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Johann Most - "FREIHEITS"-Reminiszenzen

Es war eine traurige Zeit, als die "FREIHEIT" geboren wurde. Über das deutsche Proletariat war wenige Monate zuvor ein infames Ausnahmegesetz verhängt worden. Frankreich schmachtete unter dem Hochdruck der MacMahon'schen Reaktion. Spanien hatte sich von den Rückschlägen, die auf die Erhebung von 1873 gefolgt waren, noch nicht erholt. In Italien und Österreich hauste eine bornierte Bürokratie. Weit und breit war mit der revolutionären Presse seitens der Regierungen aufgeräumt worden. Insbesondere existierte zu Ende des Jahres 1878 kein einziges deutsches Blatt, welches geeignet gewesen wäre, den radikaleren Elementen des Proletariats als Organ zu dienen. Da kam die "FREIHEIT" zur Welt.

Als ich kurz vor "Weihnachten" des Jahres 1878 buchstäblich und moralisch von Sturm und Wetter nach London verschlagen wurde, war ich kein Waisenknabe in der Arbeiterbewegung mehr. Im Gegenteil waren fast alle jene, die mit mir seiner Zeit in dieselbe eingetreten waren, längst von deren Bildfläche verschwunden. Und, wenn ich aufrichtig sein soll, muß ich gestehen, daß auch mich zur Zeit meines Landens am englischen Gestade Satanas Pessimismus ganz bedenklich packte und mir mit seinen spitzen Hörnern den Weg zu zeigen suchte, den man wandeln müsse, wenn man vorwärts kommen wolle, vorwärts zu komfortablem Heim, zu Genuß und Glück, zu einem Leben ohne beständige Gefahr und Kampf, Feindestücke und "Freundes"-Verrat.

Vorwärts - vorwärts - auch im privaten Leben - das wäre gewiß kein unbilliger Drang gewesen, wenn ich ihn hätte hegen können. Dreimal - in Chemnitz, in Mainz, in Berlin - hatte ich bereits familiäre Hütten aufgeschlagen. Die Hagelstürme, welche der politische Kampf, in den ich mich begeben, über meinem Haupte entlud, hatten sie bis auf den Grund zerschmettert. Mit leeren Händen peitschten mich die Orkane des öffentlichen Lebens, in das ich mich hinausgewagt, von Ort zu Ort. Man konnte endlich einmal ein solches Dasein satt bekommen - gleich tausend anderen.

Einsperrung in Wien und Suben, in Chemnitz und Zwickau, in Berlin und Plötzensee - anderweite "Kleinigkeiten" gar nicht zu erwähnen - kurzum, eine fünfjährige Gefängnis-Disziplin und -Diät konnten selbst einen stärkeren Menschen, als ich damals war (mein Gewicht betrug 105 Pfund), genügsam zermürbt haben, um wenigstens im Exil seiner Tätigkeit eine andere Richtung zu geben, als diejenige war, welche einzuschlagen ich für gut fand, nicht um darin eine sogenannte "Existenz" zu suchen und zu finden, sondern weil es durch meinen Schädel dröhnte: "Es muß geschehen". Ich gründete die "FREIHEIT".

Die Mittel zur Herstellung der ersten Nummer "focht" ich mit dem Hute in der Hand im Kreise weniger Enthusiasten zusammen. Das Weitere sollte sich finden - und es fand sich.

Wäre ich zur Zeit der "FREIHETTS"-Gründung schon ein Anarchist gewesen, hätte ich mich jedenfalls individuell um Beihilfe einfach an diejenigen gewendet, die mit dem Inhalte und der Mission des Blattes einverstanden waren - so weit und so lange das immer der Fall sein mochte. So aber steckte meiner sozialdemokratischen Herkunft nach damals noch ein beträchtliches Stück Vereinsmeier in mir. Deshalb glaubte ich, daß die Sache nicht gedeihen könne, wenn nicht irgendein Verein seinen Segen dazu gäbe, die Hintermannschaft bilde. Ich holte daher die Indossierung des Blattes durch den "kommunistischen Arbeiterbildungs-Verein" von London ein, ein Unterfangen, das wohl dem Unternehmen vielleicht ebenso viel materielle Unterstützung eintrug, als es auch auf dem oben angedeuteten Wege erlangt hätte, welches aber andererseits Summa-Summarum mehr Schaden wie Nutzen brachte.

