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Pierre-Joseph Proudhon - Die Gesellschaft ohne Autorität (1851)

Es sind gegeben: Der Mensch, die Familie, die Gesellschaft; Ein Gemeinwesen, ein sexuelles und ein individuelles Wesen, das mit Vernunft, Gewissen und Liebe begabt ist, dessen Bestimmung ist, sich durch die Erfahrung zu unterrichten, durch die Besinnung zu vervollkommnen und durch die Arbeit seinen Unterhalt zu schaffen; Die Kräfte dieses Wesens so zu organisieren, daß es dauernd in Frieden mit sich bleibt, und daß es aus der Natur, die ihm übergeben ist, die möglichst große Summe von Wohlstand entnimmt: Das ist die Aufgabe.

Man weiß, wie die bisherigen Geschlechter diese Aufgabe gelöst haben. Sie haben der Familie, dem mittleren Teil des Menschenwesens, das Prinzip entnommen, das ihr ausschließlich angehört: die Autorität; und aus der willkürlichen Anwendung dieses Prinzips haben sie ein künstliches System gemacht, das nach Jahrhundert und Klima schwankte und das man für die natürliche, die notwendige Ordnung der Menschheit ausgab.

Dieses System, das man das System der Ordnung durch die Autorität nennen kann, hat sich zunächst zwiefach geteilt: in geistliche und weltliche Autorität.

Nach einer kurzen Periode des Übergewichts und nach langen Jahrhunderten des Kampfes schien das Priestertum endgültig auf das Reich verzichtet zu haben; das Papsttum mit all seinen Streitkräften, deren Repräsentanten heutzutage die Jesuiten und die Ignorantiner sind, war aus den menschlichen Angelegenheiten hinausgeworfen worden.

Seit zwei Jahren ist die geistliche Gewalt auf dem Wege, die Vorherrschaft wieder zu erlangen. Sie hat sich gegen die Revolution mit der weltlichen Gewalt verbündet und verhandelt jetzt auf gleichem Fuße mit ihr. Alle beide haben schließlich eingesehen, daß ihre Zwistigkeiten auf Mißverständnissen beruhten, daß ihr Ziel das nämliche, ihre Grundsätze, ihre Mittel, ihre Dogmen ganz und gar eins waren, daß die Herrschaft ihnen gemeinsam zukäme, oder vielmehr, daß sie sich als gegenseitige, Ergänzung betrachten und durch ihren Bund eine einzige und unteilbare Autorität bilden müßten. Zu diesem Schluß kämen wenigstens vielleicht die Kirche und der Staat, wenn die Bewegungsgesetze in der Menschheit eine solche Versöhnung möglich machten, wenn nicht schon die Revolution ihnen ihr letztes Stündlein angezeigt hätte.

Wie dem auch sei, für die Aufklärung der Geister ist es nötig, das politisch-religiöse System einerseits — die Philosophie, die so lange zwischen dem Geistlichen und dem Weltlichen einen Unterschied gemacht hat, hat nicht mehr das Recht, diese beiden zu trennen — und das Wirtschaftssystem andererseits in ihren Grundgedanken einander gegenüberzustellen. Die Regierung also, d. h. Kirche und Staat in ihrer untrennbaren Zusammengehörigkeit, haben als Dogmen:

1. Die ursprüngliche Verderbtheit der Menschennatur;
2. Die unausweichliche Ungleichheit der Bedingungen;
3. Die Ewigkeit des Gegensatzes und des Krieges;
4. Die Notwendigkeit des Elends.

Woraus sich ergibt:
5. Die Notwendigkeit der Regierung, des Gehorsams, der Ergebung und des Glaubens.

Aus diesen Prinzipien, die fast noch überall Geltung haben, ergeben sich die Formen der Autorität von selbst.

Es sind folgende:
a) Teilung des Volks in Klassen oder Kasten, die einander untergeordnet sind, eine Stufenfolge und Pyramide bilden, an deren Spitze, wie die Gottheit auf ihrem Altar und der König auf seinem Thron, die Autorität erscheint;
b) Die Zentralisation in der Verwaltung;
c) Die Hierarchie des Gerichtswesens;
d) Die Polizei;
e) Der Kultus.

Hinzuzufügen ist für die Länder, in denen das demokratische Prinzip die Vorherrschaft erlangt hat:
f) Die Teilung der Gewalten;
g) Die Teilnahme des Volks an der Regierung durch das Vertretungssystem;
h) Die zahllosen Spielarten von Wahlsystemen, von der Berufung der Stände, die im Mittelalter üblich war, bis zum allgemeinen und direkten Wahlrecht;
i) Das Zweikammersystem;
j) Die Annahme der Gesetze und die Bewilligung der Steuern durch die Volksvertreter;
k) Die Entscheidung durch die Mehrheit.

