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Peter Kropotkin - Auszüge aus „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk"

Die Produktion für den Weltmarkt

Industrien aller Arten werden dezentralisiert und verstreuen sich über die ganze Erde; und überall erwächst eine Mannigfaltigkeit von Gewerben, Arbeitsvereinigung statt Arbeitsteilung.

Dies sind die kennzeichnenden Züge der Zeiten, in denen wir leben. Jedes Volk wird der Reihe nach ein Industrievolk; und die Zeit ist nicht mehr weit, wo jedes Volk Europas, und ebenso der Vereinigten Staaten, und selbst die zurückgebliebenen Völker Asiens und Amerikas beinahe alles, was sie brauchen, selbst produzieren werden. Kriege und derlei zufällige Umstände mögen eine Zeitlang die Ausbreitung der Industrien aufhalten: sie werden ihr kein Ende machen, sie ist unvermeidlich. Für jeden Beginnenden sind nur die ersten Schritte schwierig. Aber sowie eine Industrie erst Wurzel gefasst hat, ruft sie hunderte andere Gewerbe ins Leben, und sowie die ersten Schritte getan und die ersten Hindernisse überwunden sind, geht das Wachsen der Industrie in beschleunigtem Tempo weiter.

Diese Tatsache wird so stark empfunden, wenn nicht verstanden, dass die Jagd nach Kolonien das Kennzeichen der letzten zwanzig Jahre geworden ist. Jedes Volk will seine eigenen Kolonien haben. Aber Kolonien werden nicht helfen. Es gibt kein zweites Indien in der Welt, und die alten Zustände werden nicht noch einmal wiederkehren. Ja, einige der britischen Kolonien drohen bereits ernsthafte Konkurrenten des Mutterlandes zu werden; andere, wie Australien, werden ohne Frage dieselben Wege gehen.

Was die bisher neutralen Märkte angeht, so wird China nie ein in Betracht kommender Kunde Europas werden: es kann viel billiger im Lande produzieren, und wenn es einmal ein Bedürfnis nach Waren europäischer Art verspüren wird, wird es sie selbst herstellen. Wehe Europa, wenn es an dem Tage, wo die Dampfmaschine ihren Einzug in China hält, sich noch auf fremde Abnehmer verlässt!

Was die afrikanischen Halbwilden angeht, so ist ihr Elend keine Grundlage für den Wohlstand eines Kulturvolkes. Der Fortschritt geht in anderer Richtung. Er geht dahin: für den heimischen Konsum zu produzieren. Die Abnehmer für die Baumwollwaren von Lancashire und die Messerindustrie von Sheffield, die Seidenstoffe von Lyon oder die Mühlenprodukte Ungarns leben nicht in Indien oder Afrika. Sie leben mitten unter den Produzenten des Landes. Es hat keinen Sinn, schwimmende Kaufläden mit deutschen oder englischen Putzwaren nach Neuguinea zu schicken, wenn es Unzählige, die Abnehmer für Putzwaren sein möchten, in England und Deutschland selbst gibt. Und anstatt wir uns das Hirn zermartern, wo im Auslande Abnehmer zu finden sind, wäre es besser zu versuchen, die folgenden Fragen zu beantworten: Warum ist der britische Arbeiter, dessen industrielle Begabung in politischen Reden so hoch gepriesen wird, warum ist der schottische Pächter und der irische Bauer, deren unermüdlicher Eifer, aus Torfmoor neuen fruchtbaren Boden zu schaffen, manchmal so viel gerühmt wird, warum sind sie keine Abnehmer der Weber von Laucashire, der Messerschmiede von Sheffield und der Bergleute von Northumberland und Wales? Ich frage nicht, warum die Weber von Lyon nicht in Seide gekleidet sind, ich frage nur, warum sie manchmal nichts zu essen haben? Warum verkaufen die russischen Bauern ihr Korn und sind vier, sechs und manchmal acht Monate lang Jahr für Jahr gezwungen, Baumrinde und Gras mit einer Handvoll Mehl zu mengen und daraus ihr Brot zu backen? Warum sind die Hungersnöte in Indien unter denen, die Weizen und Reis kultivieren, so häufig?

Unter den jetzigen Verhältnissen, der Teilung in Kapitalisten und Arbeiter, in Eigentümer und Massen, die von Ungewissen Löhnen leben, ist die Ausdehnung der Industrien in neue Gebiete immer von denselben schauderhaften Vorgängen begleitet: erbarmungslose Unterdrückung, Kindersterben, Verarmung und Unsicherheit des Lebens. Die Berichte der russischen Fabrikinspektoren, die Berichte der Plauener Handelskammer und die italienischen Enqueten sind erfüllt von den nämlichen Enthüllungen wie die Berichte der Parlamentskommission von 1848—52 oder die modernen Enthüllungen über das „Schwitzsystem" in Whitechapel und Glasgow und die Armut in London.

