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Eine wirkliche soziale Revolution in der Jungsteinzeit - Catal Hüyük

„Nach der Dokumentation dieser Befunde 1989 konnte der Grabungsleiter von Cayönü, Mehmet Özdogan, im Jahre 1997 die Invasion fremder Völker, Krieg, Seuchen und Natur­katastrophen ausschließen und kam zu dem Schluss, die einzige Ursache dieser Veränderung könne nur ein sozialer Umsturz gewesen sein (Özdogan 1997: 13-17, 33, bestätigt in: Özdogan 1999b: 232/2, Özdogan 2000: 167 und Fußnote 7).“

„Doch den Revolutionärinnen und Revolutionären jener fernen Zeit gelang es nicht nur, eine Jahrtausende alte, blutige und ausbeuterische Herrschaft abzuschütteln: Es gelang ihnen überdies, ihre eigene gesellschaftliche Alternative zu finden, zu formulieren und zu verwirk­lichen. Die soziale Revolution des Jahres 7.200 BC ist die Geburtsstunde des neolithischen Kommunismus. Es entsteht eine klassenlose, egalitäre Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, – eine Gesellschaft, die sich in kürzester Zeit über ganz Anatolien und nahezu gleichzeitig den Balkan ausbreitet und 3.000 Jahre lang Bestand hat.“

Ein wirklich tief ergreifendes Forschungsergebnis liefert uns Bernhard Brosius. Seine Untersuchungsergebnisse zu archäologischen Ausgrabungen in Anatolien, konkret der ehemaligen Stadt Catal Hüyük,  lassen keinen anderen Schluss zu, als das hier – inmitten der Jungsteinzeit , 7000 Jahre vor unserer Zeitrechnung – eine soziale Revolution stattgefunden hat die alle herrschenden autoritären und hierarchischen Strukturen beseitigte und 3000 Jahre lang eine gleichberechtigte, freie Gesellschaft hervorbrachte.

Wer nun den skeptisch den Kopf schüttelt sollte sich die fundierte Ausarbeitung zu dieser wohl ersten freien Gesellschaft in der Menschheitsgeschichte gründlich durchlesen. Selbst konservative bürgerliche Historiker und Archäologen, fern jeder revolutionären Gesinnung, finden keine anderen Erklärungen für die damaligen gesellschaftlichen Veränderungen als das Eintreten einer sozialen Revolution. Obwohl der Text schon 2004 veröffentlicht wurde, ist diese Tatsache bis heute den allermeisten Menschen völlig unbekannt. Kein Wunder, wenn man sich vergegenwärtigt welche Gesellschaftsklasse die finanziellen Mittel für archäologische Ausgrabungen zur Verfügung stellt und in welcher Hand sich Fachzeitschriften und die Massenmedien befinden. Das Wissen um eine soziale Revolution in der Jungsteinzeit kann verheerende Wirkungen für die herrschende Klasse haben. Denn sie zeigt dass es möglich ist Gesellschaften grundlegend zu verändern und religiöse, besitzende und politische Schmarotzer und Unterdrücker zu beseitigen und patriarchalische Spaltung zu überwinden. Neben den wenigen Jahren der Freiheit durch die Machno-Bewegung von 1917-1921 in der Ukraine und die soziale Revolution 1936 in Spanien kennen wir kein vergleichbares Ereignis. Über den Zeitraum von 3000 Jahren scheint es sogar nahezu unvergleichbar. Dieses Ereignis den Menschen verständlich näher gebracht zu haben ist der Verdienst von Bernhard Brosius.

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Von 7.000 bis 4.000 v.C. bestand in Anatolien und der Balkanregion eine egalitäre Gesellschaft, in der die Geschlechter gleichberechtigt waren und Kriege unbekannt. Der hohe Lebensstandard für alle wurde erst Jahrtausende später wieder erreicht.

In der Siedlung Catal Hüyük lebten mehr als tausend Jahre lang bis zu zehntausend Menschen zusammen. Hier lässt sich aus den archäologischen Befunden nicht nur die egalitäre Gesellschaftsstruktur entwickeln, sondern Einblick gewinnen in die kulturellen Leistungen einer freien Gesellschaft.
Utopie – das Erbe einer fernen Vergangenheit

Die Entdeckung der anatolischen Hochkultur

1958 entdeckte der britische Archäologe James Mellaart bei einer Erkundungsfahrt durch das südliche Anatolien einen Hügel aus steinzeitlichen Siedlungsschichten, der ihn auf Grund seiner enormen Ausdehnung faszinierte. Da dieser Hügel an einer Weggabelung liegt, heißt er :“Hügel an der Weggabelung“: Catal Hüyük (Abb.1). 1961 begann Mellaart mit der Ausgrabung, die – mit einer Pause 1964 – bis ins Jahr 1965 andauerte. 1993 wurden die Untersuchungen wieder aufgenommen. Die neuen Grabungen unter der Leitung des Briten Ian Hodder sind auf 25 Jahre angelegt und zählen zu den größten archäologischen Projekten unserer Zeit (Balter 1998: 1442/2).

Der Hügel besteht aus zwölf übereinander liegenden Schichten einer steinzeitlichen Stadt, die von 7.300 BC bis 6.100 BC, also 1.200 Jahre lang ohne Unterbrechung bewohnt war.  1). Nach heutigen Schätzungen lebten zeitweise bis zu 10.000 Menschen gleichzeitig in Catal Hüyük zusammen (Hodder 1998: 8/1). Die Siedlung wurde nie zerstört, nie geplündert und eine große Zahl hervorragend erhaltener Funde wartete auf Mellaart und Hodder.

Doch war Mellaart auch der erste, der eine steinzeitliche Stadt entdeckte, so fand er doch nicht die älteste, die ‘Erste’ Stadt. Denn je weiter die Archäologinnen und Archäologen in den folgenden Jahrzehnten in den Osten Anatoliens vordrangen, umso älter wurden die kulturellen Zentren (Abb. 1). Zuletzt wurde 1990 mit Hallan Cemi die (bisher) älteste Siedlung von dauerhaft sesshaft lebenden Menschen entdeckt (Rosenberg 1999, Rosenberg and Redding 2000). Hallan Cemi wurde gegründet 10.200 BC!

Gönnen wir uns hier eine kurze Pause, um diese Daten zeitlich einzuordnen: 800 Jahre vor der Gründung von Hallan Cemi, etwa um 11.000 BC, werden in den Pyrenäen noch Höhlenwände bemalt (Lorblanchet 1997: 268). 800 Jahre nach der Gründung von Hallan Cemi, gegen 9.700 BC, endet die Eiszeit (Caspers et al. 1999: 93). – Wenn Hallan Cemi im östlichen Anatolien für den Beginn einer Epoche steht, so die am weitesten westlich gelegene Stadt Beycesultan, gegründet 4.600 BC, für deren Ende (Mellaart 1998: 61). Ab etwa 4.000 BC entsteht eine Ausbeuterklasse, die sich 3.000 BC endgültig durchsetzt. Mit der Entwick­lung von Metallwaffen, Schrift und Staat sind die effektivsten Unterdrückungsinstrumente der Ausbeuterklasse vorhanden. Beycesultan wird, ähnlich Troja, Hauptstadt eines bedeutenden Vizekönigreichs der Hethiter (Lloyd 1974:211). Hier haben wir den Anschluss an die Geschichte.

Die anatolische Hochkultur ist also räumlich und zeitlich aufgespannt zwischen einer­seits dem Ende der Eiszeit (Osten) und andererseits dem Beginn der Geschichte (Westen). Die dazwischen liegenden 6.000 Jahre umfassen genau die Epoche des Neolithikums (Jungstein­zeit), also der letzten Phase der Steinzeit, in welcher die Menschen ihre Werkzeuge zwar noch nicht aus Metall herstellten, aber schon sesshaft lebten und Ackerbau und Viehzucht betrieben.

