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Utopie auf der Burg Lutter – Ein generationenübergreifender Versuch

„Das ist kein Ofen, sondern eine beheizbare Raumplastik“, erklärt Martin in ironischem Tonfall. Wir befinden uns in einem urigen Multifunktionsraum mit bunt zusammengewürfelter Küchenzeile, einem selbst angefertigten, krude geformten Tisch, an dem zwei, drei Familien Platz haben würden, und der besagten Raumplastik. Der Ort: Lutter. Besser gesagt, ein Außenbezirk von Lutter, denn die Besitzer des Grundstücks, auf dem sich das Haus mit dem Raum befindet, will die Gemeinde auch jetzt noch in bürokratisch kontrollierbarer Distanz wissen. Warum Raumplastik? „Wenn du keine Lizenz zum Ofenbauen hast, dann darfst du deinen Ofen nicht Ofen nennen. Deswegen ist das eine beheizbare Raumplastik.“ Was es ist, ist eigentlich egal. Wir sitzen gemütlich in der von einem nichtgenannten Künstler geformten Sitzecke, die komplett aus hitzespeicherndem Material besteht und den gesamten Raum nach einmaligem Anheizen ganztags mit Wärme versorgt. Es ist kalt draußen, und wir wollen die Führung eigentlich gar nicht fortsetzen. Auch ohne sie versteht man recht schnell, was Lutter sein will und, in den Grenzen des Möglichen, ist.

Revolution auf der Ritterburg

Es beginnt im Jahr 1983 mit ein paar Schlafsäcken und dem einzigen Raum, dessen Dach noch weitestgehend dicht ist. Die Burg Lutter ist Ende der siebziger Jahre in schlechtem Zustand. Die Besitzer, ein paar Bauunternehmer, können die marode gewordenen Bauten nicht mehr halten und müssen an die Bank verkaufen. Für die Burg heißt das, dass entweder ein Investor gefunden wird oder das Grundstück neuen Zwecken zugeführt wird. Einige Alternative, anfangs vierzig Leute, sahen in der um die Tausend Jahre alten Burg einen Ort, an dem sie ihren Traum eines herrschaftsfreien Lebensraums realisieren konnten. Darunter war auch Kommunenveteran Uwe Kurzbein, der in einem Interview mit graswurzel.net die anfänglichen Schwierigkeiten betonte: In den ausgehenden siebziger Jahren ist es keineswegs selbstverständlich, eine anarchistische Kommune zu gründen und dies auch noch bewilligt zu bekommen.

Trotzdem kann die Gruppe 1980 die nötigen zehn Tausend Deutschmark für den Kostenvoranschlag zusammenkratzen. Der Rest sollte „abgestottert werden”, wie Martin zwischen zwei leger selbstgerollten Zigaretten erklärt. Als Rechtsform wird die GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) gewählt: Alle an dem Projekt beteiligten haben gleiche Rechte bezüglich der Nutzung, allerdings auch die Pflicht, das Projekt entsprechend zu fördern: In diesem Fall also die basisdemokratische Organisation des Lebens auf der Burg und die Erhaltung derselbigen. Oder kurz: Alles gehört allen.

Diese Beiträge äußern sich unter anderem also in dem Wiederaufbau der Burg, der mangels Geldmittel verständlicherweise nur langsam vonstattengehen konnte. Doch nach einigen Jahren sind die Dächer in traditioneller Bauweise repariert, einsturzgefährdete Bauten nachhaltig gesichert und das Leben auf dem Hof wieder vergleichsweise komfortabel. Inzwischen hat sich die Kommune auf der Burg Lutter darüber hinaus eine kleine, abgeschlossene Wirtschaft aufgebaut. Es finden sich eine Mosterei, Schreinerei, Werkstatt, Tagungshaus, Vollkornbackstube, Textildruckwerkstatt und ein Info-Laden, in dem neben selbstgedruckten T-Shirts auch einschlägige Literatur und Musik aus der Szene erhältlich ist. Die Erlöse werden für Reparaturen oder größere Anschaffungen ausgegeben, was allerdings von der Entscheidung des basisdemokratischen Plenums abhängig ist.