Das Problem, das „Kapital und Arbeit" heisst, ist so universell geworden; aber zugleich ist es auch einfach geworden. Rückkehr zu einem Zustande, wo Korn gepflanzt Waren fabriziert werden zum Gebrauch eben derer, die sie pflanzen und produzieren — dies wird ohne Zweifel das Problem sein, das während der nächsten Zeit der europäischen Geschichte zu lösen ist. Jedes Land wird sein eigener Produzent und Konsument der Industrieprodukte sein. Aber dies schliesst unweigerlich ein, dass es zugleich sein eigener Produzent und Konsument von landwirtschaftlichen Erzeugnissen sein wird; und eben das wollen wir zunächst untersuchen.

Die Ausbreitung der Industrie

Gehen wir achtzig Jahre zurück. Frankreich lag blutend am Ende der napoleonischen Kriege. Seine junge Industrie, die am Ende des letzten Jahrhunderts sich zu entwickeln begonnen hatte, war ruiniert. Deutschland, Italien waren auf industriellem Gebiet machtlos. Die Heere der grossen Republik hatten der Leibeigenschaft auf dem Kontinent einen tödlichen Streich versetzt; aber mit der Wiederkehr der Reaktion versuchte man die sterbende Institution wieder zu beleben, und die Leibeigenschaft Hess keine in Betracht kommende Industrie aufkommen. Die schrecklichen Kriege zwischen Frankreich und England, die oft auf lediglich politische Ursachen zurückgeführt werden, hatten eine viel tiefere Bedeutung — eine wirtschaftliche Bedeutung. Es Waren Kriege um die führende Stellung auf dem Weltmarkt, Kriege gegen Frankreichs Handel und Industrie — und England gewann die Schlacht. Es beherrschte die Meere.

Bordeaux war nicht mehr der Nebenbuhler Londons, und die französische Industrie schien im Keime erstickt. Und England begann, begünstigt durch den mächtigen Anstoss, den das Zeitalter der Erfindungen den Naturwissenschaften und der Technik gegeben hatte, undohne ernsthafte Konkurrenten, seine Industrie in die Höhe zu bringen. In grossem Massstabe und in ungeheuren Quantitäten zu produzieren, wurde die Losung.

Das notwendige Menschenmaterial wurde unter den Bauern gefunden, die zum Teil gewaltsam von ihrem Lande vertrieben, zum Teil durch hohe Löhne in die Städte gezogen wurden. Die notwendigen Maschinenanlagen entstanden, und die britische Produktion fabrizierter Waren ging mit Riesenschritten vorwärts. Im Laufe von noch nicht siebzig Jahren stieg die Förderung von Kohlen von 10 zu 130 Millionen Tonnen; der Import von Rohmaterial stieg von 30 auf 380 Millionen Tonnen, und der Export fertiger Waren von 46 auf 200 Millionen Pfd. Der Tonnengehalt der Handelsflotte wurde beinahe verdreifacht. Fünfzehntausend Meilen Eisenbahnen wurden gebaut.

Es wäre zwecklos, zu wiederholen, auf wessen Kosten diese Resultate erzielt wurden. Die schrecklichen Enthüllungen der Parlamentskommissionen von 1840 — 42 über die grauenvolle Lage der arbeitenden Klassen, die Erzählungen von den Bauernvertreibungen, den „cleared estates", und den geraubten Kindern sind noch frisch im Gedächtnis. Sie werden bleibende Denkmale sein, die zeigen, mit welchen Mitteln die Grossindustrie Englands begründet wurde. Aber die Anhäufung des Reichtums in den Händen der privilegierten Klassen ging mit einer vorher unerhörten Schnelligkeit vorwärts. Die unglaublichen Reichtümer, die jetzt den Ausländer in den englischen Privathäusern in Erstaunen setzen, wurden in dieser Periode angehäuft; die masslos teure Lebenshaltung die bewirkt, dass jemand, der auf dem Kontinent für reich gilt, in England nur als massig wohlhabend erscheint, kam in dieser Zeit auf. Das besteuerte Eigentum allein verdoppelte sich während der letzten dreissig Jahre dieser Periode, während in demselben Zeiträume (1810-1878) nicht weniger als  1.112.000.000 Pfund — heutzutage nahezu 2.000.000.000 Pfund — von englischen Kapitalisten in ausländischen Industrien oder ausländischen Anleihen angelegt wurden.

Aber das Monopol der industriellen Produktion konnte England nicht ewig verbleiben. Weder die industriellen Kenntnisse noch der Unternehmungsgeist konnten ein dauerndes Privileg des Inselreichs bleiben. Es war notwendig, dass sie über den Kanal hinübergingen und sich auf dem Kontinente ausbreiteten. Die grosse Revolution hatte in Frankreich eine Klasse bäuerlicher Besitzer geschaffen, die sich fast ein halbes Jahrhundert lang verhältnismässigen Wohlstandes oder wenigstens gesicherter Arbeit erfreuten.

