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"Ideologie" und Revolution

Die autoritären Sozialisten haben, wie andere Parteien und wie religiöse Bewegungen, ihre geheiligten Texte. Ihre offizielle Ideologie ist von Karl Marx entwickelt und festgelegt worden, und die Politiker tun nichts, was sie nicht mit den Worten des Meisters belegen können, und wenn sie aus eigener Initiative handeln, so "interpretieren" sie in ihrem Sinne wenigstens einige Marx-Zitate, um so weiter als vollendete Marxisten zu erscheinen.

Wenn es manche Leute auch nicht glauben wollen, auch die Anarchisten besitzen ihre Ideologie — wie denn überhaupt ohne Ideologie keine soziale Bewegung existierte, sei sie nun reaktionär oder revolutionär; aber unsere Ideologie ist nicht geheiligt. Die Kämpfer der FAI, die freiheitlichen Arbeiter der CNT, haben sich nicht in den Strudel der Revolution gestürzt mit den Geboten und Kapiteln ihres "Thalmud" in der Tasche. Trotzdem gingen sie mit dem klaren Bewusstsein ihrer Mission in den Kampf, und mit dem festem Willen, ihre Aufgabe zu erfüllen. Sie gingen mit einer Menge festen und klarer Ideen, die durch eigene und fremde Erfahrungen gestählt waren; sie gingen mit einem klaren Ziel und einem festen Willen. Ihre Verachtung gegen alle Politik und gegen alles autoritäre Befehlen, ihre entschiedene Liebe zur Aktion, ihr unerschütterlicher Wille zum Kommunismus und zur Freiheit haben nichts wissenschaftliches, doktrinäres oder dogmatisches.

Das anarchistische Gedankengut ist nicht in revolutionären Geheimküchen gebraut worden; es ist entstanden in Jahrhunderten von Rebellion und Niederlagen; die Unterdrückten, die Arbeiter, die auf die Jahrhunderte und auf ihr eigenes Leben schauten, begriffen, um was es ging; so entstand die anarchistische "Ideologie". Diese Ideologie tragen die Spanischen Anarchisten in sich; sie können schon aus diesem Grunde nie gegen sie Verstossen. Deshalb verstehen wir nicht, wenn einige kommunistische Organe behaupten wollen, die spanischen Anarchisten hätten aufs neue die Wertlosigkeit der "anarchistischen Ideologie" bewiesen, indem sie in die Regierung eintraten.

Welches ist unsere Einstellung zu Spanien, wie sehen wir die spanische Situation? Wir verlangen von unseren spanischen Genossen nicht eine sofortige totale Durchführung unserer Ideen. Für unsere Solidarität stellen wir keine Bedingungen. Diese gigantische Probe, vor die Spanien gestellt ist und in der unsere Genossen einen der entscheidensten Faktoren darstellen, kann von keinem Arbeiter, von keinem Revolutionär lediglich durch die kritische Brille betrachtet werden, mit der krankhaften Sucht, geschichtliche Urteile zu fällen, eventuelle Widersprüche aufzudecken, um sie zu verurteilen oder — was noch schlimmer ist — gutzuheissen. Was wir wollen ist, die Vorgänge ernstlich analysieren.

Jede neue Tat eines Volkes, das in einer Revolution steht, zeigt uns mit grosser Klarheit, was wir tun müssen, und mehr noch, was nicht, wenn einst auch für uns die Stunde kommt in der wir mehr zu sein haben als blosse kritische Zuschauer und Apologeten fremder Kämpfe. Wenn wir uns also vornehmen, aus den spanischen Erfahrungen Schlüsse zu ziehen, die unseren revolutionären Willen und unsere revolutionären Fähigkeiten stärken und bereichern können, so wollen wir nicht Zufälliges und Vorübergehendes suchen, nicht im Negativen und in den Überbleibseln einer alten Welt herumschnüffeln, die zum Untergang verurteilt ist. Legen wir dafür lieber das Wahrhafte und Wesentliche auf die Wagschale, folgen wir der Generallinie einer noch nicht dagewesnen Orientierung, eines neuen kämpferischen und Wirklichkeiten schaffenden Kriteriums, mit dem sich der Anarchismus unauslöschlichen Ruhm in Spanien schafft.

