Max Baginski - Was will der Syndikalismus? (1920)

Zum sozialen Grundgedanken 

Aus der Sintflut von Theorien und Reformvorschlägen zur Arbeiterfrage ist es notwendig, die Einfachheit des gestellten Problems zu retten.

Die Arbeiterfrage ist die Frage des modernen denkenden Proletariers nach dem Verbleib der Früchte seiner Arbeit, nach seinem Menschenrecht, nach seiner Freiheit, Unabhängigkeit.

Er gelangt unter der Lohnarbeit nicht dazu, Mensch sein zu dürfen, er ist "Hand", Werkzeug zur Erzeugung von Wohlstand, Reichtümern für andere.

Er hat in der heutigen Gesellschaft, welcher die ökonomisch privilegierten, parasitären, sozialen Schichten den Stempel ihres "Rechts" und ihrer "Moral" aufdrücken, weder ein Recht auf Arbeit, noch ein Recht auf Existenz. Er wird "eingestellt", wie eine Maschine, wenn es den Wucherern mit seiner Arbeitskraft als lohnend erscheint, und abgelegt, wie ein Werkzeug in die Ecke gestellt wird, für das "augenblicklich keine Verwendung" vorhanden ist. Kein Quentchen sozialer Gerechtigkeit für ihn.

Er mag sich an den Staat wenden, an die Justiz, er wird nur billige Politikerphrasen, hohle Paragraphen zur Antwort erhalten, und, wenn er sich damit nicht beruhigen will, die rohe Büttelfaust zu spüren bekommen.

Das Leben des Arbeiters ist armselig, unsicher, unfrei. Er gibt der Gesellschaft Reichtum und empfängt dafür von Generation zu Generation sich hinschleppendes Elend. Er gibt ihr die Kulturmittel und wird von dem Genüssen der Kulturverfeinerung ausgeschlossen. Er verschafft den nichtproduzierenden Schichten Luxus und Muße für die Bildung, Wissensansammlung; ihm selbst werden nur Abfälle gereicht.

Die zu seiner Düpierung in Szene gesetzte Proklamierung der politischen "Freiheit und Gleichheit" trifft ihn daher nur wie eine Verhöhnung. Tausendfach wird ihm Gelegenheit, zu beobachten, am eigenen Leibe zu spüren, wie diese "Freiheit und Gleichheit" nur Kulissensarrangement ist, hinter welchem die soziale, wirtschaftliche Despotie sich verschanzt hat, um desto unauffälliger brandschatzen zu können.

Diese Situation muß das Proletariat in die Position des Rebellen drängen. Das geschieht am Anfang mehr instinktiv, später mehr und mehr bewußt.

Das Proletariat lernt aus seinen täglichen Kämpfen, daß es immer auf sich selbst, seine eigene Kraft, Solidarität, zurückgeworfen wird. Wo immer es kleine Verbesserungen seiner Lage durchsetzt, geschieht das infolge eigenen direkten Eingreifens und Kämpfens. Im Verhältnis zur Stärke seiner Einigkeit, seiner revolutionären Einsicht, seiner Initiative und Solidarität stellt sich seine Lage dar; denn die Ausbeuterschaft gibt nur das an Zugeständnissen heraus, was ihr mittels proletarischer Machtentfaltung abgerungen wird. Das Ziel dieser Machtentfaltung kann aber nicht sein, in den täglichen Streitfällen um geringe Lohnerhöhungen, Verkürzung der Stunden der Arbeitsknechtschaft usw. steckenzubleiben.

Das Ziel der Arbeiterbewegung ist der Sturz der Lohnarbeit, die Enteignung der privilegierten Diebe und mammonistischen Raubverbände, welche die Erde und die Früchte der Arbeit an sich reißen zur ungeheuren Selbstbereicherung und damit zur Verarmung, Verkrüppelung, Schändung der Volksmassen hinführen. An die Stelle dieses Raubwesens tritt die Organisierung der Produktion durch freie Verbände der Arbeiter.

Die Mission der Gewerkschaften ist nicht erfüllt mit den Kämpfen innerhalb des Unheilkreises der Lohnarbeit; ihre historische Bedeutung liegt vielmehr darin, daß sie das Proletariat revolutionieren, mit Solidarität, Energie erfüllen und es so dahin bringen, die Ketten der Lohnarbeit und mit diesen gleichzeitig die Fesseln der Staatsknechtschaft zu brechen.

Gewerkschaften, die von diesem Geist nicht erfüllt sind, die, gleich dem Tier auf der dürren Heide, nur innerhalb des Zirkels der bestehenden räuberischen Wirtschafts- und Staatsordnung ihr Wesen treiben, bezeichnen wir als tote Gewerkschaften. Als lebendige Arbeiterorganisationen jene (unter dem Banner des revolutionären Syndikalismus kämpfend), in welchen die Klärung so weit sich vollzogen hat, daß unmittelbar die Frage gestellt wird: Wie sprengen wir den Elendskreis der Lohnarbeit? Und wie bekämpfen und siegen wir über jene Büttelschaften, wie Justiz, Militarismus, Pfaffenschaft, deren Gewalt über die Leiber und Geister den Babylonsturm der sozialen Tyrannei mit Festungsgräben und Wällen umgibt?

Bei dieser Klarheit angelangt, nimmt der gewerkschaftliche Kampf revolutionäre, direkte Formen an.

Die verwirrenden Seitensprünge hören auf. Die vagen Hoffnungen auf Hilfe von seiten des Staates, der Parlamente, der politischen Parteien, so schädlich für die Entfaltung der eigenen proletarischen Kraft, werden begraben, wie sie es verdienen. Überwundene Kinderkrankheiten der Arbeiterbewegung!

Kontrakte mit dem Unternehmertum, Schiedsgerichte, Zentralismus, Gewerkschaftsbureaukratie werden als Hemmungen und Hindernisse empfunden, die den Sieg des Proletariats über die materiell und intellektuell verfaulte alte Welt des Hungerzwanges und der Staatsbüttelei aufhalten, in graue Ferne rücken.

So weit die ökonomische Macht des Proletariats reicht, so weit reicht sein Anteil am Leben, an der Kultur. Nicht was dem Arbeiter gnädigst gegeben wird, nein, was er sich nehmen kann, darauf kommt es an.

Die erste Aufgabe der lebendigen Arbeiterorganisation ist es, den Arbeiter sich davon überzeugen zu lassen, daß er mit seiner Kameradschaft die Macht zur Gestaltung der sozialen, ökonomischen Zustände in der Hand hält.

Die syndikalistische Auffassung  

Seit einigen Jahren liest man von einer neuen Richtung in der Arbeiterbewegung der romanischen Länder, Frankreich, Italien, Spanien. Diese neue Richtung nennt sich Syndikalismus, eine Ableitung von dem französischen Worte "syndicat", das Gewerkverein bedeutet. Doch was darüber aus den Zeitungen zu erfahren ist, genügt nicht, sich ein Bild von der Idee und der Taktik der Syndikalisten zu machen. Gewöhnlich wird nur kurz von Verurteilungen syndikalistischer oder antimilitaristischer Agitatoren zu Gefängnisstrafen berichtet, woraus dann der Philister den Schluß ziehen mag, daß die neue Bewegung einen sehr gefährlichen Charakter haben müsse.

Das Gefährliche des Syndikalismus für die bürgerliche Gesellschaft, für ihren Polizei- und Militärstaat, wird von den europäischen und amerikanischen Preßorganen der Geldmächte und Regierungen mit Recht darin erblickt, daß sich seine Propaganda, seine Kämpfe bewußt nicht nur gegen die bekannten "Mißstände in unserem Beruf" richten, sondern gegen die kapitalistischen und staatlichen Institutionen überhaupt.

"Dieser Streik", rief ein Abgeordneter in der französischen Deputiertenkammer aus, "ist ein Kampf gegen das parlamentarische Regime".

In der Tat, der Sieg der Syndikalisten würde die Beseitigung des betrügerischen parlamentarischen Regimes, der politischen Maskerade des korrupten Vertretungssystems bedeuten. Die Funktion der Ausbeuterschaft, der in ihrem Dienst stehenden Regierung, die Anrichtung von Blutbädern unter den Arbeitern, um sie der Gier des Unternehmertums gefügig zu machen, das alles fände mit dem Sieg der Syndikalisten ein schmutziges Waterloo.

Der Organisierung der Produktion durch die Arbeiter selbst stünde nichts mehr im Wege; die Liquidierung des kapitalistischen Staates, an welcher der parlamentarische Sozialismus so vergeblich und irreführend gearbeitet hat, könnte zur Tatsache werden. 

Das ist es, was der Mastbourgeoisie und ihren Preßhusaren am Syndikalismus gefährlich ist und ihnen "zu denken gibt".