Wie alle Vereine, bestand auch dieser aus guten und schlechten, gescheiten und dummen Elementen; wie es bei aller und jeder Vereinsmeierei in Nachäffung des bürgerlichen Liberalismus üblich ist, war da jede Zufälligkeits-Majorität maßgebend, ein Umstand, der hinsichtlich der Herausgabe und Inhaltsbestimmung einer Zeitung von der Art der "FREIHEIT" leicht hätte verhängnisvoll werden können, es in diesem Fall auch alsbald geworden wäre, wenn ich nicht einen steifen Nacken gehabt und mit eiserner Faust operiert hätte.

Zwei Hauptgattungen von Mitgliedern stachen damals in obgedachtem Vereine hervor. Die eine bestand wesentlich aus Berliner Ausgewiesenen, welche mit der Herausgabe der "FREIHEIT" sehr einverstanden waren, die andere setzte sich aus Leuten zusammen, die lediglich für gesellige Abende, für Gesang, Spiel und Tanz schwärmten, denen die Gründung eines möglichst komfortablen Clubhauses am Herzen lag, und die schon deshalb die "FREIHEIT" mit scheelen Augen betrachteten, weil sie annahmen, daß derselben manche Münze zufließen werde, welche sonst in den Clubhausfonds gekollert wäre.

Hier war also schon von vornherein ein Oppositionsstock gegeben, der jederzeit bereit war, irgendeinem Angriff auf die "FREIHEIT" in voller Breite Nachdruck zu verleihen. Und solche Angriffe ließen nicht lange auf sich warten.

Nicht nur wurden alle Spitzel der sozialdemokratischen Prominenzen von Leipzig und Hamburg (Liebknecht, Auer etc.) aus mit Erfolg dahin instruiert, auf ein Fallenlassen der "FREIHEIT" hinzuarbeiten, sondern es wurden zu gleichem Zwecke geradezu diverse Emissäre auf Parteikosten von Deutschland aus nach London geschickt. Es war aber alles für die Katz.

Aber auch die Partei-Prominenzen zögerten nicht, den Bannfluch über mich und die "FREIHEIT" auszusprechen, und wurde von dieser Seite aus gegen die Verbreitung des Blattes mit einem Eifer gewütet, welcher der besten Sache würdig gewesen wäre. Und wenn sich später diverse Leute dieser Sorte im deutschen Reichstag rühmten, daß sie gegen die revolutionäre Propaganda energischer und erfolgreicher operierten, als selbst der Polizei möglich war, so übertrieben sie wahrlich nicht. Sie hatten ja die "gemeinen" Genossenschafter auf Parteidisziplin derart eingedrillt, daß viele derselben auf das einfache diesbezügliche Diktat hin die "FREIHEIT" nicht weiter zu lesen oder gar zu verbreiten wagten. Immerhin wurde der Gehorsam nach dieser Richtung hin in ausgedehnterem Maßstabe erst dann hergestellt, als neun Monate später unter der Kontrolle der Partei-Exekutive unter dem Titel "SOZIALDEMOKRAT" von Zürich aus wider die "FREIHEIT" ein approbiertes Gegengift herausgegeben wurde.

Später wurde ich durch Beschluß des Kongresses von Wyden feierlichst exkommuniziert. Ich meinerseits ließ eine Denkschrift von 80 enggedruckten Seiten los, welche Klauen und Zähne hatte und sich "Taktik" contra "FREIHEIT" betitelte. Bezeichnender Weise wurde nie in Versuch gemacht, die darin aufgezählten Tatsachen zu widerlegen der abzuschwächen. Leider aber brachte es die bekannte "Parteidisziplin" mit sich, daß diese Schrift nicht in Massen unter den weiteren Kreisen der Sozialdemokraten verbreitet werden konnte; sie hätte sonst vielleicht "Wunder" gewirkt.

Mehr und mehr entwickelte ich mich nun auch immer entschiedener in den Anarchismus hinein. Den unmittelbaren Anstoß hierzu gab August Reinsdorf, welchen ich während meiner Schweizerreise (zu Freiburg) näher kennen lernte, und mit dem ich fortan in regelmäßiger Korrespondenz blieb, bis er von seinem tragischen Schicksal im Kerker und auf dem Schafott ereilt wurde.