"Die Anarchisten müssen sich in einer Revolution alles vornehmen, was sie wollen, um alles zu erreichen, was möglich ist." Die Dynamik und der Relativismus revolutionärer Erschütterungen spiegeln sich in diesen Worten Malatestas wider. Revolution, das ist der Zusammenprall zahlreicher gegensätzlicher Kräfte, der grosse Tumult, in dem sich Vergangenheit und Zukunft kreuzen, aus dem nur schrittweise das Neue entsteht, das sich nur äusserst schwer völlig befreien kann von den Resten des Alten, das zusammenstürzt.

Die spanische Situation ist anormal im höchsten Grade. Krieg ist die anormalste Erscheinung des gesellschaftlichen Lebens, und ganz besonders für die deren Hauptaufgabe es ist, der Sache des Friedens und der Arbeit zu dienen. Jede Revolution hat zwei Fronten: die Kriegsfront und die Front des Friedens und der Arbeit. Die Anarchisten können an der Front nur Soldaten sein, genau wie die, die in den Schützengräben auf der anderen Seite liegen und für die Gegenseite kämpfen. Ihre Funktion ist eine rein physische, zu töten und sich zu verteidigen, der Krieg ist eine Schöpfung barbarischer Epochen; heute führen wir ihn mit Mitteln, die die kapitalistische Zivilisation geschaffen hat. Es wäre lächerlich, sich zu wundern oder darüber zu freuen, dass die Anarchisten diesen Krieg nicht mit revolutionären Reden und Broschüren führen, sondern mit Kanonen, dass sie die einzige in den Schützengräben mögliche Taktik abwenden, nämlich die militärische, zu der untrennbar die Disziplin gehört; darin einen Widerspruch gegen die "anarchistische Ideologie" zu sehen, ist unsinnig.

Der "bewaffnete revolutionäre Kampf" ist gerade eins der Fundamente der anarchistischen "Ideologie". Seine Notwendigkeit, die von den berühmtesten Verkündern des evolutionären Reformismus abgeleugnet wurde, haben die einfachsten Anarchisten schon immer begriffen. Der katalonische Arbeiter, der die Zeiten des blutigen Anarchistenverfolgers Martinez Anido erlebt hat, versteht mehr davon als jener deutsche Sozialdemokrat, der trotz Hitler schrieb: "Wir können die Sterne vom Himmel herunterholen auf friedlichem Wege."

Die Kolonnen, die unter dem "Kommando" Durrutis standen, haben ihre Vorgänger in den von ukrainischen Anarchisten geführten "Machnowtschina" und noch weiter zurück in den "bewaffneten" "Bandas Armadas" von Benevent unter der Führung Cafieros und Malatestas. Ohne auf die fundamentalen Unterschiede einzugehen, die revolutionäre Milizen, so wie sie die Anarchisten verstehen und organisieren, unterscheiden sich von dem Heer, das die Vertreter des Autoritarismus fordern unter dem Befehl ihrer Partei und im Dienste des Staates, wollen wir hervorheben, dass die Anarchisten zu unterscheiden wissen zwischen der Front der Arbeit und der des Kampfes; sie verwechseln nicht die Methoden des Krieges mit denen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Umgestaltung. Was sie in Ausnahmefällen und unter besonderen und zwingenden Umständen auf einigen Gebieten annehmen können, wobei es aber stets Ausnahme bleibt und nur vorübergehend geschieht, das ist für die andern System und dauert an.

Wir müssten zugeben, dass die spanischen Anarchisten ihre "Ideologie" aufgegeben und sich autoritären Methoden zugewandt haben, wenn sie gleichzeitig auf die Errichtung des freiheitlichen Sozialismus und seinen Aufbau von unten verzichtet hätten, um sich statt dessen Methoden der Unterdrückung, der Monopolisierung und der Verstaatlichung zuzuwenden. Während in Madrid diese Prinzipien siegten, verhinderten die anarchistischen Organisationen in Katalonien und Aragon energisch jede autoritäre Intervention auf wirtschaftlichem und gesellschaftlich sozialem Gebiet. Da gab es weder kapitalistische noch bolschewistische Plagiate. Da wurde die Freiheit geboren. Die vom Autoritarismus verbildeten Gehirne können es nicht begreifen; sie sehen nichts zwischen der Freiheit als bürgerlicher Abstraktion und dem Autoritarismus.

