|
Erich
Mühsam – Zur Naturgeschichte des Wählers (1907)
Parlamentswahlen
(nach dem allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrecht) werden
in der Regel als politische Stimmungsbarometer angesehen. Man hat sich
gewöhnt zu glauben, daß die ausgezählten Majoritäten die im Lande
vorherrschenden positiven Gesinnungen spiegeln. Das ist eine Verkennung
der Massenpsychologie. Der Psychologe darf bei der Beurteilung einer von
vielen gemeinsam geführten Aktion die Stellung jedes einzelnen zu der
ihn mitumfassenden Vielheit nicht übersehen. Er darf nicht vergessen,
daß ein Ich, je dürftiger und nichtiger es dasteht, d.h. je größer
die Majorität ist, der es zugehört, umsomehr das Bedürfnis fühlt,
sich als Mitglied der Masse persönlich zu dokumentieren. Hat eine große
Persönlichkeit den Drang, seine Seele im Rhythmus der Welt schwingen zu
lassen, so sucht umgekehrt das Massenmenschchen den Radau des
Alltagslebens, den es Welt nennt, auf seine spezielle Existenz zu
beziehen, um sich als "Persönlichkeit" gefallen zu können.
So und nicht anders ist die Massenneurasthenie zu erklären, die jede
politische Bewegung hervorruft, und der Ausfall von Parlamentswahlen
bietet somit in erster Reihe Interesse als statistisches Material für
den Neurologen.
In
welchem Prozentsatz sich die abgegebenen Stimmen auf die einzelnen
Parteigruppen verteilen, ist psychologisch sehr belanglos. Majoritätsmensch
ist nicht der nur, der zu den Wählern des endlich siegenden Kandidaten
zählt, sondern jeder, der von seinem Stimmrecht Gebrauch macht; jeder
also, der seine Meinung als maßgeblich für die Mehrheit ansehen möchte,
weil er sie für so gut hält, daß sie ihm als Normalmeinung seiner
Zeitgenossen geeignet erscheint. Das Prinzip der Wahl ist ein durchaus
demokratisches Prinzip. Es hat die Tendenz, aus der Volksseele einen
Diagonalwillen zu destillieren. Jeder Wähler erkennt mit der Ausübung
seines Rechts dieses Prinzip ausdrücklich an, das Prinzip der
Berechtigung des Mehrheitswillens, das einzelne, selbständige
Individuum zu unterdrücken, es den Beschlüssen der Majorität der aus
der Majorisierung der Minoritäten hervorgegangenen Körperschaften gefügig
zu machen, aus jeder Persönlichkeit eine Nummer im Gesamtbetriebe und
aus jeder autonomen Regung eine Gefahr für das demokratische Ganze
herzustellen.
Jeder
Wähler ist ein Tröpfchen von dem Öl, das die große Staatsmaschine
schmiert. Was er wählen darf, ist allein das Ölkännchen, aus dem er
in das Räderwerk träufeln darf, und von dem je nach der Größe des
Behälters ein Schuß mehr links oder ein Schuß mehr rechts in den
Apparat gegossen wird, dessen Hauptwalze sicher und exakt funktioniert,
unbeirrt darum, welche von den vielen Seitenrädchen sich etwas
schneller und welche sich etwas langsamer um ihre Achse drehen. Die
Stimmabgabe jedes einzelnen Wählers hat also für den Gang der
Geschicke eines Volkes ebensoviel zu bedeuten. wie der Rauch einer
Zigarre, der sich im weiten Raum einer Wolke beimischt, für den
Niederschlag eines Gewitters.
Für
den Psychologen sind alle Wähler konservativ. Sie haben ausnahmslos das
Bestreben, in das Rädchen zu fließen, das dem mächtigen Staatsrad am
schnellsten vorwärts hilft. Sie erkennen damit die Notwendigkeit des
Bestehenden und den Wert seiner
Erhaltung an. Im
Gegensatz zur konservativen Partei steht ausschließlich die Gruppe der
Nichtwähler, stehen die paar Individualisten, Anarchisten, Künstler
und Skeptiker, die in der Staatswalze einen Apparat erkennen, die Persönlichkeit
durch die Masse zu wälzen und in jedem ihrer Räder ein Instrument, die
Individualität, deren ein Riemen habhaft werden kann, zu rädern. Sie
sind revolutionär. Ihr negatives Verhalten bezweckt die
Unbrauchbarmachung der ganzen Maschine, entweder dadurch, daß durch das
Einrostenlassen aller Seitenräder die Mittelachse gezwungen wird, sich
aus eigener Despotenkraft zu drehen - eine Betriebform, die infolge der
Vereinfachung des Werkes dem Individuum sehr viel weniger gefährlich
ist, als die demokratische Versimpelungsfabrik - oder durch die positive
Aktion des Sabots, d.i. die gewaltsame Außerbetriebsetzung des Werks.
