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Anarchismus und Revolution in Mexico

Colonia Guerrero in Mexico D.F., im Norden die Calle Ricardo Flores Magón - Strassen mit seinem Namen gibt es inzwischen in ganz Mexico, vor allem im Süden des Landes, in dem er 1874 im Bundesland Oaxaca geboren wurde. Dort ist seine Name so präsent wie vielleicht nie zuvor.

Ricardo wuchs im so genannten „Porfiriat“ auf. Dieser Begriff bezieht sich auf die über 30 jährige Amtszeit des Generals Porfirio Diaz, der 1876 durch einen Militärputsch Präsident wurde und den Reichtum der Großgrundbesitzer und der Kirchen erheblich verstärkte. Flores Magón beteiligte sich schon 1892 als Schüler an einer größeren Demonstration um anschließend zum ersten Mal inhaftiert zu werden. 8 Jahre später, da schon beeinflusst durch die Schriften von Kropotkin und Bakunin, gründete er die Zeitschrift „Regeneración“.

Ihm wird da schon das Leben und das Wirken von Plotino Constantino Rhodakanaty bekannt gewesen sein, der nach John M. Hart wohl der erste Anarchist Mexikos sein war.

Plotino Constantino Rhodakanaty wurde am 14. Oktober 1828 in Athen geboren. Nachdem er an einem (gescheiterten) Aufstand in Ungarn teilgenommen hatte, musste er das Land verlassen, ging nach Berlin und 1850 nach Paris, um mit Proudhon über dessen Werk „Was ist Eigentum?“ zu sprechen. In dieser Zeit reifte bei ihm der Entschluss, eine sozialistische Kolonie in Mexiko zu organisieren.

In Mexiko gründete er dann eine Schule und gab die Utopie„Cartilla Socialista“ heraus, in denen er die Ideen von Fourier und Proudhon zugrundelegte.

Während seiner Tätigkeit als Lehrer organisierte er Clubs, gab Zeitschriften heraus und gründete mit einigen seiner Studenten die mexikanische Filiale der „1.Internationale“.

Dem gegenüber stand die politische Lage im Land. Nach dem Tode von Benito Juarez und der zwischenzeitlichen Präsidentschaft von Sebastian Lerdo de Tejada, war es nun Porfirio Diaz, der nun seit 1876 regierte.

Durch verschiedene Agrargesetze wurde aus jahrhundertealtem Gemeindeland, den „ejidos“ der Dorfgemeinschaften, nun wachsendes Kapital der Großgrundbesitzer, die Kleinbauern zu Saisonarbeiten oder zu so genannten „peones“ gezwungen (so etwas wie eine Schuldknechtschaft), die einem Sklavendasein ähnelte.

Aufkommender Widerstand wurde da erstmals durch die von den Großgrundbesitzern bezahlten paramilitärischen „Guardias blancas“ unterdrückt. Ausländische Gesellschaften sicherten sich mehr und mehr in Abstimmung mit der Diazregierung Zugriff auf die Bodenschätze, vor allem Erdöl.

Die mexikanische Bevölkerung, vor allem der größere indigene Teil, wurde schlichtweg als „minderwertig“ definiert, unfähig, das Land zu entwickeln. Sehr bald stieg der Einfluss der ausländischen Gesellschafter, vor allem der der USA, was zu einer immer größeren Unzufriedenheit der nationalen Bourgeoisie führte.

1906 kommt es zu einem Aufstand der Kupferarbeiter in Sonora, im Nordwesten von Mexiko. Streikführer sind Mitglieder der liberalen Clubs. Der Besitzer, ein USamerikaner namens William Greene, lässt die Nationalgarde von Arizona auf die Streikenden los. Mehr als 100 Arbeiter werden massakriert. In den nächsten Jahren spielte das städtische Proletariat bis auf wenige löbliche Ausnahmen keine Rolle in der laufenden Revolution. 1912 vereinigten sie sich in der Zentralgewerkschaft „Casa del Obrero Mundial“ und verpflichteten sich zur Neutralität.

Obwohl einige von ihnen anarcho-syndikalistisch orientiert, arbeiteten sie mit dem liberalen Bürgertum zusammen. Es war eine Liaison auf Gegenseitigkeit., die dazu führte, dass die meisten Arbeiter als „rote Bataillone“ 1915 gegen die soziale Revolution eingesetzt wurden.

Ein Jahr später bezahlten sie für diese Handlungen einen hohen Preis. Ihre (ehemaligen) Verbündeten stürmten das Gebäude der Casa, der erste Generalstreik in der Geschichte Mexikos wurde blutig unterdrückt.

