Janet Biehl - Der soziale Ökofeminismus (Teil 2)

 

übersetzt von Friederike Kamann

 

Im ersten Teil des Beitrags entwickelte Janet Biehl aus der kritischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Richtungen des Ökofeminismus ihre These, daß der Ökofeminismus in einer übergreifenden linken politischen Theorie verankert sein muß. Nur ein Feminismus, der "explizit antikapitalistisch und antistaatlich" sei, könne die "Ursachen der männlichen Vorherrschaft ... wirklich bekämpfen." Im folgenden zweiten Teil nimmt ihre Vorstellung eines in solchem Sinne "sozialen" Ökofeminismus nun festere Konturen an.

 

 

Biologie und Gesellschaft

 

Eine andere Frage, die den Feminismus bewegt, ist die nach dem Wesen der Unterschiede zwischen Mann und Frau. So wie die einen aus den biologischen Unterschieden eloquente Theorien von der "weiblichen Natur" ableiten, begrenzen andere die biologischen Unterschiede radikal und betrachten alle gegenwärtigen Unterschiede als durch und durch sozial bedingt, sie verbannen die Biologie.

 

Ein sozialer Ökofeminismus erkennt biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern an, besonders die offensichtlichen Unterschiede in der Reproduktionsfähigkeit: Frauen menstruieren, werden schwanger, gebären und stillen. Ebenso sind Frauen, im ganzen gesehen, nicht so groß und schwer wie die männlichen Angehörigen ihrer ethnischen Gruppe. Viele Frauen sind physisch schwächer und fürsorglicher sowie hilfsbereiter als viele Männer. In welchem Ausmaß diese und andere Unterschiede jedoch erworben oder angeboren sind, ist unklar. Deshalb müssen wir in dieser Frage eine offene Position vertreten.

 

Weil Männer immer einander beherrscht haben, sind sie möglicherweise stärker von den Auswirkungen sozialer Gebilde geprägt worden als Frauen. Männer wurden so unter Druck gesetzt, daß sie ihre fürsorgliche Natur vergaßen und an der Herrschaft teilnahmen. Innerhalb der Herrschaftssysteme waren Frauen eher in der Lage, ihre fürsorglichen Qualitäten zu bewahren, sie wurden sogar dorthin gedrängt - während Männer sie in sich austilgten. An den Frauen, die in der privaten Sphäre eingeschlossen blieben, ging die Entwicklung der Herrschaftssysteme unter den Männern zum großen Teil vorbei, und so bewahrten sie eine Ethik der Fürsorge und Gegenseitigen Hilfe.

 

Unter männlicher Dominanz gerieten dann die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen eindeutig zum Nachteil der Frauen. Frauen werden von den Geschlechtsrollendefinitionen immer noch so behindert, daß ihnen alle Möglichkeiten eröffnet werden müssen, all ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Es liegt auf der Hand, daß die Mystifizierung und Festschreibung biologischer Unterschiede zu einem "männlichen" und einem "weiblichen" Wesen dem entgegenarbeitet. Daher fordert der soziale Ökofeminismus unzweideutig die reproduktive Freiheit für alle Frauen, die Freiheit der Abtreibung eingeschlossen. Des weiteren fordert er, daß Frauen ihre intellektuellen, moralischen, sexuellen und sinnlichen Fähigkeiten ausleben können, deren Existenz ebenso eine biologische Tatsache ist.

 

In dem Maße, wie Frauen der soziale Hort für die Ethik des Sorgens sind, bleiben sie auch ein Rückhalt für die Werte, von denen eine ökologische Gesellschaft abhängt. Der soziale Ökofeminismus weigert sich jedoch, Frauen als moralische Missionare aufzufassen. Aber die Notwendigkeit einer gemeinschaftlichen, fürsorgenden Gesellschaft, sowohl in seiner öffentlichen wie auch privaten Tragweite, ist nicht zu übersehen, und viele Frauen (und Männer) sind im Begriff, ihren Beitrag zu einer neuen Sythese zu leisten.

