Gustav Landauer - Volk und Land: Dreißig sozialistische Thesen (1907)

1. Mit dem Wort Sozialismus, das - wie übrigens alle Begriffe - nicht abstrakt zu definieren, sondern nur aus seiner historischen Bedingtheit mehr oder weniger scharf zu umgrenzen ist, faßt man Willensrichtungen zusammen, die auf eine bestimmte, noch näher zu beschreibende Umwandlung der gesellschaftlichen Zustände, der Gewinnung, Herstellung und Verteilung der Lebens- und Kulturgüter abzielen.
 
2. Alle Umwandlungstendenzen müssen sich richten - gleichviel, wie weit die Wollenden sich dessen bewußt sind - erstens nach dem, was entweder auf Grund von Erkenntnissen oder auf Grund der Lebenslage und des von beiden geförderten oder gehemmten Trieblebens oder auf Grund von Kulturidea­len mannigfacher Herkunft als Notwendigkeit für die Zukunft empfunden wird; und zweitens nach den Möglichkeiten, die auf dem Grunde der Vergangenheit in den äußeren und inneren Zuständen der Menschen vorhanden sind.
 
3. Wer bedenkt, wieviel in diesen abgekürzten und komprimierten Worten an Mannigfaltigkeit, Nuancierung und Unvereinbarkeit steckt, wird begreifen und selbstverständlich finden, daß eine so ins Allgemeine und Weite und ebenso ins Einzelne und überallhin gehende Tendenz wie der Sozialismus nicht einheitlich sein kann, sondern vielfach verzweigt, zersplittert und differenziert sein muß.
 
4. Der Sozialismus richtet sich gegen die in der heutigen Organisation der Gesellschaft ohne Zweifel vorhandene und überall zur Wirklichkeit gewordene Möglichkeit, daß man trotz wirtschaftlich nützlicher Arbeit arm sein, bleiben oder werden kann, und daß man trotz wirtschaftlich unnützer Arbeit oder völliger Arbeitslosigkeit reich sein, bleiben oder werden kann; ferner gegen die Möglichkeit und Wirklichkeit, daß man trotz des Willens zur Arbeit nicht zur Arbeit zugelassen wird. Der Sozialismus will also Zustände schaffen, in denen jeder durch seine Arbeit sich und den zu seiner Obhut gehörirgen Kindern oder Greisen oder sonst Schwachen und Hilflosen nicht nur ein erträgliches, nicht nur ein genußreiches, sondern ein kulturerfülltes Leben schaffen kann.
 
5. Jeder Versuch, den Sozialismus in schärferen, bestimmteren, festeren Worten zu erklären, führt dahin, daß nicht das Wesen des Sozialismus, sondern einer bestimmten sozialistischen Richtung erklärt wird. Dies soll im weiteren geschehen, da die Absicht dieser Sätze natürlich ist, eine ganz bestimmte Richtung der Auffassung und des Willens, eben meine, zum Ausdruck zu bringen.
 
6. Noch einmal wiederholt: der Sozialist will, daß alle nützlich arbeitenden Menschen innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft (samt den dieser Gemeinschaft Angehörigen, die zur Arbeit unfähig oder aus besonderen Gründen von ihr befreit sind) die Möglichkeit zur vollen Teilnahme am Kulturleben haben.
 
7. Bevor wir nach den Wegen und Mitteln sehen, dieses Ziel zu erreichen, muß gesagt werden, was unter nützlicher Arbeit, was unter einer Gemeinschaft und was unter Kultur zu verstehen ist.
 
8. Nützlich oder produktiv nennen wir die Arbeit, die solche Güter gewinnt, durch Veränderung herstellt, transportiert oder verteilt, die für Lebenshaltung und Kultur der Menschen einer Gemeinschaft notwendig sind. Nützlich ist auch die Arbeit, die mit dem geringsten Kraftaufwand die eben bezeichnete Arbeit organisiert. Nützlich ist jegliche Arbeit, die Hilfsmittel für die produktive Arbeit herstellt oder Hindernisse entfernt. Nützlich ist die Arbeit all derer, die den Geist und den Körper ziehen und heilen. Nützlich ist die Arbeit forschender Menschen, die darauf abzielt, Gewinnung, Veränderung, Transport und Verteilung der Lebensgüter zu erleichtern oder zu verbessern. Nützlich ist es, den erarbeiteten Dingen oder den Formen der Arbeit Schönheit zu geben. Nützlich ist es, den arbeitenden Menschen Freudigkeit, Erhobenheit und tiefe Gefühle zu schenken.
 
9. Doch sind die zuletzt Genannten, die Forscher, die Künstler und die Dichter, schon auf der Grenze. Ihre Tätigkeit und die besondere Anlage ihres Geistes drängt dahin, sich aus dem Bereich produktiver Arbeit zu entfernen. Die Wissenschaft wird zur Weisheit; die Kunst wird ein Handwerk für sich, das nicht mehr den ändern Gewerken dient, sondern den tiefsten Nöten und Trieben der Menschlichkeit; die Dichtung löst sich von Schlacht, Jagd, Feld- und Weinbau und aller übrigen Arbeit: sie wird Kunst.
 