Nach 1906 mehrten sich im liberalen Lager die Stimmen, die auf eine Ablösung von Porfirio Diaz drängten. Bei ihnen Ricardo Flores Magón, der in seinem Exil in Texas mit dem Slogan „ Reform – Freiheit – Gerechtigkeit“ eine der treibenden Kräfte geworden war. Er gründete mit Gleichgesinnten, dabei zwei seiner Brüder, die „PLM – Partido Liberal de México“, wo sich viele Bevölkerungsschichten wieder finden konnten. Mit Flugblättern, Plakaten und vor allem Schriften wurde zur Beseitigung der Diaz-Diktatur aufgerufen. Die nachfolgenden Repressionen entfachten eine Menge von Demonstrationen und militanten Auseinandersetzungen.

Im Frühjahr 1910 einigte sich die Opposition auf Francisco Madero als offiziellen Gegenkandidaten. Ricardo Flores Magón distanzierte sich in der „Regeneración“ eindeutig von Madero und seiner politischen Richtung.: „Regierungen verteidigen vor allem anderen das Recht auf Besitz. Glaubt nicht dass Madero das Recht auf Besitz zum Vorteil des Proletariats angreifen wird. Öffnet eure Augen! Die Emanzipation des Arbeiters kann nur das Werk des Arbeiters selbst sein.“

Die „PLM“ hatte inzwischen ihr Motto geändert. „Tierra y libertad“ wurde die Losung die später von Zapata und Villa aufgegriffen und bis heute mit der mexikanischen Revolution verbunden bleibt.

Zwischen 1910 und 1920 wurde nun Mexiko durch eine Serie von Kämpfen und Revolten erschüttert, die versuchten, das politische und soziale System des Porfiriats umzuwandeln.

Bei diesen Kämpfen griffen immer mehr Frauen aktiv in das revolutionäre Geschehen ein. Ohne rechtlichen Status, ohne Selbstverantwortung und ohne Selbstbestimmung im Alltag traten sie nun als „Soldaderas“ weit aus dem Schatten.

Als Symbolfigur für all diese Frauen entstand die legendäre, aber eher fiktive Figur der „Adelita“, die in vielen Lieder und Tänzen in Mexiko berühmt ist und in der Frauenbewegung als Symbol für Mut und Kraft gilt. Hier seien kurz Margarita Ortega und Dolores Jimenez y Muro genannt.

Dolores war Redakteurin von „La mujer mexicana“ und wurde 1910 wegen ihren Aktivitäten gegen die Diazdiktatur mehrmals festgenommen und inhaftiert. Aus der Gefängniszelle heraus gründete sie „Regeneracion y Concordia“, wo sie sich vor allem für die Rechte der Indigenen und Frauen einsetzte. Später kämpfte sie in der Armee von Emiliano Zapata und gehörte zu deren inneren Kreis.

Im Januar 1911 initiierten die Brüder Flores Magón den Aufstand in Baja California und eroberten Mexicali und später Tijuana, um dort so etwas wie eine anarchistische Republik aufzubauen. Zur gleichen Zeit leitete Emiliano Zapata einen Aufstand in Morelos, südlich der Hauptstadt.

In diesen Jahren werden die verschiedenen Interessen der mexikanischen Revolution deutlich. Da sind zum einen die bürgerlich-liberalen, die eine Absetzung von Porfirio Diaz fordern, mit jedem zusammenarbeiten, um sie anschließend zu liquidieren und sich in einem Personenkarussell von Madero über Huerta und Carranza um die Regierungsmacht streiten. Und die verschiedenen sozialrevolutionären Aufstände von Zapata und Villa, die sich den Norden und den Süden quasi aufgeteilt haben sowie die Magonisten, die immer mittendrin und dabei in ihren Kämpfen den libertären Sozialismus propagieren.