 

Der soziale Ökofeminismus betont die Bedeutung des sozialen Gefüges für das Leben von Frauen. Es hält sie davon ab, ihre menschliche Natur voll auszuleben. Alles jedoch in Abhängigkeit von den sozialen Bedingungen zu sehen, wirkt sich letztendlich deterministisch für Frauen und Männer aus. Aus einem sozialen Determinismus läßt sich ebenso schlecht ausbrechen wie aus einem biologischen. Diese Ansätze können daher auch nicht den Widerstand gegen die bestehende soziale Ordnung, inklusive den feministischen Widerstand erklären.

 

Deshalb lehnt der soziale Ökofeminismus jede Form des Determinismus ab und fordert einen nicht-deterministischen Feminismus ein, der sich am Handeln orientiert, indem er dazu auffordert. Biologie, Gesellschaft und Individuum treffen in den menschlichen Wesen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Darum sind die Menschen auch, anders als die Tiere, in der Lage, in ihrem Leben und in der Gesellschaft Veränderungen herbeizuführen. Moralische und politische Triebkräfte geben Männern und Frauen die revolutionäre Möglichkeit, nicht nur 'die Biologie als Bestimmung' sondern auch alle anderen sozialen Gefüge und soziopolitischen Strukturen herauszufordern. Bestimmte biologische Tatsachen, wie der Tod, begrenzen die Unternehmungen - andere, wie unsere Entwicklungsfähigkeit, treiben dazu an.

 

Wenn wir feststellen, daß zwischen den Geschlechtern biologische Unterschiede existieren,- egal welchen Ursprungs - muß das noch lange nicht zu Geschlechtshierarchien und Herrschaft führen. Wie schon die Soziale Ökologie sucht auch der soziale Ökofeminismus, Hierarchien abzuschaffen - nicht aber die Unterschiede. Es geht um die Beseitigung hierarchischer Strukturen in unserem Denken, die suggerieren, die Akzeptanz von Unterschieden führe automatisch zu Hierarchie.

 

 

Das Öffentliche und das Private

 

Wenn soziale Ökofeministinnen den Begriff "sozial" verwenden, meinen sie nicht nur die sozialen Formen, die sich auf dem Geschlecht oder Ideologien begründen, sondern die sozialen Strukturen insgesamt. Denn diese - wie auch die Ideologien die ihnen zugrunde liegen - halten die Unterdrückung der Frauen aufrecht.

 

Im Laufe der Geschichte wurden die Frauen in den verschiedenen menschlichen Gesellschaften in einen ganz bestimmten Bereich abgedrängt: das "Private". Männer dagegen siedelten sich in der gewöhnlich mit "Öffentlichkeit" bezeichneten Sphäre an. Die Ursprünge dieser Bereiche lagen in biologischen Fakten, um die herum sich die menschliche Gesellschaft organisierte, wie Alter und Geschlecht. In diesem Sinne bestimmte die Biologie der Frauen auch ihre sozialen Rollen.

 

Der private Bereich beruht nun aber nicht nur auf biologischen Fakten wie etwa der genetischen Familie oder der weiblichen Reproduktionsfähigkeit sondern auch auf der Art und Weise der menschlichen Individualentwicklung: alle Menschen haben einen "privaten" Erfahrungs- und Erlebnisbereich. Sie erleben Geburt und Säuglingsalter und eine ziemlich lange und stark prägende Kindheit, mit langen Perioden der Abhängigkeit und des Lernens, und haben neben anderen Dingen, ein großes Bedürfnis nach bedingungsloser Liebe (von Angehörigen beider Geschlechter), um ein individuelles Selbstbewußtsein und ein grundlegendes Vertrauen als Erwachsene entwickeln zu können. Diese Entwicklung vom Säugling zum Kind und vom Kind zum Erwachsenen findet im privaten Bereich statt. Dieser ist geprägt von einer besonderen moralischen Ethik, die nicht nur den Bedürfnissen der Kinderaufzucht zu entsprechen sucht sondern auch den Bedürfnissen der Erwachsenen nach emotionaler Unterstützung und Befriedigung sowie nach einem erfüllten Sexualleben. Die "Ethik des Sorgens" ist spezifisch für den privaten Bereich, dessen Kultur, historisch gesehen, von den Frauen geschaffen wurde, die die Kinder für die Gesellschaft aufziehen. (Wegen dieser kulturschaffenden Arbeit, die die Natur zur Kultur umwandelt, können Frauen als "näher an der Natur" betrachtet werden.) Diese historische Platzzuweisung an die Frauen muß aber nicht notwendigerweise auch heute noch so beibehalten werden.

