Janet Biehl - Der soziale Ökofeminismus (Teil 1)
übersetzt von Friederike Kamann, Teil zwei findet ihr hier
(Öko-)Feminismuskritik
Der nordamerikanische Ökofeminismus entstand um 1974 am Institut für Soziale Ökologie in Vermont als ein Versuch, linke politische Theorie zu verbreitern und dahingehend zu transformieren, daß sie beides: Feminismus und Ökologie enthält. [1] Wie die Soziale Ökologie, von der er beeinflußt ist, versprach auch der Ökofeminismus ursprünglich, die linke soziale und politische Analyse so zu erweitern, daß sie das Beziehungsgeflecht aller Herrschaftsstrukturen beinhaltet. Schon in der Sozialen Ökologie ist die Kritik der Hierarchie fundamentaler als es der Begriff von der "Klasse" vermag. Im Ökofeminismus bestand nun die Möglichkeit, Feminismus mit Anarchismus, libertärem Sozialismus und sozialer Ökologie zu verbinden. Und dies konkret, nicht idealistisch im philosophischen Sinn. Das Ziel waren politische, nicht individuelle Lösungen. Das Potential des Ökofeminismus umfaßte mehr als das traditionell "Linke".
Vierzehn Jahre später ist zu sagen, daß dieses Potential nicht umgesetzt wurde. Sobald er sich etabliert hatte, wurde der Ökofeminismus vom "kulturellen Feminismus" vereinnahmt. Dabei wurde das revolutionäre Potential völlig neutralisiert.
Weit davon entfernt, die linke politische Theorie zu erweitern, hat der Ökofeminismus stattdessen Frau und Natur von der linken Theorie abstrahiert und sich damit selbst eingeschränkt. Der Versuch einer ernsthaften Kritik des Kapitalismus und des Nationalstaats wurde aufgegeben und statt dessen die persönliche Veränderung betont, dabei sogar Göttinnen-Kult als Quelle sozialer Veränderung angesehen. Weit davon entfernt eine konkrete politische Analyse zu erstellen, bietet er hauptsächlich seine Metaphern über eine angenommene Beziehung zwischen Frau und "Natur", und schreibt die Unterschiede zwischen Mann und Frau auf der ganzen Linie fest. Allmählich setzte sich der Ökofeminismus nicht nur von allem Linken ab, sondern wurde sogar reaktionär. Jedes revolutionäre Projekt muß sich sowohl auf feministische wie ökologische Belange beziehen, weil dieser doppelte Bezug im Ökofeminismus angesprochen ist, muß er als politische Bewegung rekonstruiert werden. Um aber zu verstehen, wie es zum gegenwärtigen Zustand kam, müssen wir uns kurz die Entwicklung der Ideen, die als Ökofeminismus bekannt sind, vor Augen führen.
Frau und Natur
Die Konvergenz zwischen feministischem und ökologischem Denken war nicht willkürlich. Zu vielen (wenn auch nicht allen) Zeiten in der westlichen Kultur, und in vielen (wenn auch nicht allen) nicht westlichen Kulturen wurden den Frauen bestimmte Beziehungen zur Natur zugesprochen, die Männer nicht haben. Länger als ein Jahrzehnt haben Ökofeministinnen verschiedene Interpretationen der vagen und lockeren Formulierung von "Frau und Natur" oder "die Beherrschung der Frau und die Beherrschung der Natur" vorgenommen. Insgesamt lassen sich ihre Thesen drei grundsätzlichen Argumentationslinien zuordnen.
1. "Frau und Natur" als die "Anderen"
Die erste Argumentationslinie war die zweier Autorinnen, die den Ökofeminismus in seinen Anfangsjahren stark beeinflußt haben, Mary Daly und Susan Griffin.
Sie betonten die aus ihrer Sicht lebensbejahenden Beziehungen zwischen Frau und Natur, dem "ursprünglichen Anderen" einer durch und durch todverhafteten patriarchalischen westlichen Kultur. Mit einer kulturellen feministischen Perspektive prangert Daly die "nekrophilen Führer einer phallokratischen Gesellschaft" an, die "ihre Programme zur geplanten Vergiftung allen Lebens auf der Erde umsetzen" in "fanatischer Gleichgültigkeit gegenüber der Zerstörung, die sie am 'Anderen' auslassen - an den Frauen und an 'Mutter Natur'".
