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Peter
Kropotkin - Der Widersinn des Lohnsystems
Wir
sind der Überzeugung, daß der gemilderte Individualismus des
kollektivistischen Systems unvereinbar ist mit jenem partiellen
Kommunismus, den es in Gestalt des Gemeineigentums am Grund und Boden und
an Arbeitsinstrumenten aufweist. Eine neue Produktionsform bedingt auch
eine neue Verteilungsform der Produkte. Eine neue Produktionsweise kann
ebensowenig, als sie sich der alten politischen Organisationsform anpassen
konnte, die alte Konsumtionsform beibehalten ...
Der
Kollektivismus beabsichtigt, wie man weiß, sehr wichtige Änderungen
dieses (kapitalistischen) Regimes, er hält aber nichtsdestoweniger das
Lohnsystem aufrecht. Nur der Staat, d. h. die repräsentative Regierung,
nationaler oder kommunaler Natur, setzt sich an die Stelle des heutigen
Arbeitgebers. Es sind die Repräsentanten der Nation oder der Kommune,
ihre Delegierten, ihre Beamten, welche die Leiter der Industrie werden.
Sie sind es auch, welche sich das Recht vorbehalten, den Mehrwert der
Produktion im Interesse aller zu verwenden. Außerdem macht man in diesem
System einen sehr feinen, in seinen Konsequenzen aber weittragenden
Unterschied zwischen der Arbeit des Handarbeiters und des Mannes, der eine
gewisse Vorbildung erhalten hat; die Arbeit des Handarbeiters ist in den
Augen der Kollektivisten nur eine „einfache“, während der Künstler,
der Ingenieur, der Gelehrte usw. nach ihrer Auffassung das verrichten, was
Marx eine „komplizierte Arbeit“ nennt; - damit wird ihr Recht auf
einen höheren Lohn motiviert. Indes Handarbeiter wie Ingenieure, Weber
wie Gelehrte, werden vom Staate bezahlt, sie sind alle Beamte, keine
Herren, wie man letzthin sagte, um die Pille zu versüßen.
Nun,
der größte Dienst, den die kommende Revolution der Menschheit erweisen
kann, wird in der Schaffung einer Situation bestehen, in der jedes
Lohnsystem unmöglich, undurchführbar wird, in der sich als einzig
annehmbare Lösung der Kommunismus, d. h. die Negation des Lohnsystems
aufdrängen wird ... Wir haben von gewissen kollektivistischen [1]
Schriftstellern gesagt, daß sie eine Unterscheidung zwischen
qualifizierter oder professioneller Arbeit und einfacher Arbeit fordern.
Sie behaupten, daß die Arbeitsstunde des Ingenieurs, des Architekten oder
des Arztes als zwei oder drei Arbeitsstunden des Schneiders, des Maurers
oder des Krankenwärters gerechnet werden müßte. Dieselbe Unterscheidung
muß, wie sie sagen, gegenüber jeder Arbeit, die im Verhältnis zu den
Verrichtungen des Tagelöhners eine mehr oder weniger lange Lehrzeit
erfordert, gemacht werden. Nun, diese Unterscheidung machen, heißt alle
Ungleichheiten der gegenwärtigen Gesellschaft aufrechterhalten. Es heißt
im voraus eine Scheidungslinie ziehen zwischen den Arbeitern und denen,
welche sie zu beherrschen beanspruchen. Es heißt, die Gesellschaft in
zwei streng voneinander geschiedene Klassen teilen, die Aristokratie des
Wissens über dem Plebs der schwieligen Hände thronen lassen, die eine
der andern dienstbar zu machen; die eine soll mit ihren Armen schaffen, um
die zu ernähren und zu kleiden, welche ihre Muße dazu benutzen, ihre Ernährer
beherrschen zu lernen.
Es
bedeutet nichts weiter, als einen der charakteristischen Züge der gegenwärtigen
Gesellschaft herausgreifen und ihm die Sanktion der sozialen Revolution
geben. Es heißt einen Mißbrauch,
den man heute schon
in der absterbenden alten Gesellschaft verdammt, zum Prinzip zu erheben
...
Eine
Gesellschaft, die sich der gesamten sozialen Reichtümer bemächtigt und
welche laut das Recht aller auf diese Reichtümer erklärt hat - welchen
Anteil sie auch früher an der Schaffung derselben gehabt haben -, wird
gezwungen sein, die ganze Idee des Entlohnens der Arbeit, sei es in Geld,
in Arbeitsbons oder in irgendeiner anderen Form, aufzugeben ...
Kein
Unterschied kann zwischen den Werken der einzelnen gemacht werden. Sie zu
messen nach den Resultaten, führt ins Absurde. Sie zu zerlegen und zu
bemessen nach den Arbeitsstunden, führt uns gleichfalls ins Absurde. Es
bleibt nur eins: Die Bedürfnisse über die Leistungen zu stellen und
zuerst das Recht auf das Leben anzuerkennen, alsdann darauf bedacht zu
sein, für den Wohlstand aller derer zu sorgen, welche irgendeinen Anteil
an der Produktion nehmen.
[1]
Als „Kollektivisten“ bezeichnet Kropotkin „unsere Sozialdemokraten
aller drei Richtungen, die Regierungssozialisten, die Unabhängigen und
die Parteikommunisten“. (A. v. B.)
Aus:
Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik,
Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970
Nach:
Die Eroberung des
Brotes (Wohlstand für Alle). 1892. Deutsch von Bernhard Kampffmeyer.
Berlin 1921. S. 20; 44; 129;132;134.
Mit
freundlicher Erlaubnis des Abraham
Melzer Verlag´s
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