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Pierre Ramus - Leo Tolstoi als Denker und Revolutionär des Anarchismus

Eine Betrachtung Leo Tolstois und seiner anarchistischen Lehre wie Weltanschauung im gegenwärtigen Zeitpunkt einer von bedeutenden, politischen und sozialen Revolutionsetappen erschütterten Welt anzustellen, kommt einer grundsätzlichen und entscheidenden Prüfung seiner Auffassungen, aber auch einer Überprüfung der eigenen Zielerkenntnis und praktischen Betätigung gleich. Der Weltkrieg und die ihm nachfolgende Periode hat sehr viel gestürzt und beseitigt, was früher noch unerprobt war, dessen Anerkennung oder Ablehnung beiderseitig Theorie gewesen. Soziale und ökonomische Entwicklungsgesetze, Weltanschauungspostulate, die Arbeiterbewegung in ihren mannigfachen Formen, Bestrebungen und Erwartungen, sie haben die Möglichkeit einer Offenbarung gehabt, und es ist nicht mehr schwierig, ihre Zweckdienlichkeit auf ihre Richtigkeit zu ermessen. Aber auch die Haltung der einzelnen Individuen, die sie aufrichtenden oder niederdrückenden Prinzipien und Gedanken wie Willenselemente, kurz alle jene eigenartigen Bewußtseinsvorgänge, die sich im Individuum in den Momenten größter Tragweite kundgeben, auch sie hatten und haben heute die Gelegenheit einer Manifestation.

Inwieweit haben Sie dem ungeheuren Ereignis des Weltkrieges, diesem Prüfstein für Völker und Weltteile in ihrer soziologischen, politischen wie ökonomischen Beschaffenheit standgehalten: inwieweit haben sich die den (...) Lehren anschließenden Aktionsmittel- und Methoden als wirksam erwiesen; und inwieweit bekundet sich Wirksamkeit und Betätigung der sozialen Idee und ihrer Verkörperungen in der Gesellschaft, Neues schaffend, das Alte verdrängend und Mensch wie Gesellschaft befreiend, beglückend?

Wenn wir heute, zehn Jahre nach Tolstois Todestag, seit welchem sich so viel ereignet und nie wieder gutzumachendes vollzogen hat, seine Lehre im Lichte der Geschehnisse betrachten, eine Bilanz seines Wollens und Strebens zugleich mit den stattgehabten Ereignissen Ziehen, dann erhebt sich die Gestalt des großen Geistesführers von Jasnaja Poljana in solch gigantischen Dimensionen, daß wir, wenn wir Leo Tolstois Bedeutung für die Menschheitskultur zu würdigen vermögen, uns fast überwältigt findein angesichts' der immensen Konturen am Geisteshinmel, die Tolstoi auf ihm inne hat.

Es soll nicht als banale Übertreibung gewertet werden, wenn ich sage: Tolstoi allein haben wir es zu verdanken, daß der Anarchismus als leuchtender Turm der Menschheitskultur noch emporragt, allen Geknechteten, allen Ausgebeuteten und allen von politischer, klerikal-theologischer und ökonomischer Ausbeutung Getretenen ein Rettungsziel, ein befreiendes Ideal und eine beglückende Gegenwartserfüllung darbietend. Nur den Lehren Tolstois haben wir die Unüberwindlichkeit und nach wie vor flammende Sieghaftigkeit der Idee der Anarchie über Staat, Militarismus, Krieg und Revolutionsphrase zu verdanken.

Aus dem Schoße der modernen Arbeiterbewegung sind zwei Flügel hervorgegangen, die sich die Beseitigung des bestehenden Systems zum Ziele setzten. Sozialdemokratie und Anarchismus können, in prägnanten Ausdrücken, diese beiden Richtungen des sozialistischen Gedankens — dessen frühere Evolutionsstadien wir ganz unberücksichtigt lassen — genannt werden.

An ihrer Wiege steht Leo Tolstoi, der am 9. September 1828 geboren wurde. Er hat somit die moderne Arbeiterbewegung, die Gedankenentwicklung des Sozialismus und Anarchismus, fast noch mehr miterlebt, als ein anderer herrlicher Leuchtgeist der Menschheit: Peter Kropotkin. In der Blüte der Jahre stehend, hat Tolstoi Proudhon kennen gelernt und als ein Ringender, innerlich von der Glut unablässigen Suchens Gejagter, sind die verschiedenen Metamorphosen der proletarischen Bewegung an ihm vorübergegangen.