"Phallischer Mythos und Sprache erzeugen, legitimieren und verschleiern die materielle Verseuchung" laut Daly, "die alles empfindende Leben auf diesem Planeten auszulöschen droht." Sie ruft die Frauen auf, einen "Sprung" zu machen in die Leere des Bewußtseins der Frauen von sich selbst, einen "Sprung", wie Rachel Carson's "Silent Spring", der in den Frauen selbst stattfindet, der "das Leben; die Existenz möglich macht." [2]
In Griffin's poetischem Werk "Woman and Nature "verkündet ein "Chorgesang über Frau und Natur", "wir wissen, daß wir von dieser Erde sind. Wir wissen, daß diese Erde aus unseren Körpern gemacht ist. Denn wir sehen uns selbst. Und wir sind Natur." [3] Schließlich führte der einflußreiche Artikel der strukturellen Anthropologin Sherry Ortner "Verhält sich das Weibliche zum Männlichen, wie die Natur zur Kultur?" weiter aus, daß es ein kulturelles Allgemeingut sei, daß Frauen eine engere Beziehung zur Natur haben als Männer; ihr Artikel rechtfertigte damit den ökofeministischen Gebrauch der Metapher. [4]
Nur in einer Griffin'schen Poesie oder einem Daly'sehen Wortspiel konnte aber eine Verbindung von Frauen und Natur - im Kontrast zur als männlich angesehenen Kultur - vage als politische Terminologie aufgefaßt werden.
Denn keine aufrechte Feminstin würde die gesamte Kultur dem Mann überlassen, um Frauen mit der Natur identifizieren zu können. Frauen haben deutlichen Anteil an der Kultur; so ist es doch gerade ein Merkmal, das die Menschen von den Tieren unterscheidet, daß sie kulturelle Wesen sind. Sie mit Natur gleichzusetzen, würde nicht nur bedeuten, sie völlig außerhalb von Kultur und Geschichte zu setzen, sondern sie auch ihrer ureigenen Menschlichkeit entäußern. Selbst Ortner warnte: "Die ganze Vorstellung ist eher ein Konstrukt der Kultur als ein Fakt der Natur. Die Frau ist 'in Wirklichkeit' nicht näher an der Natur als der Mann - beide besitzen Bewußtsein, beide sind sterblich."
Die "Frau = Natur"-Metapher ist daher eine Definition der patrizentrischen Kulturen, mit der die Unterordnung der Frauen fortgeschrieben wird.
2. "Männliche" und "weibliche Natur" - die Parallelisierung von Frauen- und Naturunterdrückung
Eine zweite Herangehensweise an den Begriff von "Frau und Natur" umging diese Falle und definierte Frauen als kulturelle Wesen. Autorinnen wie Charlene Spretnak fanden und feierten Kulturen, die nicht versuchten, die Natur zu beherrschen, und möglicherweise matrizentrisch waren, besonders solche, die dem Aufkommen staatlicher Gesellschaften im Westen zeitlich vorausgingen, wie im Neolithikum. [5] Die Autorinnen sahen einen Zusammenhang zwischen der Naturbeherrschung in den westlichen Kulturen und der Unterdrückung matrizentrischer Kulturen. Kurz - Frauen und Natur blieben das "Andere", wie auch schon bei Daly und Griffin, nur daß diese "Andersartigkeit" eine kulturelle Form annahm.
Diese gedankliche Richtung wurde stark vom "kulturellen Feminismus" beeinflußt, der immer größeren Einfluß gewann und einen enormen Umschwung im feministischen Denken auslöste, kurz nachdem der Ökofeminismus formuliert worden war (eine Entwicklung, die sozialistische Feministinnen wie Alice Echols oder Hester Eisenstein pointiert kritisiert haben [6]).
Kulturelle Feministinnen, im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen, den radikalen Feministinnen, betrachten Frauen nicht nur als biologisch vom Mann verschieden, sondern ordnen Frauen und Männern auch unterschiedliche Wesensmerkmale, Werte, sogar kosmologische Bestimmungen zu. Die Begrifflichkeiten von "männlicher" und "weiblicher Natur" erinnern kurioserweise an die Vorstellung von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" in vielen patrizentrischen Kulturen, die radikale Feministinnen stets vehement bekämpft haben.