Am 18.Juli 1911 werden sie von Maderos Truppen in Mexicali und vier Tage später in Tijuana bekämpft. Ricardo muss flüchten und wird erneut in den USA inhaftiert. Im gleichen Jahr veröffentlichen sie ihr neues Manifest „Tierra y libertad“:

„Solange es Arme und Reiche gibt, Regierende und Regierte, wird es keinen Frieden geben. Ein jeder sein eigener Herr. Alles muss durch gegenseitige Zustimmung der freien Individuen geregelt werden. Tod der Sklaverei! Tod dem Hunger! Es lebe Land und Freiheit.“

Im Plan von Ayala formulierte Zapata wenige Monate später sein Programm für die „Revolution des Südens“, was neben der Rückgabe der „ejidos“ auch eine Aufteilung von einem Drittel des Großgrundbesitzes und eine Enteignung von Revolutionsgegner vorsah, aber in der Realität eher alte Besitzverhältnisse restaurierte, statt eine wie von den Magonisten geforderte radikale Landreform durchzuführen – nach dem heute sehr bekannten Motto: „Todo para todos – nada para nosotros.“

„Arbeitet ihr gemeinsam, werdet ihr weniger arbeiten und mehr ernten. Wenn ihr aber das Land aufteilt, lauft ihr Gefahr, dass sich das Land Schritt für Schritt wieder in einigen wenigen Händen konzentriert und ihr damit eure Kinder dazu verdammt, eine neue Revolution durchzuführen, um das Land endgültig zu enteignen.“

Regional begrenzt und ohne weitergehenden Forderungen wird das zapatistische Gebiet um Morelos zwar unabhängig von der Zentralregierung, aber auch leichter zu bekämpfen.

1913 brechen die Konflikte zwischen den einzelnen Machtinteressen aus und es beginnt so etwas wie ein „Bürgerkrieg“. Von nun an bestimmen Verrat und gegenseitige Attentate die weitere Geschichte.

Nach dem Mord an Madero gab es weitere Kämpfe, in denen letztendlich Carranza triumphierte, der die Verfassung von 1917 als entscheidenden Schritt für die postrevolutionäre Zukunft verkündete.

Ricardo und Enrico Flores Magon werden in den USA, die inzwischen offen Carranza unterstützt, vor Gericht gestellt und 1916 zu Gefängnis und Geldstrafen verurteilt. Kautionen, die u.a. von Emma Goldmann gesammelt werden, helfen ihnen da erstmal raus.

Carranza als Präsident von Mexiko lässt die Casa del Obrero Mundial schließen, sie hat ihre Schuldigkeit getan, adios! 1917 verabschiedet sein Kabinett eine neue Verfassung. Bürgerliche Historiker mögen sie „fortschrittlich“ nennen. So gibt es z.B. einen Artikel zur „Nationalisierung der Bodenschätze“ oder eine „Agrar-und Sozialgesetzgebung“, aber wir werden noch lesen, was davon in Wirklichkeit zu halten war. Die sozialrevolutionären Forderungen, die während der Revolution erhoben waren, blieben jedenfalls unerfüllt.

Für die Nationalrevolutionäre war die Revolution nun zu Ende. Es beginnt die Evolution der Parteiendiktatur der PRI. Vorher allerdings galt es noch den Rest zu entsorgen.

1919 wird Zapata ermordet, Pancho Villa auf seiner Farm 1923.

Ein Jahr zuvor gründete sich die anarcho-syndikalistische CGT (Confederación General de Trabajadores) Mexikos, diesmal wirklich unabhängig. Im ganzen Land streikten die Arbeiter, boykottierten US-amerikanische Waren und forderten die Freilassung der wieder mal inhaftierten Brüder Flores Magón.

Am 22. November 1922 wird Ricardo Flores Magón, Anarchokommunist und libertärer Visionär der mexikanischen Revolution, in seiner Gefängniszelle ermordet.

Der CGT stand in dieser Zeit der von der Carranzaregierung geförderten und kontrollierten CROM (Confederación Regional Obrera Mexicana) gegenüber, deren Führer, Morones, zur gleichen Zeit auch Arbeitsminister der Regierung war.

Enrique Flores Magón, geboren am 13.4. 1877, war der jüngste der drei Magónbrüder. Weniger Visionär, mehr Kämpfer, widmete er sich vor allem dem Journalismus und veröffentlichte während der Díazdiktatur zeitweise Zeitschriften mit solch illustren Namen wie „Sohn des Fluches“,“Vater des Fluches“, „Skorpion“. Von ihm stammt der Text der Revolutionshyme „Tierra y Libertad“.

„Proletarier/stürzen wir die niederträchtige Konstruktion/ des bürgerlichen Systems/ das unterdrückt/es wird Zeit daß wir frei sind/ und aufhören zu leiden/alle gleich und Geschwister/mit demselben Recht zu leben – Proletarier/hebt eure Stirn/ brecht die Ketten der Sklaverei/ und verkünden wir die neuen Ideen“

Auch er war einige Jahre in USamerikanischer Haft. Seine Entlassung und Rückkehr nach Mexiko waren für ihn alles andere als erfreulich – kehrte er doch nur noch mit der Leiche seines Bruders Ricardo zurück. Er trat sofort der CGT bei und organisierte viel vor allem im ländlichen Bereich. Nur wenige Monate vorher war in Berlin u.a. von Rudolf Rocker die „Internationale Arbeiterassoziation“ als Zusammenschluss anarchosyndikalistischer Gewerkschaften gegründet worden.