Heute ist diese Phase der sozialistischen Bewegung, die in den Dreißigerjahren begann, sich zum Vorspann der bürgerlichen Demokratie machen ließ und von ihr naturgemäß schmählich verraten ward, die damals die Macht des Staates vorübergehend in die Hände des Pariser Proletariats und seiner sozialistischen Demokratie legte, 1864 einen neuen Anlauf nahm, sich kristallisierte, aber nur in die alten Fehler neuerdings verfiel. Heute ist diese Phase, die bis 1914 währte, tot und versunken und ihre Nachwirkungen wie Epigonen hinterlassen nur dieselbe Enttäuschung, wie jene sie hinterließ, müssen ebenso unfruchtbar bleiben für die menschliche Befreiung, wie diese ganze Epoche, die im Blutmeer des Weltkrieges und der internationalen Völkerzerfleischung versunken ist.

In diesem Meer von Blut, Wahn und nationalistisch-militaristischer Idiotie sind vornehmlich drei Gedanken untergegangen, die in ihrer Gesamtheit am besten ausgedrückt werden können durch die Titulatur: Bankerott, völlige Selbstzersetzung des Marxismus. Aber ganz abgesehen von seinem dogmatischen Lehrgebäude ergibt sich als Besonderheiten des Zusammenbruches der sozialen Bewegung als solcher der Untergang des Glaubens, daß das Proletariat durch die Arbeiterbewegung zu einer internationalen Einheit verbunden werde, der Untergang des Glaubens, daß eine neue Kultur- und Geistesauffassung, die des Sozialismus und der Menschlichkeit, so überwiegend Besitz ergriffen habe von der Psyche des Proletariers, um ihn zum Kriege unfähig zu machen und schließlich der Untergang des Glaubens, daß das Proletariat durch Kapitalismus und Staat, also seine ökonomischen und politischen Wesensbedingungen, dazu gebracht werde, zur Revolution überzugehen, bevor es sich als internationales Schlachtopfer für Kriegszwecke verwenden ließe, lieber die politische oder soziale Revolution zu proklamieren.

Im Untergang dieser drei Glaubenspostutale brechen nicht nur diese drei in ihrer besonderen Wesensart zusammen, sondern, wer Idee, Problem und Aufgabe des sozialen Ringens und dessen Bewegung begreift, weiß nur zu gut, daß damit sämtliche Voraussetzungen und Grundlagen der Arbeiterbewegung, ihres zukünftigen Sieges auf den bisherigen Bahnen zusammengebrochen sind. Gestehen das, was ist, ist heutzutage das wichtigste: die bisherige Arbeiterbewegung, mehr als das: die soziale Bewegung aller Richtungen, soweit sie auf den üblichen Pfaden von politischen Parteien, gewerkschaftlichen Lohnkämpfen — auch in der Form des Syndikalismus, denn leider ist dieser in Frankreich nicht weniger zur Enttäuschung geworden, wie die Sozialdemokratie als Partei für den Friedensgeist der Menschheit — und marxistisch-revolutionären Kothurnen einherstelzt, ist ein Kadaver. Und sie wird in der diesem eigenartig gewesenen Lebensform niemals zu einer Umgestaltung, Beseitigung der bestehenden autoritären und monopolistischen Weltordnung führen. Das steht heute unerschütterlich fest.

Leo Tolstois gewaltige kulturbefreiende Mission ist darin gelegen, die hauptsächlichsten Materialien zu einer Befreiung des Menschengeistes zusammengetragen zu haben, wie sie im Anarchismus ihre klarste Erfüllung findet, die ihm selbst aber erst dann zuteil wird, wenn er sie in sich aufgenommen, verarbeitet und weiterentwickelt hat. Tolstoi ist der größte Revolutionär des Sozialismus, und in der Läuterung, die er ihm angedeihen läßt, schafft Tolstoi jene ethischen, intellektuellen, aber auch sozial Sprengenden und neuvereinenden Glieder, die den Sozialismus zur Verwirklichung bringen und im Anarchismus ihm seine Grundlage, wie seinen Ausbau darbringen.