 

Wie einen privaten haben alle Menschen auch einen öffentlichen Erfahrungs- und Erlebnisbereich, durch ihre Beziehungen zu Menschen außerhalb ihrer privaten Sphäre. Im Idealfall übernehmen die vollentwickelten Individuen die Verantwortung für ihre gesamte Kommunität. Dazu ist nicht etwa bedingungslose Liebe die Voraussetzung sondern die Fähigkeit, als Mitbürger moralische, intellektuelle und politische Entscheidungen für die gesamte Gemeinschaft treffen zu können. Auf der Basis der Biologie haben die Männer im Laufe der Geschichte diesen öffentlichen Bereich besetzt, was ebenfalls längst überholt ist.

 

Bei den anstehenden Entscheidungen im öffentlichen Bereich entstehen zwischen den Menschen unausweichlich Differenzen, die argumentativ geklärt werden müssen, rational und leidenschaftlich. Ebenso muß nach ethischen Kriterien entschieden und ausgewählt werden. Zu beidem wären Kinder nicht in der Lage. Die Ethik des Sorgens aus dem privaten Bereich ist hier also nicht adäquat. Weil es sich hierbei um Menschen handelt, die nicht zu dem unmittelbaren Bereich der persönlichen und fürsorgenden Bindungen gehören, ist für den öffentlichen Bereich die Ethik der Rechte (Gerechtigkeit, Menschenrechte) wesentlich. Dennoch sollten die öffentlichen Angelegenheiten auch im Sinne der fürsorgenden Ethik des privaten Bereichs behandelt werden.

 

Viele Stammensgesellschaften, wie etwa im europäischen Neolithikum, organisierten und strukturierten sowohl den öffentlichen wie den privaten Bereich entlang den Linien der Blutsverwandtschaft - also der genetischen Abstammung entweder von den Müttern oder Vätern. Der private Bereich, in dem die Blutsverwandtschaft dominierte - der Aufzucht und Sozialisation der Kinder - war den Frauen zugeordnet. Im öffentlichen Bereich ging es um Menschen, die nicht zum eigenen Stamm gehörten, also aus der Blutsverwandtschaft herausfielen, um Fremde. Dies war die Angelegenheit der Männer (die sie mit oder ohne Kampf erledigten).

 

Öffentlicher und privater Bereich waren also quasi zwei Kulturen, der Männer und der Frauen, abhängig von der Aufteilung von Arbeit und Kultur zwischen den Geschlechtern um des Überlebens willen.

 

Möglicherweise ist es nur ein Umstand unserer hierarchischen Denkweise, daß wir dazu neigen, die Beziehungen zwischen dem privaten und dem öffentlichen Bereich in Stammesgesellschaften in hierarchischer Terminologie zu beschreiben, weil dies der hierarchischen Sichtweise in unserer Gesellschaft entspricht. Die Stammesgesellschaften selbst werteten den öffentlichen Bereich als nicht unbedingt höher. Wie einige Anthropologen gezeigt haben, teilen die Frauen eines Stammes nicht die Einschätzung der Männer, welche "ihre" öffentliche Kultur höher bewerten und sich damit brüsten, sondern belachen deren aufgeblasene Wichtigtuerei. (l)

 

