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"Die Freiheit küsst entweder alle oder keinen" - Frauen in der FAUD

Im Zuge des Kapitalismus wurden auch in Deutschland im Verlauf des 19.Jh. die Frauen in immer größerer Zahl dem industriellen Produktionsprozess unterworfen – zusätzlich zu den Männern und z.T. in Konkurrenz zu ihnen, oft von den Unternehmern, als „industrielle Reservearmee“ gegen die männlichen Kollegen ausgespielt. Brachte dies bereits eine starke Doppelbelastung für die Frauen mit sich, die in der Regel weiterhin allein für die Haus-und Familienarbeit und die Erziehung der Kinder zu sorgen hatten, so erhöhten sich die Anforderungen im Umkreis der organisierten Arbeiterbewegung und der Frauenbewegung: Die relativ wenigen Arbeiterinnen, die sich in den Gewerkschaften und in der SPD, später auch in der FAUD oder in der KPD usw. organisierten, hatten nun noch mehr Belastungen zu tragen. So waren es nicht wenige, sondern meist auch nur bestimmte Frauen, die aktiv in den Arbeiterorganisationen und in der Frauenbewegung in Erscheinung traten.

Bald nach Gründung der FAUD wurde im ganzen Reichsgebiet die Frage nach anarchosyndikalistischen Frauenorganisationen aufgeworfen. Ähnlich wie in der Jugendfrage standen sich zwei gegensätzliche Positionen gegenüber: Hier die bloße „Eingliederung“ der Frauen in die überwiegend männlichen FAUD-Verbände – dort die weibliche Forderung nach autonomen „Frauenbünden“. Auch diese Frage konzentrierte sich in der rheinischen Region – neben Westfalen, Sachsen und Berlin. Der Streit um die weibliche Organisierung war jedoch noch von anderen Umständen geprägt als von der bloßen Männer-Frauen-Opposition. Je nach Industrieregion waren es verschiedene Schichten proletarischer Frauen, die organisiert werden sollten oder selbst die Initiative ergriffen. So war z.B. in der niederrheinischen Textilindustrie mit dem Zentrum Krefeld (der Stadt von „Samt und Seide“) eine hohe Zahl typischer weiblicher Industrieberufe und –Tätigkeiten vertreten, wie die Band-,Gummi- und Seidenweberinnen, die sehr früh stark syndikalistisch organisiert waren und am längsten zu den kampffähigen Verbänden der FAUD zählten. In diesen Betrieben waren die Männer oft weit in der Minderzahl. Umgekehrt war etwa Düsseldorf in hohem Grad von „männlichen“ Industriezweigen bestimmt u.a. Metall-, Stahl- und Bauindustrie. Die in den 20er Jahren in Düsseldorf rapide zunehmenden Angestelltenberufe, in denen überwiegend Frauen beschäftigt worden sind, sind unseres Wissens nicht zur nennenswerten Basis anarcho-syndikalistischer Fraueninitiativen geworden. (...) In solchen Städten stellte sich die Frage, wie die proletarischen Hausfrauen, Dienstmädchen u.ä. sich organisieren sollten. Diese berufsspezifische Besonderheit unterstützte vorhandene feministische Positionen, die eine gesonderte Frauenorganisation forderten.

Die Ideen des proletarischen Feminismus, die unter rheinischen Anarchosyndikalistinnen wirksam waren, stützten sich zum einen auf die alltäglichen Erfahrungen, die diese Frauen mit dem »kapitalistischen System« und mit den Männern in Beruf und Familie machten. Zum anderen waren sie von entsprechenden Ideen der bedeutenden Anarchistin Emma Goldman beeinflusst, deren Aufsätze u.a. in der »Schöpfung« veröffentlicht wurden. Weitere anarchistische und frühsozialistische Einflüsse, die neben dem gemeinsamen Kampf mit den Männern die separate Emanzipation der Frau betonten, waren etwa Erich Mühsam, Francisco Ferrer oder Charles Fourier, der »die Befreiung der Frau« zum »Gradmesser der Befreiung der Gesellschaft« erklärt hatte.

 Daneben wurden Positionen der bürgerlichen und der sozialdemokratischen Frauenbewegung diskutiert — wiederholt wurde z.B. Helene Stöcker und Ellen Key zitiert und die »Schöpfung« brachte des öfteren Artikel der USPD- Außenseiterin Lilly Braun. Überhaupt war die »Schöpfung« im Zusammenhang mit der Frauenfrage für die Frauen von ähnlicher Bedeutung wie für die Siedler: Diese »erste anarcho-syndikalistische Tageszeitung«, die ab 1. Juli 1921 in Düsseldorf erschien und nach einem Jahr bis Anfang September 1923 als Wochenzeitung Bestand hatte, ehe sie mangels Verbreitung eingestellt werden musste, war in starkem Maß das Organ der anarchistischen Opposition gegen die Berliner Geschäftskommission. Hier erschienen etwa zur Jugend-, Siedlungs- und Frauenfrage immer wieder solche Stellungnahmen, die im „Syndikalist" nicht abgedruckt wurden.