Wirft man Seife in den Kessel, so platzt der Apparat, und seine
Wirksamkeit ist vernichtet.
"Revolutionär"
nennt sich nun freilich auch die Sozialdemokratie, die Partei, der die
Massensuggestion, der Wahlakt sei eine heilige Handlung, in erster Linie
zu danken ist, und der es - aus Gründen, die gleich erörtert werden
sollen - niemals beizubringen sein wird, daß die Beteiligung an der
Wahl ein Bekenntnis zur bestehenden Staatsordnung in sich schließt und
eine im Kern antirevolutionäre Demonstration darstellt. Man hat ganz
haarsträubende Motivierungen konstruiert, die die revolutionäre
Tendenz der prinzipiellen Umgestaltung des Staatswesens mit der
konservativen Wahlaktion in Einklang bringen sollen. Man behauptet und
glaubt, die Zentralisation allen Schmieröls in einer dicken Kanne werde
das Mittelrad in einen so rapiden Schwung versetzen, daß es
alle Seiten und
Nebenräder rotierend mitreißt und sich so ganz aus sich selbst heraus
zu jener prächtigen Zentral- und Universalwalze entwickelt, die den
idealen einheitlichen Brei aller Staatsbürgerfunktionen produziert, der
der fromme Traum jedes unverfälschten Demokraten sein muß.
Man
wird nicht von mir verlangen, daß ich diesen ideologischen Blödsinn
ernsthaft widerlege. Mir kommt es darauf an zu zeigen, welche tieferen
unterbewußten Gründe gerade die Partei, die die Masse hinter sich zu
haben strebt, und die am meisten mit den Masseninstinkten rechnen muß,
zu ihrer Sakrifikation der Parlamentswahl bewegen.
Der
Mittelmensch, der Bürger, der aus der Not seiner Wesensgleichheit mit
all seinen Mitmassenmenschen eine Tugend herleitet, hat gleichwohl das
starke, seelische Bedürfnis, sich persönlich zu dokumentieren. Das
innerstempfundene Gefühl seiner eigenen Unwesentlichkeit, der letzten
Endes auch im Nichtigsten schlummernde Drang nach Unsterblichkeit, der
verborgene Trieb, irgendwie doch einen noch so verschwommenen Schatten
zu werfen, drängt ihn ans Sonnenlicht. Aus diesem Triebe sind so viele
Äußerungen zu verstehen, die dem kleinen Mann Vergnügen machen. Wird
irgendwo ein Haus photographiert, gleich stehen eine Reihe guter Leute
in Positur vor der Fassade, um mit aufs Bild zu kommen. Sie werden ihr
Konterfei nie zu sehen kriegen, der Photograph und der Besitzer des
Hauses, die es anschauen werden, werden nie erfahren, wer die Leutchen
sind, deren Typen sie vor sich haben, werden sich auch nie Gedanken darüber
machen - aber der Bürger fühlt seine Befriedigung, weil seine
Physiognomie irgendwo festgehalten ist; seinem Unsterblichkeitsdrange
ist wenn auch noch so dürftig – Genüge
geschehen. Ein noch
beliebteres Mittel, seine Wesenheit in die Ewigkeit hinüberzuretten,
ist das Anschreiben des Namens an Stellen, wo recht viele fremde
Menschen ihn lesen werden, auf die Ruhebänke in gernbesuchten Parks,
vor allem an Pissoirwände. Den Kommis und den Bäckergesellen, den
Primaner und den Bücherrevisor überkommt ein Gefühl innerster
Beruhigung, wenn er das Häuschen mit dem Bewußtsein verläßt, für
seinen Nachruhm etwas getan und - sei es nur durch seinen Namenszug, sei
es durch eine schweinische Zeichnung oder einen obszönen Vers - seiner
tieferen Wesensart den Sprung in die Ewigkeit erleichtert zu haben.
Jedenfalls hat er seiner Existenz einen weiteren Resonanzboden
geschaffen, als sie auf korrektere Art gefunden hätte.
Mit
diesem Phänomen rechnet die sozialdemokratische Parteileitung; muß sie
rechnen, um. eine Massenbewegung hinter sich zu haben. Sie muß ihren
Mitgliedern, grade weil sie sich zu einer die Persönlichkeit
eliminierenden Tendenz bekennen sollen, die Gelegenheit bieten, sich
persönlich wichtig zu machen. Mit welchem Stolz geht der Wähler zur
Urne! Erfüllt er sein heiligstes Recht, alle fünf Jahre einmal einen
Zettel mit dem Namen einer anderen Null feierlich zur Auszählung
abzuliefern! Wie unentbehrlich kommt er sich vor! Sein Name steht in den
Wahlregistern eingetragen, wird öffentlich aufgerufen; er kann selbst
hervortreten, sich coram publico zu seinem Namen bekennen, kann sogar
zwischen verschiedenen Zetteln, die ihm Weltanschauungen repräsentieren,
aussuchen und kommt sich vor, als ob er am Steuerrad der Historie
drehte. Die Befriedigung, die ihm das Bemalen der Abtrittswand erweckt,
erfüllt sich beim Wahlakt potenziert.
