Drucken

Pierre Besnard - Arbeiterkontrolle

Parallelen: Deutschland — Spanien

Das deutsche Kaiserreich beschloss 1908 die Ausarbeitung eines Projektes über Arbeitervertretung, das weit davon entfernt war, das Einverständnis der Werktätigen zu finden. Dieses Projekt wanderte von Kommission zu Kommission und wurde immer abwechselnd verbessert und von der Regierung und den Parteien abgelehnt. Schliesslich wurde es 1911 endgültig aufgegeben. Man machte keinerlei Versuche, es in die Tat umzusetzen, bis zum Ausbruch des Krieges. Die einzigen legalen Vertretungen, die damals existierten, waren die im Industriegesetz von 1891 und im Bergwerksgesetz von 1895 vorgesehenen Komitees. Mit einem Wort, die Industriellen hatten es mit Hilfe der Regierung fertig gebracht, die Betriebsräte, über deren Bedeutung sie sich langsam klar wurden, von ihren wahren Funktionen geschickt abzubringen.

Das Gesetz vom 5. Dezember 1916 schuf dann in der Tat die obligatorischen Betriebsräte für alle Betriebe mit einem 150 Köpfe überschreitenden Personal. Die Angestellten erhielten eine entsprechende Vertretung. Als der Krieg weiter- und weiterdauerte, beschloss die Regierung, die von den Sozialdemokraten ständig beraten wurde, die Arbeiterschaft zu beruhigen und erweiterte das Gesetz von 1916; und zwar im Jahre 1917. Der grosse Metallarbeiterstreik von 1918 zwang die Regierung, das Projekt sofort durch den Grafen Hertling dem Reichstage am 4. Mai 1918 zu präsentieren. Die Enttäuschung war gross. Man hatte von dem Projekt die Landarbeiter und die im Staatsdienst stehenden Arbeiter ausgeschlossen. Man hatte also in Wirklichkeit die Arbeiterschaft gespalten, um so Zwietracht unter ihr zu sähen. Die Reichstagskommission verbesserte das Projekt, das nicht angenommen wurde. Es kam die Revolution und machte es überflüssig. Die Periode der Schwankungen innerhalb der Arbeiterklasse, der Versuche zur Bildung paritätisch zusammengesetzter Organismen für die Sicherung einer dauernden Zusammenarbeit aller Klassen — war nun in Deutschland zu Ende. Das ist der Ursprung der Arbeiterräte und der Fabrikkomitees in Deutschland.

In Frankreich fungierten 1916-1918 ähnliche Kommissionen unter der Leitung des Sozialisten Thomas. Zentren, wie zum z.B. Bourges, Descazeville, Saint Etienne, Paris schüttelten die Vormundschaft ab, die man ihnen aufgezwungen hatte. In dieser Zeit fanden grosse Bewegungen unter den Metallarbeitern statt, mit dem Ziel, eine wahrhafte Arbeiterkontrolle einzurichten. Dabei kamen sie, wie in Desoazeville, bis zur Aneignung der Produktionsinstrumente (Bergwerke, Hochöfen, Walzwerke), wodurch sich die Arbeiter ihrer Fähigkeiten zur Organisierung und Verwaltung der Produktion bewusst wurden. In Italien taten die Fabrikräte und Werkstättenkomitees mit der Besetzung der Fabriken von Mailand und Turin, einen grossen Schritt vorwärts. Wenn diese Bewegung nicht verraten worden wäre, so hätten unsere Genossen 1921 dort ein Experiment von höchstem Interesse machen können.

In Russland spielten die Arbeiter-Räte eine hervorragende Rolle. Sie waren die Seele der Oktober-Revolution. Unglücklicherweise wurden sie hier, wo der Syndikalismus nicht existierte, ebenso wie die Gewerkschaften, von der Regierung gebildet. Also immer das gleiche System der Zusammenarbeit mit der Regierung. Aber die Arbeiterkontrolle ist nicht nur ein Instrument zur Verteidigung der Arbeiter.

In Deutschland bekamen anlässlich der Ruhrbesetzung die Fabrikräte erneute Bedeutung. Die Fabrikräte von Rheinland und Westfalen spielten eine bedeutende Rolle bei den Konferenzen von Essen und Frankfurt unter Leitung der K.P.D., des Exekutivkomitees der kommunistischen Internationale und der R.G.I. Die Chemnitzer Konferenz brachte — nach dem gescheiterten Versuch der Machtergreifung in Sachsen — den Höhepunkt der Entwicklung, die ihr Ende fand mit den tragischen Ereignissen in Hamburg und mit dem Verschwinden der teilweise aus Arbeitervertretern bestehenden Regierungen von Sachsen und Thüringen.

Um einen klaren Begriff zu bekommen, wäre es nötig, die Gesamtgeschichte der Fabrikräte und der Arbeiterkontrolle in Deutschland zu studieren. Die Räte haben im Verlauf der Revolution von 1918 eine besonders grosse und wesentliche Rolle gespielt. Die Spartakisten unter Leitung von Däumig und Richard Müller gaben die Parole aus: "Alle Macht den Räten". Haase und einige Unabhängige suchten eine Einheitsformel und erklärten, man brauche garnicht die Frage zu stellen: Rätesystem oder parlamentarisches System; Man sollte im Gegenteil danach streben, beide Systeme zu vereinigen.

So sah der Vollzugs- oder zentrale Fabrikrät sich die gesetzgebende und ausführende Macht aus den Händen geschlagen, die nun dem Rat der sechs Volkskommissare anvertraut wurde: Ebert, Scheidemann und Landsberg (Mehrheitssozialisten) und Haase, Dittmann und Bart (Unabhängige). Kurz nach der Weimaer Nationalversammlung, die im Februar 1919 die Verfassung schuf, erklärten Scheidemann und Leguien die Fabrikräte für überflüssig. Sie seien — und das ist verständlich — ein Hindernis für die Ausübung der Staatsgewalt und müssten deshalb verschwinden. Es fanden heftige Kämpfe statt und die Regierung musste nachgeben.

Damals fing man an, über das Wesen und die Bedeutung einer Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter zu diskutieren.

Während Haase Ausflüchte suchte, erklärten Däumig und (...), die Fabrikräte müssten die absolute Leitung bekommen, die Fragen der Produktion und die Sozialisierung der Industrie beraten. Der Sozialdemokrat Wissel widersetzte sich dieser Auffassung; er wollte zurück zur Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Gewerkschaften begriffen, dass sie von den Politikern betrogen worden waren, und schufen auf dem Nürnberger Kongress von 1919 ein Arbeitsgesetz. Es war ein Kompromiss zwischen Wissels Wirtschafts-Auffassung und den Vorschlägen der Gewerkschaften. Den Fabrikaten wurden alle Befugnisse entzogen, die 1918 ihre Macht gebildet hatten - sie waren lediglich noch Attrappen.

"Libre-Studio", Januar 1937 Valencia

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 7-8, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.