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Ein Kapitel zur Landarbeiterfrage

Wenn man in Deutschland von Landarbeitern und Bauern spricht, gleichviel wer es tut, dann stellt man sich darunter etwas äußerst Zurückgebliebenes, ja oft sogar etwas Dummes vor. Die Industriearbeiter selbst, die ausgebeuteten, in öde Formen und Schablonen gedrängten Menschen, die botmäßigen untergeordneten Lohnarbeiter, die im Geschäftswesen so ganz und gar nichts zu sagen haben, sprechen von den Bauern als von etwas unsäglich Unfähigem, das sie, die weiter Entwickelten, zurückhält, ihre Art der Freiheit jetzt schon zu erreichen! Eine Art Mitleid mit den "tiefstehenden" Landbewohnern und eine Art eitler Selbstgefälligkeit bringt sie zu der Meinung, daß das Heil aus ihrem Tun kommen müsse und daß sie später, wenn sie erst die Industriearbeiter alle "aufgeklärt" haben, den Bauern das Licht bringen müssen. Für heute aber vergessen sie die Landbewohner am liebsten.

Die Sozialdemokratie, die sich gerne die "einzige" Volksbewegung nennt und der die Industriearbeiter in dunklen Haufen nachlaufen, ist, dem Gehalt ihrer Lehren nach und noch mehr in ihrem Tun, den Bauern recht fremd geblieben, wie es ja auch ganz natürlich ist, daß eine Bewegung, die alles vom Industrialismus erwartet, unter den Bauern, die noch mehr in natürlichen, wenn auch unfreien Verhältnissen leben, wenig Werbekraft haben kann. Wenn in ländlichen Bezirken nun bei Wahlen doch mehr oder weniger sozialdemokratische Stimmen abgegeben werden, so sind diese weniger von Menschen, die sich mit Haut und Haar der Sozialdemokratie verschrieben haben, als von solchen, die mit ihrer Lage unzufrieden, auf diese Weise ihrer Unlust Ausdruck geben. Daß sie dabei nicht über die sozialdemokratische Stimmabgabe hinauskommen, das kommt von ihrem Unvermögen, die volkswirtschaftlichen, politischen und andere Dinge des Lebens zu überschauen. Mit ihrem Gefühl, mit ihrem lebendigen Drängen sind die unzufriedenen Elemente unter den Landbewohnern in Wahrheit weiter voraus als die meisten in Fabriken und Stadtleben abgestumpften "Freiheitskämpfer". Wo Landarbeiter zur Sozialdemokratie zählen, sind es Rebellen gegen die bestehenden Zustände, die mehr als so manche gewichtig tuenden Tröpfe in den Städten, kraft der Urgewalt ihres natürlichen Rechtsbewußtseins da hin drängen, wo es ihnen dünkt freier zu sein. Dabei schauen und hören sie weniger auf politischen Schliff, auf prinzipielle oder systematische Streitfragen, dabei finden sie weniger Gefallen an den Wortspielen gebändigter und gefütterter Revolutionäre in Beamtenstellungen; selbst gegen Beschlüsse und Gesetze, die in den Parlamenten gemacht werden, sind sie gleichgültiger als die halbgebildeten und ob ihrer "großen Aufgeklärtheit" eingebildeten Stadtproletarier. Sie, die unzufriedenen Landarbeiter, erwarten unwillkürlich und unbewußt von den radikalen Bewegungen Rettung aus ihrem Elend; sie folgen dabei am liebsten denen, die ihnen am volkstümlichsten und wahrscheinlichsten das Beste versprechen, und die gegen ihre Peiniger am schärfsten zu Felde ziehen. Das ist kindlich-naiv. Aber man darf nicht vergessen, daß die meisten Feldarbeiter wie große, unerweckte Kinder sind, die erst aufgerüttelt werden müssen, um sich recht entfalten zu können, die erst im eigenen Bewußtsein darauf kommen müssen, was Menschenwürde, was Arbeit und Verkehr in Freiheit und Gerechtigkeit bedeutet gegenüber ihrer heutigen Lage.
 
