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Rudolf Rocker – Parlamentarismus und Arbeiterbewegung
Man hat sich in Deutschland nachgerade daran gewöhnt den Begriff der
politischen Aktion in dem engbegrenzten Rahmen der parlamentarischen Betätigung
aufzufassen. Aus diesem Grunde ist es auch weiter nicht verwunderlich,
wenn man noch heute den Anarchisten und Syndikalisten von allen Seiten
vorwirft, daß sie Gegner des politischen Kampfes seien und die
wirtschaftliche von der politischen Aktion willkürlich trennen wollten.
Nicht nur aus dem Lager der alten Sozialdemokratie tönt uns dieser
Vorwurf entgegen, auch die geistigen Leuchten der sogenannten Kommunisten,
deren Wissen über unsere Bewegung allerdings durch keinerlei Kenntnisse
getrübt wird stoßen wieder in dasselbe Hörn, und es ist geradezu rührend
zu sehen, wie sich die feindlichen Brüder im großen Hauptquartier des
autoritären Sozialismus überraschend schnell zusammenfinden, wenn es
gilt den verhaßten Anarchisten und Syndikalisten etwas am Zeuge zu
flicken. Berührt man daher die Frage der parlamentarischen Tätigkeit, so
ist es notwendig, unsere Stellung zur politischen Aktion im allgemeinen
klarzustellen, um Mißverständnissen vorzubeugen.
Politischer Natur ist jedes Ereignis, das auf den Gang und die Entwicklung
des Gemeinwesens einwirkt, auch wenn es sich auf rein wirtschaftlichem
Boden abspielt. Jede größere wirtschaftliche Aktion, wie z. B. ein
Generalstreik, ist in derselben Zeit eine politische Aktion und zwar eine
politische Aktion von ganz eminenter Bedeutung, da sie auf den
Gesamtmechanismus des Gemeinwesens einen tieferen Einfluß hat, wie jede
andere. Die parlamentarische Betätigung ist bestenfalls als eine gewisse
Form der allgemeinen politischen Aktion zu betrachten, und nach unserer
Meinung verkörpert sie nur die unbedeutendste und schwächste Form des
politischen Kampfes. Anarchisten und Syndikalisten verwerfen prinzipiell
jede parlamentarische Tätigkeit, weil sie der Ansicht sind, daß die
Interessen der Bourgeoisie als Klasse den Interessen des Proletariats so
diametral entgegengesetzt sind, daß jede Vermittlung auf dem Boden des bürgerlichen
Parlamentarismus nicht nur zwecklos, sondern
direkt schädlich für die Arbeiter ist, indem sie
den Klassenkampf zur würdelosen Komödie gestaltet und lähmend auf die
revolutionäre Energie und Initiative der Massen wirken muß. Das freieste
Wahlrecht kann an dieser Tatsache nichts ändern und alles Gerede von der
„Demokratie“ ist nur eitle Schaumbläserei, denn politische Freiheit
ohne ökonomische Gleichheit ist Lüge und Selbstbetrug.
Unsere Stellung dem bürgerlichen Parlamentarismus gegenüber darf aber
keineswegs als eine Verwerfung des politischen Kampfes im allgemeinen
aufgefaßt werden. Eine solche Stellung wäre geradezu absurd, zeigt uns
doch der unbedeutendste Lohnkampf, daß jedesmal, wenn dem Unternehmertum
die kleinste Gefahr droht, der Staat sofort auf dem Plan erscheint, um die
bedrohten Interessen des Eigentümers zu verteidigen.
Wenn uns die Geschichte lehrt, daß der Staat seine Entstehung der
Entwicklung des Privatmonopols und der gesellschaftlichen Klassenteilung
verdankt, so zeigt uns die tägliche Erfahrung, daß der Staat, einmal in
Existenz, der wirksamste und rücksichtsloseste Verteidiger des Monopols
und der Klassenherrschaft ist, und daß folglich der Kampf gegen den
Kapitalismus notwendigerweise den Kampf gegen den Staat und seine Träger
in sich schließt. Jede einschneidende Veränderung der wirtschaftlichen
Lebensbedingungen ist unvermeidlich mit einer Veränderung des politischen
Systems verbunden. War die absolute Monarchie der natürlichste Ausdruck
des alten Feudalwesens, so ist die parlamentarische Regierungsform das
Ergebnis der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Wem es daher ernst ist
mit der Bekämpfung des Kapitalismus, der ist durch die eiserne Logik der
Umstände gezwungen, den modernen Staat zu bekämpfen, als den Verteidiger
und Beschützer des kapitalistischen Systems. Der Kampf gegen die
„Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ führt mit zwingender
Notwendigkeit zum Kampfe gegen die „Beherrschung des Menschen durch den
Menschen“. Insofern ist für jeden freiheitlichen Sozialisten die
Abschaffung des Privatmonopols gleichbedeutend mit der Abschaffung des
Staats. Ist die Sozialisierung des Grund und Bodens und der
Produktionsmittel das ökonomische Ziel seiner Bestrebungen, so ist sein
politisches Ziel ein Zustand, wo - um mit Saint Simon zu reden - „die
Kunst, die Menschen zu regieren, der Kunst, die Dinge zu verwalten“
Platz machen muß.
In diesem Kampfe erachten wir neben der Aufklärung der Massen die Anwendung
der wirtschaftlichen Machtmittel, welche die Arbeiterklasse in ihren Händen
hat, als die geeignetste Waffe. Unter dem Einfluß der anarchistischen
Ideen und der syndikalistischen Bewegung hat sich die Arbeiterschaft,
vornehmlich in den romanischen Ländern und in Rußland, mehr und mehr
daran gewöhnt, den Generalstreik nicht nur als Mittel zur Erringung
wirtschaftlicher Vorteile, sondern auch als politisches Machtmittel, um
dem Staate bestimmte Zugeständnisse abzutrotzen, in Anwendung zu bringen.
Wir erinnern nur an den Generalstreik der spanischen Arbeiter im Jahre
1904, um die Freilassung der politischen Gefangenen zu erzwingen, und an
die grandiose Generalstreikbewegung des russischen Proletariats im Jahre
1905, die dem Zaren die Feder in die Hand drückte, um die Konstitution zu
unterzeichnen. - Auch die antimilitaristische Propaganda, die seit
Jahrzehnten ausschließlich von den Anarchisten und Syndikalisten angeführt
wurde und mit gewaltigen Opfern verbunden war, gehört ins Reich der
politischen Aktion.
Den Unterschied zwischen der Staatspolitik der
Sozialdemokratie mit ihren verschiedenen Fraktionen und der
staatsfeindlichen Politik der Anarchisten und Syndikalisten hat schon
James Guillaume, der Vertreter der alten Jura-Föderation auf dem berüchtigten
Haager Kongreß im Jahre 1872 klassisch zum Ausdruck gebracht als er erklärte:
„Wir sind keineswegs Anhänger der politischen Gleichgültigkeit, wie
man uns fälschlich vorwirft. Aber im Gegensatz zu den Marxisten sind wir
negative Politiker, indem wir uns nicht die Eroberung, sondern die Zerstörung
jeder politischen Macht als Ziel setzen.“
Die sozialistischen Richtungen vor der Gründung der „Internationalen
Arbeiter-Assoziation“, mit der Ausnahme der Babouvisten und der Anhänger
Louis Blanc's, waren jeder Parteipolitik abhold. Sie betrachteten den
Sozialismus als eine Kulturfrage und appellierten in erster Linie an die
Vernunft ihrer Zeitgenossen, um sie für die neue Erkenntnis empfänglich
zu machen. Aus diesem Grunde erwarteten sie wenig oder gar nichts vom
Staate und den politischen Parteien und stellten sich die Verwirklichung
des Sozialismus nur auf dem Wege des direkten Handelns und des praktischen
Experimentierens vor.
Auch darf man nicht vergessen, daß die Sozialisten der vor 48 er Periode
noch unmittelbar unter dem Eindruck der großen französischen Revolution
und ihrer sozialen Wirkungen lebten und daher die maßlose Überschätzung
der staatspolitischen Aktion, von der die im Jakobinismus verkörperte
neue Demokratie befangen war, viel intensiver fühlen mußten wie wir, die
wir dieses gewaltige historische Drama nur noch aus weiter Perspektive zu
erblicken vermögen. Saint Simon, in seinen kritischen Betrachtungen über
die politischen Parteien der
großen
Revolution, wirft ihnen vor, daß sie zu großes Gewicht auf die
politischen Umgestaltungen des Staates gelegt und zu wenig Verständnis für
einschneidende und fruchtbare wirtschaftliche Reformen bewiesen hätten.
Charles Fourier, der geniale Begründer der „Sozietären Schule“,
beurteilt das Jakobinertum und seine Nachfolger in ähnlicher Weise;
denselben Standpunkt vertraten die Anhänger von Leroux, Cabet, Buchez, um
nur von den Hauptrichtungen des Sozialismus jener Zeit zu sprechen.
Proudhon, der das Wesen des Staats besser erfaßt hatte, wie die meisten
seiner sozialistischen Zeitgenossen, erkannte auch klar und deutlich den
eigentlichen Inhalt jeder Staatspolitik. Er war sich vollständig klar über
den Charakter der politischen Parteien und war fest überzeugt von ihrer
Unzulänglichkeit und Unfähigkeit die wirtschaftlichen Probleme der Zeit
lösen zu können. Aus diesem Grunde warnte er die Sozialisten davor, sich
im Fahrwasser der staatlichen Politik zu verlieren und erklärte ihnen, daß
der Sozialismus, sobald er erst einer Regierung in die Hände gefallen,
der Reaktion rettungslos verfallen sei.
Auch die alten englischen Sozialisten konnten sich mit dem, was man heute
gemeinhin als Politik versteht, nicht befreunden. William Godwin, der
erste Theoretiker des Anarchismus, kritisierte in seinem genialen Werk „Enquiry
concerning Political Justice and its influence on general virtue and
happiness“ den Staat und die politischen Parteien auf dieselbe Weise,
wie fünfzig Jahre später Proudhon. Aber auch Robert Owen, der einflußreichste
aller englischen Sozialisten, und seine zahlreichen Anhänger verhielten
sich der politischen Aktion gegenüber sehr skeptisch. So machte Owen den
Chartisten, die durch große Massenbewegungen das allgemeine Wahlrecht zu
erkämpfen suchten, denselben Vorwurf, den Saint Simon gegen die Männer
der großen Revolution erhoben hatte, indem er sie beschuldigte zu viel
Kraft für die Politik und zu wenig Verständnis und Energie für die
wirtschaftlichen Probleme zu bekunden.
Die einzigen Richtungen, die vollständig von den Ideen des Jakobinertums
durchdrungen waren und die zentrale Staatsgewalt als Mittel ansahen, den
Sozialismus von oben nach unten dem Volke zu dekretieren, waren die
Babouvisten und die Schule von Louis Blanc. Die Babouvisten. die eine große
Anzahl energischer, zu allen Opfern bereite Elemente in ihren geheimen
Organisationen vereinigt hatten, waren die getreuen Nachfolger des
Kommunisten Gracchus Babeuf, der sein Leben seiner Idee zum Opfer brachte,
und wie er glaubten sie die Regierung durch einen kühnen Handstreich stürzen,
um danach durch Ernennung eines revolutionären Wohlfahrtsausschusses
den Kommunismus von oben her einrühren zu können.
Der Gedanke der Diktatur, der übrigens mit dem Sozialismus gar nichts
gemein hat und aus dem kleinbürgerlichen Ideenkreise des Jakobinertums
hervorgegangen ist, bildete einen eisernen Bestandteil der babouvistischen
Bewegung und fand in Männern wie Blanqui und Barbes leidenschaftliche und
kraftvolle Vertreter. Von ihnen haben später Marx und Engels die Idee von
der „Diktatur des Proletariats“ übernommen, unter der nichts anders
zu verstehen ist, wie eine mit diktatorischer Macht ausgerüstete
Regierung, die den Sozialismus durch gesetzliche Machtgebote anbahnen und
zur Durchführung bringen soll.