Für den Anarchismus bedeutet Freiheit nicht, mit allen sozialen Bindungen aufräumen, sondern die Gesellschaft reorganisieren. Freiheit entsteht und festigt sich in der Revolution in neuen Organismen. Die Fabrik-und Wirtschaftsräte, die aus den Arbeiterversammlungen hervorgehen, um die Wirtschaft zu regeln zum Besten aller Werktätigen — das ist lebendige Freiheit. Hier gibt es Pakte und Verträge, die respektiert und erfüllt werden auf Grund gegenseitiger Übereinkünfte, hier gibt es eine freiwillige Disziplin, nicht eine einer Mehrheit von einer bewaffneten Minderheit aufgezwungene. In diesen Organismen der Freiheit und der Selbsdisziplin autoritäre Organe mit autoritärer Disziplin sehen, ist dasselbe wie ein Arbeiterkommite nicht von einen Polizeikommisariat unterscheiden können.

Weder Minderheiten noch Mehrheiten wurden mit Füssen getreten. Es ist klar, dass in Katalonien die CNT und die FAI sich allein hätten durchsetzen können. Aber sie begriffen, dass das die Errichtung einer Diktatur bedeutet hätte. Sie begriffen, was alle begreifen müssen: dass der Anarchismus sich an alle Werktätigen zu wenden hat, auch an die, die nicht in anarchistischen Organisationen organisiert sind. Das ist nicht "Einheitsfront"; das ist nicht Aufgabe des eigenen Programms, um sich einem fremden Programm zu unterwerfen; das ist nicht "Einheitsfront unter Leitung der kommunistischen Partei", wie es gestern Moskau noch propagierte; es ist auch nicht "Einheitsfront für die Demokratie". Dem Aufruf an alle revolutionären Sektoren zu freier gemeinsamer Arbeit ohne Hegemonien noch Zurücksetzungen kann sich niemand versagen. Wenn wir die Massen der Werktätigen direkt an die Quelle der Reichtümer führen, wenn wir eine Diktatur vermeiden und ein politisches oder wirtschaftliches Monopol unmöglich machen — dann existert der Staat schon nicht mehr, weil damit eben kein Staat mehr existiert, der etwas besitzt oder irgenwie befehlen und etwas aufzwingen könnte.

Die CNT verlangte wiederholt laut und deutlich, man solle sie kämpfen lassen - sie verlangte aber nicht, man solle sie kommandieren lassen. Auf dieses Verlangen antwortete Largo Caballero absagend. Erst als die faschistischen Truppen an den Toren von Madrid standen konnte die CNT Delegierte in die leitenden militärischen Organismen und ihre katalonischen Milizkolonnen an die Madrider Front schicken.

In all dem sehen wir keinen Schiffbruch der "anarchistischen Ideologie". Wir sehen vielmehr darin den Schiffbruch aller Parteien, jeder Autorität und der Diktatur. Das Kommando Einzelner über die Massen abschaffen, unmöglich machen, die Masse zur Herrin ihres Schicksals machen, Organismen abschaffen, die sich nur durch Gewalt beim Volke durchsetzen können und sie durch andere aus dem Volk entstandene Organe ersetzen — das ist nicht mehr Staat — sondern Anarchie, das ist nicht mehr Autoritarismus, sondern Freiheit. Diese Normen zur Wirklichkeit gemacht zu haben und noch dazu unter den schwierigsten Umständen, das ist der grösste Erfolg, den man von der anarchistischen "Ideologie" erwarten konnte, und dazu ein Zeichen dafür, was diese Ideologie unter ruhigeren und normaleren Verhältnissen vollbringen wird.

Die Marxisten haben andere "Schiffbrüche" vor ihren Augen; den Schiffbruch ihres Reformismus und Demokratismus, den Schiffbruch ihrer diktatorialen Ansprüche. Die Anarchisten können stolz sein, dass die spanische Revolution zeigt, wie die wahrhafte Freiheit entsteht.

Aus "ESFUERZO", Montevideo

Aus: Die Soziale Revolution Nr. 9, 1937. Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ä zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.