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Vor mir liegt ein 32 Seiten starkes Heftchen von Friedrich Köster über "den Kampf und den Sieg der zirka 1000 Feldarbeiterinnen von Groß-Ottersleben und Umgebung". Friedrich Köster schildert die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Feldarbeiterinnen, und das Gelesene wirkt noch in mir nach. Im Geiste bin ich in Ostpreußen und Mecklenburg; ich sehe fruchtbares Ackerland, blühende Fluren, reifende Früchte und elende, hungrige Menschen; ich sehe unter den brennenden Strahlen der Sonne gebückte Menschen, die mühevoll arbeiten, und ich denke dabei an die Hundelöhne, die sie erhalten, und ich denke an ihre Herren, an die "von Gottes Gnaden", die oft in den Städten ein ausschweifendes Leben in ungesunder Fülle leben. Was Köster in seiner Broschüre vom Elend, vom Kampf und Sieg schreibt, das spielt sich nicht im entlegenen Ostpreußen ab, sondern um Magdeburg, eine Stadt im Herzen Deutschlands.

Eine Mark und zwanzig Pfennige erhalten die Feldarbeiterinnen für den Tag. Ich verstehe, was die Zahl erzählt: sie klagt von namenloser Armut, von baufälligen Hütten, von hungrigen Kindern und kalten Stuben, von unendlich rührender Geduld, sie erzählt von Unlust und daraus entstehender Häßlichkeit in Verkehr und Leben, von Stumpfheit und gereizter Brutalität. Und sie erzählt auch von den Festen, die Herren feiern, in deren Dienst die tausend Menschenhände sich rühren.

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Ganz verschieden ist ja nun die Lage der Bauern und Feldarbeiter im großen deutschen Lande. Wer im Frühjahr, Hochsommer oder Frühherbst einmal eine Reise durch die ostelbischen Provinzen macht und seine Augen über die weiten Länderstrecken schweifen läßt, sieht die breiten Reihen hingebückter Menschen, die das Feld oder die Früchte bearbeiten, der sieht auch, wie ein Aufseher, die Reitpeitsche in der Hand, im engen Kreis um die schaffenden Menschen herumreitet und auf jede ihrer Bewegungen achtet. So oft ich ein solches Bild sehe, muß ich an die Knechtschaft der Kinder Israel unter den pharaonischen Königen denken, und einmal mußten wir, ein guter Kamerad und ich, für unsere Befreiungsgelüste von diesen Geknechteten Unbill erdulden. Ein Aufseher mißhandelte ein halberwachsenes Mädchen mit liebem Gesicht; und da wir darüber entrüstet waren, wurden wir von den Geknechteten selber auf Befehl ihres Frohnvogtes aus dem Acker getrieben, und dabei schlugen sie so lebhaft auf uns ein, als gälten die Prügel dem Herrn selber. Heute noch brennen mich die Prügel, wenn ich daran denke, daß arme Feldarbeiter heute wie damals von manchen Herren mißhandelt werden und noch auf seinen Befehl ihren Helfer mißhandeln.

Am schlimmsten steht es ja wohl in Ostpreußen. Meist sind die Feldarbeiter dort angeworbene Arbeiter, Polen, Finnen, Ruthenen, die der deutschen Sprache nicht mächtig, den Gutsbesitzern auf Gnade und Ungnade preisgegeben sind, und die um des erbärmlichsten Daseins willen überlang arbeiten müssen. Nicht daß diese Menschen durchaus feige, daß sie durchaus schlecht oder dumm wären; sie sind aus ihrer Heimatserde losgerissen, in fremden Boden versetzt, hilflos und fremd und wissen nicht, was sie beginnen sollen, um sich zu helfen. Ist aber einer unter einer Gruppe von ihnen, der gewandt und stark in glühenden Worten alle ihre Schmach empfinden läßt, der sie aus ihrer Verzagtheit zum Leben reißt, dann geschieht es zuweilen, daß ein ganzer Zug von Arbeitern mitten in der Ernte die Arbeit niederlegt und aufs Geratewohl davon, der Heimat oder andern Orten zu wandert. Nur aufgerüttelt brauchen die Menschen zu werden, um aus den armen hilflosen Landarbeitern, die alles in dumpfer Gleichgültigkeit nehmen wie es ist, Kämpfer fürs Recht und für die Freiheit zu werden.