Sein, Tolstois, größtes Verdienst ist es, Sozialismus, Anarchismus und Revolution aus den Regionen vager Schwärmerei und Zukunftsvertagung gerissen und auf den realen Boden des Kampfels gestellt zu haben. Für ihn gibt es keine Zwischenstufen, keine ökonomischen Vorbedingungen und menschlichen Massenquantitäten in der Herbeiführung des sozialen Menschlichkeitsideals. Er weiß mit Recht, daß sie dann und dort überall vorhanden sind, wo der Geist des Begreifens und Erkennens weilt und lebt — und er weiß noch mehr: nämlich, daß dieser Geist geschaffen wird durch die rücksichtslose Tat der Verwirklichung und ein kompromißloses Leben. Um es kurz zu sagen, was ich fühle und durch Tolstoi erkennen gelernt habe: Es ist die größte Täuschung, zu vermeinen, die soziale Revolution werde zum Kapitalismus und Anarchismus führen; im Gegenteil: die Verwirklichung von Sozialismus und Anarchismus durch den Einzelnen, die kleine und immer größer werdende Minoritätsgrupppe — diese Verwirklichung führt zur sozialen Revolution, die notwendigerweise ein kurzes Endstadium der Beendigung eines allmählich immer größer werdenden und gewordenen Verwirklichungsprozesses der Befreiung ist.

In einer Zeit, da die kreischende Agonie des Marxismus die Allversklavung und Selbstverknechtung des Volkes durch die gewaltigste Staatsautokratie erzwingt, durch geistestötende, kapitalistische Disiziplin und Arbeitsfrohn, durch macchiavellistische Hinschlachtung des Volkes in nationalistisch-staatlichen Kriegsinteressen, all dies unter dem infamsten Jesuitismus der Lüge: solches wäre nötig, um zur Befreiung zu gelangen; wo also der Bolschewismus die Jahrtausende alte Schurkerei aller Priester und Staatskanaillen zu seinem Schiboleth gemacht hat: das Dasein auf Erden, das Leben der Menschen, ihr Ich und ihre Persönlichkeit und ihr eigenstes Lebensinteresse müsse zum Heil eines mystischen Zukünftigen, eines erst nach ihrem irdischen Wandel Entstehenden zurücktreten, diesem geopfert werden, während eben diese Priester, Pfaffen und Staatsmänner, die so sprechen, selbst so wenig daran denken, sich in der Gegenwart für die Zukunft aufzuopfern, wie etwa der Papst von Rom daran denkt sein irdisches Leben um der Herrlichkeiten willen im himmlischen Jenseits zu verkürzen in dieser Zeit, da das Wort "Kommunismus" gleichbedeutend geworden ist mit ehrlosestem marxistischem Staatsbetrug, verübt an dem irregeführten Volke, da ist Leo Tolstoi unser einziger Führer und Wegweiser, der hellste Stern geworden, dem die Menschheit folgen muß, wenn sie in Wahrheit ihre Erlösung finden will!

Worin bestehen die Grundgedanken Leo Tolstois, wie sie das unvergleichlich lebensschöpferische Prinzip und Ideal des Anarchismus bereichern und es zu einer aktuellen Wirklichkeitsform im Menschen- und Gesellschaftsleben gestalten?

Erst in Tolstoi wird der Anarchismus wohl weniger ein soziologisches System, dafür aber desto mehr ein Kulturbegriff des geistigen Lebens für die Gegenwart und der sie mit jenen real erfüllenden, selbstbefreienden Tat, Aktion. Dies geschieht vor allem dadurch, daß Tolstoi die Sache der Neugestaltung des gesellschaftlichen Zustandes aus den Umgrenzungen der nur soziologischen Auffassung hebt und zu der höchsten Geistessphäre des Lebenssinnes und all dessen, was dem Menschen wertvoll und wesentlich dünkt, emporträgt: Tolstoi hat diejenige Anschauung der Menschen revolutioniert, innerhalb welcher der größte Teil der europäisch-amerikanischen Kulturmenschheit aufwächst und erzogen wird.

