Drucken

Bericht eines anarchistischen Gefangenen aus der Türkei

Dieser befasst sich mit den unerträglichen Bedingungen, denen anarchistische Gefangene in türkischen Gefängnissen ausgesetzt sind. Der Brief wurde um Dezember 2000 in a-infos veröffentlicht.

"Ich bin seit fünf Jahren anarchistischer Gefangener. Sie  - DGM, Malatya (DGM ist ein Staatssicherheitsgericht) - gaben mir 15 Jahre, weil ich meine anarchistische Identität und Vorstellungen nicht verleugnet habe. Ich musste mit allen möglichen Problemen fertigwerden. Im Gefängnis Malatya wurde ich in die Abteilung gesteckt, die von marxistisch-leninistischen Gefangenen dominiert wird. Die haben mich nicht akzeptiert. Mir wurde gesagt, ich könnte als normaler, unpolitischer Gefangener bleiben, aber nicht als Anarchist. Nur die PKK hat mich akzeptiert, unter einer Bedingung: ich durfte mit niemandem über Anarchismus sprechen.

Obwohl sie mir etwas nachgaben, als ich darauf bestand, haben sie meine anarchistische Identität nicht anerkannt. Sie waren mir gegenüber moderat, weil ich mich in der Vergangenheit im DGM als kurdischer Anarchist verteidigen musste. Wäre dies nicht so gewesen, dann hätten sie mich sicherlich erst gar nicht in ihren Block gelassen. Ich hatte keine andere Wahl, als die Verlegung in das Gefängnis Burdur zu beantragen. Dort gibt es vier andere anarchistische Gefangene. Es gab Leute, die hinter Gefängnismauern vom Anarchismus überzeugt wurden.

Wie viele andere Anarchisten im Gefängnis haben sie eine linke Vergangenheit. Als ich verhaftet worden war, wurde ich gefoltert. Ich hatte Schwierigkeiten zu atmen, Leberschmerzen, Probleme mit Augen und Ohren. Vor allem war ich schwer traumatisiert. Meine Zelle hatte keine Klimaanlage und meine Gesundheit verschlechterte sich immer mehr. Ich bekam Probleme mit dem Atmen und fiel manchmal in Ohnmacht. Ich schlug meinen anarchistischen Genossen vor, dass wir einen Antrag auf Verlegung in einen Block mit Klimaanlage stellen sollten. Sie stimmten zu. Aber die Gefängnisverwaltung verweigerte uns unser Recht. Sie sagten uns, wir sollten die Repräsentanten des Gefangenenkomitees ansprechen, das von marxistisch-leninistischen Organisationen kontrolliert wird.

Ich erklärte denen die Situation. Ich bekam keine ärztliche Behandlung. Ich sprach auch mit den Repräsentanten der MLKP (Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei) und der PKK und bat sie um Hilfe. Sie regten sich auf. Sie verweigerten uns Hilfe, weil wir Anarchisten waren und keine "Revolutionäre" seien. Sie sehen uns nicht als Revolutionäre. Sie sagten uns, wir sollten keine weiteren Probleme mehr verursachen. Meine Genossen und ich diskutierten die Lage. Wir beschlossen, eine Verlegung in ein anderes Gefängnis zu beantragen, wo es keine Marxisten gibt. Ein Freund riet mir, ich sollte in einem der politischen Blocks bleiben, bis es mir gesundheitlich wieder besser geht. Zuerst lehnte ich dies ab, aber dann war ich sehr besorgt, weil ich häufiger Ohnmachtsanfälle bekam. Ich beschloss, dies den Repräsentanten des Gefangenenkomitees mitzuteilen.

Die MLKP weigerte sich sofort, mich in ihren Block aufzunehmen. Die PKK wollte mich unter einer Bedingung aufnehmen: ich sollte ein "normaler" Buerger sein. Ich war sehr verletzt und weigerte mich. Dann schickte das Gefangenenkomitee einige meiner Besucher zurück. Begründung: wir seien keine Revolutionäre (...). Wir wurden an verschiedene Orte verlegt. Ich wurde ins Gefängnis Konya/Ermenek geschickt. Dort war ich cirka zwei Jahre.

Einige Zeit war ich bei den Trotzkisten untergebracht, weil die auch abgelehnt wurden und das Gefangenenkomitee behandelte sie wie uns. Schließlich erkannte ich, wie schwierig es ist, mit Marxisten zu leben. Meine eigenen politischen Einstellungen waren der Grund dafür. Meine Gesundheit war in der Einzelhaft gefährdet. Ich wurde ins Numune- Krankenhaus in Ankara geschickt. Dort konnten sie aber nichts gegen meine schweren Kopfschmerzen und meine Ohrerkrankung tun.

(...) Wir Ihr sehen könnt, steht eine schwere Strafe darauf, Anarchist zu sein. Alle sehen dich als Gegner. Ich denke, darüber sind sich Anarchisten sehr bewusst. Ich hoffe, dieser Brief hilft dabei, euch über die Bedingungen zu informieren, denen Anarchisten in türkischen Gefängnissen ausgesetzt sind."

Originaltext:
http://www.free.de/schwarze-katze/texte/a03.html#gefangenindertuerkei02 (überarbeitet)