Das Neolithikum beginnt mit der ‘Neolithischen Revolution’. Beginnen also auch wir unsere Reise in die Vergangenheit mit der neolithischen Revolution in einem Ort namens Cayönü, weit im Osten Anatoliens (Abb. 1) 10.000 Jahre vor heute. In Ostanatolien sind die Wurzeln von Catal Hüyük (Voigt 2000), der anatolischen Hochkultur und des anatolischen Kommunismus (Özdogan 1997).

Die soziale Revolution

Der Begriff der ‘Neolithischen Revolution’ wurde 1936 von dem marxistischen Archäologen Vere Gordon Childe geprägt (Patterson 2003: 44) für den Übergang von nomadischem Wildbeutertum zur sesshaften Lebensweise, verbunden mit der Produktion der Nahrungsmittel. Der Begriff ist eine Analogiebildung zur ‘Industriellen Revolution’, der Prozess beschrieben als eine Revolution nur der Produktivkräfte (Grünert 1982: 167-169). Jedoch: Wie sich vor wenigen Jahren herausstellen sollte, war die Revolution der Produktiv­kräfte verbunden mit einer wahrhaften sozialen Revolution, einer revolutionären Umge­staltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse.

In Cayönü in Ostanatolien (Abb.1) lassen sich die verschiedenen Phasen der neo­lithischen Revolution deutlich in der Abfolge der Siedlungsschichten verfolgen. Auch wenn keine der Basisinnovationen (Hausbau, Ackerbau, Viehzucht) aus Cayönü selbst stammt, so entspricht die zeitliche Abfolge, in der die neuen Techniken in Cayönü eintreffen doch genau der Reihenfolge, in der sie – wenn auch an einem anderen Ort – entstanden sind. Die untersten Schichten (8.800 – 8.500 BC) zeugen von dauerhaft sesshafter Lebensweise auf der Basis des Jagens und Sammelns (Özdogan 1999a: 42-44), in der darüber liegenden Schicht (gegen 8.000 BC) findet sich das erste (importierte) Saatgut (Özdogan 1994: 40/1), die nächst jüngere Schicht dokumentiert die Ankunft der ersten Schafherde gegen 7.300 BC (Cambel and Braidwood 1983: 164). Mit Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht sind die drei Basisinnovationen der ersten Phase der neolithischen Revolution der Produktivkräfte vollständig beisammen  2).

Doch dieser technische Fortschritt vollzieht sich in einer destruktiven, patriarchalen und hierarchischen Gesellschaft von enormer Grausamkeit. In jeder der oben erwähnten Bau­schichten von Cayönü gab es außer den Wohn- und Vorratshäusern noch ein ‘Sonder­gebäude’, ein 8×12 m² großer, fensterloser, rechteckiger Bau, der – in eine Bergflanke eingegraben – die Siedlung im Osten abschloss (Schirmer 1990: 378). Vor diesem Tempel (Özdogan 2002: 254) lag ein rechteckiger Platz von 1.500 m² Größe, gesäumt von bis zu 2 m hohen Steinmonolithen (Cambel and Braidwood 1983: 162). Alles in allem eine Anlage von einschüchternder Monumentalität.

Zur Nordseite wurde dieser Platz abgeschlossen von drei großen, herrschaftlichen Häusern mit gleicher Fassade, gleicher Ausrichtung und gleichem Abstand voneinander. Diese Häuser standen auf einem erhöhten Podest auf massiven Fundamenten aus großen, behauenen Steinen und besaßen sorgfältig gemauerte Wände, eine Veranda und steinerne Treppen. In diesen drei Häusern konzentrierte sich der gesellschaftliche Reichtum: große Blöcke aus Bergkristall, Steinskulpturen, Muscheln aus dem Mittelmeer und aus dem roten Meer(!) (Özdogan 1994: 44) sowie importierte Waffen von hoher Qualität.

Im westlichen Teil der Siedlung waren die Häuser nur halb so groß, von deutlich schlechterer Qualität, ohne jede zusätzliche Ausstattung und nicht nach einem einheitlichen Plan erbaut. Dort wurden nur die wenigen Werkzeuge gefunden, die zum täglichen Leben notwendig waren.

Zeigt sich durch die Architektur und die entdeckten Schätze bereits die ungleiche Verteilung von Reichtum und Macht, so lässt sich durch einen außergewöhnlichen Fund direkt die Existenz von Privateigentum an Produktionsmitteln belegen: Sämtliche Rohstoffe, die zur Herstellung der Werkzeuge notwendig waren und die durch ein Fernhandelssystem von weit entfernten Orten herbeigeschafft werden mussten – Feuerstein und Obsidian – fanden sich ausschließlich in den beim Tempel gelegenen Häusern. Dort wurden sie in bis zu 5 kg schweren Blöcken gehortet. (Zu beachten ist, dass die fertigen Werkzeuge nur 4 g wogen!) Nicht zu finden hingegen war Abfall, wie er bei der Steinbearbeitung entsteht – keine Spur irgendeiner produktiven Tätigkeit. Genau entgegengesetzt war die Situation in den Slums im Westen. Hier wurden keine Rohstoffe gefunden, doch in den Straßen lag der Abfall aus der Bearbeitung von Feuerstein und Obsidian. Das heißt: Es gab eine kleine Gruppe von Menschen, die besaß ohne zu arbeiten und eine große Gruppe von Menschen, die arbeitete ohne zu besitzen – es gab Klassen! Diese Sachverhalte sind konzentriert dargestellt von Mehmet und Asli Özdogan (1989: 72-74) sowie, fast schon in Form einer Klassen­analyse, von Davis (1998).

Bezeichnend ist, dass auch diese älteste bisher bekannte Klassengesellschaft uns als patriarchale Gesellschaft (Hauptmann 1991: 161/3, 2002: 266f, Özdogan 1999b: 234/2) von bitterer Destruktivität entgegentritt: Die höhlenartig in den Berg gegrabenen, finsteren Tempel dienten der Aufrechterhaltung der Macht in einer offensichtlich straff organisierten Gesell­schaft (Özdogan 1994: 43, Özdogan 1999b: 231) durch offenen Terror – durch Menschen­opfer. In den Tempeln aller Bauschichten sind große Mengen Blutes geflossen, das in dicken Krusten von den Ausgräbern an Dolchen, Opfersteinen oder extra angelegten Abfluss­schächten geborgen werden konnte (Schirmer 1983: 466f und Fußnote 5, siehe auch 475, Schirmer 1990: 382, 384, Hole 2000: 200f). Dass es sich dabei meist um Menschenblut handelte, ergab die Analyse des isolierten Blutfarbstoffes Hämoglobin (Loy and Wood 1989, Wood 1998). In den Kammern eines dieser Tempel lagen die Schädel von über 70 Menschen und Skelettteile von mehr als 400 verschiedenen Individuen (Özdogan and Özdogan 1989: 71/2), „gestapelt bis an den Rand“ (Schirmer 1990: 382). In den übrigen Siedlungen Ost­anatoliens war die Situation vergleichbar  3).

Während jedoch in anderen Teilen der Erde die Entwicklung dieser Art von Klassen­gesellschaft weiter voranschritt (vgl. die Parallelen zu den mittelamerikanischen Kulturen), nahm die Geschichte im Osten Anatoliens eine ganz andere Wendung.