Die anarcho-syndikalistischen Frauen fanden in der — männlichen — Redaktion der »Schöpfung« häufig die Bereitschaft, ihre Standpunkte zu veröffentlichen, ehe sie sich 1924 eine Frauenbeilage im „Syndikalist" erkämpften. Diese trug den Titel »Der Frauenbund« und bestand bis 1933.

 Die »Schöpfung« hatte eine eigene Frauenseite — die allerdings bezeichnenderweise dem Feuilleton der Wochenendausgabe zugeordnet war. Neben Emma Goldman veröffentlichten hier die deutschen Anarchosyndikalistinnen Milly Wittkop-Rocker, Hertha Barwich u.a. Über den Redakteur und ehemaligen Bauarbeiter Fritz Köster bestanden enge Verbindungen zu der Dresdener Frauenzeitung »Die schaffende Frau«, die dort von Kösters Frau herausgegeben wurde. Außer zahlreichen Artikeln von Aimee Köster erschienen in der »Schöpfung« u.a. auch Frauengedichte sowie Näh- und Strickmodelle für preisgünstige Frauen- und Kinderkleider, die der »sozialistischen Frauen- und Modezeitung« entnommen waren, wie sich die »Schaffende Frau« nannte.

Die Düsseldorfer Reichsfrauenkonferenz 

Die Idee selbsttätiger Frauenbünde schien zunächst Erfolg zu haben. In vielen Städten entstanden 1920/21 syndikalistische Frauenbünde, die sich zwar nicht auf große Mitgliederinnenzahlen, aber auf starkes örtliches Engagement einzelner Frauen stützen konnten.

Im Jahre 1921 — noch bestimmten Optimismus und organisatorische Ausdifferenzierung die junge anarcho-syndikalistische Bewegung  - fand am 15. Oktober in Düsseldorf die »1. Reichskonferenz der syndikalistischen Frauenbünde« statt, unmittelbar vor dem 13. Kongress der FAUD. Aus der rheinisch-bergischen Region waren auf dieser Konferenz folgende Ortsgruppen vertreten: Düsseldorf, Mülheim/Ruhr, Friemersheim, Duisburg, Wiesdorf, Essen, Krefeld, Bochum. Die rheinischen Gruppen waren überproportional vertreten. denn »eine ganze Reihe von Frauenbünden in Nord- und Süddeutschland konnten der hohen Kosten wegen Vertreterinnen nicht senden«. (Schöpfung 1921).

Außer den genannten Gruppen waren Frauen aus Berlin, Stettin, Erfurt und Schweinfurt vertreten. Dass hier keine Frauen aus Elberfeld und den westfälischen Städten auftraten, die keine so weite Anreise hatten, könnte bedeuten, dass es hier (noch) keine Frauenbünde gab. Aus Elberfeld ist während der ganzen anarcho-syndikalistischen Zeit nichts Entsprechendes bekannt — die Frauenbünde in Dalken, Hürde, Mengede, Wattenscheid, Bergkamen, Husen, Witten und Dülken wurden erst 1923/1924 gegründet. Über die reichsweite Mitgliederzahl wurde auf dieser Konferenz angegeben, dass sie »augenblicklich auf 1000 stehen dürfte«. (s.o.)

Die Essener Vertreterin muss hier gesondert erwähnt werden: Es handelte sich um die Weberin Traudchen Berendonk, die nach ihrer Heirat mit dein Stichtelner Arbeiter Johann Caspars als Traudchen Caspars zur führenden anarchosyndikalistischen Gewerkschafterin und Feministin der Region wurde.

Aus den einzelnen rheinischen Gruppen wurden folgende Aktivitäten der Frauenbünde berichtet: Engagement für die »Freie Schule«, Kindergruppen, Märchenvorstellungen und Spiele für Kinder, gegenseitige Hilfe hei Krankheit, Sexualaufklärung und die Diskussion über den Gebärstreik als weibliche Kampfform gegen das Elend in der proletarischen Familie und, um dem System kein »Kanonenfutter« für den nächsten Krieg zu liefern.

„Die Genossin berichtet, dass die Gruppe Wiesdorf zur Hauptsache die gegenseitige Hilfe hei Krankheiten. Geburt- und Wochenpflege zur Durchführung zu bringen versucht. In diesen Fällen übernehmen die Mitglieder des Bundes die Sorge für den Haushalt bzw. die Kinder. Die Genossin appelliert an alle Frauen, in diesem Sinne durch praktische Tat mit Liebe und Geduld die Sympathie der Arbeiterfrauen zu erobern.“(Syndikat 1925)

Nur zwei Wochen nach der Konferenz, am 28.10.1921 wird von einer Veranstaltung des Syndikalistischen Frauenbundes Wiesdorf berichtet, die das Thema hatte: »Der Gebärstreik als Kulturhebel«, die Gruppe Friemersheim folgte mit demselben Thema am 4.11.1921.