Louis Blanc, der ein ebenso strenger Jakobiner war wie
Blanqui und die übrigen Führer der Babouvisten, unterschied sich von
diesen nur durch seine Methode. Er verwarf grundsätzlich die Taktik der
Putsche und Insurektionen, war aber im übrigen durchaus der Meinung, daß
der Sozialismus nur mit Hilfe einer zentralen Staatsgewalt eingeführt
werden könne. Louis Blanc verkannte vollständig den tiefen Unterschied
zwischen Staat und Gesellschaft und bekämpfte aufs heftigste alle
freiheitlichen Richtungen im Sozialismus, die sich hauptsächlich um die
Person Proudhons gruppierten. So sagt er z. B.: „Die
Unterdrückung des Staates fordern, heißt dasselbe wie die Auflösung der
Gesellschaft als solche fordern, heißt bewirken, daß es immer Ausbeuter
und Ausgebeutete, Reiche und Arme gibt, heißt die Tyrannei inmitten der
allgemeinen Verwirrung errichten, heißt nicht nur den Weg des Sozialismus
verlassen, sondern den Individualismus verkünden und direkt auf die
Vernichtung der Freiheit hinarbeiten.“
In seiner 1839 gegründeten Zeitschrift „Revue du Progres“ vertrat Louis
Blanc den Standpunkt, daß der Sozialismus nur durch eine demokratische
Regierung durchgeführt werden könne, und daß daher die Eroberung der
politischen Macht das erste Ziel sei, um dem Volke die Waffe der
Gesetzgebung in die Hände zu geben. Dabei betonte er allerdings, daß der
politische Kampf der wirtschaftlichen und sozialen Befreiung unterordnet
werden müsse, indem die letzte das Ziel, der erste aber nur als Mittel
zum Ziel zu betrachten sei. Nach der Eroberung der politischen Macht durch
die Arbeiter, sollte der Staat den kapitalistischen Organismus unterdrücken
und durch Nationalwerkstätten ersetzen, in denen die gesamte Produktion
unter Leitung und Kontrolle des Staates organisiert werden solle.
Louis Blanc war der eigentliche Initiator der parlamentarischen Tätigkeit
in der Arbeiterbewegung und seine Ideen fanden auch ein gewisses Echo in
den Reihen der ersten Sozialisten in Belgien, Spanien und der Schweiz.
Auch Ferdinand Lassalle, der ebenso staatsgläubig war wie Blanc, und von
diesem stark beeinflußt wurde, erblickte in der Erkämpfung des
allgemeinen und direkten Wahlrechts die wichtigste und
vornehmste Aufgabe der deutschen Arbeiterklasse und forderte die Gründung
von Produktivassoziationen, denen der Staat unentgeltlichen Kredit gewähren
sollte.
Nach dem Staatsstreich des dritten Napoleon im Jahre 1851 und unter der
allgemeinen Reaktion, die in ganz Europa einsetzte, verschwanden die
meisten der alten sozialistischen Richtungen von der Bildfläche; ihre
reiche Literatur wurde zum großen Teile vernichtet und ihre Ideen
verfielen der Vergessenheit. Die einzigen beiden Richtungen, die den Sturm
bestanden haben, waren die Mutualisten, wie sich die Nachfolger Proudhons
nannten, und die Blanquisten. Erst in den Sektionen der „Internationalen
Arbeiter-Assoziation“ sollte die Frage der parlamentarischen Tätigkeit
des Proletariats ihre entscheidende Bedeutung erlangen.
Am 20. Juli 1870 schrieb Karl Marx an Friedrich Engels die für seine Person
und Geistesrichtung ungemein bezeichnenden Worte:
„Die Franzosen brauchen Prügel.
Siegen die Preußen, so die Zentralisation der Staatsgewalt nützlich der
Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. Das deutsche Übergewicht
wird ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von
Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von
1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehen, daß die
deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen
überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater über die französische
wäre zugleich das Übergewicht unserer Theorie über die Proudhons
etc.“
Marx hatte recht. Der Sieg Deutschlands über Frankreich bedeutet in der Tat
einen Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung. Der
freiheitliche und revolutionäre Sozialismus des Proletariats der
romanischen Länder wurde durch die neugeschaffene Situation in den
Hintergrund gedrängt und mußte dem bis ins innerste Mark hinein autoritären
und freiheitsfeindlichen Anschauungen des Marxismus das Feld räumen. Die
lebendige, schöpferische und unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit des
Sozialismus mußte einem verknöcherten Dogmatismus weichen, der
anspruchsvoll als neue Wissenschaft in die Schranken trat, in Wirklichkeit
aber nichts anders war und ist, wie ein Gewebe theologischer
Spitzfindigkeiten und zum Fatalismus führender Trugschlüsse, die jedem
wahrhaft sozialistischen Gedanken das Grab schaufelten. Und
mit den Ideen änderten sich auch die Methoden der
Arbeiterbewegung. Anstatt der sozialistischen Propagandagruppen und
wirtschaftlichen Kampforganisationen, in denen die Sozialisten
der„Internationale“ die Keimzellen der zukünftigen Gesellschaft, die
natürlichen Organe für die Sozialisierung des Grund und Bodens und der
Produktionsmittel erblickten, begann nunmehr die Ära der sozialistischen
Arbeiterparteien und die parlamentarische Vertretung des Proletariats. Die
alte sozialistische Erziehung, die dem Arbeiter von der Eroberung des
Landes, der Fabrik und Werkstätte redete, wurde allmählich vergessen und
mußte den Platz abtreten an die von oben diktierte Parteidisziplin, die
in der Eroberung der politischen Macht ihr vornehmstes und höchstes Ziel
sah.
Auch Michael Bakunin, der große Gegner von Marx, übersah die veränderte
Lage mit klarem Blick und begriff, wenn auch schweren Herzens, daß nach
dem Siege Deutschlands und nach der fürchterlichen Niederlage der Pariser
Kommune ein neuer Abschnitt in der Geschichte Europas begonnen hatte.
Physisch vollständig gebrochen und den Tod ahnend, der ihm bereits im
Nacken saß, schrieb er am 11. November 1874 an Orgajow die
bedeutungsvollen Worte:
„Der Bismarkianismus, d. h.
der Militarismus, die Polizeiwirtschaft und die Finanzmonopole, vereinigt
in ein System, das den Namen des neuen Staatstums trägt, siegen überall.
Vielleicht werden zehn oder fünfzehn Jahre vergehen, in welchem diese mächtige
und wissenschaftliche Verleugnung der ganzen Menschheit siegreich sein
wird.“
Auch Bakunin deutete die Zukunft richtig, nur täuschte er sich in der Länge
der Zeit und konnte nicht ahnen, daß fast ein halbes Jahrhundert vergehen
müßte, ehe der „Bismarckianismus“ zu Boden gerungen und in einer
grausigen Weltkatastrophe sein Ende finden würde.
Wenn der Sieg Deutschlands im Jahre 1871 und die schauerliche Niederwerfung
der Pariser Kommune sozusagen den Prolog zum Untergang der alten
Internationale vorstellen, so läutete der große Völkerkrieg im Jahre
1914 den politischen Sozialismus mit eisernen Schlägen zu Grabe. Der
ungeheuerliche moralische Bankrott der Sozialdemokratie hat die
sozialistische Welt vor eine Tatsache gestellt, die alle kommenden
Geschlechter überdauern wird. Deutschland ist heute nicht länger der
Schwerpunkt der sozialistischen Bewegung Europas; das Übergewicht der
marxistischen Theorie, dieser grausamen Karikatur des sozialistischen
Gedankens, „über die Theorie Proudhons usw.“, das Marx 1870
triumphierend verkündet hatte, ist ein für allemal zerstört und damit
beginnt zugleich ein neues Kapitel in der Geschichte der internationalen
sozialistischen Arbeiterbewegung überhaupt.
Der gewaltige innerliche Zersetzungsprozeß im Lager der alten
Sozialdemokratie ist ein bedeutsames Zeichen der Zeit. Die Absage der
russischen Bolschewiki an ihre ehemaligen Kampfgenossen, die Menschewiki,
die Abtrennung der Unabhängigen und Kommunisten von der alten deutschen
sozialdemokratischen Einheitspartei, der Anschluß der sozialistischen
Parteiorganisationen in der Schweiz und Italien an die kommunistische
Moskauer Internationale und eine ganze Reihe innerlicher Kämpfe und
Spaltungen im sozialdemokratischen Lager aller Länder legen deutliches
Zeugnis dafür ab, daß diese Form der sozialistischen Bewegung
unwiderruflich dem Untergang geweiht ist. Sie wird an ihren eigenen Sünden
zugrunde gehen.
Hier aber begegnen wir in derselben Zeit einer eigentümlichen Erscheinung,
die manchmal geradezu grotesk anmutet und sich, wenigstens was Deutschland
anbetrifft, nur durch die totale Unkenntnis der Geschichte der alten
sozialistischen Bewegung erklären läßt. Bolschewiki, Unabhängige und
Kommunisten werden nicht müde, die Führer der alten Sozialdemokratie des
schwärzesten Verrats an den marxistischen Prinzipien zu beschuldigen. Man
wirft ihnen vor, daß sie die sozialistische Bewegung im Sumpfe des bürgerlichen
Parlamentarismus erstickt und die Stellung von Marx und Engels dem Staate
gegenüber falsch interpretiert hätten. Und in diesem Kampf gegen die
Gotteslästerer und Majestätsverbrecher an den marxistischen Ideen
spielen die maßlosesten persönlichen Angriffe die wichtigste Rolle.
Der geistige Führer des Bolschewismus, N. Lenin, hat diesen Anklagen eine
feste Grundlage zu geben versucht, durch die Herausgabe seiner bekannten
Schrift „Staat und Revolution“, die seinen Anhängern, hauptsächlich
in Deutschland, als die Offenbarung des unverfälschten Marxismus gilt.
Durch einen mit großem Fleiß zusammengetragenen Zitatenschatz aus den
Schriften und sonstigen Kundgebungen von Marx und Engels, sucht Lenin den
Beweis zu erbringen, daß „die beiden Altväter des wissenschaftlichen
Sozialismus“ von jeher ausgesprochene Gegner der Demokratie und der
parlamentarischen Versumpfungspolitik gewesen sind und daß ihre ganzen
Bestrebungen auf das Verschwinden des Staates abgezielt hätten.
Nun ist allerdings nicht zu vergessen, daß Lenin die volle Erkenntnis
seiner Entdeckung erst dann gekommen ist, als seine Partei, allen
Erwartungen zum Trotz, bei den Wahlen zur konstituierenden
Nationalversammlung ins Hintertreffen geraten war. Bis dahin hatten die
Bolschewiki Anteil genommen an den allgemeinen Wahlen, wie alle anderen
Parteien und sich ängstlich gehütet, mit den Prinzipien der Demokratie
in Konflikt zu kommen. Bei den letzten Wahlen zur russischen
Nationalversammlung, die sie mit einer großangelegten Propaganda in allen
Teilen Rußlands eingeleitet hatten, hofften ihre Führer ganz bestimmt,
eine nennenswerte Mehrheit zu erringen. Als sie aber trotzdem in der
Minorität blieben, lösten sie kurzerhand die Nationalversammlung auf und
erklärten der Demokratie offenen Krieg. Damals war es, als Lenin sein
Werk über „Staat und Revolution“ herausgab, das eine Art
Rechtfertigung der vorgenommenen Schwenkung nach links bedeuten sollte.