Das ist im großen und ganzen die Architektur der Gewalt, abgesehen von den Veränderungen, die jeder einzelne Teil, wie z.B. die Zentralgewalt, erleiden kann, die der Reihe nach monarchisch, aristokratisch oder demokratisch sein kann: was schon früh den Publizisten eine Einteilung der Staaten nach ihren oberflächlichen Merkmalen ermöglicht hat.

Es fällt auf, daß das Regierungssystem die Tendenz hat, immer komplizierter zu werden, ohne darum ordentlicher oder moralischer zu werden und ohne den Personen oder dem Besitz mehr Sicherheit zu gewähren.

Diese Kompliziertheit ergibt sich erstens aus der Gesetzgebung, die nie fertig wird und nie ausreicht; zweitens aus der Menge der verschiedensten Beamten; hauptsächlich aber aus dem Vergleich zwischen den zwei einander entgegen stehenden Elementen, dem königlichen Antragsrecht und der Zustimmung des Volks.

Unserer Epoche war es vorbehalten, endgültig festzustellen, daß dieser Vergleich, der durch den Fortschritt der Jahrhunderte unvermeidlich geworden war, das sicherste Zeichen für die Erkrankung, Hilflosigkeit und den nahe Tod der Autorität ist.

Was ist der Zweck dieses Organismus? Die Ordnung in der Gesellschaft dadurch aufrecht zu erhalten, daß der Gehorsam des Bürgers gegen den Staat, die Untertänigkeit des Armen unter den Reichen des Bürgers unter den Adligen, des Arbeiters unter den Schmarotzern, des Laien unter den Priestern, des Zivilisten unter den Soldaten geheiligt wird. Soweit das Gedächtnis der Menschheit zurückreicht, findet sie sich in mehr oder weniger vollständiger Art auf diesen Grundlagen organisiert, die die politische, kirchliche oder regiererische Ordnung ausmachen. Alle Versuche, der Gewalt einen liberaleren, toleranteren, sozialeren Anstrich zu geben, sind immer gescheitert: sie sind sogar um so unfruchtbarer, je mehr man versucht, dem Volk einen größeren Anteil an der Regierung zu geben, wie wenn diese beiden Worte: Souveränität und Volk, die man in dauernde Verbindung bringen zu können geglaubt hat, einander ebenso widerstrebten wie diese zwei: Freiheit und Despotismus.

Unter diesem fluchwürdigen System also, dessen erstes Wort Verzweiflung und dessen letztes Tod heißt, hat seit sechstausend Jahren die Menschheit leben, die Zivilisation sich entwickeln müssen. Was für eine geheime Kraft hat sie gehalten? Welche Kräfte haben ihr Leben gegeben? Welche Prinzipien, welche Ideen haben ihr unter dem Schwert der kirchlichen und weltlichen Autorität des Blut erneuert?

Dieses Geheimnis ist heute enthüllt. Unter dem  Regierungsapparat, im Schatten der politischen Einrichtungen, fern von den Blicken der Staatsmänner und Priester, hat die Gesellschaft still und allmählich ihren eigenen Organismus erzeugt; hat sie sich eine neue Ordnung gemacht, die der Ausdruck ihrer Lebenskraft und ihrer Selbstherrlichkeit und ebenso die Negation der alten Politik wie der alten Religion geworden ist. Diese Organisation, die der Gesellschaft so im Wesen zugehörig ist, wie die andere ihr fremd ist, hat zu Prinzipien:

1. Die unbegrenzte Vervollkommnungsfähigkeit des Individuums und der Art;
2. Die Achtbarkeit der Arbeit;
3. Die Gleichheit der Bestimmungen;
4. Die Identität der Interessen;
5. Das Aufhören des Widerstreites ;
6. Die Allgemeinheit des Wohlstands;
7. Die Souveränität der Vernunft;
8. Die völlige Freiheit des Menschen und Bürgers;

Ihre Betätigungsformen sind, ich nenne nur die hauptsächlichen:
a) Die Teilung der Arbeit, durch die sich der Klassifikation des Volkes in Kasten die Klassifikation in Industrien gegenüberstellt;
b) Die Kollektivkraft, das Prinzip der Arbeitergenossenschaften, die an die Stelle der Armeen treten;
c) Der Handel, die konkrete Gestalt des Vertrags, der an die Stelle des Gesetzes tritt;
d) Die Gleichheit des Tausches;
e) Die Konkurrenz;
f) Der Kredit, der die Interessen zentralisiert, wie die Regierungshierarchie den Gehorsam zentralisiert hat;
g) Das Gleichgewicht der Werte und der Eigentume.