Enrique und die CGT gehörten zu den Gründungsmitgliedern. 1925 schrieb er in der Zeitschrift „protesta“ unvermindert kämpferisch: „Die soziale Revolution in Mexiko ist noch nicht zu Ende. Sie nimmt nur eine kleine Pause. Mit jedem weiteren Machthaber finden unsere Ideen immer mehr fruchtbaren Boden. Je mehr sie anbieten, ohne etwas zu erfüllen, umso größer werden die Reihen derer, die eine soziale Revolution wollen.“

Die nächsten Präsidenten agierten dann auch dementsprechend. Carranza, der die Reformversprechen nicht erfüllte, wurde in einem von General Obregon organisierten so genannten „Volksaufstand“ abgesetzt und auf der Flucht erschossen. Mit Interim de la Huerta und noch mal Obregon beginnt einer 14jährige Herrschaft der „Sonoristas“, eine Clique von Militärs aus dem Bundesstaat Sonora. Ehemalige Diazanhänger werden rehabilitiert, auf der anderen Seite gelingt es, die ehemaligen Befreiungsarmee des Südens, also die von Zapata, zu integrieren. Weitere Putsche, weitere Sonoristas.

1929 gründet Elías Calles die Vorläuferin der PRI, die PNR (Partido Nacional Revolucionario), die nationalrevolutionäre Partei. Er wird so etwas wie der „jefe maximo“ der mexikanischen Politik.1934 beendet Lázaro Cardenas die Macht von Sonora und sorgt für einen starken Reformkurs.

Währenddessen wuchs die Mitgliederzahl der CGT und sie schien eine starke Kraft in der Arbeiterbewegung zu werden. Viele CROM Mitglieder, enttäuscht von den Manipulationen und Korruptionen ihrer obersten Führer, waren herübergewechselt. Die CGT wuchs so schnell auf 80 000 Mitglieder.

Doch der plötzliche Wechsel vieler ideologisch unerfahrenen Arbeiter mitsamt ihren Führern schuf auch Missbehagen und schlechte Erinnerungen. 1931 zog dann auch eine Gruppe Marxisten wie andere radikale Führer einen Grossteil der Syndikate wieder aus der CGT heraus, weil sie mit der nun gefestigten und sozial aktiven Cardenasregierung zusammenarbeiten wollten. In einer „Sozialpartnertschaft“ genannten Liasion, die verdammt an die Casa del Obrero während der Revolution erinnert, wird die CGT nun marginalisiert.

Viele ihrer Ideen und Kampfformen finden sich jedoch später durch Überlebende der CGT( z.b. Jacinto Huitrón) bei der „Federación Anarquista Mexicana (FAM)“ wieder.

„Para aliviar las miserias del que sufren no hace falta pedir permiso a nadie” (Um das Elend der Betroffenen zu lindern ist nicht erforderlich, dafür um Erlaubnis zu fragen - Jacinto Huitrón)

Teil 2

„Wer? Wer? Nadie, keine(r). Am nächsten Tag, nadie. Der Platz am Morgen gefegt. Die Zeitungen brachten als Hauptnachricht den Wetterbericht. Und im Fernsehen, im Radio, im Kino gab es keine Programmänderung, keine eingeblendeten Nachrichten, keine Minute der Stille beim Bankett: Nun ja, das Bankett wurde fortgesetzt“ (Gedenkstein zum 2.Oktober 1968 in Mexiko D.F., Poem von Rosario Castellanos)

Eher „wohlwollende“ Repression ist das wohl zu nennen, was durch die Cardenasregierung nun wirklich passierte. Die CROM, zwischendurch in CGOCM (Confederación General de Obreros y Campesinos de México) umgewandelt, wechselte wiederum 1936 den Namen in CTM(Confederación de Trabajadores de México) um und wurde nun als die offizielle „neue Arbeiterbewegung“ sozusagen ernannt. Cardenas verstaatlichte 1938 größere Teile der Ölindustrie, um damit einen so genannten „Geist der nationalen Einheit“ zu schaffen, der es leichter machen sollte, aufständische Arbeiter niederzuhalten.