Dabei war die Aufgabe Lenins durchaus nicht leicht. Er war gezwungen, den
antistaatlichen Tendenzen der Anarchisten weitgehende Zugeständnisse zu
machen; in derselben Zeit mußte er zu beweisen suchen, daß dies
keineswegs Anarchismus, sondern unverfälschter Marxismus sei. Die Folge
war denn auch, daß seine Schrift von Unrichtigkeiten wimmelt, sehr oft
jede gesunde Logik direkt auf den Kopf stellt und zu den schlimmsten
Trugschlüssen Veranlassung gibt. Dafür nur ein Beispiel: Um die
staatsfeindlichen Bestrebungen von Marx in bengalisches Licht zu setzen,
zitiert Lenin die bekannte Stelle aus der Adresse über den „Bürgerkrieg
in Frankreich“, wo Marx der Kommune seine Anerkennung ausdrückt, weil
sie damit begonnen habe, „den Schmarotzer Staat mit Stumpf und Stiel
auszurotten“. Dabei vergißt er aber zu erwähnen, daß Marx mit dieser
Äußerung, die im schreiendsten Widerspruch zu seiner ganzen bis dahin
eingenommenen Stellung in dieser Frage steht, seinen bakunistischen
Gegnern, mit denen er damals in offener Fehde lag, unter dem Druck der
Verhältnisse ein Zugeständnis zu machen gezwungen war. Sogar Franz
Mehring, den man gewiß keinerlei Sympathie für die Mehrheitssozialisten
zeihen kann, mußte diesen innerlichen Widerspruch konstatieren, indem er
in seinem letzten Werk, „Karl Marx, Geschichte seines Lebens“, erklärt:
„So geistreich die Ausführungen (gemeint ist der „Bürgerkrieg in
Frankreich“) im einzelnen waren, so standen sie doch in einem gewissen
Widerspruch mit den Ansichten, die Marx und Engels ein Vierteljahrhundert
vertreten und schon im Kommunistischen Manifest verkündet hatten.“
Bakunin aber hatte vollständig recht, als er damals schrieb:
„Der Eindruck des
Kommuneaufstandes war überall so gewaltig, daß selbst die Marxisten,
deren Ideen alle durch diesen Aufstand über den Haufen geworfen waren,
sich gezwungen sahen, vor ihm den Hut abzuziehen. Sie taten noch mehr: im
Widerspruch mit aller Logik und mit ihren eigensten Gefühlen machten sie
das Programm der Kommune und ihr Ziel zu dem ihrigen. Es war eine
komische, aber erzwungene Travestie. Sie mußten sie machen, sonst wären
sie abgestoßen und von allen verlassen worden, so mächtig war die
Leidenschaft gewesen, die diese Revolution in der ganzen Welt
hervorgerufen hatte.“
Daß es sich bei Marx tatsächlich nur um ein erzwungenes
Zugeständnis handelte, geht schon daraus hervor, daß wenigstens Engels
später, wie Mehring sehr richtig bemerkt, „diesen Vorbehalt (nämlich,
daß die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschine nicht einfach in Besitz
nehmen und sie für ihre Zwecke in Bewegung setzen könne) wieder fallen
ließ und ganz die alten Anschauungen des kommunistischen Manifestes
wiederholte.“
Was aber Lenin in seiner Schrift ganz und gar nicht erwähnt, obwohl es für
die Frage, die er behandelt, geradezu ausschlaggebende Bedeutung hat, ist
die Tatsache, daß Marx und Engels gerade diejenigen waren, welche die
parlamentarische Tätigkeit den Organisationen der alten Internationale
als obligatorisch aufzwingen wollten und dadurch die eigentliche Ursache
zur allgemeinen Versumpfung der sozialistischen Arbeiterbewegung im bürgerlichen
Parlamentarismus gewesen sind.
Gerade diese Frage spielte bei den inneren Kämpfen im Schoße der
„Internationale“, die später zu jener verhängnisvollen Spaltung der
gesamten Arbeiterbewegung führten, eine äußerst wichtige, ja man kann
ruhig sagen, eine geradezu entscheidende Rolle. Auch hier bewahrheitete
sich das alte Wort, daß die praktische Erkenntnis der theoretischen stets
vorangeht und daß die konkreten Tatsachen und Erscheinungen des Lebens
gewissermaßen erst die eigentliche Basis des theoretischen Erkennens
abgeben.
In dem großen Kampfe zwischen Marx und Bakunin und ihren Anhängern
handelte es sich zunächst um Probleme der inneren Organisation und hauptsächlich
um die Frage, ob sich die Arbeiter an der parlamentarischen Tätigkeit in
den gesetzgebenden Körperschaften beteiligen sollen oder nicht. Die
Gegensätze in den theoretischen Auffassungen und Voraussetzungen machten
sich zuerst kaum bemerkbar und reiften sich erst dann aus, als der von
Marx und Engels beherrschte Generalrat durch seine eigenmächtigen und höchst
autoritären Beschlüsse die einzelnen Föderationen der
„Internationale“ vor unumstößliche Tatsachen gestellt hatte. In den
ersten Phasen dieses Kampfes kam den meisten Anhängern der beiden
Richtungen der theoretische Unterschied, der später von ihnen
verfochtenen Anschauungen überhaupt nicht, oder doch nur sehr unbestimmt
zum Bewußtsein. Und sogar die wenigen, die sich zu einer klareren
Erkenntnis der Dinge aufgeschwungen hatten, glaubten zuerst immer noch an
eine Überbrückung der prinzipiellen Gegensätze. So erzählt uns James
Guillaume in dem von ihm verfaßten „Memoire de la Föderation
jurassienne“, daß er und seine Freunde fest davon überzeugt waren, daß
eine Art Synthese zwischen den Ideen, die Marx im „Kapital“ entwickelt
hatte, und den Anschauungen, die Proudhon in seinem großen Werk „Idee
generale de la Revolution au XIXme Siecle“ aufstellte, möglich sei.
Bakunin selbst, obwohl er den autoritären Kern der Marxschen
Lehre voll erfasst hatte, sprach des öfteren mit großer Anerkennung von
der „Materialistischen Geschichtsauffassung“, die er für richtig
anerkannte. So erklärte er z. B. in einem im Jahre 1870 geschriebenen
Manuskript, das J. Guillaume im Vorwort des zweiten Bandes der „Oeuvres
de Bakounine“ zum ersten Mal der Öffentlichkeit bekannt gab:
„Marx als Denker hat einen guten Weg eingeschlagen. Er
hat als Prinzip
festgestellt, daß alle politischen, religiösen und juridischen
Institutionen in der menschlichen Geschichte nicht als die Ursachen,
sondern vielmehr als die Wirkungen der ökonomischen Entwicklungen
aufzufassen sind. Das ist ein großer und fruchtbarer Gedanke, den er
allerdings nicht absolut selbständig gefunden hat, denn er ist schon von
anderen vor ihm empfunden und teilweise zum Ausdruck gebracht worden; aber
alles in allem gebührt ihm die Ehre, diesen Gedanken wissenschaftlich
fest verankert zu haben.“
Ähnlich drückt er sich in seiner gegen den großen italienischen Patrioten
Mazzini gerichteten Streitschrift „La Theologie politique de Mazzini et
l'Internationale“ aus. Erst später, als der Kampf zwischen ihm und
seinem Gegner den Höhepunkt erreichte und er durch die praktischen
Erfahrungen sich veranlaßt sah, die Grundlagen der Marxschen Lehre einer
eingehenden Kritik zu unterziehen, kamen auch bei ihm die tiefen
theoretischen Gegensätze, die ihn von Marxens Auffassung trennten,
deutlich zum Ausdruck.
In einem 1872 verfaßten, leider nicht vollendeten Manuskript, das an die
Redaktion der Brüsseler „Liberte“ gerichtet war und im Jahre 1894 zum
ersten Mal in der „Societe Nouvelle“ veröffentlicht wurde, unterwirft
Bakunin die Geschichtsauffassung von Marx und Engels einer scharfen und
tiefdurchdachten Kritik. Es war dies der erste Versuch, der von
anarchistischer Seite gemacht wurde, sich mit den grundlegenden Ideen des
Marxismus auseinander zu setzen. Unterbrochen durch eine lange Periode
allgemeiner Reaktion, fand diese Arbeit erst über zwei Jahrzehnte später
ihre Fortsetzung in den kritischen Schriften von Merlino, Tscherkesoff,
Cornelissen, Domela Nieuwenhuis, Landauer und anderer und gelangte erst jüngst
wieder zu einem kraftvollen Ausdruck in der ausgezeichneten Streitschrift
unseres Genossen Pierre Ramus „Die Irrlehren und Wissenschaftslosigkeit
des Marxismus im Bereiche des Sozialismus.“ Aber auch hier zeigte sich
wiederum dieselbe Erscheinung: in Holland, Deutschland und anderen Ländern
waren es zunächst wieder die praktischen Erfahrungen des Lebens und die
Zuspitzung der taktischen Gegensätze, die später zu einer tieferen
kritischen Untersuchung der ganzen Lehre führten.
Die Internationale war der erste große Versuch, die organisierten Arbeiter
aller Länder in einem großen Bund zusammenzufassen, soweit sie die ökonomische
Befreiung der Arbeiterklasse als Endziel ihrer Bestrebungen anerkannten.
Da aber die Anschauungen und Methoden der einzelnen Richtungen sehr
verschieden waren, so mußte man darauf sehen, die großen einigenden
Punkte als Richtlinien zu betonen und im übrigen die Autonomie und selbständige
Tätigkeit der einzelnen Sektionen anerkennen. So lange dies der Fall war,
entwickelte sich die Internationale mit wunderbarer Kraft in allen Ländern.
Aber die Sache änderte sich sofort, als Marx und Engels den Versuch
machten, die einzelnen Landesföderationen der Internationale auf die
parlamentarische Tätigkeit festlegen zu wollen. Dies geschah zuerst auf
der unglückseligen Londoner Konferenz im Jahre 1871, wo beide eine
Resolution annehmen ließen, die mit den Worten schließt:
„In Erwägung, daß gegen
die kollektive Gewalt der besitzenden Klassen das Proletariat als Klasse
nur dann auftreten kann, wenn es sich als besondere politische Partei
konstituiert im Gegensatz zu allen alten Parteibildungen der besitzenden
Klassen; daß diese Konstitution des Proletariats als politische Partei
unerläßlich ist, um den Triumph der sozialen Revolution und ihres
Endzieles - Abschaffung der Klassen - zu sichern: daß die Vereinigung der
Kräfte der Arbeiterschaft, die schon erreicht worden ist, durch die ökonomischen
Kämpfe, auch als Hebel dienen muß für die Masse dieser Klasse in ihrem
Kampfe gegen die politische Macht ihrer Ausbeuter: ruft die Konferenz den
Mitgliedern der Internationale in Erinnerung, daß in dem Kampfzustand der
Arbeiterklasse ihre ökonomische und ihre politische Betätigung
untrennbar verbunden sind.“
Hätte irgend eine einzelne Sektion oder Föderation der Internationale eine
solche Resolution angenommen, so wäre das ihr gutes Recht gewesen, da sie
niemand anders verpflichtet hätte; aber in dem Moment, wo der Generalrat,
ohne die Frage sogar einem allgemeinen Kongreß zu unterbreiten, einen
solchen Beschluß als verpflichtend für alle Mitglieder der
Internationale annahm, mußte die willkürliche, mit dem Geiste der
Internationale im schärfsten Widerspruch stehende Handlung den
energischen Widerstand aller freiheitlichen und revolutionären Elemente
herausrufen. Kurz nach der Londoner Konferenz, im Oktober 1871, veröffentlichte
denn auch die Juraföderation das berühmte Zirkular von Sonvillier, das
in entschiedenen und unzweideutigen Worten gegen die Anmaßungen von Marx
und Engels Protest einlegte.