Das alte System, das sich auf Autorität und Glauben gründete, war in seinem Wesen göttlichen Rechtes. Das Prinzip der Volkssouveränität, das später in es eingeführt wurde, änderte seine Natur keineswegs; und man täte unrecht, wenn man heute angesichts der Ergebnisse der Wissenschaft die Unterscheidung zwischen der absoluten und der konstitutionellen Monarchie, zwischen dieser und der demokratischen Republik aufrechterhalten wollte, eine Unterscheidung, die nirgends an das Prinzip rührt und die, mochte ich sagen, seit einem Jahrhundert nur ein Schachzug der Freiheit war. Der Irrtum oder die List unserer Väter war, das Volk nach dem Bilde des Königsmenschen souverän zu machen; vor der besser verstandenen Revolution versinkt diese Mythologie, die Nuancen der Regierung verschwinden und folgen dem Prinzip in seinen Untergang.

Das neue System, das auf die selbständige und unabhängige Betätigung und Praxis der Industrie begründet ist und mit der sozialen und individuellen Vernunft in Einklang steht, ist menschlichen Rechtes. Feind jeglicher Willkür und in seinem Wesen objektiv hat es an sich in seinem Schoße weder Parteien noch Sekten; es ist, was es ist, und duldet weder Einschränkung noch Zerfall.

Zwischen dem politischen und dem ökonomischen System, zwischen dem System der Gesetze und dem System der Verträge ist keine Verschmelzung möglich, es gilt zu wählen. Der Ochse bleibt immer ein Ochse und kann kein Adler werden, und die Fledermaus keine Schnecke. Ebenso kann die Gesellschaft, solange sie, in welcher Form auch immer, ihre politische Form behält, sich nicht nach dem ökonomischen Gesetz organisieren. Wie soll sich die örtliche Selbständigkeit mit dem Übergewicht einer zentralen Autorität vereinbaren? Das allgemeine Entscheidungsrecht mit der Hierarchie der Beamten? Das Prinzip, daß niemand dem Gesetz Gehorsam schuldet, wenn er ihm nicht in Person und unmittelbar zugestimmt hat, mit dem Mehrheitsrecht?...

Ein Schriftsteller, der, mit diesen Widersprüchen bekannt, aufträte, um sie zu lösen, bewiese damit nicht einmal seine Kühnheit: er wäre ein kläglicher Gaukler. Diese völlige Unvereinbarkeit der beiden Systeme, die nun so oft festgestellt worden ist, genügt indessen nicht zur Überzeugung der Publizisten, die zwar die Gefahren der Autorität einräumen, aber sich dennoch an sie als an das einzige Mittel, die Ordnung zu sichern, anklammern und ohne sie nur Oede und Leere sehen. Wie der Kranke im Lustspiel, dem man sagte, das erste Mittel, das er zu seiner Heilung anzuwenden hätte, bestünde dann, seine Aerzte zur Tür hinauszujagen, fragen sie sich, was ein anständiger Mensch ohne Doktor, was eine Gesellschaft ohne Regierung sei. Sie wollen eine möglichst republikanische, sanft wirkende, liberale, gleichheitliche Regierung machen; sie wollen alle Garantien gegen sie gründen; sie wollen sie vor der Majestät der Bürger bis zur Kränkung erniedrigen. Sie sagen uns: Ihr sollt die Regierung sein! Ihr sollt über euch selber herrschen, ohne Präsident, ohne Vertreter, ohne Delegierte. Worüber kömmt ihr euch dann noch beklagen? Aber ohne Regierung leben; bedingungslos und ganz und gar jede Autorität abschaffen; die reine Anarchie einführen: das dünkt sie unfaßbar, lächerlich: das ist eine Verschwörung gegen die Republik und die Nation. Was! rufen sie, was wollen die Leutchen, die von ihrer Abschaffung reden, denn an die Stelle der Regierung setzen? Wir sind nicht mehr in Verlegenheit, darauf zu antworten!

Wir haben gezeigt, was wir an die Stelle der Regierung setzen: die industrielle Organisation. An die Stelle der Gesetze setzen wir die Verträge. - Keinerlei Gesetze mehr, weder durch Mehrheitsentscheidung, noch durch Einstimmigkeit; jeder Bürger, jede Gemeinde oder Korporation machen sich ihr Gesetz selbst.

An die Stelle der politischen Gewalten setzen wir die wirtschaftlichen Kräfte.

An die Stelle der alten Klasseneinteilung in Adel und Bürgertum, Bourgeoisie und Proletariat setzen wir die Kategorien und Spezialitäten des Berufs: Landwirtschaft, Industrie, Handel usw.