Die vom kulturellen Feminismus beeinflußten ökofeministischen Autorinnen tendieren ebenfalls dahin, Frauen eine größere "Nähe zur Natur" zuzuschreiben als Männern und ihre wahre Natur als ursprünglich ökologischer als die männliche zu betrachten. Sie legen uns nahe, vom Neolithikum eine Lebensweise zu lernen, die gleichzeitig geschlechtsegalitär ist und die Natur nicht unterdrückt. Als Beitrag in Richtung auf eine ökologische Gesellschaft betrachten sie die Forcierung "weiblicher" Werte in der gegenwärtigen Frau und Natur verachtenden Kultur.
Möglicherweise gab es matrizentrische Kulturen, die der Entstehung staatlicher Gesellschaften vorausgingen; sicherlich bestanden diese auch nicht auf der Basis einer naturbeherrschenden Ideologie. Möglicherweise haben sich noch heute viele Frauen Wesenszüge wie Fürsorge und Anteilnahme bewahrt - dies aber nicht nur aus biologischen sondern ebenso aus historischen und sozialen Gründen -, Wesenszüge, die vielen Männern - aus sozialen Gründen - abhanden gekommen sind (obwohl Männer, als menschliche Wesen, ebenso mit den Anlagen zur Fürsorge ausgestattet sind). Diese Unterschiede nun aber einer ' "männlichen" oder "weiblichen Natur" zuzuschreiben, bedeutet, die Möglichkeit auszuschließen, daß auch Männer fürsorglich sein können. Zudem wird damit den Frauen die moralische Aufgabenstellung auferlegt, die Gesellschaft vor der Zerstörung zu "retten", die ihr Männer in der Vergangenheit antaten. Damit wird eine unterdrückerische kulturelle Definition nicht nur aufgegriffen sondern festgeschrieben.
Dadurch, daß der Ökofeminismus Frauen dazu bringen will, ihre eigenen Wesensmerkmale über die der Männer zu stellen, gerät er eher zu einer Anleitung zur individuellen Veränderung als zu einer gemeinschaftlichen politischen Kraft. Auch ignoriert diese Betrachtungsweise das Ausmaß der sozialen Ursächlichkeiten der "biologischen" Differenzen zwischen den Geschlechtern. Indem auf die Männer die Verantwortung für Krieg und Hierarchie abgewälzt wird, bleibt den Frauen nichts anderes übrig, als sich ausschließlich "pazifistisch" und egalitär zu verhalten. Durch die Analogie von Frau und Natur, wenn auch in ihrer kulturellen Form, wird die ökologische Bedeutung der männlichen Domäne der Jagd ignoriert und die nichtmenschliche Natur als durch und durch "gütig" apostrophiert. Zudem verfällt diese Hervorhebung des Neolithikums und seiner Kulturen einem Atavismus (wissenschaftlicher Begriff für das unkritische Übertragen der Wertigkeiten primitiver Kulturen auf heute, F.K.) - als wäre seit dem Jahre 3000 v.Chr. nichts von besonderer Bedeutung für Frauen mehr geschehen. Der Grad von Hierarchien in den Kulturen des Neolithikums wird ebenso ignoriert wie deren spezielle Brutalität. Ignoriert wird auch das Problem der Individualität in Gemeinschaften, die sich mittels Brauch und Tradition regeln, ebenso wie die Probleme einer Kultur, die sich entlang biologischer Linien von Alter und Geschlecht organisiert. Und weiter werden nicht nur die Technologien ignoriert, die seit damals viel von der Plackerei des weiblichen Lebenszusammenhangs beseitigt haben, sondern auch die westliche revolutionäre Tradition, an der auch Frauen teilhatten und die heute ebenso im Besitz von Frauen wie Männern sein sollte. Zudem werden die antikommunistischen Tendenzen des kulturellen Feminismus in dieser ökofeministischen Diskussion durch Klagen über die feindliche Einstellung der Linken zur "Spiritualität" [7] noch vertieft. Schließlich brachten diese Autorinnen die Verehrung einer "Göttin" in den Ökofeminismus ein, als einer Metapher für das Eindringen weiblicher Werte in die Gesellschaft, eine bizarre Einführung des Übernatürlichen in eine Bewegung, die ostentativ auf die Natur bezogen sein will. Diese Richtung des Ökofeminismus tendiert dahin, die nicht rationalen menschlichen Fähigkeiten - Intuition und mythische Poesie -, die für Aberglauben anfällig sind, als wertvoller als die angeblich "männliche" Rationalität anzusehen und ruft die Frauen auf, sie als emanzipatorische Fähigkeiten wahrzunehmen.