10. Nützlich ist nur zu nennen, was dem Leben dient, nicht (das Leben selbst). Niemand wird je das Essen, das Gehen und Stehen, das Schlafen oder den Stuhlgang, das Zeugen und das Gebären eine nützliche Arbeit genannt haben. Arbeit ist eine Lebensbetätigung zweiter, künstlicher Ordnung, die im Zustand, in der Bevölkerungsdichtigkeit und dem Klima der Kultur zur Lebensbetätigung der ersten oder natürlichen Ordnung nötig ist. Die Weisheit, die Kunst und das Dichten nun ist eine Lebensbetätigung dritter Ordnung, deren Namen wir gleich nennen wollen: Religion. Sie ist die zu neuer Natur gewordene Künstlichkeit, die nicht mehr dem Leben dient, sondern selbst Leben ist, wie die natürlichen Tätigkeiten, Empfindungen und Triebe unserer Natur, aus denen sie ihren Stoff nimmt. Nimmt sie ihren Stoff nicht aus dem Leben, der Schönheit seiner Stille und seiner Leidenschaften, sondern aus dem Reich zweiter Ordnung, den Mitteln zum Leben, aus der Sphäre des Nutzens und der Arbeit: dann ist das ein Zeichen, daß die Arbeit ge­hemmt und desorganisiert ist, daß die Konflikte, Wildheiten und Qualen, die allein dem natürlichen Leben vorbehalten bleiben, in ein Reich eingedrungen sind, wohin sie nicht gehören: in den Bereich der Arbeit, die dem Leben dienen soll.
 
11. Denker, Dichter und Künstler dienen nicht dem Nutzen, sondern dem Luxus oder der Religion. Die Frage ist heute nicht zu beantworten, was ratsam ist: ob in sozialistischer Gemeinschaft diese erhöhten Menschen, deren es immer nur wenige gibt, gut tun, sich produktiver Arbeit zu widmen und für die Religion oder den Luxus die vielen und langen Feierstunden zu erwarten; oder ob die Gemeinschaft sie königlich erhalten und pflegen wird, wie es einst mit den Priestern geschah. Vielleicht auch so: daß sie in jungen Jahren selbstverständlich der Arbeitsgemeinschaft angehören, bis ihre Größe so siegreich durchdringt, daß sie nur noch dem Geist und der Einsamkeit oder dem Fest leben können.
 
12. Es ist nicht wichtig, heute zu sagen, wie dieses Besondere kommen wird; denn gewiß ist hier nicht die Rede von Professoren, Journalisten, Dichterdilettanten und Denkmalmachern, sondern von wenigen, die man vielleicht immer, auch in den Zeiten sozialistischer Organisation der Arbeit, daran erkennen wird, daß sie verkannt werden. Mögen sie sich schließlich quälen und leiden: wer Luxus schafft, weil sein Leben luxuriert, muß auch im Schmerzerleiden üppig sein.
 
13. Zur Kultur eines Volkes oder einer Gemeinschaft gehören dem Klima entsprechende Ernährung, Körperpflege, Kleidung und Wohnung, reichliche Muße und, um sie zu ermöglichen, Anwendung aller den Volks- oder Gemeinschaftskräften erreichbaren Technik und, um die Muße schön zu erfüllen, die Mittel zu vielerlei Luxus der Sinne und Triebe, des Leibes und Geistes. Auch darüber ist nichts Bestimmteres in dieser Allgemeinheit zu sagen: Klima, geschichtlich gewordene Bedürfnisstufe, Technik und Luxusgewohnheit bedingen einander und schreiben einander das Maß vor.
 
14. Jetzt aber, wo wir daran gehen, zu sagen, was ein Volk oder eine Gemeinschaft ist, können wir uns nicht mehr, wie es bisher noch einigermaßen möglich war, mit den üblichen Ausdrücken einig halten. Es ist uns bisher gelungen, viele Besonderheiten durch sehr allgemeine Bemerkungen zu umfassen. Volk aber ist etwas, das es nicht gibt; und hier läßt sich nur sagen, daß Volk das Gefühl einer Zusammengehörigkeit vieler Menschen im Gegensatz zu ändern solchen Zusammengehörigkeitsgefühlen ist, daß aber Natur und Grundlage solcher Gefühle in jedem Fall ihre besonderen historischen Bedingungen hat, die nicht nur keine gemeinsame Wurzel, nicht nur keinen gemeinsamen Gattungsbegriff haben, sondern einander nicht einmal ähnlich sind.
 