Das, was man Weltanschauung, Philosophie, Wissenschaft nennt, wird nur von einem kleinen, größtenteils privilegierten Häuflein Menschen besessen, von deren, auf Grund ihrer wissenschaftlichen oder philosophischen Ausbildung, nur eine winzig kleine Absplitterung zu einer individuell wie sozial befreienden Lebensführung und Auffassung gelangt. Sogar sehr bedetutende, liberale Gelehrte wie z.B. Häckel — gelangen auf Grund ihrer wissenschaftlichen Überzeugung keineswegs zu freiheitlichen Gesichtspunkten. Doch ganz abgesehen davon — alle diese Geisteselemente der schulmäßigen Philosophie und wissenschaftlichen Bildung leben außerhalb des wirklichen Volkes. Nicht nur, daß sie in ihren Fundamenten wie im Wesensgehalt keineswegs positive Axiome sind, sie bieten nicht einmal die moralische und ethische Gewähr für eine wirkliche ideale Erhebung des Menschengeistes und seines sozialen Milieus. Das eigentliche Volk kennt sie überhaupt nicht, und es gehört zu den unglücklichsten Begleiterscheinungen des Sozialismus, als "wissenschaftlich" gelten zu wollen, wodurch er sich von vornherein dem eigentlichen Volksverständnis entrückt, ja sogar vor diesem verschließt, eine Kaste von "Wissenden", sogenannten "Theoretikern" und eine Kaste der unendlichen Mehrheit von "Unwissenden" schafft.

Durch Leo Tolstoi erst gelangen wir — und zwar in ganz unvergleichlich anderer und unendlich tieferer Form als durch St. Simon, Lamennais oder Weitling — dazu, den Anarchismus und seine kommunistische Wirtschaftsform dem Bewußtsein des Volkes näher zu bringen, in der Tat diesem entfließen zu lassen. Tolstoi hat dies dadurch erreicht, daß er, statt sich in Abstraktionen pseudowissenschaftlicher Dispute zu verlieren, die Volksphilosophie — die Religion, also insbesondere das Christentum von alledem reinigte, was für Kirche und Staat unerläßlich ist, um die Menschen in Knechtschaft erhalten zu können. Unendlich mehr als Luther ist Tolstoi ein Zertrümmerer aller kirchlichen Dogmatik und Theologie, und in gewisser Beziehung ist sein Auftreten in dessen Reinheit und Unerbittlichkeit nur mit dem der alten jüdischen Propheten, die sich gegen den Wortsinn des Judentums und seiner Gebote auflehnten, noch mehr aber nur mit der Lichtgestalt Christus zu vergleichen, von der es herzlich gleichgültig ist, ob dieser je gelebt hat oder nicht, solange wir nur seine antistaatlichen, antimammonistischen, antipfäffischen Lehren der Liebe besitzen, die das Göttliche in das Gute der menschlichen Verstandeskräfte verlegen und somit die menschliche Vernunft als das souveränste und einzige Gotteselement erklären.

Hier hat Tolstoi eine Anknüpfung an das Volksbewußtsein, den Volksgeist, wie er ist, geschaffen, die grandioser nicht vollbracht werden kann; und wer die Kraft religiös-intuitiv geschauter Lehensideale aus der Geschichte des Volkes kennt, wird auch begreifen, welche todessicheren Waffen hier gegen jegliche Macht, Autorität, Gewalt und Unterdrückung des Staates und der Kirche für uns geschmiedet worden sind!

Zugleich bieten sie dasjenige dar, was sonst nirgends zu finden ist: die positive Gewähr, daß neue Menschen und damit neue Zustände, neue Verhältnisse geschaffen werden. Das Christentum der Bergpredigt, wie es Tolstoi lehrt, verwandelt das einfachste, wie das geistig höchstkultivierte Individuum in einen gleichwertigen neuen Menschen. In ihm finden Bauer und Geistiger sich, beide haben ihr inneres Menschtum, ihre Göttlichkeit, zu entdecken und — zu leben! Und beide werden durch dieses wahre Christentum auf eine gemeinschaftliche Aktionsgrundlage des Kampfes und der Befreiung hingeführt: beide müssen sich gegen die Institution von, Staat und Kirche als solche wenden und ihre völlige Beseitigung nicht erst für die Zukunft, sondern schon im täglichen Lebenswandel durchzusetzen trachten, was unvermeidlich zum Zusammenbruch dieser vor allen Dingen nur durch innere Unterwerfung aufrechterhaltenen Institutionen der Allversklavung und Allvertierung geleiten muß.