Kann man von den angeworbenen Feldarbeitern in Ostpreußen wie von ausgesprochenen Proletariern reden, die weder über eigenen Grund und Boden, über eigene Wohnungen, noch über eigene Arbeitsmittel verfügen, so leben die Kleinbauern in Süddeutschland wieder in ganz andern Verhältnissen. Der bayrische, badische und württembergische Bauer verfügt über sein größeres oder kleineres Stück Land, über sein eigenes Haus, mehr oder weniger schuldenfrei, über seine eigenen Arbeitsmittel, über Vieh und Futtermittel, gebietet bis zu dem Grad der Freiheit, der heute möglich ist, über sein Besitztum und über die Art seiner Arbeit; bringt seine Erzeugnisse in die Stadt, um dagegen das anzukaufen, was ihm selber herzustellen nicht möglich ist. Die Hilfskräfte, die er braucht, um die Arbeit zu leisten, sind, wenn nicht Familienmitglieder, Knechte und Mägde, welche trotz der vielen Arbeit und des geringen Lohnes besser und menschenwürdiger leben als die geworbenen Feldarbeiter im nördlichen Deutschland. In den meisten Bauernfamilien besteht die Sitte, daß alle, die zum Hof gehören, gemeinschaftlich arbeiten und essen; der Bauer, die Bäuerin, die Kinder, Knechte und Mägde, alle sitzen an einem Tisch. Nicht wenige der Klein- und Großbauern tun sich auch etwas darauf zu Gute, gerecht gegen die Dienstboten zu sein. Obwohl natürlich Unfreiheit genug vorhanden ist, sind die Verhältnisse dort besser, und wenn erst die Bauern und Knechte, wenn erst im Süddeutschen alle Landarbeiter aus ihrem unbewußten Gemeindewesen, das eben dadurch, daß es unbewußt, auch ungerecht ist, durch einen neuen Geist und neue Ideen zu einem bewußten Leben in freier Gemeinschaft kommen werden, dann können sie es weiter bringen als die Industriearbeiter in den Städten, die gar oft leeren Phantomen nachjagen und nicht merken, daß ihr Weg sie immer kreisum führt, in fortwährendem, aber qualvollem Blindekuhspiel.

Die Verhältnisse in Mitteldeutschland, in Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover und in der Provinz Sachsen sind wie ein Mittelding zwischen dem östlichen Preußen und Süddeutschland. Es gibt hier selbständige Kleinbauern und es gibt Gutsbesitzer, die zur Saison hundert und tausend Menschen in ihren Dienst stellen. Es gibt Menschen, die ein Häuslein, ein Stückchen Ackerland oder Garten haben, das aber nicht ausreichend genug ist, um sie durch die fleißigste Bearbeitung ernähren zu können. Diese Menschen können sehr wohl zum Proletariat gezählt werden. Frauen und Kinder arbeiten zur Erntezeit für die Gutsbesitzer, und die Männer und Väter schaffen in den Städten oder auch auf dem Lande selbst als Bauarbeiter.

Von dem Leben dieser letzteren, und von ihrem Kampf ums Leben spricht Fr. Köster in seiner Broschüre. Die Bewegung, die eingesetzt und auch bereits etwas erreicht hat, kann ein überaus lehrreiches Beispiel für uns sein. Ich will so kurz als möglich das für uns Wichtigste aus dem Heftchen Kösters in meiner Sprache wiedergeben.