Der Syndikalismus führt seinen Kampf nach zwei Seiten hin, gegen den Kapitalismus vor allem und gegen dessen Institutionen der Gewalt, also gegen Staat, Militarismus, Justiz, wobei übrigens auch die Kirche als eine Mitverschworene der Geldmacht nicht mit Glacehandschuhen angefaßt wird. In zweiter Linie aber richtet sich die syndikalistische Phalanx gegen das politische und gewerkschaftliche Advokatenwesen innnerhalb der Arbeiterbewegung selbst, oder, konventioneller ausgedrückt, gegen das politische und gewerkschaftliche Beamtensystem.

Gegen den parlamentarischen Sozialismus, wie ihn die Sozialdemokratie propagiert, erhebt der Syndikalismus den Vorwurf, daß er vorgibt, mit den politischen Mitteln der Bourgeoisie deren soziale und ökonomische Herrschaft stürzen zu können. Das ist ein Trugschluß. Die Politik der Parlamente ist auf die Bedürfnisse der bürgerlichen, der kapitalistischen Welt zugeschnitten, sie verwalten diese Welt und bewilligen die zu ihrem Weiterbestehen notwendigen Gewaltmittel: Soldaten, Polizei, Gerichtshöfe. Wer als ein Vertreter der Arbeiter ins Parlament oder in die Regierung einzieht, sieht sich vor die Alternative gestellt, entweder bloßer Statist zu sein oder bei der Verwaltung und Sicherstellung der auf der Ausbeutung der Arbeit errichteten Staatsordnung mitzuhelfen.

Darum, sagen die Syndikalisten, leiten der Parlamentarismus, die politische Aktion, immer wieder in den Sumpf der Ausbeutung und des politischen Strebertums zurück. Was aber das Schlimmste ist, sie erregen in den Arbeitern ganz falsche Hoffnungen und verkehrte Vorstellungen in bezug auf ihre Befreiung aus den Fesseln der kapitalistischen Knechtschaft; denn sie verlegen den Schwerpunkt des Kampfes um diese Befreiung nach außen, in die politischen Institutionen und machen so den von der Sozialdemokratie selbst so oft zitierten Satz: "Die Befreiung der Arbeiter muß das Werk der Arbeiter selbst sein", zu einem Kindergespött.

Proudhon bedauerte es nach den Pariser Aufständen des Jahres 1848, daß er als Abgeordneter in den Parlamentskommissionen nutzlos die Zeit vertrödelt habe, die besser zur Aufklärung und Agitation unter dem Volke selbst hätte verwendet werden können.

Domela Nieuwenhuis wurde seinerzeit zum Abgeordneten für die holländische Kammer gewählt; aber es dauerte nicht lange, bis er erklärte, ein Revolutionär und freier Sozialist habe im Parlament nichts zu schaffen, er gehöre der direkten Propaganda an, die sich unmittelbar an den Verstand, das Gefühl der ausgebeuteten Volksschichten wendet.

Hier kann im Zusammenhang auch noch die bekannte Äußerung Liebknechts eine Stelle finden, obwohl Liebknecht später als Abgeordneter sich "besser entwickelte" und "bedeutend klüger wurde". Vor Berliner Arbeitern sprach Liebknecht in seiner vorparlamentarischen Zeit folgendes: "Wer dem Volke Hoffnung macht, sich durch Wählen in die Parlamente befreien zu können, ist einfach ein Verräter an der Sache des Volkes. Der einzige Weg für das Volk, sich von dem schmachvollen Joch zu befreien, ist die gewaltsame Zerstörung des bestehenden Raubsystems und die Vertilgung der herrschenden und habsüchtigen Parasiten."

Der Vertretungsschwindel degradiert das Proletariat, weist ihm die Rolle des geduldig und passiv wartenden Klienten zu, der zum Spielball, Versuchskaninchen in den Händen der Advokaten wird. Weswegen denn auch die Advokaten die Volksvertreter par excellence sind.

Auch für die Gewerkschaftsbewegung verwirft der Syndikalismus das Vermitteln und Repräsentieren, er propagiert die eigene Tatkraft, eigene direkte Aktion durch das Proletariat selbst. Im Generalstreik vereinigen sich diese Aktionen zu der das ganze Proletariat umspannenden solidarischen Tat.

Für die Passivität und Gleichgültigkeit der Arbeitermassen machen die syndikalistischen Wortführer den Aberglauben haftbar, daß dem Proletariat Hilfe und Rettung gebracht werden könne durch Kompromisse mit den herrschenden Institutionen und Klassen.

In Konsequenz dieser Auffassung sind die Syndikalisten Gegner der Unterstützungskassen, Versicherungsgesellschaften. Das Proletariat kann damit nur die Verlängerung und die größere Dauerhaftigkeit seiner Knechtschaft und seines Elends "versichern".

Desgleichen muß im Abschließen von Lohntarifen und Kontrakten mit dem Unternehmertum eine Verwässerung, ja eine totale Aufhebung des proletarischen Kampfes um bessere Lebensbedingungen und weiterhin um die endgültige Emanzipation erblickt werden.

Ein Kontrakt, den die Gewerkschaft mit den Unternehmern auf ein oder mehrere Jahre abschließt, legt die Gewerkschaft für die betreffende Zeit in ihrer Agitation lahm, macht sie also inaktiv, zu einer toten Körperschaft, die sogar darauf kontraktlich verzichtet, eine etwa eintretende günstige Konjunkur für die Besserstellung der Arbeiterschaft auszunutzen.

Dazu wird die Tatsache der kapitalistischen Ausbeutung durch einen Kontrakt als zu Recht bestehend anerkannt, legalisiert. Der Arbeiter erhält eine völlig falsche Vorstellung von dem Verhältnis, das zwischen ihm und dem Kapitalisten besteht.

Da der Kontrakt auf juristischer Basis abgeschlossen wird, so erscheinen die Kontrahenten, Arbeiter und Unternehmer, Ausgebeutete und Ausbeuter, fälschlich als frei und gleichberechtigt. Das ist der Betrug der Jurisprudenz der Gesetze überhaupt, daß sie durch eine paragraphierte Rabulistik eine papierene, nur dem Schein nach bestehende "Rechtsgleichheit" schaffen, wo doch die tiefen sozialen und ökonomischen Abgründe, die zwischen den Besitzenden und Besitzlosen liegen, jeder wirklichen Gleichheit offenen Hohn sprechen.

Der Arbeiter ist nicht frei und gleichberechtigt beim Abschluß von Kontrakten mit dem Kapitalisten. Er lebt kärglich vom Verkauf seiner Arbeit, diese bildet die einzige Möglichkeit für seine Existenz. Würde er unter der Ökonomie von heute seinem Verstand und Gefühl frei folgen, die ihm sagen, daß Kapital und Staat ihm den besten Teil seiner Arbeitsleistung wegnehmen, so müßte er jede Arbeit verweigern.

Ein Mensch, der seinen Lebensunterhalt nur durch den Verkauf seiner Arbeit erringen kann, was fast gleichbedeutend ist mit dem Verkauf seiner Persönlichkeit, ist niemals frei. Er ist ein Diener, ein Leidender unter einer falschen Ökonomie, die ihm Gewalt antut, wie eine absolute Despotie ihre Untertanen mittels Gewalt niederhält. Der Proletarier ist ebensowenig frei, wie ein Mensch, dem ein Räuber eine Pistole auf die Brust setzt und dabei zu ihm sagt: "Du kannst Leben oder Tod wählen, aber wenn du das Leben wählst, dann mußt du mir alles ausliefern, was du bei dir hast."

Der Syndikalismus verschwendet keine Zeit damit, einen "gemeinsamen Rechtsboden" für Kapital und Arbeit zu finden; er proklamiert die Unversöhnlichkeit der beiden und damit die Berechtigung und Notwendigkeit der proletarischen Rebellion gegen alle Institutionen, welche der Herrschaft des Kapitals als Stütze dienen. Wollen die Arbeiter frei werden, wollen sie nicht länger demütig die Erfolge ihrer Arbeit an die oberen Schichten abliefern, so müssen sie das Kapital mit ihren eigenen revolutionären Machtmitteln bekämpfen. Und dieser Kampf, mit Ausdauer, Raffinement, Kriegslist, Opfermut geführt, ohne Rücksicht auf die herrschenden Moralbegriffe, wird auf ökonomischem Felde, in der Fabrik, im Kontor, bei der Beackerung des Bodens, beim Einbringen der Ernte ausgefochten.

Die syndikalistische Taktik unterscheidet sich radikal von der Methode der plumpen großen Gewerkschaftskörperschaften dadurch, daß sie die Arbeiter selbst zu den Kämpfern und Akteuren im eigenen Befreiungskämpfe erhebt. Sie gibt den Proletariern ihren Persönlichkeitswert wieder.

Max Stimer schrieb schon vor der Achtundvierziger Revolutionsbewegung: "Die Arbeiter haben die ungeheuerste Macht in den Händen, und wenn sie ihr einmal recht inne würden und sie gebrauchten, so widerstünde ihnen nichts; sie dürfen nur die Arbeit einstellen und das Gearbeitete als das Ihrige ansehen und genießen. Der Staat beruht auf der Sklaverei der Arbeit. Wird die Arbeit frei, so ist der Staat verloren."

