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Reinhard Lauterbach - Befreier der Südukraine

Geblieben ist ein Wort der russischen Alltagssprache. »Machnowschtschina«, Machnotum, sagt man zur Bezeichnung von Disziplinlosigkeit und Durcheinander. Der Begriff und seine negative Konnotation ist im nachhinein von den Bolschewiki und ihrer Geschichtserzählung geprägt worden. Aus zeitgenössischer Perspektive sieht die Sache durchaus anders aus.

Wer war Nestor Machno? Das achte Kind einer armen Bauernfamilie aus der Südukraine. Der 1886 geborene Junge musste schon Vieh hüten, bevor er in die Schule gehen konnte. Mehr als vier Jahre Schulbildung waren ihm nicht vergönnt, danach musste er sich wieder verdingen. Mit knapp 20 engagierte er sich in der ersten russischen Revolution in einer Einheit aufständischer Bauern, die Gutsbesitzer enteignete, ihre Besitzungen niederbrannte und das Land an die Bauern verteilte. Die Justiz des Zaren verurteilte ihn deshalb zum Tode, begnadigte ihn später zu zwölf Jahren Zwangsarbeit. Im Gefängnis zog sich Machno nicht nur die Schwindsucht zu, an der er fortan litt, er erhielt von inhaftierten Anarchisten auch seine politische Prägung. Sein Anarchismus war sozialrevolutionär und scherte sich nicht um die Spekulationen über das Prinzip »Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt«, mit denen der anarchistische Theoretiker Peter Kropotkin Charles Darwin zu widerlegen suchte.

Machno wurde erst im Augenblick der Revolution von 1917 aus dem Gefängnis befreit und kehrte in seine Heimat im heutigen Bezirk Zaporoschje zurück. Im Gefolge der Februarrevolution hatte sich die Ukraine faktisch von Russland abgespalten; im Frieden von Brest-Litowsk (Januar 1918) hatten die Bolschewiki diese Abspaltung anerkennen müssen. Bürgerliche Politiker hatten in Kiew eine »Ukrainische Volksrepublik« gegründet und paktierten mit dem kaiserlichen Deutschland, um ihre sozialen Positionen zu halten. Gleichzeitig waren die ukrainischen Bauernmassen ebenso wie in Russland dabei, im Zuge der Agrarrevolution das Land von den Gutsbesitzern zu erobern. Als Folge stand die Ukraine bis weit ins Jahr 1919 faktisch nicht unter Kontrolle der Bolschewiki. Gleichzeitig diente sie als Aufmarschgebiet »weißer« konterrevolutionärer Armeen gegen die Sowjetmacht.

Anarchistische Bauern

Machnos Leistung besteht darin, dass er – aus bäuerlichem Eigeninteresse – die Verteidigung der Errungenschaften der Bauernrevolution gegen die Weißen organisierte. In den Steppen zwischen Dnipro und Donez – westlich des heutigen Donbass – machten seine bäuerlichen Kavalleriesoldaten das Hinterland des Zarengenerals Denikin unsicher und gingen gegen dessen örtliche Unterstützer vor. Unternehmer, Grundbesitzer und Großbauern, die sich der aus den armen Bauern bestehenden Bewegung widersetzten, wurden ohne viel Federlesens erschossen. Machnos Armee war sehr mobil; die aus zahllosen Filmen über den russischen Bürgerkrieg bekannten »Tatschanki« – zweirädrige Wägelchen mit aufmontierten Maschinengewehren, die leicht genug waren, von Pferden auch im Galopp gezogen werden zu können – waren faktisch eine Erfindung der Machno-Kämpfer. In dem von ihnen kontrollierten Gebiet etablierten sie eine anarchistische Selbstverwaltung der Arbeiter und Bauern, die freilich durch den Bürgerkrieg nie dazu kam, sich zu stabilisieren.