Die Reihen der Stadtarbeiter ohne Haus und Herd wuchsen langsam. Aber die Revolution des Mittelstandes von 1789—1793 hatte bereits zwischen den bäuerlichen Besitzern und den Dorfproletariern unterschieden, und dadurch, dass die ersteren zum Nachteil der letzteren begünstigt wurden, sahen sich die Knechte, die keinen Hausstand und kein Land hatten, gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen und so den ersten Keim der Arbeiterklasse zu bilden, die den Fabrikanten auf Gnade und Ungnade überlassen sind. Weiterhin aller begannen die bäuerlichen Besitzer selbst, nachdem sie sich einer Periode unleugbaren Wohlstandes erfreut hatten, ihrerseits den Druck schlechter Zeiten zu spüren und waren gezwungen, sich nach Beschäftigung in den Fabriken umzusehen.

Kriege und Revolution hatten dem Wachsen der Industrie Abbruch getan; aber sie begann in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts wieder zu wachsen; sie entwickelte sich und verbesserte sich; und jetzt ist Frankreich, trotzdem es das Elsass verloren hat, für Fabrikate nicht mehr England tributpflichtig, wie es vierzig Jahre vorher der Fall war. Heute wird sein Warenexport auf beinahe die Hälfte des britischen Exports geschätzt, und zwei Drittel davon sind Textilwaren; während sein Import hauptsächlich in den feineren Sorten Baumwolle und Wollengarnen besteht — die zum Teil als Stoffe wieder ausgeführt werden — und aus einer kleinen Menge Wollwaren. Für seinen eigenen Bedarf zeigt Frankreich eine entschiedene Tendenz, ein Land zu werden, das sich selbst erhält, und für den Verkauf seiner fertigen Waren strebt es danach, sich nicht auf seine Kolonien, sondern hauptsächlich sich auf seinen eigenen reichen heimischen Markt zu verlassen.

Deutschland geht denselben Weg. Während der letzten fünfundzwanzig Jahre, insbesondere seit dem letzten Kriege ist seine Industrie von Grund auf reorganisiert worden, und seine neu entstandenen Industrien sind mit Maschinen versehen, die meistens das letzte Wort des technischen Fortschritts vorstellen; es hat eine Menge Werkführer und Techniker, die eine hervorragende technische and wissenschaftliche Bildung besitzen, und in einer Armee ausgebildeter Chemiker, Physiker und Ingenieure hat seine Industrie eine sehr mächtige und intelligente Hilfe.

Im ganzen bietet Deutschland jetzt das Schau spiel eines Volkes in einer Periode des Aufschwungs, mit all den Kräften, die solcher Aufschwung auf allen Lebensgebieten mit sich bringt. Dreissig Jahre vorher war es ein Abnehmer Englands. Jetzt ist es bereits auf den Markten des Südens und Ostens ein Konkurrent, und bei dem jetzigen schnellen Wachstum seiner Industrien wird seine Konkurrenz bald noch schärfer sein als zur Zeit.

Die Welle der industriellen Produktion, die im Nordwesten Europas ihren Ursprung hatte, breitet sich nach Osten und Südosten aus und bedeckt einen immer grösseren Umkreis. Und je mehr sie ostwärts geht und in jüngere Länder eindringt, umsomehr verpflanzt sie dahin alle Verbesserungen, die einem Jahrhundert mechanischer Erfindungen und chemischer Entdeckungen zu verdanken sind; sie entlehnt der Wissenschaft alle Hilfe, die die Wissenschaft der Industrie bieten kann; und sie findet Völkerschaften, die danach dürsten, die letzten Ergebnisse der modernen Forschungen in Besitz zu nehmen.

Die neuen Industrien Deutschlands beginnen, wo Manchester nach einem Jahrhundert voll tastender Versuche angelangt war; und Russland beginnt, wo Manchester und das Königreich Sachsen sich jetzt befinden. Russland ist jetzt daran, sich von seiner Abhängigkeit von Westeuropa zu befreien, und beginnt mehr und mehr alle die Waren herzustellen, die es früher aus Grossbrittannien oder Deutschland importiert hatte.

Schutzzölle können vielleicht manchmal die Geburt neuer Industrien unterstützen; immerauf Kosten anderer, ebenfalls wachsender Industrien, und immer hemmen sie die Verbesserung derer, die bereits bestehen. Aber die Dezentralisation der Industrien geht mit oder ohne Schutzzölle vorwärts; ich sollte eher sagen trotz der Schutzzölle.

Österreich, Ungarn und Italien gehen denselben Weg — sie entwickeln ihre heimischen Industrien — und selbst Spanien und Serbien sind dabei, sich der Familie der Industrievölker anzuschliessen. Ja, selbst Indien, selbst Brasilien und Mexiko beginnen, unterstützt von englischem und deutschem Kapital und technischem Wissen, Industrien auf ihrem Boden entstehen zu lassen.

Schliesslich ist allen europäischen Industrieländern zuletzt in den Vereinigten Staaten ein furchtbarer Konkurrent erwachsen. Je mehr die technische Ausbildung sich immer weiter verbreitet, umsomehr müssen die Industrien in den Vereinigten Staaten wachsen; und sie wachsen in der Tat mit solcher Schnelligkeit — einer amerikanischen Schnelligkeit — dass in ganz wenigen Jahren die jetzt neutralen Märkte von amerikanischen Waren erobert sein werden.