15. Volk nämlich, wie man es heute meint, ist ein Mischgebilde aus Nationalität, staatlichen Grenzen und Wirtschafts­ oder Kultureinheit. Der Staat und seine Grenzen sind elende Zufallsprodukte der erbärmlichsten Erscheinungsformen sogenannter Geschichte. Nationalität, Rasse, Stammesqualitäten sind wundervoll tiefgewurzelte und verbindende Individualeigenschaften. Die französische Nation ist ein Sprachverein und darum ein Geistverband und eine Religionsgemeinschaft: Rabelais, Moliere, Voltaire sind ihre Fürsten und Könige. Ebenso die deutsche Nation: das Volkslied ist die Magna Charta dieses glorreichen Bundes und Goethe ist der König darin. Und so haben die Juden ihre Einheit und ihren Jesaias und Jesus und Spinoza. Es gab einmal einen andern Geistverein, der nicht dem Geist der Sprache unterworfen war und vor den Grenzen des Staates noch viel weniger haltmachte als die Sprache: die Christenheit mit ihrem Dante und ihrer Gotik, die von Moskau bis nach Sizilien und Spanien reichte. Ihr Ursprung war wie der Ursprung allen Geistes: aus den Köpfen, Sehnen und Herzen der Wenigen und aus den dumpf empfundenen Nöten und Begierden der Völker; ihr Sinn aber, als sie vollendet auf ihrer Höhe stand, war: Ausdruck, Zeichen und Verklärung, Kunst also einer Kulturgemeinschaft zu sein. Die Christenheit mit ihren gotischen Türmen und Zinnen, mit ihrer Symmetrie des Unsymmetrischen, mit ihrer Freiheit in schöner und strenger Gebundenheit, mit ihren Innungen und Brüderschaften war ein Volk im höchsten und gewaltigsten Sinn: innigste Durchdringung der Wirtschafts- und Kulturgemeinschaft mit dem Geistesbund.
 
16. Dies aber ist vorbei; und wann der göttliche Überwältiger kommt, der über unserer Kultur die Fahne des Geistes spannt und den Sturm des Wahnes wehen läßt, wissen wir nicht. Es gilt, uns einzurichten und klar zu sehen. Die große Einheit ist zerrissen; eine Unzahl kleiner Geistgemeinschaften ist da und will leben und hat keine notwendige Verbindung mit irgendeiner Gesamtkultur. Man begreife doch: das Spinnen und Weben, das Schmieden und Zimmern war einst durchdrungen von einem Geist. Mit unserer Fabrikation und mit unserm Ackerbau, mit unserm Handel und Wandel hat kein Geist und kein Wahn zu tun. Chemiker, Techniker, sogar die Juristen, soweit sie Organisatoren sind (ach Gott!), haben damit zu tun, als nützliche Menschen. Aber der Streit um Darwinismus oder Teleologie, um Willensfreiheit, um Materialismus und Spiritualismus steht auf einem ganz ändern Feld: dieser Geist hat keinen Körper als den Geist selber.
 
17. Friedrich Nietzsche hat den denkwürdigen und, wenn schöne Anspannung aller Kräfte so genannt werden darf, gewaltigen Versuch gemacht, dem Geiste diesen Körper, diese Beziehung zum Leben, diese Nützlichkeit zu geben. Wenn ich ihn recht verstehe, war der Antrieb seiner heftigen Gedanken wie seiner zartesten Stimmungen dieses Bedürfnis: die verstiegensten Phantasien und Konstruktionen des Geistes, die abgründlichsten Versunkenheiten der Seelen hinab- und hinaufzuholen zu den lebendigen Beziehungen der Menschen untereinander: allen Geist aus moralischen Bedürfnissen und Kräften zu erklären, alle Religionen und Geistgespinste auf die Bedürftigkeit oder die Machtfülle, jedenfalls also auf das Zusammenleben der Menschen, auf Ethos und Ethnos zurückzuführen. So einfach aber liegen die Dinge nicht: das Christentum war der Geist der Völker des Mittelalters, nicht, weil es der Ausdruck ihres Lebens und Mitlebens war, nicht, weil es irdische und körperhafte, moralische, Menschen verkettende Bedeutung hatte, sondern im Gegenteil: weil es dem Leben und Mitleben der Menschen einen überirdischen, einen geisthaften Sinn gab; weil es alle Zwecke der arbeitenden oder einander bekriegenden Menschen aufhob, hinaufhob zu einem Zweck der Verklärung und Erlösung. Solchen Sinn der Welt aber gibt der Geist der jetzt lebenden Menschen nicht her; solcher Zweck des Lebens geht in unseren Geist nicht hinein. Und so ist schließlich der Versuch Nietzsches, dessen Geist nicht genug Dunkelheit hatte, dessen Kopf zu hell war, nicht mehr gewaltig, sondern gewalttätig zu nennen: sein großes Sehnen hat ihn endlich mit kleiner Aushilfe zufrieden sein lassen. Er ertrug es nicht, vor geschlossenem Tor zu stehen. Aber wir müssen es ertragen. Es ist geschlossen.
 