Irgendwann an einem Tag vor 9.200 Jahren wurden in Cayönü die herrschaftlichen Häuser an der Nordseite des großen Platzes niedergebrannt, und zwar so schnell, dass die Besitzer ihre Schätze nicht mehr retten konnten (Davis 1998: 259/2, 260/2). Der Tempel wurde abgerissen und verbrannt und sogar der Fußboden aufgerissen (Schirmer 1983: 467, 1990: 384), die Steinsäulen um den freien Platz niedergelegt und die größeren zerhackt (Özdogan and Özdogan 1989: 74, Özdogan 1999a: Fig.41, Fig. 42). Der Platz selbst – zuvor über 1.000 Jahre hinweg gepflegt und peinlich sauber gehalten – wurde zur kommunalen Mülldeponie umfunktioniert (Özdogan and Özdogan 1989: 72/1, Özdogan 1997: 15). Nach einer kurzen, chaotischen Übergangszeit begann der Abriss aller Häuser. Die Slums im Westen verschwanden für immer, doch nur wenige Schritte von der Stelle, an der die Ruinen der Herrschaftshäuser gebrannt hatten, stand nun das neue Cayönü. Die neuen Häuser waren an Größe den alten Herrschaftshäusern vergleichbar (Schirmer 1988: 148f), doch gab es keine schlechter gebauten Häuser oder Hütten mehr (siehe die Abfolge der Pläne in: Özdogan 1999a: Fig.35, Fig.46, Fig.47). In allen Häusern wurde gearbeitet (Özdogan 1999a: 53/1) und alle Hinweise auf soziale Unterschiede waren gelöscht (Özdogan 1999a: Fig. 47, Fig. 50, siehe auch Schirmer 1988: 148f).

Nach der Dokumentation dieser Befunde 1989 konnte der Grabungsleiter von Cayönü, Mehmet Özdogan, im Jahre 1997 die Invasion fremder Völker, Krieg, Seuchen und Natur­katastrophen ausschließen und kam zu dem Schluss, die einzige Ursache dieser Veränderung könne nur ein sozialer Umsturz gewesen sein (Özdogan 1997: 13-17, 33, bestätigt in: Özdogan 1999b: 232/2, Özdogan 2000: 167 und Fußnote 7).

Doch den Revolutionärinnen und Revolutionären jener fernen Zeit gelang es nicht nur, eine Jahrtausende alte, blutige und ausbeuterische Herrschaft abzuschütteln: Es gelang ihnen überdies, ihre eigene gesellschaftliche Alternative zu finden, zu formulieren und zu verwirk­lichen. Die soziale Revolution des Jahres 7.200 BC ist die Geburtsstunde des neolithischen Kommunismus. Es entsteht eine klassenlose, egalitäre Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, – eine Gesellschaft, die sich in kürzester Zeit über ganz Anatolien und nahezu gleichzeitig den Balkan ausbreitet und 3.000 Jahre lang Bestand hat  4).

Catal Hüyük

Wenn wir uns im Folgenden bei der Betrachtung der klassenlosen Gesellschaft auf die Siedlung Catal Hüyük beschränken, so nicht, weil die Gesellschaftsform von Catal Hüyük die Ausnahme darstellt  5), sondern die Fundsituation.

Wie schon angedeutet, birgt Catal Hüyük eine erstaunliche Menge an hervorragend erhaltenen Fundstücken und Bauten (Düring 2001: 1). Bemerkenswert ist vor allem die Konservierung von leicht vergänglichem Material, das uns von keiner anderen vergleichbaren Fundstätte dieser Zeit überliefert ist. Ein Brand in der Geschichte der Stadt bewirkte, dass in der darunter liegenden, vorangegangenen Schicht der Boden auf 1m Tiefe sterilisiert und alles organische Material verkohlt wurde (Mellaart 1967: 249). So blieben die Produkte aus organischem Material in karbonisierter Form erhalten, und wir kennen die Webmuster der Stoffe (Burnham 1965), die Kleidung, Ledergegenstände und Pelze, Flechtkörbe und Matten (Mellaart 1967: 98, 259-261, 263), die verkohlten Lebensmittel (Mellaart 1967: 30) sowie Holzgeschirr, Holzmöbel, Kisten samt Inhalt usw.(Mellaart 1967: 249, 256, Burnham 1965). Überdies bemalten die Menschen in Catal Hüyük durchschnittlich zwei Wände ihrer Häuser mit Bildern und dokumentierten so Aspekte des damaligen Lebens und Erlebens (Gimbutas 1990). Sie bestatten die Verstorbenen in den Häusern unter den Fußböden zusammen mit charakteristischen Grabbeigaben, so dass wir die Einwohner der Stadt gewissermaßen persönlich kennen und ihr Schicksal, soweit es sich aus den Skeletten ablesen lässt: Todes­alter, Geschlecht, Zahl der Geburten, Krankheiten, Unfälle usw. sowie die daraus abgeleiteten Größen wie Kindersterblichkeit, Lebenserwartung u. a. (Angel 1971, Hamilton 1996: 242-262). Neue Methoden ermöglichen die Analyse von Spurenelementen in den Zähnen (Molleson and Andrews 1996) und die Analyse des Kollagens in den Knochen (Richards et al. 2003) und geben so Auskunft über die Ernährung der Menschen in den letzten Jahren vor ihrem Tod.

In einem Satz: Wir wissen über das prähistorische Catal Hüyük mehr als über manche historische Kultur, die uns zeitlich viel näher liegt.

Doch woher wissen wir, dass diese Gesellschaft klassenlos war?

Hierfür gibt es generell drei, im Falle von Catal Hüyük sogar vier Kriterien, die im Zusammenhang zu sehen sind:

  1. Architektur: In Klassengesellschaften ist die Wohn- und Herrschaftsarchitektur für Mitglieder der herrschenden Klasse nicht nur hinsichtlich Quantität (Wohnfläche), sondern auch hinsichtlich Qualität (Struktur) deutlich von der Wohn- und Arbeitsarchitektur der ausgebeuteten Klasse verschieden. Noch nie ist es einem Archäologen in Ägypten schwer gefallen, den Palast eines Pharao von der Wohnung einer bäuerlichen Familie zu unter­scheiden.
  2. Grabbeigaben: Ist es in einer Gesellschaft üblich, den Verstorbenen Gegenstände mit ins Grab zu geben, so lässt sich aus qualitativ deutlich unterschiedlichen Grabbeigaben die unterschiedliche Klassenzugehörigkeit erschließen. Gleiches gilt für die
  3. Konsumgüterausstattung. In beiden Fällen sei zur Veranschaulichung wieder das Beispiel von Pharao und Bauernfamilie erwähnt. Wichtig aber ist sowohl bezüglich Grab­beigaben als auch Konsumgüterausstattung, dass graduelle Unterschiede kein Kriterium für unterschiedliche Klassenzugehörigkeit darstellen. Ein herausragendes Stück in einem an­sonsten durchschnittlichen Grab, gewisse Qualitätsunterschiede zwischen Konsumgütern oder etwas reichere oder ärmere Grabbeigaben sind geradezu typisch für die unteren Klassen und bereits in den bäuerlichen und proletarischen Familien des alten Ägypten nachweisbar (Childe 1975: 66f).


Architektur, Grabbeigaben und Konsumgüterausstattung, alle in Catal Hüyük hervor­ragend erhalten, werfen ein erhellendes Licht auf die klassenlose Struktur dieser Gesellschaft. Hinzu kommt aber noch ein weiteres Kriterium:

Lawrence Angel, der die geborgenen Skelette untersuchte, achtete auch auf die Ab­nutzung der Knochen und fand an allen Skeletten der Arbeitsfähigen auch Hinweise auf harte, körperliche Arbeit (Angel 1971: 90-92, bestätigt für die neuen Funde durch Hodder [2004: 39]). Angel schrieb: „Dies sind auffallende, aber zu erwartende Anpassungen bei einem Volk, das so aktiv ist, wie die Fresken dies zeigen“ (Angel 1971: 92) und folgerte: „Der Preis für Kreativität und Stabilität war harte Arbeit für Jede(n)“ (Angel 1971: 96). – In Klassen­gesellschaften hingegen ist es bekanntlich so, dass die Besitzenden gerade nicht arbeiten, so dass die Angehörigen der herrschenden Klasse zwar Wohlstandskrankheiten aufweisen können, jedoch keine Knochenabnutzung durch harte körperliche Arbeit.