Kommunistischer Anarchist mit dem Verlangen nach freiem Genußrecht, freier Arbeitsleistung und Abwesenheit jeder eigentlichen politischen Organisation wurde ich übrigens erst später, namentlich durch die diesbezüglichen Agitationsschriften Kropotkins.

Schlug auf solche Weise die ganze Ausschließungsaffaire im Großen und Ganzen nur im Sinne des Fortschritts um, so war andererseits nicht zu verkennen, daß sich damit die materiellen Schwierigkeiten der "FREIHEIT" neuerdings mehrten. Nicht jeder, welcher bis dahin ein ständiger Leser des Blattes war, vermochte meiner eigenen Entwicklung, meinem Wandel zu folgen, hatte ich doch selber lange genug gebraucht, ehe ich die in der sozialdemokratischen Schule eingesaugten Vorurteile gegenüber dem Anarchismus nach und nach überwand.

Die "FREIHEIT" verlor sowohl Mitarbeiter, als Zahler und Leser. Diese Leute waren zwar mit der revolutionären Taktik der Anarchisten und mit der an den sozialdemokratischen Waschlappisten geübten Kritik einverstanden, aber die anarchistische Weltanschauung leuchtete ihnen nicht ein, deshalb zogen sie sich in den Schmollwinkel zurück und verspießerten allmählich.

Zu alledem kam noch, daß die Leser des Blattes auf einem Gebiete gesucht werden mußten, wo jede derartige Literatur verpönt war und mit aller Macht polizeilich verfolgt wurde.

In der Tat haben die Regierungen von Deutschland und Österreich sofort ihre Bannstrahlen gegen den unbequemen Rufer im Streite geschleudert. Auf der Post wurden die Sendungen gestohlen, Verbreiter des Blattes wurden zu Dutzenden aufgespürt und eingesperrt; Leser, die man als solche erschnüffelte, wurden ausgewiesen und sonstwie geschurigelt.

Aber je rasender die Reaktionäre hinter der "FREIHEIT" her waren, und je eifriger sich dieselben bemühten, die Existenz dieses Organes systematisch zu untergraben, einen desto größeren Eifer entwickelten die Herausgeber desselben, die Hindernisse zu überwinden.

Es wurden Schmuggelstationen an hierzu geeigneten Orten - weit und breit in Europa – errichtet. Agenten erboten sich, allen Gefahren zum Trotze, Deutschland und Österreich zu durchstreifen und Verbindungen anzuknüpfen. Nicht minder wurden von Zeit zu Zeit unzählige Flugblätter geeigneten Inhalts ausgestreut. Mancher fiel der Polizei in die Hände und hatte seinen Eifer für die gerechte Sache in langwieriger Kerkerhaft zu büßen.

In stetiger Steigerung wurden immer haarsträubendere Strafen über die "FREIHEITS"'-Leute, deren sich die Polizei von Österreich und Deutschland bemächtigen konnte, verhängt, bis ein ganz besonders infamer Akt bestialisierter Justizstrolche allen sonstigen diesbezüglichen Schandtaten die Krone aufsetzte. Es war dies die unter der Vermittlung von zwei abgefeimten Schurken - Peukert und Reuss - auf belgischem Boden bewerkstelligte Verhaftung des Genossen Neve, resp. die danach durch das Leipziger Reichsgericht erfolgte Verurteilung desselben zu fünfzehn Jahren Zuchthaus, in welchem er durch Peinigungen aller Art erst der Geistesumnachtung und hernach dem Tode in die Arme getrieben wurde.

John Neve war mein täglicher Genosse bei der Arbeit. Sobald er aus der Werkstatt kam, wo er als Tischler sein Brot verdiente, sowie allsonntäglich, stellte er seine ganze Kraft der "FREIHEIT"-Administration zur Verfügung. Er besorgte die Buchführung, falzte, packte, adressierte, schrieb Geschäfts- und andere Briefe etc.. Und wenn, wie gar häufig, das Geld zu den nötigen Postmarken fehlte, da griff er, wenn es irgend möglich war, in die eigene Tasche, um das Nötige "auszulegen", ohne daß je an einen Ersatz zu denken war.