Dennoch erlangte das Öffentliche schließlich Vorrang vor dem Privaten. Mit dem zahlenmäßigen Anwachsen der Stammeskulturen kamen diese immer häufiger mit Fremden in Kontakt. Die zentrale Bedeutung der Blutsverwandtschaft für die gesellschaftliche Organisation schwand und der öffentliche Bereich wurde zunehmend wichtiger. Bald entwickelten sich Geschlechterhierarchien und Sklaverei. Im öffentlichen Bereich der Männer traten Häuptlinge auf und es entstanden schließlich Staaten. Die Frauen, die ursprünglich aus biologischen Gründen in der privaten Sphäre angesiedelt waren, wurden nun dort aus sozialen Gründen festgehalten, domestiziert. Im Leben der Städte wurden dann das Private und das Öffentliche geschieden, der häusliche Rahmen wurde gesteckt von den vier Wänden der Behausungen. Die Gemeinschaft wurde zerstört und damit auch alle Möglichkeiten eines gemeinschaftlichen, privaten Bereichs, wie das gemeinsame Aufziehen der Kinder. In dem Maße, in dem der öffentliche Bereich in Bürokratien und Militärmaschinen erstarrte, sich Klassen und Eigentum entwickelten, wurde der private Bereich auf die biologische Familie reduziert.

 

Es gibt kaum einen historischen Beweis dafür, daß das Aufkommen der Klassen oder der staatlichen Gesellschaften als direkter Versuch gedeutet werden könnte, die Lebensbedingungen der Frauen zu verschlechtern, wie es die Theorien von der "ursprünglichen Unterdrückung" behaupten, (vgl. Teil I in SF 33) Die Hierarchien unter den Männern entwickelten sich aus viel zu komplexen Ursachen, als daß sie hieran festgemacht werden könnten.(2) Auch ist nicht erwiesen, daß die Staaten der patriarchalichen Familie nachgebildet wurden, wie von vielen Feministinnen im Gegenzug behauptet wird. Viel eher sind die militärischen Hierarchien, mit denen sich die Männer gegenseitig unterdrücken, der "Prototyp" für die Entstehung des Staates. Trotz dieser Einschränkungen, das Aufkommen solcher Gesellschaften wirkte sich für Frauen denkbar schlecht aus. In Mesopotamien und Ägypten z.B. fiel der Status der Frauen in dem Maße, wie sich Monarchie und Despotismus konsolidierten und militarisierten. Ähnlich beeinflußte das spätere Aufkommen des Kapitalismus das Leben der Frauen (abgesehen von einer Anhebung des Lebensstandards einiger weniger), auch wenn der Kapitalismus nicht als ein Projekt zur Unterdrückung der Frauen angesehen werden kann. Arbeitsplatz und Zuhause wurden getrennt und die Privatsphäre in voneinander isolierte Einheiten von Kleinfamilien aufgesplittert. Damit wurde der Prozeß der Isolation der Frauen vom öffentlichen Bereich und voneinander abgeschlossen und sie völlig machtlos gemacht. Das gemeinschaftliche Leben der im Haus produzierenden Familie wurde ausradiert, worin Frauen immer deutlich wahrnehmbar gewesen waren und nicht minder wichtig wie die Männer.

 

Nun müssen wir unterscheiden zwischen der Vorstellung, daß Männer die Herrschaft unter ihresgleichen einrichteten, um die Frauen zu beherrschen, und der Vorstellung, daß die Herrschaftssysteme der Männer die Frauen nachteilig betrafen. Die Entstehung von Nationalstaat und Kapitalismus hatte enorme Auswirkungen auf die Herrschaft über die Frauen, auch wenn sie nicht bewußt zu diesem Zweck gedacht waren, und auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern insgesamt, wie auch auf die Beziehungen zwischen den Rassen und weitere soziale Beziehungen. Auch wenn die Herrschaftssysteme der Männer eine eigene Geschichte und Logik haben, so verschlimmern sie doch extrem die Unterdrückung der Frauen. Daher hängt die Befreiung der Frauen von der Zerstörung sowohl des Kapitalismus wie auch des Nationalstaates ab wie auch von der Zerstörung des Vorrangs der Männer.

