Drucken

Organisationsfeindliche Anarchisten auf der Reise (1926)

Tja, Debatten über "Lebensweltanarchismus" und "organisierten Anarchismus" gab es schon vor 100 Jahren ;-).

In den letzten Wochen kamen eine ganze Reihe junger Leute durch unsere Stadt, darunter auch vier Holländer. Sie kamen größtenteils von dem antimilitaristischen Jugendtreffen in Holland. Unter ihnen befand sich kein einziger, welcher bei einer syndikalistischen Organisation Mitglied gewesen wäre. Nach ihrer Angabe wollten sie nach Wien zum internationalen antimilitaristischen Kongreß. Eine ganz schöne Sache. Man könnte sich freuen über die Hingabe und Opferbereitschaft dieser jungen Menschen für den Antimilitarismus. Sie hätten in den Gebieten, die sie durchwanderten, nach Möglichkeit und so viel in ihren Kräften steht, antimilitaristische Propaganda treiben können.

Aber die Sache hat einen Haken: Sie wollten per Bahn fahren auf Kosten der Ortsgruppen der Freien Arbeiter-Union. Dabei hatten sie keinen einzigen Ausweis bei sich, der sie irgendwie legitimiert hätte. Mit Ausnahme eines Schreibens der Ortsgruppe Köln, in dem diese uns ersuchten, diesen jungen Leuten nach Mannheim weiterzuhelfen. Dieser Wunsch ist aber für uns nicht maßgebend.

Sie erklärten, organisationslose Anarchisten zu sein. Besitzen aber die Frechheit, die Organisation für ihren persönlichen Zweck zu benutzen. Zu diesem Zweck erkennt man also die Organisation an. Lehne ich eine Organisation ab, so darf ich sie auch niemals in Anspruch nehmen. Das ist doch logisch.

Wer anders handelt, hat nie etwas von der Gedankenwelt des Anarchismus oder Syndikalismus begriffen. Nach unseren persönlichen Erfahrungen mit diesen sogenannten Individualisten muß man sie nach ihrer Moral und ihren Handlungen sehr kritisch beurteilen. Das beste, was sie haben, ist ihr Schnabel; dieser wird jedoch nur gegen Klassengenossen gebraucht. Kommt aber irgendeine Autorität der Gesellschaft, und mag sie noch so klein sein, so fährt ihr ganzer Mannesmut zum Hintern hinaus.

Man betrachtet die Freie Arbeiter-Union als eine Milchkuh für eine besondere Sorte von „Anarchismus". Eine andere Daseinsberechtigung hat sie für diese Kreise überhaupt nicht. Wir machen hiermit bekannt, daß wir unsere einsehenden Mittel nur für Kampf- und Propagandazwecke benutzen und jede andere Benutzung ganz entschieden als gegen den Zweck unserer Organisation gerichtet ablehnen müssen.

Im Auftrage der Ortsgruppe Wiesbaden: August Jung

Aus: Der Syndikalist, 8. Jahrgang, Nr. 32, Berlin 7. August 1926. Digitalisiert von  der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.