18. Mit dem Sprachverein, den man Nation nennt, steht es aber genau ebenso. Die Nationalität ist eine schöne und liebenswürdige Wahrheit; ihre Verbindung mit dem Wirtschaftsleben ist eine Lüge. Es gibt deutsche Sprache; und im Zusammenhang damit deutsche Sitten, deutsche Kunst, deutsche Dichtung. Aber es gibt nicht: deutsche Kohle und deutsches Eisen, deutsche Nähmaschinen und deutsche Chemikalien. Man komme nicht mit gewissen Erzeugnissen, die noch heimatlichen Charakter bewahrt haben: Nürnberger Lebkuchen, Westfälischen Schinken und dergleichen. Traurig und elend genug, daß man nicht mehr viel finden kann, wenn man Heimaterzeugnisse aufzählen will. Es wird die Zeit kommen, wo die Arbeit wieder mit der Heimat, mit der Gemeinde und der Landschaft zusammengewachsen ist. Aber nicht mit der Sprache: Heimat und Sprache haben zwar einiges, aber nichts Entscheidendes miteinander zu tun. Die Heimat ist die Verbindung des Menschen mit der Erde, dem Klima, der Landschaft, vor allem den geologischen Bedingungen; die Heimat ist der Körper; die Sprache aber ist der Geist. Verbunden sind Heimat und Sprache durch die Sitten und Bräuche: im Engsten also. Die Sprache aber ist beflügelt und weht über die Heimat und Scholle weit hinaus. Die Arbeit dagegen, die auch Heimat und Erdreich verlassen hat, ist nicht die Wege der Nation oder Sprachgemeinschaft gegangen und kann sie nicht gehen, sowenig wie man mit einem Brotmesser Geige spielen kann. Die Verwirrung im Denken dieser getrennten Dinge ist so unsinnig, daß man grob und dumm reden muß. Die Sprache ist mit der Landschaft verwachsen im Idiom, im Sprachbrauch, im Dialekt; sie wächst darüber hinaus durch die Buch-, Schul- und Kanzelsprache, durch die Prosa der Denkenden und Belehrenden und die Dichtungen der großen Poeten. Da haben wir die Nation. Die Arbeit nun hat, ganz ändern Bedingungen folgend, die Heimat auf dem Lande und die Zünfte in den Städten verlassen und hat größere Märkte des Austausches aufgesucht. Daß der Schein entstand, diese ganz getrennten Dinge hätten etwas miteinander zu tun, kommt nur daher, daß die beiden Erscheinungen mit dem Staat verquickt und umschlossen wurden. Der Staat hat Bräuche, Sitten und Sprachgewohnheit der Heimat nicht hindern können, zu großer Kunst und umfassendem Sprachgeist zu wachsen; aber die Entwicklung der großen Wirtschafts- und Kulturgemeinschaften, wie sie dem Prozeß der Produktion, der Technik, dem Austausch entsprechen, hat er verfälscht, gehindert und, wo sie werden wollten, zurückgedrängt und vernichtet.
 
19. Da also der Sozialismus mit den Fragen des Geistes gar nichts zu tun hat, nur so viel zu tun hat, daß er solche geistige Tendenzen, die sich ihm in den Weg stellen, besiegen muß, da er keinerlei Berührung mit Sprachvereinen hat, es sei denn, daß die falsche Auffassung der Nationalität sich ihm wiederum in den Weg stellt, da es ihm nur um die Kultur geht und um die Möglichkeit, daß alle daran teilhaben: deshalb ist zu sagen, daß das Volk, innerhalb dessen der Sozialismus walten kann, daß das Volk mit sozialistischen Einrichtungen nicht irgendein Staat und nicht eine Nation ist. Volk ist vielmehr etwas, das es seit Jahrhunderten nicht mehr gibt, das erst wieder geschaffen werden muß. Volk ist eine Wirtschaftsgemeinschaft. Volk ist ein Kulturverband. Wir haben keinen einenden und bannenden Geist; wir alle zusammen haben ihn nicht. Wir haben Einzelgeist, Sprachgeist, Gruppengeist; aber der Gott des Volkes ist dahingegangen. Ein Volk von Materialisten, wirtschaftlich gesprochen, gilt es also; um der Kultur, um der Muße, um der Geister willen muß an die Stelle des Staates die Wirtschaftsgemeinschaft, das Kulturvolk treten. Das Volk also, von dem wir von nun an sprechen, hat mit Staatsgrenzen und Nationalität gar nichts zu tun. Es ist eine Verbindung zwischen den Menschen, die tatsächlich da ist, die aber noch nicht Verband und Bund, noch nicht höherer Organismus geworden ist. Und da denn doch jeder solcher höhere Organismus, wenn auch in noch beschränktem Maß, wiederum Geist und sogar Wahn ist, sagen wir: Zunächst muß dieser neue Volksgeist, muß dieses neue Volk da sein, ehe der Sozialismus anderswo leben kann als im Geist und im Wunsch einzelner, atomisierter Menschen. Der Sozialismus kann leben, wirklich leben, als Wirklichkeit leben nur in einem Gefüge zweiter, höherer Ordnung: in dem neu werdenden Organismus des Volkes. Das sozialistische Organisieren ist ganz etwas anderes als heute die Oberflächlichkeit meint. Auf dem Grunde des Produktions- und Zirkulationsprozesses müssen sich die Menschen zusammenfinden, zusammenwachsen zu einem Gebilde, zu einer Zusammengehörigkeit, zu einem Organismus mit unzähligen Organen und Gliederungen. Nicht im Staat wird der Sozialismus Wirklichkeit werden, sondern draußen, außerhalb des Staates, zunächst, solange diese überaltete Albernheit, dieser organisierte Übergriff, dieser Riesentölpel noch besteht, neben dem Staat.
 