„Wir verkennen nicht“
- heißt es dort - „die Absichten des Generalrats. Die Persönlichkeiten,
aus denen er besteht, haben - um ihrer besonderen Lehre den Sieg zu
sichern - das Prinzip der Autorität in die Internationale einpflanzen
wollen. Es scheint uns durchaus begreiflich, daß die Schule, deren Ideal
die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse ist, der
Meinung Ausdruck gab, daß die Internationale, infolge der letzten
Ereignisse, ihre ursprüngliche Organisation ändern und sich in eine
hierarchische, durch ein Komitee geleitete Organisation verwandeln müsse.
Im Namen der sozialen Revolution, die wir erstreben, und deren Programm
die Befreiung der Arbeiter durch die Arbeiter ist, verlangen wir in der
Internationale die Unterstützung jenes Prinzips der Autonomie der
Sektionen, das bisher die Grundlage unserer Assoziation gewesen ist.“
Der berüchtigte Haager Kongreß im Jahre 1872, dessen
Mehrheit nur durch die Anwendung der unsaubersten und verwerflichsten
Mittel künstlich zu Stande kam, krönte die von Marx und Engels bereits
auf der Londoner Konferenz begonnene Arbeit, die Internationale in eine
Wahlmaschine umzuformen. Dies geschah durch eine besondere Resolution,
deren Wortlaut inhaltlich mit dem Beschluß der Konferenz in London vollständig
übereinstimmt, und die jeder Sektion der Internationale die Eroberung der
politischen Macht direkt als eine Pflicht auferlegte. Um jedes etwaige Mißverständnis
von Anfang an zu vermeiden, erklärte der Blanquist Eduard Vaillant in
seiner Begründung der Resolution, daß „sobald dieselbe vom Kongreß
angenommen und in die Bibel der Internationale eingereiht sei, jedes
Mitglied der Internationale die Pflicht habe, sie zu befolgen, bei Strafe
des Ausschlusses.“
Dadurch wurde die offene Spaltung der Internationale mit allen ihren für
die spätere Arbeiterbewegung so verhängnisvollen Konsequenzen von Marx
und Engels direkt provoziert und die Periode der parlamentarischen Politik
in der sozialistischen Bewegung eingeleitet, die mit Naturnotwendigkeit zu
jener geistigen Versumpfung und moralischen Degeneration des Sozialismus führen
mußte, die seit den letzten zwanzig Jahren immer deutlicher hervortrat,
und deren Resultate Lenin im Namen des Marxismus heute zu bekämpfen
sucht.
Bald nach dem Haager Kongreß versammelten sich die
wichtigsten und tatkräftigsten Föderationen der Internationale auf dem
antiautoritären Kongreß in Saint-Imier, der sämtliche Beschlüsse, die
im Haag gefaßt wurden, für null und nichtig erklärte und der Überzeugung
seiner Mitglieder in der folgenden Resolution Ausdruck gab: „In Erwägung, daß jeder Versuch dem Proletariat eine
gleichförmige politische Taktik oder ein bestimmtes Programm als einziges
Mittel zur Erlangung seiner sozialen Befreiung aufzuzwingen, eine ebenso
absurde wie reaktionäre Anmaßung ist; daß niemand das Recht hat, die
autonomen Föderationen und Sektionen des unbestreitbaren Rechtes zu
berauben, selbständig eine politische Taktik anzuerkennen und durchzuführen,
die ihnen als die geeigneteste erscheint, und daß jeder derartige Versuch
uns notwendigerweise zum empörendsten Dogmatismus führen muß; daß die
Bestrebungen des Proletariats kein anderes Ziel haben können, als die
Errichtung durchaus freier ökonomischer Organisationen und Föderationen,
die auf der allgemeinen Arbeit und Gleichheit gegründet und von jeder
politischen Regierung vollständig unabhängig sind, und daß diese
Organisationen und Föderationen nur das Ergebnis der freien Tätigkeit
des Proletariats selbst, der Gewerkschaftsverbände und der autonomen
Kommunen sein können;
in
Erwägung, daß jede politische Organisation nichts anderes als eine
Organisation der Herrschaft zugunsten einer Klasse und zum Nachteil der
Massen sein kann, und daß das Proletariat selbst, wollte es die Macht
ergreifen, zu einer herrschenden und ausbeutenden Klasse werden würde,
erklärt der Kongreß von Saint-Imier:
-
daß die Zerstörung jeder politischen Macht die Pflicht
des Proletariats ist;
-
daß jede Organisation einer angeblich provisorischen
Regierung zum Zwecke der Durchführung dieser Zerstörung nichts
anders sein kann, als eine neue Täuschung und für das Proletariat
ebenso gefährlich wird, wie alle anderen heute existierenden
Regierungen;
-
daß die Proletarier aller Länder jedes
Kompromiß zur Erreichung der sozialen Revolution verwerfen und
abseits von jeder bürgerlichen Politik die Solidarität der
revolutionären Aktion herstellen müssen.“
Von damals an datiert im sozialistischen Lager die Kluft
zwischen den Anhängern der direkten revolutionären Aktion und den Befürwortern
der parlamentarischen Tätigkeit der Arbeiterklasse, die im Laufe der
Entwicklung immer klaffender und unüberbrückbarer geworden ist.
Durch einige abfällige Bemerkungen über den Parlamentarismus, die Marx
gelegentlich machte, hat sich die Legende gebildet, daß er und Engels von
jeher die parlamentarische Betätigung der Arbeiterklasse in den
gesetzgebenden Körperschaften des bürgerlichen Staates bekämpft hätten,
und daß folglich die Sozialdemokratie einen Verrat an den Prinzipien der
Marxschen Lehre begangen hätte, indem sie die Wahlpolitik zur vornehmsten
Aufgabe ihrer Tätigkeit erhoben hätte. Es ist richtig, daß Marx während
der ersten Periode seiner Tätigkeit in der sozialistischen Bewegung dem
Parlamentarismus ziemlich skeptisch gegenüberstand. Aber von 1868 an änderte
sich seine Stellung in dieser Frage sehr wesentlich und neigte von damals
an ganz entschieden auf die andere Seite. Es ist gar kein Zweifel, daß
die erfolgreiche Propaganda Lassalles zu diesem Umschwung der Ideen viel
beigetragen hat. Daß dies keineswegs eine willkürliche Behauptung von
unserer Seite ist, dafür lassen sich eine ganze Reihe höchst
interessanter Beispiele anführen: Als Wilhelm Liebknecht im Jahre 1869 in Berlin seine berühmte Rede über
die politische Stellung der Sozialdemokratie gehalten hatte, in welcher
die parlamentarische Tätigkeit durch die Arbeiterklasse nicht etwa
prinzipiell verworfen, wie man oft fälschlich behauptet hat, sondern nur
einer scharfen Kritik unterzogen wurde, war Marx mit dieser Stellung
keineswegs einverstanden. In einem Briefe an Engels, datiert vom 10.
August 1869, schreibt er mit unverkennbarer Ironie: „Wilhelms
in der Beilage abgedruckter Redeteil (in Berlin gehalten, die politische
Stellung der Sozialdemokratie) zeugt innerhalb des Falschen von nicht zu
leugnender Schlauheit, sich die Sache zurecht zu machen. Übrigens ist das
sehr schön! Weil man den Reichstag nur als Agitationsmittel benutzen
darf, darf man niemals dort für etwas Vernünftiges und direkt die
Arbeiterinteressen Betreffendes agitieren!“
Karl Marx trat also schon für eine positive Tätigkeit im
Parlament ein, zu einer Zeit, als seine Anhänger in Deutschland die
direkte Mitarbeit im Reichstag aus prinzipiellen Gründen verwarfen und
der parlamentarischen Betätigung lediglich aus agitatorischen Rücksichten
das Wort sprachen.
Um dieselbe Zeit sehen wir, wie sich in den Sektionen der
Internationale in Genf ein Opportunismus breit machte, der der
sozialistischen Propaganda großen Schaden brachte. Ein gewisser Coullery,
ein Arzt aus dem Berner Jura, hatte die Arbeiter veranlaßt Wahlbündnisse
mit den monarchistisch-gesinnten Liberalen in Neuchätel einzugehen. Ein
anderes Mal unterstützte er die bürgerlichen Radikalen, denen die
Internationale ein Dorn im Auge war. Die revolutionäre Jura-Föderation,
der auch Bakunin angehörte, nahm energisch Stellung gegen eine solche
Verwischung aller sozialistischen Grundsätze und es kam zu einer förmlichen
Spaltung. Marx aber trat auf die Seite der Opportunisten und erklärte
sich ausdrücklich gegen die von reinem sozialistischem Geiste getragene
revolutionär gesinnte Arbeiterschaft des Jura.
Als im Jahre 1873 in Spanien die Revolution ausbrach, gingen die
Internationalen, die fast ausschließlich auf anarchistischem Boden
standen, ihren eigenen Weg, abseits von den bürgerlichen Parteien, um im
Sinne der sozialen Revolution für die Expropriation des Landes und der
Produktionsmittel zu wirken. In Alcoy, San Lucar, Baromeda, Sevilla,
Cartagena und anderen Orten brachen Generalstreiks und offene
Insurrektionen aus, die allerdings nach und nach alle blutig unterdrückt
wurden. Am längsten hielt sich der Kriegshafen Cartagena, der mehrere
Monate in den Händen der Rebellen war, bis er endlich mit der
Hilfe
preußischer und englischer Kriegsschiffe zuletzt auch fallen mußte. Bei
dieser Gelegenheit griff Engels im „Volksstaat“ die spanischen
Bakunisten aufs schärfste an und erhob hauptsächlich gegen sie den
Vorwurf, daß sie sich nicht den bürgerlichen Republikanern angeschlossen
hätten, wobei er nicht müde wurde, zu betonen, daß in Spanien, wo die
Industrie noch so wenig entwickelt sei, für die Arbeiter gar keine andere
Taktik in Frage kommen könne. Wie würde derselbe Engels die Stellung
seiner bolschewistischen Anhänger in Rußland beurteilt haben, die sich
so offenkundig gegen die Gesetze der Materialistischen
Geschichtsauffassung auflehnten und auf ihre Art den Kommunismus zu
verwirklichen suchten, in einem Lande, wo es hundertachtundzwanzig
Millionen Bauern und kaum fünf Millionen Industriearbeiter gibt. Kein
Zweifel, er würde auf der Seite der Menschewiki gewesen sein und einer
Vereinigung der Arbeiter mit der liberalen Bourgeoisie das Wort geredet
haben.
Als nach dem Erfurter Kongreß im Jahre 1891 die Führer der sogenannten
„Jungen“ aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wurden,
weil sie genau dieselben Anklagen erhoben hatten, die Lenin heute gegen
die „Opportunisten“ und „Kautskyianer“ erhebt, gründeten die
oppositionellen Elemente eine eigene Partei, die im Berliner
„Sozialist“ ihr Organ hatte. Diese Richtung war zuerst streng
marxistisch und vertrat Anschauungen, die mit den Ideen der jetzigen
kommunistischen Partei fast identisch sind. Liest man z. B. die Schrift
von Hermann Teistler „Der Parlamentarismus und die Arbeiterklasse“,
wie überhaupt die grundlegenden Artikel im „Sozialist“ aus jener
Periode, so begegnet man dort genau denselben Ideengängen, die man heute
überall in der kommunistischen Presse Deutschlands findet und denen auch
Lenin in seinem Buche „Staat und Revolution“ Ausdruck gegeben hat. Wie
die russischen Bolschewisten und die Anhänger der K.P.D. verwarfen die
damaligen „Unabhängigen Sozialisten“ die Demokratie im bürgerlichen
Sinne und lehnten jede Beteiligung in den bourgeoisen Parlamenten auf
Grund ihrer angeblichen marxistischen Prinzipien ab.