Das Monopol der ersten Anpflanzer auf dem Felde der Industrie hat aufgehört. Und es wird nie wiederkommen, trotz aller krampfhaften Anstrengungen, einen Stand der Dinge wiederkehren zu lassen, der bereits der Geschichte angehört. Nach neuen Wegen, nach neuen Ausgangspunkten müssen wir Umschau halten: die Vergangenheit hat gelebt und wird nie wiederkehren.

Die Vorteile einer Verbindung von geistiger und körperlicher Arbeit

Der geniale Flug, der die Arbeiter im Beginn der modernen Industrie ausgezeichnet hat, ist unsern berufsmässigen Männern der Wissenschaft abhanden gekommen.Und sie werden ihn nicht wieder gewinnen, solange sie der Welt inmitten ihrer staubigen Bücherregale fremd bleiben; solange sie nicht selbst Arbeiter sind, inmitten unter anderen Arbeitern, bei der Glut des Hochofens, bei der Maschine in der Fabrik , bei der Drehbank in der Schlosserwerkstatt; Seeleute unter Seeleuten und Fischer im Fischerboot, Holzfäller im Wald, Pflüger des Ackerbodens. Unsere Kunstschriftsteller haben uns in jüngster Zeit wiederholt versichert, dass wir keinen neuen Aufschwung der Kunst erwarten dürfen, solange das Handwerk bleibt, was es ist; sie haben gezeigt, wie die griechische und mittelalterliche Kunst Töchter des Handwerks waren, wie sie einander gegenseitig nährten. Dasselbe gilt für Handwerk und Wissenschaft; ihre Trennung ist der Verfall beider. Was die grosse Inspiration angeht, die leider in den meisten jüngst gepflogenen Diskussionen über die Kunst unbeachtet geblieben ist — und sie ist der Wissenschaft ebenso abhanden gekommen — so kann ihr Wiederkehr nur erwartet werden, wenn die Menschheit ihre gegenwärtigen Fesseln zerreisst, sich von neuem auf die hohen Prinzipien der Solidarität besinnt und den jetzigen Zwiespalt zwischen Moral und Philosophie entfernt.

Es ist indessen klar, dass nicht alle Männer und Frauen sich in gleicher Weise der wissenschaftlichen Tätigkeit erfreuen können. Die Verschiedenheit der Neigungen ist so gross, dass manche mehr Freude an der Wissenschaft haben, manche andere an der Kunst und wieder andere an einem der zahllosen Berufe der Güterproduktion. Aber mögen die Beschäftigungen, die jeder vorzieht, noch so verschieden sein, jeder wird in seinem Beruf um so nützlicher sein, je mehr er im Besitz einer ernsthaften wissenschaftlichen Bildung ist.

Und wer er auch sei — Gelehrter oder Künstler, Physiker oder Arzt, Chemiker oder Soziologe, Historiker oder Dichter — er würde gewinnen, wenn er einen Teil seines Lebens in der Werkstatt oder der Landwirtschaft verbrächte (der Werkstatt und der Landwirtschaft), wenn er mit der Menschheit in ihrer täglichen Arbeit verbanden bliebe und die Genugtuung hätte, zu wissen, dass er selbst seine Pflicht als nichtprivilegierter Produzent von Gütern erfüllt.

Wieviel besser würden der Historiker und der Soziologe die Menschheit verstehen, wenn sie sie nicht bloss aus Büchern, nicht in wenigen Vertretern, sondern als ganzes, in ihrem täglichen Erleben kennten! Wieviel mehr noch würde die Medizin der Hygiene vertrauen, und wieviel weniger den Rezepten, wenn die jungen Ärzte die Pfleger der Kranken wären und die Pfleger die Erziehung der Ärzte unserer Zeit erhielten! Und wie sehr würde der Dichter in seinem Gefühl für die Schönheit der Natur gewinnen, wieviel besser würde er das Menschenherz kennen, wenn der Sonnenaufgang ihn, der selbst ein Pflüger wäre, unter den Pflügern auf dem Felde träfe, wenn er mit den Seeleuten auf dem Schiff gegen den Sturm kämpfte, wenn er die Poesie der Arbeit und des Ausruhens, der Sorgen und der Freuden, des Kampfs und der Eroberung kannte! "Greift nur hinein ins volle Menschenleben!" sagte Goethe; Ein jeder lebt's — nicht vielen ist's bekannt. Aber wie wenig Dichter folgen seinem Rate!

