Otto Reimers - Ich mache mir so meine Gedanken

Gedanke darüber, dass die von der Springer-bis zur SPD-Presse betriebene Hetze gegen den Anarchismus (ausgedrückt in "die Anarchisten“) auch auf Teile der freien Sozialisten und Anarchisten Einfluß nehmen konnte.

Dass uns das Ansinnen gestellt wurde auf das Wort Anarchist, und für den Anarchismus einzutreten, zu verzichten. War das nicht auch von den Hintermännern der Hetzkampagne beabsichtigt? Bekanntlich haben die "Baader-Meinhofs" sich stehts zur RAF bekannt und keiner sich als Anarchist bezeichnet. Vielmehr hat Mahler klar getan, dass es sich bei der RAF und der Baader-Meinhof-Gruppe um "kriminelle Aktionen" handelte.

Der spektakuläre Überfall auf das Bonner Rathaus durch die herumreisenden "Putzmacher" der "KPD"-Maoisten (genannt die Chaoten) versuchte ein Schreiber im "stern" Nr. 17 dazu zu benutzen, erneut eine "Anarchisten Hetze" anzuheizen. "Eine Anarchistentruppe sucht die Bundesrepublik unsicher zu machen", war die Lügenparole des Schreiberlings.

Doch das ist ihm vorbeigelungen. Zu viele Menschen erfuhren durch das Auftreten Horlemann (Pseudonym Fritz Moosbach) und Semler am 16.4.73 in "Monitor" in der sich beide als die KPD-Führer vorstellten, die hinter diesen Überfällen in Frankfurt und Bonn ständen und wie Horlemann selbstbewußt im Fernsehen kündete, würde man bei dem Breschnew-Besuch in Bonn ebenso Demonstrieren.

War es da ein Wunder, wenn nach solcher Ankündigung vor dem Bildschirm eine Manie zur Verhaftung einsetzte?

Noch hat man diese Provokateure nicht mit dem Namen "Anarchisten" belegt. Aber wie die jüngste Vergangenheit uns zeigte, sind leider Rebellen gegen dieses kapitalistische Profitsystem, schnell zur Hand die Verhafteten und die von der Polizei "in Ausübung ihres Berufs" Erschossenen, als Anarchisten, als "anarchistische Genossen" zu klarieren. Unbeschadet ob diese Opfer überhaupt je etwas von der anarchistischen Weltanschauung kennen. Wieso, fragt man sich, braucht man eigentlich Märtyrer.

Wieso ist denn der Anarchist, der mit Maschinenpistole "Bankräuber" spielt - Der Fensterscheiben zertrümmert - (die nebenbei doch die Versicherung bezahlt) - Der nach Gewalt schreit und vermeint im Stiele einer RAF den bestehenden Staat zu zerschlagen, "um an dessen Stelle einen Anderen" und sei es den "Rätestaat" zu setzen?

Welche Kenntnisse hat man vom Aufbau einer neuen Gesellschaftsform, und unter welchen Umständen diese Möglich werden könnte! Ist etwa der Anarchist der gegen eine vergitterte Eingangstür vom Hamburger Gerichtsgebäude ein Molotow-Cocktail wirft. Bei einigermassen Verstand und Überlegung war das eine Kinderei die garkeinen Schaden anrichten konnte. Die Täter, drei an der Zahl, später gestellt und verhört, dann erklärten: "zu einer anarchistischen Gruppe zu gehören" und dann wieder entlassen wurden. Oder etwa jenes Bravourstück des Verfassers des Buches: "Von einem, der auszog, Geld zu verdienen"? Unsinnstaten, die mit Anarchismus nichts, aber auch im geringsten nichts zu tun haben. Betrübend aber das gerade diese Leute versuchten die jungen Anarchos auf Gewalt festzulegen!

Aber wenn auch solche mit Gewalt spielenden bei Demonstrationen glauben, irgendwie zu Gewalttaten provozieren zu müssen, dass noch als "anarchistisch" ansehen, - wenn die Presse in ihrer Überspanntheit, und nicht unbewußt, alle diese Taten als von "den Anarchisten" darstellt, besteht darin doch eine bestimmte Absicht. Und diese Absicht wird leider unbewußt aus den Reihen, denen es angeht, Nahrung verliehen, leider!