Wie aber urteilte Engels über die „Jungen“, die genau wie heute die
„Kommunisten“ die sozialdemokratischen Parteiführer des Verrats am
Marxismus geziehen hatten? In einem Brief an Sorge, datiert vom 24.
Oktober 1891, ergeht sich der alte Engels in folgende lieblichen Ergüsse:
„Die Opposition der schnodderischen Berliner, statt
anzuklagen, geriet sofort auf die Anklagebank, benahm sich elend feig und
muß jetzt außerhalb der Partei wirtschaften, wenn sie was will. Es sind
ganz zweifellos Polizeielemente
darunter, ein anderer Teil versteckte Anarchisten, die im stillen unter
unseren Leuten werben wollen; daneben Esel, aufgeblasene Studenten,
Durchfallskandidaten, Gernegroße aller Art. In allem keine 200 Mann.“
Ein Wunder, mit welchen Kosenamen Engels heute unsere „Kommunisten“
belegen würde, die sich so anspruchsvoll als die Grabwächter der
marxistischen Prinzipien gerieren.
Daß Engels vollständig mit der Taktik der Sozialdemokratie einverstanden
war, das beweist auch sein 1895 veröffentlichtes Vorwort zu Marx'
Artikelserie: „Die Klassenkämpfe in Frankreich“, wo er sagt: „Die
Ironie der Weltgeschichte stellt alles auf den Kopf. Wir, die
„Revolutionäre“, die „Umstürzler“, wir gedeihen weit besser bei
den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz. Die
Ordnungsparteien, wie sie sich nennen, gehen zugrunde an unserer
Gesetzlichkeit. Sie rufen verzweifelt mit Odilon Barrot: la Iegalite nous
tue, die Gesetzlichkeit ist unser Tod, während wir bei dieser
Gesetzlichkeit pralle Muskeln und rote Backen bekommen und aussehen wie
das ewige Leben.“
Besser konnte man die Methoden der alten Sozialdemokratie überhaupt nicht
rechtfertigen. Von diesen Dingen weil Lenin kein Wort zu sagen und seine
deutschen Freunde noch weniger. Unsere Mehrheitssozialisten brauchen sich
nur auf dieselben zu berufen, um zu zeigen, daß sie die wahren Vertreter
des Marxismus sind. Und wer die Geschichte kennt, muß ihnen recht geben.
Der Marxismus war es, welcher der parlamentarischen Tätigkeit der
Arbeiterklasse das Wort gesprochen und die ganze innere Entwicklung der
deutschen Sozialdemokratie bestimmt hat. Erst wenn den wirklichen
Sozialisten Deutschlands diese Erkenntnis aufdämmern wird, werden sie
auch begreifen lernen, daß der Weg der sozialen Befreiung nicht durch,
sondern über den Marxismus hinweg ins Neuland des Sozialismus führen
wird.
Wenn man also der Sozialdemokratie durchaus nicht vorwerfen kann, daß ihre
Taktik der parlamentarischen Betätigung mit den Methoden von Marx und
Engels nicht übereinstimme, so läßt sich aber nicht verkennen, daß die
Partei auf einem anderen Gebiete eine entscheidende Wandlung durchgemacht
hat, welche sie von den Auffassungen des alten Marxismus trennt. Es
handelt sich nämlich um ihre Auffassung vom Staate in der geschichtlichen
Entwicklung. Hier läßt sich nicht verkennen, daß zwischen der heutigen
Sozialdemokratie und den Anschauungen von Marx und Engels eine klare
Trennungslinie besteht,
die sich allerdings erst im Laufe der Jahre
deutlich herausgearbeitet hat. Aber auch diese neueste Entwicklungsphase
war nur das natürliche Ergebnis jenes allgemeinen Prozesses, welcher die
Partei allmählich vom sogenannten „negativen Parlamentarismus“ zur
„positiven parlamentarischen Mitarbeit“ geführt hat und der
folgerichtig mit dem heutigen „Regierungssozialismus“ seinen Abschluß
finden mußte. Was der vielverlästerte Revisionismus vor Jahrzehnten
versucht hatte, ist heute Wirklichkeit geworden. Damit hat gleichzeitig
der langsame Umwandlungsprozeß der Sozialdemokratie in eine bürgerliche
Partei sein Ende erreicht.
Will man die Wandlungen in der Staatsauffassung der Sozialdemokratie richtig
erfassen, so ist es schon nötig, dieselben einer eingehenden Betrachtung
zu unterziehen, was in diesem letzten Abschnitt unsrer Abhandlung
geschehen soll.
Während der sechs ereignisvollen Jahre nach dem Kriege hat
innerhalb der Sozialdemokratie ein Entwicklungsprozeß seinen endgültigen
Abschluß gefunden, der früher in den Kämpfen zwischen den radikalen
Marxisten und den sogenannten Revisionisten viel Staub aufgewirbelt und
verschiedene Parteikongresse beschäftigt hat. Wir sprechen hier von der
Beteiligung der Sozialdemokratie an einer bürgerlichen Regierung und der
Stellung, welche die Partei bisher dieser Frage gegenüber eingenommen
hat. Im Grunde genommen war dieses vielumstrittene Problem nur das
Ergebnis einer tieferen Ursache: Es entsprang der sozialdemokratischen
Auffassung über den Staat im allgemeinen, obzwar dies in den heftigen
Debatten, die seiner Zeit zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb
der Partei zum Austrag kamen, wenig hervortrat, ja dem Gros der
sozialdemokratischen Parteigänger überhaupt nicht zum klaren Bewußtsein
gekommen ist. Das war umso verständlicher, als bei der großen Mehrheit
der sozialdemokratischen Parteimitglieder gerade über diesen Punkt
niemals Klarheit herrschte und die Verfechter der sozialdemokratischen
Theorien während all der Jahre so gut wie nichts getan hatten, um gerade
in dieser Frage aufklärend zu wirken und eine bestimmte Anschauung
herauszuarbeiten. Ja man kann sogar ruhig behaupten, daß die einflußreichen
Parteiprominenzen dieser Frage mit einer gewissen Ängstlichkeit aus dem
Wege gingen, die nur hie und da einzelnen Theoretikern Stoff zu rein
abstrakten Erörterungen bot. Erst der Kampf mit dem in Rußland zur Macht
gelangten Bolschewismus und die neue politische Einstellung der
Sozialdemokratie innerhalb der Deutschen Republik hat die Frage wieder in
den Vordergrund gestellt und den Kreislauf einer Entwicklung geschlossen,
die eigentlich zu keinem anderen Ergebnis führen konnte.
Die deutsche Sozialdemokratie, soweit sie der Bewegung
entstammte, die Lassalle seiner Zeit ins Leben gerufen hatte, war von der
absoluten Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des Staates fest überzeugt.
In ihrer geradezu fanatischen Staatsgläubigkeit übertraf sie das
liberale Bürgertum so sehr, daß die liberale Presse jener Zeit die
Lassallesche Bewegung häufig als ein Werkzeug der preußischen Reaktion
bezeichnete, ein Vorwurf, dem zwar jede materielle Begründung fehlte, der
aber durch das sonderbare Liebäugeln Lassalles mit dem „sozialen Königtum“
nur zu erklärlich war.
In den Arbeitervereinen der Lassalleschen Richtung herrschte
zu jener Zeit vielfach eine ausgesprochene monarchistische Gesinnung, und
es erregte kaum Aufsehen, wenn die Mitgliedschaft des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins zu Iserlohn dem König von Preußen im April
1865 ein Begrüßungstelegramm zu seinem Geburtstag schickte und den Tag
festlich beging, wobei auf einem Transparent, das im Festsaale angebracht
war, unter dem unvermeidlichen preußischen Adler die Worte prangten:
„Heil dem König, dem Beschützer der Bedrängten!“
Lassalle selbst war Zeit seines Lebens ein unermüdlicher Verfechter der
Hegelschen Staatsidee und hatte sich die Anschauungen des französischen
Staatssozialisten Louis Blanc über die soziale Aufgabe der Regierung
vollständig zu eigen gemacht. Im „Arbeiterprogramm“ faßte er seine
Ansichten über den Staat in folgende Worte, welche gleichzeitig zur
Grundlage des politischen Glaubensbekenntnisses der Lassalleschen Bewegung
wurden:
„Die Geschichte, meine Herren, ist ein Kampf mit der
Natur; mit dem Elend, der Unwissenheit, der Armut, der Machtlosigkeit und
somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns befanden, als das
Menschengeschlecht im Anfang der Geschichte auftrat. Die fortschreitende
Besiegung dieser Machtlosigkeit - das ist die Entwicklung der Freiheit,
welche die Geschichte darstellt.
In
diesem Kampfe würden wir niemals einen Schritt vorwärts gemacht haben,
oder jemals weiter machen, wenn wir ihn als einzelne jeder für sich,
jeder allein, geführt hätten oder führen wollten.
Der Staat ist es, welcher die Funktion hat, diese
Entwicklung der Freiheit, diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur
Freiheit zu vollbringen. Der Staat ist diese Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen, eine
Einheit, welche die Kräfte aller einzelnen, welche in diese Vereinigung
eingeschlossen sind, millionenfach vermehrt, die Kräfte, welche ihnen
allen als einzelnen zu Gebote stehen würden, millionenfach vervielfältigt.
Der Zweck des Staates ist also nicht der, dem einzelnen
nur die persönliche Freiheit und das Eigentum zu schützen, mit welcher
er nach der Idee der Bourgeoisie angeblich schon in den Staat eintritt;
der Zweck des
Staates ist vielmehr gerade der, durch diese Vereinigung die einzelnen in
den Stand zu setzen, solche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu
erreichen, die sie als einzelne nie erreichen könnten, sie zu befähigen,
eine Summe von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen, die ihnen sämtlich
als einzelnen unersteiglich wäre.
Der Zweck des Staates ist somit der, das
menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden
Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche Bestimmung, d.
h. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig ist, zum wirklichen
Dasein zu gestalten: er ist die Erziehung und Entwicklung des
Menschengeschlechts zur Freiheit. Das
ist die eigentliche sittliche Natur des Staates, meine Herren, seine wahre
und höhere Aufgabe.“
Die sogenannte Eisenacher Richtung, welche sich vornehmlich aus dem
„Verband deutscher Arbeitervereine“, der sich früher vollständig im
Schlepptau der liberalen Bourgeoisie befand, entwickelte, vertrat
besonders unter Liebknechts Einfluß die Idee des „freien
Volksstaates“. Die landläufige Behauptung, daß die sogenannten
Eisenacher im Gegensatz zu den Lassalleanern die Theorien von Marx
vertraten, ist nur eine fable convenue, die mit der Wirklichkeit der Dinge
keineswegs übereinstimmt. Vom eigentlichen Marxismus wußten die
Eisenacher kaum mehr als die Nachfolger Lassalles. Liebknecht selber
nannte sich zwar des öfteren einen Schüler Marxens, mit dem er lange
Jahre persönlich befreundet war, aber den eigentlichen Kern der
Marx'schen Lehre hatte er nie richtig erfaßt; überhaupt blieb ihm dessen
Auffassung vom Staate vollkommen fremd. Der Sozialismus Liebknechts war
mehr ein Ausfluß des sozialistischen Jakobinertums der Franzosen als ein
Ergebnis der Marx'schen Ideen. Überhaupt nahm bei ihm der Demokrat stets
den Platz vor dem Sozialist ein.