Die sogenannte Teilung der Arbeit ist unter einem System gross geworden, dass die Massen dazu verdammte, den ganzen langen Tag und das ganze lange Leben sich mit derselben ermüdenden Arbeit abzuquälen. Aber wenn wir erwägen, wie gering die Zahl der wirklichen Güterproduzenten in unserer Gesellschaft ist, und wie ihre Arbeit vergeudet wird, dann müssen wir einsehen, dass Franklin recht hatte, als er sagte, fünf Arbeitsstunden am Tage würden im allgemeinen genügen, um jedes Mitglied eines Kulturvolkes mit den Annehmlichkeiten zu versorgen, die jetzt nur den Wenigen erreichbar sind, vorausgesetzt, dass jeder in der Produktion, soweit es auf ihn kommt, seine Schuldigkeit tut. Aber wir haben seit Franklins Zeit einige Fortschritte gemacht, und einige dieser Fortschritte in dem bisher am meisten zurückgebliebenen Produktionszweig sind in den vorhergehenden Kapiteln aufgezeigt worden. Selbst in diesem Beruf kann die Produktivität der Arbeit ungeheuer verstärkt werden und die Arbeit selbst leicht und freudig gemacht werden. Mehr als die Hälfte des Arbeitstages würde so einem jeden für die Betätigung in Kunst, Wissenschaft oder jeder Liebhaberei, die ihm am Herzen liegt, verbleiben; und seine Arbeit auf diesen Gebieten würde um so erspriesslicher sein, wenn er die andere Hälfte des Tages in produktiver Arbeit verwendete — wenn Kunst und Wissenschaft lediglich aus Neigung betrieben würden, nicht zu Erwerbszwecken.

Überdies wäre eine Gemeinschaft, die anf dem Prinzip der Arbeit aller aufgebaut wäre, reich genug, festzusetzen, dass jeder Mensch nach Erreichung eines gewissen Alters — sagen wir vierzig oder mehr — von der moralischen Verpflichtung, einen direkten Anteil an der Leistung der notwendigen Handarbeit zu nehmen, befreit und so imstande wäre, sich völlig dem hinzugeben, was er — oder sie — auf dem Gebiet der Kunst oder Wissenschaft oder sonst irgend welcher Betätigung sich erwählt. Freies Schaffen in neuen Zweigen der Kunst und des Wissens, und freie Entwickelung wären so völlig gewährleistet.

Eine solche Gemeinschaft würde kein Elend mitten unter dem Reichtum kennen. Sie kannte nicht den Dualismus des Gewissens, der unser Leben erfüllt und jedes edle Streben erstickt. Sie würde frei ihren Flug nach den höchsten Zielen lenken, die dem Menschen erreichbar sind.

Schlusskapitel und Zusammenfassung

Die Leser, die die Geduld gehabt haben, den Tatsachen, die in diesem Buche gesammelt sind, nachzugehn, besonders solche, die ihnen ein nachdenkliches Interesse gewidmet haben, werden wahrscheinlich von der ausserordentlichen Macht überzeugt sein, die der Mensch innerhalb des letzten halben Jahrhunderts über die produktiven Naturkräfte gewonnen hat. Einige Leser werden hoffentlich auch, wenn sie die Fortschritte, die in diesem Buche aufgezeigt sind, mit dem gegenwärtigen Zustand der Produktion vergleichen, sich die Frage stellen, die binnen kurzem das Hauptthema der wissenschaftlichen Nationalökonomie sein wird: ob die Mittel, die jetzt, unter dem gegenwärtigen System der fortgesetzten Teilung der Berufe und der Produktion um des Profits willen, angewandt werden, um die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, wirklich ökonomisch sind; ob sie wirklich zur Ersparung in der Ausgabe menschlicher Kräfte führen, oder ob sie nicht bloss vergeudende Überreste aus einer Vergangenheit sind, die in Dunkelheit, Unwissenheit und Unterdrückung getaucht war und den ökonomischen und sozialen Wert des Menschen nie in Betracht zog?

Auf dem Gebiet der Landwirtschaft kann es als bewiesen angenommen werden, dass — wenn nur ein kleiner Teil der Zeit, die jetzt in jedem Volk oder jedem Lande der Feldkultur gewidmet wird, auf wohlüberlegte und sozial durchgeführte fortgesetzte Bodenverbesserung verwandt würde — die Dauer der Arbeit, die künftig erforderlieh wäre, um eine Durchschnittsfamilie von fünf Köpfen mit der jährlichen Brotnahrung zu versorgen, weniger als vierzehn Tage im Jahr betragen würde; und dass die für diesen Zweck erfolgte Arbeit nicht das schwere Abrackern der alten Sklaven wäre, sondern Arbeit, die für die Körperkräfte jedes gesunden Mannes und jeder Frau im Lande erquicklich wäre.

Es ist beewiesen worden, dass durch die Befolgung der Methoden der intensiven Gärtnerei — zum Teil unter Glas — Gemüse und Obst in solchen Mengen gezogen werden können, dass die Menschen mit reichlicher Gemüsenahrung und einer Fülle Obst versorgt werden können, wenn sie nur der Aufgabe, es zu ziehen, die Stunden widmeten, die jedermann gern mit Arbeiten im Freien verbringt, nachdem er den grossten Teil des Tages in der Fabrik, dem Bergwerk oder dem Studierzimmer verbracht hat. Vorausgesetzt natürlich, dass die Erzeugung der Lebensmittel nicht das Werk isolierter Individuen sein wird, sondern die planmässige und vereinte Aktion von
Menschengruppen.

