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Rudolf
Rocker - Anarcho-Syndikalismus
Der
Ausdruck „Arbeiter-Syndikat“ meinte in Frankreich ursprünglich nur
eine gewerkschaftliche Produzentenorganisation zur mittelbaren
Verbesserung ihres ökonomischen und sozialen Status. Aber das Aufkommen
des revolutionären Syndikalismus gab dieser ursprünglichen Bedeutung
einen viel weiteren und tieferen Sinn. So wie die Partei sozusagen die
vereinheitlichte Organisation zum Zwecke der Erreichung bestimmter
politischer Ziele innerhalb des modernen konstitutionellen Staates ist und
die bürgerliche Ordnung in dieser oder jener Form aufrechtzuerhalten
sucht, so ist, in syndikalistischer Sicht, die Gewerkschaft, das Syndikat
die vereinheitlichte Organisation der Arbeit und hat es sich zum Ziel
gesetzt, die Interessen der Produzenten innerhalb der bestehenden
Gesellschaft zu verteidigen und die Rekonstruktion des sozialen Lebens
nach sozialistischem Modell vorzubereiten und praktisch durchzuführen.
Sie hat daher einen doppelten Zweck:
1.
Als Kampf Organisation der Arbeiter gegen die Unternehmer soll sie die
Forderungen der Arbeiter nach Sicherung und Hebung ihres Lebensstandards
bekräftigen;
2.
Als Schule für die intellektuelle Ausbildung der Arbeiter soll sie sie
mit der technischen Organisation der Produktion und des ökonomischen
Lebens im allgemeinen vertraut machen, damit sie im Falle einer revolutionären
Situation fähig sind, den sozio-ökonomischen Apparat in die eigene Hand
zu nehmen und ihn gemäß sozialistischen Prinzipien umzugestalten ...
Erziehung zum Sozialismus bedeutet ihnen nicht billige Propagandakampagne
zu sog. „tagespolitischen Problemen“, sondern den Versuch, den
Arbeitern die inneren Beziehungen zwischen den sozialen Problemen
klarzumachen und sie durch technische Ausbildung und Entwicklung ihrer
administrativen Fähigkeiten auf ihre Rolle als Neugestalter des ökonomischen
Lebens vorzubereiten und ihnen die zur Ausführung dieser Aufgabe
erforderliche moralische Unterstützung zu geben. Keine Körperschaft ist
für diesen Zweck besser geeignet als die ökonomische Kampforganisation
der Arbeiter, sie verleiht ihren sozialen Aktivitäten eine konkrete
Richtung und stärkt ihren Widerstand im unmittelbaren Kampf um das
Lebensnotwendige und in der Verteidigung der Menschenrechte. Dieser
direkte und endlose Kriegszustand mit den Trägern des gegenwärtigen
Systems läßt gleichzeitig die ethischen Vorstellungen entstehen, ohne
die eine gesellschaftliche Transformation unmöglich ist: eine vitale
Solidarität mit ihren Schicksalsgenossen und moralisches
Verantwortungsbewußtsein für das eigene Tun.
Gerade
weil die Erziehungsanstrengungen der Anarcho-Syndikalisten auf die
Entwicklung unabhängigen Denkens und Handelns gerichtet sind, sind sie
ausgesprochene Gegner aller zentralisierenden Tendenzen, die so
charakteristisch für die politischen Arbeiterparteien sind. Aber
Zentralismus, jene künstliche Organisation von oben nach unten, die die
Angelegenheiten aller in Bausch und Bogen an eine kleine Minderheit
delegiert, ist immer von leerlaufender bürokratischer Routine begleitet;
und das zermalmt jede individuelle Überzeugung, tötet alle persönliche
Initiative durch Disziplin und bürokratische Verknöcherung und erlaubt
keinerlei unabhängige Aktion: Die Organisation des Anarcho-Syndikalismus
richtet sich nach den Prinzipien des Föderalismus, nach freier
Vereinigung von unten nach oben, stellt das Recht jedes Mitglieds auf
Selbstbestimmung über alles und anerkennt nur ein organisches
Einvernehmen aller auf der Basis gleicher Interessen und gemeinsamer Überzeugungen.
Es
wurde dem Föderalismus oft vorgeworfen, er zersplittere die Kräfte und lähme
die Kraft des organischen Widerstands ... Aber auch hier haben die
Tatsachen, die das Leben schuf, ein klareres Wort gesprochen als jede
Theorie. Es hat auf der ganzen Welt kein Land gegeben, in dem die gesamte
Arbeiterbewegung so vollkommen zentralisiert und die Organisationstechnik
zu solch extremer Perfektion entwickelt war wie in Deutschland vor der
Machtergreifung Hitlers. Ein mächtiger bürokratischer Apparat überzog
das ganze Land und bestimmte jeden politischen und ökonomischen Ausdruck
der organisierten Arbeiter. Bei den letzten Wahlen vereinigten die
sozialdemokratische und die kommunistische Partei über zwölf Millionen Wähler
hinter ihren Kandidaten. Aber nachdem Hitler an die Macht gelangt war, rührten
sechs Millionen organisierter Arbeiter nicht einen Finger, um die
Katastrophe abzuwehren, die Deutschland in den Abgrund stürzte und die
innerhalb weniger Monate die Arbeiterorganisationen vollkommen zerschlug.
