hoffnung auf
ihre Errungenschaften nach Rußland gekommen; ich glaubte, daß die
zahlreichen Schwierigkeiten der Situation, die beständige Drohung der
Interventionisten, die unvermeidlichen Resultate der Blockade und alle
Komplikationen ebenso viele neue Probleme darstellten, die eine Lösung
erforderten. Ich war entschlossen, mein Bestes zu dieser großen Arbeit
beizutragen.
Ich
wußte, daß die Bolschewisten Marxisten waren, Anhänger einer starken
zentralisierten Gewalt, aber ihre revolutionäre Haltung während der Tage
der Oktoberrevolution von 1917, ihre häufig ganz anarchistischen Parolen,
ihre Initiative und Aktivität, all das führte mich dazu zu glauben, daß
nicht länger eine sozialistische Theorie, sondern einzig die Interessen
der Revolution sie führten.
Es
ist wahr, daß ich während der ersten Wochen meines Aufenthaltes in Rußland
eine große Ungerechtigkeit und Ungleichheit beobachtet hatte, aber ich
versuchte, meine Zweifel an der revolutionären Integrität der
Bolschewisten in mir zu ersticken. Ich lernte die Führer der Bewegung
kennen, verkehrte regelmäßig mit ihnen und empfand viel Sympathie für
sie und ihre Tätigkeit.
Während
meines länger andauernden Aufenthaltes in Rußland wurde ich jedoch
gewisser Dinge gewahr, die meinen revolutionären Vorstellungen
zuwiderliefen; trotz allem fuhr ich fort, im Bolschewismus eine revolutionäre
Kraft zu sehen; die Evident der Tatsachen verpflichtete mich, der
Situation ins Auge zu sehen; ich vermutete, daß das, was sich ereignete,
der unvermeidlichen Verwirrung der Übergangsperiode geschuldet war, daß
es sich um unglückliche Resultate der revolutionären Notwendigkeiten
handelte, die zum großen Teil aus den Erfordernissen dieses kritischen
Augenblicks herrührten.
Es
ist hart und quälend, sich einer großen Illusion zu berauben! Ich
konnte, und ich wollte nicht an das glauben, was man von den
bolschewistischen Methoden erzählte, von ihren Repressionsmaßnahmen,
ihrer Brutalität. Ich wollte mir nicht eine zu lebhafte Meinung bilden,
selbst über das nicht, was sich vor meinen Augen ereignete. Ich wollte
ebenfalls nicht buchstäblich nehmen, was Kropotkin mir berichtet hatte.
Er konnte schlecht informiert sein, dachte ich, oder durch irgendetwas
beeinflußt.
Alles
jedoch, was er mir geschildert hatte, ebenso wie viele andere Dinge,
besonders bezüglich der Agrarpolitik der Bolschewisten, bestärkten mich
endlich in meinem Entschluß, mir selbst Klarheit über die Situation zu
verschaffen.
Ich
machte mich also auf den Weg in die Ukraine, mit dem festen Entschluß,
die Situation unter all ihren Aspekten zu studieren. Die Umstände waren
mir günstig. Ich war der "Predsetatel"(Präsident) einer
besonderen, vom Revolutionsmuseum organisierten Expedition, die zur
Aufgabe hatte, alles zu sammeln, was die Revolution direkt betraf, sowie
alles historische Material, das sich auf die revolutionäre Bewegung Rußlands
der letzten hundert Jahre bezog. Wir hatten ein eigenes Fahrzeug zu
unserer Verfügung, mit der Erlaubnis, den ganzen Süden Rußlands zu
durchqueren, den einzigartigen Vorteil, jede Stadt und jedes Dorf
besichtigen und mit wem es auch sei sprechen zu können.
Darüberhinaus
war es meine Aufgabe, mich mit den Arbeiterorganisationen, wie auch mit
den illegalen revolutionären Elementen in Verbindung zu setzen. Dies war
eine außergewöhnliche Gelegenheit, die es mir gestattete, die russische
Revolution und die Verhältnisse des Landes zu studieren, mich den
Arbeitern und Bauern zu nähern, ja selbst die Gefängnisse und
Konzentrationslager zu besuchen.
Ich
schreibe den vorliegenden Artikel nicht in der Absicht, meine Reise zu
beschreiben, dieses will ich später tun, ausführlich und vollständig, -
und so unparteiisch wie möglich. Ich will aber sagen, daß das, was ich
in Petrograd und Moskau gehört hatte, und ebenso das, was Kropotkin mir
gesagt hatte, nichts war, verglichen mit dem, was ich auf meinen Reisen
sah, 1. in der Ukraine, 2. im Norden Rußlands und schließlich im
Westen. Alles war
leider nur zu wahr, und furchtbarere Dinge noch hatten sich ereignet und
ereigneten sich weiterhin.
Die
bolschewistische razvyorstka beging Taten, die kein Zarismus hätte übertreffen
können. Es scheint unmöglich, daß eine revolutionäre Regierung, sei
sie marxistisch, niedrig genug sein kann, um sich derart brutal zu rächen
und die Barbarei in diesem Ausmaß zu praktizieren.
Ganze
Distrikte wurden verwüstet. Ich habe Dörfer gesehen, wo kein Mann mehr
am Leben war: alle waren erschossen worden, nur die Frauen und die Jungen
unter 14 Jahren waren übrig. In anderen Dörfern waren die Männer
einer nach dem anderen ausgepeitscht, dann, unabhängig von ihrem
Alter, zur Armee gepreßt worden.
In
einigen Dörfern entschlossen sich die Bauern nach mehreren Erfahrungen
mit kommunistischen Strafexpeditionen, in den Bergen und Wäldern Zuflucht
zu suchen, um zu werden, was man die "Grünen" nennt, und erklärten
den Bolschewisten einen gnadenlosen Krieg. Ich sah Dörfer, aus denen die
razvyorstka bis zum letzten Pfund Mehl alles weggeschleppt hatte, selbst
das Saatgut, welches die Bauern für die nächste Aussaat aufbewahrten.
Die Kühe und die Pferde wurden ebenso mitgenommen , wie jedes andere
Haustier; die Betten und Decken etc... in Fetzen gerissen.
Andere
waren durch die bolschewistische Artillerie, unter dem Vorwand der
Bestrafung und um den Nachbardörfern ein abschreckendes Beispiel zu
geben, dem Erdboden gleichgemacht.
Ich
wurde nun gewahr, daß das Wort Kommunismus für das Volk gleichbedeutend
mit Tschekismus, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt geworden war.
Dieses
Wort war in den Städten, besonders aber in den Dörfern, der Gegenstand
eines intensiven und dauerhaften wilden Hasses geworden, der geboren war
aus getäuschter Hoffnung und dem erlittenen Martyrium. Diese
Agrar-"Politik" der Bolschewisten läutete den Tod der
Revolution ein.
Kropotkin
wiederholte, die gleichen Erfahrungen vor Augen, oft gegenüber seinen
Besuchern und in seinen Briefen diese Worte: "Die Bolschewisten haben
der Welt gezeigt, daß sich eine Revolution auf diese Weise nicht
vollziehen kann."
Aus:
Peter Kropotkin - Unterredung mit Lenin sowie andere Schriften zur
russischen Revolution, Verlag „Die Freie Gesellschaft“, Hannover 1980
Der
Text wurde von Max Otto Lorenzen übersetzt, die Originalquelle ist in der
Broschüre leider nicht angegeben.
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