Es ist auch bewiesen worden — und wer geneigt ist, von sich aus die Wahrheit zu prüfen, kann es leicht tun, wenn er den tatsächlichen Verbrauch von Arbeit beim Bau von Arbeiterhäusern einmal durch Privatunternehmer, das andere Mal durch die Stadtverwaltung nachrechnet*) — dass bei richtiger Arbeitsvereinung zwanzig bis vierundzwanzig Monate Arbeit eines Mannes genügen würde, um einer Familie von fünf Köpfen eine Wohnung oder ein Haus mit allen Bequemlichkeiten, die moderne Hygiene und moderner Geschmack verlangen können, für immer zu sichern.

Und es ist durch den tatsächlichen Versuch nachgewiesen worden, dass es durch Anwendung von Erziehungsmethoden, die seit langem empfohlen und zum Teil hie und da angewandt worden sind, sehr leicht ist, Kindern mit Durchschnittsintelligenz, bevor sie vierzehn oder fünfzehn Jahre alt geworden sind, eine umfassende allgemeine Kenntnis der Natur wie der menschlichen Gesellschaft beizubringen; ihren Geist mit gesunden Methoden der wissenschaftlichen Forschung und der technischen Arbeit zu erfüllen, und ihrem Seelenleben tiefe Gefühle der menschlichen Solidarität und Gerechtigkeit einzuprägen. Und ferner, dass es äusserst leicht ist, während der nächsten vier oder fünf Jahre ihnen eine tüchtige, logisch zusammenhängende Kenntnis der Naturgesetze und eine sowohl logische wie praktische Kenntnis der technischen Methoden zu verschaffen, die dazu dienen, die materiellen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen.

Weit entfernt, den „spezialisierten" jungen Menschen, die unsere Universitäten fabrizieren, unterlegen zu sein, übertrifft sie der „völlige" Mensch, der im Gebrauch von Hirn und Händen geschult ist, vielmehr in jeder Hinsicht, besonders als Anreger und Erfinder in Wissenschaft wie Technik.

All das ist bewiesen worden. Es ist eine Errungenschaft der Zeit, in der wir leben — eine Errungenschaft, zu der wir trotz der unzähligen Hindernisse gekommen sind, die jedem Geist, der mit frischer Initiative auf Neues sinnt, in den Weg gelegt werden. Sie ist erobert worden durch die unbekannten Pflüger des Bodens, denen gierige Staaten, Grundeigentümer und Zwischenhändler die Frucht ihrer Arbeit, noch ehe sie reif ist, unter den Händen wegnehmen; durch unbekannte Lehrer, die nur zu oft unter dem Druck der Kirche, des Staats, der Konkurrenz von Erwerbsbeflissenen, Geistesträgheit und Vorurteil zusammenbrechen.

Und nun, angesichts all dieser Eroberungen — wie sehen die Dinge in Wirklichkeit aus?

Neunzehntel der ganzen Bevölkerung kornexportierender Länder wie Rußland, die Hälfte der Bevölkerung in Ländern  wie Frankreich, die von im Lande erzeugten Lebensmitteln leben, sind in der Landwirtschaft tätig — die meisten in derselben Weise wie die Sklaven des Altertums, nur um eine magere Ernte von einem Boden und mit einer Maschinerie zu erzielen, die sie nicht verbessern können, weil die Steuern, die Pacht und der Wucher sie immer ganz nahe am Rande des Hungers halten. Zu Anfang dieses 20. Jahrhunderts pflügen ganze Bevölkerungen mit demselben Pflug wie ihre mittelalterlichen Vorfahren, leben in derselben Unsicherheit, was der morgige Tag bringen wird, und sind ebenso sorgfältig von der Bildung abgeschnitten; und sie sehen, wenn sie ihren Anteil am Brot verlangen, ebenso mit Weib und Kind die Bajonette ihrer eigenen Söhne gegen sich gerichtet, wie es ihren Großvätern vor hundert und vor dreihundert Jahren ergangen ist.

In industriell entwickelten Ländern würde die Arbeit von zwei Monaten oder gar noch viel weniger genügen, um für eine Familie gute und abwechlungsreiche tierische und pflanzliche Nahrung zu schaffen. Aber die Forschungen Engels (in Berlin) und seiner vielen Nachfolger berichten uns, daß die Familie des Arbeiters die volle Hälfte ihres Jahreseinkommens für die Ernährung ausgeben muß — das heißt, sechs Monate Arbeit und oft mehr. Und was für eine Nahrung! Ist nicht Brot und Bratenschmalz die Hauptnahrung von mehr als der Hälfte der englischen Kinder?

Ein Monat Arbeit im Jahr wäre völlig genügend, um dem Arbeiter eine gesunde Wohnung zu verschaffen. Aber er muß 25 bis 40 Prozent seines Jahreseinkommens — also drei bis fünf Monate seiner jährlichen Arbeitszeit — ausgeben, um eine Wohnung zu erlangen, die in den meisten Fällen ungesund und viel zu klein ist; und diese Wohnung ist nie seine eigene, obwohl er im Alter von 45 und 50 Jahren sicher sein kann, von der Fabrik entlassen zu werden, weil die Arbeit, die er getan hat, zu der Zeit von einer Maschine oder einem Kind verrichtet wird.