An die Stelle der öffentlichen Gewalt setzen wir die Kollektivkraft.

An die Stelle der stehenden Heere setzen wir die industriellen Genossenschaften.

An die Stelle der Polizei setzen wir die Identität der Interessen.

An die Stelle der politischen Zentralisaton setzen wir die ökonomische Zentrale.

Seht ihr jetzt diese Ordnung ohne autoritäre Machthaber, diese in die Tiefe reichende und ganz intellektuelle Einheit? Oh, ihr habt nie eine Vorstellung von der Einheit gehabt, ihr, die ihr sie euch nicht denken könnt ohne ein Gespann von Gesetzgebern, Landräten, Staatsanwälten, Zollwächtern und Gendarmen! Was ihr Einheit und Zentralisation nennt, ist nichts anderes als das ewige Chaos, das endloser Willkür als Grundlage dient; sie ist die Anarchie der sozialen Kräfte, die dem Despotismus zur Begründung dient, der ohne diese Anarchie nicht existierte.

Wohlauf! wozu brauchen wir die Regierung, wenn wir unsere Verträge schließen? Schafft die Nationalbank mit ihren Filialen nicht die Zentralisation und die Einheit? Stellt die Vereinbarung zwischen den Landwirten zum Ausgleich, zur Beweglichmachung, zum Austausch der ländlichen Grundstücke nicht die Einheit her? Drücken nicht die Arbeitergenossenschaften zur Ausbeutung der großen Industrieen in einer andern Hinsicht die Einheit aus? Und ist nicht die Festsetzung des Wertes, dieser Vertrag der Verträge, wie wir ihn genannt haben, ebenfalls die höchste und unauflöslichste Einheit? Und wenn man euch, um euch zu überzeugen, auf entsprechende Geschehnisse in eurer eigenen Geschichte verweisen muß, ist nicht das System der Maße und Gewichte das schönste Denkmal, das sich der Konvent gesetzt hat, seit fünfzig Jahren der Eckstein eben der wirtschaftlichen Einheit, die vom Fortschritt der Ideen dazu bestimmt ist, an die Stelle der politischen Einheit zu treten?

Fragt also nicht mehr, was wir an die Stelle der Regierung setzen wollen, und auch nicht, was aus der Gesellschaft werden soll, wenn es keine Regierung mehr in ihr gibt; denn ich sage euch und ich schwöre euch: in Zukunft wird es leichter sein, die Gesellschaft ohne Regierung sich vorzustellen, als die Gesellschaft mit der Regierung.

Die Gesellschaft ist in diesem Augenblick dem Schmetterling zu vergleichen, der eben ausgeschlüpft ist und der, ehe er ans Fliegen geht, seine schimmernden Flügel wiegt. Sagt ihm doch, er solle sich wieder verpuppen, die Blüten fliehen und aufs Licht verzichten!...

Aber eine Revolution wird nicht mit Formeln gemacht. Es tut not, das Vorurteil von Grund auf anzugreifen, es zu zerlegen und zu zertrümmern, zu zeigen, wie kläglich es aussieht, wie lächerlich und verächtlich es ist. Die Menschheit glaubt nur an ihre eigenen Prüfungen und ist glücklich zu preisen, wenn diese Prüfungen sie nicht an Geist und Blut erschöpft haben. Versuchen wir also, vermittelst einer direkt aufs Ziel gehenden Kritik die Prüfung der Regierung so anschaulich zu machen, daß die Unsinnigkeit der Einrichtung sich jedem Denkenden aufdrängt und daß die Anarchie, die wie eine Geißel gefürchtet wird, endlich als eine Wohltat empfangen werde.*)

Anmerkung:
*) Diese Schlußwendung, die zu den weiteren Kapiteln des Buches überleitet, wurde hier mit zum Abdruck gebracht, damit kein Leser übersehen möge: es handelt sich um ein kleines Stück aus der Mitte eines Buches, das nur allgemeine, zusammenfassende Worte als Vorläufiges sagt. Das Genaue und Bestimmte hat Proudhon in diesem Buch und in andern Schriften gesagt, wie wir es mit seinen und unsern Worten schon gesagt haben und weiter sagen werden.

Bruchstück aus Proudhons Buch: "Die Generalidee der Revolution im 19. Jahrhundert" (1851). — Der Sinn, in dem Proudhon das Wort Autorität anwendet, erklärt sich durch das Stück selbst. Der Deutsche tut gut, daran zu denken, daß autorité im Französischen der Umgangssprache angehört und da auch öffentliche Gewalt bedeutet.

Aus: "Der Sozialist. Organ des Sozialistischen Bundes", 2. Jahrgang, Nr. 22, 15.11.1910. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.