Paßt ausgezeichnet zum Motto für die syndikalistische Taktik der direkten Aktion, des Generalstreiks, der Expropriation.

Nieder mit dem schleichenden Vermittlertum zwischen Kapital und Arbeit!

Dieses Vermittlerwesen, durchtränkt mit gleisnerischer Diplomatie, mit Jesuitismus, das von Kompromissen und Verrat lebt, ist zu einer Institution mit besonderen Interessen geworden. Und diese Interessen decken sich nicht mit denen des Proletariats.

Es stellt auf wirtschaftlichem Gebiet das dar, was die Parlamentarier, die Mitglieder der Kommissionen, der Legislaturen und Regierungen auf dem politischen Gebiet darstellen - es ist eine Täuschung des arbeitenden Volkes über die Ursachen seines Elends und über die Mittel zu seiner Befreiung.

Wie die Legislaturen und Regierungen immer die Sackgassen waren, in die sich die Sehnsucht der Arbeiter nach einer besseren Gestaltung ihres Loses hoffnungslos verrannte, so ist auch das gewerkschaftliche Vermittlungssystem ein totes Gewicht für den Fortschritt der Arbeiterbewegung zur selbständigen Aktion.

Wo der Vertretungss und Ausgleichsbetrug die erste Geige spielt, da ist die Gefahr vorhanden, daß jeder größere proletarische Vorstoß, jede Streikbewegung schon in ihren Anfängen verkrüppelt, im Keim erdrückt und erstickt wird.

So mancher Streik mag schon mit Hilfe dieser Vermittlungsauguren, deren Tätigkeit immer hinter den Kulissen liegt, den Arbeitern befohlen worden sein, der den Kapitalisten und nicht den Arbeitern Vorteil und Profit eintrug.

Es ist leicht zu verstehen, daß die Plutokraten lieber das "Martyrium" einer solchen "Streikgefahr" auf sich nehmen, von der sie wissen, daß sie nicht ernst ist, elend im Sande verlaufen wird, als daß sie selbst mit dem Lockout (1) vorgehen. So können sie leichter die "öffentliche Meinung" oder vielmehr den öffentlichen Stumpfsinn für ihre Zwecke kapern.

Der revolutionäre Syndikalismus ruft den Arbeiter in eigener Person vor die Front: er will ihn nicht länger die Rolle des willenlosen Objektes spielen lassen, über dessen "richtige Behandlung" die Wortführer der ausbeutenden Klassen und die "Arbeiterführer" lange Auseinandersetzungen haben; er will aus ihm einen selbstbewußten, selbsthandelnden Menschen machen.

Die Syndikalisten deckten das Einfältige, Unhaltbare der Ansicht auf, die Gewerkschaften könnten mit dem Inhalt ihrer Kassen das Unternehmertum besiegen. Was wollen im Ernstfalle die einige tausend, oder auch die paar hunderttausend Mark bedeuten, die sich die Arbeiter in Form von Beiträgen an die Gewerkschaften vom Munde absparen! Gegen die riesigen, wenn es darauf ankommt, fast unbegrenzten Geldmittel des Kapitals in die Wagschale geworfen, bedeuten die Summen in den Gewerkschaftskassen eine bemitleidenswerte Geringfügigkeit, ein Hohn auf einen ernsthaften finanziellen Kampf.

Diese Kassen haben aber außer ihrer ökonomischen Ohnmacht auch noch die schädliche Tendenz, daß sie innerhalb der Arbeiterschaft selbst eine Spaltung hervorrufen. Sie teilen die Arbeiter in "gutstehende Mitglieder konservativer Gewerkschaften" und in lumpenproletarische Unorganisierte, um deren Schicksal sich die Organisationen nicht kümmern, die kurzerhand in Bausch und Bogen über Bord geworfen werden, was sich dann bei größeren Streiks auf das bitterste rächt, weil die von der Organisation vernachlässigten, mit Verachtung beladenen Arbeiterschichten nun auch ihrerseits keine Solidarität zeigen und den Unternehmern die Streikbrecher liefern.

Die Mitgliedschaft zur Gewerkschaft wird als ein Zunftprivilegium betrachtet und nicht als ein freier Solidaritätsakt. Anstatt allen Arbeitern den Eintritt in die Organisation so leicht wie möglich zu machen, werden sie ferngehalten, durch den gewerkschaftlichen Bureaukratismus werden sie angeekelt und verfallen dem Indifferentismus, der Apathie ihren eigenen Angelegenheiten gegenüber. Die Menge der Mitglieder verliert jede Kraft zur Initiative.

Das ist es, was mit Recht als tote Gewerkschaft bezeichnet wird.

Was die konservativen Gewerkschaften mit ihren vielberufenen "gutgefüllten Kassen" ausrichten können, kann man an dem Beispiel der englischen Trade Unions sehen, die den Arbeitern aller Länder als Muster zur Nachahmung warm empfohlen werden. Die Gewerkschaften Englands repräsentieren die Arbeiteraristokratie und haben sehr wenig Gemeinschaft mit dem "Lumpenproletariat" und der "Kanaille". Dafür ist ihre Erziehung der Arbeitermassen zum solidarischen Empfinden und Handeln auch nicht weit her.

Während der großen Streiks der Dockarbeiter und Seeleute in belgischen, französischen, deutschen Hafenplätzen lieferte England, das Land der ältesten, konservativsten, reichsten Gewerkschaften, den internationalen Schiffahrtsgesellschaften die meisten Streikbrecher.

Es ist eben dieselbe Gewerkschaftstendenz, abstoßend nach unten und kompromißlerisch nach oben, der es zu verdanken ist, daß die großen Streiks in den verschiedenen Ländern durch die letzten Jahre hindurch miserable Karikaturen und Parodien auf jeden ernsthaften ökonomischen Kampf waren.

Die Leiter der konservativen und daher für den Befreiungskampf toten Gewerkschaften fließen über vor Ehrfurcht und Respekt vor Gesetz und Ordnung, vor dem Ausbeutungsprivilegium und dem "wohlerworbenen Eigentum" der Kapitalisten. Sie rufen den Arbeitern bis zur Heiserkeit den "gesetzlichen Weg" ins Gedächtnis, den sie beileibe nicht verlassen dürften.

Die Richtung dieses Weges aber bestimmen die Besitzenden, die Ausbeuter vermittels ihrer Auguren in den politischem und juristischen Bordellen, die Regierungskabinette, Parlamente, Gerichtshöfe genannt werden.

Der gesetzliche Weg führt unvermeidlich wieder unter die Autokratie der Geldmacht, unter die Hungerpeitsche der Profitmacher zurück, und wenn die Menschenherde ewig auf ihm fortbüffeln will, so soll sie sich auch nicht darüber wundern, daß sie sich stets unter der Obhut von Treibern, Hunden und Fleischern findet.

Jenseits des gesetzlichen Weges, jenseits von Kapitalismus und Staat liegt die Befreiung des Proletariats.

Die konservativen, in Prinzip und Taktik abgestorbenen Gewerkschaften können nicht als Mittel zur Besserstellung der Arbeiter in Betracht kommen, sie müssen als Mittel zur Sicherung und Verlängerung der Herrschaft der besitzenden und ausbeutenden Geseilschaftsschichten angesehen werden. Sie sind das Präventivmittel des Kapitalismus und seines Staates gegen die proletarische soziale Revolution, die nach syndikalistischer Meinung der Schlußakt der Generalstreikkämpfe sein wird.

Der Geist des Syndikalismus verkörpert sich nicht in leblosen Statuten, nicht in Zwangsparagraphen, die zu ihrer Ausführung einen zentralistischen Apparat brauchen; er kommt zum Ausdruck im Föderativverband, der von den Mitgliedern nicht Untertänigkeit verlangt, sondern Verständnis, Initiative, Solidarität an Stelle des Kommandos und gewerkschaftlichen Mußsoldatentums setzen will.

Wenn vom revolutionären Gewerkschaftsgeist beseelte Arbeiter zum Beispiel den Achtstundentag haben wollen, wenden sie sich nicht mit berüchtigter Hintertreppendiplomatik an korrupte Politiker, die im Dienst der Geldmachte stehen. Sie stellen selbst ihren Mann, arbeiten acht Stunden, legen dann einmütig das Werkzeug hin und verlassen die Arbeitsstätte.

Solche direkte Aktion bringt auch unmittelbare, direkte Wirkung auf den Gegner hervor. Da gibt es keinen diplomatischen Betrug mehr, keine oberflächlichen Schönredereien, kein Ausverkaufen einer nur allzu vertrauensvollen Arbeiterschaft. Der Kampf findet von Front zu Front statt mit offenem Visier.

Allerdings würden damit auch die gemütlichen Bankette, Toaste, Friedens- und Harmoniepauken in Fortfall kommen, bei welchen Plutokraten und Gewerkschaftsleiter geruhsam über die Verteilung des Felles der Arbeiterschaft zu beraten pflegen.

Auch mit Wahlschacher und sonstigem Kuhhandel wäre dann nicht mehr viel Staat zu machen.