 

Gleichzeitig bezieht sich der soziale Ökofeminismus auf das humanistische Erbe der Aufklärung: eine grundlegende Infragestellung der Religion ermöglicht den Menschen, mit ihrer eigenen Befähigung zu Vernunft und Leidenschaft Lösungen für die sozialen Probleme zu entwerfen, ohne sie noch länger von einer Gottheit ableiten zu müssen. Denn die Befreiung der Gesellschaft kann nur auf der Grundlage einer genauen Untersuchung aller Beiträge vorgestellt werden, von Menschen aus dem öffentlichen und privaten Raum, in dem eine Kombination von Fürsorge und Recht, von Leidenschaft und Vernunft, von Individualität und Gemeinschaft befürwortet wird.

 

 

Kapitalismus und Nationalstaat

 

Die Herrschaft der Männer betraf das Leben der Frauen vielleicht am grundlegendsten durch die Umstrukturierung der gemeinschaftlichen privaten und öffentlichen Bereiche zu etwas nahezu nicht Wahrnehmbarem. Der bereits in die biologischen und schließlich die Kleinfamilien atomisierte private Bereich wurde mit dem Aufkommen des Kapitalismus noch weiter reduziert auf das Gebiet der Konsumption. Das gegenwärtige Eindringen der Marktökonomie in alle Aspekte des menschlichen Lebens, wodurch eine sogenannte "Markt-Gesellschaft" geschaffen wurde, wie es Murray Bookchin nennt, macht es in den letzten Jahren dem häuslichen B ereich zunehmend schwieriger, überhaupt noch zu existieren. (3) Die Wirtschaftsunternehmen stellen immer häufiger ihrer Belegschaft Kinderhorte - oder Altenheime - zur Verfügung, wodurch das häusliche Leben allmählich in den Wirtschaftsunternehmen aufgeht und nach den Erfordernissen des Kapitalismus organisiert wird. Mit dem Aufkommen der Leihmutterschaft hat der Markt sogar die Gebärmutter erobert.

 

Gleichzeitig werden viele Frauen - so wie ehedem die Männer - dazu animiert, sich über ihre möglichen biologischen Neigungen zum 'Sorgen' hinwegzusetzen. In dem Maße, wie sich Kapitalismus und Etatismus die Fähigkeiten der Menschen im Sinne von Wettbewerb und Ausbeutung aneignen, haben viele Frauen bewiesen, daß sie ebenso gut zur Herrschaft in der Lage sind wie Männer. In dem Maße wie die Menschen als Ausbeuter und Ausgebeutete homogenisiert werden, gehen die Werte des 'Sorgens' verloren, die Frauen über Jahrtausende im privaten Bereich verkörperten.

 

Damit wird es für solche Frauen immer schwieriger, die es vorziehen, Kinder aufzuziehen, anstatt zu arbeiten, um "ein verdorbenes Stück Kuchen" zu verdienen (wie es Bonnie Kreps einmal ausdrückte). Viele gehen nicht arbeiten, weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Ebenso ist es auch den Männern kaum noch möglich, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Wo einmal ein Einkommen ausreichte, um eine Familie zu ernähren, schaffen es heute kaum zwei. Weil die Menschen, die Kinder haben wollen, immer mehr gegen ihren Willen außer Haus arbeiten müssen, wird jede Art von privatem und fürsorgenden Bereich zunehmend zerbrechlich.

 

So wie das häusliche Leben beeinträchtigt wird, geschieht es auch mit dem öffentlichen Leben. Im liberalen Nationalstaat wurde schon früh für die meisten ein voll entwickeltes politisches Leben unmöglich. Denjenigen, die es dennoch schafften, wurden vor allem bürokratische Positionen zugewiesen, wodurch sie gezwungenermaßen an der Hierarchie teilnahmen. Geschaffen wurden also Bürokratie statt Freiheit, Zentralismus statt Dezentralismus, effiziente und instrumentelle Bedürfnisse weit eher als moralische Bedürfnisse und Ziele.