Später, wo er sich von London flüchten mußte, weil er seitens der englischen Regierung in seiner Eigenschaft als "FREIHEITS"-Expedient verfolgt werden sollte, wirkte er auf dem europäischen Kontinent mit grossem Eifer für die Verbreitung der "FREIHEIT" zunächst in Österreich, von wo man ihn erst (in Wien) einsperrte und hernach auswies, dann in Deutschland, wo er (in Hanau) wegen "Verbreitung verbotener Schriften" zu sechs Monaten Gefängnis verdonnert wurde, dann in Paris und zuletzt in Belgien (Lüttich), von wannen ihn, wie gesagt, die damals schon tätige internationale Polizei dem Verderben überantwortete.

Ich versuchte es auch selber, auf dem europäischen Kontinent Agitationsreisen behufs Verbreitung des Blattes zu unternehmen, stieß dabei aber sofort auf die stärksten Hindernisse. Aus Belgien wurde ich augenblicklich nach meiner Ankunft in Brüssel ausgewiesen. Den Ausweisungen aus Frankreich und Schweiz entging ich nur dadurch, daß ich nicht sichtbar war, als man mir die Marschordres zustellen wollte. In England selbst bewies die dortige Regierung ebenfalls, daß die Pressefreiheit heutzutage überall nur so lange und insoweit respektiert wird, als es der herrschenden Klasse genehm ist.

Als am 13. März 1881 der zweite Alexander Romanow per Bombe in die Kloake niedergeschmettert wurde, brachte die "FREIHEIT" vom 19. März, die zur Feier dieses Ereignisses mit rotem Freudenrand erschienen war, einen Artikel unter dem Titel "Endlich!", worin den kühnen Erlegern des gekrönten Ungeheuers Beifall gezollt, deren Tat zur Nachahmung empfohlen und allen Tyrannen ein: "Bereitet Euch zum Tode vor!" zugerufen ward.

Darauf erfolgte eine allgemeine Hetze gegen die "FREIHEIT" durch die reaktionäre Presse, eine entsprechende Interpellation im englischen Parlament und meine Verhaftung. Jede Bürgschaft wurde zurückgewiesen, und nach dreimonatlicher Untersuchungshaft erfolgte eine possenhafte Schwurgerichts-Verhandlung, die damit endete, daß ich auf 16 Monate in's Zuchthaus gesandt wurde.

Wenn die englische Regierung indessen glaubte, durch diesen erbärmlichen Streich der "FREIHEIT" den Todesstoß versetzt zu haben, so irrte sie sich gewaltig. Denn, obwohl sie auch die Lettern und sonstigen Satzmaterialien polizeilich stehlen ließ, griffen die Genossen doch mit kräftiger Hand ein, so daß die Herausgabe der "FREIHEIT" keinerlei Unterbrechung erlitt.

Ich selber, der ich mit Hemdenflicken im Gefängnis beschäftigt wurde und absolut keine Schreibmaterialien etc. haben sollte, redigierte per Schmuggel weiter, und zwar schrieb ich mit aufgelöster Putzkreide und einer Nähnadel auf grauem Löschpapier, was eine "Copy" gab, welche Freund Merten, der sie zu setzen hatte, manchmal auf eine schwere Probe der Geduld stellte.

Ein zweiter und dritter Ablauf wurde aber später gegen das Blatt unternommen. Als nämlich im Mai 1882 zu Dublin die obersten Repräsentanten des britischen Regiments erdolcht worden waren, brachte die "FREIHEIT" entsprechende Artikel und erregte damit neuerdings ein Wutschnauben der englischen Regierung. Da dieselbe hinsichtlich des Verfassers der fraglichen Aufsätze keine Anhaltspunkte hatte, so warf sie einfach die Setzer - Merten und Schwelm - ersteren auf drei, letzteren auf achtzehn Monate, in den Kerker. Gleichzeitig stahl sie zweimal hintereinander abermals die Setzmaterialien.

Nach manchem Hin- und Herbesinnen wurde endlich das Blatt technisch in der Schweiz, bald hier, bald da, hergestellt. Und Stellmacher, welcher bekanntlich später als "Attentäter" am Galgen zu Wien gestorben ist, spielte dabei den Vermittler.

Zu jener Zeit passierte es einmal, daß Stellmacher von Zürich aus einen gewissen Schröder beauftragte, das Manuskript für eine Nummer einem Drucker in Schaffhausen zu überliefern und nach Fertigstellung derselben Zahlung zu leisten, wohlverstanden mit solchem Gelde, das Stellmacher sandte, der wiederum seinerseits alle Gelder erhielt, welche in London oder in der amerikanischen Hauptfiliale (New York) zusammenflossen.