Um die eigene Kraft des Proletariats so wirksam und so weitreichend wie nur möglich zu machen, muß mit dem zünftigen, korporativen Prinzip in der Gewerkschaftsbewegung gebrochen werden. Der Syndikalismus pflegt nicht den speziellen Branchengeist der Schlosser oder Maurer, was zur Engherzigkeit und zum kleinlichen Berufsegoismus führen würde, er lehrt, daß alle Arbeiter, welcher Branche, welcher Nation, Rasse oder Geschlecht sie auch angehören mögen, in gleicher Weise unter der Ausbeutung und Despotie zu leiden haben, und daraus zieht er den Schluß, daß der gemeinsame Kampf, die Solidarität der Arbeit im weitesten internationalen Sinne die natürliche Konsequenz der proletarischen Propaganda ist.

Diese Phalanxen mögen sich national und international mit anderen proletarischen Armeen verbinden und über den städtischen, nationalen zum internationalen Generalstreik gelangen, der sich nicht mehr allein gegen die Gier des Einzelunternehmers, sondern gegen die kapitalistische Gesellschaft richtet.  

Kampfmittel des Syndikalismus

Das Feld, auf welchem die Schlachten gegen die herrschende Ökonomie geschlagen werden, ist weder in der Theorie noch auch in der Praxis fest, unabänderlich begrenzt. Wer das Gegenteil behauptet, stempelt damit die Arbeiterbewegung zu einer Orthodoxie, die nicht fähig wäre, neue Betrachtungsweisen und Kampfmittel in sich aufzunehmen.

Doch aus den Brandungen, Wogen des Kampfes, erhebt sich im Laufe der Zeit mit ihren gewonnenen und verlorenen Gefechten ein starker Gedanke, der wie eine Naturgewalt unmittelbare Wirkung auf die Köpfe und Gemüter übt.

Diese Wirkung ist in der Arbeiterbewegung der letzten fünfzehn Jahre dem Generalstreik zuzuschreiben.

Es ist nicht das erstemal, daß er drohend in Sturm- und Flammenzeichen dem bösen Gewissen der alten sterbenden Welt erscheint. Die direkte Anwendung seiner ökonomischen Machtmittel wurde dem Proletariat schon von dem bakunistischen Flügel der Internationale empfohlen.

Zum großen Schaden der internationalen Bewegung siegte die politische Phrase. Sie hat unter Führung der pseudomarxistischen Richtung die Bewegung länger als ein Menschenalter hindurch gelähmt.

Diese Sachlage beginnen die Arbeiter zu begreifen, und dabei besinnen sie eich auf ihre eigene unüberwindliche Stärke.

Der gegenwärtige Wirtschaftsapparat ist ein äußerst komplizierter. Wenn früher in einer Stadt die Schneider oder Schuhmacher in den Streik traten, so machte das geringen Eindruck auf das Wirtschaftsleben, wenn aber jetzt nur die Fuhrleute der Lieferungswagen in einer größeren Stadt streiken, so kann das zur allgemeinen, sich über den ganzen Distrikt, ja über das ganze Land erstreckenden Kalamität, zu Profitverlusten für Händler, Unternehmer von Millionen Mark führen.

Ein Generalstreik der Eisenbahner oder Seeleute in nur ein paar Hafenplätzen in Europa und Amerika könnte einen großen Teil des Welthandels und Weltverkehrs lahmlegen, könnte den Zusammenbruch von Handelshäusern und Banken im Gefolge haben. Bis in die höchsten Regionen des Großhandels und bis hinunter zu dem kleinsten Gewürzladen würden sich seine Konsequenzen zerstörend fühlbar machen.

Auf die Propaganda unter den Verkehrsarbeitern für den Generalstreik legen denn auch die Syndikalisten mit Recht das höchste Gewicht.

Der Generalstreik zerstört in seiner praktischen Anwendung die Lüge, daß die Kapitalisten die Herren der Industrie sind; vom ersten Tage des Generalstreiks an wird es klar, daß die bestimmende Kraft im Wirtschaftsleben die Arbeit ist.

Dieses Kampfmittel des Syndikalismus ist von tiefster zersetzender Wirkung auf die bestehende Raubordnung und gleichzeitig von höchster agitatorischer Werbekraft.

Plutokraten und durch sie manche Richter möchten mit dem Schwert des Gesetzes den Sympathiestreik ermorden. Sehr begreiflich, denn der Sympathiestreik wird in weiterer Konsequenz zum von ihnen gefürchteten Generalstreik.

Dieser ist, wenn auch nur propagandistisch betrachtet, die tiefgreifendste wirtschaftliche Demonstration gegen die Ausbeutung, gegen die Enteignung der Volksmassen durch wenige reiche Individuen, Korporationen und Monopole.

Aber er ist mehr, wird mehr, je reifer die Arbeiter für seine Anwendung werden.

Mit dem Generalstreik kann das Proletariat die Bourgeoisie mitsamt ihrer Ordnung aushungern. Es wird Leute geben, die hier einwenden wollen: Ja, aber das Proletariat wird früher vom Hunger überwältigt werden wie die besitzende Klasse.

Das ist ein schwaches Argument. Die kapitalistische Ökonomie hat eine ihr entsprechende kapitalistische Moral erzeugt. Auch der Generalstreik hat seine eigene Moral, und deren erster Paragraph lautet: Das arbeitende Volk hat das Gebrauchsrecht für jene Produkte, die es selbst durch eigene Anstrengung hervorgebracht hat.

Die kommende ökonomische Revolution, deren Einleitung der Generalstreik sein muß, wird die Sättigung der Kinder, Frauen und Männer des Volkes als notwendig erachten, aber sie wird keinen Pfifferling um die Heiligkeit des Eigentums der reichen gesetzlichen Diebe geben.

Die gegenwärtigen Machthaber in der Ökonomie sind gewalttätige Usurpatoren. Sie haben keinen anderen Besitztitel auf den Ertrag der Arbeit von Millionen Industriesklaven als den des Hungers, mit welchem sie gegen die Arbeitenden operieren, und den der Staatsgewalt, mit der sie jeden Widerstand von unten zu Boden schlagen.

Ihre Entthronung wird die größte soziale Wohltat sein; die Expropriation ihres Raubbesitzes die Vorbedingung allgemeiner und industrieller Befreiung.

Allerdings, Produktion, Distribution, Verteilung, Verbrauch sollen nach dem siegreichen Generalstreik fortgesetzt werden, ohne den Unternehmer, den modernen Sklavenhalter! Ein ungeheuerlicher Gedanke! Der bescheidene Proletarier kriegt eine Gänsehaut, wie der hirnschwache Glaubenspinsel eine bekommt, wenn er sich den sogenannten Weltschöpfer und Erhalter als ausgestrichen aus dem Weltplan vorstellt.

Der glaubt in seiner heiligen Einfalt, die Welt müsse von jenseits der Wolken aus regiert werden. Ähnlich der Proletarier, der kein Vertrauen in die eigene soziale Gestaltungskraft hat. Ihm wird es unsäglich schwer, sich eine Wirtschaftsorganisation vorzustellen, die nicht von den Bureaus und Banken aus autoritär geleitet wird, in welchen die Milliardenprofite gebucht und zur Verteilung an die Nurparasiten aufgehäuft werden, die Profite, welche ihm selbst aus den Knochen gepreßt wurden.

Das Verständnis für die Möglichkeit, ja für die Notwendigkeit der Expropriation, der Überführung der Produktion und der Verkehrsmittel in die Hände der Arbeitenden, wird von der syndikalistischen Agitation sorgfältig gepflegt. Ist es doch nicht allein eine Vorbedingung für den Sturz der alten Institutionen, sondern auch die Voraussetzung und Garantie für die solide Etablierung der freien menschlichen Genossenschaft.

Was nennenswertes in den letzten Jahren errungen worden ist, wurde hauptsächlich mit Hilfe des Generalstreiks durchgesetzt.

Daß der Generalstreik die wirksamste Waffe ist, behaupten nicht nur die Syndikalisten. Selbst die parlamentarischen Sozialisten, die ihn mit bornierter Geringschätzung zu behandeln pflegten, versuchen ihn zum Dienst für ihre politischen Scheinaktionen zu degradieren. Sie möchten ihrem blutlosen Wahlhumbug gern mit seiner Hilfe ein bißchen pulsierendes Blut zuführen, doch schrumpft die Begeisterung für ihre Patentheilmittel merklich zusammen.

Die Zeit der politischen Reformen und Revolutionen neigt sich dem Ende zu. Die höchsten Sprossen der politischen Möglichkeiten sind erreicht. In den Republiken, den demokratischen Staaten bleibt den Nurpolitikern fast nichts mehr zu wünschen übrig. Das Volk schwelgt ordentlich in politischen "Rechten und Freiheiten", und doch ächzt es unter der ökonomischen Geißel, darbt, zittert in Knechtschaft und Existenzunsicherheit. Das bereitet den Boden für die revolutionäre wirtschaftliche Aktion.