 

Die Kleinfamilie wurde zementiert, wo ihre Funktionen nicht völlig absorbiert wurden. Das gemeinschaftliche Leben, auf dem lebendige politische und private Sphären beruhen, wurde zerstört. So wie die private Familie durch die Kleinfamilie verzerrt wurde oder von den Unternehmen aufgesogen, so zerstört der Nationalstaat die Möglichkeit zu einer wirklich politischen "öffentlichen" Sphäre. Aufgrund dieser destruktiven Auswirkungen von Nationalstaat und Kapitalismus auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und alle gemeinschaftlichen Beziehungen, erwartet der soziale Ökofeminismus weder vom Staat noch von den Wirtschaftverbänden zuträgliche Lösungen. In den liberalen Nationalstaaten wird gegenwärtig auf die Forderungen der Frauenbewegung im Rahmen der Gesetzgebung reagiert, wodurch neue Bürokratien aufgebaut und die Vertreterinnen eingebunden werden. Wir betrachten diese Lösungen als ausschließlich der Stärkung des Nationalstaates selbst dienlich. Ähnlich beurteilen wir das Aufsteigen von Frauen im Kapitalismus als Partizipation an dem System, das gerade das gemeinschaftliche Leben demontiert, von welchem ihre entgültige Freiheit abhängt, und sie selbst entmenschlicht.

 

Die Ethik des Sorgens muß sowohl im privaten wie im öffentlichen B ereich wieder Einzug halten (ebenso wie die Ethik des Rechts an ihrem traditionellen Platz in der öffentlichen Sphäre aufrechterhalten werden muß; beides widerspricht sich nicht). Der soziale Ökofeminismus strebt nichts anderes an, als die Abschaffung von Kapitalismus und Nationalstaat und die Restrukturierung der Gesellschaft auf eine dezentralisierte, gemeinschaftliche Weise, so daß für alle ein ausgefülltes öffentliches und privates Leben möglich wird. Es werden lokale Lösungsversuche befürwortet, welche sich eng an der Gemeinschaft orientieren, in der die private und die öffentliche Sphäre zusammenfließen, zwischen denen keine großen Entfernungen - sei es geographisch oder gefühlsmäßig -überwunden werden müssen. Es wird eine gemeinschaftliche Fürsorge für die Kinder und älteren Menschen angestrebt, sowie eine Restrukturierung der Gesellschaft, durch die das Heraustreten der Frauen aus dem privaten Bereich erfolgt. In diesem gemeinschaftlichen Leben soll sowohl die gemeinsame Kinderbetreuung möglich sein, wie auch ein politisches Leben, das von örtlichen Versammlungen geprägt ist, in denen man sich kennt und miteinander spricht.

 

Der soziale Ökofeminismus betrachtet die Differenzierung der Sozialen Ökologie als entscheidend - zwischen Politik im Sinne eines Etatismus und Politik im ursprünglichen Sinne, als volkstümliche Demokratie von Gegenüber zu Gegenüber in der lokalen Selbstverwaltung. Wir übernehmen den libertären Kommunalismus der Sozialen Ökologie als eine übergreifende linke Theorie, der wir uns integrieren können.(4) Der libertäre Kommunalismus entwirft einen Rahmen für den langsamen Übergang zu dem gemeinschaftlichen Leben, auf welchem ein ausgewogenes privates und politisches Leben beruhen: ein Rahmenentwurf für die Demokratisierung der Republik, für die Neubelebung der lokalen kommunitären Politik durch die Menschen selbst, die Frauen eingeschlossen - mit Bezirksversammlungen, Stadtteiltreffen.

 

Dieses gemeinschaftliche Leben würde sich aber nicht um des sozialen Zusammenhalts oder der Organisation willen auf die Grundlage einer Religion stellen, wie es frühere Gesellschaften taten. Weit eher sind die hohen Ideale der Aufklärung und die Freiheitsideale der westlichen revolutionären Tradition Bezugspunkte, als weltliche, vernunftbezogene und doch leidenschaftliche und sinnliche Basis für das individuelle, private und politische Leben.