20. Betrachtet man sich die seltsam zitternde, zuckende, krause und verrückte Linie, die die Grenzen eines Staates, wie etwa des Deutschen Reiches, ausmacht, so gewahrt man sofort, daß in diesem Gebilde eines kindisch gewordenen oder gebliebenen Entwerfers nur ein Strich Wirklichkeitssinn hat: die Küste. Man könnte, von einem erhöhten Standpunkt aus, freilich sagen: die Küstenlinie sei auch wirr und wahnsinnig genug und der Geist, der die Staaten geschaffen, sei eben darum dem schöpferischen Naturgeist ähnlich, weil keine Vernunft darin sei, sondern nur die zwecklose Notwendigkeit der Natur. Das wäre so eine echte, rechte Pfaffen-, Sophisten- und Feiglingsrede. Denn ob die Natur Zwecke hat oder nicht, kann hier völlig außer Betracht bleiben, Menschenzwecke hat sie jedenfalls nicht. Der Staat aber will doch eben offenbar ein Gebilde sein, das den Zwecken der Menschengemeinschaft dient. Ich weiß, daß um diese Bemerkung herum die dürren und klappernden Gespenster des Naturrechtes, Vernunftrechtes und der historischen Rechtsschule spuken; auch die Darwinisten möchten sich wohl gern zum Wort melden. All dies Gelehrtengespräch sei unbeachtet gelassen; wir kommen darüber hinweg, wenn wir ohne weiteres zugeben, nicht zugeben vielmehr, sondern als eine Unterstützung unserer Thesen aufstellen, daß die Geschichte der Menschen und die Entstehung der Staaten in der Tat trostlose Ähnlichkeit mit dem Wachsen geologischer Schichten und ähnlichen Naturprozessen hat. Die Häufung vieler kleinen Unbewußtheiten, veränderlicher Anpassungen und Unterwerfungen in Verbindung mit gelegentlichen Katastrophen hat wirklich die Staaten aufgebaut und die Geschichte gemacht. Trotzdem ist es das Kennzeichen des Menschen, daß er nach seiner Erinnerung und seinem Wissen, seiner Vergleichung und seinem Denken, der Bewußtheit seiner Triebe und seinem notwendigen und darum mächtigen Willen sein Leben und sein Zusammenleben bestimmt. Der Mensch setzt sich Zwecke und benutzt historisch überkommene Einrichtungen und Gebilde, benutzt die Möglichkeiten der Wirklichkeit, nicht, wie sie dumpf, aus ihrer Schwerkraft heraus weiterdrängen oder in ihrer Trägheit beharren wollen, sondern, wie er will. Dieser Wille ist notwendig; ein dummer Schulausdruck sagt dafür: unfrei. Die Lehre von der Unfreiheit des Willens leugnet nicht, daß ein Wille sei, leugnet nur, daß irgendein Wille anders sein könne, als er ist. Das ist selbstverständlich. Der Wille: das heißt: das äußerst komplexe Seelengemenge aus Trieben, Lustgefühlen, Ahnungen und Ideenassoziationen, das sich als Ouvertüre, begleitende Musik und Finale um die Handlung schmiegt (wo es nicht in willensreichen, aber tatarmen Neurasthenikern Musik ohne Handlung bleibt), der Wille ist durch Notwendigkeit ein Wille, ist kein Kohlkopf und keine Haselnuß, sondern muß Wille sein; und kann nicht Erdäpfel wollen, wenn er Burgunderwein will. Eben darum ist er Wille; und man möchte fast sagen: je gezwungener ein Wille ist, um so zwingender ist er. Doch ist dies so nur in rhetorischer Knappheit gesagt und müßte anders lauten, wenn hier für eine längere nuancierende Auseinandersetzung Zeit wäre. Denn freilich gibt es in keiner Notwendigkeit, also auch nicht in der des Willens, Steigerungsunterschiede; alles ist gleich notwendig, wie es ja dasselbe ist, ob ich sage: Etwas ist notwendig, oder einfach: Es ist. Wohl aber gibt es Unterschiede in der Herkunft dieser Notwendigkeit. Es ist etwas andres, ob der Wille aus dem Willen geboren ist oder aus dem Unterleib. Ob der Mensch wollen muß, weil es ihn mächtig ins Verstiegene und Prachtvolle treibt, oder weil die Peitsche des Elends oder der Roheit über ihm klatscht. Ob der Staat weiterwächst, weil viele kleine Erbärmlichkeiten möchten und nicht möchten, oder ob er überwunden wird, weil gewaltige Sehnsüchte und Leidenschaften, Einsichten und Formtriebe sich ans Gestalten machen. Es ist ein Unterschied, ob ein wilder Irrsinn aus der Vergangenheit her den Griffel führt, oder ob künstlerischer Sinn und die Intuition des Genies nach dem Werdenden hin klare Konturen zieht.
 