Weil nun aber jener Schröder sich später als ein preussischer Spitzel, übrigens nur sehr geringen Grades, entpuppte, wurde, nachdem jener Schaffhausener Drucker die vorgekommene Schröder'sche Bestellung und Bezahlung einer Nummer der "FREIHEIT" der sozialdemokratischen Exekutive mitgeteilt, seitens der letzteren eine riesige Mordgeschichte aufgemacht.

Da Schröder damals in seiner Eigenschaft als Polizeispitzel die "FREIHEIT" drucken ließ, so ist damit der Beweis geliefert, daß das Blatt auf Kosten der preussischen Regierung hergestellt wird!! Wie die Sache sich in Wirklichkeit verhielt, habe ich natürlich schon längst festgestellt und auch im Vorstehenden neuerdings mitgeteilt.

Nichtsdestoweniger haben Liebknecht und Co. die einfältige Mär immer und immer wieder und erst kürzlich nochmals aufgetischt, und damit nicht nur ganz Dummen, sondern auch Leuten imponiert, denen man etwas mehr Scharfblick zutrauen sollte.

Als ich bald darauf das Londoner Gefängnis verließ, sah ich bald ein, daß die Tage der "FREIHEIT" gezählt seien, wenn nicht andere Maßregeln ergriffen würden. Ich folgte einer von New York aus an mich ergangenen Einladung, gondelte nach Amerika und setzte dort die Herausgabe des Blattes fort, obwohl ich total mittellos in der "Neuen Welt" anlangte.

Obwohl meine ehemaligen Freunde, die importierten Unteroffiziers-Invaliden der deutschländischen Sozialdemokratie, exekutiv und autoritär beschlossen und verfügten, daß ich zu ignorieren sei, oder, wie sich etwas boshafter Veranlagte ausdrückten, die Ignoranz zum Beschluß erhoben, wurde ich am 18. Dezember 1882 zu New York im Cooper Institut von einer Kopf an Kopf gedrängten Arbeitermasse mit einem solchen Enthusiasmus aufgenommen, daß ich wohl oder übel die Hoffnung in mir aufkeimen lassen mußte, daß es ein Leichtes sein werde, weit und breit die Arbeiter, wenigstens vorerst die deutsch sprechenden, in hellen Haufen dem anarchistischen Lager zuzuführen. Und in der Tat erzielte ich allenthalben agitatorische Erfolge.

Die verhältnismäßigen Fortschritte, die da eine längere Zeit hindurch auch im Sinne der "FREIHEIT" erzielt wurden, brüteten den Gedanken aus, daß es besser sein werde, wenn eine täglich erscheinende Anarchistenzeitung das Licht der Welt erblicke. Zu solch einem Unternehmen gehört aber doch etwas mehr Geld, als man es so im Vorbeigehen zusammenschnorren kann. Aber eines wurde damit doch erzweckt: Die "FREIHEIT" erschien Jahr und Tag lang achtseitig, wobei aber nicht vergessen werden darf, daß das zu einer Zeit der Fall war, wo die gesamte Arbeiterbewegung dieses Landes im höchsten Aufschwung sich befand und äußerst hohe und schäumende Wogen schlug.

Wo immer die "FREIHEIT" deutschlesenden Arbeitern, die revolutionäre Ideen im Kopf und Herzen tragen, zu Gesichte kam, wurde deren Inhalt mit Heißhunger verschlungen. Es bildete diese Zuneigung des denkenden Proletariats dem Blatte gegenüber ein würdiges und logisches Gegenstück zu dem maßlosen Hasse, mit dem die "FREIHEIT" seitens der Reichen und Mächtigen aufgenommen und verfolgt wurde. Diese Sympathie bildete jederzeit einen mächtigen Impuls für meine Tätigkeit; sie setzte mich in die Lage, niemals zu verzagen und auszuharren im Kampfe, wenn auch mitunter hundertfältige Feindseligkeiten, Intrigen und Gegenagitationen das Unternehmen förmlich zu verschlingen drohten.