Jene, die hinter der Hetze stehen, wollen doch für den Bürger "eine neue Feindgruppe für finstere Zwecke konstruieren". Eine "Feindgruppe" um den Bürger gruseln zu machen. Erkennen denn das unsere geistig verwandten Freunde nicht? Warum geschieht denn "die Verteufelung des Anarchismus"? Weil die Grundgedanken des Anarchismus, wenn sie auch nur teilweise , von der Bevölkerung begriffen würden, dies eine Geisteswende bedeuten könnte. Eine Wende, die den bestehenden Allgemeinglauben: "das Volk sei der Staat“ abbruch täte. Diese Geisteswende zur Erkenntnis führe, dass "Staat" und "Volk" zweierlei ist.

Parteien versuchen immer wieder zu beweisen, dass das Volk der Staat sei. Doch bei jeder Gelegenheit kann man in den Zeitungen und Zeitschriften lesen, wie sehr Staat und Gesellschaft auseinander gehalten wird. Der Leser braucht nur richtig und überlegt zu lesen um das festzustellen. 

Man beobachte nur in Gerichtsprozessen - ob politische oder kriminelle. Hier kommt es deutlich zu Tage. Einmal hört man in den Plädoyers "man muß den Staat vor solchen Menschen schützen". Im anderen Falle aber kann man hören, dass eine Verurteilung im "Sicherheitsbedürfnisse der Gesellschaft" liege.

Es wird Aufgabe sein, aufzuzeigen wie im Punkto Staat und Gesellschaft die Establishment-Vertreter, Wirtschaft, Staat, Justiz, sich in der Verteidigung der Privilegien wiedersprechen.

Gewiß ist es verständlich, dass junge Menschen die "Neue Zeit" durch Revolution, eine politische Revolution, herbei zuführen und erleben möchten, eine neue, bessere Zeit! Und wir sollten und wollen ihnen die Ehrlichkeit nicht absprechen. Aber liebe, jungen Freunde, eine "politische Revolution" heute führt nicht zu dem, was ihr euch so sehnlich erwünscht. Das lernt uns doch die Vergangenheit. Und ist es etwa anders geworden? Saint-Just sprach vor dem Konvent am 31. Mai 1793 : "Die Kraft der Revolution liegt im Volk und nicht im Ansehen einiger Personen". Daran hat sich nichts geändert, und diese Tatsache ist heute, mehr denn je, Rechnung zu tragen. Es reicht eben nicht aus sich den Namen "Anarchistisches Aktionszentrum" udrgl. zu geben, um Furor zu erregen und Menschen zu gewinnen.

Der Anarchist - der Anarchismus will weder eine politische noch staatliche Macht. Er möchte soziale Gerechtigkeit und Freiheit für jeden erreichen. Dass eine wirtschaftliche Gewalt über die wirtschaftlich Schwächern abgestellt wird. Das aber ist durch eine von vornherein auf Gewalt basierende Revolution unerreichbar. Anstelle der "Verjagten" würden andere "Gleiche" gesetzt werden.

Die Ansicht der Anarchisten, möge sie von manchen noch so sehr ironisch als humanistische-pazifistische Schwärmerei abgetan werden, wir verfolgen ein Ziel: In den Augen der Umwelt nicht abstoßend, sondern anziehend zu wirken. Alles andere stützt das bestehende System, gibt der Staatsmaschinerie die Möglichkeit ihrer Daseinsberechtigung erst recht zu beweisen.

Es geht doch heute nur um eine humanistische soziale Reform. Darüber hinaus gilt es, für den humanistisch-freiheitlichen-sozialistischen-anarchistischen Gedanken im Volke Sympathie zu gewinnen.

O. R.

Informationen zum Autor

Originaltext: Zeitgeist Nr. 22, 1973 (15. Jg.). Digitalisiert von www.anarchismus.at


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