In einer gewerkschaftlichen Broschüre, die schon vor nahezu dreißig Jahren geschrieben wurde, sagte der Verfasser Paul Kampfmeyer: "Alle Massenhandlungen, welche sich gegen die wirtschaftlichen Fundamente der bürgerlichen Gesellschaft, gegen das heutige System von privatwirtschaftlichen Ausbeutungsrechten und Verbindlichkeiten richten, sind geradezu totbringend für die bürgerliche Gesellschaft. Und ein organisiertes, vom revolutionären Geist erfülltes Proletariat kann zahlreiche Stützen dieses Systems durch massenhafte, einheitliche Verweigerung bestimmter gesellschaftlicher Verbindlichkeiten zum Schwanken bringen. In den Emanzipationskämpfen der französischen Bauern vor und während der großen Revolution spielte diese Verweigerung der privaten und staatlichen Verbindlichkeiten (der Zinsen, Feudallasten, Pachten, Steuern) eine sehr große Rolle".

Freilich, die ökonomische Macht zur Beherrschung und Leitung der Produktion fällt den Arbeitern nicht ohne ihr Zutun in den Schoß (in stiller Ergebung in das Fatum der wirtschaftlichen Entwicklung), nein, sie muß von ihnen mit Ausdauer und Kraft selbst erkämpft werden. Die Arbeiter träumen sich zu leicht in den Gedanken hinein, daß eines Tages die "soziale Revolution" gleichsam wie eine überirdische Gottheit zur Erde herabsteigen wird, um alle Wunden mit einmal zu heilen und alle Tränen mit einmal zu stillen. O nein! Die Sonne, die heute noch bei ihrem Untergange auf gefesselte Sklaven herabblickte, wird nicht morgen bei ihrem Aufgange auf freie Menschen niederschauen. Die Arbeiter haben sich durch eigene Kraft zu selbstdenkenden, selbsthandelnden Menschen zu erziehen, sie haben sich zu dem großen Berufe der Verwaltung und Leitung der Produktion heranzubilden.

Wie die Schönheit des politischen Frosch=Mäusekrieges verblaßt, mager und schäbig wird, wird auch schon an manchen Stellen im sozialdemokratischen Lager scharf empfunden.

Die "Leipziger Volkszeitung" schrieb in einem Artikel über den revolution nären Syndikalismus: "Der Syndikalismus hat eine größere Aufmerksamkeit gefunden, als einer bloß nationalen Abart der Arbeiterbewegung sonst zukommen würde. Das liegt in den Zeitverhältnissen, in der Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Es kann nicht bezweifelt werden, daß die parlamentarische Periode in dem Befreiungskämpfe des Proletariats ihren Höhepunkt überschritten hat. Diese Periode war die Zeit, in der unter der unbestrittenen Herrschaft der Bourgeoisie im Staate zugleich mit dem sich riesig entwickelnden Kapitalismus auch die Arbeiterklasse zu einer großen revolutionären Macht emporwuchs. In dem Maße, wie dieser Erfolg sich einstellt, in dem Maße verliert das Mittel selbst seine Bedeutung; je mehr die Macht wächst, um so mehr tritt die Frage des Endkampfes, der Überwindung des Kapitalismus in den Vordergrund. Bei diesem Endkampf haben nicht die parlamentarischen Kampfesmittel, das Wählen und Reden, die meiste Bedeutung, sondern die Aktionen der Massen selbst. Die Massenorganisationen der Arbeiterklasse bilden aber die Gewerkschaften."

Und worin besteht im syndikalistischen Sinne, deren Aufgabe? In der Förderung und Stählung des revolutionären Willens des Proletariats. 

Einer Besprechung des Syndikalismus von Professor Werner Sombart wurden die folgenden Sätze entnommen: "Es gilt (den Syndikalisten) vor allem, alles zu fördern, was dem Proletariat seinen unversöhnlichen Gegensatz zur bürgerlichen Welt immer wieder zum Bewußtsein bringt, was seinen Haß gegen diese Welt und ihre Träger nähert und auch von neuem schürt. Da erscheint nun aber in der Gegenwart als das geeignetste Mittel, jene Zwecke zu erfüllen: der Streik. In ihm bricht jedesmal von neuem der Antagonismus zwischen Proletariat und Bourgeoisie hervor; in ihm wird jedesmal der Haß von neuem lebendig. Er entfaltet aber auch die Eigenschaften im Proletariat, die dieses braucht, um die soziale Revolution zu vollbringen und die neue Gesellschaft aufzubauen: Solidarität, Opfermut, Begeisterung, Elan. Freilich darf dann der Streik nicht eine wohlerwogene Geschäftstransaktion sein, sondern muß spontan aus den Entschlüssen der aufgereizten Massen hervorbrechen; darf nicht ermöglicht werden durch die Verwendung sorgsam aufgesparter Beiträge, sondern muß beruhen ausschließlich auf der Fähigkeit, Entbehrungen zu ertragen, und auf der Opferwilligkeit anderer Arbeitergruppen, die nun erst freiwillig herbeieilen, um die Streikenden zu unterstützen.

Ist jeder Streik dieser Art ein Mittel, die revolutionäre Leidenschaft neu zu beleben, so in ganz hervorragendem Maße der Generalstreik - die grève générale. Denn in ihm ist jeder Gedanke an engherzige, korporativistische Erfolgs- und Geschäftspolitik ausgelöscht: das Proletariat als Klasse erscheint auf dem Plane, und die Schlachtordnung ist nicht mehr die einer einzelnen Arbeiterschaft gegen einen, einzelnen Unternehmer, sondern Klasse gegen Klasse. Jeder Generalstreik nimmt somit gleichsam die letzte große Entscheidungsschlacht vorweg: ist eine Art von Feldmanöver. Denn offenbar: die Form, in der schließlich einmal die Überführung der Produktionsmittel aus dem Besitze der Unternehmerklasse erfolgen wird, wird der allgemeine Generalstreik sein. (Gleichsam eine trockene Barrikade.) Ja - dem Generalstreik wird von den Syndikalisten eine so große Bedeutung für die soziale Revolution beigemessen, daß man in ihm schlechthin das Symbol erblickt.

Wahrscheinlich wird sich nun bei dem Versuche des Proletariats, sich in den Besitz der Produktionsmittel zu setzen, der Staat als Vertreter der kapitalistischen Interessen hindernd in den Weg stellen. Um also den Übergang in die neue Gesellschaft möglichst glatt zu vollziehen, wird man beizeiten dafür Sorge tragen müssen, daß die alte Staatsmaschine demoliert werde. Alles, was dazu beitragen kann, ist willkommen. Da aber der kapitalistische Staat vor allem auf der Armee ruht, so gilt es in erster Linie, deren Macht zu brechen. Dazu dient die antimilitaristische Propaganda. Der Antimilitarismus steht also in einem besonders engen und organischen Zusammenhange mit dem Syndikalismus."

Die antimilitaristische Agitation in Verbindung mit der ökonomischen Aktion bezeichnet den Punkt, wo das Proletariat der Neuzeit weit über die früheren politischen Revolutionsbewegungen hinausschreitet.

Daß es vor allem notwendig ist, die eigentlichen Machtmittel des zu stürzenden Systems brachzulegen, zu zerstören, fiel den politischen Revolutionären früherer Perioden womöglich gar nicht, oder doch erst viel zu spät ein.

Sie begannen gewöhnlich mit emphatischen Menschenrechtserklärungen, vergaßen aber dabei, daß solche schönen Dinge "droben hangen bleiben unveräußerlich", sich nicht auf die leidenden Menschen herabzulassen geruhen, wenn diese nicht Sorge dafür tragen, daß das alte fortzuschaffende Unrecht seiner Waffen und Stützbalken beraubt wird.

Die Syndikalisten beginnen schon jetzt mit der Propaganda gegen den Militarismus und seinen Kadavergehorsam, damit die kommende Massenerhebung das furchtbarste Machtmittel der Plutokratie und des Gewaltstaates in einem möglichst zweifelhaften, zerbröckelnden, geschwächten Zustand antrifft.

Die Entstehung des modernen Ausbeuterstaates ist ja - wenn wir die Vergangenheit durchforschen - darauf zurückzuführen, daß eine Klasse gewalttätig "Eigentum" an sich riß und sich als Obrigkeit, Staat konstituierte, um dieses Eigentum wiederum mit Gewalt zu beschützen, es für unantastbar für die Eigentumslosen zu erklären.

Der Staat verdankt seine Existenz der Beraubung der Vielen durch die Wenigen. Die Besitzenden, bei weitem in der Minorität, konnten nicht daran denken, ihr Raubprivilegium allein mit Logik zu verteidigen, sie mußten darauf bedacht sein, es gegen die Menge der Enteigneten mit Gewalt aufrechtzuerhalten. So brauchten sie eine Regierung, Polizei, Militär. Mit der Besiegung, Beseitigung dieser Institutionen, muß jede Volkserhebung rechnen, die den Sturz der alten sozialen Ungerechtigkeit herbeiführen will.