Dabei werden kritische Fragen bezüglich des unterdrückerischen Wesens von Religion und religiöser Hierarchien vermieden, aus denen die Aufklärung die Menschen befreite, indem sie sie lehrte, die Realität mit den eigenen Fähigkeiten zu begreifen, ohne den Rekurs auf übernatürliche Fantasien. [8] Eine Tradition, in der Priesterinnen einer Göttin die Gesellschaft regieren, ist es aber ebensowenig wert, wieder eingeführt zu werden wie die Tradition der Krieger der Bronzezeit.
3.Frau = Natur als Strategie
Die dritte und vielleicht am meisten die Tatsachen verdrehende Herangehensweise an die Frage von Frau und Natur vermeidet zwar den Biologismus der zweiten (obwohl auch hier Atavismus und die Zuordnung von "männlich" und "weiblich" beibehalten werden), indem sie sich auf das soziale Gefüge bezieht. Obwohl sie die Biologie weder fürchten noch verfluchen, treten Ökofeministinnen wie Ynestra King dafür ein, daß sich Feministinnen bewußt des "Frau = Natur" zu strategischen Zwecken bedienen, im Endeffekt als eines Mythos, um den sich ökofeministische politische Aktion organisiert. [9]
Es bleibt aber zu fragen, ob ein patriarchalisches Konstrukt für die weibliche Emanzipation instrumentalisiert werden kann. Das "Frau = Natur", ob es sich nun biologisch oder sozial herleitet, hat für Frauen, die sich von kulturellen Definitionen zu befreien suchen, eindeutig ein eher regressives Potential. Für linke Frauen sollte es doch möglich sein, sich ohne die beständige Last des "Frau = Natur" für die Befreiung sowohl von Frauen wie der Natur einzusetzen.
Ich schlage den Feministinnen in der Ökologiebewegung vor, diese Deutung eines spezifischen mystischen Zusammenhangs zwischen Frauen und Natur beiseitezulegen und statt dessen an das Beziehungsgeflecht zwischen Frauen - wie auch Männern und dem ganzen übrigen sozialen Gefüge - und Natur ontologisch (ihrem Wesen gemäß, F.K.) heranzugehen. Dabei müssen die sozialen Realitäten all dieser Beziehungen berücksichtigt werden. So kann das ursprüngliche Versprechen des Ökofeminismus eingelöst werden, zur linken Bewegung beizutragen, wie auch sie zu vertiefen.
Der Problemkreis "Frau = Natur" ist indes nicht der einzige von Belang im Ökofeminismus. Andere Fragen sind vielleicht noch viel fundamentaler. Diese sind aber nicht auf den Ökofeminismus beschränkt sondern begleiten die ganze Entwicklung der feministischen Theorie seit den späten 60er Jahren. Die Probleme des Ökofeminismus anzusprechen, schließt also ein, die Entwicklung des Feminismus insgesamt zu begreifen.
Radikaler Feminismus
Um die Wurzeln eines wirklich linken ökologischen Feminismus aufzudecken, müssen wir die Entwicklung des frühen radikalen Feminismus betrachten, um auf seinen Stärken aufzubauen wie auch seine Fehler zu vermeiden.
Zu den Stärken des frühen radikalen Feminismus: von den späten 60er Jahren bis 1974/75 entwickelte er eine konkrete, materialistische, soziale feministische Analyse. Vor allem wurde versucht, die soziale Institutionen und Strukturen zu eruieren, welche über Ideologie oder gesellschaftliche Strukturen Frauen daran hinderten, das ganze Potential ihrer Humanität zu entfalten - wie z.B. Ehe, die Kleinfamilie, die romantische Liebe, sexuelle Unterdrückung, Staat und Religion. Würde ein neuer sozialer Ökofeminismus [10] auf diesen Aspekten des frühen radikalen Feminismus aufbauen, dann könnte er sich konkretisieren und das soziale Geflecht der Herrschaft angehen und die Göttinen wie auch die religiösen und vereinfachenden Zuordnungen von "männlicher" und "weiblicher Natur" den einfachen Gemütern überlassen.
Die Männer
Ein fundamentales und allgegenwärtiges Dilemma der Feministischen Bewegung ist, daß versucht werden muß, um die Frauen zu befreien, die gesamte Gesellschaft zu verändern. Denn Frauen können nicht frei sein, bis nicht auch die ganze Gesellschaft frei ist. Diese einfache Prämisse hat ernsthafte theoretische Konsequenzen. Es bedeutet nämlich, daß der Feminismus entweder auch den Männern die Emanzipation bieten oder sich statt dessen in eine übergreifende linke Theorie integrieren muß. Besonders für einen ökologischen Feminismus, der sich mit dem Dasein insgesamt befaßt, ist es wichtig, sich mit der Frage der Männer zu befassen, denn die Männer sind nun mal Teil des Ganzen der menschlichen Gesellschaft.