Dass sich der öffentliche Blickwinkel auf alternative Lebenskonzepte gewendet hat, zeigt sich am Erfolg der Läden, insbesondere der Mosterei. Bauern und Privatleute reisen aus größerem Umkreis an, um sich einen Flaschenvorrat aus dem eigenen Obst zu sichern. Lutter hat sich von der argwöhnisch beäugten Behausung für gefährliche Anarchisten zum respektierten Gemeindemitglied und Prestigepunkt gewandelt. Anarchie ist eben nicht das, wofür es der Volksmund hält.

Vom Eckigen ins Runde

Der Taxifahrer, der mich nachts zur Burg fährt, scheint mich schon einmal einstimmen zu wollen: Schwarzgelb-Mist hier, Atomkraftwerke da, da muss man doch was machen! „Denen da oben kannst du nicht trauen.“ Nachdem er erfährt, dass ich Student bin, kommen auch die Studiengebühren hinzu. Und dabei immer schön langsam fahren. Er darf als nächtliche Ersatzleistung nicht schneller sein, als der Bus.

Im Ortsinneren überlässt er mich meinem Schicksal, das anfangs schon beängstigend wirkt. Durch absolute Dunkelheit kämpfe ich den Weg zur Burg hinauf, vorsichtig, denn die Geräusche in den Büschen und die Schatten an den Burgmauern sind mir nicht geheuer. Auf dem Hof ist niemand zu sehen, es herrscht absolute Stille, aber nach einer erschreckenden Begegnung mit im Dunkeln herumlungernden Schafen schaffe ich es zum Ferienhaus und stoße zu den Osnabrücker Kunststudenten, die hier ihr Ersti-Wochenende verbringen.

Schnell fällt mir auf, dass der Begriff „Ferienhaus“ hier nicht unbedingt das bezeichnet, was man als service- und luxusverwöhnter Republikbürger gewohnt ist. Art déco oder Designermöbel sucht man vergeblich. Der Großteil des Inventars besteht aus Gespendetem oder anscheinend zu Unrecht Ausrangiertem. Der Urlauber, wenn diese Definition in Lutter noch gültig ist, ist sich selbst überlassen. Geheizt wird mit Holzöfen von anno dazumal, und wer nicht für genügend Nachschub sorgt, friert. Was Mutti und Vati wohl zur Abreise bewegen würde, ist für Studenten aber gerade richtig.

Nach einer dank des Ofens sehr angenehmen Nacht auf dem Sofa kann ich das Burggelände zum ersten Mal bei Licht inspizieren. Neben dem Haupthof, an dem sich Mosterei, Werkstätten, Tagungshaus, Turm und Ferienhaus befinden, gibt es den verwinkelten Hinterhof, mit Schafen, Schweinen und Garten. Alles ist bunt und bunt zusammengewürfelt. Aber trotz all der kleinen Attraktionen, die sich über die Jahre auf dem Hof angesammelt haben, ist das Verwunderlichste die Ruhe. Nachdem wir unseren Tatendrang mit einem Spaziergang durch den verwucherten Wald von Garten gestillt haben, fällt auf: Hier hat es keiner eilig. Jeder geht seiner Arbeit nach eigenem Gusto und in Übereinstimmung mit der Gemeinschaft nach, nichts wirkt forciert.

Selbst die Tiere tun einfach, was sie wollen. Schweine galoppieren über den Innenhof, während Hühner die sparsam herabscheinende Sonne genießen und gelegentlich den auf den Hof fahrenden Autos ausweichen. Der Blick auf die Uhr wird überflüssig, man fragt sich nicht mehr, was als Nächstes auf dem Plan steht. Und dann tun wir einfach etwas aus (fast) freien Stücken. Wir hacken uns das Holz für den Ofen selbst. Man könnte dafür auch einfach bezahlen, aber das fühlt sich nicht richtig an. Drei schweißtreibende Stunden später haben wir das Holzreservoir weitestgehend aufgefüllt und währenddessen drei Äxte und Sägen auseinandergenommen. Nun heißt es erst einmal Kraft tanken, denn abends steht noch eine Führung mit Kommunenbewohner Martin an.