Im Gegensatz zu den trügerischen Praktiken der "Volksvertreter", der Vermittler aller Art zwischen Arbeit und Plutokratie, propagiert der Syndikalismus individuelle Initiative.

Nicht das Grab soll die Gewerkschaft für die Persönlichkeit des Mitgliedes sein, die Organisation soll vielmehr das Mittel zur Erhöhung der in ihr enthaltenen individuellen Energien abgeben.

Emile Pouget, einer der besten Interpreten der syndikalistischen Idee, bemerkt in einer Erläuterung des Organisationsprinzips: "Gewiß ist es gut, daß einer seinen regelmäßigen Beitrag entrichtet, aber das ist erst der kleinste Teil der Verpflichtungen, welche der überzeugte Kämpfer sich selbst und folglich auch der Gewerkschaft gegenüber zu erfüllen hat. Er soll vielmehr zur Überzeugung kommen, daß die Hauptstärke der Gewerkschaft weniger aus der vollen Kasse hervorgeht, als daraus, daß die Kraft der einzelnen durch die Organisation gestärkt und vervielfältigt wird. Die Individuen sind die Elementarkräfte, aus denen die Gewerkschaft errichtet wird. ..."

"In einer Gewerkschaft, die richtig funktioniert, kommt die Persönlichkeit des Gewerkschafters jederzeit zur Geltung. Ja, nicht nur, daß seine Unabhängigkeit vollständig gewahrt bleibt, sie kommt sogar einzig in dieser Umgebung zu ihrer vollen Entfaltung. Zweifellos ist es möglich, daß in gewissen heutigen Organisationen diese volle Entfaltung des Einzellebens nicht erreicht wird. Aber diese Entwicklungshemmung darf niemals für irgendeinen Arbeiter, welches immer seine Gesinnung sei, als zureichender Grund betrachtet werden, der ihn vom Eintritt in die Gewerkschaft abhält. Im Gegenteil. Die, denen die Unvollkommenheit der Berufsorganisation zum Bewußtsein kommt, haben die Pflicht, für die organische Entwicklung in ihrem Beruf zu wirken. Die Gewerkschaft ist ein lebendes Gebilde; sie ist die jederzeit veränderliche Schöpfung der Individualitäten, die sie bilden, und sie formt sich je nach der Geistesrichtung ihrer Anhänger. Den selbständigen Arbeitern erwächst darum die Aufgabe, sie nicht zum Stillstand kommen zu lassen und zu verhindern, daß sie verknöchert, was also in der syndikalistischen Terminologie mit direkter Aktion bezeichnet wird, wenn die betreffende Handlung die Summe der in der Organisation verkörperten individuellen Intelligenz und Willenstätigkeit ist."

Daraus ergibt sich die Parole: Fort mit dem gewerkschaftlichen Mußsoldatenwesen, das doch nur immer eine Bleikugel für jede lebendige, frische Aktion sein wird. Und fort auch mit dem plumpen, unpraktischen Zentralapparat, der jede freie, starke Entschließung auf den Kampfplätzen selbst unwirksam macht oder tötet.

Ein Streik, Boykott, Lockout, passive Resistenz, in diesem Sinne geführt, werden nie ihre tiefe Wirkung verfehlen. Selbst wenn die Erfolge anfangs nur propagandistisch sein sollten, so bilden diese doch schon für die Zukunft eine Garantie, daß die weiteren Kämpfe endlich auch den wirklichen materiellen Sieg bringen werden.

Über die Vorteile der freien Initiative und sofortige Aktion schrieb der eben erwähnte Agitator des Syndikalismus nach dem Blutbad, das Clemenceau von seinen Kriegsknechten im August 1908 unter Pariser Arbeitern anrichten ließ, die den streikenden Brüdern eines Vorortes mit einem Ausflug ein Zeichen ihrer Solidarität bringen wollten: "Es wäre zu wünschen gewesen, daß sofort nach dem Arbeitermord von Dravail, ganz aus eigenem Entschluß ohne auf irgendein Signal zu warten, die Arbeiter die Arbeit niedergelegt hätten. Das große Unrecht ist, immer zu sehr auf irgendeine Zentralleitung zu blicken und von ihr die Order zu erwarten. Dieser bedauernswerte Zustand erzeugt bei denen, die in demselben verharren, einen Aberglauben, der vom revolutionären Standpunkt aus das Allergefährlichste ist, was es gibt. Anstatt selbst zu handeln, erwartet man einen Wink von oben (...) und die günstige Gelegenheit geht vorüber. Nachdem ist es sehr bequem, gegen die unverständliche Untätigkeit zu donnern. Wäre es nicht besser, seine Selbständigkeit zu beweisen und zu handeln, ohne zu warten?

Wir haben in Italien ein Beispiel davon gesehen. Zu mehreren Malen in diesen letzten Jahren haben die Arbeiter von Mailand, Turin und Rom aus eigenem Antrieb die Arbeit niedergelegt, um dadurch die Angriffe zu rächen, welche die Arbeiterklassen getroffen hatten. Und der plötzliche, selbständige Entschluß dieser Bewegungen wurde nur von ihrer Einmütigkeit übertroffen. So hatten z.B. in Mailand nicht nur die Fabrikarbeiter ihre Tretmühle verlassen, sondern die Straßenbahnen blieben stehen, die Zeitungen erschienen nicht, die Wäscherinnen und Näherinnen verließen ihre Werkstätten, die Läden wurden zugesperrt, die Eisenbahnzüge wurden an der Abfahrt verhindert. Und gab es, um diese herrliche Massenbewegung einzuleiten, eine Order von einer Zentrale oder von irgendeinem Komitee? Keineswegs! Im Laufe des Streiks der Gasarbeiter von Mailand geschah der Angriff der Gendarmen auf das Volk zwischen 12 und 1 Uhr mittags, und von 3 Uhr nachmittag an war alle Arbeit in der Stadt vollkommen eingestellt.

Es ist die Fähigkeit zu diesem plötzlichen, selbständigen, mutigen Handeln, die wir uns noch nicht genügend zu eigen machen! Wir sind zu sehr geneigt, die Sorge, zu handeln, unseren Komitees zu überlassen - und dann auf sie zu schimpfen, wenn wir selbst nicht viel geleistet haben. Wir müssen handeln! Wir müssen diese Vorurteile der staatlichen und zentralen Autoritätsanbetung abschütteln, die uns bei jeder Gelegenheit lähmen."

Gewiß, der Schauplatz der Kämpfe ist oft Hunderte von Meilen von der wundertätigen Zentralleitung entfernt; ehe sie in ihrer holprigen bureaukratischen Manier zu einer Entscheidung gelangt, auf Grund von Mitteilungen über Dinge, die von den Arbeitern am Ort doch viel besser im Zusammenhang durchschaut und beurteilt werden können, kann sich die Situation schon wieder völlig verändert haben. Und hat sich auch meistens verändert, so daß zwischen ihr und den zu spät gefaßten Beschlüssen ein böses Mißverhältnis entsteht, das die kämpfenden Arbeiter enttäuscht und unlustig zur weiteren energischen Fortführung der Kampagne macht.

Solche tote gewerkschaftliche Zentralleitungen - die allerdings weniger eine Leitung als ein Ballast sind - haben eine fatale Ähnlichkeit mit der himmlischen Vorsehung. Der wird auch zum Lobe ihrer Allwissenheit nachgesagt, sie habe alle Haare auf dem Kopf sorgfältig gezählt. Aber das Ausraufen und den Ausfall der Haare kann sie nie verhindern.

Es sollte nur einmal eine Gewerkschaft in Breslau oder Düsseldorf das Zentralbureau der Generalkommission in Bewegung setzen wollen für einen sofortigen Streikkampf. Die Verlegenheitspause! Welche Zumutung! So ein Bureau will ja nicht das Selbsthandeln der Arbeiter fördern und beschleunigen, es fühlt diesen gegenüber mehr wie ein Nachtwächter, der aufzupassen hat, daß Leichtsinn und Übermut nicht über die Stränge schlagen. Schließlich würde die betreffende Gewerkschaft, welche des naiven Glaubens war, das Zentralbureau habe den Zweck, die Energie des proletarischen Angriffs zu verstärken, die gemessene bureaukratische Antwort erhalten, es müßten natürlich erst "eingehende Untersuchungen" stattfinden, denen dann so nach und nach die verzögernden, hinschleppenden Verhandlungen folgen können. Moment und Gelegenheit wären gründlich verpaßt. Die Herzhaftigkeit des Entschlusses der Arbeiter am Kampfplatz selbst, ihr Enthusiasmus, ihre Opferwilligkeit wären im Schneckengang des Verfahrens verlorengegangen.

Die Ursache, daß die meisten Kämpfe der Arbeiterschaft unter dem Zepter des gewerkschaftlichen Bureaukratismus einen müden, matten Verlauf nehmen, leicht zu Niederlagen für die Arbeiter, zu Triumphen für die Unternehmer werden, ist diese angewöhnte Abhängigkeit von den "Führern", die oft kein anderes Interesse mit der Arbeiterschaft verknüpft, als das, ihre Position aufrechtzuerhalten.

