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Syndikalistischer Frauenbund - An alle Hausfrauen, Mütter und Töchter des Proletariats! An alle Arbeiterinnen, Hausangestellte und Angestellte in Läden und Büros!

Liebe Schwester!

Sicher drückt auch dich die Not der Zeit. Die Preise aller Lebensmittel sind so hoch, dass wir uns nicht recht sattessen können. Die ach so notwendige Bekleidung können wir uns nicht kaufen, ausreichende Wohnungen können wir nicht finden. Aber du weißt nicht, woher das alles kommt, du hast auch nicht begriffen, wie es anfing, als der schreckliche Krieg ausbrach. Und doch ist es bitter notwendig, daß du dich über die Ursachen unterrichtest, damit es nicht immer noch schlimmer werden kann, und damit wir gemeinsam eine Weg zur Besserung suchen und finden.

Wir Frauen und Mädchen zählen weit mehr als die Hälfte der Menschheit. Und trotzdem werden wir doppelt ausgebeutet, einmal von der kapitalistischen Wuchergesellschaft als schaffende und genießende Menschen, als Produzenten und Konsumenten, das andere Mal von der Männerwelt durch die herrschende Männermoral. Und zu allem wirtschaftlichen Elend kommt bei uns Frauen noch die Geschlechtsnot.

Liebe Mitschwester, es kann uns aber niemand sonst helfen als wir uns selbst. Darum fordern wir dich heute auf, dich uns anzuschließen und in unseren Reihen teilzunehmen, am Kampfe für die Befreiung der Frauenwelt! Die Menschheit kann im allgemeinen nicht frei werden, bevor wir Frauen frei sind. Und die Menschheit wird nur frei sein in einer Gesellschaft, die keine Lohnarbeit, keinen Geldbetrug und keine kapitalistische Ausbeutung mehr kennt. In dieser Gesellschaft wird es auch keine regierenden Männer mehr geben.

Eine solche Gesellschaft will der Syndikalismus errichten. Der Syndikalismus will an die Stelle der heutigen unhaltbaren Verhältnisse den Wohlstand für Alle setzen, indem alle Nichtstuer und alle Schmarotzer beseitigt und unmöglich gemacht werden.

Und der Syndikalistische Frauenbund will alle Frauen diesem Kampfe zuführen. Dieser Kampf soll und kann nur mit wirtschaftlichen und geistigen Mitteln geführt werden. Darum will der Syndikalistische Frauenbund die Frauen aufklären: über die Fragen der Mutterschaft und der in der Erziehung, über Körper- und Gesundheitspflege, über Ernährung, Bekleidung, Wohnung und Reform des Familienlebens. Er will Vorbereitungen treffen, um in der zukünftigen freien Gesellschaft Frau und Mann und Kind frei und schön und glücklich werden zu lassen. Mit allen Gebieten des Wissens müssen wir Frauen bekannt werden, sozialistisch müssen wir fühlen und denken lernen. Das ist Syndikalismus! Erst dann können wir unsere erste Aufgabe erfüllen: Unsere Kinder und Jugendlichen zu Menschen erziehen!

Liebe Schwester! Kannst du bei dieser großen und schönen Aufgabe abseits stehn? Nein, du mußt zu uns kommen! Werde unsere Genossin! Und das Leben wird dann erst den rechten Wert für dich gewinnen. Dann erst wirst du wissen, wofür du lebst!

Komme in unsere nächste Versammlung! Höre und sieh, wie wir praktisch gegenseitige Hilfe üben! Bei uns wirst du hören und sehen lernen! Und du wirst bald begreifen, warum das heutige Leben so schlecht ist, und wie es besser sein könnte!

Die Föderation der syndikalistischen Frauenbünde

Aus: „Der Syndikalist", 4. Jg. (1922), Nr. 1.

Originaltext: www.fau-bremen.de.vu