In
Spanien aber, wo der Anarcho-Syndikalismus seinen Einfluß auf die
organisierten Arbeiter seit den Tagen der Ersten Internationalen zu wahren
wußte und sie durch unermüdliche libertäre Propaganda und heftiges Kämpfen
im Widerstand trainiert hatte, war es die mächtige C(onfederacion)
N(acional de) T(rabajadores), die durch die Kühnheit ihrer Aktion die
verbrecherischen Pläne Francos zunichte machte ...
Für
den Staat ist Zentralismus die geeignete Form der Organisation, da er um
der Erhaltung des politischen und sozialen Gleichgewichts willen auf größtmögliche
Uniformität des sozialen Lebens hinzielt. Aber für eine Bewegung, für
die rasches Agieren im günstigen Augenblick und unabhängiges Denken und
Handeln ihrer Träger Existenzfrage ist, kann Zentralismus nur von Übel
sein, weil er ihre Kraft zur Entscheidung schwächt und alle unmittelbare
Aktion systematisch unterdrückt. Wenn z. B., wie im Falle Deutschlands,
jeder lokale Streik erst von der Zentrale bewilligt werden muß, die oft
Hunderte von Meilen entfernt und normalerweise nicht in der Lage war, ein
korrektes Urteil über die örtlichen Bedingungen zu fällen, darf man
sich nicht darüber wundern, daß die Trägheit des Apparats der
Organisation einen raschen Angriff unmöglich macht, und daraus resultiert
dann ein Zustand der Dinge, bei dem die tatkräftigen und intellektuell
regen Gruppen nicht länger Vorbild sind für die wenigen aktiven, sondern
von diesen zur Inaktivität verurteilt werden, die notwendigerweise die
gesamte Bewegung stagnieren läßt. Organisation ist schließlich und
endlich nur ein Mittel zu einem Zweck. Wenn sie zum Zweck an sich wird, tötet
sie den Geist und die lebendige Initiative ihrer Mitglieder und etabliert
die Herrschaft der Mittelmäßigkeit, die für alle Bürokratien
charakteristisch ist.
Die
Anarcho-Syndikalisten sind daher der Meinung, daß gewerkschaftliche
Organisation einen Charakter haben sollte, der es den Arbeitern erlaubt,
das Äußerste in ihrem Kampf gegen die Unternehmer zu erreichen, und sie
gleichzeitig mit einer Basis versieht, von der aus sie in einer revolutionären
Situation an die Neugestaltung des ökonomischen und sozialen Lebens gehen
können.
Ihre
Organisation ist demgemäß nach folgenden Prinzipien konstruiert: Die
Arbeiter jeder Gemeinde schließen sich den Vereinigungen ihrer jeweiligen
Berufe an, und diese sind keinem Veto ihrer Zentrale unterworfen, sondern
genießen das volle Recht der Selbstbestimmung. Die Gewerkschaften einer
Stadt oder eines Landkreises vereinigen sich im sog. Arbeiterkartell. Die
Arbeiterkartelle sind Zentren lokaler Propaganda und Erziehung; sie schweißen
die Arbeiter zur Klasse zusammen und verhindern das Aufkommen irgendeines
engstirnigen Fraktionsgeistes. In Zeiten lokaler Arbeiterunruhen
arrangieren sie die solidarische Kooperation des gesamten Körpers
organisierter Arbeit in der Ausnutzung aller unter den gegebenen Umständen
verfügbaren
Mittel. Alle
Arbeiterkartelle sind nach Distrikten und Regionen gruppiert und bilden
die Nationale Föderation der Arbeiterkartelle, die den permanenten
Kontakt zwischen den lokalen Organisationen aufrechterhalten soll, die die
freie Ausrichtung der produktiven Arbeit der Mitglieder der verschiedenen
Organisationen auf die Linie der Kooperation arrangiert und die für die
notwendige Koordination im Werk der Erziehung sorgt, bei dem die stärkeren
Kartelle den schwächeren werden zu Hilfe kommen müssen. Die Nationale Föderation
der Arbeiterkartelle steht den lokalen Gruppen auch ganz allgemein
beratend und lenkend bei. Jede Gewerkschaft ist überdies mit allen
Organisationen desselben Berufszweiges im ganzen Lande föderativ
verbunden und diese wiederum mit allen verwandten Berufszweigen, so daß
sie alle in allgemeinen industriellen Allianzen zusammengeschlossen sind.