Anarchie ist ein Wort

Bei der Führung wird schnell klar, dass sich Lutter zwar als anarchistisches Projekt versteht, aber nicht ideologieversessen ist. Das Wort Anarchie fällt bei der Führung nur dort, wo es unvermeidbar ist. Auch ehemaliges Mitglied und Mitgründer Uwe Kurzbein erklärte in seinem Interview zu den Ursprungsmotiven: „Dass das Anarchismus sein könnte, wusste ich damals noch nicht.“

Viele der Kommunarden waren mit dem kapitalistischen System schlicht unzufrieden, sie wollten auch ohne diejenige Autorität auskommen, die durch den Markt geschaffen wird. Für Martin hieß das zunächst, an einem autonomen Jugendzentrum mitzuwirken. Später entschied er sich für den Schritt in ein neues Leben auf der Burg Lutter. Freiheit von Hierarchie bedeutet jedoch nicht Abwesenheit von Regeln. Diese werden gemeinschaftlich nach dem Konsensprinzip beschlossen.

Dass das nicht immer reibungslos vonstattengehen kann, zeigt die Geschichte der Kommune. Waren es anfangs noch vierzig Gründungsmitglieder, schrumpfte die Zahl nach zwei Wintern auf fünf. In den folgenden Jahren fluktuierte die Zahl der festen Mitglieder ständig. Heute leben neun Erwachsene in der Kommune, Martin selbst ist seit zwanzig Jahren dabei. Das hierarchiefreie Leben lebt vom Diskurs der Mitglieder untereinander, was immer wieder dazu führt, dass die Pläne der Gesamtgruppe mit denen Einzelner aneinanderprallen. Selten trennt man sich im Streit, alles wird ausdiskutiert. Interessierte müssen aber ein Jahr auf der Burg leben, erst dann wird beiderseitig entschieden, ob sie in die GbR eingetragen werden.

Genau wegen dieses antiautoritären Prinzips lässt sich Anarchie nur schlecht vermitteln. Der große Konsens ist die Organisation ohne Hierarchie in kleinen Gemeinschaften. Keiner darf die Freiheit anderer einschränken. Jede Planung, die darüber hinausgeht, ist nicht genau festgelegt, anders als es bei anderen Systemen der Fall ist. Schnell entsteht da der Eindruck, Anarchie sei eine Partyphilosophie, die nur von Krawallmachern und Drogenjunkies vertreten wird. Das Gegenteil ist der Fall. Nach eigenen Angaben verschiedener Kommunarden ist der Drogenkonsum hier sogar geringer als in klassischen Lebensmodellen.

Absolute Selbstversorgung ist natürlich momentan kaum zu realisieren, weshalb auch die Lutteraner darauf angewiesen sind, in gewissen Grenzen mit ihrem Projekt Geld heranzuschaffen. Damit dieses nicht missbraucht werden kann, gibt es einen Safe, in dem das Geld für große Gemeinschaftsanschaffungen lagert. Kleine Beträge können so herausgenommen werden. Darüber hinaus ist Lutter im Netzwerk Kommuja organisiert und arbeitet bei Bedarf mit der GLS-Bank (Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken) zusammen, die ihren Fokus auf die Unterstützung von ökologischen und sozialen Projekten legt. Lohnarbeit und Sozialhilfe sind auf Lutter ein ungeschriebenes Tabu, das aber längst nicht für alle Kommunen gilt.

Raum für Experimente

Dass Lutter alternativ ist, kann man nicht übersehen. Jeder kann hier tun und lassen, was er will, solange es keinen anderen einschränkt. Speziesübergreifend. Auf dem Hof lebt ein über fünfzehn Jahre alter Truthahn, der sich zwischen Huhn und Hahn gut eingelebt hat. „Wissenschaftlich ist noch nicht klar, wie alt Truthähne werden können. Wir probieren das hier mal aus“, bemerkt Martin dazu.

