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Adolph Fischer - Rede vor Gericht

25 Jahre alt, Schriftsetzer

Sie fragten mich, Euer Ehren, warum das Todesurteil nicht über mich verhängt werden sollte? Viel will ich nicht sagen, nur, daß ich gegen meine Verurteilung zum Tode protestiere, weil ich kein Verbrechen begangen habe. Hier in diesem Räume wurde ich des Mordes angeklagt und des Anarchismus überführt. Ich protestiere gegen das Todesurteil, weil ich des Mordes nicht überführt wurde. Immerhin, wenn ich deshalb sterben soll, weil ich ein Anarchist bin, so will ich mich nicht dagegen wehren. Wenn der Tod die Strafe für unsere Liebe für die Freiheit aller Menschen ist, so sage ich offen, daß ich mein Leben verspielt habe. Aber ein Mörder bin ich nicht. Obwohl ich die Versammlung auf dem Heumarkt miteinberufen habe, hatte ich mit dem Bombenwurf ebensowenig zu tun wie, vielleicht, der Staatsanwalt Grinnell. Ich leugne nicht, daß ich auf der Heumarkt-Versammlung war, aber diese Versammlung ... (An dieser Stelle wurde Fischer von seinem Verteidiger Mr. Salomon unterbrochen, der leise auf ihn einredete).

Mr. Salomon, ich weiß, was ich sage. Nun, die Heumarkt-Versammlung war nicht zum Zwecke der Gewaltanwendung einberufen worden. Nein, diese Versammlung war einberufen worden, um gegen die am Vortag verübten Gewalttaten und Verbrechen der Polizei zu protestieren. Der Staatszeuge Waller und andere haben hier ausgesagt und ich brauche es nur zu wiederholen, daß wir an jenem Montagabend eine Versammlung hatten, in der die McCormick-Affäre, die nur wenige Stunden vorher stattgefunden hatte, selbstverständlich zur Sprache kam; und wir beschlossen, die Protestversammlung einzuberufen. Waller war Vorsitzender der Versammlung und beantragte selbst, die Kundgebung auf dem Heumarkt abzuhalten. Er war es auch, der mich ins Komitee berief, um Flugblätter drucken zu lassen und Redner zu besorgen. Dies tat ich, und nichts weiter.

Am nächsten Tag ging ich zu Wehrer & Klein, ließ 25.000 Zirkulare drucken und lud Spies ein, in der Versammlung zu sprechen. Es ist eine Tatsache und ich leugne sie nicht ab, daß ich in dem Original-Manuskript die Zeile: »Arbeiter, kommt bewaffnet!« hatte. Und ich hatte auch Gründe dafür! Ich wollte nicht, daß die Arbeiter, ebenso wie bei anderen Gelegenheiten, auch auf dieser Versammlung niedergeschossen würden. Als diese Flugblätter in die »Arbeiter-Zeitung« gebracht wurden, - sah mein Genosse Spies eines davon. Er zeigte auf ein Flugblatt und sagte: »Fischer, wenn die ausgeteilt werden, spreche ich nicht.« Ich sah ein, daß es besser sei, die Zeile fortzulassen - und Spies sprach. Das ist alles, was ich mit der Versammlung zu tun hatte.

Ich kam etwa ein Viertel nach acht auf den Heumarkt und blieb dort, bis Parsons die Rede von Fielden unterbrach. Parsons kam zum Wagen und sagte, es sähe regnerisch aus und wäre daher besser, die Versammlung nach »Zepf's Hall« zu vertagen. Im selben Augenblick kam ein Freund von mir und wir gingen in Zepf's Halle, setzten uns an einen Tisch und tranken ein Glas Bier. Ich hatte mich gerade niedergelassen, als Genosse Parsons mit mehreren anderen Personen hereinkam. Fünf Minuten später erfolgte die Explosion. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß etwas Derartiges vorfallen würde, denn es gab zwischen uns keinerlei Vereinbarung - die Staatszeugen haben es sogar bestätigt -, uns in dieser Nacht zu verteidigen. Es war einzig und allein eine Protestversammlung.

Nun, wie ich vorhin ausgeführt habe, war das Verdikt, das in diesem Raum von diesem Gericht ausgesprochen wurde, nicht gegen Mord, sondern gegen den Anarchismus gerichtet. Ich betrachte mich als Anarchist zum Tode verurteilt, und nicht etwa als Mörder. Ich habe nie einen Mord begangen, in meinem ganzen Leben habe ich kein Verbrechen begangen. Aber ich kenne einen Mann, der auf dem besten Wege ist, ein Mörder, ein Meuchelmörder zu werden - und dieser Mann ist Grinnell, der Staatsanwalt Grinnell. Er hat Leute in den Zeugenstand gebracht, von denen er wußte, daß sie Meineide schwören würden. Und ich klage Grinnell öffentlich als Mörder und Meuchelmörder an - falls ich gehenkt werde!

Wenn die herrschende Klasse glaubt, daß sie durch unsere Hinrichtung, durch die Hinrichtung von ein paar Anarchisten, den Anarchismus ausrotten kann, so befindet sie sich in einem schweren Irrtum. Einem Anarchisten ist seine Überzeugung teurer als sein Leben. Ein Anarchist ist immer bereit, für seine Überzeugung zu sterben. Aber in diesem Fall wurde ich als Mörder angeklagt - und ich bin kein Mörder. Sie können unmöglich eine Idee töten, selbst wenn Sie dem Mann das Leben nehmen, der an sie glaubt. Je mehr Kämpfer für die gerechte Sache verfolgt wurden, umso schneller breiteten sich ihre Ideen aus. Die zwölf „ehrenhaften Männer“ auf der Geschworenenbank haben mit ihrem ungerechten und barbarischen Urteil mehr für die Zukunft des Anarchismus getan, als es die Verurteilten in einer Generation hätten erreichen können. Dieses Urteil ist ein Todesspruch für die Redefreiheit, die Presse- und die Gedankenfreiheit in diesem Lande, und die Leute wissen das auch. Das ist alles, was ich zu sagen habe.

Anmerkung:
»Die Anklagen der Angeklagten - Die berühmten Reden der acht Chicagoer Anarchisten vor Gericht, nachdem man sie gefragt hatte, warum das Urteil nicht über sie vollstreckt werden sollte« sind nach einem Chicagoer Original ohne Jahresangabe 1969 in New York als Reprint erschienen. Die Gerichtsreden von Fischer, Lingg, Engel und Parsons sind von Horst Karasek anhand der New Yorker Ausgabe ins Deutsche übertragen worden.

Originaltext: Karasek, Horst: Haymartket! 1886 – Die deutschen Anarchisten von Chicago. Reden und Lebensläufe. Wagenbachs Taschenbücherei 11, Verlag Klaus Wagenbach 1975. Digitalisiert von www.anarchismus.at