 

Der soziale Ökofeminismus stellt sich auf den Grundsatz der Sozialen Ökologie, daß sich die Vorstellung von der Beherrschung der Natur von der Beherrschung von Menschen durch Menschen ableitet. Nur die Beendigung aller Herrschaftssysteme macht eine ökologische Gesellschaft möglich, in welcher keine Staaten oder kapitalistischen Wirtschaftssysteme versuchen, sich die Natur zu unterwerfen. Alle Aspekte der menschlichen Natur sollen befreit sein - Sexualität und Neigungen ebenso wie die Vernunft. Die Rolle des privaten Bereichs bei der Umwandlung einer "ersten Natur" in eine "zweite Natur" findet ihre Anerkennung als entscheidend für die soziale Evolution des Menschen.

 

Wir meinen, daß die biologische Tatsache der kindlichen Abhängigkeit nicht länger vorschreiben kann, daß die Aufzucht der Kinder den Frauen zugeteilt bleibt. Denn die Gesellschaft ist nicht mehr entlang biologischer Linien wie Kindheit, Geschlecht und Alter organisiert. Wir betrachten die Technologien, die die Befreiung der Frauen aus ihrem Eingesperrtsein in diesen Bereich möglich gemacht haben, als unumgänglichen menschlichen Kulturbeitrag. Heute könnten im Prinzip Menschen beiderlei Geschlechts die benötigte Pflege und Unterstützung aufbringen. Wir fordern deshalb eine politische und soziale Organisation, die dies ermöglicht, denn die Tätigkeiten der Kinderaufzucht und anderer Transformationen von "Natur in Kultur" obliegen allen Menschen. Gleichzeitig fordern wir, daß die Frauen und Männer, die sich den Kindern widmen wollen, dazu sozial in die Lage versetzt werden. Wir betrachten alle Menschen, Männer und Frauen, als fähig zu einer Ethik des Sorgens (genauso wie zu einer Ethik des Rechts und der Grundsätze). Wenn die Ethik des Sorgens heute weiterhin auf den privaten Bereich beschränkt bleibt, so nicht aufgrund der "inneren Natur" von Frauen, sondern weil die Bürokratisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Lebens diesen B ereich noch weiter ausgedehnt haben. Wir behaupten, daß in der politischen Sphäre einer selbstverwalteten Kommune die Lösungen der Probleme des privaten Bereichs von den Menschen selbst vorgenommen werden können - als da sind: die Beschränkungen und Verdummung durch das ausschließliche Großziehen von Kindern, die Verrichtung erniedrigender Arbeit, Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung. Die Menschen wären sich gegenseitig rechenschaftspflichtig. In einem gemeinschaftlichen und ökologischen Gemeinwesen wäre das gemeinsame Großziehen von Kindern möglich und würde allen die Teilnahme daran eröffnen. Dezentrale, soziale Vereinbarungen würden sicherstellen, daß alle Individuen, männlich oder weiblich, den vollen Zugang zum privaten und politischen Leben haben.

 

Häuser für geschlagene Frauen, Zentren für Vergewaltigte, Frauengesundheitszentren wurden auf örtlicher Ebene bereits geschaffen, um die Unterdrückung der Frauen in der Kleinfamilie anzugehen. Aber nur ein massiver Zustrom von Frauen in die lokalen politischen "Formen der Freiheit" (um mit Murray Bookchins Worten zu sprechen) könnte den Kommunen ermöglichen, ihre Gesellschaft bewußt so zu rekonstruieren, daß der männliche Vorrang sowohl in der privaten wie der öffentlichen Sphäre beendet wird. Ihre Präsenz in einem radikalen kommunitären Sozialwesen würde es den Frauen, wie auch den Schwulen und Lesben und den Farbigen, ermöglichen, sich ebenso mit den traditionellen Belangen des politischen Bereichs zu befassen. Die enge Verzahnung von Politischem und Privatem auf lokaler Ebene ermöglicht eine volle Integration von Frauen als Bürgerinnen.(5) Der soziale Ökofeminismus teilt mit der Sozialen Ökologie die Forderung, durch eine Kommunalisierung der Ökonomie und durch das Schaffen einer moralischen Ökonomie - einer Ökonomie der Kooperativen, der sinnvollen Arbeit, die sich an den örtlichen Bedürfnissen der Kommune orientiert - das ökonomische Leben unter die Kontrolle des politischen Bereichs zu bringen. In einer lokalen, kommunalen Ökonomie, in der der Arbeitsplatz nicht weit vom Zuhause entfernt ist, ist eine gleichberechtigte und volle Teilnahme der Frauen am ökonomischen Leben möglich.