Es ist die Aufgabe dieser Allianzen, die kooperative Aktion der lokalen
Gruppen zu organisieren, Solidaritätsstreiks zu führen, wenn die
Notwendigkeit hierfür gegeben ist und allen Anforderungen des
Tag-zu-Tag-Kampfes zwischen Arbeit und Kapital zu begegnen. So bilden also
die Föderation der Arbeiterkartelle und die Föderation der Industriellen
Allianzen die beiden Pole, um die sich das gesamte Leben der
Gewerkschaften dreht.
Diese
Art der Organisation bietet den Arbeitern nicht nur jede Gelegenheit für
direkte Aktion in den Kämpfen ums tägliche Brot, sie versieht sie auch
mit den notwendigen Voraussetzungen für die Durchführung der
Reorganisation des sozialen Lebens nach sozialistischem Plan, die sie dann
im Falle einer revolutionären Krise aus eigener Kraft und ohne fremde
Einmischung bewerkstelligen können. Anarcho-Syndikalisten sind überzeugt,
daß eine sozialistische Wirtschaftsordnung nicht durch Regierungsdekrete
und Statuten geschaffen werden kann, sondern ausschließlich durch die
solidarische Zusammenarbeit der manuellen und geistigen Arbeiter aus jedem
Spezialzweig der Produktion; d. h. durch die Übernahme des Managements
aller Betriebsanlagen durch die Produzenten, und zwar in einer solchen
Form, daß die verschiedenen Gruppen, Anlagen und Zweige der Industrie
unabhängige Mitglieder des allgemeinen Wirtschaftskörpers sind, die die
Produktion systematisch vorantreiben und die Distribution der Produkte im
Interesse der Allgemeinheit auf der Basis freier gegenseitiger Abmachungen
vornehmen. In diesem Fall würden die Arbeiterkartelle in jeder Gemeinde
das vorhandene gesellschaftliche Kapitalgut an sich nehmen, die Bedürfnisse
der Einwohner des Distrikts bestimmen und den lokalen Verbrauch
organisieren. Durch die Tätigkeit der nationalen Föderation der
Arbeiterkartelle würde es möglich, die gesamten Bedürfnisse des Landes
zu berechnen und die Produktion ihnen anzupassen. Andererseits wäre es
Aufgabe der Industriellen Allianzen, die Kontrolle über alle
Produktionsmittel, Maschinen, Rohmaterialien, Transportmittel und Ähnliches
zu übernehmen und die verschiedenen Erzeugergruppen mit dem zu versorgen,
was sie nötig haben. Fassen wir zusammen:
1.
Organisation der Betriebsanlagen durch die Produzenten selbst und Leitung
der Arbeit durch Arbeiterräte, die von ihnen gewählt werden;
2.
Organisation der gesamten Produktion des Landes durch die industriellen
und agrarischen Allianzen;
3.
Organisation des Konsums durch die Arbeiterkartelle ... (Die Arbeiter) müssen
einsehen, daß, mögen die unmittelbaren Voraussetzungen ihrer Befreiung
in den einzelnen Ländern noch so verschieden sein, die Auswirkungen der
kapitalistischen Ausbeutung überall dieselben sind, und deshalb müssen
sie ihren Anstrengungen den notwendigen internationalen Charakter
verleihen. Vor allem dürfen sie diese Anstrengungen nicht mit den
Interessen der Nationalstaaten verbinden, wie es unglücklicherweise
bisher in den meisten Ländern geschehen ist. Die Welt der organisierten
Arbeit muß ihre eigenen Ziele verfolgen, hat sie doch auch ihre eigenen
Interessen zu verteidigen, und diese sind nun
einmal nicht
identisch mit denen des Staates oder denen der besitzenden Klassen. Eine
Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Unternehmern, wie sie nach dem
Weltkrieg von der Sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften in
Deutschland propagiert wurde, kann nur dazu führen, daß die Arbeiter zur
Rolle des armen Lazarus verdammt werden, der zufrieden sein muß, die
Brosamen zu essen, die von der Reichen Tische fallen. Zusammenarbeit ist
nur möglich, wo die Ziele und vor allem die Interessen gleich sind ...
Solange der Arbeiter seine Interessen mit denen der Bourgeoisie seines
Landes verknüpft, anstatt mit denen seiner Klasse, muß er in seinem
Kampf logischerweise auch alle Konsequenzen dieser Beziehung in Kauf
nehmen. Er muß bereit sein, die Kriege der besitzenden Klassen zur
Erhaltung und Ausweitung ihrer Märkte zu kämpfen und jede
Ungerechtigkeit, die sie anderen Völkern zufügen mögen, zu verteidigen.
Die sozialistische Presse Deutschlands war nur konsequent, als sie zur
Zeit des Ersten Weltkriegs die Annexion fremden Gebietes forderte. Es war
dies nur das unvermeidliche Ergebnis der geistigen Einstellung und der
Methoden, die die Arbeiterparteien lange vor dem Krieg gepflegt hatten.
Erst wenn die Arbeiter aller Länder einsehen, daß ihre Interessen überall
dieselben sind, und wenn sie lernen, aus dieser Einsicht heraus
zusammenzuarbeiten, ist eine erfolgversprechende Basis für die
internationale Befreiung der Arbeiterklasse gelegt...
