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Rebellische Orte - Sigismundstr. 6, Leipzig. Anna Goetze (FAUD)

Anfang 1935 lebten etwa 20 in Deutschland geborene Anarchosyndikalisten in Barcelona. Die meisten von ihnen organisierten sich in der Gruppe DAS – Deutsche Anarchosyndikalisten. Bei ihnen auch Karl Brauner, der bei der Herausgabe ihrer Zeitschrift „ Die Internationale“ als Lithograph mitarbeitete. Wenige Jahre zuvor war er Mitglied der FAUD. Durch seine Freundin Irma Goetze war er oft in der Sigismundstr. 6 in Leipzig, der Zentrale des späteren anarchosyndikalistischen Widerstandes. Dort beeindruckte den damals 19jährigen Anna Goetze, die Mutter von Irma. Für Karl Brauner waren vor allem die „offenen Gespräche über Sexualität und Emanzipation“ ungewöhnlich und imponierend.

Die Buchbinderin Anna Goetze war bis 1917 bei der SPD. Zu Ende des Krieges und dem Beginn der Novemberrevolution 1918 gehörte sie dann dem neugegründeten „Spartakusbund“ mit Rosa Luxemburg an. Nach deren Ermordung und der Umwandlung des „Spartakusbund“ in die „KPD“ trat Anna Goetz, wie andere ehemalige Sozialdemokraten, der FAUD bei, die sich 1919  gegründet hatte.

Auch wenn die Mitwirkung der FAUD beim Ruhraufstand 1920 eine wichtige Rolle spielte, konnte sie sich als sozialrevolutionäre Gewerkschaft nie richtig durchsetzen. Und doch entstanden durch ihre Aktivitäten eine Reihe kultureller Organisationen, wie Genossenschaftsprojekte, Frauenbünde, freie Schulen und freie Kindergruppen. Mit dabei auch Irma und Ferdinand „Nante“ Goetze, während Waldemar, das dritte Kind von Anna, sich inzwischen der KPD angeschlossen hatte.

Mit der „Syndikalist“ erschien bis 1932 eine eigene Wochenzeitung.

Den heranwachsenden Faschismus glaubte die FAUD durch eine Einheitsfront der Arbeiterklasse entschieden begegnen zu können. Ein erhoffter und von ihnen propagierter Generalstreik fand jedoch nicht statt.

Am 9. Mai 1933 wird das Büro der FAUD in Berlin-Friedrichshain durch die Gestapo gestürmt, Hunderte der FAUD gehen in den Widerstand, Anna Goetze bildet in der Sigismundstrasse eine der logistischen Keimzellen. 1937 wird sie mit  vielen anderen festgenommen, die meisten von ihnen kommen in die KZs.

In einem Bericht der Gestapo heißt es: „Bei den Festgenommenen handelt es sich samt und sonders um überzeugte Anhänger der anarchosyndikalistischen Bewegung, die in ihre Ideen derart verrannt sind, dass sie kaum noch zu brauchbaren Mitgliedern der deutschen Volksgemeinschaft erzogen werden können.“

Anna, im April 1938 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, wird anschließend ins KZ Ravensbrück gebracht, wo sie ihre Tochter Irma wieder trifft.

Das KZ Ravensbrück war im brandenburgischen Templin (Uckermark) und galt als das größte Frauenkonzentrationslager Deutschlands. Als Anna Goetze nach Ravensbrück kommt, befanden sich dort etwa 10000 Frauen, aufgeteilt in 16 Baracken.

1942 gingen die ersten Transporte von vornehmlich jüdischen Frauen in die Tötungsanstalten von Auschwitz und Bernburg. Die anderen Frauen wurden in den Fertigungshallen der Fa. Siemens und Halske für die Rüstungsindustrie eingesetzt. Juli/ August begannen die SS-Ärzte mit den medizinischen Versuchen an den Frauen, anfangs vornehmlich den Frauen aus Polen.

Anfang 1945 waren in Ravensbrück mit seinen Außenanlagen 46.000 weibliche und 7.800 männliche Gefangene registriert. Einige Wochen später kamen noch 11.000 aus anderen, geräumten KZs dazu, die „arbeitsunfähigen“ Frauen wurden daraufhin „aus Platzgründen“ ermordet.

Die Räumung des KZ Ravensbrück wurde zu einem der berüchtigten „Todesmärsche“. Ziel dieser Märsche war es vor allem, die bis dahin Überlebenden zu ermorden. Ein anderes Ziel, eher zweitrangig, war die Arbeitskraft der Frauen an anderen Orten weiter ausbeuten zu können.

„Es ging nur durch diesen Wald und immer dieser Alarm nachts – und das Geknalle. Aber unterwegs, die SS hatten ja alle noch ihre Gewehre und Pistolen dabei, sind viele gestorben, die nicht mehr konnten, die wurden dann einfach in den Graben geschmissen, erschossen und weg…. Wir sind am frühen Nachmittag aus dem Lager durch Ravensbrück durch über die Strasse in den Wald.

Es war April und daher relativ früh dunkel geworden. Wir wurden daraufhin durch die SS genötigt, in einer Senke zu campieren. Aber den Dreck habe ich nicht lange mitgemacht, ich bin dann in der ersten Nacht mit noch anderen Mädchen und Frauen davon gelaufen und wir haben uns erfolgreich versteckt…“

In den Wirren der Tieffliegerangriffe und weiterer Kampfhandlungen konnten auch Anna Goetze und ihre Tochter Irma entkommen.

Anna Goetze starb 1958 im Alter von 58 Jahren .

Originaltext: http://digitalresist.blogspot.co.at/2013/06/rebellische-orte-sigismundstr6-anna_19.html