Die Düsseldorfer Delegierte Henriette Wörndl berichtete auf der Reichskonferenz von großen Schwierigkeiten des örtlichen Frauenbundes und „beklagte sich besonders darüber, dass sie von der Arbeiterbörse keine genügende Unterstützung erhalten.“ Die Frauenkonferenz beschloss eine Resolution an den 13. Kongress der FAUD, die zeigt, wie zu diesem Zeitpunkt von den Frauen das Verhältnis zwischen syndikalistischer Gewerkschaft und Frauenbünden bestimmt wurde. Unbestritten war von Seiten der anarcho-syndikalistischen Frauen, dass »die gewerblich tätigen Frauen und Mädchen ... für die syndikalistischen Organisationen gewonnen werden müssen, damit sie durch die Mitarbeit innerhalb der Gewerkschaften zu Klassenkämpferinnen und Sozialistinnen sich heranbilden können.« Die Resolution fährt fort: „Aber auch die Frauen und Töchter der Syndikalisten, die nicht als Lohnarbeiterinnen tätig sind, müssen für die Ideenwelt des Syndikalismus gewonnen werden. Der 13. Kongress verpflichtet deshalb alle Genossen erneut, in alten Orten syndikalistische Frauenbünde ins Leben zu rufen.“

Wie sehr hierin schon der Keim der „eigentlichen“ separaten Frauenorganisation lag, zeigt folgender Zusatz, der von der Mitarbeit auch der Gewerkschafterinnen in den Frauenbünden ausging:

„Weibliche Mitglieder der Gewerkschaften der FAUD sollen ohne besondere Beitragsleistung in die Frauenbünde eingereiht werden, während gewerblich nicht tätige Frauen und Mädchen einen Monatsmindestbeitrag von 1.-Mk. zahlen sollen“.

Eine eigene Frauenzeitung wurde als »verfrüht« abgelehnt, jedoch wurde eine Reichsföderation der Frauenbünde gegründet. Der Vertreter der Berliner Geschäftskommission, Hans Winkler, führte auf dieser Konferenz aus:

„Wie verschieden Mann und Frau geartet sind und wie schwer sich die beiden Geschlechter aus diesem Grunde verstehen können. Man könne infolgedessen nie von einer völligen Gleichheit reden und auch nie von einer Frau genau dieselben Leistungen des Mannes verlangen. Schon durch die Mutterschaft werden die stärksten Kräfte der Frau absorbiert. Die bürgerliche Frauenbewegung hat versagt, weil sie sich einerseits in der Forderung nach dem freien Wahlrecht erschöpfte,  - andererseits aber die Frauen zu Männertypen machte. Eine richtige Frauenbewegung muss der besonderen Veranlagung der Frau Rechnung tragen.“

Nach dieser Belehrung erklärte Winkler es zur „Hauptaufgabe der Frau“, „den Männern klar zu machen, dass die Hausarbeit bzw. Erziehungsarbeit der Frau als Mutter gleichwertig zu erachten ist wie die Erwerbstätigkeit des Mannes.“Immerhin gab er im Namen der Geschäftskommission „grünes Licht“, als er betonte:

„Das verschiedentlich zutagetretende Bestreben, die Frauenbünde abzuschaffen, wird abgelehnt. Die Idee, die nicht berufstätigen Frauen in die Berufsverbände aufzunehmen, ist undurchführbar, außerdem können die besonderen Interessen der Frau nur durch Frauenbünde selbst vertreten werden." Entsprechende Auffassungen sowie die Resolution der Frauenkonferenz setzten sich am 13. FAUD-Kongreß durch. Fürs Erste schien die Frauenautonomie den Sieg davonzutragen.

Sind Frauenbünde notwendig?

In den folgenden Jahren entbrannte eine heftige Auseinandersetzung um die Frauenbünde (SFB), in deren Verlauf viele anarcho-syndikalistische Männer Standpunkte der Verachtung und der ängstlichen Abwehr gegenüber den Frauen formulierten, auf der Seite der Frauen der antipatriarchalische und feministische Gedanke gegenüber den bisherigen Aufgaben des SFB an Bedeutung gewann.

Zunächst zu den Aufgaben.

Sie wurden von Milly Wittkop-Rocker nach der Düsseldorfer Konferenz in einer Broschüre zusammengefasst, die den Titel trug:

»Was will der Syndikalistische Frauenbund? « Eingangs war dort der Kampf im Erziehungswesen betont worden, mit dem anarcho-syndikalistischen Kerngedanken, „jeden Versuch zu unterstützen, dem Staat und der Kirche das Monopol der Erziehung zu entreißen.“ Sodann wurde auch hier vor allem die gemeinsame Lage mit den proletarischen Männern hervorgehoben und die Frau zunächst als »Lebensgefährtin, Mitkämpferin und Gesinnungsgenossin« des Mannes gesehen. Bis zur Definition der Frau als »wirksamer Stütze« des Streiks der Männer klang alles wie ehedem bei der Sozialdemokratie. Eine weiblich anarcho-syndikalistische Variante war jedoch bereits, was über die Rolle der Frau als »Konsumentin mit der Waffe des Boykotts« ausgeführt wurde:

„Der Streik erweist sich ohnedies mehr und mehr als ein ungenügendes Mittel, das durch andere Mittel ergänzt werden muss, um auch fernerhin als wirksamste Waffe der Arbeiter bestehen zu können, und die ganze wirtschaftliche Entwicklung unserer Zeit drängt mit aller Macht auf eine Verbindung des Produzenten und Konsumenten hin, in der die Frau eine große Rolle zu spielen berufen ist... Die gegenwärtige Situation fordert ganz andere Methoden im praktischen Tageskampf und der Kampf gegen die unerträglichen Wucherpreise dürfte wohl in Zukunft eine größere Rolle spielen als die fortwährende Erhöhung der Löhne, die gewöhnlich schon am nächsten Tag durch neue Preiserhöhung wieder illusorisch wird.“

Es ist nichts darüber bekannt, oh die Kampfform des Konsumboykotts, die in der Regel noch schwerer zu organisieren ist als der betriebliche oder überbetriebliche Streik, im Umkreis der rheinisch-bergischen Anarcho-Syndikalisten praktiziert worden ist. Bei den wenigen Frauen, die hier organisiert waren, dürfte dies auszuschließen sein. Frau Rocker setzt sich dann mit den Männern (und Frauen) auseinander, die resigniert äußerten:

„Ja. wenn die Frau bloß denken würde!.. ich bin der Meinung, dass die Frau zu viel denkt Aber ihr ganzes Denken dreht sich fortgesetzt um die trivialsten Kleinigkeiten, so dass ihr Gehirn davon verbraucht und erschöpft wird ... ich spreche natürlich von den Frauen der Arbeiterklasse. Die proletarische Hausfrau wird zum Automaten durch Vielseitigkeit — entspricht der >Degradierung zum Automaten< des Arbeiters durch so genannte Arbeitsteilung«

Der SFB forderte daher die gleichberechtigte Anerkennung der Hausfrauentätigkeit und die '“Arbeitszeitbeschränkung der Frau in der Haushaltsarbeit“. Dies war sowohl gegen den Staat und die wirtschaftliche Verfassung gerichtet, in der Hausfrauenarbeit z.B. bezüglich des Rentenanspruchs nicht anerkannt war (und ist), als auch gegen die Männer. Der Schluss des programmatischen Papiers des SFB enthält Vorschläge zu verschiedenen Frauenaktivitäten, wie z.B.:

— Einrichtung von Frauenclubs. Hierbei wurde im Gegensatz zu den Männerorganisationen auch erstmals darauf hingewiesen. dass sie »angenehm und geschmackvoll eingerichtet« sein sollten, »wo die Genossinnen sich jederzeit treffen können, um zu lesen oder um sich über wichtige Fragen auszusprechen — und wohin sie auch nötigenfalls ihre Kinder mitbringen können.»
— Bestrebungen gegenseitiger Hilfe im Krankheitsfalle
— Gruppen zur Förderung künstlerischer Interessen
— Einrichtung von tendenziell gemeinsamen Haushalten im »Einküchenhaus«."

Neben solchen weiblichen Betätigungsfeldern wurde von anarcho-syndikalistischen Frauen in den Jahren 1921-23 auch immer wieder öffentlich auf den Kampf gegen den Mann als solchen orientiert. So schrieb eine Frau in der »Schöpfung«, unmittelbar, nachdem sie die Forderung nach einem absoluten Gebärstreik erhoben hatte (>Gebärt vorerst keine Kinder!<):

„Ich habe nicht Zeit, noch für meinen Mann auch noch Ansprüche, die täglichen häuslichen Pflichten zu erfüllen.“

Und sie fordert die Normalisierung von getrennt lebenden Geschlechterbeziehungen: „Ich liebte meinen Mann genau wie jetzt, wenn ich mit ihm getrennt lebte. Ich würde alles tun, wenn er meiner bedürfte. Er könnte sich herzlich gern auch eine neue Ehe gründen, ich wünsche ihm das Beste, nur — frei! Meine sichere Zuversicht ist, dass das Weib der Zukunft vom Mann getrennt leben wird“

In einer Antwort darauf sah eine andere „Kampfgenossin“ in der Ehe ein »Zusammenketten der Geschlechter« — dies war unter den Anarchosyndikalisten verbreitetes Gedankengut Emma Goldmanns und Erich Mühsams — und fuhr fort: „Wenn die Männer wenigstens Achtung vor jedem geistigen Ringen der Frau hätten. Aber jene Männer sind, trotzdem sie ein knallrotes Parteibuch in der Tasche tragen, nichts anderes als Ausbeuter und Sklavenhalter. Sie achten nicht die Eigenart, die nach ihrer Vollendung ringenden Seele der Frau ... Und nun ihr Männer. die ihr Sozialisten sein wollt, seid Eurer Frau gegenüber auch Sozialist, kein Vergewaltiger“

Andere Frauen, die sich vom Gedanken des absoluten Gebärstreiks abgrenzten, weil sie Kinder haben wollten, verfochten die Idee weiblicher Alleinerziehung oder, da dies für proletarische Frauen ökonomisch selten zu verwirklichen war, einer gemeinsamen Mutterschaft auf der Basis weiblicher >gegenseitiger Hilfe<. Sie griffen u.a den Gedanken autonomer »Muttersiedlungen« auf, wie sie von Aimee Köster in 2 Fällen aus Berlin berichtet wurden, wo Frauen solches »in den letzten Jahren« praktizierten.  Bei diesen Müttersiedlungen kann von Vorläuferinnen der heutigen »Frauenhäuser« gesprochen werden — auch damals sollten Männer dort keinen Zutritt haben. Eine Frau schrieb in diesem Zusammenhang in der »Schöpfung«:

„Es gibt nämlich heutzutage Frauen. die gar nicht die Absicht haben, für die Erziehung ihrer Kinder von anderen Hilfe zu erbitten, ja, die noch nicht einmal einen Ehegatten brauchen, um ein Kind zu erziehen. Eine Bewegung von Mütterfrauen hat sich gebildet ... und diese Frauen sind die kühnsten und freiesten Frauen. Aber alle Frauen, die mit Inbrunst, Liebe und Überzeugung Mütter sind, haben, sofern sie freien Geistes sind, in heimlichen Stunden einen inneren Groll, dass sie zum Mutterwerden einen Ehemann und Ernährer, einen Herrn und Gebieter, einen Haushaltsvorstand benötigen.“

Möglicherweise waren es auch solche Positionen, die, obwohl noch weit mehr in der Minderheit als die Forderungen des SFB, viele männliche Anarchosvndikalisten in den Jahren 1923 und 1924 auf den Plan riefen. Trotz der Anerkennung der Frauenbünde durch den 13. FAUD-Kongreß wurde von den Männern eine öffentliche Leserbriefkampagne im »Syndikalist« gegen die Frauenautonomie entfacht, die in ihrer Schärfe und Breite die Kämpfe gegen die Forderungen der anarcho-syndikalistischen Jugendlichen und Siedler noch übertraf. Es scheint, als sei es diese Kampagne zusammen mit der praktischen »Sabotage« der Frauenorganisation durch das alltägliche Männerverhalten gewesen, die die ohnehin schwachen Frauengruppen spätestens 1927 zum Erliegen brachten. Das Desinteresse fernstehender Frauen dürfte ein Übriges getan haben—es fällt auf, dass in der Regel bei männlichen und weiblichen Anarchosyndikalisten nur von den »Frauen, Schwestern und Töchtern« die Rede ist. An Ausdehnung über diese eigenen Kreise hinaus konnte nicht realistisch gedacht werden.

 Auch der allgemeine Rückgang der anarcho-syndikalistischen Bewegung spielte hier eine Rolle — sowohl für die engstirnige Haltung unter den Männern, als auch für die organisatorischen Misserfolge der Frauen. Diese Brief-Kampagne wurde ausgerechnet von dem Düsseldorfer Anarchosyndikalisten eingeleitet, der noch 1922 die Frauen zur »offenen Rebellion« gegen die Männer aufgerufen hatte, welche »ihrer Frau gegenüber . , . den Herrenstandpunkt herauskehren oft bis zur brutalen Gewaltanwendung.«Unter dem gleichen Pseudonym fragte dieser »Espero« nun: »Sind Syndikalistische Frauenbünde notwendig?« Er, der anfangs nach eigenen Worten seine »ganze Kraft in Wort und Schrift« für den Aufbau des SFB eingesetzt haben will, hatte auf einmal:

„darüber nachgedacht, wie unsere Organisation in den Fehler verfallen konnte, durch Schaffung separater Frauenorganisationen eine neue Klasse und einen Dualismus aufzurichten.“

Er verglich dies sehr >einfallsreich< mit der alten Geschlechtertrennung in den Konfessionsschulen und reduzierte das Problem auf die Finanzfrage, wodurch er unausgesprochen Prioritäten setzte:

„Mitgliedsbuch? Nun, die Frauen, welche einen gewerblichen Beruf ausüben, gehören als zahlendes Mitglied der Organisation an und haben ... dieselben Rechte wie die Männer. Die Hausfrauen und nicht gewerblich tätigen Töchter oder Schwestern sind durch die Idee mit uns verbunden und werden wohl aus dieser Ideengemeinschaft nicht irgendwelche Rechte herleiten, denn unsere Organisation ist letzten Endes keine Versicherungsanstalt..“

Espero verwies, um seine Skepsis gegenüber den Frauenbünden zu „untermauern“ darauf, dass z.B. hier in Düsseldorf der Frauenbund dreimal neu aufgebaut wurde und „heute ist er schon wieder zugrundegerichtet.“

Seine Frage »Sind syndikalistische Frauenbünde notwendig?«, wurde im Folgenden von dem Duisburger Anarchosyndikalisten Heinrich Rebscher »glatt verneint«. Rebscher argumentierte scheinbar im Sinne weiblicher Emanzipation vom Mann, verwies die Frau dabei aber auf sich allein, wenn er schreibt: „Der erste Schritt zur Befreiung der Frau muss in der Schlafstube geschehen und nicht in selbständigen Organisationen. Die Frau, die ihrem Manne nicht im Hause frei entgegenzutreten versteht, lernt dieses auch nicht durch die Organisation."