21. Der Wahnsinn des Staates ist, daß er ein Zweckgebilde ist, daß er aber Formen und Grenzen des Raumgebildes hat.
 
22. Es gibt im Gemeinschaftsleben der Menschen unsrer Zeit nur ein zweckmäßiges Raumgebilde: die Gemeinde und den Gemeindeverband.
 
23. Die Grenzen der Gemeinde sind durchaus sinnvoll (was natürlich nur den Wahnsinn, aber im Einzelfall nicht den Unsinn und die Zweckwidrigkeit ausschließt): sie umschließen eine Örtlichkeit, die natürlich da aufhört, wo sie aufhört.
 
24. Der Staat aber ist durchaus nicht eine ausgedehnte Örtlichkeit, wie die Gemeinde eine beschränkte ist. Was die Menschen im Staat vereinigt, ist nicht das Zusammenwohnen, sondern ein wirrer Haufen von Zwecken, die durch Geschichte, Herkommen und Gewalt ineinandergenestelt sind.
 
25. Daß der Staat durch Wanderung und Niederlassung von Stämmen entstanden ist, wissen wir. Da war ein Volk, das besetzte und besaß dann ein Land. Staat und Land war eins: der Staat war eine Örtlichkeit, die besiedelt, bestellt und verteidigt werden mußte. Es war das Stammesland, das Land der Väter, das Vaterland. Die Erde, die bestellt wurde, die Menschen, die darauf zusammen lebten, und die Einrichtungen, die sie sich für ihre Zwecke gaben: diese drei waren eins; und Einrichtungen und Gesetze waren verbunden mit den Ahnen und dem Ahnden der Menschen. Sie wurzelten im Boden und schwebten doch wie eine Himmelswolke als Geist der Berge über dem Volk. Es war die echte Dreieinigkeit: Gott Vater der Boden, darauf sein Sohn das Menschenkind und darüber der Heilige Geist.
 
26. Jetzt aber gibt es keinen Stammesstaat mehr und kein Vaterland und nur geheiligte Geistlosigkeit. Der Geist unsrer Zeiten, ihre Sprache und Kunst, hängt nicht über dem Staat; die Wirklichkeit, von der diese Gebilde aufgestiegen sind, ist eine Wirklichkeit und ein Volk, die erst kommen sollen. Wir müssen den Knäuel Staat auflösen, wir müssen scheiden und trennen und destruktiv sein. Die Gemeinde des Geistes ist nicht an die Örtlichkeit gebunden, und sofern sie es noch manchmal ist, ist sie doch nicht an den Staat gebunden. Das Deutschtum ist nicht das Zusammenwohnen, Zusammengedrängtsein eines Stammes, dem noch die Erinnerung an Unbehaustheit, Wanderzeit und Urbarmachung des Bodens im Blut sitzt, ist nicht ein Karree kampfbereiter Eroberer, die zwischen sich ein besiegtes Volk niederhalten und zum Schutz des Landes nach außen hin stets in Wehr und Waffen sein müssen (die Aufrechterhaltung und Auffrischung all dieser Dinge sind glatte Lügen und Geschichtsnarrheiten): Deutschtum ist Geist, ist erbindende Eigenschaft, ist Sprache. Wäre wirklich der Sprachgeist und das Deutschtum die Grundlage des sogenannten deutschen Staates oder Reiches, dann müßten die Kriege dieses Staates zusammenhängen etwa mit dem Krieg, den Lessing gegen Corneille führte, und die inneren Einrichtungen des Deutschen Reiches hätten eine Verwandtschaft mit dem Rhythmus und dem Geist goethischen Gedichtes. Kaum Gymnasialprofessoren glauben daran.
 
27. Es ist ein großes, weitreichendes Ding, wenn es erst einmal so weit ist, daß der Geist der Menschen in den öffentlichen Angelegenheiten ebenso vom Aberglauben gereinigt ist, wie in den privaten Dingen des Wissens und der Moral einige (wenige) durch die jahrhundertelange Arbeit weiser Menschen heute schon davon befreit sind. Darum kann gar nicht oft genug gesagt werden: Der Staat ist kein Land. Land ist Boden, nichts andres; die andre, die übertragene und lügnerische Bedeutung ist erst entstanden und geglaubt worden, als die Landesherren keine Landesherren mehr waren, aber immer noch Landesherren sein wollten. Mit dem Boden zu tun haben die Landwirte und ihre Vereine, die Hausbauer und Bewohner, die Grundbuchvereine (wenn es welche gäbe; aber um des Grundbuches willen braucht man wahrhaftig keinen Territorialstaat) und die Gemeinden. Alle diese Einzelwesen sind vereinigt in dem, was man in gutem Deutsch ein Amt nennt. Amt oder Amtsbezirk ist ein Gemeindeverband. Der Staat ist nicht zur Verteidigung des Landes da; vielmehr muß umgekehrt immer noch ab und zu das Land und der heimische Herd verteidigt werden, weil Staaten da sind.
 