War es mir also vergönnt, stets gute Genossen in beträchtlicher Anzahl tüchtig an der Mitarbeit zu sehen, wenn es galt, die "FREIHEIT" hochzuhalten, und die darin enthaltenen Prinzipien in immer weitere Kreise zu tragen, so wurde mir andererseits auch das Bitterste nicht erspart, was Freiheitskämpfern widerfahren kann. Ich sah zahlreiche Proletarier, in deren Interesse die "FREIHEIT" gegründet, verbreitet und allen Gefahren und Hemmnissen ungeachtet bisher aufrecht erhalten wurde, wütend gegen das Blatt und mich anstürmen und sich bemühen, - ihr eigenes Organ in den Schmutz zu zerren, es zu zerstören! Es tauchten da Gestalten auf von jeder Spielart - vom einfachen Opfer des Massen-Unverstandes, das an jenes Bäuerlein erinnerte, welches ein Reisigbündel in die Flamme legte, als Hus den Ketzertod erleiden mußte, bis zu den fanatisiertesten Werkzeugen der erbärmlichsten Demagogen und noch viel schlimmerer Subjekte. Und kein Mittel war diese Leuten bis auf den heutigen Tag zu schlecht, um nicht in Anwendung zu kommen, wenn immer, in den Köpfen dieser Kreaturen die Hoffnung aufdämmerte, die "FREIHEIT" ruinieren zu können.

Während sich aber meine Feinde, die verschiedenen verkannten "Genies", deren "Ruhm" ich im Wege stand, allerlei Projektenmacher, denen ich nicht den Gefallen tun wollte, ihrer Ausgeburten hohler Schädel halber mit meinem eigenen Kopfe durch die nächste beste Wand zu rennen, Ehrgeizlinge ohne ersichtlichen Grund, Temperamentscranks und Gewohnheitsstänker immer systematischer und organisierter gegen mich auflehnten, erfreute sich die Gruppe, welche freiheitsfreundlich sich bewegte, des besten Gedeihens. Ich hielt hunderte von Vorträgen über alle erdenklichen Themata und es herrschte eine recht gute Stimmung. Und wenn später - viel später -  auch dieser Agitationszirkel zum Teufel ging, so hat das einfach darin seinen Grund, daß einerseits nicht mehr Mitglieder gewonnen werden konnten, als sich unter den deutschen Arbeitern dieser Stadt Leute befanden, welche reif waren, zur anarchistischen Bewegung herangezogen zu werden, und als andererseits die Ausdauer derselben ein gewisses Zeitmaß nicht überschritt und besonders stark in die Brüche ging, sobald der revolutionären Hochflut von 1886 ein pessimistischer Rückschlag auf der ganzen Linie folgte, der bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig verschmerzt worden ist.

Da es nach den in Amerika bestehenden Pressegesetzen (außer bei sogenannter Schweinigel-Literatur oder was man dazu zu stempeln beliebt, und bei Privatbeleidigungen) nicht leicht möglich war, mit mir "kriminell" wegen der "FREIHEIT" abzurechnen, so besorgte man das nach der gesetzlichen Mausefalle, welche betreffs Versammlungswesen dem Kodex des Staates New York einverleibt wurde, und vermeinte, so die "FREIHEIT" zu "killen". Kurzum, wegen einer am 23. April 1886 in den Germania Assembly Rooms gehaltenen "aufregenden" Rede wurde ich gemeinsam mit Braunschweig und Schenk eingelocht und ein Jahr lang als Schmied beschäftigt.

Später bereute man das sehr, denn als der Chicagoer Anarchistenprozeß im Gange war, hätte man mich am liebsten als "intellektuellen" Urheber alles erdenklichen Unheils aus- und an den Galgen geliefert. So aber, wo ich festgenagelt war, mußte man davon abstehen, und ein späterer Einzelprozeß hätte nicht "gezogen".

Die "Staatszeitung" schlug zwar damals vor, der Gouverneur des Staates New York solle mich doch "begnadigen" und gleichzeitig meine Auslieferung verfügen, aber der fromme Wunsch verhallte im Winde, weil die beiden Gouverneure (von New York und Illinois) grimmig miteinander verfeindet waren. "Glück" muß der Mensch haben!

Behandelt wurde ich während meiner Haft wie ein Straßenräuber, denn - sagte Kommissär Th. Brennan zu mir - "dies ist ein demokratisches Land; da wird jeder gleich behandelt."

Mit der "FREIHETTS" -Killerei war es aber wiederum Essig. Das Blatt erschien nach wie vor, wenn es auch wieder auf einen vierseitigen Umfang reduziert werden mußte. Und was den Inhalt anbetraf, so unterschied sich derselbe von dem früheren in nichts.