Es
ist daher heute unsere Aufgabe, das wirtschaftliche Leben der Völker von
unten her und im Geiste des Sozialismus neu zu gestalten. Aber nur die
Produzenten selbst sind für die Aufgabe geeignet, da sie das einzige
werteschaffende Element der Gesellschaft sind, aus dem eine neue Zukunft
hervorgehen kann. Ihnen fällt die Aufgabe zu, die Arbeiter von allen
Fesseln, die die ökonomische Ausbeutung ihnen angelegt hat, und die
Gesellschaft von allen Institutionen und Verhaltensweisen politischer
Macht zu befreien und den Weg zu öffnen für eine Allianz zweier Gruppen
von Frauen und Männern, die sich am Prinzip kooperativer Zusammenarbeit
ausrichtet und die Verwaltungsangelegenheiten im Interesse der
Allgemeinheit plant. Einziger und erschöpfender Zweck des modernen
Anarcho-Syndikalismus ist es, die arbeitenden Massen in Stadt und Land für
dies große Ziel vorzubereiten und sie zu einer militanten Kraft zu
vereinigen.
Wird
die Befreiung der Arbeit durch die Politik oder durch die direkte Aktion
erreicht werden?
Die
Haltung des Anarcho-Syndikalismus der politischen Macht des heutigen
Staates gegenüber ist genau dieselbe wie die, die sie dem System
kapitalistischer Ausbeutung gegenüber einnimmt. Seine Anhänger sind sich
völlig im Klaren darüber, daß die sozialen Ungerechtigkeiten dieses
Systems nicht auf unvermeidlichen Auswüchsen beruhen, sondern auf der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung als solcher. Aber während ihre
Anstrengungen letztlich auf die Abschaffung der bestehenden Form
kapitalistischer Ausbeutung und ihre Ersetzung durch eine sozialistische
Wirtschaftsordnung gerichtet sind, vergessen sie nie auch nur für einen
Augenblick, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln darauf
hinzuwirken, die Profitraten der Kapitalisten unter den bestehenden
Bedingungen zu senken und den Anteil des Produzenten an den Produkten
seiner Arbeit so weit als irgend möglich zu heben.
In
ihrem Kampf gegen die sich im Staate manifestierende politische Macht
bedienen sich die Anarcho-Syndikalisten derselben Taktik. Sie erkennen, daß
der moderne Staat lediglich die Konsequenz des kapitalistischen
Wirtschaftsmonopols und der damit zusammenhängenden Spaltung der
Gesellschaft in Klassen ist und nur dem Zwecke der Erhaltung des Status
quo mit allen Zwangsmechanismen der politischen Macht dient. Aber während
sie überzeugt sind, daß gemeinsam mit dem Ausbeutungssystem auch seine
politische Schutzmacht, der Staat, verschwinden wird,
um der Administration
der öffentlichen Angelegenheiten auf der Basis freier Übereinkunft Platz
zu machen, übersehen sie keineswegs, daß die Anstrengungen der Arbeiter
innerhalb der bestehenden politischen Ordnung immer darauf gerichtet sein
müssen, alle erreichten politischen und sozialen Rechte gegen jeden
Angriff von Seiten der Reaktion zu verteidigen und den Spielraum dieser
Rechte fortwährend zu erweitern, wann immer sich eine Gelegenheit hierfür
bietet.
Denn
gerade so wenig wie der Arbeiter gleichgültig gegenüber den ökonomischen
Bedingungen seines Lebens innerhalb der bestehenden Gesellschaft bleiben
kann, kann er es der politischen Struktur seines Landes gegenüber. Sowohl
im Kampfe um sein täglich Brot als auch für jede Art Propaganda, die auf
seine soziale Befreiung hinzielt, bedarf er politischer Rechte und
Freiheiten, und er selbst muß in jeder Situation, in der sie ihm
verweigert werden, um sie kämpfen und muß sie mit aller Kraft
verteidigen, wenn immer der Versuch gemacht wird, sie ihm gewaltsam zu
entreißen. Es ist daher völlig absurd zu behaupten, die
Anarcho-Syndikalisten zeigten kein Interesse an den politischen Tageskämpfen...
Wenn
man natürlich Lenins zynischen Spruch akzeptiert und Freiheit nur für
ein „bürgerliches Vorurteil“ hält, dann haben politische Rechte und
Freiheiten selbstverständlich nicht den geringsten Wert für die
Arbeiter... Aber die Anarcho-Syndikalisten wären die letzten, die die
Bedeutung dieser Rechte für die Arbeiter unterschätzten. Wenn sie
dennoch jede Teilhabe an der Arbeit bürgerlicher Parlamente zurückweisen,
so nicht deshalb, weil sie keine Sympathie für die allgemeinen
politischen Kämpfe hätten, sondern weil sie fest davon überzeugt sind,
daß die parlamentarische Tätigkeit für die Arbeiter die schwächste und
hoffnungsloseste Form des politischen Kampfes ist. Für die bürgerlichen
Klassen ist das parlamentarische System ohne Zweifel ein geeignetes
Instrument zur Austragung aufkommender Konflikte
und zur Ermöglichung
fruchtbarer Zusammenarbeit... Aber für die Arbeiterklasse sieht die
Situation ganz anders aus. Für sie ist die bestehende Wirtschaftsordnung
die Quelle ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung und die organisierte Macht
des Staates das Instrument ihrer politischen und sozialen Unterdrückung.