Die klassenlose Gesellschaft

Der Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaftsform von Catal Hüyük jedoch ist die Architektur.

Die Häuser in Catal Hüyük standen Wand an Wand, ohne Zwischenraum zwischen den Mauern benachbarter Häuser. Jedes Haus besaß aber seine eigenen Mauern und hatte ein Flachdach. Die Stadt erstreckte sich in Terrassen über den Hügel (Abb.2), und es gab nur wenige unbebaute Höfe inmitten dieser ‘Bienenwabenstruktur’(Mellaart 1967: 68-73).

Der Zugang zu den Häusern war nur über die Dächer möglich. Auf jedem Dach stand eine Leiter, die es den weiter innerhalb des Stadtteiles Wohnenden ermöglichte, von Dach zu Dach dem eigenen Heim entgegen zu klettern. In den Dächern befand sich eine Öffnung, die durch eine Haube geschützt war. Hier stand die Leiter, die ins Innere des Hauses hinabführte (Abb. 3) (Mellaart 1967: 70-72).

Die Dächer von Catal Hüyük bildeten inmitten der Wildnis eine von Menschen geschaffene, künstliche Landschaft (Abb. 2), die mittlerweile auch als eigenständige Kultur­leistung gesehen wird (Lewis-Williams 2004: 32). Auf diesen Dächern standen Vorrats­gefäße, Herde und Werkstätten (Abb.3). Die Dächer waren der eigentliche Raum von Produktion und Kommunikation und hatten keinen privaten Charakter (Düring 2002: 11/2). Es wird deutlich, dass das Leben in Catal Hüyük geregelt sein musste durch eine Fülle gegen­seitiger Absprachen: Nicht nur alle Lebensmittel mussten über die Dächer getragen werden, – jede verschmutzte Windel bedeutete einen längeren Abstieg über alle Dächer hinab zum Fluss (Abb.2). Auch das Baumaterial für Neubauten, sowie Lehm und Wasser für die jährliche neue Verputzung der Innenwände der Häuser: Alles musste über Leitern und die Dächer anderer Familien geschleppt werden (Mellaart 1967: 46f). Dass diese Dächer nicht unbegrenzt belast­bar waren, zeigen die Funde zweier kollabierter, ins Haus gestürzter Dächer (Hodder 1998: 8/2, 2003: 11/1). Katastrophen konnten nur vermieden werden durch ein komplexes Netz aus verbindlichen Absprachen (Martin and Russell 2000: 68), zur Routine gewordenen Gepflo­genheiten (Hodder 1998: 9/1), deren materielle Überreste uns heute als Zeichen von Ritualen erscheinen müssen (Hodder 1998: 10/2, Lewis-Williams 2004: 56).

Der Grundriss aller Häuser war rechteckig, und an der Südwand – wo die Leiter vom Dach herab ins Haus führte – lag der Küchentrakt mit Ofen und Herd. Gegenüber, an Nord- und Ostwand, befanden sich gemauerte Plattformen zum Sitzen, Essen und Schlafen (Abb.4) (Mellaart 1967: 72-74). Diese Plattformen gehörten entweder zu einem Erwachsenen (evtl. mit Säugling) oder zu zwei Kindern. Unter diesen Plattformen wurden die Toten bestattet. Die Wände darüber waren mit Wandbildern oder Reliefs geschmückt. Der quadratische Mittelteil zwischen dem Küchentrakt und den Plattformen war mit einer Flechtmatte ausgelegt und diente, wie der gefundene Abfall zeigt, ähnlich den Dächern als Arbeitsplatz (Martin and Russell 2000: 61f).

Tatsächlich existierte in Catal Hüyük nur dieses eine Haus in 1.500 Ausfertigungen! Das Bauprinzip ist überdies in allen Siedlungsschichten durchgehalten, so dass 1.200 Jahre lang nur dieser eine Haustyp gebaut wurde, wie in Abb. 4 dargestellt. Die Gleichheit der Häuser erstreckte sich auf Material, Grundriss, Höhe und Raumaufteilung (Mellaart 1967: 70-78) und sogar die Lichtzufuhr (Mellaart 1967: 84). Die Innenausstattung, also der Schmuck der Wände und Plattformen, variierte lediglich graduell (Hodder 1996b:362). Bereits diese Architektur lässt keinen Raum für soziale Unterschiede. Alle Häuser waren qualitativ gleich. Repräsentationsarchitektur wie Tempel oder Paläste fehlen völlig. Jedes Gebäude war be­wohnt. Die Aufteilung zwischen ‘sakral’ und ‘profan’ erfolgte nicht durch den Bau verschie­dener Gebäude (Hodder 1996a: 6, Hodder 1996b: 362), sondern innerhalb eines jeden Hauses durch die Existenz eines sakralen Bereiches (die Plattformen unter den Fresken) und eines profanen Teils des Hauses (Küchentrakt und Arbeitsplatz in der Mitte) (Hodder 1998: 9, Düring 2001: 4/2). Damit erübrigte sich auch die Existenz professioneller Priester. (Aus den Ergebnissen der Grabungen in Cayönü lässt sich schließen, dass im Rahmen der sozialen Revolution Kultgebäude und Priestertum generell abgeschafft wurden [Özdogan 1997: 16f, Özdogan 2002]). 2003 wurde vermutet, dass vereinzelte Straßen ins Zentrum führten. Da dort Repräsentationsarchitektur angenommen wurde (Mellink and Filip 1985: 19), begann Hodder mit Grabungen und fand: – Die zentrale Mülldeponie! „Es ist wenig wahrscheinlich, öffentliche Plätze oder Gebäude zu finden. Wieder einmal besteht Catal Hüyük nur aus einfachen Häusern und Abfall“ (Hodder 2003: 10).

Die gesellschaftliche Gleichheit der Menschen in Catal Hüyük wird noch unterstrichen durch den einzigen Unterschied zwischen den Häusern: Die Wohnfläche. Diese entspricht der Familiengröße, so dass für jeden Erwachsenen bzw. je zwei Kinder unter 15 Jahren 10-12 m² zur Verfügung standen, wobei sich die Familiengröße aus der Zahl der Plattformen ergibt (Mellaart 1964: 93, Mellaart 1967: 75, 83; Hodder and Matthews 1998: 49-51 und Fig. 6.3).

Da ein Haus bis zu 120 Jahre als Wohnung dienen konnte (Mellaart 1967: 46f), stellt sich die Frage: Wie passten die Menschen den Wohnraum der sich ändernden Zahl von Be­wohnern an? Eine Antwort mag vielleicht der Bauplan geben (Mellaart 1967:72). Zu jedem Haus mit drei Plattformen (entsprechend ca. 30 m²) gehörten noch 1-2 Kammern von je 10-12 m² Grundfläche, wie in Abb.4 gezeigt. Diese Kammern dienten zur Vorratshaltung, vor allem jedoch zur Deponierung von anorganischem Müll, wie z.B. Keramikscherben, Abfällen aus der Steinbearbeitung, Putzresten, Asche von Herd und Ofen usw. (Martin and Russell 2000: 62/2f). Vergrößerte sich der Bedarf an Wohnfläche, so wurde der Abfall aus der Kam­mer zu einer Baustelle gebracht, wo er zur Auffüllung und zur Herstellung einer ebenen Grundfläche für die Fundamente eines neuen Hauses benötigt wurde (Martin and Russel 2000: 66-68). Die geleerte und gereinigte Kammer stand dann zur Wohnraumvergrößerung zur Verfügung (Düring 2001: 5/2). Und so wird verständlich, weshalb bei den erweiterten Häusern die Kammern im Plan fehlen (Mellaart 1967: 72). Doch auch umgekehrt wurde verfahren: Lebte nur noch eine Person in einem Haus, so wurde der Wohnraum in der Tat auf 12 m² verringert! (Hodder and Matthews 1998: 49-51 und Fig. 6.3).