Auch die Kommunarden selbst experimentieren hier mit ihren Fähigkeiten. Martin arbeitet daher nicht als gelernter Kaufmann, sondern in der T-Shirt-Druckerei. Ausbildungen haben hier nur außerhalb des Papiers einen Wert. Jeder bringt sich so ein, wie es seine Fähigkeiten erlauben und das Interesse diktiert. Das hat nicht nur dazu geführt, dass Lutter über eine umfangreiche Holz- und Metallwerkstatt verfügt. Auch Musik kann in einem mit der Zeit angeschafftem Raum gemacht werden. So hat hier das Rock Steady Orchestra ein Konzert aufgenommen. Gelegentlich machen die Kommunarden auch selbst Musik.

Ein größeres Projekt auf dem Hof war ein alternatives Entwässerungssystem durch Erdkanäle, das laut Martins Aussage ökologischer funktioniere, als die herkömmliche Entwässerung. Vor der Fertigstellung wurde dem Projekt jedoch vom Gesetzgeber Einhalt geboten.

Lutter gilt als Vorzeigekommune in alternativen Kreisen. Deswegen finden auf dem Gelände schon seit zwanzig Jahren regelmäßig Veranstaltungen statt. Jährlich etwa das Burgfest, zu dem die gesamte Gemeinde Lutter eingeladen ist. Auch politisch motivierte Treffen finden regelmäßig statt, auf denen sich diejenigen vernetzen können, die an alternativen Lebensweisen interessiert sind. So etwa das herrschaftskritische Sommercamp wer-lebt-mit-wem im letzten und diesem Jahr oder das DA-Camp (Direct-Action-Camp).

Der Status Lutters ist aber durchaus nicht unumstritten. So wird von verschiedenen Seiten kritisiert, dass das anfangs eingebrachte Geld beim Austritt aus der Kommune unverändert wieder ausgezahlt wird. Wer arm war, bleibe also arm. Auch ein Vorfall (Link: http://de.indymedia.org/2003/04/49069.shtml) aus dem Jahr 2003, als die Lutteraner den in der Szene als V-Mann verschrieenen Jörg B. während des DA-Camps mehr oder weniger gewaltsam vom Hof entfernten, sorgte bei einigen für Bedenken. Es ist klar, dass Utopie, auch eine anarchistische, ein Ideal bleibt. Menschen haben Ecken und Kanten, eine Reibung an der Realität lässt sich nicht vermeiden.

Vom Runden ins Eckige

Nahezu ohne Übergangszeit stellt sich ein Gefühl der Schrankenfreiheit ein, insbesondere am zweiten Tag. Die Alltagssorgen werden auf der Burg Lutter vergessen. Das hört sich nach Urlaubsbroschüre an und ist doch völlig anders. Erst am Morgen kurz vor der Abreise kommt die Erkenntnis, dass die Welt da draußen immer noch da ist. Nachdem wir unser Quartier gereinigt haben, flanieren wir, wie in den drei Tagen schon so oft, ziellos über den Hof und sehen den Hühnern beim Entspannen zu.

Die Uhr am Handgelenk gewinnt wieder an Substanz. Mir klingen Martins Worte von der Führung noch im Ohr: „Bald gibt es neue Richtlinien, wegen des Feinstaubs. Unsere Raumplastiken lassen sich kaum aufrüsten. Dann kann es sein, dass sie verboten werden.“ Für ihn ist das kein Umweltschutz, sondern Standardisierung. Ein Ofen ist ein Ofen ist ein Ofen. Es ist 14.00 Uhr, so langsam müssen wir aber los. Wir pressen unser Hab und Gut in den Kofferraum und fahren ab. Landstraße. Autobahnauffahrt. Autobahn. Autobahnabfahrt. Osnabrück. Wohnung. Zimmer. Schlafen.

Montag.

Homepage der Kommune: http://www.burg-lutter.de

Malte Heckelen

Originaltext: http://www.netz-betrieb.de