Genau an dieser Frage scheiterte schon der frühe radikale Feminismus und übertrug seine Prämissen auf das spätere feministische Denken, den Ökofeminismus eingeschlossen. Von Anfang an - das hat Ellen Willis (eine der Gründerinnen der "Redstockings") brilliant dargelegt - stand der frühe radikale Feminismus unter dem durch eigene Umstände geschaffenen Druck, zu beweisen, daß der Feminismus eine universelle Theorie sein könnte. Der radikale Feminismus, der sich als Folge unterdrückerischer Bedingungen in der Neuen Linken entwickelte, beschuldigte die Männer der Neuen Linken des Sexismus. Die Männer schlugen zurück, der Feminismus sei eine bürgerliche Ideologie. Nun mußten die radikalen Feministinnen beweisen, daß weit entfernt von jeder "Bürgerlichkeit" die Unterdrückung von Frauen von fundamentalerer Tragweite ist als die Klassenunterdrückung und daß der Feminismus eine fundamentale Theorie für die Befreiung aller - ob Mann oder Frau - ist, die gründlicher analysiert als jede andere linke politische Theorie. [11]
Um dem zu entsprechen, griffen radikale Feministinnen die Kritik der Hierarchie selbst auf (die zunächst von den Sozialen Ökologie, einer Art Ökoanarchismus entworfen wurde), wonach die Hierarchie eine grundsätzlichere soziale Gliederung bedeutet als Klasse. Radikale Feministinnen behaupteten, daß die Herrschaft über Frauen die erste Form der Hierarchie war und daß der erste Einschnitt in der menschlichen Gesellschaft der zwischen Frauen und Männern war, alle anderen Ausgliederungen erst später kamen. Willis schreibt selbstkritisch:
"Radikale Feministinnen entwickelten in diesem Spiel schon sehr früh die These, daß die Unterdrückung der Frauen nicht nur die älteste und universellste, sondern auch die ursprünglichste Form der Herrschaft war. Wir argumentierten, daß sich andere Ausprägungen der Hierarchie auf der Grundlage der männlichen Oberherrschaft entwickelten und dementsprechende Formen annahmen - im Ergebnis also spezielle Formen der männlichen Oberherrschaft waren." [12]
Des weiteren behaupteten sie, daß die männliche Oberherrschaft immer noch die ursprünglichere Unterdrückung in der gegenwärtigen Gesellschaft sei.
Dieses Ergebnis erlaubte dem radikalen Feminismus - wie Willis feststellt - sich selbst als universelle Theorie zu betrachten, die letztendlich die existierende linke Theorie ersetzt. Wenn die männliche Oberherrschaft die ursprüngliche Form der Unterdrückung sei, dann würde die Befreiung der Frauen auch die Befreiung der Männer bedeuten. Wäre einmal der Sexismus beseitigt, würden auch die anderen Systeme der Herrschaft aufhören zu existieren; würde die männliche Oberherrschaft niedergeworfen, so würde der Kapitalismus unter seinem eigenen sexistischen Gewicht zusammenbrechen. Diese Formulierung erlaubte dem radikalen Feminismus sich selbst als eine universelle emanzipatorische Theorie zu präsentieren.
Nun, tatsächlich verheißt die Befreiung der Frauen von ihren sexuellen Rollen auch die Befreiung der Männer von ihren entsprechenden Rollen, was exakt die Emanzipation der Männer bedeuten würde. Denn, abgesehen von den offensichtlichen Privilegien, die die Männerherrschaft den Männern verschafft, fesseln die Geschlechterrollen Männer an die Männlichkeit und hindern sie daran, all ihre menschlichen Veranlagungen zu Liebe, Hilfsbereitschaft und Vertrauen auch zu entwickeln und ihre entsprechenden Emotionen auszuleben.
In diesem Sinne ist der Feminismus tatsächlich für Männer befreiend. Auf ähnliche Weise verspricht die Befreiung von Schwulen und Lesben die Emanzipation aller von unterdrückerischen sexuellen Normen - zwingen doch die "Moral" und andere heterosexuelle Implikationen die Menschen zu sexuellen Praktiken, die möglicherweise nicht mit ihren Vorlieben übereinstimmen.