Einen weiteren eventuellen Aufstand der ländlichen Bevölkerung begegnete er mit einer „Neuverteilung“ des Landes. Selbstverständlich ließ er die großen Haziendas unangetastet, die Umverteilung bezog sich nur auf schwer zu bewirtschaftendes Land. Das Ergebnis war eine weitere Verarmung der Campesinos. Die auf Kurs gebügelte CTM und der neu gegründete CNC (Confederación National Campesina) entschärfte die Wut der Arbeiter und Bauern und kanalisierte sie in eine nationale Identität.

Ruben Jaramillo, der mit 15 in der „Südlichen Revolutionsarmee“ von Zapata kämpfte, organisierte 1943 zum ersten Mal einen Streik der Zuckerarbeiter in Zacatepeca. Er muss untertauchen und gründet in den Bergen eine Armee der Landarbeiter und Bauern, die bewaffnete Aufstände gegen die Regierung beginnen. Im Lauf der nächsten Jahre kam es trotz intensiver Bekämpfung durch die Armee( die sogar die Luftwaffe einsetzte) zu Landbesetzungen. Erst 1961 gelang es dem Militär, die „Jaramillistas“ endgültig zu besiegen.

Die Diazdiktatur war abgeschafft, es herrschte die Diktatur der Partei. die sich nun PRM nannte und die ihrer Funktionäre und Helfershelfer. Die Mitglieder der Partei, die 1948 in die PRI umbenannt worden war, die so genannten „ Säulen der Gesellschaft“, lebten gut.

Die PRI bedankte sich reichlich für ihre Kooperation, nicht nur durch Verleihung von Ämtern und Funktionen, sondern ließ sie auch teilhaben an den Einkünften aus der staatlichen Ölindustrie.

Dies führte zwischen 1958 und 1959 zu heftigen Arbeitskämpfen, die grössenteils wohl von den linken Oppositionsparteien, allen voran der verbotenen kommunistischen Partei initiiert worden war. Streiks der Minenarbeiter in Pachuga(Hidalgo), Monterrey(Nuevo Leon) und Tasco, der Textilarbeiter*innen in Puebla.

Die Mindestlöhne dieser Zeit waren sehr niedrig, Übergriffe von Paramilitärs und regulären Armeeeinheiten in den Provinzen alltäglich, was immer wieder bewaffneten Widerstand mit sich brachte. Viele zogen vom Land in die immer voller werdende Hauptstadt, oft bis zu 2000 Menschen am Tag. Mitte der 60erJahre war die Stadt auf 8 Millionen Menschen angewachsen, viele von ihnen erwerbslos bzw. für einen Hungerlohn in die Fabriken getrieben, eiligst gezimmerte Hütten dienten als Unterkunft.

Ab dem Sommer 1968 gingen vor allem von der Student*innenbewegung immer grösser werdende Proteste gegen den autoritären, undemokratischen Stil der PRI aus: „Wir lebten in einem Mexiko mit einer Einheitspartei, mit gefälschten Wahlen, mit minimaler Meinungsfreiheit außerhalb der Universitäten. Wir Studenten waren zuerst nur eine kleine Gruppe innerhalb der Gesellschaft, die ganz konkret anfing, gegen dieses System, die wachsende Unterdrückung und für die Freiheit der vielen politischen Gefangenen zu protestieren.“

Sich in Mexiko politisch zu betätigen, ist sehr riskant. Alle sozialen Bewegungen wurden bisher niedergeschlagen. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden härter und blutiger – immer mehr Arbeiter*innen schlossen sich den Aufständischen an.

Wenige Wochen vor Eröffnung der Olympiade befürchteten die Machthaber einen Imageverlust und sprachen offiziell von einer „kommunistischen Verschwörung“ – gesteuert von Moskau und Havanna. Am 2.Oktober trafen sich die Aufständischen auf dem „Platz der drei Kulturen“ im Stadtteil Tlateloclo, der immer ein Platz für Kundgebungen war.

Ein Hubschrauber kreiste über den Platz, feuerte Leuchtkugeln ab. Das so genannte „Bataillon Olympia“ stürmte die Rednertribünen und warf sich auf die Redner*innen. Scharfschützen schossen gezielt von den umliegenden Dächern. Soldaten rund um den Platz feuerten auf alles, was sich bewegte, töteten so Demonstrant*innen, eingeschlossene Passanten, die nicht mehr rauskamen, richteten Mütter hin und ihre Kinder, die gerade vom Einkaufen kamen.

„Ich glaubte, daß am nächsten Tag, also am 3. oder 4.Oktober, die Menschen sich erheben würden, weil ihre Kinder ermordet worden waren – aber nichts geschah, gar nichts“ (Rosario Castellanos).