Das Interessante ist also, dass die maximal mögliche Wohnfläche nicht von Anfang an genutzt wurde, sondern erst beim Entstehen des Bedarfs – und bei sinkendem Bedarf die Wohnfläche auch wieder schrumpfte. Wären alle Häuser gleich groß gewesen, hätte dies zwar den Eindruck von ‘Gleichheit’ äußerlich verstärkt, tatsächlich aber wären die einzelnen Menschen sehr ungleich behandelt worden: Einem Individuum in einer großen Familie hätte weniger Raum zur Verfügung gestanden als in einer kleinen. Dadurch, dass die Häuser den realen Verhältnissen angepasst wurden, hatte jeder Mensch in Catal Hüyük stets 10-12 m² für sich selbst. Die ‘lebenden Häuser’ von Catal Hüyük (Balter 1998: 1445, Hodder 2002: 5/2) zeigen, dass die Bedürfnisse der Menschen gesellschaftlich verbindliche Grundlage der Produktion waren. Diese Aussagen über die Gleichheit der Menschen bei Anerkennung ihrer individuellen Bedürfnisse werden durch die Analyse der Grabbeigaben und Skelette bestätigt und ergänzt.

Individualität und Geschlechterverhältnis

Die in den Gräbern gefundenen Beigaben unterstreichen sowohl die soziale Gleichheit, denn sie sind hinsichtlich ihrer Menge und Beschaffenheit nur graduell verschieden (Mellaart 1967:245), als auch die individuellen Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen. Die Beigaben variieren von Grab zu Grab sogar in einer Wohnung (Mellaart 1963: 100f) und bestätigen so, dass sie Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen dokumentieren und nicht Unterschiede aufgrund der Zugehörigkeit zu verschiedenen Klassen (Childe 1975: 149f).

Mellaart konnte sich nicht vorstellen, dass der gesellschaftliche Reichtum, den er vorfand, allgemein war. Deshalb vermutete er, das von ihm ausgegrabene Areal sei das Priesterviertel gewesen und im Rest der Stadt müsse es ärmlicher zugegangen sein. Dies war eine These, gegen die gute Argumente vorgebracht werden konnten, insbesondere nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der Skelettuntersuchungen durch Angel 1971. Doch schon 1969 wurde demonstriert, dass der gesamte Befund besser vereinbar war mit einer Gesell­schaft ohne Schichtung (Narr 1969: 12/2, siehe dann besonders Grünert 1982: 194, Hermann 1983: 65-68, sowie abschließend auf der Basis von Mellaarts Ergebnissen: Hummel 1996: 269). Die Untersuchungen von Hodder erbrachten schon früh den Beweis, dass Catal Hüyük an allen Stellen so aussah wie in dem von Mellaart ausgegrabenen Bereich (Hodder 1996b: 360/2f, Balter 1998: 1443/2, Hodder 2003: 10). Damit fehlen in Catal Hüyük jene Unter­schiede zwischen den Menschen, wie sie in einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft so augenfällig sind. Bürgerliche Archäologinnen und Archäologen bezeichnen die Gesellschaft entsprechend als egalitär (Balter 1999: 891/3, Moore 1998) oder diskutieren subtile Unter­schiede zwischen einer egalitären Gesellschaft und einer Gesellschaft mit Rangunterschieden (für eine Gesellschaft mit Rangunterschieden: [Wason 1994: 153-179], für eine Gesellschaft dazwischen: [Hodder 1996b: 366/2], für eine rein egalitäre Gesellschaft: [Hamilton 1996: 262/2]. Hier findet Naomi Hamilton die klärenden Worte zu dieser Diskussion: „Unterschiede bedeuten noch keine strukturelle Ungleichheit. Geachtetes Alter, erarbeitete Anerkennung, sozialer Einfluss aufgrund von Erfahrung oder Wissen widersprechen nicht dem egalitären Ethos.“)

Die Gräber in Catal Hüyük zeigen bereits das Fehlen der gesellschaftlichen Arbeits­teilung, da den Toten Werkzeuge für verschiedene Tätigkeiten in der Grundproduktion mitgegeben wurden und in jedem Haus eigenes Saatgut vorhanden war (Connolly 1999: 798/2). Zu erkennen ist aber auch die persönliche (Teil-)-Spezialisierung nach Neigung bei Tätigkeiten, die über die Grundproduktion hinausgingen, so durch die Beigabe von Mal­utensilien (Mellaart 1967: 248) oder die Beigabe von Kupfer (Mellaart 1967: 247). Die Menschen in Catal Hüyük hatten – vermutlich im Rahmen der Keramikproduktion – entdeckt, wie aus Kupfererz metallisches Kupfer verhüttet werden konnte, dokumentiert durch die erhaltenen Schlacken (Mellaart 1967: 259).

Ein eklatanter Unterschied zu Klassengesellschaften ist, dass die Grabbeigaben nicht extra für die Bestattungen hergestellt wurden; alle Beigaben waren Gebrauchsgüter, welche die Menschen in ihrem Leben benutzt hatten und die ihnen im Tode gelassen wurden (Mellaart 1967: 247). Und dies gilt auch für Stücke, die wahrhaft am Ende der ‘graduellen Skala’ stehen. Perfekt gearbeitete Feuersteindolche, aus Obsidian geschliffene Spiegel mit größerer Brillanz als antike Metallspiegel (Mellaart 1967: Pl. XIV und XII) sowie makellose Werkzeuge aus Obsidian (Hamblin 1975: 17), allesamt in Gräbern gefunden, dokumentieren sowohl die entfalteten, unterschiedlichen Vorlieben und Fähigkeiten jener Menschen wider, die sie herzustellen vermochten, als auch den Respekt ihrer Mitmenschen, die ihnen diese Stücke im Grab ließen, statt sie sich selbst anzueignen. Stücke wie diese waren es, die Mellaart zur Annahme verleiteten, sie könnten nur von Vollspezialisten in dieser Perfektion hergestellt worden sein, insbesondere da er den bei der Produktion entstehenden Abfall nicht fand (Mellaart 1967: 251, Balter 1998: 1443/2). Da die Häuser peinlichst sauber gehalten wurden, war Abfall allerdings grundsätzlich schwierig zu finden (Mellaart 1967: 77). Bei den neuen Ausgrabungen wurde deshalb auch auf mikroskopische Abfallspuren in den Lehmfuß­böden geachtet und der entsorgte Hausmüll analysiert. So konnte der bei der Steinverarbei­tung entstehende Abfall nachgewiesen werden. Das heißt, dass die Steinbearbeitung nicht die Arbeit von Vollspezialisten war, sondern in jedem Haushalt erfolgte, oder – bei komplexen Produktionsprozessen, die nur kollektiv möglich waren – im Haushaltsverbund (Connolly 1999: 798f, siehe auch Balter 1998: 1443/2 und Hodder 1999: 6/1). Grabbeigaben, die in einem Haus gefunden wurden, waren in diesem Haus hergestellt, benutzt und nach dem Tode des Menschen, der sie hergestellt und benutzt hatte, mit diesem beerdigt worden. Hodder zieht das Fazit, dass es „keine Elite gab, die vollständige Kontrolle über die Produktion hatte“ (Hodder 1996b: 361/2).