Aber darüberhinaus sehen wir uns nun mit einer Unmenge von Fragen konfrontiert. Kann die Befreiung der Männer aus ihren "Geschlechtsrollen" sie - und die Frauen - auch von der Herrschaft des Kapitalismus und des Nationalstaats befreien? Kann der Feminismus die Befreiung der Männer - und Frauen - aus allen Systemen der Herrschaft versprechen? Sind Männer Kapitalisten, weil sie Frauen hassen und emotional unterdrückt sind? Und wie kann eine solche psychologische Erklärung nachgewiesen werden oder sogar zur Hoffnung auf Veränderung in der Zukunft Anlaß geben? Außerdem sind die Männer nicht ein einheitliches Ganzes; Männer unterdrücken ebenso Männer in deren Rollen. Falls diese Formen der Unterdrückung aus Frauenhaß entstehen, wie kann es dann sein, daß nicht alle Männer Kapitalisten und Dirigisten sind?
Noch bevor diese Fragen befriedigend zugeordnet werden konnten, hatte der "kulturelle Feminismus" das Thema bereits biologisiert und damit die Ansicht von der Herrschaft über die Frauen als ursprünglicher Form der Unterdrückung im feministischen Denken verankert. Der kulturelle Feminismus betrachtete die reine männliche Gewalt - besonders Vergewaltigung - als Brennpunkt der Herrschaft über Frauen und damit aller Herrschaft. Der Frauenhaß an sich wurde zum alles betreffenden Dreh- und Angelpunkt kultureller Feministinnen. Diskussionen über die Beziehungen zwischen männlicher Vormachtstellung und anderen Formen der Herrschaft versandeten in einem akademischen sozialistischen. Feminismus.
Obwohl der Ökofeminismus nicht immer dermaßen biologisch geprägt war wie der kulturelle Feminismus, übernahm er doch die Voraussetzung, daß die Herrschaft über Frauen die ursprüngliche Form der Unterdrückung sei und der "Prototyp" aller anderen Herrschaftsformen. Ein Bestandteil ökofeministischen Denkens blieb die Annahme, es sei eine universelle radikale Theorie, daß alle Herrschaftssysteme in "patriarchalischen" Kulturen durch die Infiltration mit weiblichen Werten umgekrempelt werden könnten. Über den Problemkreis "Mann" wird in ökofeministischen Zirkeln nicht sonderlich diskutiert. Frau vermeidet die Frage, in dem darauf hingewiesen wird, die Männer müßten das mit sich selbst ausmachen.
Wenn wir uns die Entwicklung ansehen, können wir nur feststellen, daß die Wahrnehmung von der Unterdrückung der Frauen als 'ursprünglicher' schwerwiegende Probleme aufwirft.
"Diese Annahme", so schreibt Willis, "beinhaltet, daß die Männer nur aufgrund ihres Mann-Seins diese Systeme errichteten und behaupteten, entsprechend einem besonderen männlichen Charakter oder spezifisch männlicher vorrangiger Ziele." [13] Wäre die Unterdrückung von Frauen der Prototyp aller Herrschaft, dann folgte daraus, daß Männer zu Kapitalisten und Etatisten würden, um letztendlich die Frauen zu beherrschen. Religiöse Priesterschaften, Kapitalismus, der Nationalstaat wären zweitrangige Auswüchse der ursprünglichen Geschlechterhierarchie, um im Grunde genommen über Umwege die Frauen zu beherrschen.
Für die radikale politische Theorie ergeben sich daraus ernste Konsequenzen. Mit der Annahme des Geschlechts als primärem Ansatzpunkt der Unterdrückung müssen sich die Ökofeministinnen nicht direkt mit der Bekämpfung von Kapitalismus oder Nationalstaat befassen und haben keine Veranlassung, den Ökofeminismus in eine linke politische Theorie zu integrieren. Antikapitalismus und Anarchismus werden als eigenständige Antworten auf die Unterdrückung vom ökofeministischen Ansatz vernachläßigt. Die Theorie von der "ursprünglichen Unterdrückung" begründet den Ökofeminismus also keineswegs als Theorie der universellen Befreiung sondern ist die Ursache für seine Isolation von den Linken.