Es ist die ursprüngliche, elementare Kraft des Proletariats, die der Syndikalismus von Staub und Ballast reinigen will. Jene Kraft, die den ersten Kämpfen des Proletariats in der plutokratischen Ära den Charakter von revolutionären Erhebungen gab, die im Marsch der Streiker in Zolas "Germinal" die Herzen der Bourgeoisie erzittern läßt.

Die lebendige Gewerkschaft ist in erster Linie eine Kampforganisation. Sie darf die täglichen Kämpfe mit dem Unternehmertum nicht für gering achten, "weil die Zukunft doch alles bringen wird." Jeden Vorfall, der sich erringen läßt, kann sie als siegreiche Plänkelei betrachten.

Dem Unternehmertum sollte kein Pfennig, keine Minute geschenkt werden. Wie das Proletariat dem Gegner die Erfüllung von Forderungen abtrotzen, seine Waffen zum Teil unwirksam machen kann, so wird es den Gegner ganz werfen, sobald es nach eigener Erkenntnis selbst zu handeln gelernt hat.

Dann werden es die Arbeiterorganisationen sein, denen die Aufgabe zufällt, die Produktion zu organisieren ohne Herren und Knechte, die Distribution (2) auf kommunistischer Basis in die Wege zu leiten.

Auch die Zukunft "bringt nicht alles", wenn ihr nicht mit Bewußtsein vorgearbeitet und damit Charakter und Inhalt gegeben wird. Das Proletariat hat die Jahrhunderte hindurch Geschichte mit sich als Objekt machen lassen von seinen Ausbeutern. Dabei ist es sehr schlecht gefahren. Sein Reifwerden aber läßt es zum erkennenden Subjekt werden, das selbst Geschichte macht.

Pouget faßt die Funktionen der lebendigen Gewerkschaft in dieser Weise zusammen:

"1. Dem Ausbeuter beständig die Spitze bieten; ihn zwingen, die errungenen Verbesserungen anzuerkennen; jeden Versuch zum Rückschritt zurückzuweisen; ferner auch anzustreben, daß die Ausbeutung gemildert wird durch Forderung teilweiser Verbesserungen, wie Verkürzung der Arbeitszeit, Lohnerhöhung, Schutz der Gesundheit usw. - Diese Neuerungen, mögen sie sich auch nur auf Einzelheiten beziehen, tun nichtsdestoweniger den kapitalistischen Vorrechten wirksamen Abbruch und schränken sie ein.

2. Die Gewerkschaft ist bestrebt, eine immer weiter reichende Solidarität der Arbeiter vorzubereiten, um es in kürzester Zeit zu ermöglichen, daß die Kapitalisten expropriiert, ihres Privateigentums wieder beraubt werden; denn diese Aktion allein kann als Ausgangspunkt für eine vollständige Umbildung der Gesellschaft dienen. Erst nach dieser berechtigten Herstellung gerechter sozialer Zustände kann jede Möglichkeit des Schmarotzertums vernichtet werden. Erst dann, wenn keiner mehr genötigt sein wird, im Dienste eines anderen zu arbeiten, wenn die Lohnarbeit vollständig aufgehoben ist, erfüllt die Produktion wieder ihren sozialen Zweck, den sie ursprünglich hatte; erst wenn das Wirtschaftsleben wirklich ein Zusammenwirken sich ergänzender Kräfte ist, wird nicht nur alle Ausbeutung verschwinden, sondern sie wird auch für die Zukunft unmöglich sein.

So erscheint die Lösung der sozialen Frage von dem Standpunkt des Gewerkschafters mit einer derartigen Klarheit und Schärfe, daß sie sich auch dem am wenigsten Scharfsichtigen einfach aufdrängt: Die Berufsorganisation zieht, ohne daß ein Mißverständnis möglich wäre, die Grenzlinie zwischen Lohnarbeiter und Fabrikant. Sie zeigt die Gesellschaft so, wie sie ist: Hier die Arbeiter, die Bestohlenen, dort die Ausbeuter, die Diebe!"

Mit dieser Einsicht in die empörenden sozialen Gegensätze verbindet sich die Mißachtung vor den Gesetzen dieser Gesellschaft, das heißt vor ihren Gewaltmitteln, die im Dienst der Besitzenden angewendet werden.

Die Verteidiger des Bestehenden mögen für dessen Begründung und Schutz so viele Beglaubigungsgründe, Gesetzesparagsaphen, Flinten und Säbelspitzen vorbringen, wie sie wollen. Sie können über die unerhörte Tatsache nicht hinweg, daß diese Ordnung einem Teil der Menschen weniger bietet, wie die Wüste den wilden Tieren. Für diesen Teil kann das Wort Zivilisation nur die Bedeutung eines harten Spottes haben, ihm können alle die Großtaten der Kultur gestohlen werden, denn sie spiegeln nur sein unsägliches Elend wieder.

Dessen Wirkung auf die unter ihm sich windenden Männer, Frauen, Kinder, ist in der Tat empörender, wie der Gedanke an den Wilden, der im Urwald darbt. Da gibt es keine Märkte, Speicher, Magazine, Läden, vollgestopft mit Lebensmitteln, mit Kleidern, mit Gerätschaften der Bequemlichkeit, mit den Erzeugnissen des raffinierten Luxus. Es sind da keine leerstehenden Häuser und Paläste, die den vor Müdigkeit wankenden Menschen furchtbar wegen seiner Verlassenheit zu verhöhnen scheinen.

Ist es nicht entsetzlich, daß es schon ein "Gemeinplatz" ist, davon zu reden, daß jener Teil der Menschheit darbt, nichts hat, das Haupt hinzulegen! Dieser Einsicht haben sich Leute nicht verschließen können, die weit von den Lagerfeuern der Revolutionäre wohnten.

Wenn gewisse Schichten der Gesellschaft für sich allein Lebensrecht und Lebensgenuß monopolisieren und diesem Monopol den Namen Gesetzlichkeit und Moral geben, so ist es ein Recht der unter diesem Zustand Leidenden, sich um diese Gesetzlichkeit und Moral nicht zu kümmern, ihnen das ganz anders geartete und besser begründete Recht der Darbenden auf Brot und Existenz entgegenzusetzen.

Die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung im syndikalistischen Geist kämpft nicht nur für eine neue vernünftige, und brüderliche Organisierung der Ökonomie, sie schreibt auch eine andere Moralität auf ihre Fahne wie die der satten Tugend.

Sie bekennt sich offen zur Expropriation und macht sogar Anspruch darauf, daß damit eine höhere, humanere Moralität verbunden ist, wie mit der heutigen Art, "Eigentum zu erwerben".

Doch wird das alles friedlich zu erlangen sein? Wenn das Proletariat die syndikalistische Denkweise annimmt, tritt es in, prinzipiellen Gegensatz zur gegenwärtigen Wirtschaftsweise, zum Privateigentum, zum Staat und seinen Institutionen.

Ganz gewiß ist dieser Gegensatz da, und daß er im Kopf und Herzen des Proletariats empfunden wird, ist sogar die Vorbedingung für eine kraftvolle Arbeiterbewegung.

Das Proletariat braucht sich noch nicht Skrupeln hinzugeben, daß es seine eigene Gewalt mißbrauchen wird, denn es gilt vor allem, die Waffe der jetzt tatsächlich herrschenden Gewalten stumpf und unwirksam zu machen.

Schlägt einer die Geschichte der besitzenden Klassen und der Staaten auf, um zu erfahren, wie sie zu ihrer Größe und Macht gelangten, so findet er, daß es Gewalt, Blutvergießen, Raub waren, die sie zu Großmächten machten.

Diese Gewalt hält heute, durch Gesetze, Kanonen, Polizeiknüppel repräsentiert, unzählige Darbende davon ab, sich aus dem Reichtum der Gesellschaft satt zu essen. Die Gewalt verhindert es, daß mit Blößen und Lumpen bedeckte Mitmenschen eine Bekleidung haben, wie sie Menschen zukommt. Die Gewalt der Besitzenden sorgt für die Erhaltung des unerhörten Zustandes, daß viele kein Dach über dem Kopf haben, während die Schlösser und Prachtbauten der Auserwählten leer stehen. Es ist die Gewalt, welche den Besitzenden alle Wege zum Lebensgenuß, zur Bildung und individuellen Kultivierung öffnet und sie den Unbemittelten verschließt, ihnen nur soviel zufließen läßt, als sich mit ihrem Knechtsdasein allenfalls verträgt.

Mit bloßem Rechthaben kann das Proletariat diesen Zustand nicht beseitigen, es muß zu seinen Machtmitteln greifen, seine Gewalt in den Dienst der Gerechtigkeit stellen, wenn es sich aus dem von bestehenden Gewalten verteidigten Kulitum der Arbeit befreien will.

Mit dieser klaren Logik gelangten die Syndikalisten zur revolutionären Stellungnahme gegen die gegenwärtigen Gewaltinstitutionen. Vor allem zur antimilitaristischen Propaganda. Der Militarismus ist die Gewalt der Gewalten. Der Soldat holt für die Privilegierten in deren Konflikten mit den Arbeitern die Kastanien aus dem Feuer.