Der Liedermacher Jose de Jesus Molina Nunez, besser bekannt als Jose Molina, war einer der Überlebenden des 2.Oktober sowie des anschliessenden „Halconazo“ (s.u.). Er, der sich als libertärer Sozialist bezeichnet, schrieb unmittelbar danach das Poem: „Y yo acuso“

Y yo acuso – und ich klage an

Ich klage die mit den korrekten Blicken an, die von Geburt an Schwachsinnigen, die meinen, sie stünden auf der Seite, der die Natur vergibt, die voller Inbrunst ihre Kannibalismus-Prophezeiung ausstoßen.
Ich klage die Mauern an, welche die Zukunft missdeuteten und die Angst verkörperten, die das steinige Licht der Haubitze mit den von jugendlichem Fleisch bedeckten Rücken vermählten.
Ich klage den Zement an, wo die Türen zum Tod sich mit dem Gesicht nach unten und die Terrassen, Friedhöfe der lebendig Begrabenen, sich trafen, und wo die Hirschgehege sich öffneten.
Ich klage das Massengrab an, die Öfen zur Feuerbestattung und die Frömmigkeit oberhalb der Augen.
Ich klage die Grube an, wie ein Wolf über der Hoffnung, und stets nur auf der Suche nach seinem vollkommenen Ebenbild.
Ich klage den zweiten Oktober an, der der zweite November Mexikos sein wollte.
Ich klage die Seiten der Tageszeitungen an, soll doch ein Gefängniswärter kommen, um die schwere, grausame Erinnerung zu verabschieden und diesen Zeitabschnitt von Neuem zu ordnen.
Ich klage die Pläne auf dem Schreibtisch an und den Lärm des Vollstreckungsstuhles, festgeschraubt am Hinterhalt und an der Verzweiflung.
Ich klage das trockene Steingebäude an, in dem das Wort des Gesetzes neu verfasst wurde, und der letzte Gedanke und der Schrei, der „ich bin der Verantwortliche“ sagte, und die Kehle, und die Zunge, und das Paar, das ihn hervorbrachte und möglich machte.
Ich klage die Liste der Verschwundenen an, die Geschosse, die Fahrzeuge, die Kühlhäuser, die Verwundeten mit ihrer Last, das Lager, das einst den Frieden bewachte und sich im Jahr 1968 in ein Konzentrationslager verwandelte.
Ich klage mein Land an, dafür, dass es seine Korps nicht wie geschärfte Messer geschleudert hat, und dafür, dass es Verletzte wie verwundete Schmetterlinge auf den Straßen verschuldet hat.

Es lag schon immer im Interesse der PRI, die Geschichte selbst zu schreiben und die Erinnerung daran unter Kontrolle zu halten. Dieses „menschenfreundliche Ungeheuer“ schien nach dem Massaker im Oktober in eine tiefe Legitimitätskrise zu geraten – so dachten es jedenfalls die Intellektuellen in Mexiko und kündigten ihre Unterstützung für die PRI auf. Das korporatistische System hatte sie zwar auch gut versorgt, jetzt aber entdeckten sie so etwas wie ihre persönliche Schamgrenze.

Doch das Regime reagierte wie gewohnt. Der verantwortliche Minister für das Massaker auf dem „Platz der drei Kulturen“, Luis Echeverria Álvarez, wurde einfach zum nächsten Präsidenten von Mexiko gemacht und mit ihm ging die „guerra sucia“, der „schmutzige Krieg“ mit der „Halconazo“ 1971 weiter.

„guerra sucia“ – allgemeine Bezeichnung für die verdeckte, illegale Bekämpfung linker Opposition und Gegner*innen des Regimes. Praktisch äusserte sich das im Verschleppen, Foltern und Ermorden. Der Begriff wird allgemein in den beiden Massakern 1968 und 1971 gesehen, wobei 1971 hier zum ersten Mal eine bis heute existierende paramilitärische Organisation „Los halcones“ (die Falken) auftauchte (s.auch Atenco 2006).

Am 10.Juni 1971 stürmten die Paramilitärs der „Falken“ im Stadtteil Santo Tomás in Mexico D.F. eine Versammlung vorwiegend von Studentinnen und Studenten. Es gab 40 Tote. Das Massaker ging als „Halconazo“ in die mexikanische Geschichte ein.