28. Wir nähern uns jetzt der Erkenntnis, was Staat eigentlich ist. Staat ist ein Wahn oder eine Illusion. Damit ist nichts Schlimmes von ihm gesagt; Wahn oder Illusion ist nur ein andrer Name für Geist; Wahn oder Illusion ist alles, was die Menschen über Fressen, Saufen und Begatten hinaus haben; Wahn ist auch in unser Essen, Trinken und Lieben hineingekommen. Wahn ist nicht nur jedes Ziel, jedes Ideal, jeder Glaube an Sinn und Zweck des Lebens und der Welt: Wahn ist jedes Banner, dem die Menschen folgen; jeder Trommelschlag, der die Menschen in Gefahren führt; jeder Bund, der die Menschen vereint und aus einer Summe von Einzelwesen ein neues Gebilde, einen Organismus schafft. Wahn ist das Höchste, was der Mensch hat; immer ist etwas von Liebe in ihm; Liebe ist Geist und der Geist ist die Liebe: und Liebe und Geist sind Wahn. Man glaube ja nicht, der Staat sei alter Wahn, der umgestoßen oder erneuert oder ersetzt werden müsse. Es gibt nichts der Verehrung Würdigeres als alten Wahn, selbst wenn er im Hinschwinden ist oder im Wege steht; es gibt nichts Mächtigeres als alten Wahn, der noch lebendig ist und von Geschlecht zu Geschlecht geht; und es ist immer etwas Häßliches um neuen Wahn, der trüb, übergreifend und unsicher ist wie junge Hunde oder junger Wein. Der Staat ist nicht so ein alter Wahn und ist nicht so ein wunderlich unheiliger junger Wahn. Der Staat ist nie jung gewesen und kann nie heilig werden. Er ist infam, ganz anders als das, was Voltaire infam genannt hat. Es gibt aber echten und falschen Wahn. Es gibt lebendigen und notwendigen Wahn, und es gibt hergestellten und auferlegten Wahn. Der echte Wahn sitzt im Innern des Individuums, und es schafft die Gleichheit des Wahnes in den Mehreren das äußere Gebilde. Der echte Wahn ist verbindende Eigenschaft. Die Liebe ist eine Bereitschaft und Wirklichkeit, die im Menschen drin sitzt; sie hat die Familie gegründet; sie und ihre dionysische Hingabe hat die Tragödie und die Götterbilder geschaffen; so auch war das Wesen des Christentums, als es im Mittelalter lebendig war: Liebe und menschenverbindender, allverbindender Geist. So wäre der Sprachverband der Nation, wenn der Staat ihn nicht bedrängte und beengte; so ist die Rasse der Juden trotz allem Staat; so ist es überall, wo eine Wirklichkeit: Klima oder Geblüt oder Geschichte oder zusammenschweißende Not, irgendwo in den Seelen eine Gleichheit und aus den Personen einen Bund, eine nicht juristische, sondern geistige Person, einen Organismus höherer Ordnung geschaffen hat. So war der Stammesstaat, von dem wir gesprochen haben; so war die Stadtrepublik. Aber so ist nicht der Staat. Der sitzt nicht in den Herzen und Seelenleibern der ihm Angehörigen. Der Staat ist nie zur Individualeigenschaft, nie zur Wahrheit, nie zum echten Wahn geworden. Vergeblich hat es seit dem Ausgang des Mittelalters der Staat versucht, an die Stelle der verfallenden Städterepubliken, Stammesbünde, Gilden und Brüderschaften, Dorfgemeinden, Stiftungen und Korporationen zu treten. Der echte Wahn trägt den Geist in alles hinein, was er berührt; er hat den alten Städten, den Häusern, den toten Dingen des Gebrauches Form und Schönheit und Leben gegeben; der Staat aber hat keinen Geist, hat nie einem Dinge Schönheit geschenkt, hat alles kalt und tot gelassen oder gemacht. Form an toten Dingen ist Notwendigkeit mit dem Schein der Freiheit; die Form, in der lebendige Wesen sich zum Bunde gestalten, zu einem höheren Organismus vereinen, ist Notwendigkeit mit dem Gefühl der Freiwilligkeit. Die Form und Unform des Staates aber ist der Zwang und die Gewalt.
 