Noch offener im Sinne des alten Antifeminismus hatte Rebscher einige Wochen vorher im »Syndikalist« formuliert: „Die weibliche Arbeitskraft gehört schon von Natur aus nicht in die Fabriken und Kontore Einsichtige Familienväter sollten nicht auch noch die weiblichen Familienangehörigen zum Ausbeuten fortschicken, sondern sollten sie ... im Hause lassen, damit wenigstens die männlichen Erwerbslosen ihre Position bekleiden können.“

Und seine folgenden Worte stecken voller männlicher Überheblichkeit, aber auch voll Angst und Verbitterung des >entmannten Revolutionärs<, dem man seinen Wirkungsgrad entzogen hat: „Gibt es doch Familien, in denen Frau und Tochter arbeiten, der Mann daheim kocht und aufwäscht. weil er nirgends mehr Arbeit erhält Vielleicht war er zu radikal und konsequent in seiner Stellung als Lohnsklave oder hat ihn eine weibliche Arbeitskraft verdrängt. Jedenfalls ist mancher brauchbare organisierte Arbeitsmann schachmatt gesetzt“

Die Frau scheint nicht so brauchbar gewesen zu sein — oder nur für andere Zwecke. In den wütenden öffentlichen Reaktionen anarcho-syndikalistischer Frauen waren es wiederum besonders Vertreterinnen rheinischer Gruppen, die die Leserbriefe im »Syndikalist« schrieben, vor allem Traudchen Caspars (Süchteln) und »Franziska« (Krischer?, Duisburg). Beide antworteten auf den männlichen Vorwurf, die Frauenbünde hätten sich >nicht bewährt>, sinngemäß das Gleiche:

„Wo sind denn die Organisationen der Männer ihren Aufgaben bisher gerecht geworden? Vegetieren da nicht auch recht viele? ... Wenn den Frauen nun dasselbe passiert wie den Männern, so ist das recht entschuldbar weil die Frauen erst anfangen, sich zu organisieren. wahrend die Männer schon seit 60 bis 0 Jahren die Schule der Organisation kennen.“

Dies schrieb «Franziska« und Traudchen Caspars fügte ihrem entsprechenden Artikel hinzu: „Wenn wir so lange in unseren Frauenbünden organisiert sein werden wie die Männer und leisten dann nicht mehr, dann habt ihr ein Recht zur Kritik. Doch glaube ich, dass die Frauen, wenn sie erst erkannt haben, was notwendig ist, zäher und aufopferungsfähiger sein werden wie die Männer. weil das schon im Wesen der Frau liegt“

Bei beiden wurden auch feministische Gedanken formuliert, wie sie etwa auf der Düsseldorfer Reichsfrauenkonferenz noch nicht auftraten. So bei »Franziska«:

»Wir kommen nun zum  Hauptgrund, warum syndikalistische Frauenbünde eine Notwendigkeit sind. Espero schreibt an einer Stelle ganz richtig: Die organisatorische und geistige Unselbständigkeit der Frau ist eine Folge jahrhundertelanger Versklavung. Diesen Gedanken müssen wir weiterverfolgen. Durch wen und an wen ist sie denn versklavt? Gewiss ebenso wie der Mann durch die kapitalistischen Verhältnisse. (...) Sie ist neben diesen gesellschaftlichen Verhältnisse noch in anderer Weise versklavt — durch den Mann.Es mag sein, dass dies zum Teil auf die Eigentumsverhältnisse zurückzuführen ist, aber damit ist noch nicht gesagt, dass sich diese moralische Unterordnung unter den Mann,die Männermoral von selbst aufheben wird, wenn andere gesellschaftliche Verhältnisse auftreten. Der beste Beweis hiergegen liegt in der Tatsache, dass auch in der besitzlosen Arbeiterschaft diese Männermoral vorhanden ist.(...) Worauf ist es denn zurückzuführen, dass die Männer ihre Frauen nicht in die Bünde geleitet haben? Immer wieder haben wir hören müssen, dass die Männer die Frauen von dem Besuch der Versammlungen abhalten! Auch unsere Kameraden betrachten ihre Frauen noch im allgemeinen als Haushaltsbediente und willfährige Liebesobjekte! Von einer gerechten Gleichwertung ist keine Rede. Die Männer haben Angst davor, dass auch die Frauen  noch in Versammlungen rennen, dass die Frauen dasselbe tun wie sie selbst. Dieser Zustand ist auch logisch und verständlich! Erstens empfinden ja die Männer gar nicht das Unrecht, das sie begehen, sie glauben sogar recht zu handeln, Sie können die Frau in ihrer anders gearteten seelischen Einstellung zweitens noch viel weniger begreifen, als sich sonst zwei Menschen begreifen können. Aus dem Grunde sind die Männer gar nicht in der Lage, den bestehenden Zustand der Ungleichheit der Rechte der beiden Geschlechter auf allen Gebieten zu ändern, selbst wenn sie Engel wären, was sie aber nicht sind, sondern rauhbeinige Habenwoller! Es ist nun einmal eine Tatsache, dass niemals. in der Geschichte eine herrschende Klasse oder Schicht freiwillig ihre Privilegien aufgegeben hat.(...) Die Befreiung der Frau kann nur das Werk der Frau selbst sein! ..Wenn man aber den Frauen empfiehlt, diesen Befreiungskampf in der gemeinsamen Organisation mit den Männern zu führen, so ist das dasselbe, als wenn man den Arbeitern empfehlen würde, ihren Befreiungskampf in Harmonievereinen mit den Unternehmern zu führen!