So
lautete denn auch der erste Artikel des Eisenacher Programms: „Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des freien
Volksstaats.“
So wichtig erschien der jungen Partei dieser Punkt ihrer
politischen Bestrebungen, daß sie ihr Zentralorgan, dem Liebknecht als
Redakteur vorstand, „Volksstaat“ betitelte.
Als dann 1875 die Vereinigung der Lassalleaner mit den Eisenachern auf Grund
des Gothaer Programms vor sich ging, wurde der Passus vom „freien
Volksstaat“ durch die Worte ersetzt: daß
„die
sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln
den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft“
erstrebe. Von der scharfen Kritik, welche der
Volkstaatsidee in den Organen des freiheitlichen Flügels der
Internationale und durch die Pioniere der anarchistischen Bewegung
Deutschlands, Emil Werner, August Reinsdorf usw., in der Berner
„Arbeiterzeitung“ zuteil wurde, erfuhren die Anhänger der deutschen
Sozialdemokratie ebensowenig, wie von der vernichtenden Kritik des Gothaer
Programmentwurfs im allgemeinen und der Idee vom „freien Staate“ im
besonderen durch Marx, welche er kurz vor der Tagung des Gothaer
Kongresses Bracke, Geib, Auer, Bebel und Liebknecht unterbreitet hatte.
Von diesem Dokument erhielten die gewöhnlichen Parteigenossen erst fünfzehn
Jahre später durch die „Neue Zeit“ Kenntnis.
Marx selber nahm dem Staate gegenüber von Anfang an eine andere Stellung
ein als Lassalle und die prominenten Führer der späteren vereinigten
sozialdemokratischen Partei. Bereits im Jahre 1844, also in der
Anfangsphase seiner sozialistischen Entwicklung, unterzog er die
Institution des Staates im Pariser „Vorwärts“ einer zersetzenden
Kritik in seinem Aufsatze „Kritische Randglossen zu dem Artikel: „Der
König von Preußen und die Sozialreform“.
In diesem Aufsatz suchte Marx zu beweisen, daß der Staat seinem inneren
Wesen nach nicht imstande sei, das Elend zu beseitigen und im besten Falle
seine Zuflucht zur öffentlichen Wohltätigkeit nehmen müsse. Wollte der
Staat den Pauperismus aufheben, so müßte er sich selber aufheben, da
aber der Selbstmord gegen die Gesetze der Natur verstoße, so könne man
von ihm eine solche Handlung nicht erwarten.
„Der
Staat wird nie im Staat und in der Einrichtung der Gesellschaft, wie es
der Preuße von seinem König verlangt, den Grund sozialer Gebrechen
finden. Wo es politische Parteien gibt, findet jede den Grund eines jeden
Übels darin, daß statt ihrer ihr Widerpart sich am Staatsruder befindet.
Selbst die radikalen und revolutionären Politiker suchen den Grund des Übels
nicht im Wesen des Staates, sondern in einer bestimmten Staatsform, an
deren Stelle sie eine andere Staatsform setzen wollen.“
Und an einer anderen Stelle desselben Aufsatzes heißt es:
„Denn
diese Zerrissenheit, diese Niedertracht, dies Sklaventum der bürgerlichen
Gesellschaft ist das Naturfundament, worauf der moderne Staat ruht, wie
die bürgerliche Gesellschaft des Sklaventums das Naturfundament war,
worauf der antike Staat ruhte. Die Existenz des Staates und die Existenz
der Sklaverei sind unzertrennbar. Der antike Staat und die antike
Sklaverei - offenherzige klassische Gegensätze - waren nicht inniger
aneinander geschmiedet als der moderne Staat und die moderne Schacherwelt
- scheinheilige christliche Gegensätze.“
Aus dem ganzen Aufsatz fühlt man deutlich den starken Einfluß Proudhons
heraus, dessen Schrift „Qu'est-ce que la propriete ou recherches sur le
principe du droit et du gouvernement“ auf Marx bekanntlich einen mächtigen
Eindruck machte, der allerdings nicht nachhaltig war. Aber sogar später,
als Marx sich mehr und mehr die praktischen Methoden und Leitsätze der
Babouvisten oder Blanquisten zu eigen machte, schwebte ihm die Überwindung des Staates stets als Endziel der sozialen
Revolution vor. In diesem Sinne heißt es denn auch im „Kommunistischen
Manifest“:
„Sind
im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle
Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so
verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische
Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur
Unterdrückung einer anderen. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die
Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich
zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die
alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen
Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes,
die Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf -
An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und
Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung
eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“
Sogar in jener haßerfüllten Schmähschrift „L'Alliance de la Democratie
socialiste et l'Association internationale des Travailleurs“, welche
Marx zusammen mit Engels und Lafargue gegen Bakunin und den freiheitlichen
Flügel der Internationale verfaßt hatte, werden die Worte die bereits in
dem berüchtigten Privatzirkular des Generalrats: „Les pretendues
scissions dans l'Internationale“ enthalten sind, noch einmal wiederholt:
„Alle Sozialisten verstehen
unter Anarchie dieses: ist einmal das Ziel der proletarischen Bewegung,
die Abschaffung der Klassen erreicht, so verschwindet die Gewalt des
Staates, welche dazu dient, die große produzierende Mehrheit unter dem
Joche einer wenig zahlreichen ausbeutenden Minderheit zu erhalten, und die
Regierungsfunktionen verwandeln sich in einfache Verwaltungsfunktionen.“
Das Ziel, das Marx im Auge hatte, war also unzweifelhaft die Ausschaltung
des Staates aus dem Leben der Gesellschaft. In dieser Hinsicht huldigte er
vollständig anarchistischen Gedankengängen. Nur in der Art, wie er
dieses Ziel erreichen wollte, unterschied er sich grundsätzlich von
Bakunin und den freiheitlich gesonnenen Föderationen der Internationale.
Bakunin und seine Freunde vertraten den Standpunkt, daß eine soziale
Revolution zusammen mit den Institutionen der wirtschaftlichen Ausbeutung
der Massen auch den politischen Machtapparat des Staates abtragen müsse,
damit sich das neue soziale Leben ungehindert entfalten könne. Wie man
sich diesen Prozeß vorstellte, geht deutlich aus den Reden, die Hins und
Pindy auf dem Baseler Kongreß im Jahre 1869 gehalten haben, hervor, in
denen der sogenannte Rätegedanke einen klaren Ausdruck fand. Die
freiheitlichen Elemente der Internationale waren der Meinung, daß ein
neues, auf der Grundlage des Sozialismus beruhendes Wirtschaftsleben sich
nicht innerhalb der alten politischen Formen verwirklichen lasse, sondern
sich eine neue Form des politischen Organismus schaffen müsse als die erste
Vorbedingung seiner ungestörten Entwicklung.
Marx aber wollte den Staatsapparat als Mittel benutzen, um den Sozialismus
praktisch durchzuführen und die Klassengegensätze innerhalb der
Gesellschaft abzuschaffen. Erst nachdem die Klassen verschwunden, sollte
ihnen der Machtapparat des Staates nachfolgen und der Verwaltung der Dinge
Platz machen.
Heute wissen wir, wer Recht in diesem Streite hatte, denn durch das
praktische Experiment der Bolschewiki in Rußland ist die Frage ein für
allemal entschieden worden. Auch Lenin sprach von der Überwindung des
Staates. In seiner bekannten Schrift „Staat und Revolution“ hat er
alle Aussprüche von Marx und Engels, die ein Licht auf ihre Auffassung
vom Staate werfen, geschickt zusammengetragen und die einzelnen Etappen,
die seiner Meinung nach die Revolution gehen mußte, genau vorgezeichnet.
Aber die lebendige Wirklichkeit erwies sich auch in diesem Falle stärker
als die ideologischen Spitzfindigkeiten des bolschewistischen Führers und
Theoretikers. Indem die bolschewistische Partei den Staatsapparat in ihre
Hände nahm, wurde sie selbst von der zermalmenden Kraft seines
Mechanismus ergriffen, dessen innere Gesetze man nicht willkürlich ändern
kann. Sie erstickte alle schöpferischen Kräfte der Nation in der toten
Uniformität der staatlichen Schablone, und der angebliche
Befreiungsapparat blieb auch in ihren Händen bloß ein Instrument der
Unterdrückung, das dem Volke dieselben Wunden schlug, wie früher die
Knute des zarischen Regimes.
Anstatt die Klassen und Klassengegensätze abzuschaffen, schuf der neue
Staat eine neue Kaste aus den Parteigängern des Bolschewismus und
entwickelte fortgesetzt neue Gegensätze zwischen sich und den werktätigen
Massen, die er angeblich beschützen wollte. Und da er fortwährend neue
Hindernisse vor sich auftürmte, glaubte er dieselben durch den Schrecken
besiegen zu können, bis er endlich wieder beim Kapitalismus Zuflucht
suchen mußte.
Die Diktatur des Proletariats, die in Wahrheit nie etwas anderes gewesen,
als die Diktatur über das Proletariat und die zuerst nur als ein
Provisorium gedacht war, bis die Mächte der Konterrevolution
niedergerungen seien, wütet heute schlimmer gegen die Verfechter jeder
anderen sozialistischem Meinung als in den Tagen, wo die Judenitsch,
Denikin oder Wrangel ihre reaktionären Armeen gegen Sowjetrußland führten.
Das Wort Proudhons, daß jede sogenannte provisorische Regierung stets die
Absicht verfolge, permanent zu werden, hat
sich auch im bolschewistischen Rußland
bewahrheitet, wo man den Sozialismus längst preisgegeben und nur noch das
eine Ziel verfolgt, die Herrschaft einer bestimmten Partei über die
breiten Massen des Volkes um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Das
russische Experiment hat klar bewiesen, daß der Sozialismus nicht
innerhalb des alten Staatssystems verwirklicht werden kann, daß er sich
vielmehr neue politische Organe schaffen muß, um ins Leben treten zu können.
Daß diese Lehre mit so viel Blut und Tränen und enttäuschten Hoffnungen
erkauft werden mußte, ist sicherlich die tragischste Seite dieses
Versuches.
Nach dem Sozialistengesetz schuf sich die Sozialdemokratie auf dem Erfurter
Parteitag ein neues Programm, in dem nicht mehr die Rede war vom
„Volksstaat“ oder vom „freien Staate“ wie in den Programmen von
Eisenach und Gotha. Die Kritik, die Marx an dem Gothaer Programm geübt
hatte, und die Engels acht Monate vor dem Parteitag in Erfurt in der
„Neuen Zeit“ veröffentlichte, hatte ohne Zweifel dazu beigetragen, daß
das Bekenntnis zum Staate aus dem Programm verschwunden ist. Allerdings
scheint auch hier die Frage nicht so ohne Widerstand von statten gegangen
zu sein, denn nach der Aussage Bebels wurde dem Parteitag erst die sechste
Umarbeitung des Programms zur Beratung vorgelegt.
Demgemäß erklärte denn auch Bebel in der berühmten
Zukunftsstaats-Debatte im Deutschen Reichstag, die sich unter der
Reichskanzlerschaft des Fürsten Bülow abspielte, daß die
Sozialdemokratie überhaupt keinen sozialistischen Zukunftsstaat, sondern
eine sozialistische Gesellschaft erstrebe. Ein Wort, das Liebknecht aber
sofort abschwächte, indem er der Meinung Ausdruck gab, daß es keinen
Unterschied mache, wie man das Ding nenne - Staat oder Gesellschaft.
Als dann die Opposition der Jungen bald nach dem Fall des
Sozialistengesetzes einsetzte und sich nach dem Ausschluß ihrer Wortführer
auf dem Parteitag von Erfurt als Partei der unabhängigen Sozialisten
zusammenschloß, war es ein beliebtes Argument der Bebel, Kautsky usw.,
auf das Erfurter Programm hinzuweisen mit der Erklärung, daß man doch
unmöglich von einer Verbürgerlichung der Partei reden könne, wenn sich
dieselbe Partei soeben in Erfurt ein viel radikaleres Programm zugelegt
habe. Aber Programme sind ein eigen Ding und beweisen an und für sich
noch wenig für den revolutionären Charakter einer Bewegung, der letzten
Endes immer in der Aktionskraft ihrer Anhänger seinen Ausdruck findet.