Wie die ‘lebenden Häuser’, die sich mit den Menschen veränderten und sich ihren wechselnden Lebensumständen anpassten, so vermittelt auch diese Bindung der Menschen an die Gegenstände des täglichen Lebens ein ganzheitliches Bild aus organischen Strukturen und lebendigen Zusammenhängen.

Wahrhaft herausragend und gesondert zu vermerken ist, dass Frauen auch Werkzeuge als Grabbeigaben erhielten, genau wie Männer (Mellaart 1967: 248) 6). In den späteren Klassengesellschaften erhielten die Männer (der ‘Mittelschichten’!) Grabbeigaben, die Rückschlüsse auf ihren Beruf zulassen, doch in Frauengräber wurde nur Schmuck gegeben: Reiche Frauen erhielten reichen Schmuck, arme Frauen armen Schmuck. Doch dass diese Frauen genauso hart arbeiteten – wenn nicht noch härter – als die Männer, spiegelt sich in den Grabbeigaben nicht. Die Werkzeuge in den neolithischen Frauengräbern illustrieren die gesellschaftlich selbstverständliche Anerkennung der Frau in der Güterproduktion. Dies wiederum lässt vermuten, dass in dieser Gesellschaft der Gegensatz zwischen Produktion und Reproduktion aufgehoben war. Ergänzend hierzu und bestätigend gibt es in Catal Hüyük Wandbilder, die Männer zeigen beim Tanzen mit Kindern (Mellaart 1966: Pl. LIV, LV, LIX, LXI), ein Sujet, das in der Kunst der Klassengesellschaft bis ins 13. Jahrhundert BC gar nicht vorkommt und auch danach eher ein Schattendasein fristet. Und – entgegen Mellaarts Aussage – wurden nicht nur Frauen mit Kindern bestattet, sondern auch Männer (Hamilton 1996: 253/1).

Doch nicht nur wurden den Frauen Werkzeuge ins Grab gegeben, auch Männer wurden mit – zum Teil erheblichen Mengen – Schmuckes bestattet  7) (Hamilton 1996: 262). Naomi Hamilton, die in Hodders Team für die Bearbeitung der Gräber und damit für die Analyse des Geschlechterverhältnisses zuständig ist, bezweifelt mittlerweile, dass das Gender-Konzept, d.h. die Definition eines sozialen Geschlechtes getrennt vom biologischen, überhaupt hilfreich ist für die Diskussion um Catal Hüyük. Sie sieht die Konzeption des Genders als gebunden an unsere Zeit und ihre Probleme, zieht jedoch in Erwägung, dass die Menschen des Neolithi­kums Mann und Frau gar nicht als Polarität empfanden (Hamilton 1996: 262). In der Tat entwickelte Hodder bereits 1990, dass die für das neolithische Empfinden entscheidende Polarität anderer Natur gewesen sein mag (Hodder 1990). Interessanterweise führen neue Überlegungen auch für die Altsteinzeit zur analogen Vermutung (Heidefrau 2004). Die Autorin, Elke Heidefrau, schreibt: „Eventuell verrät die Diskussion um das Geschlecht … am meisten etwas über unsere eigene Kultur: Eine Kultur, in der es als immens wichtig erscheint, das Geschlecht des Gegenübers zu kennen (siehe die erste Frage, die bei der Geburt eines Kindes gestellt wird). Für uns erscheint eine Kultur fast undenkbar, in der dies nicht der Fall ist; solche Gedanken könnten uns also neue Horizonte eröffnen und damit die derzeit geführte Gender-Diskussionen bereichern!“ (Heidefrau 2004: 148). Offensichtlich ging es damals um den einzelnen, den konkreten Menschen, und wenn dieser sich gerne schmückte, so wurde ihm der Schmuck auch im Tode nicht genommen – unabhängig vom Geschlecht. Und es waren Menschen , die Werkzeuge herstellten, besaßen und benutzten und sie deshalb auch im Grabe behielten – wiederum unabhängig vom Geschlecht.

In seinem Bestreben, die älteren Vorstellungen von einem Matriarchat in Catal Hüyük zu widerlegen, hat Hodder dem Geschlechterverhältnis eine eigene Veröffentlichung gewidmet (Hodder 2004). In diesem Artikel in „Spektrum der Wissenschaft“ stellt er eine eindrucksvolle Dokumentation der Gleichberechtigung der Geschlechter in Catal Hüyük vor: Zwischen Männern und Frauen gab es keinen signifikanten Unterschied in der Ernährung, in der Körpergröße und im Lebensstil. Aus der Abnutzung der Knochen folgt, dass beide Geschlechter sehr ähnliche Tätigkeiten verrichteten. Beide Geschlechter hielten sich gleich häufig innerhalb wie außerhalb des Hauses auf und waren gleichermaßen im Küchentrakt aktiv wie bei der Herstellung der Werkzeuge. Anders als bei heute lebenden Völkern vergleichbarer Entwicklungsstufe gibt es keinerlei Hinweise auf geschlechtsspezifische Arbeitsteilung! Lediglich aus den künstlerischen Darstellungen kann geschlossen werden, dass außerhalb des Hauses die Männer jagten, während die Frauen Ackerbau betrieben (so Hodder). Doch zeigen Wandbilder, – in Mellaarts Grabungsberichten veröffentlicht, – auch Frauen zusammen mit Männern in Jagdszenen (Mellaart 1966: Pl. LIIb, LVIb, LXIIb). Und die gleichartige Bestattung von Männern und Frauen besiegelte die Gleichheit noch im Tode.

Solidarität und Fürsorge

Die gesellschaftliche Gleichheit, die den Freiraum schafft zur Entfaltung der Indivi­dualität, führt zur Frage: „Wie gehen Menschen, die gleich und frei sind, miteinander um?“ Antwort hierauf geben die Einzelschicksale, wie sie sich aus den Fundzusammenhängen erschließen, die Institutionen und die statistischen Werte aus den Untersuchungen der Skelette.

So zeigt das Schicksal des Jägers, der – vom Auerochsen aufgespießt – todwund von der Jagd noch in sein Haus geschleppt und dort bis zu seinem Tode durch Wundbrand und Knochenfraß aufopferungsvoll gepflegt wurde (Angel 1971: 91), dass die Familie auch nach dem Ausfall eines wichtigen Familienmitgliedes weiter versorgt werden konnte. Das Mäd­chen, das infolge eines Oberschenkelbruches verkrüppelt war und mit 17 Jahren starb, erhielt ein außergewöhnlich aufwendiges Begräbnis (Mellaart 1967: 246). Das siebzehnjährige Mädchen, aber auch die Frühgeburt (Mellaart 1967: 102, 246) und die Mutter, die zusammen mit ihrem Kind starb, wurden vor der Bestattung überdies mit roter Farbe bestreut (Mellaart 1967: 246), eine Symbolik, welche eine Wiedergeburt sichern sollte (Mellaart 1963: 98, 1967: 160-162). Die Bestattung einer Mutter, die mit ihrem zwölfjährigen Sohn von einem ein­stürzenden Dach erschlagen wurde, rührt noch heute zutiefst, selbst in der Fotografie der Skelette (Balter 1999: 891). Aus diesen Zusammenhängen spricht über die Pflege und Versorgung von Erkrankten ein tiefes Mitgefühl für die durch das Schicksal Benachteiligten.

Doch nicht nur die Einzelschicksale verweisen auf die Versorgung der Erkrankten, sondern auch Institutionen. Angel interpretiert verschiedene Gebäude in Catal Hüyük als regelrechte Krankenhäuser (Angel 1971: 88).