Die Gesamtbewegung hat aber auch ein großes Interesse daran, dass die Frauen sich aus den ungleichen und ungerechten Verhältnissen befreien, weil ohne sie auch keine freie Gesellschaft existieren könnte. Die Freiheit ist unmöglich für nur einige, sie küsst entweder alle oder keinen.“ (Syndikalist 40/1924)

„Selbst wenn die freie Gesellschaft herbeigeführt würde, könnte sie nicht bestehen, wenn die Frau nicht inzwischen die Gleichberechtigung erkämpft hätte! Aus diesen Erwägungen tritt die Gesamtbewegung für die Bildung von besonderen Frauenbünden ein. Dadurch wird auch keine neue Klasse oder ein Dualismus geschaffen, denn die Ungerechtigkeit der beherrschten Frau durch den Mann ist schon da! Es heisst sie verewigen(…) Ein Dualismus liegt deswegen nicht vor, weil es nur gerecht ist, auch die wichtige und mühselige Arbeit der Hausfrau als eine Berufstätigkeit anzuerkennen. In diesem Sinne tun die Hausfrauen nichts anderes, wenn sie Bünde bilden, als was der Metallarbeiter oder Holzarbeiter tut, wenn er seiner Berufs- oder Industrie-Organisation beitritt.“ (37/1924)

Hier war der syndikalistische Gedanke, seine Ausdehnung auf proletarische Hausfrauen u.ä. und der Feminismus miteinander verbunden. Sprach „Franziska“ von der Rolle der Frau als „willfährigen Liebensobjekten“, so Traudchen Caspars von „Gebärmaschinen“. Bei beiden löste sich die feministische Seite ihrer Argumentation nicht von der syndikalistischen. Traudchen Caspars auf dem 15. Kongress der FAUD:

„Wir machen immer wieder die Erfahrung, daß die Männer auch in unserer Bewegung die Frau nur als Sklavin, Magd und Gebärmaschine betrachten, nicht aber als Menschen und Kameradin… Stoßen wir die Frauen ab, dann werden sie zum Hort der Reaktion … und auch der beste Revolutionär wird durch diesen dauernden häuslichen Widerstand schliesslich zermürbt. Die Frauen müssen selbständig bestehen bleiben, denn in vielen Gebieten sind die Frauen nur für besondere Frauenbünde zu gewinnen.“

Das war im Jahre 1925 – abermals nahm der Kongreß eine Resolution an, die auf dem Papier die „Notwendigkeit selbständig wirkender Frauenbünde“ zugestand, was aber weder das Interesse unter den noch nicht organisierten Frauen erhöhte, noch die Betrachtungsweise der männlichen Anarchosyndikalisten wesentlich in Bewegung brachte. Die bestehenden Frauenbünde in der rheinischen und westfälischen Region dürften danach nur noch eine Kümmerexistenz geführt haben. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt, so scheinen sie sich ab 1926 aufgelöst zu haben.

Was blieb, waren einzelne Anarchosyndikalistinnen, die in der weiter bestehenden Frauenbeilage des „Syndikalist“ sporadisch die Frauen zur Organisierung aufriefen, am häufigsten Traudchen Caspars.

Neben ihrem „couragierten Wesen“ dürfte es vor allem ihre gewerkschaftliche und betriebliche Verankerung gewesen sein, die den Männern Respekt abverlangte. Es ist nicht bekannt, in welchem Textilbetrieb Süchteln sie gearbeitet hat, jedoch wird von ihr berichtet, sie sei „jahrelang Betriebsrätin“ gewesen. Der deutsche Textilarbeiterverband, die weitaus grössere gewerkschaftliche Konkurrenz der anarcho-syndikalistischen Textilarbeiterföderation erwähnt in seiner Statistik im Jahre 1925 im gesamten „Gau Barmen“ ganze „3 syndikalistische Betriebsrätinnen.“

(Der »Gau Barmen« erstreckte sich von Barmen bis zum Niederrhein, einschließlich Krefeld, Süchteln, Dülken). Von 1928 bis 1930 gab es nach dieser Quelle noch 1 syndikalistischc Betriebsrätin, dies könnte Traudchen Caspars gewesen sein.

Neben der Arbeit im Betrieb war Traudchen Caspars (ihre Spur verliert sich 1931, nach dem Tod von H. Schmitz in Elberfeld, einem ihrer Partner in freien Beziehungen) wie viele andere anarcho-syndikalistische Frauen der Region, in der sozialistischen Sexualreformbewegung aktiv. Die rheinisch-bergischen Anarchosyndikalisten waren hier schon relativ früh engagiert. Bereits im Juli 1924 hatte etwa die Arbeiterbörse Groß-Düsseldorf Unterschriften gegen den §218 gesammelt und eine öffentliche Versammlung zum Thema »Beseitigung des §218« organisiert.