Wie aber ist dieser Zusammenbruch durchzuführen? Wahrscheinlich nur auf den bisher üblichen und uns leider allein bekannt gewordenen Wegen der politischen Revolution? Also durch Gewalt in kriegerisch-militärischem Sinn?

Wieder begegnen wir hier der geradezu erhaben einheitlich geschlossenen Weltanschauung Tolstois, die aus Lebensführung im Sinne wahrer Lebensreligion eine Lebensumwälzung bereitet und bewirkt. Wir gelangen nun zum archimedischen Punkt des gesamten Sozialen Problems, und es ist ein Unglück für das internationale Proletariat, daß dieses geistig so verstrickt ist — durch Erziehung, wie äußere Einflüsse — in das Gewebe der Gewalt, daß das Proletariat die Wesensart der Gewalt weder erkennt noch durchschaut.

Die alte Theorie des Sozialismus hat irriger Weise den Bestand des bestehenden Systems entweder in ökonomische Gesetze oder in den Staat und seine Institutionen verlegt. In Wahrheit sind sie nur Folge, Wirkung; das bestehende System der Gewalt beruht in der Gewaltbetätigung der Massen auf allen individuellen und sozialen Gebieten, und diese Betätigung entstammt der irrigen, geistlosen Gewaltverehrung des Proletariats, die künstlich gezüchtet wird durch Staat, Schule, Militarismus, Kirche, Partei und demagogenhafte Machtgier. Im Augenblick, wo das Proletariat die Betätigung der von ihm geforderten Gewalt auf allen Gebieten der bestehenden Gewaltordnung verweigert — und darin besteht der Wesenskern des Christentums, wie Tolstoi es lehrt — bricht diese ganze Gewaltordnung ohnmächtig zusammen und, was vielleicht das allerwichtigste: es entsteht keine neue — Mensch wie Gesellschaft sind endlich befreit, frei.

Zu diesem Kampf einer heroischen Lebensführung, welche die soziale Revolution für jeden Einzelnen, der sich zu ihr bekennt, als eröffnet, als durch ihn begonnen erklärt — zu diesem Kampf der Selbst- und Allbefreiung hat Leo Tolstoi bis zu seinem letzten Atemzuge aufgefordert. Es ist die groteskeste Unkenntnis seines Wollens, wenn man sein Wort vom Nichtwiderstreben so ausdeutet, als hätte er Unterwerfung unter das Übel gepredigt, während er in Wirklichkeit darunter die Abkehr von jeglicher gesetzlicher und politischer Quacksalberei, wie Militärgewalt, verstand — er schrieb im zaristischen Rußland! — und zugleich das Nichtwiderstreben mittels der Waffengewalt, weil diese nie Revolution, immer nur Krieg und neue Macht herbeiführt. Und weil er verstand, daß es Narretei ist, die Arbeiter zur Waffengewalt aufzufordern, während die Arbeiter dieselben Waffen erzeugen, die sich gegen sie kehren; dieweil sie viel leichter, menschlicher und gewisser siegen können durch die Zerstörung aller Waffen und Nichterzeugung - das begriff Tolstoi unter seinetm Nichtwiderstreben; denkt nur ein bischen darüber nach, Maulhelden der Pseudorevolution! — derselben, wodurch mit einem Schlage die Gesellschaft befreit ist vom Staat, Klerikalismus, Kapitalismus und Monopoleigentum und der kommunistische Anarchismus sich als die einzige mögliche Lebensform eines natürlichen Menschenwandels in Freiheit ergibt.

Das hat Leo Tolstoi uns gelehrt, und mehr als je ist er heute und für den Kampf in Gegenwart und Zukunft der bahnbrechendste Revolutionär, der einzige, der strenge fordert: Setze das, woran du glaubst, sofort in Wirklichkeit um! Lebe es! In der Aufstellung dieser strengen Forderung ist er aber auch der genialste Bahnbrecher für eine freie Menschtheitsgemeinde. Darum leuchtet uns sein Name als Inspiration voran, darum danken wir ihm, indem wir in seinem Sinne zu wirken trachten.

Aus: "Erkenntnis und Befreiung", 2. Jahrgang, Nr. 51 (1920). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.