Vergleicht man die statistischen Daten von Catal Hüyük mit denen von Elmali Karatas (beide aus Angel 1971:78), einer Stadt der gleichen Region, die aber nicht in der Steinzeit sondern in der frühen Bronzezeit besiedelt war, so fällt auf, dass die Kindersterblichkeit dort um 30% höher war als in Catal Hüyük. Auch erreichte in der bronzezeitlichen Stadt kein Mensch ein Alter jenseits der 55-60 Jahre, während in der steinzeitlichen ein kleiner Anteil der Bevölkerung in die Altersklasse der 60-70(!) jährigen gelangte. Bedenken wir den enormen Fortschritt der metallzeitlichen Revolution nur an einem einzigen Beispiel, dem Pflug, der gegenüber dem neolithischen Grabstock einen Produktivitätsfortschritt um mehrere hundert Prozent bringt, so scheint ein solcher Rückgang der Lebensqualität erstaunlich. Doch im Unterschied zum materiellen Reichtum (heute als Bruttoinlandsprodukt bezeichnet) ist die Lebensqualität (Kindersterblichkeit, Lebenserwartung, Versorgung bei Krankheit, Sicherung der Grundlebensmittel, Zugang zu Bildung, Chancengleichheit) sehr viel stärker von den gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig als von der ökonomischen Leistungsfähigkeit (Sen 1993) 8).

Und der Übergang von der Steinzeit zur Metallzeit ist nicht nur verbunden mit zahl­reichen technischen Errungenschaften, sondern auch mit der Entstehung der Klassen­gesellschaft. Klassengesellschaft bedeutet Patriarchat und Ausbeutung: Frauen müssen bis kurz vor der Niederkunft arbeiten – und nach der Geburt des Kindes so schnell wie möglich wieder. Dies erhöht die Kindersterblichkeit und verringert die Lebenserwartung der Frau. Klassengesellschaft bedeutet aber auch Krieg, und der verringert die Lebenserwartung des Mannes.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Catal Hüyük betrug 32 Jahre (Angel 1971: 78, 80). Auch wenn uns diese Zahl heute entsetzt, so müssen wir uns doch vor Augen halten, dass sie für die ausgebeutete Klasse erst gegen 1750 wieder erreicht wurde (Herrmann 1983: 60, siehe auch Ehmer 1990: 202). Dies bedeutet, dass der leibeigene Bauer vor dreihundert Jahren eine geringere Lebenserwartung hatte als der freie Bauer in der Steinzeit!

So wurden die positiven Auswirkungen des technischen Fortschritts über die Jahrtausende hinweg überkompensiert durch die negativen Folgen von Ausbeutung und Unterdrückung.

Was fehlt in Catal Hüyük?

Doch nicht nur das, was da ist, charakterisiert eine Gesellschaft. Genauso aufschluss­reich kann das sein, was fehlt.

So fehlen Hinweise auf Eigentumsdelikte. Raub selbst als Kriminaldelikt ist archäo­logisch nicht nachweisbar, wohl aber Grabraub als besondere Form des Raubes. Grabraub gibt es in allen Kulturen, in denen Gegenstände einen Tauschwert haben (also die zu ihrer Herstellung notwendige Arbeitszeit gemessen wird), diese Werte ungleich in der Gesellschaft verteilt sind und Toten große Werte ins Grab gelegt werden, während Lebende im Elend leiden. Keine Sanktionen, nicht grausamste Hinrichtungsarten, Flüche der Götter, Erwartung furchtbarer Qualen im Jenseits hat Menschen je daran gehindert, unter solchen Umständen Gräber zu plündern, weshalb Grabraub seit den Uranfängen der Klassengesellschaft stets gegenwärtig ist. In Gesellschaften jedoch, in denen Produkte keinen Tauschwert haben, da sie lediglich Gebrauchsgegenstände sind, die nach Bedarf produziert und geteilt, nicht aber getauscht werden, entfällt auch jedes Motiv für Grabraub. Folgerichtig gibt es in Catal Hüyük kein Beispiel für Grabraub, Mellaart fand nur unberührte Gräber (Mellaart 1989: 23/1). Wie das Motiv für Grabraub, so entfällt auch das Motiv für Raub allgemein (Engels 1845: 542).

Am eindrucksvollsten, verglichen mit der Situation in Klassengesellschaften (z.B. der heutigen!), ist das vollständige Fehlen bildlicher Darstellungen von Aggressionen wie „Konflikt oder Kampf, geschweige denn Kriegführung, Misshandlung oder Folter. Es gibt keine Spur jener Dinge, wie sie mit dem Beginn der Zivilisation aufkommen“ (Mellaart 1989: 22/2). Gleichermaßen fehlen Darstellungen von Justiz und Verurteilung  9). Wenn bildliche Darstellungen aggressiver Akte vollständig fehlen, so stellt sich die Frage, ob dieses Fehlen darauf zurückzuführen ist, dass Gewaltakte gesellschaftlich unerwünscht waren und deshalb nicht dargestellt wurden (was bereits bemerkenswert genug wäre), oder auf das Fehlen von Gewalt in der Gesellschaft selbst zurückzuführen ist. Die Antwort geben die Skelette von Catal Hüyük.

Denn es gibt kein einziges Individuum, das Anzeichen eines gewaltsamen Todes zeigt; kein Knochenfund verweist auf Gewalteinwirkung durch Mitmenschen als Todesursache (explizit erwähnt von Mellaart [1967: 270], implizit bestätigt durch Angel [1971] und Hamilton [1996: 255/1]). Kein Mensch ist gestorben, weil ein anderer ihn tötete oder tödlich verletzte!

Weiterhin fehlt vollständig der destruktive Umgang mit Menschen zu kultischen (religiösen) Zwecken. Es gab keine Schädeltrepanationen (Mellaart 1967: 270) – wie im neolithischen Mitteleuropa,  keine Schädeldeformationen (Angel 1971: 94) – wie bei mittelamerikanischen Völ­kern oder im alten Ägypten, keine rituelle Verstümmelung der Hände (Mellaart 1967: 194) – wie in den eiszeit­lichen Pyrenäenhöhlen, kein Ausschlagen von Zähnen bei der Initiation (Mellaart 1967: 270, Angel 1971: 97) – wie bei australischen Aborigines, keine blutigen Opfer. Das heißt, dass Tiere zwar zum Verzehr geschlachtet wurden, doch fehlen alle Vorrichtungen für das rituelle Töten (Mellaart 1967: 95f).

Und es gab keinen Krieg!

Dies gilt nicht nur für Catal Hüyük (Mellaart 1967: 85, Balter 1999: 891/3, Düring 2001: 2) bis zum letzten Tag der Siedlung (Mellaart 1967: 66), sondern über 1.500 Jahre für Anatolien (Grünert 1982: 195, Herrmann 1983: 73/1) und von 6.500 BC bis 4.000 BC auch für die gesamte Balkankultur (Gimbutas 1996: 331/1, Whittle 1996: 93, 112), deren ‘entschie­dene Friedfertigkeit’ bereits von Childe hervorgehoben wurde (Childe 1975: 170).

Die Gesamtheit dieser Sachverhalte erscheint heute als die Archäologie einer Utopie. Doch müssen wir auch sehen, dass 10.000 Menschen ohne Zentralgewalt in dieser Dichte niemals so lange Zeit hätten zusammen leben können, wenn sie nicht von vorneherein gewaltfreie Methoden zur Lösung von Konflikten besessen hätten. Hätte Gewaltanwendung zum Repertoire der Konfliktbewältigungsstrategien gehört, wären Siedlungen wie Catal Hüyük nicht so lange lebensfähig geblieben – niemand hätte die Auflösung der Siedlung verhindern können. Für Gewaltfreiheit a priori spricht auch die – oben erwähnte – voll­ständige Abwesenheit von Destruktion im kultischen Bereich: Die Menschen hatten Jenseits­vorstellungen entwickelt, die genauso friedfertig waren wie sie selbst. Ein ausgearbeiteter sozialer Code und eine feststehende Ethik „ermöglichte den Menschen in Catal Hüyük … ohne zentrale Autorität … das tägliche Leben zu regeln.“ (Hodder 1998: 10).