Auch das freieste Wahlrecht kann den ins Auge springenden Gegensatz
zwischen den besitzenden und den besitzlosen Klassen der Gesellschaft
nicht unwirksam machen. Es kann nur dazu dienen, einem System sozialer
Ungerechtigkeit den Schein der Legalität zu verleihen und den Sklaven
dazu zu verleiten, seine eigene Sklaverei mit dem Stempel der Legalität
zu versehen. Am wichtigsten aber ist, daß, wie die praktische Erfahrung
gezeigt hat, die Teilnahme der Arbeiter am parlamentarischen Geschehen
ihre Widerstandskraft lähmt und ihren Kampf gegen das bestehende System
zur Nutzlosigkeit verurteilt... Die Anarcho-Syndikalisten sind also in
keiner Weise Gegner des politischen Kampfes, aber ihrer Meinung nach muß
auch dieser Kampf die Form der direkten Aktion annehmen, in der die der
Arbeiterklasse zur Verfügung stehenden Mittel ökonomischer Macht am
wirksamsten sind ...
Tatsache
ist, daß die sozialistischen Arbeiterparteien, wann immer sie eine
entscheidende politische Reform durchzusetzen wünschten, erkennen mußten,
daß sie sie aus eigener Kraft nicht erreichen konnten, und gezwungen
waren, sich voll und ganz auf die ökonomische Kampfkraft der
Arbeiterklasse zu verlassen. Die politischen Generalstreiks in Belgien,
Schweden und Österreich zur Erreichung des allgemeinen Wahlrechts sind
Beweis dafür. Und in Rußland war es der große Generalstreik der
Arbeitermassen, der dem Zaren im Jahre 1905 die Feder in die Hand drückte,
mit der er die Verfassung unterzeichnete ... Der Brennpunkt des
politischen Kampfes liegt also nicht in den politischen Parteien, sondern
in den wirtschaftlichen Kampforganisationen der Arbeiter. Diese Erkenntnis
war es, die die Anarcho-Syndikalisten zwang, all ihre Aktivität auf die
Erziehung der Massen zum Sozialismus und den Gebrauch ihrer
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht zu konzentrieren. Ihre
Methode ist die der direkten Aktion sowohl im wirtschaftlichen als auch im
politischen Kampfgeschehen ihrer Zeit. Das ist die einzige Methode, die in
der Lage war, in jedem historisch entscheidenden Augenblick etwas zu
erreichen. Und die Bourgeoisie hat sich in ihren Kämpfen gegen den
Absolutismus auch ausgiebig dieser Methode bedient und hat durch
Weigerung, die Steuern zu bezahlen, durch Boykott und Revolution ihre
Position als herrschende Klassen in der Gesellschaft trotzig gesichert. Um
so schlimmer, daß ihre heutigen Repräsentanten die Geschichte ihrer Väter
vergessen haben und angesichts der „ungesetzlichen Methoden“ der um
ihre Befreiung kämpfenden Arbeiter Zeter und Mordio schreien. Als habe
das Recht jemals einer unterdrückten Klasse erlaubt, ihr Joch abzuschütteln.
Direkte
Aktion
Unter
direkter Aktion verstehen die Anarcho-Syndikalisten jede von den Arbeitern
gegen ihre ökonomischen und politischen Unterdrücker angewandte Methode
unmittelbaren Kampfes. Die typischsten darunter sind: der Streik in all
seinen Variationen vom einfachen Lohnkampf bis zum Generalstreik; der
Boykott; Sabotage in all ihren unzähligen Formen; anti-militaristische
Propaganda und in besonders kritischen Fällen, wie heute z. B. in
Spanien, bewaffneter Widerstand des Volkes um der Sicherung von Leben und
Freiheit willen.