 

Eine kommunalisierte Ökonomie ist für den Kapitalismus eine Herausforderung. Nicht etwa die Übernahme der Fabriken durch die Arbeiter macht diese Herausforderung aus, sondern die Verteidigung der Gemeinwesen durch die Menschen selbst, der Herzen und Hirne gegen die Plünderung durch die Marktwirtschaft. Die Marktwirtschaft muß durch einen moralischen Gegenangriff aus ihrer in höchstem Maße unmoralischen kommerziellen 'wachs oder stirb' Flugbahn herausgeworfen werden, welche jeden Aspekt des Lebens zu durchdringen droht. Frauen nehmen an dieser moralischen Herausforderung des Kapitalismus nicht deshalb teil, weil sie aufgrund ihrer Weiblichkeit von Natur aus moralischer wären als die Männer, sondern weil sie im Kapitalismus auf besondere Weise unterdrückt werden. Weil sie menschliche Wesen sind, mit moralischen Fähigkeiten ausgestattet, nehmen sie die Marktgesellschaft als eine Schändung des menschlichen Geistes wahr. In der Geschichte haben sich Frauen immer an der Basis mit Männern gegen die gemeinsamen Unterdrücker zusammengetan und Revolutionen gegen religiöse, ökonomische und staatliche Hierarchien gemacht. Der soziale Ökofeminismus bezieht sich auf dieses revolutionäre Erbe der Arbeit von Generationen revolutionärer Frauen, von einfachen Frauen, die um die Nahrung für ihre Kinder kämpften und um die Freiheit ihrer Genossinnen, bis zu solchen Frauen mit einer internationalen revolutionären Statur wie Rosa Luxemburg, deren Internationalismus die besonderen Unterdrückungsformen verschiedenster Gruppen beinhaltete und transzendierte. Als soziale Ökofeministinnen wollen wir diese historische Tradition revolutionärer Frauen stolz fortsetzen. Wir sehen keine Widersprüche zwischen diesem Ansatz und der vollständigen Teilnahme der Frauen an allen Aspekten des Lebens.

 

 

Aus: „Schwarzer Faden” Nr. 34, 1/1990

 

Fußnoten:

(1) z.B. Yolanda Murphy u. Robert F. Murphy, Women of the Forest (New York: Columbia University Press)

(2) über die Entwicklung d. Hierarchien vgl. Bookchin, Ökologie der Freiheit

(3) vgl. Bookchin, Urbanization zur Marktökonomie und Marktgesellschaft

(4) Zum libertären Kommunalismus vgl. Bookchin, "Thesen zum libertären Kommunalismus" in: SCHWARZER FADEN NR. 19, 3/85 S.15-22;"The Riseof Urbanization and the Declineof Citizenship" (Sierra Club, 1987); "The Greening of Politics: Toward a New Kind of Political Practice", in: Green Perspectives 1 (Jan 1986)

(5) über Frauen als Bürgerinnen in der Demokratischen Tradition vgl. meinen Artikel "Women, the Polis, and the Western Democratic Tradition", veröffentlicht in J.Plant (hrg.) Healing the Wounds (New Society, 1989)

 

Hervorhebungen im Original!

 

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