Drucken

Impression der Anarchie - Paul Signac

„Tut das Unnütze, singt die Lieder, die Mensch aus eurem Munde nicht erwartet. Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“

Diese Zeilen von Günter Eich sind ein guter Einstieg zum Thema Anarchismus und Kultur, keine Harmonisierung mit den bestehenden Verhältnissen, sondern Gedanken und Handlungen von Verweigerungen , sozialem Engagement, Kreativität.

Wenn wir uns allerdings umschauen, sind davon nur Ansätze zu erkennen. Das Gesetz der Verwertung des Marktes diktiert alles. Kunst als Sand im Getriebe?

Anfängliche Kreativität wird zum Trend, wird marktkonform, bringt volle Kassen. Pseudophilosophien wurden Buchbestseller, aus Hausbesetzerräte werden Fachleute für schöner Wohnen mit Feng Sui oder Ding Ding oder Ding Dong – der „Karneval der Kulturen“ zieht durch die von Armen und Alten geräumten Stadtteile der digitalen Boheme – so düster es aussehen mag mit der anarchistischen Kultur , der Vision eines Monte Verita, der anarchischen Symbiose von Kunst und Leben , dem Haufen voller Inspiration, keine Trennungen mehr und keine Langeweile , so zeigt sie doch nur die Kümmernis einer wo auch immer hier statt findenden libertären Bewegung – dabei wäre der Anarchismus die einzige Alternative zur Herrschaft des Menschen über den Menschen und der Natur – im Bereich der „Kunst“ war sie schon immer gegen einen elitären Kunstbegriff, gegen die Aufgeblasenheit von Galeristen , Kritikern und Historikern, – Anarchie als die alltägliche Lebenskunst.

So war es nahe liegend, dass sich immer wieder auch so genannte Künstler*innen dahin gezogen fühlten. Die, die dabei blieben, prägten in ihren Stilen und Gruppierungen nachhaltig die libertäre Bewegung und fanden wiederum selbst dadurch zu eigenständigen Ausdrucksformen. Die Künstler*innenkolonie Monte Veritá in der südlichen Schweiz war schon genannt, dann der Dadaismus in den zwanziger Jahren, aber auch die französischen Neoimpressionisten gehören dazu. Neben Camille Pizarro ist hier vor allem Paul Signac zu nennen.

Signac, geboren im November 1863 in Paris, gehörte wie Seurat und Pizarro zu den Vertretern des Neoimpressionismus in der Malerei.

Der Impressionismus hatte schon zuvor mit allem gebrochen was in den Kunstakademien gelehrt wurde. So entdeckten sie die Wirkungsweise des natürlichen Lichtes, malten daher meistens unter freiem Himmel, mischten, wenn überhaupt, nicht auf der Palette, sondern auf der Leinwand , so dass sich erst beim Betrachten der gewünschte und dadurch sehr lebendige Farbton ergab.

Dies erzeugte natürlich Spott und Häme bei der etablierten Kunstwelt, was den Impressionisten eigentlich egal war. Sahen sie sich doch im Gegenteil keinerlei traditionellen Regeln und Inhalten verpflichtet.

Paul Signac und andere nutzten die Farblehre der Impressionisten und bezogen neue, naturwissenschaftliche Erkenntnisse der Farb- und Lichttheorie mit ein. Da die Bilder nicht aus Pinselstrichen, sondern aus lauter kleinen Punkten zusammengesetzt waren, kleine Farbtupfer nebeneinander, die erst in der Ferne ein Ganzes ergaben, erzeugten sie eine Intensität an Leuchtkraft und Harmonie.

Für Paul Signac, der sich mehr und mehr den Ideen des Anarchokommunismus eines Kropotkin und Jean Grave öffnete, war die Notwenigkeit der künstlerischen Freiheit unabdingbar verbunden mit der Notwendigkeit einer sozialen Revolution. Und der Anarchismus erschien ihm der Garant für beides zu sein. Aber er verweigerte sich einer Festlegung auf ein bestimmtes Sujet.

„Der anarchistische Maler ist nicht dafür da, anarchistische Bilder zu malen. Aber er wird ohne Gier nach Ruhm oder Entschädigung in seiner ganzen Individualität mit einem persönlichen Beitrag gegen die offiziellen bürgerlichen Vereinbarungen kämpfen. „

Und doch gibt es eindeutige Bilder, die eine Widerspieglung seiner Ideen darstellen. Da reißen Arbeiter Gebäude ein, während am Horizont die Sonne der Anarchie aufgeht. Oder in einem anderen riesigen Bild taucht das idyllische Haus der zukünftigen Gesellschaft der Harmonie auf. Handwerker und Künstler friedlich und in totaler Übereinstimmung. (s.o.)

Paul Signac unterstütze die Zeitschrift „Les temps nouveaux“ des angesehenen Anarchisten Jean Grave, von dem er sich 1914 allerdings bitter enttäuscht zurückzog. Jean Grave und auch Kropotkin traten für den 1. Weltkrieg ein.

Der Krieg selbst und das Verhalten seiner ehemaligen Vorbilder wurden für Signac zunehmend traumatischer. Demoralisiert weigerte er sich die nächsten Jahre überhaupt etwas zu malen. Stattdessen engagierte er sich stark in der antimilitaristischen Bewegung – bis die russische Revolution 1917 ihm neue Hoffnung und Impulse gaben.

Nach dem ersten Weltkrieg malte er weiter Landschaften der Bretagne und Korsika. Unterstützte junge Künstler*innen bei Ausstellungen und engagierte sich ein Jahr vor seinem Tod 1935 in einem antifaschistischen Komitee.

Paul Signac weigerte sich einen eigenen anarchistischen Kunststil mit zu entwickeln.Steht doch der Anarchismus für eine Lebensart, die die scheinbaren Trennungen von Kunst, Kultur und alltäglichem Leben zu einer anarchischen Symbiose zu vereinen weiss. In dem Ziel, die Widerstände gegen die Trennungen , die Hierarchien und dem Verwertungsprinzip Unterworfenen einer Gesellschaft zu verstärken.

Originaltext: http://radiochiflado.blogsport.de/2012/01/21/impression-der-anarchie-paul-signac/