Diese beiden Ereignisse, der 2.Oktober 1968 und der „Halconazo“, trieben einige der Aktiven in den Untergrund, wo sie in einer maoistisch geprägten Guerilla ihre Kämpfe fortsetzten. 1974 war die Mehrzahl von ihnen gefangen und/oder ermordet. Einige verschwanden in den lakandonischen Wäldern im Süden von Mexiko...

Teil 3

In den 30erJahren war die CGT an den Rand gedrängt worden und führte mehr und mehr ein Schattendasein. Es kamen zwar in den nächsten Jahrzehnten viele Anarchist*innen aus europäischen Ländern nach Mexiko, doch die meisten sahen ihren Aufenthalt nur als Etappe an und orientierten sich in ihren Tätigkeiten an und für Europa. Dennoch hinterließen sie ihre Spuren in Landbesetzungen, Streiks und vor allem in der freien Bildung – ohne herkömmliche Schulen oder Universitäten. Spuren, die später eine neue, andere Generation im September 1985 in die mexikanische Öffentlichkeit tragen sollten.

Im „Terremoto de 1985“ kam es zu einem Erdbeben der Stärke 8.1., gefolgt von einem ähnlich starken Nachbeben einen Tag später und zerstörte große Teile der Hauptstadt. Die Zahl der Toten wird mit 20.000 angegeben. Die korrupte Regierung liess zwar über das Radio Durchhalteparolen verkünden, die Hilfe wurde aber nur in den reichen Vierteln und in den Touristenzentren eingesetzt. Also war Selbsthilfe angesagt.

Eine neue Generation von Libertären, in einem Netzwerk von Kommunen und Kooperativen über ganz Mexiko verteilt, kurz „Red“ (Netz) genannt, schufen die grünen Brigaden, praktische, einfache Nachbarschaftshilfe, basierend auf dem Prinzip der Selbstorganisation und der alternativen Lebensraumgestaltung.

„>red< koordinierte Kommunen und Kooperativen in ganz Mexiko und unterhielt enge Beziehungen zur Kommunebewegung in den USA und Europa. Ihre Gründer*innen leben in der Anarchokooperative Huehuecoyotl und hier wurde auch die Idee der >grünen Brigaden< geboren. Das beschränkte sich nicht auf Steineklopfen, Handreichungen und Suppekochen.

Sie wollten den Leuten auf Dauer helfen. Und das konnte nur damit beginnen, ihnen behutsam aber eindringlich klarzumachen, woher die Ursachen ihres Unglücks kamen und was in Zukunft anders gemacht werden kann. Ein neues Erdbeben konnten sie nicht verhindern, aber die Folgen künftiger Ereignisse konnte schon beeinflusst werden. Und das galt nicht nur für Naturkatastrophen.

In den folgenden Wochen, in denen die Brigade in wechselnder und langsam schrumpfender Besetzung am Ort blieb, konnten sie den Leuten vieles klarmachen. Aber sie traten dabei nicht nur als Lehrer auf, sie lernten, das vieles von dem, was sie den Menschen vermitteln wollten, schon langst in ihnen steckte, allerdings verschüttet.

Vor allem aber lernten sie, das es allemal am wirkungsvollsten und befriedigsten ist, wenn man die Grundsatze von gegenseitiger Hilfe, von Solidarität, von Kollektivismus und Freiheit nicht nur als Agitator vertritt, sondern vorlebt. Hierbei kamen nun auch die verschiedenen beruflichen Kenntnisse zum Tragen.“ („Leben ohne Chef und Staat“)

„Die Katastrophe hat viele Dinge ins Bewusstsein gerückt – gegen den absurden Zentralismus der Hauptstadt und daraus die Notwendigkeit dezentraler und selbstverwalteter Alternativen zum Wachstum und zur Stadtentwicklung."

In diesen Tagen wuchs die Ablehnung gegenüber der Staatspartei PRI. Die Menschen aus den betroffenen Stadtvierteln wurden ganz einfach und ganz praktisch mit den Ideen des Anarchismus vertraut. Anarchie ist eben überall dort machbar, wo Mensch sie lässt.