„Man kommt nicht um die Schlussfolgerung herum, dass die Men­schen von Catal Hüyük die Dinge anders sahen als wir. Sie konzentrierten sich auf … die Kontinuität des Lebens … und die Art und Weise, dieses zu sichern. Es hat den Anschein, als hätten sie die Bedeutung … der Tatsache, dass das Leben weitergehen muss, verstanden; eine fundamentale Wahrheit, die wir aus den Augen zu verlieren drohen.“ (Mellaart 1989: 11).

Die kommunistische Gesellschaft

Dass diese Friedfertigkeit letztlich sozioökonomische Ursachen hatte, weil alle wussten, dass sie nur gemeinsam überleben konnten („eine fundamentale Wahrheit, die wir aus den Augen zu verlieren drohen“), ist wahrscheinlich. Entscheidend aber ist, dass die Menschen im Bewusstsein ihrer gegenseitigen Abhängigkeit fürsorglich und friedfertig miteinander um­gingen. Nur durch Kooperation konnten sie überleben, und tagtäglich machten sie aufs Neue die Erfahrung, dass viele gemeinsam etwas leisten konnten, was vielen Vereinzelten nicht gelang: Catal Hüyük, – oder, wie es heute verallgemeinert genannt wird: „The Neolithic Way of Life“ (für Anatolien: Özdogan 1997: 27, für Europa: Whittle 1996: 355).

Indem die Menschen destruktive Aktivitäten mieden und auch keine Ausbeuter im Nacken hatten, die ihnen von den Früchten ihrer Arbeit das Meiste wieder weggenommen hätten, konnten sie die zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse notwendige, durchschnitt­liche Arbeitszeit auf weniger als die Hälfte ihrer produktiven Zeit reduzieren, wie Narr indirekt geschlossen hat (Narr 1968/69: 419). Mehr als die Hälfte ihrer Zeit verblieb ihnen, um ihre entfalteten Bedürfnisse zu befriedigen, wie sich beispielsweise in der überraschenden Konsumgüterproduktion zeigt (z.B. Mellaart 1964: 84-92, Mellaart 1967: 259-263), in der Vielfalt und Qualität der Ernährung (Mellaart 1967:269, Helbaek 1964, Richards et al. 2003) und im konkreten sozialen Leben. Dieses ist dokumentiert durch die Kunst, deren Aufgabe es war, die Regeln des täglichen Zusammenlebens zu lehren (Hodder 1998: 10): die Malerei (Mellaart 1989), die Musik (Stockmann 1985), die Tänze und die zahlreichen Feiern. Aus den Wandbildern (z.B. Mellaart 1962: Pl. XIV, XV, XVII, XVIII) und aus der erstaunlichen Tatsache, dass die Oberschenkelknochen von fast der Hälfte aller Einwohner eine anatomische Veränderung aufwiesen, die von exzessivem Tanzen herrühren konnte (Angel 1971: 92-94), muss geschlossen werden, dass häufig gefeiert wurde. Die Ausgrabung der Überreste einer solchen Fete belegen überdies, dass die Feiern auf den Dächern der Stadt keine Wünsche offen ließen (Martin and Russell 2000: 66).

So trugen die Feste und Tänze ein Wesentliches zur Stabilität der Gesellschaft bei und verhinderten überdies die Ansammlung zu großer Überschüsse. Und so vermögen die Überreste aus jenen fernen Tagen uns heutigen Menschen ein Gefühl zu vermitteln, was selbst auf steinzeitlichem Niveau möglich ist, wenn die gesell­schaftlichen Verhältnisse menschlich sind und der Mensch frei ist.

Nach der Verbrennung der sozialistischen Utopie im Stalinismus hat die Entdeckung jener Gesellschaft eine besondere Bedeutung erhalten. Sie ermöglicht es, empirische Erfah­rungen zu sammeln und gibt ein Beispiel für die Beziehungen zwischen kommunistischen Produktionsverhältnissen und den gesellschaftlichen Verhältnissen – und zwar bei einer Gesellschaft, die nicht 80 Jahre bestand, sondern 3.000 Jahre.

Dass eine Entwicklung wie die beschriebene in der Steinzeit möglich war, bestätigt einmal mehr, dass nicht der technische Standard, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse über die Lebensqualität und den Gesellschaftscharakter entscheiden. Und was wäre heute möglich – auf dem heutigen Stand unserer technischen Ent­wicklung -, wenn wir endlich vernünftige gesellschaftliche Verhältnisse hätten …

Fußnoten:
(1) Alle Zeitangaben sind Kalenderjahre vor unserer Zeitrechnung und entnommen (Thissen 2002).
(2) Die zweite Phase der Revolution der Produktivkräfte umfasste die Domestikation weiterer Pflanzen- und Tierarten und die Entwicklung neuer Technologien, wie die Herstellung der Keramik und der Metalle. Sie erfolgte aber erst nach der sozialen Revolution.
(3) Zu den Menschenopfern siehe z.B. Hauptmann 1991, Hauptmann 1991/92: 22, Zick 1992, zur Gesellschafts­form z.B. Özdogan and Özdogan 1998, Rosenberg 1999, Rosenberg and Redding 2000, Hole 2000.
(4) Zu den sozialen Veränderungen siehe die vier grundsätzlichen Artikel von Özdogan (1994, 1997, 2000 und 2002). Zur gleichen Umwälzung an einem anderen Ort (Göbekli Tepe) siehe den Schluss des Artikels von Schmidt (2000: 41).
(5) Zu Anatolien siehe z.B. die in Fußnote 4 genannte Literatur, zu Europa z.B. Gimbutas 1996: 323-349 und Whittle 1996: 69-71, 90-96, 355 und 370-371.
(6) Dies scheint für die neolithischen Kulturen allgemein gegolten zu haben, selbst für die mitteleuropäische Band­keramik (Nordholz 2004: 124). Allerdings scheint dieser Zusammenhang wenig beachtet zu werden.
(7) Dass Mellaart die gegenteilige Auffassung vertrat liegt daran, dass er bei den Grabungen häufig das Geschlecht nach den Beigaben bestimmte (!). Erst die anatomische Untersuchung der Skelette sechs Jahre später durch Angel brachte den wahren Sachverhalt zu Tage (Hamilton 1996: 245/2, 258/2).
(8) Siehe dort weitere Literatur zu diesen wichtigen, von allen neoliberalen Ökonomen totgeschwiegenen Zusammenhängen.
(9) Zu beachten ist, dass bildliche Darstellungen von Kämpfen, Kriegen und Hinrichtungen nicht nur ein Haupt­motiv der Kunst der späteren Klassengesellschaft stellen, sondern auch aus der vorangegangenen Epoche überliefert sind (Beltran 1982: 44f).
Der Text „Von Cayönü nach Catal Hüyük. Entstehung und Entfaltung einer egalitären Gesellschaft“ ist von hier entnommen und mit Abbildungen versehen online zu lesen:

Quelle: http://www.urkommunismus.de/catalhueyuek.html

Hier der gesamte Text mit Abbildungen im PDF-Format zum Download: http://www.urkommunismus.de/catalhueyuek.pdf

Originaltext: http://syndikalismus.wordpress.com/2009/10/08/eine-wirkliche-soziale-revolution-in-der-jungsteinzeit-%E2%80%93-catal-huyuk/