Wir wissen alle, daß das Kind zum mindesten mit den Naturkräften vertraut sein sollte, die es eines Tages anwenden soll; daß es gerüstet sein sollte, mit dem stetigen Fortschritt der Wissenschaft und Technik in seinem Leben Schritt zu halten; daß es Wissenschaften studieren und ein Gewerbe lernen sollte. Jedermann wird das zugeben; aber was tun wir? Im Alter von zehn oder schon neun Jahren schicken wir das Kind in ein Bergwerk, wo es Kohlenwagen zu schieben hat; oder wir lassen es mit affenartiger Geschwindigkeit die zwei zerrissenen Fäden in einer Spinnmaschine zusammenknüpfen. Im Alter von dreizehn Jahren zwingen wir das Mädchen — das noch ein Kind ist — die Arbeit einer „Frau" im Webstuhl zu tun, oder in der vergifteten, überhitzten Luft eines Baumwollwerks zu schmoren oder vielleicht in den Todesräumen einer Töpferei in Staffordshire vergiftet zu werden. Was die angeht, die das verhältnismäßig seltene Glück haben, eine etwas bessere Erziehung zu erhalten, so beladen wir ihren Geist mit nutzlosen Überstunden, berauben sie bewußt aller Möglichkeit, selbst Produzenten zu werden, und unter einem Erziehungssystem, dessen Motiv „Profit" heißt und dessen Mittel „Spezialisierung", lassen wir die Lehrerinnen, die ihre Erziehungspflichten ernst nehmen, sich einfach zu Tode arbeiten. Welche Fluten zweckloser Leiden verheeren jedes sogenannte Kulturland der Welt!**)

Wenn wenn wir in vergangene Zeiten zurückblicken und da dieselben Leiden sehen, mögen wir sagen, dass sie vielleicht damals wegen der herrschenden Unwissenheit unvermeidlich waren. Aber uns hat der Menschengeist, von unserer modernen Renaissance getrieben, den Weg zu neuen Möglichkeiten gewiesen.

Tausende von Jahren hintereinander war die Erlangung von Nahrung die Last, wenn nicht der Fluch des Menschengeschlechts. Aber es braucht nicht länger mehr so zu sein. Wenn man sich den Boden und zum Teil auch die Temperator und die Feuchtigkeit, die jede Anpflanzung braucht, selbst macht, dann wird man sehen, dass die Gewinnung der jährlichen Nahrung für eine Familie unter rationellen Kulturbedingungen so wenig Zeit erfordert, dass sie fast eine Erholung von anderen Beschäftigungen bedeuten kann.

Wenn die Menschen zum Boden zurückkehren und mit ihren Nachbarn zusammenwirken, anstatt hohe Mauern zu errichten, um sich vor ihren Blicken zu verbergen; wenn sie benutzen, was der Versuch uns bereits gelehrt hat, und die Wissenschaft und technische Erfindung zu Hilfe nehmen, die sich unsern Anforderungen nie versagen — man sehe nur, was sie für die Kriegsführung getan haben — dann werden sie erstaunt sein, wie leicht es ist, dem Boden eine reiche und mannigfaltige Nahrung abzugewinnen. Man wird staunen, welch tüchtige Kenntnisse unsere Kinder an unserer Seite erwerben, wie schnell ihre Intelligenz wächst, und wie leicht sie die Gesetze der belebten und unbelebten Natur erfassen werden.

Habet die Fabrik und die Werkstatt dicht neben euren Feldern und Gärten und arbeitet in ihnen. Natürlich nicht solche Grossbetriebe, in denen riesige Massen Metall zu verarbeiten sind, die besser an bestimmten Stellen stehen, wie sie die Natur angewiesen hat, sondern die zahllosen verschiedenen Werkstellen und Fabriken, deren man bedarf, um die unendliche Verschiedenartigkeit des Geschmacks unter zivilisierten Menschen zu befriedigen. Nicht solche Fabriken, in denen Kinder in der Atmosphäre einer Industriehölle das ganze Aussehen von Kindern verlieren, sondern die luftigen und hygienischen und also auch wirtschaftlich zweckmässigen Fabriken, in denen das Menschenleben mehr gilt als Maschinen und das Herausschlagen von Extragewinnen, Fabriken von denen wir hier und da bereits jetzt ein paar Beispiese finden; Fabriken und Werkstätten, in die  Männer, Frauen und Kinder nicht vom Hunger getrieben, sondern von der Lust gezogen werden, eine Tätigkeit zu finden, die ihren Neigungen entspricht und wo sie, vom mechanischen Triebwerk und der Maschine unterstützt, den Beruf ausüben, der ihnen am besten zusagt.

Diese Fabriken und Werkstätten mögen errichtet werden, nicht um durch den Verkauf von wertlosen und schädlichen Dingen an geknechtete Afrikaner Profite zu erzielen, sondern um Millionen von Europäern mit dem zu versorgen, was sie brauchen, aber nicht haben. Und wiederum wird man staunen, wenn man sieht, mit welcher Leichtigkeit und in wie  kurzer Zeit die Bedürfnisse der Menschen nach Kleidung und tausend Luxusartikeln befriedigt werden können, wenn die Produktion im Gange ist, um wirkliche Bedürfnisse zu befriedigen, anstatt Aktienbesitzer mit hohen Profiten zu befriedigen oder in die Taschen von Gründern und Schwindeldirektoren Gold zu schütten. Sehr bald werden die Menschen voller Interesse für diese Arbeit sein und werden Gelegenheit haben, sich des Eifers ihrer Kinder zu freuen, mit der Natur und ihren Kräften vertraut zu werden, die Mächte der Maschinerie kennen zu lernen und neue Verbesserungen zu erfinden.