29. Darum ist der Staat ein falscher Wahn, weil er Zwecke, die nicht durch Örtlichkeit, die überhaupt nicht miteinander verbunden sind, die nur in kleinem Kreis oder umfassenden, für sich bestehenden Verbänden zu erreichen sind, an die Örtlichkeit, das Territorium, das Raumgebiet anklebt. Darum ist der Staat, obwohl er kein Nationalstaat ist, immer wieder genötigt, sich in den wundervollen echten Wahn der Nationalität wie in einen Lügenmantel einzuhüllen: so aber wird die Sache nur schlimmer, die abscheulichen und schmutzigen Nationalitätenkämpfe innerhalb des Staates entstehen daraus, wo doch die Angelegenheiten jeder Nation von ihr selbst (das heißt: vom Sprachverein) zu erledigen sind, und die Staatskriege werden durch nationale Überhitzungen lügnerisch motiviert, wo doch nie in Wahrheit ein Krieg um der Sprache und Sitten willen geführt worden ist. Die Nationalität ist Echtheit und Liebesbund und Geist genug und braucht keinen Staat, um als Zweck in den Menschen zu wohnen und aus ihnen heraus ein Gebilde der Schönheit zu schaffen. Die andern Zwecke aber, die noch in den Staat eingesperrt sind, werden nur dann frei werden und Vereine der Menschen gründen, wenn sie vom Wahn echt und ganz durchtränkt, durchgeistigt und durchblutet sind. Wenn die Verbindung der Menschen zu nützlicher Arbeit Liebe sein wird, Liebe zum Gleichen nämlich, Liebe zur Sache, denn für Menschen untereinander ist Gerechtigkeit gegen alle besser als Liebe zu etlichen, und wenn dann in Gemeinden und Bünden jeder nach Wunsch und Geist an den Tisch der Kultur geht: dann wird kein Staat mehr sein, es sei denn im Verein der Staatsfreunde, die dann nach Herzensdummheit unter sich Staat spielen mögen, so wie sie heute Skat spielen, die andern aber in Ruhe zu lassen haben.
 
30. Da den Menschen der verbindende Geist, der Gruppengeist und der Gesamtgeist, der Geist der Verständigung in den Dingen der Selbstverständlichkeit und der Geist der Freiheit und des Charakters in den Dingen der Selbständigkeit abhanden gekommen oder traurig geschwächt worden ist, müssen sie in andrer Weise dirigiert, befehligt und in Schranken gehalten werden: der Geist wurde ersetzt durch die Geistlosigkeit oder den Staat. Der Staat oder die an Gesetze gebundene und mit den Waffen der Gewalt ausgerüstete Bürokratie ist die letzte Instanz in all den menschlichen Angelegenheiten, für die er jeweilig Geltung hat, und den Umfang seiner Gewalt bestimmt eine Abwechslung von tollem Interesse und abgespannter Gleichgültigkeit, die man fast Mode nennen möchte. Es gibt kein Gebiet des Individuallebens und Gruppenlebens, das nicht schon staatlich geregelt worden wäre, und es sind zu den verschiedenen Zeiten stets verschiedene Gebiete, die gerade staatsfrei sind. Früher kümmerte er sich um Rauchen und Kaffeetrinken, aber nicht um die Eheschließung; jetzt hat er dafür eine Bedürfnisanstalt errichtet und läßt die andern Genüsse frei. Ich kann nicht ins Einzelne gehen, will auch die Ruhe bewahren und von den Missetaten nicht weiter reden. Ich stelle nur ein paar Thesen auf. Erstens: es ist unzweckmäßig und undurchführbar, die verschiedensten Zwecke durch die Zentralgewalt des Staates zu regeln. Jeder Zweck braucht seinen besonderen Zweckverein; und wo sich die Zwecke berühren, bedarf es der Zweckverbände, und wo sich die Zwecke durchkreuzen, bedarf es der Schiedsämter. Zweitens: es ist kulturhemmend und kulturbedrohend, daß der Staat die Tendenz hat und haben muß, nicht nur die Zwecke vereinigter Menschen zu erreichen, sondern Selbstzweck zu sein. Selbstzweck sein sollte nur der echte und edle Wahn. Die Menschen verehren im Staat eine unsichtbare und heilige Macht, der sie sich unterwerfen. Die Menschen sollen unsichtbare und heilige Macht verehren und sich ihr unterwerfen. Über allen Zwecken des Lebens soll ein Sinn, eine Heiligung, ein Wahn, ein Etwas wohnen, um dessentwillen gelebt und mitgelebt wird. Der Staat aber, wenn man ihm die Zwecke nimmt, die Zwecke, die er nicht erreichen kann und die er verpfuscht, ist überdies nichts, ist ein vollendetes Nichts. Es stellt sich also heraus, daß der Staat um der Menschen willen da ist, daß er aber den Menschen nicht helfen kann; daß die Menschen um des Staates willen da sind, daß er aber den Menschen nichts bedeuten kann. Wir finden es nicht, das Dunkle und Überwältigende, was uns, was uns allen miteinander etwas bedeuten kann; die Bedeutung des Lebens und der Welt finden wir nicht; Suchende sind wir. Das aber können wir finden, das uns zum Leben helfen und dienen kann: die zweckmäßigste Art der Menschenvereinigung um des Nutzens und der Kultur willen. Wer weiß: ob nicht, wenn wir endlich den Zwecken des Lebens, die eigentlich völlig klar vor uns liegen, stark und charaktervoll nachgehen, ob dann nicht auch das Rätsel des Lebens, der große, hinreißende Wahn in der neuen Menschenkultur wieder aufsteigt? Das mag sein oder nicht sein: der Staat jedenfalls ist den irdischen Dingen ein Tropf und für himmlische Sehnsucht ein Nichts.
 
Aus: "Die Zukunft" 12.1.1907
 
Originaltext: www.twokmi-kimali.de/texte/landauer_volk_und_land_30_soz_thesen.htm


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