Bis zum Jahre 1889 erhielten die Feldarbeiterinnen um Magdeburg 1 Mark Tagelohn. Als dann im Jahre 1890 eine lebhafte Bewegung der Frauen einsetzte und auf den Feldern der Gutsbesitzer die Früchte der Bearbeitung harrten, half ein zweistündiger Streik, um den Lohn auf 1.25 Mark zu steigern. Die "Magdeburger Volksstimme", die sozialdemokratische Zeitung, gesellte sich damals zu den unzufriedenen Arbeiterinnen, und es ist bezeichnend, daß sie seit dieser Zeit sich nicht mehr ernstlich weiter um sie kümmerte, sie sogar schnöd im Stich ließ. Köster, der damals mit an der Spitze der Bewegung stand, mußte verschiedener Preßvergehen wegen das deutsche "Vaterland" verlassen und fand bis zum Ende des vorigen Jahres in der Schweiz ein Unterkommen, um welche Zeit er nach Magdeburg zurückkehrte. Mittlerweile waren 18 Jahre vergangen, und wie unmöglich es auch klingen mag: trotz der ungeheuren Steigerung der Lebensmittel, der Wohnungsmieten und Steuern, trotz der überaus intensiven Arbeitsweise und Ausbeutung der Menschenkraft waren in den 18 Jahren die Löhne der Feldarbeiterinnen nicht gestiegen. Die Arbeiterinnen auf dem Land gaben sich oft die redlichste Mühe, mit Hilfe der Männer Bewegungen ins Leben zu rufen, da sie aber keinerlei Hilfe und Beistand von den redegewandten und im Besitz der Presse befindlichen Tribunen des städtischen Proletariats fanden, so erreichten sie nichts. Die Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführer kümmerten sich um die Landarbeiterinnen nicht und verlegten ihre ganze Tätigkeit in die Städte; aufs Land kamen sie mit großen Versprechungen nur zur Zeit der Wahlen, wo sie der Männer Stimmen brauchten.

Köster in seiner prachtvollen Zähigkeit stellte sich die Aufgabe, mit Hilfe einiger eifriger Kameraden sein vor 18 Jahren unterbrochenes Werk wieder aufzunehmen und weiterzuführen. Als er die Führer der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften um Mitarbeit aufrief, wußten sie keinen Rat als auf den Verband der Land-, Wald- und Weinbergsarbeiter aufmerksam zu machen und zu empfehlen, vorerst die Arbeiterinnen zu organisieren, um in einigen Jahren erfolgreich kämpfen zu können. Man erzählte dabei von langwierigen Kämpfen, die aber bei Feldarbeitern ein Ding der Unmöglichkeit sind, usw. Köster schreibt an dieser Stelle in seiner derben, volkstümlichen Art: "Hätte ich mir damals diese Auflassung zu eigen gemacht, meine eigenen gut fundierten Erfahrungen mit neuem Kalbfell überzogen und hätte mit lautem Bimbim den Frauensleuten die Organisationsgedanken in den Leib gerieben, und wäre dergestalt unter zentralverbändlerisch organisierter Marschroute von Dorf zu Dorf gewandert, mit Aufnahmescheinen, Stempel und Stempelkissen wohl versehen, dann wäre dieses Schriftchen hiermit abgeschlossen."

Des heißt, es wäre jede Bewegung unterblieben. Einem Menschen natürlich, dem es in erster Linie darauf ankommt, den Uebelständen abzuhelfen und für die Armen etwas zu erreichen, und der die Organisationsform über die lebendigen Menschen stellt; einem Mann wie Köster, der weiß, daß die Landarbeiter fähig sind, aus eigener Kraft etwas zu tun, wenn man sie nur im rechten Augenblick zu fassen und zusammenzuhalten weiß, mußte da natürlich das Handeln auf eigene Faust das Nächste sein. In Verbindung mit seinen Kameraden hielt er Versammlungen ab, machte Propaganda für den Streik, wenn die Gutsbesitzer nicht bewilligen würden, und fand überall die lebhafteste Zustimmung der Arbeiterinnen. Wie es fast unmöglich erscheint, so ist es wahr, daß die Sozialdemokraten mitsamt ihrer verbreiteten Presse aus Furcht vor Gesetzen, die gar nicht anwendbar waren, vielleicht auch weil der freie Sozialist Köster selbständig handelte, ohne die vorgeschriebenen Instanzen zu befragen, den Arbeiterinnen jede Hilfe verweigerten und dem Wirken der Männer Steine in den Weg legten.