Unter
diesen Kampfmethoden ist der Streik, d. h. die organisierte
Arbeitsverweigerung, die am meisten verwandte ... In ihrer einfachsten
Form ist er für die Arbeiter ein unentbehrliches
Mittel, ihren
Lebensstandard zu heben oder ihre erreichten Vorteile gegen die
konzertierte Aktion der Unternehmer zu verteidigen. Aber der Streik ist für
die Arbeiter nicht nur ein Mittel zur Verteidigung unmittelbarer ökonomischer
Interessen, er ist auch eine fortgesetzte Schulung ihrer Widerstandskräfte
... Hier stoßen wir auf die allgemeine kulturelle Bedeutung des
Arbeitsstreiks. Die wirtschaftliche Allianz der Produzenten versieht sie
nicht nur mit einer Waffe zur Erzwingung besserer Lebensbedingungen, sie
wird ihnen zur praktischen Schule, zur „Universität“ der Erfahrung,
aus der sie in reichstem Maße Instruktion und Aufklärung ziehen. Die
praktischen Erfahrungen und Vorkommnisse der täglichen Kämpfe der
Arbeiter finden in ihren Organisationen einen geistigen Niederschlag,
vertiefen ihr Verständnis und erweitern ihren geistigen Horizont... Eines
der wichtigsten Ergebnisse der täglichen Wirtschaftskämpfe ist die
Entwicklung der Solidarität unter den Arbeitern, und dies hat für sie
eine ganz andere Bedeutung als die der politischen Koalition von Parteien,
deren Anhängerschaft sich aus Mitgliedern aller sozialen Klassen
zusammensetzt. Ein Gefühl gegenseitiger Hilfsbereitschaft, deren Stärke
im täglichen Kampf um das Lebensnotwendige ständig erneuert wird, weil
dieser Kampf an die Kooperation von Menschen, die denselben Bedingungen
unterworfen sind, die allerhöchsten Anforderungen stellt... entwickelt
sich allmählich zu einem neuen Gefühl des Rechts und wird zum ethischen
Postulat, das Voraussetzung aller Anstrengung zur Befreiung einer unterdrückten
Klasse ist.
Diese
natürliche Solidarität der Arbeiter zu pflegen und zu stärken und jeder
Streikbewegung einen tieferen sozialen Charakter zu verleihen, ist eine
der wichtigsten Aufgaben, die sich die Anarcho-Syndikalisten gesetzt
haben. Aus diesem Grunde ist der Sympathiestreik eine ihrer beliebtesten
Waffen... Durch ihn wird der Wirtschaftskampf zu einer Aktion, bei der
sich die Arbeiter ihrer als Klasse bewußt werden. Der Sympathiestreik ist
die Zusammenarbeit von verwandten, aber auch nicht verwandten
Arbeitszweigen, um
dem Kampf eines besonderen Berufszweiges dadurch zum Siege zu verhelfen,
daß man ihn, wo das nötig ist, auf andere Berufszweige ausdehnt. In
diesem Fall begnügen sich die Arbeiter nicht damit, ihre kämpfenden Brüder
finanziell zu unterstützen, sondern gehen weiter und schlagen, indem sie
ganze Industriezweige lahmlegen, eine Bresche ins ökonomische Leben, um
ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen ...
Die
direkte Aktion der organisierten Arbeiterschaft findet ihren stärksten
Ausdruck im Generalstreik; in der durch den organisierten Widerstand des
Proletariats eintretenden Niederlegung der Arbeit in allen
Produktionszweigen, mit allen daraus sich ergebenden Konsequenzen. Er ist
die stärkste Waffe, die den Arbeitern zu Gebote steht und verleiht ihrer
Stärke als sozialer Faktor den sichtbarsten Ausdruck ... Der
Generalstreik kann verschiedenen Zwecken dienen. Er kann die letzte Stufe
eines Sympathiestreiks sein, wie z.B. der Generalstreik von Barcelona im
Februar 1902 oder der von Bilbao im Oktober 1903, die den Bergarbeitern
dazu verhalfen, von dem verhaßten Trucksystem (Anm.: Bezahlung der
Arbeit in Waren statt in Geld) loszukommen, und die die Unternehmer
zwangen, sanitäre Anlagen in den Minen zu errichten. Er kann leicht zu
einem Mittel werden, durch das die organisierte Arbeiterschaft irgendeine
allgemeine Forderung durchzusetzen sucht, wie z. B. in dem Versuch eines
Generalstreiks im Jahre 1886 in den USA, der das Zugeständnis des
Achtstundentages in allen Industrien erzwingen sollte ...
Aber
der Generalstreik kann auch politische Ziele verfolgen, wie z.B. der Kampf
der spanischen Arbeiter im Jahre 1904 um die Befreiung politischer
Gefangener... Aber in Spanien entwickelte sich die Streikbewegung unter
den Arbeitern und Bauern 1936 nach der faschistischen Revolte zu einem
„sozialen Generalstreik“ (Huelga general) und führte zum bewaffneten
Widerstand und damit zur Abschaffung der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung und zur Reorganisation des Wirtschaftslebens durch die
Arbeiter selbst.