Wer
da glaubt, die ursprüngliche causa
movens des Wählers
sei politisches Interesse, sei die ernste Sorge um die Verwaltung des
Vaterlandes, der irrt. Das Parteigefühl ist in fast allen Fällen erst
nachträglich als Beweggrund zum Wählen eingeschoben. Aber soviel
Selbstpsychologe ist der Staatsbürger nicht, um zu erkennen, daß er in
der Wahrung seiner vornehmsten Rechte kleinlicher Eitelkeit folgt. Er
konstruiert erst aus der Handlung, die er gern tut, das Motiv, das ihm
diese Handlung erst recht weihevoll erscheinen läßt. Es geht so wie
Nietzsches bleichem Verbrecher, der den von ihm Ermordeten beraubt, um
vor sich selbst einen Grund zum Mord zu haben. Der Ausfall der Wahl regt
den Wähler kaum anders auf, als das Ende eines Wettrennens den, der auf
ein bestimmtes Pferd gesetzt hat. Daß es sich bei dem Wettenden um Geld
handelt, während sich der Wähler ideelle Interessen einbildet, macht
keinen Unterschied. Denn erstens stehen alle Staatsbürgerideale auf
materieller Grundlage und werden erst in der politischen Abstraktion
ideell verklärt, und zweitens verquickt sich bei dem Startsetzer das
Interesse an der riskierten Summe so sehr mit der Aufregung des
Zuschauens, daß es sich zu einer wirklich begeisternden Spannung auswächst.
Eine
kleine Probe aufs Exempel bestätigt, was ich hier gesagt habe. Die
anarchistische Taktik verwirft das Wählen prinzipiell. Sie wendet sich
an den Arbeiter mit der Aufforderung, lediglich auf seine
wirtschaftliche Förderung bedacht zu sein. Sie weist ihn auf die
Kampfmittel hin, mit denen er sich hohe Löhne und kurze Arbeitszeit -
also den größten für ihn wünschenswerten Nutzen - erobern kann: auf
Klassenkampf und Streik. Sie warnt ihn vor dem Parlamentarismus, der an
sich staatsstützend ist und
als
Ausbeutungswaffe ehrgeiziger Führer gegen die Arbeiter protegiert wird;
betont die Nutzlosigkeit und die absolute Gleichgültigkeit des Ausfalls
der Wahlen, weil es gar nicht von Belang ist, wer die Dummheiten macht,
von der jede Gesetzlichkeit lebt. In Deutschland wird das allgemeine,
gleiche, direkte und geheime Wahlrecht seit 40 Jahren ausgeübt, ohne daß
der Sozialismus die allermindeste Förderung dabei erfahren hat. All das
führt die anarchistische Taktik gegen die Sozialdemokratie an; all das
habe ich ungezählte Male in Arbeiterversammlungen hervorgehoben. Aber,
kommt in einer sozialdemokratischen Versammlung irgend ein Agitator
einer anderen Partei zum Wort, der den Arbeitern sagt: Wählt nicht den
Müller! Wählt den liberalen Meyer oder den Antisemiten Schultz! - dann
wird er mit sanfter Ironie abgefertigt, dann begründet man, weshalb
nicht der Meyer oder der Schultz, sondern grade akkurat der Müller gewählt
werden muß. Anders, wenn ein Anarchist spricht. Ihn, der doch ganz vom
materiellen Interesse des Arbeiters ausgeht, der ganz sachlich, ganz
unpersönlich diskutiert, widerlegt man nicht. Er wird niedergebrüllt,
als Schuft, Polizeispitzel, Söldling der Gegner persönlich verdächtigt
oder - wie es mir kürzlich in einer großen Wahlversammlung in München
erging - tätlich insultiert.
Diese
oft beobachteten, immer sich wiederholenden Tatsachen beweisen wohl, was
ich oben behauptet habe: daß der Massenmensch nicht aus irgendwelchen
materiellen, politischen oder ideellen Gründen wählt, sondern daß ihm
das Wählen Selbstzweck ist. Der Anarchist, der das Wählen an sich
angreift, verletzt sein Gefühl. Mit dem ist nicht zu debattieren; der
ist ein Lump ... Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben. Und dem
Volke muß die Möglichkeit
erhalten bleiben - oder geschaffen werden -, sich an Pissoirwänden und
Wahlgefäßen zu manifestieren.
Aus:
DIE FACKEL, IX. Jahr, Nr. 223-224,
Wien 12. April 1907
Gescannt
aus: Erich Mühsam: Staatsverneinung, Freiheit als
gesellschaftliches Prinzip u.a. Beiträge. Reihe Konstruktiv Nr. 10,
AHDE – Verlag 1981.
|