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Johann Most - Der "Sanfte Heinrich"

Heil Dir, Columbia! Er kommt - er kommt! Ja. wer denn? Nun, der weltbekannte "Sanfte Heinrich", mütterlich sicherer und väterlich vielleichter Bruder des noch weltbekannteren Clowns der komischen Staatsoberhaupts-Oper aller Länder, Fatzke, der (körperlich) Kurze, (geistig) Fragliche und, Summa Summarum, Vielseitig-Großartig Lächerbar-Zerschmetterhafte.

Das "White House" in Washington wird ob solcher "Ehre" von allem plebeischen Dunst, der da demagogisch durchgeduldet wurde, per diplomatischer Karbolsäure und staatsmännischem Majestäts-Quick-Lime desinfiziert. Army und Navy werden - was die niederen Schichten anbelangt - mit Extrarationen von Sauerkraut und Limburger versehen, um sie in die richtige Stimmung zu versetzen - was die "Oberen" betrifft, mit Rheinwein geschmiert. Probe-Manöver zu Wasser und zu Lande verstehen sich von selbst, auf daß der "Hohe Herr" ja keine schlechte Meinung über die "jemeine Trichinenblase" von dannen trage. Kein Salut-Pulver, kein Flaggenfetzen, keine Blechmusik und kein Zweckfraß (was das Horizontale anbelangt, steht auf der Rechnung nur ein Fragezeichen), nicht einmal schwarz-weiß-rotes Feuerwerk, angefertigt in chinesischer Fabrik, soll gespart werden, um den "hohen Gast" offiziell, national und lokal zu "ehren" - von vorne und von hinten.

Aber das ist noch gar nichts - könnte überhaupt nur als "konventionelle Lüge" aufgefaßt und dementsprechend von irgendwelchen "Kickern" - solche Geister - hol' sie der Teufel! - gibt es ja auch noch in dieser noch nicht ganz imperialisierten "Republik" - ridikuliert werden.

Deshalb rüsten sich Schnapphanski und Waschlappski deutscher Spielart, um by all means anläßlich des noch nicht dagewesenen bevorstehenden Ereignisses zu beweisen, daß der immer noch anonyme Dichter recht hatte, als er ausrief: "Du armer Michelissimus - Weltmutter, was hast du verbrochen, als dich unser lieber Herrgott, Mit ihm ließ kommen in "Wochen"?"

Die "Vereinigten Sänger" (kaiserpreislichen Angedenkens) ergriffen bereits die Initiative, um sämtliche sonstigen Krieger- und Kriecher-Vereine, Platt- und andere Volksfest-Arrangeure nebst zahlenden Schwänzen, Tum- und Schützen-Brüder, vom frisch-fromm-fröhlichen Nachgeschmack bis zu den "gehorsamst verreckenden" Petenten um Compagnie-Fahnen und Waldersee-Visagen, sowie alle anderweiten Grocer, Wurstmacher, Bierwirte usw. usw. germanischer Abkunft mobil zu machen.

Sogar die germanische Nachgeburt, alles, was da frisch gewaschen oder nicht, als "deutsche Jugend im fremden Lande", produziert werden kann, soll auf "Wacht am Rhein" und "Heil dir im Siegerkranz" einstudiert werden, um dem Schwanzgewedel unter dem Motto: "Hunde sind wir ja doch!" eine richtige Massen-"Weihe" zu verleihen. Milderungsgrund? Faschingszeit!

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Nun aber ernst gesprochen! Was ist denn eigentlich los? Jener Cränk, welcher zur Zeit als sogenannter "deutscher Kaiser" posiert und sich tagtäglich blamiert so gut oder schlecht er kann - ein Kerl, der sich längst zum Gespött jedes denkenden Menschen gemacht, eine mittelalterliche Vogelscheuche mit vorsündflutlichen Allüren, kam da auf die Marotte, sich in Amerika eine Sports-Yacht bauen zu lassen. Diese wünscht er von der Tochter des ihm allerdings sehr geistig verwandten gegenwärtigen Präsidenten von Nordamerika - Teddy I. - "taufen" zu lassen. Mit Kußhand wurde die blödsinnige Aufforderung akzeptiert. Abgeschmackt, wie diese ganze Komödie an und für sich schon ist, konnte man darob allenfalls mit den Achseln zucken, nämlich wenn sie, wie es doch eigentlich selbstverständlich sein sollte, Privat-Angelegenheit geblieben wäre. Aber nein! Man macht daraus eine Staatsaffäre prima Qualität, namentlich weil der "Sanfte Heinrich" kommt, dem "feierlichen Akte" beizuwohnen. -

Man blättere die ganze Weltgeschichte durch und man wird nicht im Stande sein, eine einzige Begebenheit aufzuweisen, bei welcher eine Republik sich solchen Hundsfottismus gegenüber einem monarchischen Figuranten zu Schulden kommen ließ, wie es hier geschehen soll.

Selbst die Schmach und Schande, welche die französische Would-be-Republik (mit durch und durch bonapartistischen Institutionen) auf sich lud, als sie den russischen Tyrannen fetierte, war nicht so ungeheuerlich, weil es sich dabei um eine Allianz-Demonstration gegenüber einem anderen Despoten reiche handelte, das Frankreich um Provinzen verkleinerte, ganz haarsträubend brandschatzte und in einer Weise demütigte, wie Ähnliches schwerlich je zuvor einem Land passierte.

Amerika an sich hat nicht den leisesten Grund, mit einem deutschen "Prinzen" solchen Hokuspokus zu treiben, wie er beabsichtigt wird - noch dazu bei einem Anlaß, der, wie gesagt, rein privaten Charakters ist.

Oder sollte die ganze Geschichte vielleicht eine Stichprobe sein? Sollte man in Washington, wo ohnehin zur Zeit mit monarchischen Diplomaten mehr fraternisiert wird, als sich für eine republikanische Regierung schickt, bei dieser Gelegenheit ausfinden wollen, was sich die "Nation of the Free and the Braves" bereits an Imperialismus bieten läßt!? – Es riecht sehr stark nach solchem Guano.

Glückt der Wurf und schreit die Canaille genugsam "Hurrah!" dazu, dann - nun, weshalb soll sich die Trustokratie noch lange genieren, ihrem längst gehegten Herzenswunsche gemäß auch hierzulande den Cäsarismus zu proklamieren?

Das amerikanische Volk - es ist keinen Schuß Pulver mehr wert, als das Proletariat von Rom, zur Zeit, wo der Original-Cäsar den Diktator spielte.

Kassandra-Rufe nennt vielleicht der kollektive Ewig-Blinde solches Warnen. Man braucht nicht allzu jung zu sein, um zu erleben, daß es am Platze war.

Soll man darob verzweifeln? Noch lange nicht. Je rascher es die hohen Priester des gold'nen Kalbes in diesem herrlichen Lande auf die Spitze treiben, desto eher wird das Volk zur richtigen Erkenntnis kommen und die Erdengötzen stürzen.

Go ahead, offizielle Schwefelbande! Dein letzter Beruf wird es sein Rebellen aus dem Erdengrund zu stampfen!

Aus: Johann Most – Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Verlag Büchse der Pandora, 1985. Zuerst erschienen in Mosts Zeitung „Freiheit“ am 18.1.1902. Digitalisiert von www.anarchismus.at