Nun ist aber noch nicht einmal erwiesen, ob die Unterdrückung der Frauen tatsächlich die erste Form der Unterdrückung überhaupt war. Wie die entwicklungsgeschichtliche Anthropologie gezeigt hat, geht in vielen Fällen der männlichen Dominanz die Gerontokratie (Herrschaft der Alten) voraus. Ebensowenig ist nachgewiesen, daß Männer ihre eigenen Geschlechtsgenossen zum Zweck der Unterdrückung der Frauen unterdrücken. Tatsächlich dient diese Unterdrückung gewöhnlich ganz konkreten Zielen, wie materiellem Besitz oder ausgedehnterer staatlicher Macht.
Grob gesagt: Frauen und Natur sind nicht die einzigen "Anderen". Für die herrschenden Männercliquen sind sehr oft Männer "die Anderen". Männer sind nicht ein einheitliches Ganzes. Die Herrschaft von Männern über andere Männer geschieht aus eigenen, besonderen Gründen und manifestiert sich in Formen, die nicht unbedingt die Unterdrückung der Frauen zum Vorbild haben müssen, wie etwa industrielle und militärische Hierarchien. Die darauf aufbauenden Herrschaftssysteme haben eigene "Geschichte, Logik und Kampf", wie es Susan Prentice formuliert. Nach Prentice, einer Kritikerin des Ökofeminismus, "macht der Ökofeminismus politische und ökonomische Systeme zu einfachen Derivaten ("Auswüchse") männlichen Denkens, indem er den Ursprung der Herrschaft über Frauen und Natur im männlichen Bewußtsein ansiedelt." [14] Und diese Sichtweise der Unterdrückung der Frauen beraubt andere Formen der Hierarchie ihrer Eigengesetzlichkeit.
Kapitalismus und Etatismus sind jedoch eigenständige, bewußte Unternehmungen. "Die innere Logik des Kapitalismus - beispielsweise seine Beziehungen und wirksamen Kräfte von Produktion, Warenverkehr, Fetischismus, Ausbeutung, Herrschaft, Entfremdung usw. - macht die Ausbeutung der Natur zu einer bewußten Angelegenheit des Kapitalismus als eines weltweiten Systems. Dabei handelt es sich nicht um einen Fehler oder mangelndes Bewußtsein, sondern gerade das Bewußtsein wird zu diesem besonderen Zweck dirigiert und organisiert." [15] - Und dieser Zweck hat direkt kaum etwas mit den Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu tun.
Der Ökofeminismus muß die Lektion mancher radikaler Feministinnen aus den frühen 70er Jahren studieren: daß die Vernachlässigung von Kapitalismus und Etatismus in der feministischen Theorie den Feminismus 'nicht-revolutionär' beläßt. Willis arbeitet heraus, daß liberale Frauen als Feministinnen nicht radikalisiert wurden: "Sie sprangen einfach auf die Idee von der Frauenunterdrückung als primärer auf und interpretierten sie dahingehend, daß linke Politik "männlich" und daher mit gutem Gewissen zu ignorieren sei, statt daß der Feminismus auch andere Kämpfe beinhalten und an ihnen teilnehmen müsse." [16]
Indem sie Kapitalismus und Etatismus als sekundäre Probleme wahrnahmen, war es Liberalen möglich, Feministinnen zu werden. Dasselbe gilt für einen Ökofeminismus, der sich von der Linken abgrenzte, wie radikal auch immer seine Vertreterinnen ihre Theorien entwarfen. Es wird höchste Zeit, daß Ökofeministinnen die These von der "Ursprünglichen Unterdrückung" revidieren und auf diese Weise die Diskussion über die Beziehungen zwischen dem Feminismus und der Linken neu beleben.
Es beeinträchtigt den feministischen Kampf gegen den Frauenhaß (Misogynie) ja in keinster Weise, wenn Frauen sich klar machen, daß dies nicht ihr einziger Kampf ist. Vergewaltigung und andere Formen der Gewalt gegen Frauen werden ja nicht von der Misogynie allein verursacht sondern ebenso von anderen Unterdrückungssystemen, von denen die Männer selbst gegenseitig betroffen sind.
Auch wenn der Angriff auf die männliche Überheblichkeit mehr als notwendig bleibt, muß doch der Ökofeminismus seine Isolierung in selbstmitleidigen Phantasien über eine angeblich ursprüngliche Unterdrückung überwinden und zu einer antikapitalistischen - und antistaatlichen - Position finden.