So ist die Zukunft — die bereits möglich, bereits erreichbar ist; und so ist die Gegenwart — die bereits verurteilt und im Begriff ist, zu verschwinden. Und was uns hindert, dieser Gegenwart den Rücken zu kehren und dieser Zukunft zuzugehen, oder wenigstens die ersten Schritte in ihrer Richtung zu tun, ist nicht der „Bankrott der Wissenschaft", sondern vor allem unsere krasse Habgier — die Gier des Mannes, der die Henne tötete, die die goldenen Eier legte — und dann unsere Geistesträgheit — die Denkfeigheit, die in der Vergangenheit so sorgsam gepflegt wurde.

Jahrhunderte hindurch haben die Wissenschaft und der sogenannte gesunde Menschenverstand dem Menschen gesagt: „Es ist gut, reich zu sein, imstande wenigstens die materiellen Bedürfnisse zu befriedigen; aber das einzige Mittel, reich zu sein besteht darin, den Geist und die Anlagen so zu schulen, dass ihr imstande seid, andere Menschen — Sklaven, Leibeigene oder Lohnarbeiter — zu zwingen, für euch diese Reichtümer zu erzeugen. Ihr habt keine Wahl. Entweder müsst ihr in den Reihen der Bauern und Handarbeiter stehen, die jetzt, die Nationalökonomen und Moralisten mögen ihnen für die Zukunft versprechen, was sie wollen, von Zeit zu Zeit nach jeder schlechten Ernte oder während ihrer Streiks zum Hungern verdammt sind und von ihren eigenen Söhnen niedergeschossen werden müssen, sowie sie die Geduld verlieren. Oder ihr müsst eure Anlagen so ausbilden, dass ihr ein militärischer Befehlshaber der Massen seid, oder ein Rad in der Regierungsmaschinerie des Staates bilden dürft, oder in Handel und Industrie ein Unternehmer und Aufseher von Menschen werdet."

Viele Jahrhunderte lang gab es keine andere Wahl und die Menschen folgten diesem Rat, ohne ihr Glück darin zu finden, entweder für sich und ihre eigenen Kinder, oder für die, die sie — wie sie behaupteten — vor schlimmerem Missgeschick bewahrten.

Aber das moderne Wissen kann denkenden Menschen einen anderen Weg weisen. Es sagt ihnen, dass sie, um reich zu sein, nicht anderen das Brot vom Munde nehmen müssen; sondern dass es ein vernünftigeres Resultat gäbe, wenn eine Gesellschaft von Menschen mit der Arbeit ihrer eigenen Hände und Hirne und mit Hilfe der bereits erfundenen und noch zu erfindenden Maschinen sich alle denkbaren Reichtümer schaffen würde. Die Technik und Wissenschaft werden nicht zurückbleiben, wenn die Produktion eine solche Richtung einschlägt. Geleitet von Beobachtung, Untersuchung und Versuch, werden sie allen denkbaren Anforderungen entsprechen.

Sie werden die Zeit verkürzen, die zur Herstellung von Gütern in jeder gewünschten Menge notwendig ist, sodass jedem Menschen so viel Musse bleibt, wie er begehrt. Sie können gewiss nicht das Glück garantieren, weil das Glück ebenso sehr, wenn nicht mehr, vom Individuum selbst abhängt, wie von seiner Umgebung. Aber sie garantieren wenigstens das Glück, das in dem vollständigen und mannigfachen Gebrauch der verschiedenen Fähigkeiten der Menschen gefunden werden kann, in der Arbeit, die keine übermässige Arbeit zu sein braucht, und in dem Bewußtsein, dass man sich nicht bemüht, sein Glück auf dem Elend Anderer aufzubauen.

Das sind die Aussichten, die diese nun beendete Untersuchung einem unparteiischem Geiste eröffnet.

*) Diese Ziffern können zum Beispiel ausgerechnet werden an Hand der im „Neunten Jahresbericht der Arbeitskommissare der Vereinigten Staaten fürs Jahr 1893: Bau- und Kreditgenossenschaften" enthaltenen Tatsachen.
**) Anm. d. Übers. Der Wortlaut dieses Abschnittes hätte, wenn, deutsche statt englische Verhältnisse als Beispiel gedient hätten, etwas anders sein müssen; das Resultat wäre genau dasselbe!

Aus: Der Freie Arbeiter, 1. Jahrgang, Nr. 19, 21, 22 und 23, 1904. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at. Der Mitteilteil von "Und nun, angesichts all dieser Eroberungen" bis "jedes sogenannte Kulturland der Welt!" wurde an Hand eines OCR-Scans von archive.org ergänzt.