Es war freilich für mich nichts Leichtes, Zeitungen und Schreibmaterialien in das Kittchen und Geschriebenes hinaus zu schmuggeln; ich kann aus gewissen Gründen auch jetzt noch nicht angeben, wie ich das besorgt habe, aber konstatieren will ich immerhin, daß ich eine "unterirdische Eisenbahn" in Gang brachte, welche äußerst prompt und regelmäßig arbeitete. Dabei muß nicht vergessen werden, daß ich allabendlich nur etwa zwei Stunden lang einen schwachen Lichtstrahl, der aus einer Entfernung von etwa 15 Fuß vom Korridor her durch die Gitter der Zellentüre drang, zur Arbeit zu verwenden mochte, im übrigen aber lediglich an Sonnabenden nachmittags und den Sonntag über mein verbotenes Schriftstellern besorgen konnte, wobei vor allem aufgepaßt werden mußte, daß keine Überraschung durch die umherschleichenden Gefängniswärter und sonstigen Beamten stattfand.

Während ich "brummte", waren auch noch andere Feinde des "FREIHEIT" an der "Arbeit". Der schon vorerwähnte Peukert, welcher sich damals in London befand, glaubte, daß der richtige Zeitpunkt gekommen sei, dem Blatte durch eine Art "Staatsstreich" den Garaus zu machen. Erst erschwindelten er und seine Clique sich die Lettern, welche seiner Zeit für die "FREIHEIT" angeschafft wurden, unter dem Vorwande, daß sie mittels derselben Agitations-Flugblätter herzustellen gedachten.

Hernach brachten sie es fertig, lauter ihnen gefügige Werkzeuge in das Komitee der europäischen "FREIHEITS"-Filiale zu bugsieren (man weiß ja, wie leicht derartiges wahlmäßig zu Stande gebracht werden kann). Durch diese Leute versicherten sie sich der Adressen der "FREIHEIT".

Endlich provozierten sie im Verein einen Radau nach dem anderen, bis es zuletzt zu einer direkten Spaltung kam. Sie zogen ab, behielten aber die Schrift der "FREIHEIT" und nahmen deren Adressen mit. Gleich darauf gründeten sie den Club "Autonomie" und gaben eine Zeitung gleichen Namens - ein kleines, alle 14 Tage erscheinendes Stänker-Blättchen - heraus, und zwar nicht nur gedruckt mit "FREIHEIT"-Lettern und versandt an "FREIHEIT"-Abonnenten, sondern auch auf Kosten der "FREIHEIT", indem besagtes Komitee einfach die "FREIHEIT"-Abonnements-Beiträge einzog, den betreffenden Leuten aber statt der "FREIHEIT" die "Autonomie" zusandte!

Nach meiner Freilassung am 1. April 1887 setzte ich natürlich meine Agitationen einfach fort, sollte aber bald abermals darin gestört werden.

Am Sonnabend, den 12. November, hielt ich eine Rede in Krämer's Halle in der 7. Straße über das schauerliche Ereignis des 11. November. Es war das aber keine Memorial-Rede, sondern nur eine Anregung zu einer der Sachlage entsprechenden Totenfeier. Umsomehr mußte es mir auffallen, daß am nächsten Morgen die "World" mir eine Brandrede in den Mund legte, gegen welche ich schon des blödsinnigen Inhalts derselben halber, energisch mich ablehnend verhalten mußte, was ich in einem offenen Briefe an alle Zeitungen auch tat. Das war jedoch vergebens, vielmehr folgte dem denunziatorischen Report meine Arretierung und Prozessierung "wegen Aufreizung" auf dem Fuße.

Wie sich später herausstellte, war der elende Scribifax, welcher diese Berichterstattung verübte, gar nicht in der fraglichen Versammlung; er fand aber für seine Lügen polizeiliche Bestätigung, indem zwei deutschamerikanische Polizisten, welche übrigens herzlich schlecht und ungemein wenig deutsch verstanden (Roth und Sachs hießen die Kanaillen), Stein und Bein diesbezüglich zusammen meineideten.