Die
große Bedeutung des Generalstreiks liegt in folgendem: Er bringt auf
einen Schlag das gesamte ökonomische System zum Stillstand und erschüttert
es bis in seine Grundfesten hinein. Überdies ist eine solche Aktion in
keiner Weise abhängig von dem praktischen Vorbereitetsein aller Arbeiter,
wie ja nie alle Bürger eines Landes sich an einem politischen Umschwung
beteiligt haben. Daß die organisierten Arbeiter in den wichtigsten
Industriezweigen die Arbeit niederlegen, genügt vollkommen, um den
gesamten Wirtschaftsmechanismus lahmzulegen, der ohne die tägliche
Versorgung mit Kohle, Elektrizität und Rohmaterialien aller Art nicht
funktionieren kann. Aber wenn die herrschenden Klassen mit einer
energischen, organisierten Arbeiterklasse, die im täglichen Konflikt
geschult sind, konfrontiert werden und erkennen, was auf dem Spiele steht,
werden sie sehr viel williger sein, die notwendigen Zugeständnisse zu
machen, und vor allem werden sie fürchten, einen Kurs mit den Arbeitern
einzuschlagen, der sie zu Extremen treiben könnte...
Ein
Generalstreik ... führt unvermeidlich zu einer Zersplitterung der militärischen
Kräfte, da in einer solchen Situation das Hauptanliegen der Schutz aller
wichtigen Industriezentren und der Transportwege vor den rebellischen
Arbeitern ist. Das bedeutet aber, daß die militärische Disziplin sich
lockert, die immer dann am stärksten ist, wenn die Soldaten in großen
Formationen operieren. Wo das Militär in kleineren Gruppen sich dem
entschlossenen Kampf des Volkes für seine Freiheit gegenübersieht,
besteht immer die Möglichkeit, daß zumindest ein Teil der Soldaten zu
der Einsicht gelangen wird, daß es schließlich ihre eigenen Eltern und
Brüder sind, auf die sie mit ihren Waffen zeigen. Denn auch der
Militarismus ist vornehmlich ein psychologisches Problem, und sein
entsetzlicher Einfluß manifestiert sich immer dort am gefährlichsten, wo
dem Individuum keine Chance gegeben ist, über seine eigene Würde als
Mensch nachzudenken, keine Chance, zu sehen, daß es höhere Aufgaben im
Leben gibt als sich den blutigen Unterdrückern des eigenen Volkes zur
Verfügung zu stellen ...
Unter
den Waffen im anarcho-syndikalistischen Arsenal ist Sabotage diejenige,
die die Unternehmer am meisten fürchten und am härtesten als
„ungesetzlich“ verdammen ... Sabotage besteht darin, daß die Arbeiter
dem normalen Arbeitsablauf jedes erdenkliche Hindernis in den Weg legen.
Das geschieht zumeist dann, wenn die Unternehmer sich einer schlechten
wirtschaftlichen Situation oder einer anderen günstigen Gelegenheit
bedienen wollen, um die normalen Arbeitsbedingungen durch Lohnkürzungen
oder Verlängerung der Arbeitszeit zu verschlechtern. Der Ausdruck selbst
leitet sich von dem französischen Wort „sa-bot“, Holzschuh, ab, und
bedeutet „so ungeschickt zu arbeiten wie unter den Schlägen von
Holzschuhen“. Die ganze Bedeutung der Sabotage erschöpft sich in der
Tat in dem Motto: schlechte Arbeit für schlechte Bezahlung... Die Politik
des „ca'canny“ (mach' langsam), die die englischen Arbeiter zusammen
mit der Phrase von ihren schottischen Brüdern übernahmen, war die erste
und wirkungsvollste Form der Sabotage. Es gibt heute in jeder Industrie
Hunderte von Möglichkeiten, durch welche die Arbeiter die Produktion
ernsthaft stören können; unter dem modernen arbeitsteiligen System kann
oft die geringfügigste Störung in einem Zweig der Arbeit den gesamten
Produktionsprozeß zum Stillstand bringen. So brachten die Eisenbahner in
Frankreich und Italien durch den sog. Greve perlee (Perlenstreik) das
gesamte Transportsystem in Unordnung. Um das zu erreichen, hatten sie
nicht mehr zu tun als dem strikten Buchstaben der bestehenden
Transportgesetze zu gehorchen, und es damit unmöglich zu machen, daß
irgendein Zug seinen Bestimmungsort fahrplanmäßig erreichte... Der sog.
Sitzstreik, der mit so überraschender Geschwindigkeit von Europa nach
Amerika verpflanzt wurde
und darin besteht, daß
die Arbeiter, ohne auch nur einen Finger zu krümmen, Tag und Nacht im
Betrieb bleiben, um damit Streikbrecher am Arbeiten zu hindern, gehört zu
der Kategorie der Sabotage ...
Der
soziale Streik
Eine
andere wirkungsvolle Form der direkten Aktion ist der soziale Streik, der
ohne Zweifel in der nächsten Zukunft eine viel größere Rolle spielen
wird. Er ist weniger an den unmittelbaren Interessen der Produzenten
interessiert als am Schutz der Gemeinschaft vor den bösartigen Auswüchsen
des gegenwärtigen Systems. Der soziale Streik versucht, den Unternehmern
ein Verantwortungsgefühl für die Öffentlichkeit aufzuzwingen.