Dem Abtrünnigen, dem ungehorsamen Köster, wußte man natürlich allerlei Verläumdungen nachzureden; nichts half; die Feldarbeiterinnen bildeten ein Komitee, sandten am 6. Mai ihre formulierten Forderungen an 75 Gutsbesitzer der Umgebung mit dem Ersuchen, innerhalb 10 Tagen Antwort zu geben, andernfalls die Feldarbeiterinnen ihre weiteren Wege beschreiten würden. Keine Antwort war auch eine Antwort: Köster kann hier die Sätze bringen: "Man muß es selbst erlebt haben, um die ganze Wonne zu empfinden, als am Morgen des 20. Mai sämtliche Arbeiterinnen auf den 3000 Morgen großen Koppeln des Rittergutes Böckelmann die Harken niederlegten. Solche Momente wiegen ein halbes Leben bitterer Enttäuschungen auf. Man möchte all die Menschen an die Brust drücken, ob ein dralles, frisches Landkind oder ein runzliches Mütterchen, die ein an Entbehrungen reiches Leben auf den Äckern frohnte, um in ihren Kindern neues Ausbeutungsmaterial heranzubilden."

Ohne daß gefüllte Kassen da gewesen wären, ohne daß die "ganze Arbeiterschaft Deutschlands hinter den Streikenden stand", oder wie die alt gewordenen Phrasen des Lohnkampfes lauten, nur durch das herrliche Zusammenhalten und den bestimmten Willen der Arbeiterinnen wurde der Sieg herbeigeführt, waren in zwei Tagen die Löhne auf 1.50 pro Tag gestiegen. Und die Arbeiterinnen nahmen die Arbeit wieder auf mit dem festen Entschluß, fürs nächste Jahr die ganze weitere Umgebung lebendig zu machen, um weiteres zu erreichen. Nun könnte Kösters Schrift zu Ende sein, wenn es nicht Partei- und Gewerkschaftsbeamte gäbe, die scheelsüchtig, wie viele solcher Männer sind, sich an dem Köster, der sie so "schlecht behandelt hat", rächen wollten.

Aber nun geht ein Kapitel los, das jeder erleben kann, der eine abweichende Meinung von der hat, die in Partei- und Gewerkschattskreisen festgelegt ist. Ich will nichts davon erzählen; wer es hören will, der lese die Broschüre selbst*) oder er erlebe es, indem er seine eigne Meinung frei zu vertreten und danach zu handeln wagt.

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Was wir aus dem Vorgang lernen können, das ist viel. Es tritt deutlich zu Tage, daß die Landbewohner, die vernachlässigten Landbewohner, wohl fähig sind, sich zu rühren, wenn nur die rechten Menschen da sind, die ihnen fürs erste helfen, den Weg zu suchen, den sie zu gehen haben.

Wie die Feldarbeiterinnen um Magdeburg mit großer Begeisterung kämpfen konnten, können es die Bauern im Süddeutschen, können es die Landarbeiter in Ostpreußen, wenn ihnen Menschen erstehen, die sie erwecken.

Mancherlei, vielerlei kann getan werden; viele Mittel wird es geben, um auch gerade für die Landarbeiter zu wirken, wenn nur die Menschen da sind, die aufhören, die Bauern zurückzustellen im scheinbaren Interesse der Stadtproletarier. Wird es gelingen, die rechte Verbindung zwischen den arbeitenden Landbewohnern und den arbeitenden Menschen in der Stadt zu knüpfen, dann mag es besser und schneller vorwärts gehen.

Wenn erst Kleinbauern beginnen, freie Gemeinden zu wollen, wenn erst Gruppen von freien Arbeitern in den Staaten, die die Bande des Kapitalismus abgeschüttelt haben und für sich schaffen, mit den Bauern in Tausch und Verbindung treten, dann werden wir andere Erfolge haben als die scheinbar großen "Erfolge" des "zielbewußten" Proletariats.

Wollen wir im Sozialistischen Bund diese Frage erörtern und zusehen, was wir tun können. Ich bin bereit.

Fritz Flierl

Anmerkung:
*) Friedrich Köster, Kampf und Sieg der ca. 1.000 Feldarbeiterinnen von Gr. Ottersleben und Umgebung im Mai 1910. Preis 20 Pfennig. Reinertrag zu Gunsten der Feldarbeiterbewegung in der Provinz Sachsen. — De Schrift ist von einem Volksmann verfaßt, der spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und seine Worte kommen derb, urwüchsig und humorvoll heraus. — Auch durch uns zu beziehen.

Aus: "Der Sozialist. Organ des Sozialistischen Bundes", 2. Jahrgang, Nr. 18, 15.9.1910. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.