Trotzdem ich durch circa zwanzig Zeugen den wahren Hergang der Sache nachweisen ließ, wurde ich nach fünftägiger Gerichtsverhandlung am 5. Dezember zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Immerhin ging die Einschlachtung des "Sündenbockes" nicht ganz so schnell, als es gewünscht wurde. Ich reichte meine Appellation ein, hatte 5000 Dollar Bürgschaft zu leisten, welche mein Freund und Genosse Dr. Hoffmann bereitwilligst stellte, und prozessierte noch volle dreieinhalb Jahre lang, ehe der Vorhang neuerdings hinter mir fallen konnte. Erst am 18. Juni 1891 wurde ich wieder einmal hinter die schwedischen Gardinen geschoben. Neuerdings ging es in die Schmiede, neuerdings wurde die Schmuggelmaschine in Bewegung gesetzt, usw. Die "FREIHEIT" war wiederum nicht umzubringen.

Der Niedergang der amerikanischen Arbeiterbewegung entwickelte sich auf der ganzen Linie immer mehr, und diese betrübende Tatsache wirkte auch auf die Anarchisten sehr deprimierend. Ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu können, daß, wenn nicht die "FREIHEIT" trotz alledem noch um die wankelmütig und hoffnungslos Gewordenen ein Band zu schlingen und von Zeit zu Zeit ermutigend und anregend einzugreifen vermocht hätte, die anarchistische Bewegung diese Landes sich ganz und gar verlaufen hätte.

Ich tränke das all' denjenigen, die es angeht, ganz besonders deshalb ein, weil es seither nie an Stimmen, die kleinen Gehirnen, aber großen Mäulern entsprangen, gefehlt hat, welche mich beschuldigten, den allgemeinen Zusammenbruch verursacht zu haben - mich, der, wie gesagt, indem er das "FREIHEITS "-Schifflein in solch' trauriger Zeit mit fester Hand zwischen den zahllosen Klippen, an denen es hätte zerschellen können, hindurch steuerte, wenigstens die Flagge und die Ehre der Anarchisten dieses Landes rettete.

Jetzt wäre noch das Kapitel Büffelstadt einzufügen, sozusagen der einzige eigentliche Fehltritt, den sich die "FREIHEIT" - allerdings unter falschen Voraussetzungen - zu Schulden kommen ließ. Da aber alle Leser dieses Trauerspiel ohnehin erst vor Kurzem zu Gemüte geführt bekamen, so sage ich hier einfach "Schwamm d'rüber!"

So war die Geschichte der "FREIHEIT" von Anbeginn an begleitet von Widerwärtigkeiten aller Art, einer beständigen Notnagelei, Verfolgungen und Anfeindungen. Darüber hinweg zu kommen, war mir nur möglich, weil ich außerordentlich gesund bin und einen unverwüstlichen Humor besitze. Die "FREIHEIT" aber ist - trotz alledem - mein liebes Schmerzenskind, das mir an's Herz gewachsen ist und auf das ich stolz bin - die einzige Freude meines Lebens.

Sie hat Leser in allen Staaten und den meisten Territorien von Nordamerika. Sie findet ihren Weg nach England, Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Österreich, nach der Schweiz und anderen europäischen Ländern, wie nicht minder nach Australien, Argentinien, Brasilien und Südafrika. Sie hat Freunde unter allen Zonen der Erde, und ihr Herausgeber vermag mit stolzem Trotze zu ertragen, was die Feinde dieses Blattes - gleichviel von welcher Art sie sind - wider ihn und sein Organ sagen, schreiben oder unternehmen.

Eine Zeitung, über welche sich Kaiser und Könige schon oft genug geärgert haben; ein Blatt, das unzählige Büttel Jagd auf sich machen sieht, welches von diversen Regierungen in Acht und Bann getan wurde, über das man schon in den verschiedensten gesetzgebenden Körpern debattierte; ein Organ, das schon attackiert worden ist -  nahezu von jeder einzelnen Zeitung, welche in irgendeiner Sprache existiert; ein Blatt, welches von hundert Neidern und Demagogen schon meuchlings überfallen und zu Tode zu verleumden und niederzukonkurrieren versucht worden ist - kurzum, die "FREIHEIT", welche jede erdenkliche Sorte von Angriffen bisher ausgehalten und abgeschlagen, wird fortbestehen, bis sie ihren Beruf erfüllt hat. Dieser aber kann nur enden mit dem siegreichen Verlauf der sozialen Revolution.

Aus: Johann Most – Marxereien, Eseleien und der sanfte Heinrich. Verlag Büchse der Pandora, 1985. Zuerst erschienen in Mosts Zeitung "Freiheit“ am 7.1.1899. Digitalisiert von www.anarchismus.at