Zuallererst geht es ihm um den Schutz der Konsumenten, deren große
Mehrheit von den Arbeitern selbst gestellt wird. Die Aufgabe der
Gewerkschaft hat sich bislang nahezu ausschließlich auf den Schutz des
Arbeiters als Produzent beschränkt. Solange der Unternehmer die
vereinbarte Arbeitszeit einhielt und den festgesetzten Lohn zahlte, war
dieser Aufgabe Genüge getan. Mit anderen Worten: Die Gewerkschaft ist nur
an den Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder interessiert, nicht an der Art
der Arbeit, die sie verrichten. Theoretisch ist es in der Tat bestätigt,
daß die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf einem Vertrag
zur Erreichung eines bestimmten Zweckes beruht. Der Zweck ist in diesem
Fall die Produktion. Aber ein Vertrag hat nur dann einen Sinn, wenn beide
Parteien gleichmäßig an diesem Zweck beteiligt sind. In Wirklichkeit
aber hat der Arbeiter heute kein Wort mitzureden bei der Planung der
Produktion, diese liegt völlig im Belieben des Unternehmers. Die
Konsequenz ist, daß der Arbeiter dazu erniedrigt wird, tausend Dinge zu
tun, die nur dazu dienen, die Gesamtheit zum Vorteile des Unternehmers zu
schädigen. Er ist gezwungen, von schlechten und oft gefährlichen
Materialien Gebrauch zu machen bei der Herstellung seiner Produkte,
armselige Wohnungen zu bauen, verdorbene Lebensmittel anzubieten und unzählige
Handlungen zu verüben, die zum Betrug des Verbrauchers geplant sind.
Hier
rigoros einzugreifen ist nach Ansicht der Anarcho-Syndikalisten die große
Zukunftsaufgabe der Gewerkschaften. Ein Fortschritt in dieser Richtung würde
gleichzeitig die Stellung der Arbeiter innerhalb der Gesellschaft erhöhen
und würde in hohem Grade diese Stellung auch sichern. Verschiedene
Anstrengungen auf diesem Gebiet wurden schon gemacht, wie z. B. der Streik
der Bauarbeiter von Barcelona bezeugt, die sich weigerten, schlechtes
Material und Überreste alter Gebäude zur Errichtung von
Arbeiterwohnungen zu benutzen (1902). Die Streiks in den großen
Restaurants in Paris, bei denen sich die Küchenangestellten weigerten, um
niedrigerer Preise willen halbverfaultes Fleisch zuzubereiten (1906), sind
ein weiteres Beispiel...
...
Die Resolution der deutschen Rüstungsarbeiter auf dem Kongreß von Erfurt
(1919), keine Waffen für den Krieg mehr herzustellen und die Unternehmer
zu zwingen, ihre Anlagen für andere Zwecke umzubauen, gehört zu
derselben Kategorie ...
Als
ausgesprochene Gegner aller nationalistischen Ambitionen haben die
revolutionären Syndikalisten, besonders in den romanischen Ländern,
immer einen beträchtlichen Teil ihrer Aktivität der antimilitaristischen
Propaganda gewidmet, indem sie versuchten, die Arbeiter im Soldatenmantel
ihrer Klasse loyal zu erhalten und zu verhindern, daß sie ihre Waffen im
Falle eines Streiks gegen ihre Brüder kehren ... Die
Anarcho-Syndikalisten wissen, daß Kriege nur im Interesse der
herrschenden Klasse geführt werden; sie glauben daher, daß jedes Mittel
legitim ist, das den organisierten Völkermord verhindern kann. Auf diesem
Gebiet haben die Arbeiter alle Waffen in ihrer Hand, wenn sie nur den
Wunsch und die moralische Kraft besäßen, sie zu nutzen.
Vor
allem ist es notwendig, die Arbeiterbewegung von ihrer internationalen
Verknöcherung zu heilen und sie von der hohlen Phrasendrescherei der
politischen Parteien zu befreien, damit sie geistig die Führung übernehme
und aus sich heraus die schöpferischen Voraussetzungen schaffe, die der
Realisation des Sozialismus vorausgehen müssen. Die praktische
Erreichbarkeit dieses Zieles muß den Arbeitern zur inneren Gewißheit
werden und zu einer ethischen Notwendigkeit reifen. Das große Endziel des
Sozialismus muß aus allen praktischen Tageskämpfen auftauchen und ihnen
einen sozialen Charakter verleihen. Im kleinlichsten Streit, der aus den
Bedürfnissen des Augenblicks erwächst, muß sich das große Ziel der
sozialen Befreiung spiegeln und jeder derartige Kampf muß helfen, den Weg
zu ebnen und den Geist zu stärken, der die innere Sehnsucht seiner Träger
in Wille und Tat umsetzt.
Aus:
Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik,
Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970
Nach:
Anarcho-Syndicalism.
Indore
(Indien) 1938. Aus dem Englischen von Ingeborg Brandies
Mit
freundlicher Erlaubnis des Abraham
Melzer Verlag´s
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