Das Auftreten des Revisionismus und die langjährigen Kämpfe der
sogenannten „Radikalen“ gegen seinen wachsenden Einfluß in der Partei waren ein Beweis dafür, daß Programme nicht
imstande sind, der Verbürgerlichung einer Bewegung einen Damm
entgegenzusetzen. Der Kampf der Revisionisten mit den Radikalen ging weit
über die Grenzen Deutschlands hinaus und spielte sich in mehr oder
weniger breiten Formen in allen Ländern ab, in denen eine
sozialdemokratische Bewegung vorhanden war. Theoretisch mochten die
Kautsky, Cunow, Mehring, Plechanow noch so sehr in ihrem Rechte sein,
taktisch aber waren sie den Revisionisten gegenüber stets im Unrecht.
Denn der Revisionismus entwickelte sich folgerichtig aus der gänzlich
parlamentarisch eingestellten Taktik der sozialistischen Parteien des In-
und Auslandes.
Mit der zahlenmäßigen Entwicklung der sozialdemokratischen Wählerschaft
in den verschiedenen Ländern entstand die Frage wegen einer eventuellen
Beteiligung der Sozialdemokratie an einer bürgerlichen Regierung ganz von
selbst. Was half da die schärfste Kritik der sogenannten Radikalen und
die Mehrheitsbeschlüsse der Kongresse? Standen doch die Radikalen in der
Praxis auf demselben Boden wie die Revisionisten und befolgten dieselbe
Taktik, wenn sie es auch nicht wahr haben wollten. Die praktische Betätigung
der Sozialdemokratie in den parlamentarischen Körperschaften des bürgerlichen
Staates drängte die Partei zwangsläufig immer mehr in das Fahrwasser des
Revisionismus trotz aller Bannsprüche der Grabwächter des „reinen
Marxismus“.
Theorien haben nur dann eine Bedeutung, wenn sie dem praktischen Leben
entspringen und die alltäglichen Erfahrungen und die Schlüsse, die
daraus zu ziehen sind, sozusagen in kristallisierter Form wiedergeben.
Aber Theorien, welche in den luftleeren Räumen rein abstrakter
Vorstellungen erzeugt werden, sind wertlos, auch wenn sie allen Regeln der
sogenannten Logik entsprechen. In dieser Stellung aber befanden sich die
„Radikalen“ den Revisionisten gegenüber.
Der Ministerialismus der Revisionisten, welcher durch das Beispiel des
Franzosen Millerand mächtig gefördert wurde, war eben das unvermeidliche
Ergebnis einer jahrzehntelangen parlamentarischen Betätigung. So lange
die Sozialdemokratie im Reichstag nur eine verschwindend kleine Minorität
repräsentierte, konnte natürlich von einer Beteiligung an der Regierung
keine Rede sein. Aber in dem Maße, wie die Partei immer mehr Stimmen auf
ihre Kandidaten vereinigte und sich zahlenmäßig zur stärksten Partei
Deutschlands entwickelte, wurde die Frage immer dringlicher und war
zuletzt nicht länger zu umgehen.
Es spielte sich hier dieselbe Erscheinung noch einmal in
anderer Form ab, die sich schon einmal in den
Reihen der Sozialdemokratie manifestiert hatte. Im Gegensatz zu den
Lassalleanern stand ein gut Teil der Eisenacher dem Parlamentarismus anfänglich
ziemlich skeptisch gegenüber. Die bekannte Rede Liebknechts über die
politische Stellung der Sozialdemokratie (1869) gab dieser Stellung klaren
Ausdruck. Wenn Liebknecht später behauptete, daß seine Rede nur auf den
Norddeutschen Reichstag vor der Gründung des Deutschen Reiches Bezug
hatte, so wird diese Behauptung durch ihn selbst widerlegt durch das
Vorwort, das er der zweiten Auflage seiner gedruckten Rede im Jahre 1874
vorausschickte. In diesem Vorwort, das allerdings in der Ausgabe von 1888
sorgfältig ausgemerzt wurde, erklärte Liebknecht ganz offen, daß sich
der Parlamentarismus im Deutschen Reichstag „nicht minder glorreich betätige,
als weiland im Norddeutschen Reichstag“ und daß er an seinen ursprünglichen
Ausführungen „nichts zu widerrufen und nichts zu mildern“ habe.
Man wollte sich zwar an den Wahlen beteiligen, aber nur der Propaganda
wegen. Man wollte von der Tribüne des Parlaments zum Volke sprechen und
stand der positiven Mitarbeit grundsätzlich feindlich gegenüber. Noch
auf dem Parteitag in St. Gallen im Jahre 1887 wurde einstimmig folgende
Resolution angenommen:
„Der Parteitag ist der Überzeugung, daß nach wie vor die
Stellung der Partei zu der parlamentarischen Tätigkeit der Abgeordneten
im Reichstag und in den Landtagen die bisherige bleiben muß; wie bisher
das Hauptgewicht auf die kritische und agitatorische Seite zu legen und
die positive gesetzgeberische Tätigkeit nur in der Voraussetzung zu
pflegen, daß bei dem heutigen Stand der Parteigruppierung und der ökonomischen
Verhältnisse über die Tragweite dieser positiven Tätigkeit im Parlament
für die Klassenlage der Arbeiter in politischer wie in ökonomischer
Hinsicht kein Zweifel gelassen und keine Illusion geweckt werden kann.“
Das war ungefähr das, was unsere Kommunisten heute in ihrem politischen
Rotwelsch „antiparlamentarischen Parlamentarismus“ nennen. Aber diese
Stellung der Sozialdemokratie änderte sich in dem Maße wie die Zahl
ihrer Wähler sich vermehrte, und es lag in der Natur der Sache, daß die
positive Mitarbeit die rein negative Betätigung früher oder später
verdrängen mußte. Aber mit derselben Notwendigkeit, mit der sich aus dem
negativen Parlamentarismus die positive Mitarbeit ergab, mußte die
positive Mitarbeit notgedrungen zum Ministerialismus der Revisionisten führen.
Was half es, daß man den Revisionismus auf fünf oder sechs Kongressen
mausetot schlug, wenn er nach jeder „Niederlage“ um so kräftiger
emporblühte? Es war ein Schauspiel für Götter, zu sehen, wie die
unentwegten Verfechter des Marxismus in Reinkultur jedesmal die
Scheiter
herbeischleppten, auf denen die Bernstein, Vollmar, Heine, Auer usw.
gebraten werden sollten. Nicht einmal ausräuchern konnte man den
„inneren Feind“, geschweige verbrennen.
Auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Paris im Jahre 1900 brachte
Kautsky eine Resolution ein, derzufolge die Sozialdemokratie „einen
Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
nicht erstreben kann.“
Im
Jahre 1903 nahm dann der Dresdener Parteitag eine Resolution an, die von
den Radikalen eingebracht wurde und in der es unter anderem heißt:
„Daher
ist der Parteitag im Gegensatz zu den in der Partei vorhandenen
revisionistischen Bestrebungen der Überzeugung, daß die Klassengegensätze
sich nicht abschwächen, sondern sich stetig verschärfen und erklärt:
-
daß die Partei die Verantwortlichkeit ablehnt für die
auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden politischen und
wirtschaftlichen Zustände und daß sie deshalb jede Bewilligung von
Mitteln verweigert, welche geeignet sind, die herrschende Klasse an
der Regierung zu erhalten;
-
daß die Sozialdemokratie, gemäß der
Resolution Kautsky des Internationalen Sozialistenkongresses zu Paris
im Jahre 1900, einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der bürgerlichen
Gesellschaft nicht erstreben kann.
Der Parteitag verurteilt ferner jedes Bestreben, die
vorhandenen stets wachsenden Klassengegensätze zu vertuschen, um eine
Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern.“
Vierzehn Jahre später fegte der Krieg alle diese Grundsätze über den
Haufen und schuf sozusagen die Grundlage für die Regierungsfähigkeit der
Sozialdemokratie, welche sie sich durch ihren Burgfrieden mit den
Kapitalisten und ihr Durch-dick-und-dünn-gehen mit den Mächten der
politischen und militärischen Reaktion redlich erworben hatte.
Nach dem Untergang des alten Regimes änderte sich die Stellung der
Sozialdemokratie zur bürgerlichen Regierung vollständig und sogar die
intransigentesten Befürworter des radikalen Marxismus, für die jeder
Revisionist bisher der Inbegriff alles Übels gewesen, vergaßen plötzlich
ihre unerschütterlichen Grundsätze, die „bisherige bewährte und
sieggekrönte, auf dem Klassenkampf beruhende Taktik“ und bekehrten sich
im Handumdrehen zum Ministerialismus Bernsteins und seiner Anhänger. Der
Revisionismus hatte nun auch äußerlich gesiegt auf der ganzen Linie.
Cunow, einstens einer der grimmen Kämpfer gegen den Revisionismus, verfaßte
sogar ein zweibändiges Werk, „Die Marxsche Geschichts-, Gesellschafts-
und Staatstheorie. Grundzüge der Marxschen Soziologie“, in dem er sich
die meisten Argumente Bernsteins zu eigen macht und es sich besonders
angelegen sein läßt, die Marxsche Auffassung vom Staat zu erschüttern.
Denn Cunow weiß sehr gut, daß die Frage des Eintritts der
Sozialdemokratie in eine bürgerliche Regierung eng verknüpft ist mit
ihrer Auffassung vom Staate. Aus diesem Grunde gibt sich Cunow alle Mühe,
den Beweis zu erbringen, daß zwar die soziologischen Teile der Marxschen
Staatslehre immer noch zu Recht bestehen,
„was aber fällt, ist die mit seinen eigenen
(Marxens) soziologischen Auffassungen im Widerspruch stehende, aus einem
halbutopisch-anarchistischen Revolutionarismus herauskonstruierte
Hypothese von der baldigen Abschaffung oder Auflösung des Staates.“
Cunow hat es unternommen, Marx durch sich selber zu widerlegen, soweit seine
Staatsauffassung in Frage kommt. Er mußte dies tun, um jene
Unterscheidungslinie zu finden, welche den alten Obrigkeitsstaat von den
modernen parlamentarischen Staaten der kapitalistischen Periode trennt,
denn nur so war es ihm möglich, die Anteilnahme der Sozialdemokratie an
der Regierungsgewalt des bürgerlichen Staates zu begründen und zu
rechtfertigen. So entwickelt er denn in seinem Werke im direkten und bewußten
Gegensatz zu Marx die folgende Ansicht, die man ruhig als die Auffassung
der heutigen Sozialdemokratie betrachten kann:
„Im
früheren Obrigkeitsstaat wurde die Staatsmacht meist noch gar nicht als
zusammenordnende Gewalt, als notwendige Gemeinschaftsgewalt, sondern als
Willkürmacht der herrschenden Regierung empfunden. Aus dem zunehmenden
Gefühl, daß das eigene Wohl in erheblichem Maße mit dem Staatswesen
verbunden ist und nur in ihm zur Geltung kommen kann, entstand aber
naturgemäß die Erkenntnis einer gewissen Gemeinschaftlichkeit, die im
weiteren Verlauf zu einer bewußten und gewollten Teilnahme an der
staatlichen Gemeinsamkeit wurde, in den ärmeren Volksschichten freilich
erst, nachdem sie einen Anteil an der Staatsgewalt gewonnen haben. An die
Stelle des einstigen dynastischen Machtwortes: „Der Staat bin ich!“
tritt nun in einem sich mehr und mehr erweiternden Staatsbürgerkreise das
erstarkende Bewußtsein: „Der Staat sind wir!“ - Die Entwicklung des
Staates hat demnach eine andere Richtung genommen, wie Marx und Engels in
ihrer Beeinflussung durch liberalanarchistische Zeitströmungen glaubten.