Im Kampf gegen die Weißen deckten sich die Interessen der ukrainischen Bauernanarchisten und der Bolschewiki. 1918 empfing deshalb sogar Lenin Machno im Kreml – ohne dass von ihrem Treffen Inhaltliches überliefert ist. Aber nachdem Machnos Kämpfer Denikin Ende 1919 besiegt und die Weißen 1920 auch von der Krim verjagt hatten, hatte der anarchistische Mohr aus Sicht Lenins und Trotzkis seine Schuldigkeit getan – doch er weigerte sich zu gehen. Ab 1920 ging die Rote Armee mit Gewalt gegen Machno und seine Anhänger vor. Machno musste im Sommer 1921 ins Ausland fliehen und starb 1935 im französischen Exil. Er ist auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris begraben.

Machnos Bauernrepublik wird in der anarchistischen Literatur als eines der herausragenden Beispiele anfangs erfolgreicher anarchistischer Projekte beschrieben. Der erste Grund für diesen relativen Erfolg ist ein negativer: als Machnos Projekt entstand, war die Südukraine nicht unter russischer Kontrolle, die Bauernrevolution entstand im Kampf gegen die eigene Reaktion; die Oktoberrevolution in Petrograd hatte zu diesem Zeitpunkt dort keinen Einfluss. Zweitens verblieben die Positionen der Machno-Bewegung im Rahmen der für die russische Agrarrevolution typischen Forderungen nach »Land und Freiheit«, ohne dass sie sich – wie die Bolschewiki – mit der Aufgabe herumschlagen musste, ein den Revolutionären zugefallenes Reich halbwegs beisammenzuhalten. Drittens gab es gerade in den südukrainischen Steppengebieten Traditionen bäuerlicher Autonomie. Jahrhundertelang hatten sich dort Bauern, die der Leibeigenschaft entflohen waren, im Niemandsland eine neue Existenz aufgebaut und Strukturen eines Lebens ohne Gutsherren entwickelt. Machnos Aktionsraum deckte sich mit dem Kerngebiet der Kosakenrepublik der Saporoscher Sitsch, die sich bis ins späte 18. Jahrhundert hatte halten können.

Was regional Machnos Stärke ausmachte, wurde seiner Bewegung freilich zum Verhängnis, sobald die akute Bedrohung durch die Weißen von der Auseinandersetzung mit den Bolschewiki abgelöst wurde. Machnos Anhänger wollten ihre Heimat befreien und nicht mehr. Eine Ausweitung auf die Industriegebiete des Donbass oder Charkiws oder ein Marsch auf Kiew standen nicht auf ihrer Agenda. Insofern waren sie den Bolschewiki strategisch unterlegen, und da sie die fruchtbarsten Agrargebiete kontrollierten, deren Getreide die Zentrale zur Verpflegung der Städte Nordrusslands beanspruchte, war der Konflikt unausweichlich.

Späte Anhänger

In jüngster Vergangenheit hat die Machno-Bewegung in der Ukraine neue Anhänger gefunden. Auf dem Euromaidan gab es – als einziges linkes Projekt – ein oder zwei Zelte von ukrainischen Anarchisten, die sich auf Machno beriefen. Sie interpretierten die Machno-Bewegung als ukrainische Variante der sozialen Revolution mit antirussischer Stoßrichtung und wurden deshalb von der rechten Mehrheit auf dem Maidan geduldet. Diese Einschätzung ist allerdings falsch. Die Machno-Bewegung war zwar ein ukrainisches Phänomen, aber keine ukrainische Nationalbewegung. Machno hat das sehr deutlich gemacht und immer die Klassen- vor die nationale Frage gestellt: »Wir bekämpfen einen gemeinsamen Feind: das Kapital und das Prinzip der Herrschaft. Diese unterdrücken alle Arbeiter, ob sie russischer, ukrainischer, polnischer, jüdischer oder sonst einer Nationalität sind. (…) Unsere Feinde sind die Ausbeuter und Unterdrücker jeder Nationalität: der russische Fabrikant, der deutsche Hüttenbesitzer, der jüdische Bankier und der polnische Grundbesitzer.«

Literatur:


Aus: Anarchismus, Beilage der jungen Welt vom 05.08.2015

Originaltext: https://www.jungewelt.de/beilage/art/269685