Die Analyse einer Bewegung über Wesen und Ursachen von Unterdrückung schlägt sich auch in ihren Organisationsformen nieder. Weder eine separatistische Frauenbewegung noch das Verschmelzen von Frauenangelegenheiten mit einer männlichen öko-anarchistischen oder -sozialistischen politischen Theorie entspricht der Analyse des sozialen Ökofeminismus. Viel eher entspricht dem Verständnis des Beziehungsgeflechts zwischen Misogynie und der Unterdrückung von Männern - und Frauen - durch Männer die Integration einer feministischen Bewegung und Analyse in "männliche" Bewegungen, unter Beibehaltung ihrer spezifischen Autonomie.
In der Tat sind manche Männer die Verbündeten von Frauen, auch gegen andere Männer. Eine feministische "Ethik des Sorgens" ist antithetisch zum männlichen Herrschen, aber auch solche traditionell "männlichen" Begriffe wie Freiheit, Individualität und der Kampf für soziale Gerechtigkeit. Ein Feminismus, der nicht explizit antikapitalistisch und antistaatlich ist, kann die Ursachen der männlichen Vorherrschaft nicht wirklich bekämpfen.
Gleichzeitig kann auch keine sozialistische oder anarchistische Theorie wahrhaft links sein, ohne Sexismus zu bekämpfen und feministische Ziele zu unterstützen.
Ökofeminismus muß in einer übergreifenden linken politischen Theorie begründet sein, die all die sozialen Strukturen herausfordert, die die Unterdrückung von Frauen beinhalten. Daher ist die Integration des Feminismus in die linke Politik für beide - Feminismus und linke Theorie und Bewegungen - absolut zwingend.
Aus: „Schwarzer Faden“ Nr. 33, 4/1989
Fußnoten: [1] Zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand am Institut von Francoise d'Eaubonne gehört, der im Allgemeinen die ursprüngliche Verwendung des Begriffs "Ökofeminismus" zugeschrieben wird. Zum Begriff "Soziale Ökologie" vgl. Murray Bookchin, The Ecology of Freedom, dt.: Die Ökologie der Freiheit, Beltz Verlag 1985 [2] Mary Daly: Gyn/Ecology, S.9, 10, 12, 21, 26; dt. Ausgabe: Gynökologie im Verlag Frauenoffensive München. Zitat nach dem Original übersetzt. [3] Da die besondere Feststellung fehlt, daß sich "wir" auf beide, Männer und Frauen, bezieht, muß der Leser annehmen, daß nur die Frauen gemeint sind. Vgl. Susan Griffin: Woman and Nature: The Roaring Inside Her, New York 1978 [4] Sherry Ortner: Is Female to Male as Nature is to Culture?" in: M.Z.Rosaldo and L.Lamphere, eds. Woman, Culture and Society (Stanford University Press, 1978), S.226 [5] Charlene Spretnak: The Politics of Women's Spirituality, Garden City, N.Y.: Anchor Press, 1982 [6] Alice Echols: The New Feminism of Yin and Yang, in A.Snitow, C.Stansell und S.Thompson (Hg.): Powers of Desire, New Y.: Monthly Review Press, 1983. "The Taming of the Id: Feminist Sexual Politics, 1968-83", in: C.S. Vance (Hg.): Pleasure and Danger: Exploring Female Sexuality, Boston: Routledge and Kegan Paul 1984; und Hester Eisenstein: Contemporary Feminist Thought, Boston: G.K. Hall 1983 [7] Zu Tendenzen eines gegen die Linke gerichteten kulturellen Feminismus, vgl. Echols: Yin and Yang", S.443ff.; zu einem gegen die Linke gerichteten Ökofeminismus vgl. Charlene Spretnak und Fritjof Capra, Green Politics, Santa Fe 1986 [8] Zur weiteren Kritik am Atavismus und dem Gebrauch von Mythen im Ökofeminismus vgl. meinen Artikel "Goddess Mythology in Ecological Politics", in New Politics. [9] Ynestra King: Coming of Age with the Greens, Zeta, Jan. 1988, S. 19 [10] Der Begriff "Sozialer Ökofeminismus" wurde nach meinem Wissen zuerst von Chiah Heller benutzt. [11] Ellen Willis: Radical Feminism and Feminist Radicalism, in: S.Sayres/A. Stephansobn,/S. Aronowitz und F.Jameson (Hg.): The 60s Without Apology, Univ. of Minnesota Press 1984 [12] ebd.,S.96 [13] ebd.,S.96 [14] Susan Prentice: Taking Sides: What's Wrong with Eco-Feminism?, Women and Environments, Frühj. 1988, S.9f. [15] ebd., S. 10 [16] Willis, S. 107
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