Kanonenkultur, Patriotismus, Vaterlandsglorie sind die Mittel der Verdummung der arbeitenden Masse. Mit der nationalen Prahlerei, der patriotischen Großmachtsphrase decken die Ausbeuterschaften die internationale Plünderung der Völker zu. Damit schlagen sie die ökonomischen Erhebungen, Aufstände, Kungerkrawalle, Streiks nieder.

Nur für Industriekapitäne, Monopolisten, Spekulanten ist es ein einträgiiches Vergnügen, Patrioten zu sein. Mit Regierungshilfe, Protektion, Hochzolltarif haben sie Monsterprofite eingestrichen. Für sie ist das Vaterland eine tüchtige Milchkuh, Mittel zur Bereicherung, für die Arbeiterschaft eine hohle Nuß oder ein Polizeistock, mit welchem ihr "Mores", das heißt Untertänigkeit gegen die Geldmacht, eingebläut werden soll.

Auf jedem Gebiet die Arbeiter vom Gängelband der Herren und Vertreterschaften frei zu machen, betrachten die Syndikalisten als wichtigste Arbeit der Gewerkschaften.

Das Freisein von degedankenlosen Ehrfurcht für alle die "unantastbaren heiligen Einrichtungen", vor welchen der Arbeiter demütig die Kappe ziehen soll wie vor einem Geßlerhut, ist notwendig zur vollen Entfaltung der proletarischen Kraft.

In allen plutokratischen Lamentationen gegen die Streiks, gegen Boykott und die anderen ökonomischen Schilderhebungen, wird die Unverletzlichkeit des Eigentums stets in den Vordergrund gerückt. Gegen die Syndikalisten wird die "moralische Entrüstung" mobil gemacht, weil sie von der Heiligkeit des kapitalistischen Eigentums sehr gering denken. Sie geben den Arbeitern nicht nur den Rat, für wenig Geld auch wenig Arbeit zu liefern, sie raten auch unter Umständen die Eigentumsschädigung an.

Das ist die Sabotage, die materielle Schädigung des Unternehmertums durch die Arbeiter.

Diese haben immer Fiasko gemacht, wo sie sich an die Einsicht oder das Wohlwollen der Unternehmer gewandt haben. Leicht verständlich, denn diese wollen vor allem große Profite aus der Arbeitskraft ihrer Lohnknechte ziehen, und das verträgt sich niemals mit humaner Einsicht und echtem Wohlwollen.

So wurden die Arbeiter stets um die Früchte ihrer Mühen und Kämpfe betrogen, wo sie naiv genug waren, sich auf die "Menschlichkeit" der Plutokratie zu verlassen.

Sie bemerkten, daß nur solche Aktionen Eindruck auf diese machen, mit welchen eine direkte Schädigung ihres Interesses, also vor allem ihres Eigentums, des Materials und der Werkzeuge zur Produktion verbunden ist.

Unternehmer, welche auf diese Weise die harte Hand der Proletarier zu fühlen bekommen, empfindlichen Schaden und Einbuße erfahren, mögen den moralischen Argumenten der Arbeiter Hohn und Spott entgegensetzen, sie werden es sich aber überlegen, sich weiteren materiellen Verlusten auszusetzen.

Die Arbeiter könnten sich bei Anwendung der Sabotage darauf berufen, daß die ganze gegenwärtige Wirtschaftsordnung auf gegenseitiger Schädigung und Übervorteilung beruht. Sie könnten auch Beispiele dafür anführen, daß die Spekulation in Industrie und Handel ohne Gewisseasskrupel Produkte, Verbrauchsartikel vernichtet, sie faulen, und schimmeln läßt, sie den Konsumentenmassen wucherisch vorenthält, wenn eine solche Handlungsweise höheren Profit verspricht. Damit wäre eine "moralische Begründung" der Sabotage leicht zu erbringen.

Es ist nicht nötig, einen so großen Aufwand zu machen. Der soziale Krieg zwischen Geldmacht und Arbeit ist ein Faktum, und das Proletariat kann bei der Wahl seiner eigenen Waffen nicht danach fragen, ob sie mit der Moral dieser Geldmacht übereinstimmen, es hat sich nur klar darüber zu werden, welche Waffen die zweckmäßigsten sind und am ersten den Sieg versprechen.

Von den Arbeitern selbst wird dieser Gedankengang leicht verstanden. Sie, die täglich mit den Werkzeugen und Maschinen zu tun haben, das Produktionsmaterial bearbeiten, mit dem Produktionsprozeß viel intimer verbunden sind wie die Unternehmer, und dabei doch den Löwenanteil in den Taschen dieser Klasse verschwinden sehen - sie brauchen eigentlich gar nicht das Gefühl zu haben, daß sie mit der Sabotage fremdes Eigentum schädigen. Dieses Eigentum gehört zu ihnen, ist entstanden aus dem Zusammenwirken vieler Arbeiterhände- und köpfe. Aber es kehrt sich in den Händen der Nur-Verbraucher gegen sie, seine Hervorbringer, so müssen sie mit einer Korrektur eingreifen.

Wollte ein armer, hungriger Teufel einen reichen Prasser dadurch zum Nachgeben bringen, daß er ihn auszuhungern versuchte, so würde sich alle Welt über den einsichtslosen Tölpel lustig machen. Der Prasser würde fortfahren, die besten Bissen zu schlucken, währenddessen müßte der Hungerleider den Schmachtriemen enger und enger ziehen.

Jedermann begreift das; wie kommt es aber, daß man nicht begreift, wie sehr die Lage, in welche sich der Arbeiter bei dem Ausbruch eines "legalen" Streiks versetzt sieht, der Lage des erwähnten, hungrigen Teufels ähnlich ist?

Die Streiks des bloßen Zu- und Abwartens sind solche zum ewigen Mißlingen verdammten Versuche, das Kapital auszuhungern. Dieses verlacht die Passivität der Streikenden, denn es weiß nur zu genau, daß sie stets den Kürzeren ziehen müssen, wenn sie sich nur auf die Streikunterstützung aus der Organisationskasse verlassen.

Mit den paar Arbeitergroschen kann man der Plutokratie nicht imponieren, wohl aber mit einer tüchtigen Dosis des ökonomischen Druckes, der sie an ihrem wundesten Punkt, dem Profit, trifft.

Es wird soviel über die Notwendigkeit des Klassenkampfes geschrieben. Doch dieses Parlamentieren, Wählen und vom Resultat und von den Kandidaten Enttäuschtsein, dieses Herumflicken an der unhaltbaren, unerträglicher werdenden Situation des Arbeiters mit Gesetzgebungspflästerchen, diese falsche Hoffnung auf Gewerkschaftskassen und den "gesetzlichen Weg", das alles ist kein Klassenkampf, ist höchstens dessen Karikatur und Parodie.

An einer Stelle dieser Abhandlung wird von Pseudomarxisten gesprochen. Marx, der für die Ohnmacht des Parlamentarismus die schärfsten Hohnworte fand, kann kaum geglaubt haben, Klassenkampf bedeute nur Wählerei, parlamentarische Spiegelfechterei, oder "Kampf" zwischen den Hungergroschen, die sich die Arbeiter als Gewerkschaftsbeiträge abzwacken, und den Riesenkapitalien der Plutokratie.

Der direkte proletarische Klassenkampf ohne Zwischenträgerei nach der Seite der herrschenden Ökonomie und Moral hin gelangt im revolutionären Syndikalismus zum Ausdruck. So sind auch seine Kampfmittel direkt gegen den Feind geführte Waffen.

Mit den Kampfmitteln des Proletariats dessen soziale Revolution durchzuführen, die Ökonomie der Gleichheit, die Solidarität freier Organisationen und Individuen zu etablieren, das ist sein Ziel.

Darum, du Proletarier, werde noch heute Mitglied der Freien Arbeiter Union, der syndikalistischen Organisation Deutschlands! Wo ein Ortsverein noch nicht besteht, da verbinde dich mit deinen Klassengenossen im Betrieb, um zur Gründung zu schreiten. Lies das Organ des FAUD: "Der Syndikalist"! Bestelle weitere Aufklärungsbroschüren im Verlag, Berlin O 34, Warschauer Straße 62.

Keinen Mann und keinen Pfennig, keine Arbeit mehr für die verlotterten deutschen Zentralverbände!

Fußnoten:
1.) Aussperrung
2.) Verteilung der Bedarfsartikel.

Originaltext: Max Baginski - Was will der Syndikalismus? Lebendige, keine toten Gewerkschaften. Verlag "Der Syndikalist", Fritz Kater, Berlin 1920. Digitalisiert von www.anarchismus.at an Hand eines PDF der Originalbroschüre (bearbeitet - Ue zu Ü, Revolutions=Bewegungen zu Revolutionsbewegungen usw.)


Creative Commons - Infos zu den hier veröffentlichten Texten / Diese Seite ausdrucken: Drucken


Email  RSS