Der Staat wird nicht überflüssig; er verliert nicht, wie Engels meint,
einen immer größeren Teil seiner einstigen Funktionen an die
Gesellschaft, sondern er übernimmt im Gegenteil immer weitere soziale
Aufgaben und erweitert dadurch seine Verwaltungsmaschinerie."
Das ist der vollständige Bruch mit der alten Auffassung Marxens vom Staate
und in derselben Zeit die theoretische Voraussetzung für den in die
Praxis getretenen Revisionismus, der heute die ganze Sozialdemokratie
restlos erfaßt hat. Man fragt sich nur erstaunt, aus welchem Grund Cunow
früher den Revisionismus so bitter bekämpfte, dem er sich nun mit
Haut und Haaren verschrieben? Wozu war der ganze Lärm
und der Theaterdonner früherer Kongresse?
Wohl hat Kautsky in einer besonderen Streitschrift: „Die Marxsche
Staatsauffassung im Spiegelbild eines Marxisten“, den Versuch gemacht,
zu beweisen, daß Cunow Marx und Engels falsch interpretiert habe. Aber
diese Dinge ziehen heute nicht mehr. Es gab eine Zeit, wo Kautsky und
Cunow gemeinsam denselben Vorwurf gegen Bernstein erhoben. Dann hat Cunow
Kautsky ein mangelhaftes Verständnis der Marxschen Anschauungen an den
Kopf geworfen und Kautsky zahlt ihm nun in gleicher Münze heim, nachdem
schon früher ein anderer Marxtheologe, Lenin in eigener Person, den
beiden quittierte, daß sie die reine Lehre Marxens verfälscht und überhaupt
nicht verstanden hätten.
Über solche Argumentationen lachte man einmal, heute aber wirken sie
langweilig und erinnern lebhaft an die Streitigkeiten der alten
christlichen Theologen, ob man Jesus mit einem I oder einem J schreiben dürfe,
ob eine Maus, die von einer Hostie gefressen, geheiligt sei oder nicht und
dergleichen mehr. Es handelt sich doch schließlich nicht darum, wie
dogmatische Spitzfindigkeit einen Denker interpretiert, sondern darum,
inwieweit sich seine Lehren im Laufe der Zeit als richtig erwiesen und
durch die praktischen Erfahrungen des Lebens bestätigt wurden oder nicht.
Auch der genialste Denker ist mit tausend Ketten an seine Zeit geschmiedet
und seine Anschauungen haben nur eine relative Bedeutung. Alles, was wir
Wahrheit nennen, richtet sich letzten Endes nach dem jeweiligen Stand
unserer Erkenntnis und verliert seinen positiven Wert in dem Maße, wie
sich die Horizonte unseres Erkennens weiten und uns neue Perspektiven eröffnen.
Das Wort: „Man wird stets von den eigenen verraten“, hat sich
besonders bei dem Marxismus bewahrheitet.
Und übrigens ist es auch an und für sich gleichgültig, ob Kautsky oder
Cunow Marx richtig interpretiert. Tatsache ist, daß Kautsky heute auf
demselben Boden steht wie Cunow und die alten Wortführer des
Revisionismus, die er einstens so bitterlich bekämpfte. Auch Kautsky ist
heute vollständig davon überzeugt, daß die Sozialdemokratie an der bürgerlichen
Regierungsgewalt Anteil nehmen müsse, derselbe Kautsky, der vor nunmehr
vierundzwanzig Jahren die sozialistischen Arbeiterparteien der Welt durch
seine bereits erwähnte Resolution zu überzeugen suchte, daß „die
Sozialdemokratie einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der bürgerlichen
Gesellschaft nicht erstreben kann.“ Oder sollte Kautsky der Meinung
sein, daß das heutige Deutschland nicht mehr als gewöhnlicher bürgerlicher
Staat zu betrachten sei? Bei Gott und bei den Dialektikern des Marxismus
sind nämlich alle Dinge möglich.
Als vor nunmehr zweiundfünfzig Jahren Marx und Engels auf der Londoner
Konferenz den Versuch machten, der Internationalen Arbeiter-Assoziation
die parlamentarische Betätigung als obligatorisch aufzuoktroyieren, zerstörten
sie nicht bloß das Werk, an dem sie selbst gebaut, und schleuderten die
Fackel der Zwietracht ins Lager des Sozialismus, sie legten auch damals
die Fundamente jener Entwicklung, die folgerichtig zu dem vollständigen
Triumph der revisionistischen Auffassung innerhalb der modernen
sozialistischen Arbeiterparteien führen mußte. In dem Maße, wie diese
Entwicklung vor sich schritt, erblaßten die sozialistischen Anschauungen
der Sozialdemokratie mehr und mehr. Heute ist die Sozialdemokratie
regierungsfähig, aber von ihrem ehemaligen sozialistischen Grundsätzen
blieb ihr nicht mehr als das Wort. Sie hat den Kreislauf vollendet und
befindet sich heute auf dem Punkte, wo der letzte Rest ihres Sozialismus
der bürgerlichen Politik zum Opfer fiel. Das Görlitzer Programm ist nur
die Umschreibung der heutigen Stellung der Sozialdemokratie zum bürgerlichen
Staate.
Dieser Prozeß beschränkt sich übrigens nicht bloß auf Deutschland, wenn
er auch hier am deutlichsten zum Ausdruck kam. Die Frage, ob die
Sozialdemokratie an einer bürgerlichen Regierung Anteil nehmen kann, ist
heute für die Arbeiterparteien in den verschiedenen Ländern keine Frage
mehr. Damit erklärt sich auch zum großen Teil der Rückgang des bürgerlichen
Liberalismus in Europa, dessen Platz mehr und mehr von den modernen
Arbeiterparteien übernommen wird. Allerdings trifft dies nur im bedingten
Maße zu, denn es ist der dekadente Liberalismus, dessen politische
Erbschaft die sozialistischen Arbeiterparteien der Gegenwart angetreten
haben, der Liberalismus, der seine grundlegenden Prinzipien längst
vergessen und selber staatsgläubig geworden ist.
Aber es gab eine Zeit, wo der politische Radikalismus oder Liberalismus eine
bahnbrechende Rolle in der geistigen Entwicklung Europas spielte, die
unvergeßlich bleiben wird. Die blöde Auffassung, welche im Liberalismus
nichts anders sehen will als das Glaubensbekenntnis des kapitalistischen
Manchestertums, ist eine groteske Verzerrung der geschichtlichen Wahrheit.
Männer wie Priestly, Price, Paley, Diderot, Paine, Condorcet usw. waren
sicher keine Vorkämpfer des Kapitalismus. Der politische Radikalismus war
der Aufschrei des menschlichen Persönlichkeitsgefühls gegen die alles
nivellierende Tendenz des absoluten Regimes und später gegen den
Ultrazentralismus und die Staatsgläubigkeit des Jakobinismus und seiner
verschiedenen politischen Abstufungen. Und in diesem Sinne wurde er auch
später von Mill, Buckle, Spencer und anderen aufgefaßt. Daß er später
in kastrierter Gestalt dem kapitalistischen Manchestertum als politisches
Aushängeschild dienen mußte, hat mit seinen ursprünglichen Bestrebungen
ebensowenig zu tun, wie die ursprünglichen Ideen des Sozialismus mit der
praktischen Tätigkeit der heutigen Sozialdemokratie.
Und in diesem Sinne ist nicht bloß der Sozialismus den modernen
Arbeiterparteien ein leerer Begriff geworden, sondern auch die Demokratie,
die ihnen heute bloß als totes Mehrheitsprinzip erscheint, von dem sie
kaum was anderes gelernt haben, als daß fünf mehr denn drei ist. Und
doch gab es eine Zeit, und diese Zeit liegt noch nicht allzu weit hinter
uns, wo der demokratische Gedanke die Völker - vornehmlich in Westeuropa
- etwas anderes lehrte und ein wirksames Gegengift war gegen die
Stagnation des gesellschaftlichen Lebens in den starren Formen des
Staates. Man lese heute das „Politische Manifest des Nationalkomitees
der Demokratischen Partei Spaniens“ vom 1. Februar 1858 und vergleiche
es mit dem seichten Mehrheitsdemokratismus unserer heutigen
Sozialdemokraten. In diesem Manifest der spanischen Demokratie finden sich
die tiefschürfenden Worte:
„Trotz
der wiederholten Beweise von der Unfähigkeit und Ohnmacht des Staates
gibt es immer noch Leute, die ihm eine unbeschränkte Macht einräumen möchten,
damit er das Los der Klassen verbessere, deren Elend durch die Versuche
der Staatsgewalt, ihm abzuhelfen, nur vergrößert wurde. Vergessen wir es
nicht, der Staat ist wie Attilas Pferd, das den Boden unfruchtbar macht,
auf den es seinen Fuß setzt. Wir glauben daher alle unsere Anstrengungen
dahin richten zu müssen, seinen Wirkungskreis zu verengen, nicht zu
erweitern. Ihn erweitern hieße nur, an die Stelle eines vorübergehenden
einen härteren und schlimmeren Despotismus setzen. Die Freiheit ist es,
und nicht die Staatsgewalt, die uns die Frucht wahrer Reformen reifen läßt.
Das Leben, welches die Staatsmacht den Systemen gibt, ist immer ein
Scheinleben und eine unsichere Existenz; das Leben hingegen, welches ihnen
das schöpferische Interesse des einzelnen erteilt, ist das einzig wahre
und allein fähig, alle Entwicklungsstufen durchzumachen.“
Man vergleiche diese Worte, aus denen der Geist der Selbständigkeit und der
freien Initiative glüht, mit der toten Kasernendisziplin, die unseren
heutigen Sozialdemokraten als der Inbegriff der Demokratie erscheint. Wer
denkt heute daran, die Funktionen des Staates zu beschränken und seinem
fortgesetzten Eingreifen in das Leben des einzelnen Zügel anzulegen? Im
Gegenteil, man ist heute bereit, dem Staate alle Gebiete des
gesellschaftlichen und individuellen Lebens rücksichtslos preiszugeben
und erblickt, wie Cunow, in dieser ununterbrochenen Erweiterung der
staatlichen Wirkungssphäre eine Manifestation der gesellschaftlichen
Demokratisierung. So ebnet man dem Staatskapitalismus alle Wege und glaubt
dabei im Interesse des
Sozialismus zu handeln, während man ihn in
Wirklichkeit erdrosselt. Die ganze geistige Einstellung unserer modernen
Arbeiterparteien arbeitet auf diese Weise der sozialen Reaktion bewußt
oder unbewußt in die Hände und verlängert nur die Periode der
wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Bedrückung.
Anarchisten und revolutionäre Syndikalisten sind heute die
einzigen, welche die Ausschaltung des Staates aus dem gesellschaftlichen
Leben als eine Vorbedingung für die Verwirklichung des Sozialismus verkünden
und die Erbschaft des freiheitlichen Flügels der alten Internationale
getreulich wahren. Um so größer ist die Verantwortlichkeit, die auf
ihnen lastet. Denn der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein.
Originaltext: Rudolf Rocker: Parlamentarismus und
Arbeiterbewegung, Verlag Freie Gesellschaft 1978. Erstmals im Verlag
„Der freie Arbeiter“ unter dem Titel „Zur Geschichte der
parlamentarischen Tätigkeit in der modernen Arbeiterbewegung“
erschienen.
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