Traudchen Caspars und der Düsseldorfer Anarchosyndikalist Johann Gerlach wurden wegen einer ähnlichen Veranstaltung im Jahre 1925 zu Geldstrafen verurteilt, weil sie durch Empfehlung und »Bereitstellung« von Empfängnisverhütungsmitteln »unzüchtigen Gebrauch« im Sinne des §184 gefördert haben sollten. In den Prozeßunterlagen erschien Traudchen Caspars in der üblichen — männlichen — Amtsbezeichnung als »Ehefrau Johann Caspars".Die Anarchosyndikalisten richteten, wie auch später die Kommunisten, diesen Kampf sowohl gegen Staat und Justiz, als auch gegen die »Unzuchts«-moral der beiden christlichen Konfessionen. Sie wiesen mit vielen proletarischen und bürgerlichen Kritikern darauf hin, daß die Forderung nach »Sittlichkeit« im Umgang der Geschlechter zunächst einmal auf die Sittlichkeit der Lebens- und Wohnverhältnisse des Proletariats angewandt werden müsse.« So sei es: „heute an der Tagesordnung, daß Vater, Tochter, Mutter und Sohn, Schwester und Bruder oder alle zugleich in gemeinsamem Raum schlafen, wohnen und leben müssen ... Daß dies der beste Herd zur Begründung der >Sittlichkeit< ist, ist selbstverständlich“

Die Schilderung der proletarischen Wohnverhältnisse war nicht übertrieben. Im Jahre 1927 kam etwa eine Erhebung des Reichsverbandes der deutschen Jugendverbände u.a. zu folgenden Ergebnissen: „Jeder 10. Jugendliche schläft mit einem Fremden im Zimmer. Jeder 8. lebt in einer übervölkerten Wohnung; Jeder 5. hat kein eigenes Bett.“

Hierzu wird von einer anarcho-syndikalistischen Familie aus Barmen eine Begebenheit berichtet, die auch die persönlichen Erfahrungen erhellt, die den Sohn — wie viele Kinder von Anarchosyndikalisten — von früh auf zum kompromißlosen Freidenker werden ließen:

„Wir wohnten früher in einer außergewöhnlich großen Wohnung, wir waren zuhaus 6 Kinder! Die Alten hatten ein Schlafzimmer für sich. Aber sie lebten in >freier Liebe< miteinander, also, das hieß erstmal nur: Sie hatten keinen Trauschein. Da kamen sie von der evangelischen Gemeindefürsorge und wollten uns Kinder ins Heim stecken, weil das >unsittlich< wär. Wir flogen aus der Wohnung raus — und meine Alten haben dann doch standesamtlich gehei-ratet. Hinterher hatten wir alle zusammen bloß 2 1/2 Zimmer — und da kriegtest Du immer alles mit, wenn die Alten am Orgeln waren. Aber das hat keiner >un-sittlich< gefunden .."

In Elberfeld und Barmen, wo es offenbar keine Syndikalistischen Frauenbünde gäbe, waren die anarcho-syndikalistischen Frauen besonders in der »Gemeinschaft proletarischer Freidenker« aktiv.

 Hier verdient besonders die Barmer Linksradikale und spätere Anarchosyndikalistin Paula Berger unsere Aufmerksamkeit. Als Hilfsarbeiterin während des Krieges (»in einer Schießpulverfabrik«)" und spätere Putzfrau war sie vor dem Weltkrieg in der SPD, 1918 in der USPD, kurz darauf im Spartakusbund und der KPD und ab 1921 bei der KAPD organisiert. Sie unterhielt u.a. freundschaftliche Beziehungen zu der kommunistischen Stadtverordneten Krischey und zu Hans Schmitz und wurde später Mitglied der Gemeinschaft proletarischer Freidenker und der »Anarchistischen Vereinigung« — »in der FAUD konnte sie sich ja nicht organisieren — sie hätte schon gewollt«.>  In den März-Kämpfen von 1920 spielte sie eine aktive Rolle — zusammen mit Frau Krischey und 3 weiteren Arbeiterfrauen hielt sie bewaffnet die Stellung gegen die Ehrhardt-Truppen in der »Marmeladefabrik« am Rudolfplatz.

Paula Berger war zu dem Zeitpunkt verheiratet und hatte eine Tochter. Auch in den Kämpfen und Verfolgungen von 1923 war sie eine wichtige Vertrauens und Kontaktperson — des öfteren versteckte und versorgte sie den flüchtigen FAUD-Agitator Hans Schmitz. In ihrer Familie hatte sie »das Sagen«" — ihr Mann legte ihr keine Hindernisse in den Weg, wofür er von den männlichen Genossen lediglich als »Schwächling« gehän-selt wurde; die Chance, die sie dabei hatte, fiel demgegenüber nicht so ins Gewicht. Paula Berger starb im Jahre 1932.

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(Erschienen als Kapitel in: „Es lebt noch eine Flamme – Rheinische Anarcho-Syndikalisten 1919-1945“ von Dieter Nelles/Ulrich Klan - übernommen aus SF 1990)

Originaltext: http://digitalresist.blogspot.co.at/2013/09/die-freiheit-kusst-entweder-alle-oder.html