Ende der 7Oer Jahre führte die Entdeckung riesiger Ölfelder die PRI dazu, sich mit der Aussicht auf unermesslichem Reichtum im Ausland Kapital zu leihen, um eine neue Industrialisierung durchzuführen. Doch durch eine internationale „Ölkrise“ fielen die Preise und der mexikanische Staat in eine tiefe Verschuldung. Als das Land vor dem Bankrott stand, stiegen Weltbank und IWF ein. Die anschließende allgemein wohl bekannte „Sanierungspolitik“ führte zu einer weiteren Verelendungen der ärmeren Bevölkerungsgruppen und einer Verarmung des Mittelstandes. Die Banken und große Teile der Industrie wurden privatisiert, die Ölindustrie durfte die PRI allerdings behalten. Das Freihandelsabkommen NAFTA mit USA und Kanada wurde installiert. Dieser Vertrag sollte am 1.Januar 1994 in Kraft treten. All die nicht sehr edlen Damen und Herren, die Reichen und selten Schönen versammelten sich am Silvesterabend auf ihren Balkonen, um die Lösung ihrer Probleme ausgiebig zu feiern.

Doch am nächsten Morgen wurden sie alle jäh geweckt. Im Morgengrauen des 01.01.1994 besetzte die „EZLN“(Ejercito Zapatista de la Liberacion Nacional ) fünf Kreisstädte in Chiapas, Mexiko. An diesem Tag wurde in San Cristobal de las Casas die erste „Declaracion de la Selva Lacandona“ verlesen. In dieser Deklaration erklärt die EZLN der mexikanischen Regierung den Krieg, indem sie sich auf Artikel §39 der mexikanischen Verfassung beruft. Dieser besagt, dass die nationale Souveränität einzig und allein in den Händen der Bevölkerung liegt. Ausdrücklich wird darin dem Volk das unveräußerliche Recht gewährt, jederzeit die Regierung zu verändern. Die Forderungen der Zapatisten waren Arbeit, Land, ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Autonomie, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden.

Es ist erst einmal die Ähnlichkeit der Bilder, die zum einen bei vielen die Fantasie anregen und die Libertären Abstand nehmen lässt. DieBalaklavamützen, das armeeähnliche Auftreten, visuelle Ikonen – erinnernd an Kuba, an Nicaragua. Die politische Bildung der lokalen militärischen Führer und wenigen Führerinnen ist marxistisch, die Armee scheint hierarchisch. Aber diese EZLN ist nicht das Zentrum dieser Bewegung, es ist die Struktur der Gemeindeautonomien, die entscheidend ist.

Fast 500.000 Menschen im Süden von Mexiko mit 5 Sprachgruppen sind Teile dieser „Caracoles“, diesem basisdemokratischen Selbstverständnis – gekennzeichnet durch kollektive Entscheidungsprozesse, kommunitäre Lebensorientierung usw. Nichts neues zwar, auf immer wieder aufs neue. Und es sind Organisationen wie die „Alianza Magonista Zapatista“, die den Bogen schlagen zur Revolution und den Magonisten von 1910.

Auf den Strassen der mexikanischen Städte erscheint in den 70erJahren der „Punk“, wenn auch in der Hauptstadt es mehr die jungen Bürger*innen aus z.B. der „Zona Rosa“ sind, die sich das Haar färben und kaputte Jeans tragen.

Einige Jahre später werden Musik und Rhythmus schneller, aggressiver und mehr und mehr wird dieser „HardCore“ das Element des Anarchopunk, getragen von den armen und ausgegrenzten Jugendlichen, die sich mehr und mehr auch durch und in Fanzines zum Anarchismus und/oder Feminismus bekennen.

In dieser Zeit – so ab 1997 – entsteht ein Netz von autonomen und anarchistischen Gruppierungen, soziale Bibliotheken, Cruz Negra Anarquista, freie Radios und soziale Zentren. Die Aufstände in Oaxaca, die Erfolge der „Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca (APPO)“ bestätigen darüber hinaus erfolgreich die Fokussierung auf die lokalen Kämpfe und die Bedeutung der Gemeinden.

Dem gegenüber steht die Repression der mexikanischen Regierung, die aus dem Land mehr und mehr eine Festung macht – so dass oft nur die Verteidigung bleibt für das Leben des einzelnen Menschen und gegen den Raubbau der natürlichen Ressourcen, aber auch vorwärts getrieben durch die Entwicklung der letzten rd. 20 Jahre – wie die Selbstorganisation und Selbstverwaltung in den Widerstandsformen auch der indigenen Gemeinden, die sich nicht unbedingt offen als „Anarchismus“ erklären wollen, aber in ihrem Fundament durchaus eine libertäre Dimension tragen.

Einige Links:


Originaltexte: http://radiochiflado.blogsport.de/2012/04/24/die-soziale-revolution-macht-nur-eine-kleine-pause/ /
http://radiochiflado.blogsport.de/2012/04/27/y-yo-acuso-und-ich-klage-an/ / http://radiochiflado.blogsport.de/2012/05/01/stark-ist-das-schweigenponiatowska/